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Daniel Sanders (Lexikograf)

Daniel Hendel Sanders (* 12. November 1819 in Strelitz; † 11. März 1897 ebenda) war ein deutscher Lehrer, Lexikograf und Sprachforscher sowie Dichter und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Leben und Bedeutung
  2. 2. Kritik am Deutschen Wörterbuch und Sanders’ Methode
  3. 3. Wörterbücher und sprachpflegerische Werke
  4. 4. Muret-Sanders und weitere Arbeiten
  5. 5. Nachleben und Daniel-Sanders-Preise

Leben und Bedeutung

Daniel Hendel Sanders (12. November 1819 in Strelitz – 11. März 1897 ebenda) war ein deutscher Lehrer, Lexikograf, Sprachforscher, Dichter und Übersetzer. Seine größte Bedeutung liegt in seinen Wörterbüchern, besonders im Wörterbuch der Deutschen Sprache und in seiner Mitarbeit am später nach ihm benannten Muret-Sanders. Neben den Brüdern Grimm zählt er zu den bedeutendsten deutschen Lexikografen des 19. Jahrhunderts.

Sanders stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Er besuchte ab 1827 die jüdische Freischule in Strelitz und legte 1839 am Gymnasium Carolinum in Neustrelitz das Abitur ab. In Berlin studierte er Mathematik und Naturwissenschaften, außerdem Philologie und Philosophie. Zu seinen Lehrern gehörten unter anderem Peter Gustav Lejeune Dirichlet, August Boeckh, Jacob Grimm und Friedrich Adolf Trendelenburg. 1842 wurde er an der Universität Halle promoviert.

An der jüdischen Freischule in Strelitz arbeitete Sanders zunächst als Oberlehrer und wurde noch 1842 Schulleiter. 1848 war er Redakteur demokratischer Zeitungen und gehörte in Mecklenburg-Strelitz zu den führenden Demokraten. Nachdem seine Schule 1852 geschlossen worden war, arbeitete er als Privatgelehrter, Sprachforscher, Wörterbuchautor und Publizist. Ein politischer Grund für die Schließung ist jedoch nicht eindeutig belegt, da die jüdische Gemeindeschule und die kommunale Schule im Rahmen einer städtischen Schulreform zusammengelegt wurden. Später erhielt Sanders den Professorentitel, 1880 das Verdienstkreuz in Gold und 1889 das Ritterkreuz des Hausordens der Wendischen Krone.

Kritik am Deutschen Wörterbuch und Sanders’ Methode

1852 und 1853 kritisierte Sanders die ersten Lieferungen des Wörterbuchs der Brüder Grimm grundsätzlich und bezeichnete es als „in seiner ganzen Anlage und großentheils auch in seiner Ausführung durchaus verfehlt“. Er bemängelte unter anderem eine unklare Ordnung, unvollständige oder unpassende Belege und eine teilweise ungenaue Darstellung von Wortbedeutungen. Wegen dieser scharfen Kritik wurde er von Universitätsgelehrten weitgehend abgelehnt; seine eigene Wörterbucharbeit wurde von der damaligen Wissenschaft zunächst kaum rezipiert.

Sanders wollte ein gegenwartsbezogenes, übersichtliches und praktisch nutzbares Wörterbuch schaffen. Seine wichtigsten Grundsätze waren:

  • Ausgangspunkt sollte der gegenwärtige Sprachgebrauch sein, nicht die vollständige Sprachgeschichte eines Wortes. Etymologische Angaben, also Informationen zur Wortherkunft, sollten nur berücksichtigt werden, wenn sie zum Verständnis der Bedeutung beitrugen.
  • Der gesamte deutsche Wortschatz einschließlich gebräuchlicher Fremdwörter sollte erfasst werden.
  • Die Bedeutungen eines Wortes sollten klar und analytisch entfaltet werden. Zuerst wurden Hauptbedeutungen, danach Nebenbedeutungen und feine Bedeutungsunterschiede dargestellt.
  • Die Erklärungen wurden durch Belege aus der deutschen Literatur seit Luther, aus wissenschaftlichen Werken, Sprichwörtersammlungen und ungewöhnlicherweise auch aus Zeitschriften veranschaulicht. Dadurch spiegelte das Wörterbuch besonders die Sprache der damaligen Gegenwart wider.
  • Grundwörter, Ableitungen und Zusammensetzungen wurden zusammengeordnet. Auf das Grundwort „Schritt“ konnte zum Beispiel „Fortschritt“ folgen. Das Grundwort stand dabei schematisch am Ende der Zusammensetzung. Diese nichtalphabetische Ordnung erschwert zwar die Benutzung, zeigt aber die Bildungskraft des Deutschen und ermöglicht eine besonders vollständige Erfassung von Ableitungen und Zusammensetzungen.

Wörterbücher und sprachpflegerische Werke

Sanders’ Hauptwerk war das Wörterbuch der Deutschen Sprache. Mit Belegen von Luther bis auf die Gegenwart. Es erschien 1860–1865 in zwei Bänden und drei Teilen; die erste Lieferung war bereits 1859 erschienen. Ein zweiter unveränderter Abdruck folgte 1876. Sanders schrieb nach rund zwei Jahrzehnten Arbeit am 11. Juli 1865, fünf Minuten vor halb zwei Uhr nachts, die letzte Zeile. Das Werk war umfassend und zugleich für den praktischen Gebrauch bestimmt. Das wesentlich umfangreichere Wörterbuch der Brüder Grimm, dessen Veröffentlichung 1852 begonnen hatte, wurde erst 1960 abgeschlossen; das Quellenverzeichnis folgte 1971.

Das Ergänzungs-Wörterbuch der deutschen Sprache erschien 1885. Es erfasste sprachliche Veränderungen seit 1865 sowie zusätzliche Funde und Belege und verstand sich als „Vervollständigung und Erweiterung aller bisher erschienenen deutsch-sprachlichen Wörterbücher einschließlich des Grimm’schen“.

Weitere wichtige Werke waren das Handwörterbuch der deutschen Sprache von 1869, das den Wortschatz ohne Belege und etymologische Erläuterungen für den praktischen Gebrauch darstellte und zu Sanders’ Lebzeiten fünf Auflagen erreichte, sowie das Wörterbuch deutscher Synonymen von 1871. In der Synonymik, also der Untersuchung bedeutungsähnlicher Wörter, zeigte sich besonders Sanders’ Aufmerksamkeit für Bedeutungsunterschiede und Nuancen. Sein Kurzgefasstes Wörterbuch der Hauptschwierigkeiten in der deutschen Sprache erschien erstmals 1872 und kam bis 1908 auf insgesamt 31 Auflagen.

Aus seiner Tätigkeit als Lehrer entstanden sprachpflegerische und pädagogische Werke. Dazu gehören das Fremdwörterbuch von 1871, das den damaligen Gebrauch griechischer, lateinischer und französischer Fremdwörter sowie das allmähliche Vordringen von Anglizismen dokumentiert, die Deutschen Sprachbriefe ab 1878 und ein Verdeutschungswörterbuch von 1884. Sanders beriet außerdem den preußischen Minister Robert Viktor von Puttkamer bei einem gescheiterten Versuch, die Rechtschreibung amtlich zu reformieren. Auf der 1. Orthographischen Konferenz von 1876 vertrat er eine liberale, am Sprachgebrauch orientierte Auffassung. Schreibvarianten mit unterschiedlicher Bedeutung, etwa „Waise“ und „Weise“, betrachtete er als Ergebnis eines „berechtigten Verdeutlichungsstrebens“.

Muret-Sanders und weitere Arbeiten

Daniel Sanders’ lexikografische Arbeit wirkte im Großes deutsch-englisches Wörterbuch Muret-Sanders fort. Eduard Muret konnte bei der Erstellung des bis dahin umfassendsten enzyklopädischen deutsch-englischen und englisch-deutschen Wörterbuchs, an dem von 1860 bis 1890 gearbeitet wurde und das ab 1890 erschien, auf den von Sanders aufgebauten umfangreichen sprachlichen Thesaurus zurückgreifen. Die letzte Lieferung erschien 1901; das Werk wurde unter wechselnden Titeln bis heute aufgelegt.

Insgesamt umfasst Sanders’ Bibliografie ohne Nachauflagen 35 Einzelwerke sowie die Herausgabe der Zeitschrift für Deutsche Sprache. Zu seinen weiteren Arbeiten zählen Kinder- und Jugendliteratur, Übersetzungen aus dem Neugriechischen und Hebräischen, volkskundliche Untersuchungen, eine Geschichte der neugriechischen Literatur, eine Sprachlehre, orthografische Wörterbücher, ein nach Begriffen geordneter Deutscher Sprachschatz, ein Taschen-Lexikon des allgemeinen Wissens, ein Citatenlexikon und Plaudereien aus der Werkstatt eines Wörterbuchschreibers von 1889. Er starb nach wiederholten Grippeanfällen seit 1894 und kurzer Krankheit am 11. März 1897. Die Grabrede hielt der mit ihm befreundete Ober- und Landesrabbiner Jacob Hamburger.

Nachleben und Daniel-Sanders-Preise

Aus dem von Sanders’ unverheirateter Nichte Johanna Sanders hinterlassenen Familienvermögen wurde eine wohltätige Sanders Stiftung errichtet. Zum Vermögen gehörten das Hausgrundstück Fürstenberger Str. 127 in Strelitz-Alt, das früher als Prinzessinnenhaus des Hofes bezeichnet wurde, und 5000 Reichsmark. Eine Gedenktafel erinnerte bis zu ihrer Entfernung 1936 an die Stiftung.

Die Stadt Neustrelitz soll Sanders 1992 posthum die Ehrenbürgerschaft verliehen haben. Ein entsprechender Beschluss der Stadtverordnetenversammlung ist jedoch bisher nicht bekannt. 2019 wurde in Neustrelitz sein 200. Geburtstag mit verschiedenen Veranstaltungen begangen.

Seit 1999 vergibt die Stadt Neustrelitz jährlich den mit 500 Euro dotierten Daniel-Sanders-Sprachpreis an Schülerinnen und Schüler, die in der Region Mecklenburg-Strelitz leben oder dort zur Schule gehen. Aus Anlass seines 100. Todestages wurde 1997 erstmals der Daniel-Sanders-Kulturpreis verliehen. Seit 2014 trägt er den Namen Daniel Sanders Preis für Kultur und Demokratie, wird alle zwei Jahre vergeben und ist mit 5.000 Euro dotiert. Nach der Neubildung des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte wird der Preis seit 2015 in ähnlicher Form durch die Stiftung Kulturgut Mecklenburg-Strelitz weitergeführt.

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