Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Christian Pfister
Pfister studierte von 1966 bis 1970 Geschichte und Geographie an der Universität Bern, wo er 1974 promovierte. Es folgten Studienaufenthalte an der …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Bedeutung
Christian Pfister (* 23. August 1944 in Bern) ist ein Schweizer Historiker und ein Pionier der Historischen Klimatologie. Dieses Fach rekonstruiert Klima und Wetter der Zeit vor instrumentellen Messungen mithilfe historischer Quellen und untersucht deren Folgen für Gesellschaften.
Pfister studierte 1966–1970 Geschichte und Geographie an der Universität Bern, promovierte dort 1974 und habilitierte sich 1982. Von 1997 bis 2009 war er ordentlicher Professor für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte an der Universität Bern. Seit seiner Emeritierung arbeitet er als freier Forscher am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung. Seine Arbeit verbindet Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte, insbesondere Klimageschichte, Agrar- und Bevölkerungsgeschichte, Regionalgeschichte, Energiegeschichte sowie die Geschichte von Naturkatastrophen.
Wichtig war sein interdisziplinärer Ansatz: Er verband Methoden aus Geschichte, Geografie und Klimatologie, setzte quantitative Methoden und elektronische Datenverarbeitung ein und ging von der Rekonstruktion des Klimas zur Erforschung seiner gesellschaftlichen Wirkungen über.
Klima aus historischen Quellen rekonstruieren
Pfister erforscht Klimaveränderungen und Naturkatastrophen aus historischen Dokumenten für die Zeit vor regelmäßigen Messungen von Temperatur und Niederschlag. Ein Schwerpunkt sind Extremereignisse und ihre Bedeutung für Gesellschaften. Solche historischen Ergebnisse können helfen, Risiken abzuschätzen und Statistiken zu erweitern.
Er entwickelte die nach ihm benannten Pfister-Klimaindizes weiter. Sie ermöglichen, aus schriftlichen Quellen Näherungswerte für Temperaturen und Niederschläge zu gewinnen. Damit wurde die Klimageschichte stärker an quantitative Klimawissenschaften angeschlossen.
Im Projekt European Palaeoclimate and Man since the Last Glaciation der European Science Foundation leitete Pfister ab 1989 eine Gruppe, die Dokumentendaten aus ganz Europa sammelte. Ziel war, Karten der Monatswitterung für 1675–1715 zu rekonstruieren. Aus dem für die „Klimageschichte der Schweiz“ (1984) entwickelten Programm ClimHist entstand die europäische Datenbank Euro-ClimHist. Sie wurde seit den 1990er Jahren ausgebaut und enthielt 2019 über 200'000 Records; sie war damit vermutlich die größte klimageschichtliche Datenbank.
Landwirtschaft und Bevölkerung
Pfister unterscheidet für die alte Schweiz vier agrarische Nutzungszonen: das Getreideanbaugebiet im Mittelland, das Hirtenland im Berggebiet, die Zone der Feldgraswirtschaft im Hügelgebiet und das Weinland mit intensivem Rebbau. Seine Analysen konzentrieren sich besonders auf die Getreideproduktion im Kornland.
Eine zentrale Rolle spielt der Stickstoffkreislauf, also die Versorgung des Bodens mit dem für Pflanzen wichtigen Nährstoff Stickstoff. Die alte Getreidewirtschaft war wenig produktiv, weil Düngermangel nicht ausgeglichen werden konnte. Recycling und der Anbau kleeartiger Futterpflanzen verbesserten die Stickstoffversorgung. Dadurch stiegen die Getreideerträge; vom frühen 19. Jahrhundert an wurden Kartoffeln feldmäßig angebaut und die Milchproduktion nahm zu.
Zur Bevölkerungsgeschichte veröffentlichte Pfister „Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie 1500–1800“ 1994; eine zweite Auflage erschien 2007. Historische Demographie untersucht Bevölkerungsentwicklungen der Vergangenheit. Der Band bündelte zahlreiche kleinräumige und regionale Studien zur Frühen Neuzeit und ist laut Artikel bis heute nicht ersetzt worden.
Regionale Entwicklung des Kantons Bern
Pfisters Dissertation von 1974 und Habilitation von 1984 orientierten sich neben der Klimageschichte an der histoire totale der Annales-Schule. Dieser Ansatz betrachtet historische Entwicklungen möglichst umfassend und verbindet etwa Wirtschaft, Umwelt, Bevölkerung und Alltag.
Am Beispiel des Kantons Bern zeigte Pfister, dass sich Räume innerhalb der Schweiz unterschiedlich entwickelten. Seine Monographie „Im Strom der Modernisierung“ (1995) behandelt Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt im Kanton Bern von 1700 bis 1914. Sie berücksichtigt Energieträger und Nahrungsmittel, landwirtschaftliche Produktionsweisen und ihre Modernisierung ebenso wie den Alltag der Menschen.
Seit 1984 baute er die Datenbank BernHist auf. Sie war wichtig für die Monographie und für den „Historisch-statistischen Atlas des Kantons Bern 1750–1995“ (1998). BernHist enthielt 2009 rund 1,5 Millionen Einzeldaten zu Bevölkerung, Wirtschaft, Umwelt und Politik von 1700 bis zur Gegenwart. Eine modernisierte Version wurde 2019 veröffentlicht, erhielt später aber keinen Support mehr.
Energie, Umwelt und Konsumgesellschaft
Pfister gliedert Wirtschafts- und Umweltgeschichte nach ihrer Energiebasis in drei gesellschaftliche Fundamentalperioden: Agrargesellschaften auf der Grundlage von Biomasse, Industriegesellschaft auf der Grundlage von Kohle sowie Konsumgesellschaft auf der Grundlage von Öl und Gas.
Seine These des „1950er-Syndroms“ lautet, dass die heutige Dringlichkeit des Klimaproblems und die große Menge an Plastikmüll mit der Überflutung der Märkte durch billiges Öl seit den späten 1950er Jahren zusammenhängen. Die These löste Aufsehen und Widerspruch aus, ist in der Umweltgeschichte aber weitgehend unbestritten. Der Sammelband „Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft“ erschien 1995 und 1996 in zweiter Auflage; eine weiterführende englischsprachige Synthese folgte 2010.
Naturkatastrophen und ihre Folgen
Pfister zeigte, dass die Schweiz von 1882 bis 1976 weitgehend von Naturkatastrophen verschont blieb. Diese „Katastrophenlücke“ trug seiner Auffassung nach dazu bei, dass Naturrisiken bis in die 1990er Jahre unterschätzt wurden.
In „Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen (1496–1995)“ verknüpfte er Klimaschwankungen der letzten fünfhundert Jahre mit schweren Katastrophen. Er betont den Nutzen historischer Katastrophenforschung für moderne Klimamodellierung und numerische Simulation.
Pfister vertritt außerdem die These, Naturkatastrophen könnten Schrittmacher der Modernisierung sein. Für die Schweiz seien sie zumindest grundlegend für den Aufbau einer landesweiten Solidarität zwischen armen Berggebieten und wohlhabenden Gebieten im Mittelland gewesen. Er wirkte auch an der Erforschung und medialen Aufarbeitung der Dürre in Mitteleuropa 1540 mit.