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Frauen und Männer der Steinzeit | Doku HD Reupload | ARTE
Das Wichtigste aus dem Video
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Transkriptautomatisch erstellt · 302 Zeilen
- [musik] 28. März 1872. Der Archäologe [musik]
- Emil Rivier entdeckt ein Jahrtausende altes menschliches Skelett. Dieser bedeutende Fund wird unser Bild von den Männern und vor allem von den
- Frauen der Steinzeit [musik] nachhaltig verändern, denn er zieht umfangreiche Forschungen [musik] nach sich, die ein ganz neues
- Bild der Vorgeschichte zeichnen, das Generationen von Wissenschaftlern [musik] prägt.
- Weitere Grabfunde an anderen Orten Europas steuern im Laufe der Zeit zusätzliche Informationen bei. Die Forschungsergebnisse stellen [musik]
- diese Völker von nomadischen Jägern und Sammlern deutlich komplexer da als ursprünglich gedacht. Begeben wir uns auf eine Zeitreise 25
- 000 Jahre in die Vergangenheit. เฮ
- [musik] Die Balzirossi, die roten Felsen an der französisch-italienischen [musik]
- Grenze. Hier liegen die Grimaldiöhlen. Insgesamt sieben schmale Felsspalten, [räuspern] darunter die Cavillon Höhle, in der IL Rivière das Skelett [musik]
- 1872 entdeckte. Elena Rossoni Noter, [musik] Direktorin des Prähistorischen Museums
- in Monaco, das an der Wiederaufnahme der Untersuchungen beteiligt war, [musik] führt uns hin.
- Als Emil Rivier hierherkam, war die Höhle noch komplett mit Sediment und Erde ausgefüllt. Jetzt ist sie leer.
- Sev führte über 18 Monate lang Grabungen durch und im März 1872 fand er zu seiner Überraschung einen menschlichen Fuß. Dann die große Entdeckung, ein
- vollständiges Skelett. [musik] Emil Rivières Entdeckung ist beispiellos. Erstmals wurde ein Skelett
- aus der Steinzeit [musik] komplett mit allen Grabbeigaben und Schmuck gefunden. Rivier tauft seinen Fund nach der nächst gelegenen [musik]
- Stadt auf den Namen Mann von Monton. Das Skelett [musik] lag auf die linke Seite gedreht, etwa 7 m vom Eingang
- entfernt, nahe der rechten Seitenwand. [musik] Seine Haltung strahlte Ruhe aus, wie ein Mann, den sein plötzliches Ableben ohne
- heftigen Todeskampf im Schlaf ereilt hatte. Rivier vertrat die Auffassung, er sei im Schlaf gestorben. Deshalb hielt er es
- auch für keine richtige Grabstätte. Im 19. Jahrhundert dachte man, dass prähistorische Menschen ihre Toten nicht beerdigt hätten.
- Für eine Reihe von Autoren ging die Existenz von Gräbern mit dem Glauben an ein Jenseits und mit einer Religion einher. Der wilde aus der Steinzeit, wie
- man ihn sich vorstellte, war nicht religiös. 1872 kennt man vom Homo Sapiens nur die Überreste des Chromagnon [musik]
- Menschen, die gerade erst in der Dordonnie in Südwestfrankreich entdeckt worden sind. Doch das waren nur einzelne verstreut
- liegende Knochen. Kein Vergleich also mit dem Skelett [musik] des Mannes von Montan, das hervorragend erhalten ist und einen aufwendigen [musik]
- Kopfschmuck aus perforierten Muscheln trägt. Zwischen 1872 [musik] und 1900 finden Emil Rivier und weitere
- Forscher insgesamt [musik] 15 Individuen in den Höhlen von Balzirossi. Bald darauf werden auch an anderen Orten Europas Skelette [musik] aus der
- Steinzeit gefunden. Um die Jahrhundertwände verdichten sich die Beweise.
- Irgendwann war die Diskussion beendet, weil es sich nicht mehr leugnen ließ. Vorher dachte man, dass sie in Höhlen im Schlaf gestorben oder ertrunken seien,
- weil ein Fluss in der Nähe über die Ufer getreten war oder dass die Skelette aus jüngerer Zeit stammten. Man suchte also viele Gründe, aber mit zunehmender
- Erforschung wurden all diese Argumente hinfällig. Die Vorstellung vom prähistorischen wilden Gerät ins wanken. Was, wenn diese
- Völker ganz anders sind als gedacht? Weniger affenähnlich, zivilisierter. Als im 20. Jahrhundert immer mehr archäologische Grabungen Aufsehen
- erregen und sich die Forschung weiterentwickelt, geraten die Funde in Vergessenheit, bis der Mann von [musik] Montan in den 1990er Jahren wieder ins
- Scheinwerferlicht drückt und mit einem weiteren Vorurteil über die Vorgeschichte aufräumt.
- Das Skelett befand sich im Labor für Vorgeschichte des Pariser Muse Lom und ich sah es jeden Tag. Mir fiel auf, dass das Becken gar nicht männlich aussah. Es
- war breit und hatte eine große Sitzbeinöffnung wie ein weibliches Bett. Was das Grabungsteam damals sicher verwirrt hat, war die kräftige Statur.
- Einen kräftigen Körperbau bringt man eher mit einem Mann in Verbindung, obwohl es auch kräftige Frauen gibt. Zweitens trug das Skelett einen
- Kopfschmuck. Weil es so sorgsam geschmückt und bestattet war, dachte man, es handel sich wohl um ein Stammesoberhaupt und
- das sind in der Regel Männer und keine Frauen. Letztlich ergaber die anatomische Untersuchung, dass es eben doch eine
- kräftige Frau war. Wir taften sie deshalb um in Dame von Cavillon.
- Nach zahlreichen Abdrücken wird das Skelett sorgsam aus der Erde herausgelöst, gescannt und neu analysiert.
- Wir haben es freigelegt, um jedes Teil einzeln zu scannen und anatomisch genau zu untersuchen.
- Das Epad Lymle bildet ein interdisziplinäres Team. Es veranlasst eine Neuuntersuchung, bei der alle aktuellen Verfahren und Kenntnisse zum
- Einsatz kommen sollen, um mehr über die Dame von Cavillon in Erfahrung zu bringen. Da sie ein Homo Sapiens ist, ähnelt sie
- uns. Sie gehört zurelben Art wie wir. Die Analysen haben ergeben, dass sie mit etwa 30 Jahren starb und wahrscheinlich Kinder geboren hat. Aber wie muss man
- sich die Dame von Cavillon vorstellen? Wie kann man sie rekonstruieren, ohne in überholte Klischees zu verfallen? Die DNA-Analysen ihrer Knochen geben
- diesbezüglich zwar nichts her, aber man weiß heute, dass ihre Zeitgenossen in ganz Europa dunkle Haut und helle Augen hatten.
- Wir haben sie mit der Carbon 14 Methode datiert und dazu Muscheln aus ihrem Kopfschmuck entnommen, die aus derselben Zeit stammen. Die Datierungen ergaben
- ein Alter von etwa 24 000 Jahren. Damit gehörte sie einer großen Zivilisation an, die wir als Gravitian bezeichnen.
- Das Gravettien ist eine Unterperiode der Jungsteinzeit. Diese Kultur aus der Zeit vor 34 bis 24 000 Jahren ist in ganz Europa vertreten. Sie zeichnet sich
- unter anderem durch ihre Werkzeuge und Waffen aus Feuerstein aus. Dazu zählt auch diese namensgebende Gravettspitze. Aus derselben Zeit stammen auch die
- französischen Höhlen Kosker, Pesmerl und Gargas. Zur Zeit des Gravettiens, also der Dame von Cavillon, ist das Klima viel kälter
- als heute und die Vegetation eine andere. Ausgedehnte Gletscher in Nordeuropa und den Bergmassiven binden das Meerwasser.
- Überall treten die Küsten zurück. Von den Balzirossi erstreckt sich eine weite Ebene mit viel Wild. Die Menschen
- leben in kleinen Gruppen zusammen. Als nomadische Jäger und Sammler sind sie über große Strecken von mehreren hundert Kilometern unterwegs.
- Neben der Cavillonhöhle liegt die Halbhöhle Moki, in der bis heute Ausgrabungen stattfinden. Die Funde aus derselben Zeit [musik]
- erzählen vom Alltag der Dame von Cavillon. An diesem Ort hielten sich die Gruppen sicher für längere Zeit auf. Sie
- bewegten sich ansonsten ziemlich schnell von einem zum nächsten. Dabei nutzten sie entlang der Strecke alle Rohstoffe, die sich in den Boden.
- Fabio Negrino hat die Ausgrabungen in Balzirossi geleitet. Er erklärt, was man dank neuester Forschung über die Lebensweise der Menschen weiß.
- Man findet Überreste von Kultobjekten, Handwerk, Tieren und auch Objekte mit eher ideellem Wert, künstlerische und dekorative Stücke.
- Außerdem Werkzeug für den Alltagsgebrauch zum Gerben von Heuten, zum Zerkleinern von Fleisch oder zum Zerlegen von Gerippen.
- Es wurden Klingen aus einem hochwertigen Rohstoff hergestellt, aus Feuerstein von sehr guter Qualität. Die Steinmetze des Gravetti waren in ihrer Produktion sehr
- anspruchsvoll. Sicherlich gab es ab dieser Zeit bereits spezialisierte Handwerker, so etwas wie Steinmetzmeister mit Werkstätten und
- Lehrlingen. Es gab sogar Kinder, die sich ungeschickt am Behauen versuchten. Ein Prähistoriker erkennt das sofort,
- weil die Keile grobe Fehler haben. Sie spielten Steinmetzlehrling. Man weiß, [musik] dass diese Menschen Feuer machen, Leder bearbeiten und mit
- Ale und Sehnen Kleider nähen. Der in den Gräbern gefundene Schmuck, die gejagten Tierarten und unser Wissen über das damalige Klima lassen vermuten, dass
- ihre Kleidung und Schuhe warm und sorgfältig genäht sind und sie Wert auf ein gepflegtes Äußeres legen. So wie viele der heutigen Jäger und Sammler.
- Wenn wir von damaligen Jägern und Sammlern reden, denke ich nicht, dass sie Sinn für Mode hatten. Er schrieb ihre Kultur eine bestimmte Art der
- Dekoration und einen bestimmten Kleidungsstil vor. Die Menschen schmückten ihre Körper auf diese Weise und schufen sich so etwas,
- dass wir im anthropologischen Jargon Identität nennen. Eine Identität durch Kleidung, Perlen und Körperschmuck.
- Könnten die Muscheln auf dem Schädel der Dame von Cavillon neben einem Sinn für Körperschmuck auch auf den Status dieser Frau und ihre Identität innerhalb der
- Gruppe hinweisen? In ihrer Werkstatt hat Marion Catrepois den Kopfschmuck der Dame von Cavillon
- genau untersucht, um ihn so zu rekonstruieren, wie er ursprünglich aussah.
- Die Muscheln waren auf eine bestimmte Art aufgerei eher aufgefäelt. Man erkennt diese Anordnung an mehreren
- Stellen. In vielen Gräbern aus der Zeit des Gravchen findet man Schmuck, vor allem Kopfschmuck, der mit Muscheln und
- Hirschzähnen besetzt ist. Die verwendeten Muscheln waren gar nicht so selten und stammen alle von der
- gleichen Art. Nassa Nerita. Ich weiß, dass an anderen Orten auch andere Muscheln verwendet wurden, aber bei der Dame von Cavillon ist es
- ausschließlich diese Art. Zur Identität [musik] des Volkes der Dame von Cavillon, das in Meeresnähe
- lebt, gehört ein Kopfschmuck aus Muscheln, Fischwirbeln und Hirschzähnen. Vielleicht um sich von anderen Stämen abzuheben.
- In Italien findet man die gleiche Materialkombination in anderen Gräbern des Gravettiens. Andere Gruppen in Osteuropa und Russland
- entwickeln ein Febel für Fuchszähne und Mammutelfenbein. Über solche regionalen Identitäten hinaus zeigt sich aber auch, dass
- Rohstoffe über große Entfernungen weitergegeben werden. Ein Beleg für erste Tauschgeschäfte.
- Vom Muscheltausch wissen wir z.B., dass er sogar zwischeneinander Unbekannten stattfand, die ihre Wahen und Ideen über große Entfernungen hinweg
- mit Hilfe von Vermittlern tauschten. So sind z.B. Feuersteine oder Muscheln aus der Mittelmeerregion oder vom
- Atlantik im Landesinneren gelandet, wobei die Küste weiter draußen lag als heute. Auch wurden Mammut, Elfenbein, Steatit
- und andere Halbedelsteine zu kleinen Figürchen oder Statuetten verarbeitet. Überall findet man Kopfschmuck, auch bei den weiblichen Statuen, die in ganz
- Europa auf Gravetier Gebiet gefunden wurden und ein Hinweis für einen gemeinsamen Glauben sind.
- Was war ihre ursprüngliche Funktion? Handelte es sich um Amulette, die den Frauen Kraft verliehen oder um etwas anderes? Genau diese Figürchen machen
- die prähistorischen Frauen für uns sichtbar. Sie wurden lange Zeit vernachlässigt.
- Die Bedeutung der Dame von Cavillon liegt darin, dass sie eine Frau ist. Bis vor kurzem dachte man noch, dass aufwendiger Schmuck allein den Männern
- vorbehalten war. Hier sieht man aber, dass eine Jägerin und Sammlerin aus dem Gravien ein Grab
- mit allen erdenklichen Ehren bekam. Das verändert auch die Vorurteile, die wir aufgrund unserer traditionell
- machistischen westlichen Sichtweise haben und die bei der Rekonstruktion prähistorischer Funde bis heute eine Rolle spielen.
- Kann man herausfinden, ob Männer und Frauen Feuersteine bearbeiteten? Unmöglich, die Rollenverteilung nur anhand der Feuersteinwerkzeuge zu
- bestimmen, die bei Grabungen gefunden wurden. Woher wissen wir, ob andere Tätigkeiten geschlechtsgebunden waren, wie es heute
- bei den meisten Jägern und Sammlern der Fall ist? Kann man z.B. herausfinden, ob Vertreter beiderlei Geschlechts auf der Jagd
- waren? Man kann an der Skelettstruktur der Frauen erkennen, dass sie eine ähnlich
- stark entwickelte Oberarmmuskulatur hatten wie die Männer. Das ließe also darauf schließen, dass sie an der Jagd beteiligt waren.
- Wahrscheinlich hatten sie auch eine bestimmte Aufgabe innerhalb der Gruppe, eine naturgegebene Aufgabe als Mütter, die die Kinder großzogen und vermutlich
- die Nahrung zubereiteten. Vor allem aber kann man feststellen, dass es kein Ungleichgewicht im
- Verhältnis zwischen den Geschlechtern dieser Jäger und Sammler gab. Allerdings sind das alles Hypothesen.
- Bis heute wurde etwas weniger als die Hälfte der Gravettiergräber als Frauengräber identifiziert. Das Geschlecht scheint bei [musik] der
- Bestattung also keine große Rolle gespielt zu haben. Doch die geringe Zahl der Gräber weist auf eine spezielle Auswahl der Toten hin.
- wissen nicht genau, welchen Status diese Personen hatten. Neben den Steinmetzmeistern gab es vielleicht auch Kunstmeister, Jagdmeister oder
- Schamanen. Männer wie Frauen mit einer Sonderstellung in der Gesellschaft, die eine spezielle Behandlung bekam,
- denn die Zahl der in Europa gefundenen Gräber ist im Vergleich zur Bevölkerung viel zu klein. Auch wenn wir nicht alles gefunden haben und einige der Gräber
- nicht mehr existieren, fehlt uns ein Großteil der Chronik. Deshalb können wir davon ausgehen, dass die Gräber Individuen gehörten, die
- einen höheren Status hatten. Lange dachten wir, dass die Steinzeitmenschen mehr oder weniger
- gleichrangig waren, dass sie keine gesellschaftlichen Hierarchien hatten. Aber es gab einige Überraschungen und wirklich interessant ist eine Fundstätte
- in Russland namens Sungir. [musik] Die Grabstätten von Zungir liegen 180 km von Moskau entfernt und
- wurden in den 1960er [musik] Jahren entdeckt. [musik] Generationen von Forschern waren beeindruckt vom Reichtum ihres Schmucks
- und ihrer Grabbeigaben. [musik] Sie wurden auf ein Alter von 30.000
- Jahren datiert und übertreffen mit ihrer Pracht alle steinzeitlichen Funde über 10tausende von Jahren.
- Alexandra Budilova ist Forschungsleiterin am Anthropologischen Institut in Moskau. Vor einigen Jahren untersuchte sie einzelne Skelette aus
- Zungier. Die hier gemachten Funde sind einzigartig.
- Sie sind Teil des weltweiten kulturellen Erbes und schildern die außergewöhnliche Geschichte einer sehr fernen Vergangenheit.
- Das erste Grab 1964 entdeckt gehörte einem erwachsenen Mann. In dem zweiten, das man einige Jahre später fand, lagen zwei Kinder.
- Man fand hier zwei Kinder sowie mehrere tausend Schmuckelemente. Die Kinder waren etwa 8 und 10 Jahre alt. Wir hatten gedacht, Kinder könnten
- diesen Status gar nicht in ihrem kurzen Leben erwerben. Unseren anthropologischen Theorien zufolge mussten sie ihn also geerbt haben. Das
- würde aber bedeuten, dass wir nicht von gleichrangigen Gesellschaften sprechen, sondern von Reichtum und sozialen Schichten, in die man hineingeboren
- wurde. Damit würde sich unser Blick auf unsere steinzeitlichen Vorfahren sehr verändern.
- In der Tat, das Grab der beiden Kinder beeindruckt durch die [musik] Vielzahl der gefundenen Objekte und die Qualität ihrer Ausführung. Mehrere große Lanzen
- aus Mammutstoßzähnen [musik] gehören zu den außergewöhnlichen prähistorischen Stücken.
- Wenn wir die Zahl der Objekte, Werkzeuge und Schmuckgegenstände im Grab der beiden Jungen vergleichen, ist das zweite Grab natürlich reichhaltiger
- ausgestattet als das erste. Auch die Menge und Qualität der Perlen aus Mammutelfenbein, die man auf den
- Skeletten [musik] fand und die wohl auf die Kleidung aufgenäht waren, verblüfft. Wir gehen davon aus, dass jede Perle 3 Stunden Herstellungsaufwand erforderte.
- Das macht 35 000 Arbeitsstunden, eine enorme Arbeitsleistung pro Person. Das ergibt zehn Leute, die 60 Tage lang nichts anderes taten als Perlen
- herzustellen. Kaum vorstellbar. Es überrascht, so viele Grabbeigaben und Schmuck in einem steinzeitlichen Grab zu
- finden. Einige Kollegen gehen von einer hierarchischen Gliederung der
- Steinzeitgesellschaft aus. Die Jäger und Sammler waren also vielleicht doch nicht ganz so gleichberechtigt vor ihrem Schöpfer.
- Anderswo in Europa geben weitere Gravetier Gräber Hinweise, dass es auch in der Steinzeit Reichtümer gab. Etwa die [musik] 30 cm langen Klingen im
- Grab des sogenannten jungen Prinzen in der Fundstätte Arene Candide und weitere in Balzirossi. Außerdem Elfenbeinperlen in einer Region, in der es kaum
- Elfenbein gab. Diese seltenen Materialien aus teilweise über 100 km Entfernung sowie die hochwertige Ausführung von Objekten in
- den Gräbern sind wichtige Hinweise, um einzuordnen, was als Prestige galt, [musik] als man noch kein Gold und Silber kannte.
- Während einige Forscher die Möglichkeit gesellschaftlicher Hierarchien in der Steinzeit in Betracht ziehen, lehnen andere dies ab. Wer recht hat, lässt
- sich aufgrund der archäologischen Indizien nicht sagen. Ich möchte diese reichhaltigen und einzigartigen Gräber nicht allein damit
- erklären, dass es sich hier um Individuen von höherem gesellschaftlichem Rang handelt.
- Die Ethnografie lehrt uns, dass die Gesellschaft der Jäger und Sammler gleichberechtigt war. Handwerk und wurden sehr geschätzt, aber
- von Reichtum ist nirgendwo die Rede. Der Stamm der Su im Amerika der Neuzeit war auch dafür bekannt, Kleidung, Schuhe
- und Accessoires mit Perlen zu besticken und dafür unendlich viel Zeit aufzuwenden.
- müssen also nach einer anderen Erklärung suchen, weshalb man sich beim Begraben dieser Toten solche Mühe gegeben hat.
- Wie kommt es, dass manche Gräber reicher geschmückt sind als andere? Wurden diese Menschen etwa mehr geliebt? Vielleicht wurde dieser Schmuck auch von
- den Betroffenen selbst hergestellt und es war eine Festracht für Zeremonien. Auch bei uns hat man Menschen bis vor nicht allzu langer Zeit in Festkleidung
- beerdigt. Vor allem Kinder zieht man oft festlich an. Vielleicht haben die Eltern aus
- Liebe schöne Kleidung für sie angefertigt. Wir müssen hier auf das zurückgreifen, was wir von jüngeren Völkern, von Jägern
- und Sammlern wissen. Dort findet man alle möglichen Varianten. Z.B. dass es sich bei den Grabbeigaben um Besitztümer des Toten handelt, die man auf keinen
- Fall anrühren darf, oder dass Objekte als Grabgeschenk mitgegeben wurden, um den Toten oder
- seine Familie zu würdigen. Es gibt auch Fälle, bei denen nichts davon zutrifft, weil alles, was dem
- Verstorbenen gehört in der Gesellschaft aufgeteilt wird als Beweis für seine Position.
- Man findet also in sehr ungleichen Gesellschaften, in denen es Reichtümer gab, auch Gräber, die gar nichts enthalten.
- Auch das tschechische Meeren gilt als Hochburg für prähistorische Funde. Auf wenigen Quadratkilometern entdeckte man hier mehrere Fundstätdten, [musik]
- darunter Dolny Viestoniz, das heute von Weinreben überwachsen ist. Die Völker, die vor 30.000 Jahren hier lebten, waren alles andere als primitiv
- und beherrschten bereits die [musik] Keramikherstellung, die Weberei und das Schnitzen von Mammutelfenbein. Diesen Stoßzahn könnte man als früheste
- Landkarte der Welt interpretieren. Auch ihre Bestattungsrituale waren überraschend ausgefeilt. [musik] Die meisten Leute wurden einzeln
- beerdigt und nur mit den Schulterblättern von Mammuts bedeckt. [musik] Doch ein Dreiergrab hat die
- Wissenschaftler verblüfft. Bei seiner Entdeckung wirkte es wie inszeniert. [musik]
- Das kleine Museum von Pavlov in einigen Kilometern Entfernung zeigt einen Abdruck des rätselhaften Grabfundes. Irji Woboda war 1986 bei [musik] seiner
- Freilegung dabei. Wir fanden zunächst leuchtend rote Schädel, die mit einem Pigment und
- Schmuck bedeckt waren. Erst in den Tagen danach haben wir alles freigelegt und die gesamte Städte ausgegraben. Von da an konnten wir verschiedenste
- Theorien und Hypothesen darüber aufstellen, was wir hier entdeckt hatten.
- Der Mann rechts liegt auf dem Bauch, der links streckt seine Hand zum Becken des Mittleren aus. Die Schädel, aber auch die Geste der
- Hand am Becken, sind mit rotem Ocker betont. Was hatte diese makabere Inszenierung für die Menschen zu bedeuten, die sie
- bestattet hatten? Das erste Grabungsteam dachte, die Person in der Mitte sei vielleicht eine
- im Kindbett gestorbene Frau. Ursprünglich dachte man, das Individuum in der Mitte sei eine Frau, die im
- Kindbett gestorben ist. Diese Hypothese ist sehr alt. Erst als man vor kurzem DNA Analysen vorgenommen hat, stellte sich heraus,
- dass es sich um einen Mann handelt. Wir haben es hier also mit einem Grab dreier junger Männer zu tun.
- Die Anordnung lässt darauf schließen, dass der Mann in der Mitte eine Sonderstellung oder wichtige Position in der Gesellschaft einn.
- Im Laufe seines Lebens war er oft krank. byl patologickýžem svého života. A demen wir, dass erere fiberhafte
- infektionen hatte. Das führte unter anderem zu einer unterentwicklung covhoch,
- které deutlich erkennen. Auch am Skelett finden sich Auffälligkeiten, vor allem am Hinterkopf
- und an den Gliedmaßen. Die langen Röhrenknochen sind auffällig gekrümmt. Solche in gewisser Weiseypischen
- Individuen nehmen in einigen der traditionellen Gesellschaften von Jägern und Sammlern eine Sonderstellung ein.
- Die meisten Prähistoriker sehen es als erwiesen an, dass Menschen mit Behinderungen in ihrer Gruppe als Schamanen galten. Da sie nicht wie die
- anderen zur Jagd gehen konnten, übernahmen sie religiöse Aufgaben, die eine besondere Bestattung rechtfertigten.
- Diese Hypothese stützt sich auf einen prägnanten Fall von vor etwa 27 000 Jahren. Dieses im tschechischen Brünnen gefundene Individuum zeigt auffällige
- pathologische Merkmale. Der Mann litt an einer Osteoporose, die ihn beim Gehen behindert haben dürfte. Bei ihm wurden reichhaltige Grabbeigaben gefunden.
- Neben ihm fand man eine Gliedermarionette aus Mammutelfenbein. Dieses außergewöhnliche Stück ähnelt anderen Statuetten, die man in den
- Gräbern sibirischer Schamanen aus neuerer Zeit fand. Die Figur scheint eine Frisur gehabt zu haben. Hinten halblang und vorn kurz
- geschnitten. Augen und Nase sind nur angedeutet. Hier an der Basis befindet sich eine natürliche Öffnung, die vielleicht dazu
- diente, Kopf und Körper miteinander zu verbinden. Es handelt sich wohl um eine männliche Figur, wie wir in diesem Bereich sehen
- können. Dieser Fund ist einzigartig im steinzeitlichen Kontext. Außerdem wurden noch Muscheln, Ringe und
- Scheiben aus Stein und Mammutelfenbein gefunden und auch ein Trommelstock. All diese Objekte lassen darauf
- schließen, dass es sich um das Begräbnis einer sehr wichtigen Person handelte, vermutlich des Schamanen des Stammes.
- Vielleicht waren Steinzeitbegräbnisse, also Stammesoberhäuptern oder Schamanen vorbehalten. Doch das Dreiergrab von Dolny Viestoniz
- [musik] wirft noch weitere Fragen auf. Wie kommt es, dass alle drei Menschen zurelben Zeit sterben?
- Es gibt noch ein weiteres Beispiel für ein Dreier Grab aus dem Gravettien. Diese Grabstätte fand man rund 50 m von der Dame von Cavillon entfernt [musik]
- in einer Höhle namens Barma Grande. Das Dreiergrab wurde 1892 [musik] entdeckt, also 20 Jahre nach der Dame. Die Originalgrabstätte wird gleich
- nebenan im Museum von Balzi Rossi aufbewahrt. handelt sich um ein außergewöhnliches Grab für außergewöhnliche Menschen.
- Das erwachsene Skelett war sicher ein Mann. Die genetischen Untersuchungen von vor 15 Jahren deuten darauf hin, dass die
- zwei jüngeren, vermutlich jugendlichen Individuen, Frauen waren. zeigen Schädelmerkmale, die auch ohne DNA Analysen darauf hinweisen, dass
- diese drei Individuen miteinander verwandt waren. Familiar individu
- Merkwürdige ist, dass alle drei zum selben Zeitpunkt verstarben und zusammen beerdigt wurden.
- Viele Forscher, vor allem der Archäologe Vincenzo Formicola, haben nach der Untersuchung dieser Grabstätte und der von Dolnie Viestoniz angeregt, dass man
- herausfinden müsse, ob in der Steinzeit Opferrieten praktiziert wurden. also Menschen geopfert wurden, um den Toten zu begleiten aufgrund einer Logik,
- die sich uns nicht erschließt. Die Möglichkeit, dass manche der Beerdigten geopfert wurden, erwägen
- inzwischen immer mehr Forscher. In Russland haben Prähistoriker auch frühere Funde im Licht dieser neuen Hypothesen untersucht.
- Vor einigen Jahren haben mein amerikanischer Kollege Eric Trinkhaus und ich erneut die Überreste des Männergrabes von Zungier untersucht.
- Der erste Brustwirbel seines Skeletts, der bei der ersten Untersuchung noch nicht gefunden war, tauchte wieder auf.
- Unsere Untersuchung dieses Brustwirbels ergab eindeutig ein Loch, das möglicherweise von einem Knochenwerkzeug stammt.
- Man hat ihm einen Schlag an den Halsatz versetzt, wo wichtige Blutgefäße verlaufen. Vielleicht wurde die Aorta verletzt und
- der Mann ist schnell verblutet. Was das Grab der beiden Kinder betrifft, ist unseren Forschungen zufolge das
- Ältere der beiden durch eine Schnittwunde im Bauch gestorben. Man erkennt auch Schlagspuren an seinem linken Beckenknochen, die vielleicht von
- einem Pfeil oder einer Lanze stammen. Es ist heute sehr schwierig, das genauer zu untersuchen. Aber von diesen drei Individuen sind
- zwei eines gewaltsamen Todes gestorben. Da kann man sich schon fragen, ob es sich nicht um einen Opferritus oder um eine Opfergabe handelte.
- Trägt auch die Dame von Cavillon Spuren eines gewaltsamen Todes, die darauf schließen lassen, dass sie von ihrem Stamm geopfert wurde?
- Oder gibt es pathologische Auffälligkeiten, die zu der Hypothese über körperbehinderte Menschen passen, die als Schamanen galten?
- Das Ehepaar Lyml untersuchte das Skelett auf diese Hypothesen. Wir fanden an ihrem Skelett eine Auffälligkeit am linken Unterarm.
- Wir sehen hier die Verdickung der Speich. Dabei handelt es sich um einen gut verhalten Bruch. Wir haben nachgeforscht, was der Grund für diese
- Fraktur sein könnte. Sie geht vermutlich auf einen heftigen Schlag direkt auf den Unterarm zurück,
- aber sie war gut verheilt. Die Frau war also bei guter Gesundheit. Der Knochen war gut kalzifiziert und es gab keine Infektion.
- Allerdings sehen wir hier eine kleine Asymmetrie. Der rechte Oberschenkelknochen ist etwas länger als der linke.
- Sie hinkte etwas, vielleicht war sie deshalb eine symbolträchtige Figur. Die Dame von Cavillon gehörte also nicht zu den Individuen, die einen gewaltsamen
- Unfalltodot erlitten oder getötet wurden. Aber sie könnte eine leichte Behinderung gehabt haben und somit zu dem Kreis von Personen gehören, die als
- Schamanen galten. Oft liefert der Schamanismus Erklärungen für die steinzeitliche Felskunst.
- Im Jahr 2000 findet man eine außergewöhnliche Höhle in Küs, einem Ort in der französischen Dordonnie. Dort kommen die sterblichen Überreste von
- sechs Individuen zum Vorschein. Sie weisen einen seltenen Bezug zu Felskgravuren auf.
- Am frühen Morgen wollen Archäologen, die die Höhle von Küsak erforschen, in deren Tiefen vordringen. Während einiger Monate pro Jahr darf sie wegen ihres CO2
- Gehalts nicht betreten werden. Um die Übertragung von Pilzen und Bakterien zu vermeiden, müssen die
- Forscher sterile Anzüge tragen und ihre Stiefel desinfizieren. Okay. Abgesehen von ihren eigenen Aufnahmen
- ist es das erste Mal, das in der Höhle gefilmt werden darf. Als wir diese Höhle nach fast 30.000 Jahren zum ersten Mal betraten, war der
- Boden völlig unberührt. Man sah keine Trittspuren, außer denen der Menschen aus dem Gravettier.
- Es gibt Fußspuren am Boden und Ocker an den Wänden, weil sie ihre Kleidung vermutlich mit Ocker bestrichen und beim Entlanggehen an den Wänden Streifspuren
- hinterlassen haben. Wir erstellten ein detailliertes Inventar. und folgten praktisch ihren Ockerspuren ins Höhleninnere.
- Diese Höhle ist einzigartig, [musik] nicht nur wegen der gut erhaltenen Böden und Wände, sondern auch wegen der erstaunlichen Felsgravuren, die nun
- erstmals eine Kamera dokumentiert. [musik] 150 [musik] m vom Eingang entfernt hatte man im Gravettier unweit dieser Gravuren
- Leichnahme in Kuhlen gelegt in denen sonst Bären überwintern. Von einigen der Skelette existieren nur Bruchstücke. Dass man Tote bis zu 230 m vom Eingang
- entfernt ablegte, hatte sicher eine Bedeutung. Erneut stellt sich die Frage nach dem Status dieser Menschen und was es mit
- diesem seltsamen Begräbnisritual auf sich hat. Hier haben wir einen primären Ablageort. Offenbar wurde der vollständige Leichner
- mit dem Bauch nach unten in die Bärenkuhle gelegt und hat sich hier zersetzt. Später haben Überschwemmungen die Anordnung etwas durcheinander
- gebracht. Dann gibt es noch die Möglichkeit einer Knochenlagerstätte.
- So etwas haben wir an der Fundstätte 1 mit Knochenresten von zwei Individuen in einer kleinen Kohle. Unwahrscheinlich, dass man zwei Leichen in eine Kuhle von
- nur eine Meter Durchmesser gelegt hat. Deshalb nehmen wir an, dass man hier bereits getrocknete, verweste Knochen ablegte.
- Warum legten die Menschen des Graviti ihre Toten so tief in der Höhle an einem schwerzugänglichen Ort ab?
- Die Prähistoriker fragen sich auch, wie mühsam es damals war, die Toten über das unwegsame Gelände zu transportieren.
- Ich stoße an meine Grenzen, wenn ich versuche, mich in die Haut eines Steinzeitmenschen mit seinen Kenntnissen, Wünschen und Regeln zu
- versetzen. Die Entfernung finde ich weniger kritisch als die Zeit, die man bis
- hierher braucht. 150 m in einer engen Höhle mit Stalagniten, da braucht man schon eine gute Viertelstunde. Das ist aber immer noch wenig im
- Vergleich zu anderen Abschnitten der Höhle, denn Küs ist 1,6 km tief. Diese Leute sind bis ans hinterste Ende der beiden Tunnel vorgedrungen. Von der
- einen Seite 550 m, von der anderen über 1 km weit. Die Archäologen nehmen an, dass die fehlenden Schädel der beiden hier
- abgelegten Individuen erst getrocknet hergebracht und später wieder entfernt wurden. Diese Hypothese stützt sich auf
- vorhandene Zähne und ein seltsames Knochenpulver. Es wird zunehmend deutlich, dass die Knochen aus dem Gravitieren, die wir
- gefunden haben, wahrscheinlich nicht isoliert oder wertlos sind. Möglicherweise wurden Gräber durcheinander gebracht oder diese
- Knochen hatten eine Geschichte. Nach dem Tod spielten der Leichnam oder seine Knochen womöglich eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft.
- Die einzelnen Knochenfundstücke könnten den prähistorischen Völkern als Reliquien gedient haben. Auch an anderen Orten gibt es
- Knochenfragmente, die zwar bislang noch nicht untersucht wurden, die aber aus heutiger Sicht einen neuen Sinn ergeben. Das gilt z.B. für Sungier in Russland.
- Die Besonderheit dieser archäologischen Städte besteht auch darin, dass hier ein Ritual für vier Personen stattgefunden hat.
- Bisher habe ich nur drei Personen erwähnt, aber hier lag noch eine vierte Person.
- Es handelt sich um das Fragment eines Oberschenkelknochens, das rechts neben der rechten Schulter des älteren Jungen lag.
- Auch dieser Knochen gehört einem Mann. Diese vier Männer vertreten vier verschiedene Stämme.
- Sie weisen mehr oder weniger gleiche genetische Merkmale auf und stammen aus Völkern der westeuropäischen Steinzeit.
- Je mehr Informationen ich bekomme, desto überzeugter bin ich, dass es sich hier um ein komplexes Ritual handelt, dass man sich auf keinen Fall als einfaches
- Begräbnis reicher oder gesellschaftlich hochrangiger Personen vorstellen darf. Für mich hat man diese Personen mit Kleidung, Schuhen und Waffen
- ausgestattet, um sie irgendwohin zu entsenden oder auf eine wichtige Reise vorzubereiten.
- Was komplexe Begräbnisrituale betrifft, gibt uns auch die Höhle von Küsaak in Frankreich noch immer Rätsel auf.
- Die Archäologen bringen noch weiter in die Höhle vor und kommen erneut an Felskgravuren vorbei.
- [musik] Kühck ist außergewöhnlich. Wir haben hier Skelette und
- Felskravuren, die topografisch in einem engen Zusammenhang stehen. Hier sind sie vorbeigekommen. Genau hier, wo wir heute ihre Werke betrachten
- und die Überreste ihrer Zeitgenossen finden. Ich habe großen Respekt vor dem, was sie alles an diesem Ort getan haben.
- verdient Bewunderung und Respekt. Keine Gruppe konnte hier ihre Toten ablegen, ohne die Gravuren zu sehen oder
- umgekehrt. Auf jeden Fall besteht ein Zusammenhang zwischen den Generationen. 230 m vom Eingang entfernt entdecken die Archäologen weitere menschliche
- Überreste. Dieser Bereich gibt ihnen neue Rätsel auf. Einige Knochen sind den Hang hinabgerutscht, andere liegen oben an
- der Böschung in einer Bärenkuhle. 2019 hat Sebastian Vilot hier die vollständigen Knochen einer Hand in
- anatomischer Anordnung gefunden. Dass hier eine ganze Hand lag, zeigt, dass sie noch nicht verwest war.
- [räuspern] Unterarm, Oberarm und Schulterblatt lagen nicht weit davon entfernt. Hier lag also wahrscheinlich ein kompletter
- rechter Arm. Das ist ein Ablageort für Körperteile. Ablageorte für einzelne Gliedmaßen, ganze Leichnahme oder bereits
- getrocknete Knochen. Die Funde in Küsaak erstaunen und befremden uns. Ähnliche Praktiken aus dieser Zeit gab es offenbar auch an anderen Orten, z.B.
- in Pavlov, unweit von Dolny Viestoniz in Tschechien. An diesem Ort fand man [musik] zwischen 1950 und 60 zwei einzelne Hand und zwei
- Fußpaare. Diese Körperteile, die bislang als wertlose Funde galten, werden derzeit neu untersucht. Damit ist Sandra Saselova beschäftigt.
- Interessant ist, dass wir den Rest des Skeletts nicht gefunden haben, aber auch keine Kerben an den Knochen, die durch Steinwerkzeuge verursacht wurden, was
- auf ein absichtliches Abtrenn vom Körper hinweisen würde. Das wirft eine interessante Frage auf. Wieso hat man manche Individuen komplett
- bestattet, während man von anderen nur einzelne Körperteile findet? Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Es kann sich z.B. um
- verschiedene Begräbnispraktiken handeln. Möglicherweise lagerte man die Leichnahme auf einer Art Plattform, wie wir sie aus analogen ethnologischen
- Kontexten kennen und wurden dort ihrem Schicksal überlassen. Durch Verwitterung sind die einzelnen Teile dann abgerutscht.
- Dieses Bild der Menschen des Gravtians, die ihre Toten in Grabstätten mit rotem Oer beisetzen, war eine recht idyllische Vorstellung für solch primitive
- Grabstätdten, in die ein Mensch manchmal auch zwei oder drei gelegt wurden. In den 2010er Jahren hat man dieses Bild dann revidiert. Im Grunde haben wir es
- hier mit einem deutlich komplexeren Gesamtbild an Bestattungen zu tun. Das [räuspern] Begräbnis ist nur eine von vielen Formen.
- Wir neigen zu der Annahme, dass eine Grabstätte die wertschätzendste Art der Bestattung ist, sowohl für die Hinterbliebenen als auch für die Toten.
- Doch das ist nur unsere westlich geprägte Vorstellung, dass dies eine besonders wichtige Praxis wäre.
- Man muss sich bewusst machen, dass dasselbe Objekt oder dieselbe Geste nicht unbedingt immer dasselbe bedeuten muss. Davon müssen wir uns lösen.
- [musik] Uns erscheint es selbstverständlich, dass diese Menschen einen Sonderstatus hatten und nicht zufällig da liegen.
- Aber in welcher Hinsicht besonders geliebt, gehasst, verehrt? Da bewegen wir uns im Reich der Fiktion.
- Können Sie sich diese Menschen vorstellen? immer weniger,
- denn mit immer mehr Erfahrung und Wissen wird mir immer klarer, wie wenig ich weiß und wie groß die Distanz zwischen diesen Menschen und mir eigentlich ist.
- Über die Kunst finde ich noch einen gewissen Zugang. Aber was ihr Leben und ihren Alltag angeht,
- in mancher Hinsicht sind sie uns sehr nah, weil sie eben auch Menschen sind wie wir. Aber gleichzeitig tut sich eine große
- Kluft zwischen ihnen und uns auf, zwischen Ihnen und mir. Im Paleolitikum ist das Gravitier die Epoche mit den meisten Bestattungen.
- [musik] Vor 20.000 Jahren stirbt diese Praxis für mehrere Jahrtausende aus.
- Mit der Entdeckung der Höhle von Küs haben sich in den letzten Jahren neue Perspektiven [musik] für die Forschung aufgetan. Hier gibt es verschiedene
- Bestattungspraktiken je nach Individuum und einen möglichen [musik] Zusammenhang mit Felsgravuren.
- Überall in Europa werden frühere Fundstätdten im Licht dieser neuen Erkenntnisse und Ergebnisoffene untersucht. Derzeit wird an mehreren
- Orten in Südwestfrankreich geforscht. So auch in der Halbhöhle von Kromagnon, wo zwischen Gravetier [musik] Grabstätdten und Felskunst, die leider kaum noch
- sichtbar ist, Verbindungen zutage treten. In der Cavillon Höhle wurde 1971, fast 100 Jahre nach Emil Riviers
- Skelettfund, die Felskravur [musik] eines Pferdes entdeckt, das man nie zuvor bemerkt hatte.
- Heute steht dieser Zusammenhang zwischen Grabstätten und Kunst im Einklang mit aktuellen Forschungserkenntnissen. Wieder hat ein Fund zum nächsten geführt
- und eine Hypothese den Weg für andere Analysen oder Überlegungen freigemacht. Inzwischen haben wir ein ganz anderes Bild von diesen frühen Menschen. Auch
- unser heutiger Blick auf Frauen hat sich geändert und macht neue Überlegungen möglich.
- Wer war die Dame von Cavillon wirklich? Eine Frau wie alle anderen? Eine Jägerin? War sie körperlich beeinträchtigt?
- War sie eine Schamanin oder das Oberhaupt ihres Stammes? Starb sie eines natürlichen Todes? Wurde sie geopfert oder verehrt?
- Dass diese Fragen ungeklärt bleiben, liegt auch daran, dass die Steinzeitgesellschaft [musik] viel komplexer war, als wir lange
- dachten. Je weiter die Wissenschaft voranschreitet und unser Blick sich
- öffnet, umso mehr offenbart sie uns ihre [musik] Vielfalt. Steinzeitgräber bleiben ein wichtiger Schlüssel für das Verständnis dieser
- längst vergangenen Gesellschaften. Das Grab der Dame von Cavillon jedenfalls hat noch längst nicht sein letztes Geheimnispreis [musik]
- gegeben. [musik]
- โ [musik] [musik]
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