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Frühlingserzählung
Frühlingserzählung (Conte de printemps) ist eine französische Filmkomödie aus dem Jahr 1990 und bildet den ersten Teil des Zyklus Erzählungen der vier …
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Film und Ausgangslage
Frühlingserzählung (Originaltitel: Conte de printemps) ist eine französische Filmkomödie von 1990. Regie und Drehbuch stammen von Éric Rohmer. Der Film eröffnet dessen Zyklus Erzählungen der vier Jahreszeiten (Contes des quatre saisons) und wurde im Februar 1990 bei der Berlinale außer Konkurrenz im Wettbewerbsprogramm uraufgeführt. Die Originalsprache ist Französisch; die FSK-Freigabe lautet ab 6 Jahren.
Im Mittelpunkt steht Jeanne, eine junge Philosophielehrerin im Vorbereitungsdienst an einem Gymnasium im Großraum Paris. Sie hat keinen festen Ort für sich: Ihr Freund Mathieu, ein Mathematiker, ist unordentlich, weshalb sie sich in seiner Wohnung unwohlfühlt, wenn er verreist. Ihr eigenes Appartement hat sie ihrer Cousine Gaëlle überlassen. Auf einer Wohnungseinweihung lernt Jeanne die Klavierstudentin Natacha kennen. Natacha bietet ihr an, in der Wohnung ihres Vaters Igor zu übernachten. Igor arbeitet als Beamter im Kulturministerium und lebt meist bei seiner Freundin Ève, die kaum älter als Natacha ist.
Beziehungen, Verdacht und Aufklärung
Bei ihrer ersten Begegnung überrascht Igor Jeanne, als sie gerade duscht; beide reagieren verlegen. Natacha erfährt davon und versucht daraufhin, Jeanne und ihren Vater zusammenzubringen. Sie lehnt Ève entschieden ab und wünscht sich für Igor eine andere Freundin.
Jeanne und Natacha fahren zu Igors Landhaus in Fontainebleau, das sie nach dem Winter erstmals besuchen. Dort erzählt Natacha von einer verschwundenen Halskette ihrer Großmutter. Diese Kette sollte sie nach ihrer Darstellung zum Geburtstag erhalten. Natacha verdächtigt Igor und besonders Ève und wirft ihnen wiederholt vor, mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben. Bei einem Abendessen begegnen sich Jeanne, Natacha, Ève und Igor; eine heftige Diskussion macht die gegenseitigen Sympathien und Abneigungen sichtbar.
Am folgenden Wochenende kehren Jeanne und Natacha zum Landhaus zurück. Auch Igor und Ève sind dort. Zwischen Natacha und Ève eskaliert ein Streit während der Essensvorbereitung; Jeanne kann nicht vermitteln, und Igor bringt Ève zum Bahnhof. Danach erscheint Natachas deutlich älterer Freund, der kaum jünger als Igor ist. Natacha verlässt mit ihm das Haus, sodass Jeanne und Igor allein bleiben.
Am Abend kommen sich Jeanne und Igor näher, während im Hintergrund eine Aufnahme von Natachas Schumann-Spiel läuft. Jeanne erlaubt Igor drei Wünsche: Er darf sich neben sie setzen, ihre Hand halten und sie küssen. Danach beendet sie die Annäherung. Zurück in Paris fällt Jeanne beim Ausräumen ihrer Sachen aus Igors Schlafzimmerschrank zufällig die vermisste Halskette vor die Füße. Dadurch erweisen sich Igor und vor allem Ève als unschuldig. Jeanne verabschiedet sich freundlich von Natacha, die die Kette trägt, und kehrt in Mathieus Wohnung zurück, um seine Heimkehr zu erwarten.
Stellung im Jahreszeitenzyklus
Mit Frühlingserzählung begann Rohmer 1990 seinen dritten und letzten Filmzyklus, nach den Moralischen Erzählungen (Six Contes Moraux, 1962–1972) und Komödien und Sprichwörter (Comédies et proverbes, 1981–1987). Die drei weiteren Filme sind Wintermärchen (Conte d’hiver, 1992), Sommer (Conte d'été, 1996) und Herbstgeschichte (Conte d’automne, 1998). Zwar stand die Zahl der vier Filme von Beginn an fest, die einzelnen Drehbücher entwarf Rohmer jedoch jeweils erst vier bis fünf Jahre vor Drehbeginn. Nachträglich erkannte er Verbindungen: Frühlingserzählung und Herbstgeschichte kreisen um Gedanken und Intrigen; in Wintermärchen und Sommer spiegeln sich die Situationen der weiblichen und männlichen Hauptfiguren gegenüber jeweils drei Personen des anderen Geschlechts.
Wie schon im ersten Zyklus greifen die Filme philosophische Fragen auf. Diese stehen hier neben gewöhnlichen, eigensinnigen Figuren. In Frühlingserzählung ist Jeanne vor allem Beobachterin: Sie wirkt zurückgenommen und hat ihren Platz im Leben noch nicht gefunden. Ihr Wechsel zwischen Wohnungen sowie zwischen Stadt und Land zeigt diese Unsicherheit. Sie beobachtet zugleich unordentliche Beziehungen und Familienverhältnisse, darunter Paare mit großem Altersunterschied.
Rohmer beschrieb seinen Blickwinkel mit Platons Gyges: nicht als den Blick Gottes, der seine Schöpfung versteht, sondern als den eines unsichtbaren, unvollkommenen Beobachters ohne Zugang zum „Geheimnis der Wesen“. Der Film ist deshalb weniger von großen Gefühlen als von Gesprächen und den Folgen des Denkens im Alltag geprägt.
Musik spielt eine besondere Rolle. Rohmer nutzte klassische Stücke von Ludwig van Beethoven und Robert Schumann als Filmmusik aus dem Off und wich damit von seinem Prinzip ab, nur Musik hören zu lassen, deren Quelle auch im Bild sichtbar ist. Auch ein für ihn ungewöhnlicher Dolly-Zoom begleitet die Veränderung Jeannes. Am Ende überwindet sie ihre ständigen Gedanken und Selbstanalysen und überlässt sich dem Zufall: dem Zufall von Zahlen sowie dem zufälligen Fund der Halskette, der die Wahrheit aufdeckt.