Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Impact Factor
In der Praxis werden Impact-Faktoren häufig für die Beurteilung wissenschaftlicher Publikationsleistungen verwendet, was seit langem als problematisch erkannt …
Inhalt6 Abschnitte
Bedeutung und Zweck
Der Journal Impact Factor (JIF), kurz Impact Factor (IF), ist eine Kennzahl für die durchschnittliche Zitationshäufigkeit einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift. Er zeigt, wie oft Veröffentlichungen dieser Zeitschrift in anderen wissenschaftlichen Publikationen zitiert werden. Der IF dient damit vor allem dem bibliometrischen Vergleich von Zeitschriften. Bibliometrie bezeichnet die quantitative Untersuchung wissenschaftlicher Veröffentlichungen und ihrer Zitationen.
Der Impact Factor misst nicht unmittelbar die wissenschaftliche oder methodische Qualität einzelner Artikel. Trotzdem wird er in der Praxis häufig zur Beurteilung von Publikations- und Forschungsleistungen verwendet. Dies gilt als problematisch, weil der Durchschnittswert einer Zeitschrift wenig darüber aussagt, wie gut oder einflussreich ein bestimmter Artikel oder Wissenschaftler ist.
Ursprünglich sollten Zitationsanalysen Bibliothekaren helfen, die Entwicklung verschiedener Wissenschaftsgebiete einzuschätzen und Zeitschriften für ihre Einrichtungen auszuwählen. Inzwischen beeinflusst der IF unter anderem die Auswahl von Bibliotheksbeständen, die Bewertung von Forschungsinstitutionen, die Publikationsentscheidungen von Wissenschaftlern sowie Urteile von Komitees über wissenschaftliche Leistungen.
Abgrenzung und Datengrundlage
Der allgemeine englische Ausdruck impact factor bezeichnet Möglichkeiten, den Einfluss wissenschaftlicher Zeitschriften zu messen. Das bekannteste konkrete Produkt ist der Clarivate Analytics Impact Factor, der zuvor ISI Impact Factor und später Thomson Reuters Impact Factor hieß.
Das Institute for Scientific Information (ISI), heute Teil von Clarivate Analytics, berechnete solche Werte erstmals in den 1960er Jahren und verwendete sie intern im Science Citation Index. Heute wird der JIF aus zwei von Clarivate Analytics bereitgestellten Artikeldatenbanken ermittelt: dem Social Sciences Citation Index für sozialwissenschaftliche Fächer und dem Science Citation Index für Medizin, Technik und Naturwissenschaften. Beide gehören zum Web of Science.
Die Werte erscheinen jährlich in den kostenpflichtigen Journal Citation Reports (JCR), und zwar in einer Science Edition und einer Social Sciences Edition. Ein JIF wird nur für Zeitschriften berechnet, die im Science Citation Index oder Social Sciences Citation Index enthalten sind. Deshalb besitzen viele geisteswissenschaftliche Zeitschriften keinen JIF.
Berechnung und Vergleich
Der klassische Journal Impact Factor bezieht sich auf einen Zeitraum von zwei Jahren. Die Formel lautet:
JIF = Anzahl der Zitate im Bezugsjahr auf alle Publikationen der vorangehenden zwei Jahre / Anzahl der Artikel in den vorangehenden zwei Jahren.
Für ein noch nicht abgeschlossenes Jahr kann es daher keinen Impact Factor geben. Beispiel: Eine Zeitschrift veröffentlichte 2006 und 2007 insgesamt 116 Artikel. Im Jahr 2008 wurden sämtliche Publikationen dieser Zeitschrift aus diesen beiden Jahren insgesamt 224-mal zitiert. Der JIF für 2008 beträgt somit 224 / 116 = 1,931.
Zähler und Nenner erfassen allerdings nicht genau dieselben Arten von Texten. Redaktionelle Beiträge und Leserbriefe werden beispielsweise bei der Zahl der Artikel im Nenner nicht berücksichtigt. Werden solche Texte zitiert, können ihre Zitationen dennoch in den Zähler eingehen.
Zeitschriften werden innerhalb eines Themenbereichs anhand ihres Impact Factors in Ranglisten eingeordnet. Die Werte sind nur innerhalb derselben Kategorie sinnvoll vergleichbar. Große Fachgebiete besitzen mehr Forscher und Publikationsorgane und erreichen dadurch meist höhere Zitierfrequenzen als kleine oder stark spezialisierte Gebiete.
Neben der Zitierhäufigkeit kann die Cited half-life, die Zitationshalbwertszeit eines Artikels, seine längerfristige Bedeutung anzeigen. Bei modernen, schnelllebigen Disziplinen wie der Molekularbiologie liegt sie für die meisten Fachzeitschriften unter fünf Jahren. In der biologischen Systematik beträgt sie eher mehr als fünf und häufig mehr als zehn Jahre. Beim Vergleich von Publikationsleistungen kann der IF deshalb mit der Cited half-life multipliziert werden, um eine niedrigere Zitierhäufigkeit durch eine längere Wirksamkeit auszugleichen.
Die Größenordnung zeigt ein Beispiel aus der Ökologie: Das Wiley-Journal Diversity and Distributions hatte 2011 einen IF von 4,83, während Ecology Letters beim selben Verlag einen IF von 17,56 erreichte.
Stärken, Varianten und ergänzende Maße
Der Impact Factor ist leicht verständlich, schnell verfügbar und zentral in den Journal Citation Reports erfasst. Verlage veröffentlichen ihn zudem häufig auf ihren Internetseiten, um ihre Zeitschriften zu bewerben. Seine scheinbar objektive Zahl erklärt mit, warum er besonders in Medizin und Naturwissenschaften weltweit verbreitet ist und zunehmend auch in anderen Fachgebieten verwendet wird.
Der IF gibt jedoch nur die durchschnittliche Zitierhäufigkeit wieder, nicht die von Fachwissenschaftlern eingeschätzte methodische Qualität einer Zeitschrift. Dafür können Journal-Rankings zusätzliche Hinweise liefern. Für individuelle Forschungsleistungen existiert unter anderem der Science Impact Index (SII), ein weiterer Zitationsindikator, der einige besondere Probleme des IF vermeiden soll.
Neben dem klassischen 2-Jahres-Impact-Factor führte Thomson Scientific einen 5-Jahres-Impact-Factor ein. Weitere Varianten sind der Eigenfactor Score, der SCImago Journal Rank und der Source-Normalized Impact per Paper (SNIP). Eigenfactor orientiert sich wie Googles PageRank an Verknüpfungen: Während PageRank die Häufigkeit von Links zu Internetseiten berücksichtigt, bewertet Eigenfactor Zeitschriften anhand ihrer Zitationen. Auch solche Auswertungen können manipuliert werden.
Kritik und Manipulierbarkeit
Der Journal Impact Factor ist vor allem als Maß für Qualität umstritten. Kritisiert werden außerdem seine Berechnung, seine mangelnde unabhängige Reproduzierbarkeit und die fehlende Vergleichbarkeit verschiedener Fachgebiete.
Zitationen sind meist sehr ungleich verteilt: Wenige Artikel erhalten einen großen Teil aller Zitate, während viele Beiträge selten oder gar nicht zitiert werden. Eine Analyse von elf Wissenschaftsjournalen, darunter Nature und Science, ergab, dass etwa 75 % der Artikel seltener zitiert wurden, als ihr jeweiliger Zeitschriften-IF erwarten ließ. Knapp 20 % aller Publikationen in Nature und Science wurden nie zitiert. Wegen dieser schiefen Verteilung gilt der verwendete Mittelwert als ungeeignet, um die Werte der einzelnen Artikel zu beschreiben. Einige Verlage kündigten deshalb an, den IF nicht mehr in ihren Zeitschriften und Werbemitteln zu nennen.
Auch die Verhandelbarkeit der Berechnungsgrundlage ist problematisch. ISI zählt für den Zähler Zitationen von Artikeln, Editorials, Meetings, Letters und Conference Proceedings. Welche Veröffentlichungen dagegen als „Artikel“ in den Nenner eingehen, kann zwischen einer Zeitschrift und ISI ausgehandelt werden.
Zeitschriften können ihren IF erhöhen, indem Autoren bevorzugt eigene Veröffentlichungen zitieren oder Beiträge vorzeitig veröffentlicht werden, sodass mehr Zeit zum Sammeln von Zitationen bleibt. Umstritten ist, ob Selbstzitierungen, also Zitate eigener Arbeiten, berücksichtigt werden sollten. Zudem können Zitierkartelle entstehen, in denen Beteiligte einander gezielt zitieren.
Grenzen bei der Forschungsbewertung
Mehrere Wissenschaftsorganisationen lehnen es ab, den IF als zentrales Maß für die Leistung einzelner Forscher oder Artikel zu verwenden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft betont, dass die Zitierhäufigkeit nicht nur vom Ansehen einer Zeitschrift oder Arbeitsgruppe abhängt, sondern besonders von der Größe der Forschergemeinschaft eines Themas. Spezialisierte Zeitschriften haben deshalb meist niedrigere Impact Factors als Zeitschriften mit breiter Leserschaft; kleine und große Fächer benötigen unterschiedliche quantitative Maßstäbe.
Der Wissenschaftsrat fordert, bei Leistungsbewertungen stärker qualitätsbezogene statt quantitätsbezogene Kriterien zu berücksichtigen. Auch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften hält den IF für ungeeignet zur Bewertung von Forschungsleistungen und verlangt geeignete Alternativen.
Die 2012 von der American Society for Cell Biology initiierte San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA) wurde von rund 13.000 Wissenschaftlern und Organisationen unterstützt. Sie fordert, zeitschriftenbasierte Kennzahlen wie den JIF nicht als Ersatzmaß für die Qualität einzelner Forschungsartikel oder für die Beiträge einzelner Wissenschaftler zu verwenden. Dies betrifft besonders Entscheidungen über Anstellung, Beförderung und Forschungsförderung. Zu den Unterzeichnern gehören Hochschulen, darunter die League of European Research Universities, sowie Förderorganisationen wie der FWF – österreichische Wissenschaftsfonds und der Schweizerische Nationalfonds (SNF).
Nobelpreisträger Randy Schekman bezeichnete den Journal Impact Factor 2016 an der Universität Regensburg als „künstliche Zahl“, die nicht zur Beurteilung wissenschaftlicher Qualität geeignet sei, und forderte andere Methoden zur Messung schöpferischer Leistung.