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Kochen im falschen Jahrhundert

Kochen im falschen Jahrhundert ist ein Roman der österreichischen Autorin Teresa Präauer. Das Buch wurde am 22. Februar 2023 im Wallstein Verlag …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick
  2. 2. Handlung des Abends
  3. 3. Figuren
  4. 4. Erzählweise und Sprache
  5. 5. Themen und Deutung
  6. 6. Einordnung und Auszeichnungen

Überblick

„Kochen im falschen Jahrhundert“ ist ein Roman der österreichischen Autorin Teresa Präauer. Er erschien am 22. Februar 2023 im Wallstein Verlag. Im Mittelpunkt steht ein Abendessen in einer modernen Stadtwohnung: Eine Gastgeberin und ihr Partner erwarten ein befreundetes Ehepaar und einen Schweizer Freund. Aus einer zunächst alltäglichen Einladung entwickelt sich ein Kammerspiel über Beziehungen, soziale Selbstdarstellung, Geschmack, Unsicherheit und Gruppendynamik.

Der Roman erzählt nicht einfach linear, sondern setzt den Beginn des Abends mehrfach neu an. Dadurch entstehen Varianten derselben Situation: Warten, Ankommen, Trinken, Kochen, Gespräche, peinliche Zwischenfälle und zunehmende Spannungen. Essen, Musik, Wohnungseinrichtung, Social Media und kleine Gesten werden zu Zeichen dafür, wie die Figuren sich selbst darstellen und voneinander wahrgenommen werden wollen.

Handlung des Abends

Die Handlung beginnt mit der Vorbereitung eines Abendessens. Die Gastgeberin deckt nervös den Tisch. Eingeladen sind ein befreundetes Ehepaar und ein Schweizer Freund des Gastgeberpaares. Der Schweizer erscheint pünktlich, das Ehepaar verspätet sich um etwa eine halbe Stunde. Während des Wartens trinken die Gastgeber mit dem Schweizer Crémant, hören Jazzmusik und sprechen über frühere Studienzeiten.

Nach dem Eintreffen des Ehepaares häufen sich kleine Störungen. Der Schweizer raucht auf dem Balkon; eine Nachbarin beschwert sich über eine heruntergefallene Zigarettenkippe. Später fällt ihm auch eine glühende Zigarette auf den Parkettboden, wo ein Brandloch entsteht. Die Gastgeberin bereitet einen Salat mit Radicchio, Birne und Rote Bete sowie als Hauptgang eine französische Quiche zu.

Das Ehepaar erzählt, es habe vor dem Besuch in der Innenstadt einen Aperitif getrunken und amerikanische Touristen kennengelernt. Der Ehemann wirkt dabei nervös und ablehnend gegenüber den Amerikanern; die Gastgeberin nimmt ihn nun anders wahr und sieht in ihm nicht mehr den „entspannten Lebemann“ (S. 59). Durch mehrere Flaschen Crémant werden die Figuren zunehmend betrunken. Ein verspätet überreichtes Gastgeschenk, eine Flasche Rotwein, wird in einem Selfie mit Blumenfilter und Hashtags inszeniert.

In einer späteren Variante des Abends meldet sich das amerikanische Paar per Messenger bei der Ehefrau, nachdem es einen Instagram-Post gesehen hat, und lädt sich selbst ein. Die Amerikaner erscheinen tatsächlich, bringen Rotwein mit und fügen sich zunächst gut in die Runde ein. Danach entstehen mehrere erotische Spannungen und Affären: Die Gastgeberin küsst den Amerikaner auf dem Balkon; der Ehemann sitzt mit der Amerikanerin im Zimmer der Gastgeberin und denkt über Beziehung, Kind und einen Neuanfang in den USA nach; in der Küche geraten der Schweizer, der Partner der Gastgeberin und die Ehefrau in eine eigene erotische Szene.

Schließlich klingelt es. Statt der Nachbarin steht die Polizei vor der Tür. Die Gäste versuchen unbeholfen, ihre freundschaftlichen und sexuellen Beziehungen zu erklären, doch der eigentliche Grund des Polizeibesuchs ist ein Wasserrohrbruch: „Infolge eines Wasserrohrbruchs war die Gasse überflutet, was sich bis in den Innenhof des Hauses bemerkbar gemacht habe.“ (S. 176) Danach verabschieden sich die Gäste. Am Ende steht ein erneuter Anfang: Beim Kaffee am nächsten Morgen plant die Gastgeberin, ihre engsten Freunde zu einem Abendessen einzuladen, mit Quiche, Crémant und Jazzmusik.

Figuren

Die Gastgeberin ist eine selbstbewusste Frau in ihren Vierzigern. Sie arbeitet im Import und Export von Bananen, interessiert sich stark für Einrichtung, Gestaltung und Musik und lädt gern Freunde in ihre Wohnung ein, obwohl sie sich an diese Rolle noch nicht ganz gewöhnt hat. Sie ist ehemalige Raucherin, hat einen Partner, den sie seit etwa 20 Jahren kennt, und denkt häufig über ihr Aussehen, ihre Unsicherheiten und ihr Gefühl des Ausgeschlossenseins nach.

Der Gastgeber, ihr Partner, bleibt stärker im Hintergrund. Er wirkt gelassener als die Gastgeberin, unterstützt sie und teilt mit ihr das Interesse am Basteln und Konstruieren für die Wohnung. Auch er ist ehemaliger Raucher.

Der Ehemann des eingeladenen Paares ist modebewusst, trägt helle Jeans und ein nostalgisches Hawaiihemd. Er möchte wie die Gastgeber vom Rauchen loskommen, bleibt aber locker im Umgang damit. Er leidet unter Höhenangst, mag die zuvor getroffenen Amerikaner nicht besonders und spricht ungern über sein Kind. Seine Englischkenntnisse stammen aus einem Sprachaustausch an einer Internationalen Schule in New York.

Die Ehefrau trägt eine gemusterte Seidenbluse, Brille, wenig Make-up und einen kurzen Rock. Sie findet die Begegnung mit den Amerikanern amüsant, nutzt soziale Medien intensiv und möchte ihre Follower an ihrem Leben teilhaben lassen. Ihre Ehe scheint belastet zu sein. Mit ihrem Mann hat sie ein zweijähriges Kind, das am Abend bei den Eltern des Ehemannes ist.

Der Schweizer kommt pünktlich, trägt T-Shirt, Cargohose, Sandalen und Socken mit der Aufschrift „Sport“. Er ist der einzige aktive Raucher und leert im Verlauf des Abends eine ganze Packung. Er arbeitet als Universitätsprofessor, empfindet dieses Leben aber als langweilig und sucht eine neue Stelle. Seine Partnerin kann wegen eines Abgabetermins nicht teilnehmen.

Das amerikanische Paar besteht aus Joe und seiner Freundin. Joe wird als sehr groß beschrieben und von der Gastgeberin mit einem Basketballspieler verglichen. Er tritt neckend auf. Die Amerikanerin reist mit Joe durch Europa, ist sich ihrer Beziehung aber nicht mehr sicher und hört dem Ehemann fürsorglich zu. Die Nachbarin, vermutlich Polin, spricht perfektes Deutsch mit slawischem Akzent, trägt Jogginghose, beschwert sich über Zigarettenstummel auf ihrem Balkon und besitzt eine graue Katze namens Minka.

Erzählweise und Sprache

Der Roman ist in der dritten Person erzählt. Der Er-/Sie-Erzähler wechselt gelegentlich in die zweite Person und spricht die Lesenden direkt an. Die Handlung und die Gedanken der Gastgeberin werden meist indirekt durch die Erzählinstanz vermittelt.

Auffällig ist der Aufbau: Der Anfang der Geschichte wird dreimal in unterschiedlicher Weise wiederholt. Vor jeder Wiederholung steht eine Rückblende, in der die angesprochene Person direkt mit Formulierungen wie „Erinnerst du dich daran“ (S. 5) adressiert wird. Diese Wiederholungen verändern die Wahrnehmung des Abends und zeigen, wie dieselbe Ausgangslage immer neue Spannungen freilegt.

Jedem Kapitel sind einzelne Lebens- oder Genussmittel beziehungsweise Verzehrideen vorangestellt. Teilweise stehen sie in direktem Zusammenhang mit der anschließenden Handlung. Außerdem ist die Erzählung von Zitaten aus Jazz-Standards durchsetzt; Interpreten und Autoren werden dabei namentlich genannt.

Die Sprache mischt Alltagssprache mit Formulierungen, die an die jeweiligen Figuren angepasst sind. Direkte und indirekte Ansprache wechseln einander ab. Der Artikel weist darauf hin, dass der entsprechende Abschnitt nicht hinreichend mit Belegen ausgestattet ist; diese Unsicherheit betrifft die Verlässlichkeit einzelner Angaben zur Formanalyse.

Themen und Deutung

Der Roman behandelt gesellschaftlich aktuelle Themen, lässt die Figuren darüber aber häufig oberflächlich und distanziert sprechen. Genannt werden unter anderem Gender equality, Klimawandel und Nachhaltigkeit. Gerade diese Gespräche wirken im Artikel als Teil einer ironischen Darstellung: Die Figuren möchten reflektiert, geschmackvoll und moralisch bewusst erscheinen, verhalten sich aber oft unsicher, widersprüchlich oder hypokritisch.

Ein zentrales Thema ist die geschlossene Gesellschaft des Abendessens. Mit jedem Neuansatz werde sie „schnippischer, schriller und streitlustiger“. Die Fassade eines kultivierten, entspannten Abends bröckelt zunehmend. Essen ist dabei nicht nur Handlungselement, sondern verbindet sich mit Fragen von Identität, Zeit, Kultur und sozialem Auftreten.

Die Gastgeberin steht im Zentrum dieser Spannung. Sie möchte einen gelungenen Abend schaffen, fühlt sich aber zugleich unter Druck gesetzt: durch die Einrichtung, das Kochen, die Gäste, soziale Medien und Vergleiche mit anderen Lebensentwürfen. Das Abendessen wird dadurch zu einer Szene, in der sich Unsicherheit, Begehren, Konkurrenz, Distinktion und das Bedürfnis nach Anerkennung zeigen.

Einordnung und Auszeichnungen

Die Rezeption hebt vor allem die sprachliche und gesellschaftliche Genauigkeit des Romans hervor. Paul Jandl beschreibt in der NZZ eine „heruntergedimmte Eleganz“ und sieht trotz geringer äußerer Handlung starke „gruppendynamische Spannungen“, die ihn an Filme von Eric Rohmer erinnern. Birthe Mühlhoff von der Süddeutschen Zeitung empfiehlt den Roman als brillantes und vergnügliches Kammerspiel. Beate Tröger vom Deutschlandfunk denkt an Pierre Bourdieu und dessen Verbindung von sozialem Stand und Geschmack. Ijoma Mangold nennt den Roman in der ZEIT eine „literarische Spielanleitung zu einem soziologischen Distinktionswettbewerb“ und lobt Präauers „Avantgarde“ und „Sprachbewusstheit“.

„Kochen im falschen Jahrhundert“ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 und war für den Bayerischen Buchpreis 2023 nominiert. 2024 wurde dem Roman beziehungsweise seiner Autorin der Literaturpreis der Stadt Bremen zuerkannt.

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