Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Jürg Nänni
Er entwickelte als Künstler der konkreten Kunst Farb-Anagramme und wurde bekannt durch seine Theorie der visuellen Wahrnehmung. Jürg Nänni: Farbkonzept …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick
Jürg Nänni (* 9. Mai 1942 in Herisau, Kanton Appenzell Ausserrhoden; † 28. Januar 2019 in Penestanan, Bali) war ein Schweizer Physiker, Künstler und Lehrer. Er wurde vor allem durch zwei miteinander verbundene Arbeitsfelder bekannt: als Künstler der konkreten Kunst, in der abstrakte Formen und Farben nach klaren Regeln gestaltet werden, und durch seine Theorie und Experimente zur visuellen Wahrnehmung. Visuelle Wahrnehmung meint hier die Verarbeitung von Seheindrücken vom Auge bis ins Gehirn.
Nännis Werk verbindet Kunst, Naturwissenschaft, Mathematik und Technik. Er untersuchte, wie Farben, Formen, Muster und räumliche Anordnungen auf den Betrachter wirken. Dabei entwickelte er unter anderem Farb-Anagramme und experimentierte mit optischen Täuschungen, geometrischen Strukturen, Primärfarben und computergestützten Bildvariationen. Seine Arbeiten sind daher nicht nur als Kunstwerke, sondern auch als Bildexperimente zu verstehen.
Ausbildung und Lehrtätigkeit
Jürg Nänni stammte aus einer Musikerfamilie und wuchs in Herisau auf. Er studierte an der ETH Zürich Physik am Lehrstuhl für Mechanik. 1971 promovierte er mit einer Dissertation über das Eulersche Knickproblem zum Doktor der technischen Wissenschaften. Danach arbeitete er als Assistent am Lehrstuhl für Mechanik von Hans Ziegler.
Er dozierte zehn Jahre an der ETH Zürich. Ab 1979 war er Dozent an der HTL Brugg-Windisch, der heutigen Hochschule für Technik FHNW. Dort unterrichtete er Studierende der Architektur und des Bauingenieurwesens in Bauphysik und Mathematik. In dieser Zeit entstanden auch Forschungsarbeiten zum thermischen Verhalten von Gebäuden. Besonders bekannt wurden zweidimensionale und dreidimensionale Rechenprogramme, mit denen thermische Verluste von Gebäuden simuliert werden konnten.
Bis 2014 lehrte Nänni an der Abteilung Architektur in Brugg-Windisch, bis diese aufgelöst wurde. 1999 gründete er dort zusammen mit Peter Bosshard, Hans Knuchel und Walter Schmidli das Labor «blelb», ein Labor zwischen Kunst und Technik. Ein Ziel war die Entwicklung von Bildexperimenten, zum Beispiel für die Früherkennung von Alzheimer. Nach seiner Emeritierung 2014 arbeitete Nänni allein an verschiedenen gestalterischen Werken weiter. Er starb 2019 nach einem längeren krankheitsbedingten Aufenthalt in Bali.
Künstlerische Methode
Ab 1980 baute Nänni ein umfangreiches gestalterisches Werk auf, das sich in Richtung konkrete Kunst entwickelte. Seine Bilder entstanden nie nach naturalistischen Vorbildern, also nicht als Abbild der sichtbaren Natur. Ihre Qualität lag in abstrakter Form- und Farbkomposition. Nänni arbeitete systematisch mit geometrischen Formen, Farben und mathematischen Regeln.
Im Zentrum stand zunächst die Untersuchung der Grundfarben Blau, Gelb und Rot sowie von Schwarz und Weiss. Er experimentierte mit mathematischen Simulationen zur Definition von Bildern und Farben. Dabei interessierte ihn, wie Farben sich gegenseitig beeinflussen. Ein wichtiger Begriff ist der Bezold-Effekt: Er beschreibt, dass sich die Wahrnehmung einer Farbe durch benachbarte Farben verändern kann.
Nänni beschäftigte sich früh mit wissenschaftlichen Publikationen zur Gestalttheorie und Wahrnehmungspsychologie, besonders mit Arbeiten von Gaetano Kanizsa und Nicholas J. Wade. Gestalttheorie untersucht, nach welchen Regeln Menschen Formen und Zusammenhänge wahrnehmen. Wahrnehmungspsychologie beschäftigt sich damit, wie Sinneseindrücke entstehen und verarbeitet werden. Nänni las ausserdem intensiv über Farben und Mathematik in der Kunst.
Wahrnehmungsexperimente und Bildserien
In seinen Werken untersuchte Nänni viele visuelle Phänomene. Dazu gehören Kippbilder, bei denen ein Bild auf verschiedene Weise gesehen werden kann, und die Figur-Grundproblematik, also die Frage, was als Vordergrundfigur und was als Hintergrund wahrgenommen wird. Weitere Themen waren Schein und Sein der Farben, Bildstörungen in wiederholten Strukturen, Winkeltäuschungen, Scheinkanten, der Neon-Effekt, Tiefenwahrnehmung sowie Halbbilder mit Überlagerungen durch halbdurchlässige Spiegel.
Zwischen 1990 und 2000 entstanden ganze Bildserien, teilweise gemeinsam mit Hans Knuchel. Sie wurden in Publikationen wie «Blau.Gelb.Rot.» 1991, «Seesaw» 1994 und «…aber brich dir ja kein bein…» 1997 sowie in Ausstellungen gezeigt. Ab 1991 erschienen Publikationen von Knuchel und Nänni über visuelle Phänomene bei Primärfarben und in dreidimensionaler Betrachtung bei Lars Müller und im Niggli-Verlag.
Mit Unterstützung von Walter Schmidli nutzte Nänni neue Software-Werkzeuge für Vektorgrafiken und programmierte komplexe Bildvariationen, häufig in quadratischer Form. Viele Arbeiten wurden auf ein Meter grosse Aluminiumplatten aufgezogen und in Ausstellungen in der Schweiz präsentiert. Er verwendete auch Zelluläre Automaten. Das sind regelbasierte Systeme, bei denen sich eine Bildfläche aus einer Anfangsgruppe und einer festgelegten mathematischen Regel entwickeln kann. Bei einigen Werken zeigte Nänni die Ausgangszellgruppe oder legte die zugrunde liegende Regel offen, damit die Entstehung des Bildes nachvollziehbar wurde.
Als Opus Magnum, also als besonders wichtiges Hauptwerk, erschien 2008 «Visuelle Wahrnehmung». Darin behandelte Nänni die physiologischen Voraussetzungen des Sehens im Auge und die Bildverarbeitung im Gehirn. Zugleich stellte er Experimente aus seinem eigenen Werk vor, an denen Betrachter die Wirkung visueller Phänomene überprüfen können. Er experimentierte dabei auch mit Phänomenen sogenannter optischer Täuschungen.
Werke im öffentlichen Raum und Inventar
Ein wichtiger Schwerpunkt der Jahre 1990 bis 2000 waren streng geometrische Arbeiten mit Quadrat und Kreis, die der konkreten Kunst zugeordnet werden. In späteren Bildzyklen zwischen 2000 und 2014 verwendete Nänni auch andere, abgetönte Farben und untersuchte freiere, komplexere Bildgeometrien und Kompositionen.
Nänni schuf mehrere Werke im Bereich Kunst am Bau. Beispiele sind das Bezirksgebäude Zürich 1999, die Fassade der Firma Ribag in Safenwil 2009 und die Fassade der Lagerhäuser Schafisheim 2012. Für eine grosse Ausstellung im Lichthof des Hallerbaus der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch schuf er 1996 32 grossformatige Bilder, bei einigen auch in Zusammenarbeit mit Hans Knuchel. Themen waren unter anderem Anagramme, Schuss und Kette, Neon-Effekt, Pointillismus und Farbgleiter. Für eine spätere Dauerausstellung an der FHNW Brugg-Windisch schuf er 2007 weitere Werke mit teilweise freieren Bild- und Farbdarstellungen.
Weitere Werke sind dauerhaft in öffentlichen Bauten zugänglich, unter anderem im BWZ Brugg, im Bezirksgebäude Zürich und in der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich. Ausserdem arbeitete Roman Signer bei verschiedenen Werken im In- und Ausland mit Nänni als technischem Berater zusammen. Nänni definierte dabei unter anderem elektromagnetische Phänomene und plante Experimente mit Blitzen.
Das Jürg-Nänni-Inventar [JNI] V3a von 2023 umfasste über 1000 Bilder; im April 2025 waren bereits 1400 Werke erfasst. Im Inventar sind Werke, Kunst am Bau, Publikationen, blelb-spots und Studienblätter aufgelistet und abgebildet. Im Programm «Jürg Nänni – Kunst und Wissenschaft» wurden Projekte für 2025 und 2026 gestartet, darunter die Erneuerung einer Ausstellung von 42 Bildern an der FHNW, eine Ausstellung «Jürg Nänni – Art & Science» am Espace de l'Art Concret in Mouans-Sartoux bei Cannes ab 24. Januar 2026 sowie ein neues Buch im Niggli-Verlag.
Wichtige Veröffentlichungen
Zu Nännis veröffentlichten Arbeiten gehören sowohl naturwissenschaftlich-technische als auch künstlerische Publikationen. 1971 erschien «Das Eulersche Knickproblem unter Berücksichtigung der Querkräfte» im Verlag Birkhäuser in Basel. Mit Conrad U. Brunner veröffentlichte er 1985 den «Wärmebrückenkatalog 1: Neubaudetails» beim Verlag SIA in Zürich.
Für sein künstlerisches und wahrnehmungstheoretisches Werk besonders wichtig sind die Bücher mit Hans Knuchel: «Blau. Gelb. Rot. Farb-Anagramme – Blue. Yellow. Red. Color Anagrams» von 1991 und «Seesaw. Dieses Buch ist eine Schaukel» von 1994. 1997 erschien «… aber brich dir ja kein bein …» im Eigenverlag. 2008 veröffentlichte Nänni «Visuelle Wahrnehmung, eine interaktive Entdeckungsreise durch unser Sehsystem – Visual Perception, an interactive journey of discovery through our visual system» im Verlag Niggli. Dieses Werk bündelt zentrale Themen seines Schaffens: Sehen, Farbe, Form, optische Täuschung und die Verbindung von Kunst und Wissenschaft.