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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Alexander Truslit

Im Zentrum seiner Methode stehen Bewegungserlebnisse der Musikwahrnehmung und des Musizierens, die er durch eine graphische Notation in Form von geschwungenen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Bedeutung
  2. 2. Drei Grundbewegungen und Körperarbeit
  3. 3. Forschung und Messverfahren
  4. 4. Technische Analyse musikalischer Bewegung
  5. 5. Lernen, Therapie und heutige Einordnung

Kernidee und Bedeutung

Alexander Truslit (1889–1971) war ein deutsch-russischer Musikpädagoge, Musikforscher und früher Musikermediziner. Seine Methode verbindet Musikwahrnehmung, musikalische Gestaltung und Körperbewegung. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Musik als Bewegung erlebt werden kann: Musikalische Motive und Phrasen sollen als innere, kinästhetische Bewegungen wahrgenommen werden. Kinästhetik bezeichnet dabei die Wahrnehmung von Bewegung, Spannung und Körperlage.

Truslit wollte Musik nicht nur hörbar, sondern körperlich erfahrbar machen. Er stellte Bewegungsverläufe mit geschwungenen graphischen Linien, den Bewegungskurven, dar. Diese sollten helfen, den Spannungsverlauf einer musikalischen Phrase zu erkennen und beim Musizieren umzusetzen. Seine Methode diente auch dazu, Spielbeschwerden von Profimusikern zu behandeln, die mit ungünstigen Spielgewohnheiten zusammenhingen.

Drei Grundbewegungen und Körperarbeit

Im Zentrum stehen drei Ur- oder Grundbewegungen: offene, geschlossene und gewundene Bewegung. Aus ihren Kombinationen können größere musikalische Abläufe entstehen. Sie vermitteln die Bewegungsempfindung von Motiven und ganzen Phrasen und beziehen sich auf deren zeitliche Entwicklung in einer ausdrucksstarken Gestaltung.

Die Bewegungen sind zugleich körperliche Übungen. Sie sollen eine ganzheitliche Grunddisposition für kunstvolles Musizieren entwickeln. Die zentrale Technik heißt Wringen. Anatomisch entsteht sie durch eine minimale Gegendrehung von Oberarm und Unterarm. Dadurch verbinden sich Muskelketten von den Fingerspitzen bis zur tiefen Rumpfmuskulatur; auch die Atmung wird einbezogen. Truslit übernahm das Wringen vom Anatomen August Weinert des Bauhauses. Später wurde es auch in der Tanzmethodik von Rudolf von Laban bekannt.

In Bewegungskursen wurden die Übungen zu gehörter oder vorgestellter Musik ausgeführt. Runde Linienschwünge und der körperliche Spannungsverlauf sollten mit dem Spannungsverlauf einer musikalischen Phrase verbunden werden. Besonders Musizierende sollten lernen, Spannungen und Bewegungen des Körperrumpfes sinnvoll in ihr Spiel einzubringen.

Forschung und Messverfahren

In seinem Hauptwerk „Gestaltung und Bewegung in der Musik“, das 1938 erschien, versuchte Truslit, seinen Ansatz wissenschaftlich zu begründen. Er knüpfte an Elisabeth Caland an, seine Lehrerin und eine Pionierin der physiologisch fundierten Klaviermethodik. Truslit erweiterte die bei ihr kennengelernten runden Spielbewegungen zu einer allgemeinen körpermusikalischen Grundlage des Musizierens.

Er untersuchte die Hypothese, dass eine als innerlich rund erlebte musikalische Phrasierung zu einem gelungenen körpertechnischen und künstlerischen Ergebnis führt. Mit Audioanalysen durch das damals neue Filmgrammophon erforschte er den Einfluss der drei Grundbewegungen auf Dynamik und Agogik. Agogik meint die ausdrucksvolle, nicht streng gleichmäßige Gestaltung des Tempos. Außerdem untersuchte er die Wirkung von Bewegungstraining auf musikalische Interpretationen und wollte die Bewegungskurven mit synästhetischen Musikbildern der Farbe-Ton-Forschung stützen.

Das Buch enthielt umfangreiches Noten- und Kurvenmaterial sowie drei Schellackplatten mit besprochenen Musikaufnahmen.

Technische Analyse musikalischer Bewegung

Truslit nutzte technische Mittel, um den Bewegungsgehalt von Musik möglichst objektiv zu erfassen. Sein Werk war eines der ersten Bücher – und wahrscheinlich das erste musikpsychologische Buch überhaupt – mit Klangbeispielen auf Tonträgern. Die drei Schellackplatten stellten als gelungen geltende Interpretationen solchen gegenüber, die als weniger musikalisch beurteilt wurden.

Für seinen Lehrfilm „Musik und Bewegung“ von 1942 hielt Truslit Scheinwerfer in beiden Händen. Die Lichtspuren seiner Armbewegungen wurden auf Film aufgenommen und anschließend in Bewegungskurven übertragen. So sollte sichtbar werden, wie sich Körperbewegungen in graphische Linien und in die Vorstellung musikalischer Bewegung verwandeln.

Zur Untersuchung von Dynamo-Agogik verwendete er ein Filmgrammophon der Firma Telefunken. Ein Lichtschreiber projizierte das Audiosignal auf ein 4 mm breites Filmband. Damit konnten Tondauern und Amplituden gemessen werden; Amplitude bezeichnet hier die Stärke des Signals. Das Gerät erfasste Signale bis maximal 10 kHz. Für die Messung mussten sich die Schallplatten konstant mit 78/min. drehen. Bei einer konstanten Filmtransportgeschwindigkeit von 456 mm/s erreichte Truslit eine zeitliche Auflösung von 0,001 s.

Lernen, Therapie und heutige Einordnung

Truslit lehrte nicht unmittelbar eine Instrumentaltechnik. Seine implizite Lerntheorie setzte auf einen externen Fokus: Statt einzelne technische Bewegungen bewusst zu steuern, sollten Lernende ihre Aufmerksamkeit auf die Kinästhetik der musikalischen Phrasierung richten. Daraus sollte sich eine leichtere und richtigere Instrumentaltechnik entwickeln. Auf diese Weise therapierte er Spielbeschwerden von Profimusikern.

Anders als etwa Alexander-Technik oder Feldenkrais-Methode, die einen gesunden Selbstgebrauch unabhängig von Musik entwickeln, verbindet Truslits Ansatz Körpertechnik und Musik von Beginn an. Seine Arbeit beeinflusste die internationale Performanceforschung. Wiederholungen seiner Versuche und Untersuchungen von Tempo- und Dynamikverläufen ergaben, dass Interpretationen mit runderen Bewegungskurven von musikalischen Experten als ausdrucksvoller eingestuft wurden.

Auch außerhalb des Musizierens wird der wahrgenommene Bewegungsgehalt von Geräuschen als bedeutsam beschrieben, etwa im Sound Design: Künstliche Geräusche von Elektrofahrzeugen sollen Art und Bewegung des Fahrzeugs eindeutig vermitteln.

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