Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Die Hörigkeit der Frau

Die Hörigkeit der Frau (englisch The Subjection of Women) ist ein Essay, das 1869 unter dem Namen des englischen Philosophen und Nationalökonomen John Stuart …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk, Thema und Autorschaft
  2. 2. Entstehung und politische Tätigkeit
  3. 3. Forderung nach rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichheit
  4. 4. Utilitarismus, Ehe und Wahlrecht
  5. 5. Aufnahme und Bedeutung

Werk, Thema und Autorschaft

Die Hörigkeit der Frau (englisch The Subjection of Women) ist ein 1869 in England veröffentlichtes Essay. Es trägt den Namen des Philosophen und Nationalökonomen John Stuart Mill und gilt als eines der wichtigsten Werke der feministischen Theorie des 19. Jahrhunderts. Es kritisiert grundlegend die ungleiche soziale und rechtliche Stellung von Frauen und verlangt die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Die Gedanken entstanden über mehr als zwei Jahrzehnte in Gesprächen und Diskussionen zwischen John Stuart Mill und seiner späteren Ehefrau Harriet Taylor Mill. Auch seine Stieftochter Helen Taylor wird heute meist als Koautorin genannt. In der Forschung besteht keine vollständige Einigkeit über die Ko-Autorschaft; nicht bestritten wird jedoch, dass die Positionen und Argumente aus gemeinsamen Überlegungen hervorgingen.

Die deutsche Übersetzung von Jenny Hirsch erschien bereits 1869 als Die Hörigkeit der Frau. Seit 2012 wird der englische Titel im Deutschen auch wörtlich als Die Unterwerfung der Frauen übersetzt.

Entstehung und politische Tätigkeit

Das Essay gilt als Fortsetzung oder Überarbeitung von Enfranchisement of Women aus dem Jahr 1851. Dieser Text war von Harriet Taylor verfasst, aber zunächst unter Mills Namen veröffentlicht worden. Als Gründe nennt der Artikel, dass Harriet Taylors erster Ehemann nicht kompromittiert werden sollte und dass Mill als etablierter männlicher Autor eher ernst genommen wurde. Nach ihrem Tod 1858 veröffentlichte Mill diesen Essay unter ihrem Namen.

John Stuart Mill beendete zunächst On Liberty (1859), an dem Harriet Taylor mitgewirkt hatte, und arbeitete bis 1861 an The Subjection of Women. Während seiner Zeit im britischen Unterhaus setzte er sich auch praktisch für das Frauenwahlrecht ein: 1866 brachte er eine Petition zur Erweiterung des Wahlrechts auf Frauen ein; ein Drittel der anwesenden Abgeordneten stimmte dafür. 1867 schlug er vor, in einem Gesetzentwurf das Geschlecht der Hausbesitzer als Voraussetzung für das Wahlrecht zu streichen. Danach entstand, unterstützt von Mill und Helen Taylor, die National Society for Women’s Suffrage.

In seiner Autobiographie von 1873 erklärte Mill, die Veröffentlichung sei auf Anregung seiner Tochter erfolgt. Wichtige Ideen und Passagen stammten von Helen Taylor; die eindrücklichsten und tiefsten Gedanken seines eigenen Anteils schrieb er seiner Frau zu.

Forderung nach rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichheit

Mill wandte sich gegen die damals verbreitete Auffassung, die Unterordnung der Frau sei selbstverständlich. Für ihn war die Ungleichheit ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der „Macht noch Recht“ gewesen sei. Sie behindere die menschliche Entwicklung, weil der Hälfte der Menschheit dadurch ein gesellschaftlicher Beitrag außerhalb des eigenen Heims erschwert oder unmöglich gemacht werde.

Seine zentrale Forderung lautet, die „gesetzliche Unterwerfung eines Geschlechts unter das andere“ sei „in sich falsch“ und eines der Haupthindernisse menschlicher Weiterentwicklung. Sie müsse durch „ein System vollkommener Gleichheit“ ersetzt werden: Keine Seite solle Macht und Privilegien besitzen, keine Seite rechtliche Nachteile oder Unfähigkeiten zugeschrieben bekommen.

Mill bezweifelte außerdem, dass man die angeblich natürliche Verschiedenheit von Frauen und Männern unter Bedingungen der Ungleichheit erkennen könne. Solange beide Geschlechter nur in ihrem gegenwärtigen Verhältnis beobachtet würden, seien ihre Möglichkeiten verzerrt. Erst Gleichheit sowie die freie Entwicklung und Nutzung der Fähigkeiten beider Geschlechter könnten zeigen, was an Unterschieden tatsächlich natürlich sei.

Utilitarismus, Ehe und Wahlrecht

Utilitarismus beurteilt Handlungen danach, ob ihre Folgen das Wohlergehen aller Betroffenen bestmöglich fördern. Nach dieser Grundformel ist Mills Schrift in drei Punkten utilitaristisch: Gleichberechtigung würde sich sofort positiv auf die Gesellschaft auswirken; die gleichberechtigte Mitwirkung von Frauen würde das allgemeine Wohlergehen bereichern; und die individuelle Weiterentwicklung von Frauen wäre sowohl für sie selbst als auch für die gesamte Gesellschaft vorteilhaft.

Mill kritisierte auch das Eherecht seiner Zeit und verglich es mit einer „Versklavung der Frauen“. Nach der Sklavenbefreiung gebe es gesetzliche Sklaven nur noch als Hausfrauen in den Haushalten.

Beim Frauenwahlrecht argumentierte Mill, Frauen stellten die Hälfte der Bevölkerung und seien von politischen Angelegenheiten betroffen. Deshalb gebe es keine Rechtfertigung, Frauen unter anderen Bedingungen als Männer vom Wahlrecht auszuschließen. Seine Formel lautet: Unter welchen Bedingungen Männer wählen dürften, müssten Frauen „under the same“ zugelassen werden, also unter denselben Bedingungen.

Aufnahme und Bedeutung

Das Erscheinen des Essays löste große Aufregung aus; die ersten beiden Auflagen waren innerhalb weniger Monate ausverkauft. Noch 1869 erschienen eine italienische Übersetzung von Anna Maria Mozzoni und eine französische Übersetzung. Befürworter des Frauenwahlrechts in Europa und Amerika nahmen das Werk begeistert auf.

Andere ignorierten es oder verspotteten und verurteilten es scharf. Das Buch wurde unter anderem als „unanständig“, „unschicklich“, „arrogant“ und als „Machwerk moralischer Anarchie“ bezeichnet. Die starke Ablehnung richtete sich laut Artikel besonders gegen Mills Aussage, dass die Geschlechterungleichheit den moralischen Fortschritt der Menschheit hindere und daher Ehe, Familie und Gesellschaft neu geordnet werden müssten.

Die erste Frauenbewegung sowie die Frauenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre schätzten die Schriften. Auch feministische Theorie und Genderforschung beschäftigten sich intensiv damit. Ulrike Ackermann kritisiert zugleich zwei einseitige Rezeptionsweisen: Feministische Deutungen hätten die Verbindung zu Mills und Taylor Mills Freiheitsphilosophie teils verloren, während die männlich dominierte Mill- und Liberalismusforschung die Bedeutung der Geschlechterverhältnisse für ihre Gedanken zur individuellen Freiheit und Wahlfreiheit häufig ignoriert habe.

Weiterlesen