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Berlin – Die Sinfonie der Großstadt
Berlin – Die Sinfonie der Großstadt ist ein deutscher experimenteller Dokumentarfilm von Walther Ruttmann, der im September 1927 in Berlin uraufgeführt …
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Gegenstand und Bedeutung
„Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ ist ein deutscher experimenteller Dokumentarfilm von Walther Ruttmann aus dem Jahr 1927. Die Uraufführung fand im September 1927 in Berlin statt. Der Film ist 64 Minuten lang, wurde in deutscher Sprache produziert und von der Fox-Europa-Film-Produktion (F.E.F.) hergestellt. Die Musik stammt von Edmund Meisel; Drehbuch und Schnitt übernahm Walther Ruttmann, am Drehbuch wirkten außerdem Karl Freund und Carl Mayer mit.
Der Film beschreibt einen einzigen Tag in Berlin und zeigt dabei Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Großstadt während ihres industriellen Aufschwungs in den 1920er Jahren. Er kommt vollständig ohne gestellte Szenen und erklärende Zwischentitel aus. Berlin erscheint als lebender Organismus: Die Stadt erwacht langsam, steigert sich tagsüber zu hektischer Aktivität und klingt am Abend wieder ab. Diese Entwicklung bildet die Grundlage für den Vergleich mit einer Sinfonie.
Ruttmann verstand den Film als dokumentarisches Kunstwerk. Die Wirkung entsteht vor allem durch die Auswahl und Anordnung der Bilder sowie durch den Rhythmus des Schnitts. Zahlreiche kurze Schnitte machen die Lebendigkeit und Hektik der Stadt sichtbar. Ende der 1920er Jahre ermöglichte eine neue technische Entwicklung, Filme exakt und in vielen kleinen Schnitten zu schneiden und wieder zusammenzufügen. Dadurch konnten Filmschnitt und Filmmusik besonders eng aufeinander reagieren.
Der Film war ein sogenannter Kontingent-Film. Die Produktion war ein Ableger einer amerikanischen Produktionsfirma; im Gegenzug für die Herstellung durfte ein amerikanischer Film importiert werden. Im Juni 1927 wurde der Film mit einer Länge von 1.466 Metern von der Zensur freigegeben. Im deutschen Fernsehen war er erstmals am 14. November 1969 um 21.15 Uhr im ZDF zu sehen.
Aufbau und Tagesablauf
Der Film ist in fünf Akte gegliedert. Zu Beginn fährt ein von einer Dampflokomotive gezogener Schnellzug durch Wiesen, Laubengebiete und Wohngebiete in Richtung Berlin. Die Bahnfahrt grenzt das Umland von der Großstadt ab. Der Zug erreicht den Anhalter Bahnhof nahe dem Stadtzentrum.
Nach einem Schwenk über die Dächer Berlins folgen Aufnahmen der Straßen. Wiederholt ist die Turmuhr des Berliner Rathauses zu sehen. Die zunächst leeren Straßen füllen sich langsam mit Menschen, die zur Arbeit gehen. In Fabriken und Büros beginnt die Arbeit. Der Rhythmus des Films und der Stadt wird immer schneller; kurze Blenden führen wiederholt von den Straßen in die Arbeitsstätten.
Mit dem Glockenschlag um 12 Uhr bricht diese Geschwindigkeit plötzlich zusammen. Die Mittagspause und die Aufnahme von Nahrung unterbrechen den Arbeitsrhythmus. Am Nachmittag beginnt die Beschleunigung erneut. Erst gegen Abend wird die Stadt ruhiger. Der Film zeigt Freizeit am Wasser und im Park sowie später die Vergnügungslokale der Stadt.
Den Abschluss bilden Bilder eines Feuerwerks. Am Nachthimmel kreist das Licht des damals gerade neu errichteten Berliner Funkturms. Damit endet der Tagesablauf, der vom langsamen Erwachen über die industrielle Arbeitshektik bis zur abendlichen Entspannung reicht.
Kritik am Stadtbild
Der Literatur- und Filmkritiker Siegfried Kracauer beanstandete die Oberflächlichkeit des Films und die damit verbundene soziale Blindheit. Seiner Ansicht nach werden zwar viele sichtbare Elemente der Stadt aneinandergereiht, ihre menschliche Bedeutung bleibe jedoch unklar. Als Gegensatz verwies er auf große russische Filme, in denen Säulen, Häuser und Plätze in ihrer menschlichen Bedeutung besonders deutlich gemacht würden. Kracauers Kritik richtet sich damit gegen eine Darstellung, die vor allem Bewegungen, Formen und Abläufe zeigt, ohne die sozialen Hintergründe ausreichend zu erklären.
Originalmusik und spätere Vertonungen
Von Edmund Meisels Originalmusik ist nur eine Klavierfassung erhalten. In den 1970er Jahren spielte der amerikanische Filmmusiker Arthur Kleiner zunächst eine provisorische Fassung für zwei Klaviere und Schlagzeug ein. 1982 arbeitete Günther Becker eine entsprechende Version aus; der fünfte Akt wurde zusätzlich von Emil Gerhardt überarbeitet. Diese Fassung wurde unter anderem in Los Angeles, London, Brüssel und Florenz aufgeführt.
Pierre Henry bezog sich in seinem elektroakustischen Werk „La Ville. Die Stadt. Metropolis Paris – Berlin“ aus den Jahren 1984/1985 ausdrücklich auf Ruttmanns Film. 1987 schrieb Mark-Andreas Schlingensiepen im Auftrag der Berliner Festspiele eine große Orchesterpartitur nach Meisel. Sie wurde in der Berliner Waldbühne mit dem RIAS-Jugendorchester aufgeführt und später beim Musikverlag Ries & Erler veröffentlicht. Danach entstand eine weitere Fassung für 16 Instrumentalisten, die unter anderem vom Klangforum Wien unter Schlingensiepens Leitung gespielt wurde.
Weitere Bearbeitungen für kleinere Besetzungen stammen von Emil Gerhard und Günther Becker, Helmut Imig sowie Hans Brandner; auch diese Fassungen erschienen bei Ries & Erler. 1993 vertonte Timothy Brock den Film mit dem Olympia Chamber Orchestra neu. Diese Musik liegt der DVD-Ausgabe von 1996 zugrunde.
Zum 80-jährigen Jubiläum der Uraufführung gaben ZDF und ARTE 2007 bei Bernd Thewes eine neue Orchestrierung der Originalmusik in Auftrag. Thewes’ Fassung wirkt illustrativer und pathetischer als die von Brock. Sie wurde am 24. September 2007 im Friedrichstadtpalast zusammen mit der restaurierten Filmfassung vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Frank Strobel uraufgeführt. 2012 veröffentlichte die belgische Band We Stood Like Kings den Post-Rock-Soundtrack „Berlin 1927“ und führt ihn live zum Film auf. Im Mai 2016 wurde beim Internationalen Dokumentarfilmfestival München eine neue Komposition von Tobias PM Schneid vorgestellt.
Restaurierung und filmische Nachfolger
2007 wurde der Film im Bundesarchiv-Filmarchiv mit finanzieller Unterstützung des ZDF und in Zusammenarbeit mit ARTE restauriert. Die restaurierte Fassung basiert auf einem Nitroduplikatnegativ aus dem ehemaligen Reichsfilmarchiv. Ergänzt wurde dieses Material durch Elemente einer Kopie, die das Bundesarchiv 1980 von der Library of Congress erworben hatte. Die restaurierte Fassung ist 1.446 Meter lang und hat eine Laufzeit von etwa 64 Minuten.
Bei der Ausstrahlung auf ARTE am 1. Dezember 2007 wurden drei rekonstruierte experimentelle Kurztrickfilme Ruttmanns aus dem gleichen Jahr angeschlossen. Es handelte sich um „Ruttmann opus II“ von 1921 mit Musik von Ludger Brümmer (2007), „Ruttmann opus III“ von 1924 in einer gekürzten Fassung mit Musik von Hanns Eisler (1927) und „Ruttmann opus IV“ von 1925 mit Musik von Sven-Ingo Koch (2007). Motive aus diesen Filmen hatte Ruttmann als Übergänge in der „Sinfonie“ verwendet.
1950 erschien mit „Die Symphonie einer Weltstadt“ ein Film mit ähnlichem Namen und Aufnahmen aus dem Jahr 1941. 2002 kam Thomas Schadts „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“ als Reminiszenz und Fortsetzung in die Kinos. Auch dieser Schwarz-Weiß-Film zeigt musikalisch begleitet einen Tag in Berlin, diesmal 75 Jahre später. Er thematisiert die gesellschaftlichen und städtebaulichen Brüche und Wunden infolge des Krieges und der folgenden Jahre. Während Ruttmanns Film von der Aufbruchstimmung der 1920er Jahre und dem Puls der Technik geprägt ist, verwendet Schadt lange Szenen und langsame Schwenks.