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Das schweigende Klassenzimmer

Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Abiturklasse in der DDR, die sich anlässlich des Ungarischen Volksaufstands 1956 im Unterricht zu einer Schweigeminute …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Thema und Einordnung
  2. 2. Handlung und Konflikt
  3. 3. Produktion und historische Grundlage
  4. 4. Kritische Aufnahme
  5. 5. Veröffentlichung, Vorlage und Auszeichnungen

Thema und Einordnung

Das schweigende Klassenzimmer ist ein deutscher Spielfilm von Lars Kraume aus dem Jahr 2018. Er ist 111 Minuten lang, deutschsprachig und ab FSK 12 sowie JMK 12 freigegeben. Der Film erzählt die wahre Geschichte einer Abiturklasse in der DDR, die 1956 aus Solidarität mit den Opfern des Ungarischen Volksaufstands im Unterricht eine Schweigeminute abhält. Aus der zunächst symbolischen Aktion entwickelt sich ein Konflikt mit Schule, Behörden und Staat. Im Mittelpunkt stehen deshalb Fragen nach Mut, Zusammenhalt, persönlicher Verantwortung, politischer Anpassung und Widerstand.

Die Handlung spielt in Stalinstadt, dem im Film verwendeten Namen für Eisenhüttenstadt, im Jahr 1956. Die Schülerinnen und Schüler müssen entscheiden, ob sie sich den staatlichen Forderungen beugen oder gemeinsam für ihre Haltung einstehen. Ihre Solidaritätsbekundung gefährdet schließlich ihre Abiturzulassung und zwingt sie zu weitreichenden Entscheidungen.

Handlung und Konflikt

Die Abiturienten Theo Lemke und Kurt Wächter sehen bei einem Kinobesuch in West-Berlin Bilder des Volksaufstands in Ungarn. Nach ihrer Rückkehr in die DDR bemerken sie, wie unterschiedlich west- und ostdeutsche Medien über die Ereignisse berichten. Die westdeutsche Wochenschau und der heimlich gehörte RIAS stellen die bürgerlich-demokratische Bewegung positiv dar, während die DDR-Medien den Aufstand pro-sowjetisch verurteilen. Der RIAS berichtet außerdem von einer Schweigeminute des Europarates und vom angeblichen Tod des Fußballspielers Ferenc Puskás. Diese Todesmeldung erweist sich später als falsch.

Kurt schlägt eine Schweigeminute für die Opfer des Aufstands vor. Fast die gesamte Klasse unterstützt ihn; nur der linientreue Erik steht zunächst nicht dahinter. Die Schweigeminute findet im Geschichtsunterricht bei Lehrer Mosel statt. Als Erik erklärt, dass es sich um eine Protestform handelt, meldet Mosel den Vorfall dem Rektor Schwarz. Der junge Rektor versucht, die Bedeutung der Aktion herunterzuspielen, verteidigt aber zugleich die Idee des Sozialismus.

Bei einem Treffen bei Edgar, dem Großonkel des Mitschülers Paul, hören die Jugendlichen erneut den RIAS. Sie erfahren, dass sowjetische Truppen kurzfristig aus Ungarn abgezogen seien und eine neue Regierung gebildet werden solle. Edgar bezeichnet die Schüler als „Freidenker“, warnt sie aber auch davor, dass sie nun als „Staatsfeinde“ gelten könnten. Um sich zu schützen, schlägt Theo vor, die Schweigeminute habe nur dem Gedenken an Ferenc Puskás gegolten. In einer geheimen Abstimmung stimmt die Mehrheit für diese Notlüge. Auch Erik wird später überzeugt, sie zu unterstützen.

Die Kreisschulrätin Frau Kessler befragt Lena, Erik und Theo einzeln. Trotz ihres manipulativen Vorgehens bleiben sie bei der vereinbarten Erklärung. Theo wirft den Verantwortlichen „Gestapo-Methoden“ vor und erhält dafür einen Tadel. Die gesamte Klasse muss öffentlich zum Appell antreten. Kurts Vater Hans, der Stadtratsvorsitzende, versucht, seinen Sohn davon zu überzeugen, hinter dem Ungarn-Aufstand stünden Faschisten. Theos Vater Hermann nimmt Theo für einen Tag aus der Schule und zeigt ihm die schwere Arbeit am Hochofen.

Während die Jugendlichen bei Edgar den RIAS hören, wird die Gruppe immer kleiner. Schließlich kommen nur noch Kurt, Lena und Paul. Kurt und Lena, die eigentlich mit Theo zusammen ist, küssen sich; Paul beobachtet dies heimlich. Die persönliche Beziehung zwischen Theo, Kurt und Lena wird dadurch zu einem zusätzlichen Konflikt innerhalb der Klasse.

Die Lage verschärft sich, als Volksbildungsminister Fritz Lange nach Stalinstadt kommt. Er bezeichnet die Schweigeminute als konterrevolutionären Akt und verlangt, dass die Schüler den „Rädelsführer“ nennen. Andernfalls sollen sie in der gesamten DDR nicht zum Abitur zugelassen werden. Erik wird unter Druck gesetzt und nennt Edgar als Quelle für das Hören des RIAS. Edgar wird daraufhin von der Volkspolizei in Begleitung von Frau Kessler verhaftet.

Paul schlägt Erik in der Kirche nieder. Kurt will sich selbst als Rädelsführer bekennen, wird jedoch von Theo davon abgehalten. Die Eltern überlegen, eine Gegendarstellung zu verfassen, während Hermann beim Minister vorspricht. Weil Hermann früher selbst an einem Aufstand beteiligt war, wird er nicht ernst genommen. Lena trennt sich von Theo, da sie seine ständigen Ausreden nicht mehr erträgt.

Bei einer weiteren Befragung droht Frau Kessler Erik damit, die Wahrheit über seinen Vater bekannt zu machen. Dieser war nach der Befreiung im Konzentrationslager Sachsenhausen als SS-Helfer von der Roten Armee gehängt worden. Erik hatte diese Vergangenheit nicht gekannt. Er verrät Kurt und erleidet beim Schießunterricht einen Nervenzusammenbruch. Mit einem Gewehr schießt er auf den Lehrer Wardetzki, einen alten Nazi, und verletzt ihn. Danach flieht Erik in die Kirche und bedroht seine Mutter. Theo, Kurt und Paul überwältigen ihn. Eriks Mutter erklärt ihm die Wahrheit über seinen Vater; Erik gesteht anschließend seinen Verrat an Kurt.

Frau Kessler bietet Kurts Vater an, die gesamte Schuld Erik zuzuschieben, da Erik ohnehin eine Gefängnisstrafe von zehn Jahren erwarte. Kurt entdeckt jedoch auf einem Foto von Eriks gehängtem Vater, dass auch sein eigener Vater darauf zu sehen ist. Kurts Vater reagiert wütend, während Kurt an der Passivität seiner Mutter verzweifelt. Sie rät ihm, aus der DDR zu fliehen.

Kurt plant die Flucht über die Sektorengrenze von Ost- nach West-Berlin. Im ersten Morgenzug wird er von der Volkspolizei festgenommen. Sein Vater erscheint am Kontrollpunkt in Königs Wusterhausen, belügt die Polizisten und ermöglicht Kurt dadurch die Flucht. Weil Kurt mit seiner „Republikflucht“ scheinbar eingestanden hat, der Rädelsführer zu sein, verlangt Frau Kessler von jedem Schüler, ihn zu identifizieren. Theo und Paul weigern sich und erklären, dass die Mehrheit für die Aktion gestimmt habe. Daraufhin werden sie sofort von der Schule verwiesen.

Die übrigen Schüler stehen nacheinander auf und behaupten, jeweils selbst die Idee gehabt zu haben. Frau Kessler verweist daraufhin die gesamte Klasse der Schule. Auf Theos Rat fliehen bis auf vier Schüler während des Festtagsverkehrs über den Jahreswechsel 1956/57 nach West-Berlin. Im Abspann wird mitgeteilt, dass die Flüchtlinge ihr Abitur im Westen ablegten.

Produktion und historische Grundlage

Der Film ist eine Kino-Koproduktion von ZDF, Akzente Film- und Fernsehproduktion, Studiocanal Film und Zero One Film. Regie und Drehbuch stammen von Lars Kraume. Die Musik komponierten Christoph M. Kaiser und Julian Maas; die Kamera führte Jens Harant, den Schnitt übernahm Barbara Gies.

Das schweigende Klassenzimmer basiert auf wahren Ereignissen. Tatsächlich ereignete sich der Konflikt an einer Schule in Storkow. Der Film folgt den realen Ereignissen innerhalb der Schule relativ nahe; auch der Besuch des Ministers ist nicht erfunden. Die Figuren Erik und Edgar wurden jedoch ergänzt, weil es für sie keine realen Vorbilder gab. Durch sie sollten bestimmte Aspekte der Nachkriegszeit sichtbar werden. Die Schülerinnen erhalten im Film eine etwas größere Rolle als in der tatsächlichen Geschichte, weil der Regisseur weibliche Identifikationsfiguren schaffen wollte. Dietrich Garstka, der Autor der Buchvorlage, und sein ehemaliger Mitschüler Karsten W. Köhler berieten Kraume zur historischen Authentizität.

Storkow wurde nicht als Drehort verwendet, weil sich der Ort stark verändert hatte und die Schule vollständig umgebaut und modernisiert worden war. Stattdessen drehte man in Eisenhüttenstadt, das in den 1950er Jahren als „Stalinstadt“ errichtet worden war. Die Wohnkomplexe I–III waren dort noch vollständig erhalten. Die Dreharbeiten begannen am 21. Februar 2017. Gebäudefunktionen wurden für den Film teilweise verändert: Das städtische Friedrich-Wolf-Theater stellte das Innere eines westdeutschen Kinos dar, das Rathaus wurde zum DDR-Volksbildungsministerium. Hunderte Einwohner Eisenhüttenstadts wirkten als Komparsen mit.

Ende März 2017 entstanden außerdem Szenen in der Außenkulisse Neue Berliner Straße im Studio Babelsberg in Potsdam. Dort wurden der auf das Jahr 1956 zurückversetzte Berliner Kurfürstendamm mit den Capitol-Lichtspielen, Ladenfassaden und Straßenzüge des vermeintlichen Stalinstadts gestaltet. 120 Komparsen belebten die Kulissen.

Kritische Aufnahme

Die Kritiken fielen unterschiedlich aus. Der film-dienst bewertete den Film mit vier von fünf Sternen und lobte die Inszenierung als ein „mit viel Feingefühl“ gestaltetes Drama. Die Figuren seien als komplexe Charaktere angelegt, wodurch ihr moralisches Dilemma glaubwürdig werde. Fragen nach Integrität, Haltung und Widerstand würden als zeitlose Themen erkennbar.

Matthias Dell kritisierte den Film bei Spiegel Online deutlich. Er bezeichnete die Geschichte als „Zeitgeschichtsquark“ und bemängelte „tausendmal gesehene Inszenierungsstandards“. Die Jugendlichen würden von Anfang an als historische Sieger dargestellt, was die Handlung für ihn langweilig mache.

Bert Rebhandl schrieb in der FAZ, der Film sei „ein beinahe mustergültiger Film“. Ihm fehle jedoch eine Andeutung davon, wie sich die DDR damals tatsächlich angefühlt habe. Dafür müsse man weiterhin zeitgenössische Filme heranziehen.

Stefan Stosch lobte in den Dresdner Neuesten Nachrichten, dass der Film frei von Pathos sei und die unterschiedlichen Biografien vieler Beteiligter in die Geschichte einbette. Zugleich werde die Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit nicht deutlich genug. Besonders die Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen Theo, Kurt und Lena wirke „allzu gerundet“. Dietrich Garstka, der Verfasser der Buchvorlage, bewertete den Film dagegen mit den Worten: „Alles treffsicher“.

Veröffentlichung, Vorlage und Auszeichnungen

Die Weltpremiere fand am 20. Februar 2018 bei der 68. Berlinale in der Sektion Berlinale Special statt. Deutschlandweit kam der Film am 1. März 2018 in die Kinos.

Die Vorlage ist Dietrich Garstkas Sachbuch Das schweigende Klassenzimmer: eine wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg. Es erschien 2006 im Ullstein-Verlag in Berlin. Die ISBN lautet 978-3-550-07892-7; Neuauflagen erschienen 2007 und 2008.

Für den Deutschen Filmpreis 2018 war der Film in vier Kategorien nominiert: Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Kamera/Bildgestaltung sowie Esther Walz für das Kostümbild. Er blieb bei diesem Preis unprämiert. 2018 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke.

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