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Joseph Babinski

Als erster beschrieb er 1896 den nach ihm auch als Babinski-Reflex bezeichneten Großzehenreflex, sowie die Anosognosie, ein hirnorganisch bedingtes …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Lebensweg
  2. 2. Der Babinski-Reflex
  3. 3. Syndrome und Neurosyphilis
  4. 4. Kleinhirn, Anosognosie und weitere Erkenntnisse
  5. 5. Hysterie und Persönlichkeitsstörung
  6. 6. Einfluss auf die Neurochirurgie und Schrift

Einordnung und Lebensweg

Joseph Jules François Félix Babinski, polnisch Józef Julian Franciszek Feliks Babiński, war ein französischer Neurologe. Er wurde am 17. November 1857 in Paris geboren und starb dort am 29. Oktober 1932. Babinski gehörte zu den ersten Neurologen, die Erkrankungen des Kleinhirns erforschten und klinisch diagnostisch untersuchten.

Babinski war der Sohn ehemaliger polnischer Flüchtlinge. Sein Vater war Ingenieur, sein Bruder Henri Babinski Ingenieur und Kochbuchautor. Nach dem Medizinstudium in Paris spezialisierte sich Joseph Babinski auf Neurologie. Jean-Martin Charcot wurde auf ihn aufmerksam und machte ihn zu seinem Lieblingsstudenten. 1885 erwarb Babinski an der Universität Paris den Doktorgrad mit einer Schrift über Multiple Sklerose, einem Thema, das Alfred Vulpian vorgeschlagen hatte.

Eine akademische Professur blieb Babinski wegen Konflikten und Intrigen im Umfeld Charcots versagt. Er arbeitete deshalb ab 1890 bei Charcot am Hôpital de la Salpêtrière in Paris. Dort konnte er sich ohne Lehrverpflichtungen auf die Symptomatologie neurologischer Erkrankungen konzentrieren und veröffentlichte insgesamt 288 Publikationen. Von 1895 bis zu seiner Pensionierung 1922 leitete er das Hôpital de la Pitié. In seinen letzten Lebensjahren litt er an der Parkinson-Krankheit.

Der Babinski-Reflex

1896 stellte Babinski auf einer Tagung der Société de Biologie einen pathologischen Reflex vor. Wenn sich die große Zehe beim Bestreichen des seitlichen Fußsohlenrandes reflexartig nach oben biegt, kann dies auf eine Verletzung der Pyramidenbahn hinweisen. Die Pyramidenbahn ist eine wichtige Nervenbahn für die willkürliche Bewegung.

Vulpian und Ernst Julius Remak hatten das Phänomen bereits zuvor beschrieben. Babinski veröffentlichte bis 1903 mehrere umfassende Arbeiten, in denen er den Zusammenhang zwischen dem Reflex und einer Schädigung der Pyramidenbahn näher erläuterte. Das Zeichen wird heute als Babinski-Reflex, Babinski-Zeichen, Großzehenreflex oder Fußsohlenreflex bezeichnet.

Im ersten Lebensjahr ist das Auftreten dieses Reflexes als frühkindlicher Reflex nicht krankhaft. Die Untersuchung pathologischer Reflexe aus der Babinski-Gruppe gehört weiterhin zu den festen Bestandteilen neurologischer Untersuchungen.

Syndrome und Neurosyphilis

Babinski beschrieb mehrere neurologische Krankheitsbilder oder war an ihrer Erstbeschreibung beteiligt.

1900 beschrieb er die Dystrophia adiposogenitalis bei einem Tumor der Hypophyse, ein Jahr vor Alfred Fröhlich. Dieses Krankheitsbild wird heute Fröhlich-Syndrom oder Babinski-Fröhlich-Syndrom genannt.

Das Babinski-Nageotte-Syndrom wurde 1902 von Babinski und Jean Nageotte beschrieben. Sie dokumentierten die klinischen Symptome eines ischämisch bedingten Ausfalls des posterolateralen Teils der Medulla oblongata. Die Medulla oblongata ist der verlängerte Teil des Hirnstamms, an den das Rückenmark anschließt. Das Syndrom kann nach Verletzungen des Hirnstamms auftreten. Es umfasst Läsionen, die denen des Wallenberg-Syndroms ähneln; außerdem staut sich die ischämische Blutung im unteren Hirnstamm.

1905 beschrieben Babinski und Henri Vaquez eine neurologische Verlaufsform der Spätsyphilis. Bei einer unbehandelten oder nicht ausgeheilten Spätsyphilis kann das Zentralnervensystem betroffen sein, wodurch neurologische und psychiatrische Symptome entstehen. Weitere Bezeichnungen sind Neurosyphilis, Neurolues und Tabes dorsalis. Die frühere Bezeichnung Babinski-Vaquez-Syndrom gilt heute als veraltet.

Die von Babinski und Vaquez gemeinsam genannten Kennzeichen waren:

  • eine Abschwächung verschiedener Reflexe, insbesondere des Achilles- und Patellarsehnenreflexes;
  • eine starre Pupille, auch Robertson-Pupille oder Robertson-Zeichen genannt;
  • eine Entzündung von Gehirn und Rückenmark, also eine Meningoenzephalitis;
  • eine Entzündung der Aorta, also eine Aortitis.

Im internationalen Kontext wird diese Form der Spätsyphilis auch als Babinsky syndrome bezeichnet.

Kleinhirn, Anosognosie und weitere Erkenntnisse

Babinski und der irische Neurologe Gordon Morgan Holmes waren die ersten Neurologen, die unterschiedliche Symptome von Erkrankungen oder Verletzungen des Kleinhirns beschrieben. Babinski untersuchte den neurophysiologischen Hintergrund von Erkrankungen und Läsionen des Kleinhirns. Bei solchen Schädigungen können hirnorganisch bedingte Bewegungsstörungen auftreten. Für diese beschrieb er unter anderem die Begriffe Ataxie und Dysdiadochokinese. Ataxie bezeichnet eine Störung der Bewegungskoordination; Dysdiadochokinese ist eine Störung rasch aufeinanderfolgender Gegenbewegungen. Die Erkenntnisse von Babinski und Holmes gelten laut Artikel bis heute.

Im Zusammenhang mit dem Anton-Babinski-Syndrom beschrieben Gabriel Anton und Babinski erstmals die einseitige Asomatognosie. Dabei geht die Fähigkeit verloren, eine Körperseite wahrzunehmen; zugleich tritt ein Neglect auf, also das Vernachlässigen dieser Körperseite. 1914 dokumentierte Babinski die Krankheitsgeschichten mehrerer Patienten, die eine linksseitige Lähmung nicht wahrnahmen. Die fehlende Wahrnehmung der linken Körperhälfte bezeichnete er 1917 in Hystérie-pithiatisme als Anosognosie. Anosognosie ist damit ein hirnorganisch bedingtes Nichterkennen bestimmter neurologischer Störungen durch die betroffene Person.

Um 1901 führte Babinski außerdem elektrische Untersuchungen des Ohres zum Nachweis einseitiger Gehörstörungen durch.

Hysterie und Persönlichkeitsstörung

Babinski beschäftigte sich mit der Pathogenese der damals als Hysterie bezeichneten Persönlichkeitsstörung. Der Artikel ordnet dieses Krankheitsbild dem heutigen Bereich der Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen zu.

Babinski entwickelte erstmals differentialdiagnostische Kriterien. Differentialdiagnostik bedeutet, dass verschiedene mögliche Ursachen oder Krankheiten anhand ihrer Merkmale voneinander abgegrenzt werden. In diesem Fall sollten hysterische Erscheinungen von organischen Krankheiten unterschieden werden.

Damit widersprach Babinski der Auffassung seines Lehrers Charcot, der glaubte, eine neue Krankheit namens „Hysteroepilepsie“ entdeckt zu haben.

Einfluss auf die Neurochirurgie und Schrift

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Laminektomien und Operationen zur Entfernung von Tumoren des Rückenmarks durchgeführt. Eine Laminektomie ist ein operativer Zugang zum Wirbelkanal, bei dem Teile des Wirbelbogens entfernt werden.

Babinski überwies einige Patienten an die damaligen führenden Fachleute, war aber mit den Ergebnissen unzufrieden. Er vermutete, dass die Eingriffe am falschen Wirbelsegment vorgenommen wurden, nämlich zu tief. Daraufhin arbeitete er mit Thierry de Martel zusammen und ließ seinen nächsten Patienten von ihm operieren. Weil Babinski die Lage des Tumors exakt vorhersagte, konnte Thierry de Martel den Tumor erfolgreich entfernen. Dieses Ereignis gilt im Artikel als Wiedergeburt der französischen Neurochirurgie. Babinskis Erkenntnisse verbesserten nicht nur die Lokalisation und die Operationsmethode, sondern auch die Diagnostik von Tumoren im Wirbelkanal.

Zu Babinskis ausgewählten Schriften gehört „Sur le réflexe cutané plantaire dans certains affections organisques du système nerveux central“, erschienen 1896 in den Comptes rendus de la Société de biologie, Band 3, auf Seite 207 ff.

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