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Grüne Revolution
Aus dieser Perspektive erschien Hunger als Ergebnis technischer Defizite und die Grüne Revolution als ein Instrument zur Prävention gewaltsamer Revolutionen.
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Grundprinzip
Als Grüne Revolution werden die ab den 1960er Jahren erreichten Ertragssteigerungen durch den Transfer moderner landwirtschaftlicher Methoden in verschiedene Entwicklungsländer bezeichnet. Kern des Modells war die Verbindung von Hochertragssorten, Kunstdünger, Pestiziden, gezielter Bewässerung und Mechanisierung. Besonders wichtig waren kurzhalmige Weizen- und Reissorten, die bei intensiver Bewirtschaftung deutlich höhere Erträge ermöglichten.
In den Entwicklungsländern wurden neue Produktionsweisen teilweise durch Kredite gefördert, die an die Einführung moderner Methoden und an Privatisierungen bei der Düngerproduktion und im Düngerhandel gebunden waren. William Gaud, der damalige Geschäftsführer von USAID, prägte den Begriff gegen Ende der 1960er Jahre. Die damaligen Rekorderträge in der Türkei, Pakistan, Indien und auf den Philippinen ließen Hunger vor allem als technisches Problem erscheinen.
Die Folgen sind bis heute umstritten: Die Grüne Revolution verbesserte die Ernährungssituation vieler Menschen, verursachte aber zugleich erhebliche Umweltbelastungen und soziale Probleme. Ihre Nachhaltigkeit wird unter anderem durch Bodenschäden, übermäßige Grundwassernutzung und die seit etwa 2010 in vielen Ländern auftretenden Aufstände wegen Lebensmittelknappheit infrage gestellt.
Entstehung und weltweite Verbreitung
Die Grundlagen entstanden Anfang der 1940er Jahre durch die Zusammenarbeit der Rockefeller Foundation mit der mexikanischen Regierung. Ziel war, die Produktion von Weizen, Mais und Bohnen zu steigern. Mexiko importierte Mitte der 1940er Jahre fast die Hälfte seines Weizenbedarfs. Unter der Leitung von Norman Borlaug entwickelte das Programm ertragreiche Halbzwergweizensorten. Dadurch wurde Mexiko innerhalb von zehn Jahren selbstversorgend. 1963 wuchsen die neuen Sorten auf 95 % der mexikanischen Weizenfläche; der Ertrag war sechsmal höher als 1944. Aus dem Programm entstand 1963 das Internationale Mais- und Weizenforschungsinstitut (CIMMYT).
In Asien und Afrika verschärften in den 1950er und 1960er Jahren Bevölkerungswachstum, Dürren und Hungersnöte die Ernährungslage. 1961 wurden in Asien pro Einwohner 194 kg Getreide erzeugt, in den Vereinigten Staaten 868 kg. Die tägliche Kalorienaufnahme betrug in Asien 1891 kcal und in den USA 2882 kcal. In Asien lag die Lebenserwartung unter 50 Jahren; die Kindersterblichkeit betrug 125 bis 150 Todesfälle je 1000 Geburten. In Afrika lag die durchschnittliche Kalorienaufnahme bei 2089 kcal, die Kindersterblichkeit bei 100–300 Todesfällen je 1000 Geburten.
Indien lud Borlaug Anfang der 1960er Jahre ein. Mit Unterstützung der Ford Foundation wurden verbesserte Weizensorten im Punjab eingeführt und später auch nach Pakistan verbreitet. 1960 entstand das International Rice Research Institute (IRRI), um vergleichbare Züchtungserfolge beim Reis zu erzielen. Bis 1980 bedeckten Hochertragssorten von Weizen und Reis große Teile des indischen Subkontinents. Garantiepreise, kostenlose Bewässerung und stark subventionierte Betriebsmittel unterstützten ihre schnelle Verbreitung.
1971 wurde die Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR) gegründet. Sie sollte die internationale Agrarforschung koordinieren und verbreiten. Neben CIMMYT und IRRI entstanden weitere Forschungszentren für Nutzpflanzen, Vieh, Fisch, Wassermanagement, Agroforstwirtschaft und Ernährungspolitik. Bis 2000 wurden durch mehr als 400 öffentliche Forschungsprogramme in über 100 Ländern ungefähr 8000 Sorten verschiedener Kulturpflanzen zugelassen.
Hochertragssorten und ihre Eigenschaften
Die zunächst entwickelten Weizen- und Reissorten knickten bei starker Düngung um. Deshalb konzentrierte sich die Züchtung auf Zwerg- und Halbzwergsorten. Ihre kurze Wuchshöhe verringerte das Umknicken, ermöglichte eine frühere Reife und machte die Pflanzen weniger empfindlich gegenüber Lichteinwirkung. Zusätzlich konnten Resistenzen gegen Schädlinge und Krankheiten eingekreuzt werden. Die kurze Wuchshöhe war eine Voraussetzung für die späteren Ertragssteigerungen.
Zwergsorten waren erstmals in den 1870er Jahren in Japan entdeckt worden. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Mineraldünger Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten sie sich weiter. Die später wichtigen Halbzwergsorten tragen ein oder zwei Gene für vermindertes Höhenwachstum.
Eine japanische Halbzwergsorte bildete die Grundlage für Norin 10, die in den 1930er Jahren in Japan entwickelt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte Norin 10 in die Vereinigten Staaten und wurde an der Washington State University mit Brevin gekreuzt. Die Ergebnisse kamen nach Mexiko, wo Borlaug daraus mehrere Halbzwergweizensorten entwickelte, die sich in den 1960er Jahren stark verbreiteten.
Auch beim Reis wurden Zwerggene genutzt. Die in China entwickelte Halbzwergsorte Taichung Native 1 und die aus Südchina stammende Sorte Dee-geo-woo-gen waren wichtige Grundlagen. Dee-geo-woo-gen war ein Elternteil von IR8, der ersten vom IRRI gezüchteten Reissorte.
Produktionszuwachs und Beitrag zur Hungerbekämpfung
Die neuen Sorten führten besonders bei Reis und Weizen zu großen Produktionssteigerungen. Der durchschnittliche Reisertrag in Indien lag vor Beginn der Grünen Revolution Ende der 1960er Jahre bei 1,5–1,6 Tonnen pro Hektar. Danach wurden mehr als 1000 moderne Reissorten entwickelt. Der Nassreisertrag stieg von 2 Tonnen pro Hektar 1980 auf 2,6 Tonnen 1990 und 3 Tonnen 2000. Frühreife Sorten verkürzten die Anbauperiode und ermöglichten eine zweite Aussaat und Ernte. IR36 wurde beispielsweise nach 105 Tagen geerntet, traditionelle Sorten benötigten 170 Tage.
Die indische Reisproduktion stieg von 60 Millionen Tonnen 1970 auf 135 Millionen Tonnen im Jahr 2000. Die Philippinen verdoppelten ihre Reisproduktion innerhalb von zwei Jahrzehnten nach der Einführung von IR8. Indonesien wurde vom Nettoimporteur im Jahr 1960 zum ernährungsautarken Land im Jahr 1984. Vietnam erzielte in den 1980er Jahren Nahrungsmittelüberschüsse, nachdem es in den 1960er Jahren Defizite gehabt hatte. Die südasiatische Weizenproduktion stieg zwischen 1965 und 1995 von 66 Millionen Tonnen um mehr als das Fünffache. Insgesamt entstanden in vier Jahrzehnten über 3000 Hochertragssorten.
Die Getreideproduktion Asiens stieg von 385 Millionen Tonnen 1965 auf über eine Milliarde Tonnen 2005. Die Nutzung neuer Sorten nahm in asiatischen Entwicklungsländern von 20 % bei Weizen und 30 % bei Reis im Jahr 1970 auf ungefähr 70 % bei beiden Pflanzen im Jahr 1990 zu. Die Getreideproduktion pro Kopf stieg von 207 kg 1965 auf 275 kg 2005. Die Kalorienaufnahme erhöhte sich zwischen 1981 und 2003 um über 40 %, von 1891 auf 2695 kcal pro Kopf und Tag.
Der Anteil der Unterernährten sank besonders in Ost- und Südostasien von 43 % auf 13 % zwischen den Zeiträumen 1969–1971 und 1996–1998. In Südasien ging er von 38 % auf 23 % zurück, während er in Afrika nur wenig abnahm. Schätzungen zufolge hätte es ohne die Grüne Revolution in Entwicklungsländern 22 % niedrigere Erträge, 29 % höhere Nahrungsmittelimporte, 14 % weniger Kalorien pro Kopf und zusätzlich 187 Millionen hungernde Menschen gegeben. Außerdem wäre die landwirtschaftliche Nutzfläche dort schätzungsweise 3–5 % größer.
Die Produktionszuwächse senkten bis etwa zur Jahrtausendwende die Lebensmittelpreise. Dadurch blieben die Löhne niedrig, was das Wachstum asiatischer Volkswirtschaften unterstützte. Der höhere Selbstversorgungsgrad machte außerdem Devisen für Infrastruktur und andere Entwicklungsprojekte frei. In einer Studie zu elf indischen Dörfern führte jede Rupie aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu 1,87 Rupien an außerlandwirtschaftlichen Aktivitäten. Weltweit sank die Zahl der Armen trotz eines Bevölkerungszuwachses von 60 % von 1,15 Milliarden 1975 auf 825 Millionen 1995.
Umweltbelastungen und soziale Kritik
Die wichtigste Kritik betrifft die starke Umweltbelastung durch Mineraldünger, Pestizide und Bewässerung. Mögliche Folgen sind die Verunreinigung von Grund- und Gewässern, Gesundheitsgefahren für Menschen und Tiere, Bodendegradierung, zum Beispiel durch Versalzung, eine stärkere Belastung der Grundwasserleiter und der Verlust ursprünglicher Pflanzenarten. Dadurch wird die Artenvielfalt eingeschränkt.
Der hohe Einsatz von Betriebsmitteln lässt sich an den NPK-Mengen auf chinesischen Nassreisfeldern erkennen: 2004 waren es 256 kg pro Hektar, in Vietnam 173, in Indonesien 167 und in Indien 95 kg pro Hektar. In Punjab und Haryana wurden durchschnittlich über 200 kg NPK ausgebracht, in Orissa und Arunachal Pradesh dagegen nur 50 beziehungsweise 10 kg. In Indien stieg der landwirtschaftliche Wasserverbrauch innerhalb von drei Jahrzehnten um 70 %. Im Nordwesten sinkt der Grundwasserspiegel laut einer Studie jährlich um 4 cm. Im Punjab wurden hohe Pestizidbelastungen im Blut der Einwohner und zunehmende Krebserkrankungen festgestellt.
Kritisiert wird auch die genetische Erosion: Örtlich angepasste Sorten wurden häufig durch international verbreitete Neuzüchtungen verdrängt. Schnellere und dichter gestaffelte Reisernten können außerdem die Vermehrung der Braunen Reiszikade begünstigen. Weil sie sich dann über das ganze Jahr fortpflanzen kann, steigt das Risiko großer Ernteausfälle und damit der Pestizideinsatz.
Sozioökonomisch wird eine stärkere Abhängigkeit von internationalen Konzernen, Kunstdünger, Pestiziden und Saatgut kritisiert. Die Gegenargumente weisen darauf hin, dass Sorten auch von gemeinnützigen Einrichtungen wie CIMMYT und IRRI entwickelt wurden. Außerdem werden hybrides Saatgut und sterile Sorten häufig verwechselt. Bei Weizen, der Grundlage der Grünen Revolution in Indien, spielt hybrides Saatgut keine Rolle. Der Kauf neuen Saatguts ist für viele Bauern billiger als die aufwändige eigene Saatgutproduktion.
Die Vorteile konzentrierten sich vor allem auf ressourcenreiche Regionen. Ostindien und Subsahara-Afrika wurden kaum erreicht; dort stagnieren die Erträge teilweise seit langem. Arme Bauern konnten sich Dünger und Pestizide oft nicht leisten. Besonders in Indien verloren viele Bauern ihr Land oder gerieten in Schuldknechtschaft. Schließlich beseitigte die Grüne Revolution den Hunger nicht vollständig: Indien exportiert trotz Unter- und Mangelernährung Getreide; offiziellen Statistiken zufolge werden davon 20–30 % von Ratten gefressen. Die Grüne Revolution begrenzte den Hunger, machte die Verteilung von Nahrungsmitteln aber nicht gerechter.
Gegenwärtige Ansätze
Neue Ansätze sollen die Umweltfolgen und die Herausforderungen schwieriger Anbaustandorte verringern. Dazu gehören integrierter Pflanzenschutz, Nährstoffmanagement und wassersparende Bewässerungstechnologien. In der Pflanzenzüchtung richtet sich die Forschung stärker auf marginale Standorte, etwa durch die Entwicklung salztoleranter Pflanzen.
2010 wurden in mehreren Ländern fluttolerante Reissorten getestet, die bis zu zwei Wochen unter Wasser überleben können. Sie sollen in Gebieten mit häufigen Sturzfluten, beispielsweise in Bangladesch, helfen. In Subsahara-Afrika wurden mehr als 50 trockentolerante Maissorten entwickelt. Unter Dürrebedingungen liegen ihre Erträge 20–50 % über denen anderer Sorten.
Ein weiterer Ansatz ist die Biofortifikation, also die züchterische Anreicherung von Pflanzen mit Nährstoffen, um Mangelerscheinungen zu verringern. Ein Beispiel ist der Goldene Reis, der in Australien, Neuseeland im Dezember 2017, Kanada im März 2018, den USA im Mai 2018 und auf den Philippinen im Jahr 2019 als Nahrungs- und Futtermittel zugelassen wurde.
Als Gegenmodell zur industrialisierten, stark auf Städteversorgung und Export ausgerichteten Landwirtschaft wird eine „grüne Renaissance“ vorgeschlagen. Sie soll auf ökologisch verträglicher kleinbäuerlicher Landwirtschaft beruhen und die Ernährungssicherung in den Mittelpunkt stellen.
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