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Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz
Es sammelt und erschliesst Dokumente zur Geschichte von Frauen in der Ostschweiz und forscht zu Migrationsgeschichte. Darüber hinaus kuratiert das Archiv …
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Was ist das Archiv?
Das Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz ist ein 1999 in St. Gallen gegründetes Archiv, zunächst unter dem Namen Archiv für Frauen- und Geschlechtergeschichte Ostschweiz. Es sammelt und erschliesst Dokumente zur Geschichte von Frauen in der Ostschweiz, forscht zu Migrationsgeschichte und kuratiert Ausstellungen mit Objekten aus seinen Sammlungen. Träger ist der gemeinnützige Verein «Regionales Archiv für Geschlechtergeschichte in der Ostschweiz». 2015 erhielt das Archiv den Anerkennungspreis der Stadt St. Gallen. Erste Leiterin war Marina Widmer, seit 2022 leitet Julia Grosse das Archiv.
Geschichte
Ausgangspunkt war der 1986 gegründete Verein «Wyborada Frauenbibliothek» (heute Literaturhaus & Bibliothek Wyborada), der neben einer Frauenbibliothek auch eine Dokumentationsstelle zur Frauengeschichte aufbauen wollte. 1990 startete das zweijährige Projekt «Dokumentationsstelle zur Geschichte der Frauen in der Ostschweiz und im Fürstentum Liechtenstein»; die beteiligten Forscherinnen (Renate Bräuniger, Mechthild Kunath, Ruth Rothenberger und Marina Widmer) sammelten Material und bibliografische Angaben zur Frauengeschichte der letzten zwei Jahrhunderte. Ab 1995 setzte sich eine Initiative mit Vertreterinnen der Gleichstellungsstellen der Kantone Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen, des Projekts und der Bibliothek Wyborada für ein Frauenarchiv ein. Im Sommer 1999 wurde das Archiv eröffnet; das Material aus dem Projekt bildete die Grundlage. Anfangs lag der Schwerpunkt auf Beständen der frühen und der neuen Frauenbewegung, später kamen Vor- und Nachlässe hinzu. Das Archiv sammelt aktiv Plakate und Fotos; ein weiterer Schwerpunkt ist die mündliche Überlieferung mit teils nur Ton-, teils gefilmten Interviews, die zum Teil transkribiert wurden. Nach zehn Jahren erhielt das Archiv seinen heutigen Namen, um die erweiterte Ausrichtung auf soziale Bewegungs- und Migrationsgeschichte widerzuspiegeln. 2003 erschien zum Kantonsjubiläum das Buch «Blütenweiss bis rabenschwarz – St.Galler Frauen – 200 Porträts». Rund um den Sticker-Roman (1938) von Elisabeth Gerter organisierte das Archiv mehrmals Lesekampagnen, einen Schreibwettbewerb und die Neuausgabe des Buchs. 2010 erschien der Quellenband «Frauensache», 2013 startete ein Rechercheprojekt zur italienischen Migration nach dem Zweiten Weltkrieg.
Organisation und Finanzierung
Der Trägerverein übernimmt mit seinem Vorstand strategische Aufgaben; die Mitglieder unterstützen das Archiv ideell, durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und ehrenamtliche Arbeit. Die Finanzierung erfolgte lange über Projekte und Ehrenamt, ergänzt durch Spenden, Mitgliedsbeiträge, ein Legat und 2015 den mit 20.000 Franken dotierten Anerkennungspreis der Stadt St. Gallen. Regelmässige Förderbeiträge kommen vom Kanton St. Gallen (seit 2022 jährlich 80.000 Franken, davor 40.000 Franken) und der Stadt St. Gallen. Mitgliedschaften bestehen im i.d.a. – Dachverband deutschsprachiger Frauen / Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen, bei Frauen*geschichte(n), in der IG Frauenarchive, in der IG Kultur Ost und im Historischen Verein des Kantons St. Gallen.
Sammlung
Das Archiv umfasst mehr als 350 Archivbestände von Organisationen und Gruppen, vorwiegend Archivalien der Alten und Neuen Frauenbewegung sowie von Berufsverbänden und sozialen Bewegungen der Ostschweiz. Hinzu kommen Vor- und Nachlässe von Frauen und Männern im Umfang von rund 240 Laufmetern, Oral-History-Dokumente, Fotos, Plakate und andere Bilddokumente sowie die Datenbank «Bibliografie zur Frauen- und Geschlechtergeschichte Ostschweiz». Ein Teil der audiovisuellen Sammlung ist digitalisiert und in einer audiovisuellen Datenbank als Einzelstück erfasst. Beständeverzeichnis und Bibliografie wurden 2010 im Band «Frauensache» veröffentlicht; das Beständeverzeichnis ist zudem online verfügbar. Das Archiv beherbergt eine Präsenz-Fachbibliothek zur Schweizerischen und regionalen Geschlechter- und Sozialgeschichte mit rund 3.400 Büchern sowie historische Zeitschriften (aus der Frauenbewegung, anderen sozialen Bewegungen und Berufsverbänden) und ausgewählte Fachzeitschriften.
Ausstellungen
Das Archiv kuratiert Ausstellungen zu ausgewählten historischen Themen, mit Objekten und Dokumenten aus seiner Sammlung im Zentrum. Wichtige Beispiele: «Frauen im Dienst des Friedens» (2005, Waaghaus St. Gallen); «Elisabeth Gerter. Leben und Werk» (2006/7, Kulturraum St. Gallen); «Leidenschaft und Widerspruch - Iris und Peter von Roten» (2009, um den Ostschweizer Teil erweiterte Fassung einer Basler Ausstellung); «Il lungo addio - der lange Abschied» (2009, Fotoausstellung zur italienischen Migration an der FHS St. Gallen); «100 Jahre Internationaler Frauentag – 1911 bis 2011» (2011, im Archiv); «Gretlers Panoptikum» (2013, Fotografie und Grafik zur Sozialgeschichte); «Die von Gurs» – Kunst aus dem Internierungslager, Sammlung Elsbeth Kasser (2016, Museum im Lagerhaus, mit der Stiftung für schweizerische naive Kunst und art brut); «Ricordi e stima» (2016/17, Fotografie und Oral History zur italienischen Migration nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er-Jahre, Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen und Stadtmuseum Rapperswil-Jona); «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte» (2021/22, Frauen- und Geschlechtergeschichte der Schweiz von 1848 bis heute, gleiche Ausstellungsorte).
Auszeichnungen und Veröffentlichungen
2015 erhielt das Archiv den mit 20.000 Franken dotierten Anerkennungspreis der Stadt St. Gallen, der jährlich an Personen oder Institutionen mit besonderen kulturellen Verdiensten um die Stadt vergeben wird. Die langjährige Leiterin Marina Widmer erhielt 2022 den alle vier Jahre vergebenen Kulturpreis der Stadt St. Gallen für ihre Arbeit für das Archiv. Zu den Veröffentlichungen des Archivs zählen unter anderem: «Blütenweiss bis rabenschwarz. St. Galler Frauen - 200 Porträts» (Hrsg. Marina Widmer und Heidi Witzig, Limmat, Zürich 2003); das Neujahrsblatt «Neue Frauenbewegung» (145. Neujahrsblatt 2005, Historischer Verein des Kantons St. Gallen); «Nicht die Welt, die ich gemeint: Elisabeth Gerter - Leben und Werk» (eFeF, Bern 2007); «Frauensache. Das Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz» (Hier + Jetzt, Baden 2010); «Aufbruch – Neue Soziale Bewegungen in der Ostschweiz» (156. Neujahrsblatt 2016); «Grazie a voi. Ricordi e stima - Fotografien zur italienischen Migration in der Schweiz» (Limmat, Zürich 2016); «50 Jahre Frauenstimm- + Wahlrecht» (St. Gallen 2021, Hrsg. Marina Widmer und Brigitte Meyer).