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Bahnwärter Thiel to go (Hauptmann in 7 Minuten)

Sommers Weltliteratur to go6:57 314.923 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 67 Zeilen
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  1. [Musik] Guten Tag meine Damen und Herren und herzlich willkommen zu Bahnwerter Tiel
  2. von Gerhard Hauptmann. Um es gleich zu sagen, das ist eine ganz schön traurige Geschichte. Ja, mit dabei sind Tiel, der
  3. in schönnstein südöstlich von Berlin lebt und als ob das noch nicht einsam genug wäre, arbeitet er als
  4. Streckenwerter der Eisenbahn mitten im Wald. Er ist in zweiter Ehe verheiratet mit Lene, die vor kurzem ein Söhnchen
  5. zur Welt gebracht hat, während der kleine Tobias der Sohn Tiels aus erster Ehe ist. seine Mutter Mina starb bei der
  6. Geburt und ansonsten gibt's noch ein paar Nebenfiguren. Hauptmann schreibt seine novelistische Studie 1887. Es ist
  7. eine knappe Geschichte, die es in sich hat. Tiel ist fleißiger Kirchgänger. In 10 Jahren fehlt er nur an zwei Sonntagen
  8. aufgrund von massiven Verletzungen, weil die Leute immer Sachen aus dem Zug schmeißen. Wo ist denn hier eigentlich
  9. die Kirche? Na ja, die Natur um ihn herum fungiert in dieser Erzählung sehr oft als sakraler Ort. Gleichzeitig ist
  10. es aber auch so eine Industrieehölle. Ja, mit stahlglänzenden Blättern und feurigen Sonnenuntergängen. Herr
  11. Pfarrer, ja, ich würde gerne noch mal heiraten, aber das mit der Miner ist doch erst ein Jahr her. Ja, wegen
  12. Tobias, dass sich wer um ihn kümmert. Ach so, ist was anderes. Also heiratet er Leene. Genau. Wie ist sie ein
  13. Arbeitstier? Zuverlässig wie ein Uhrwerk. Aber sieht man hier, sie hat echt Haare auf dem Zehen. Vielleicht
  14. hätte ich das doch nicht machen sollen. Die kann den Tobias echt nicht leiden. Vor allem, seit sie das Kleine hat. Aber
  15. jetzt ist es halt so und ihr Dekoltee, er ist ihr sexuell verfallen. Na ja, hier in meinem Bahnwerterhäuschen habe
  16. ich ja nachts nichts zu tun. Da sta ich auf die Fotografie von meiner Minner, singe Lieder aus dem Gesangbuch und lese
  17. in der Bibel. Das macht man halt so, wenn man Streckenwerter ist. Eines Juni morgens kommt er vom Dienst nach Hause
  18. und die Frau nöllt ihm die Ohren voll. Unser Kartoffellaker ist weg, der Gepachtete. Wir werden verhungern. ist
  19. alles deine Schuld. Und er so: "Mein Chef, der Bahnmeister verpachtet uns ein Acker an der Bahn." Nee doch, glaube ich
  20. nicht. Sind zwei Obstbäume drauf. Was? Das muss ich gleich rumerzählen. Und während sie mit der Neuigkeit abdampft,
  21. kümmert er sich um seinen Sohn. Na Tobiaschen, was willst du denn werden? Bahnmeister. Das ist eine Fantasie, die
  22. sie beide erfreut, wenn es auch unwahrscheinlich ist, weil er ein bisschen zurückgeblieben ist. Nachmittag
  23. spielt er dann mit ihm und den anderen Kindern aus dem Dorf hilft ihn beiden Hausaufgaben, auch wenn das ganze Dorf
  24. darüber lästert. So, jetzt muss ich aber zum Dienst. Und er geht ab zum Dienst. Oh, der Wald sieht ja heute wieder wie
  25. eine Industriehölle aus. Scheiße, ich habe mein Butterbrot vergessen. Geht nach Hause. Von weitem hört er schon
  26. spitze Schreie und dumpfe Schläge, denn Lene hat sich mal wieder über den Tobias her gemacht und misshandelt ihn. Du
  27. kleines Mist. Tierel, spionierst du mir nach? Ich habe nichts zu verbergen und ihr reiß mich zusammen. Es hat eh keinen
  28. Sinn. welt mit dem Butterbrot, dampft wieder ab, während sein Sohn in der Ecke weiter wimmert. Das ist echt hart. Seine
  29. Hauptaufgaben während des Dienstes bestehen darin, rechtzeitig die Barriere zu schließen, wenn zukommt und ansonsten
  30. die Strecke zu inspizieren. Er hat also viel Zeit. Jetzt geht er mal mit dem Sparten zu diesen neuen Acker direkt an
  31. der Bahnschiene und gräbt ein bisschen plötzlich so: "Nee, das geht ja nicht. Wenn die Lehne hier immer herkommt und
  32. an dem Kartoffelacker arbeitet, dann stürte mich ja an meiner Männerandacht." Und diese Vorstellung nimmt ihn so mit,
  33. dass er während des Dienstes in seiner Hütte einschläft, was ein Supergau ist. Oh Gott, fünf Vor Schnellzug, aber noch
  34. rechtzeitig wacht er auf. Es regnet, er nimmt die Mütze ab und schließt die Barriere. Und dann während der Zug auf
  35. ihn zurollt, sieht er von weitem hat er die Vision seiner toten Frau, ja, die ein blutiges Bündel im Arm trägt und auf
  36. ihn zustürzt. Und er so: "Minner, sie flieht offensichtlich mit ihrem Kind." Ja, trotz dieser verstörenden Erfahrung
  37. vergeht der Sonntag einigermaßen normal im Hause. Tiel abends nur sagt die Lehne dann so und morgen komme ich d mal mit
  38. zum Kartoffelacker und der so und die so hey Tier. Aber er sagt mal wieder nichts. Also packt die Familie am
  39. nächsten Morgen Kind und Kegel, denn es soll ja dann den ganzen Tag gearbeitet werden, also müssen alle mitkommen und
  40. macht sich auf den Weg zum neuen Kartoffelacker. Die kommen an, die Frau prüft die Qualität des Bodens und ist
  41. zufrieden, was ihn zufrieden macht. Und dann fängt sie an zu graben und sagt zu, aber der Tobias bleibt bei dem kleinen,
  42. ich höre nichts. Und dann gehen Vater und Sohn erstmal ein bisschen da im Wald spazieren und der Kleine freut sich und
  43. der Papa freut sich deswegen und dann läuft ihn ein Eichhörnchen überm Weg. Das wä jetzt mal ein Eichhörnchen und
  44. der Sohn so: "Papa, ist das der liebe Gott?" Ach du kleiner Dep. Dann ist Mittagessenszeit und endlich ist mal ein
  45. bisschen Ruhe in dieser Familie und der Tiel so nahlehne, kannst du dir vorstellen, dass in einer einzigen
  46. Schiene 46 Schrauben sind? Oh wow. Also, ich pflanze jetzt Kartoffeln und jetzt bleibt der Tobias hier und so: "Na gut,
  47. aber passt auf." Ja, wir sind ja an entschiedenen. Und er inspiziert seine Strecke weiter. Ah, der schlesische
  48. Schnellzug. Wieso pfeift denn der dreimal? Wieso bremsen die? Nein, Jesus Christus. Und
  49. er sieht eine dunkle Masse unterm Zug. Tobias ist überfahren worden. Der Zug hält. Leute strömen heraus und sag, er
  50. lebt noch schnell. Wir können ihn vielleicht zum Bahnarzt bringen. Tiel nimmt ihn erst auf den Arm. Dann gibt er
  51. ihn aber Lehne, weil er natürlich seinen Posten nicht verlassen kann, was ganz schrecklich für ihn ist. Also fährt die
  52. ganze Truppe mit dem halbtoten Kind im Arm ab und er irrt umher. Er muss leben. Mner, gib ihm mir wieder. Dann kommt das
  53. Eichnchen vom Einkaufen zurück. So, der liebe Gott springt über den Weg und ihr Balk lebt und er beugt sich über
  54. das Kind im Kinderwagen und will es schon erwirgen. Da besinnt er sich eines Besseren, sagt: "Es lebt, Gott sei
  55. Dank." Und dann kommt der Kieszug. Der Kieszug ist ein langsamer Zug, der die Arbeiter aus der Gegend, die im Kieswerk
  56. leben, arbeiten und so weiter, nach Hause bringt. Der Zugführer kommt auf ihn zu und gibt ihm die Hand, denn sie
  57. haben die Leiche von Tobias dabei. Er ist tot und dann wird Tiel ohnmächtig. Sie legen die Leiche von Tobias in das
  58. Bahnwärterhäuschen. Tiel wird nach Hause gebracht. Dort kümmert sich seine Frau relativ rührend um ihn, macht ihm kalte
  59. Umschläge und die Arbeiter gehen noch mal weg, um die Leiche von Tobias zu bringen. Als sie wiederkommen, finden
  60. sie Lehene mit eingeschlagenem Schädel und ihren kleinen Sohn mit durchschnittener Kehle. Tiel ist
  61. offensichtlich wieder zu sich gekommen und hat sie umgebracht. Er wird gesucht und zunächst mal nicht gefunden. Etwas
  62. später dann entdecken Sie ihn an der Stelle, an der Tobias überfahren worden ist auf den Gleisen sitzen mit Tobias
  63. brauner Mütze in der Hand. Die wäre jetzt mal braun. Nur mit Gewalt können Sie ihn von den Schienen entfernen,
  64. damit der nächste Zug vorbeifahren kann. Dann wird er in eine Psychiatrie gebracht, wo er wahrscheinlich bis ans
  65. Ende seiner Tage bleibt. Und so endet der Mann, der sich so in seiner Pflicht gefangen fühlt, dass er sein Liebstes
  66. verrät und verliert. Und das liebe Gemeinde war Bahnwärter Tiel von Gerhard Hauptmann.
  67. Vielen Dank.

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