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Gleichberechtigung: Gehalt ist nicht das wahre Problem | Harald Lesch
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 94 Zeilen
- [Harald Lesch] Wohl niemand von uns will in einer Gesellschaft leben, wo die Hälfte der Bevölkerung systematisch benachteiligt wird. Zumindest ist dies das Argument von
- vielen Feministinnen und Feministen. [INTRO]
- Wie jetzt ein alter weißer Mann spricht über Gleichberechtigung? [lacht] Und nicht zynisch! Na klar,
- es geht doch um die Zukunft von uns allen. Auch um die Zukunft von alten weißen Männern. Es geht um die Frage, wie wir leben wollen.
- Denn, obwohl die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Grundgesetzt fest verankert ist, scheint es eine erheblichen Gesprächsbedarf zu geben.
- Wie zum Beispiel Debatten über die Frauenquote zeigen. Also schauen wir uns die Faktenlage an! Da gibt es zum Beispiel den Gender Pay Gap.
- Pay, ist klar, bezahlen. Gap ist eine Lücke. Gender Pay Gap heißt also, es gibt eine Bezahllücke zwischen den Geschlechtern. Offenbar
- werden Männer anders bezahlt als Frauen. Es gibt zwei Sorten davon, ich fange mit der Ersten an. Wenn man die Gehälter und Löhne aller Männer und Frauen
- in der Bundes Republik Deutschland nimmt, dann bekommen Frauen 18% weniger.
- Das nennt man den unbereinigten Gender Pay Gap. 18% immerhin, also fast 1/5 weniger.
- Jetzt kann man natürlich sagen: "Moment ihr vergleicht ja alles Mögliche miteinander, natürlich müsst ihr Männer und Frauen in den gleichen Berufen miteinander vergleichen."
- Ja, das nennt man dann den bereinigten Gender Pay Gap und dann sind es auch nur noch 6%. Und schon lehnt sich manch einer zurück und sagt:" Dann verdienen sie ja fast das Gleiche.
- 6% das ist so gut wie nichts." Ins Knie geschossen sag ich da nur! Denn schon aus dieser Differenz bei bereinigten und unbereinigten Gender Pay Gap
- ergibt sich eindeutig, dass Frauen in Deutschland von den wichtigen Positionen, wie soll man sagen, ja fast ferngehalten werden.
- Frauen sind seltener in Positionen zu finden, in denen es um Geld und um Macht geht. Sie haben
- schlechter bezahlte Jobs, viele von ihnen arbeiten in Teilzeitjobs. Das scheint ihnen die Karriere und damit die langfristigen guten Verdienstmöglichkeiten zu vermasseln.
- Mit anderen Worten der unbereinigte Gender Pay Gap sagt uns, dass Frauen von den gut bezahlten und damit den ökonomischen und politischen zusammenhängenden
- wichtigen Positionen ferngehalten werden. Durch irgendwas. Und das führt naturgemäß zu einem Macht Gap, einem Gender Macht Gap.
- Die Macht in Deutschland liegt vor allen Dingen bei den Männern. Und das kann man auch an den Zahlen ganz klar festlegen. Der Erwartungswert wäre ja immer
- bei einer Gesellschaft - sagen wir es anders, machen wir einen Ausflug in die Philosophie. Da gab es ja den Leibniz. Leibniz, die beste aller Welten! Nehmen wir mal an, wir würden in
- der besten aller Welten leben. Was wäre denn der Erwartungswert bei der Verteilung aller Positionen? Der Erwartungswert wäre doch, dass Männer und Frauen in der Nähe von 50% liegen.
- Mit leichten Schwankungen, aber 50% wären der Korridor, wo es hinsoll. Und jetzt kommts, schauen wir uns mal an, wie das aussieht. Achtung, die Zahlen, die ich jetzt
- präsentiere, die stammen vom Statistischen Bundesamt. Der Frauenanteil an den Mandaten im deutschen Bundestag, na wie viel?
- 50/50? Weit gefehlt! 1/3 der Mandate im deutschen Bundestag geht an Frauen. Frauenanteil an Mandaten auf kommunaler
- Ebene? Knapp 1/3. Es sieht auch nicht nach 50% aus. Ganz interessant ist übrigens der Anteil der Regierungschefinnen,
- Ministerinnen und Senatorinnen in der Bundes- regierung, dieser liegt bei 43,8%. Schon fast 50%. Wenn man dann allerdings ein bisschen nachguckt,
- so zu sagen, bei Staatsbeamtinnen und Staatsbeamten, also bei den Staatssekretär*innen, Ministerialdirigenten usw., da bricht es bei der Bundesregierung
- förmlich zusammen. Da wo wirklich die Arbeit und auch die Entscheidungen getroffen werden, da sind wir bei weniger als 20%. Da sind es gerade noch 16,7%!
- Die Verwaltungsspitzen [lacht] in den Stadt- und Landkreisen, das ist immerhin die Verwaltung, also da wo es wirklich darum geht was passiert,
- 11,1%. Hochschulprofessuren 24,7%. Aber immerhin gibt es hier einen kleinen, sagen wir, positiven Hinweis.
- Bei den Juniorprofessuren sind wir fast bei 50% angekommen. Also 50% der Frauen. Fast, es sind 46,6%, hier geht noch was!
- Was können denn die Gründe sein für diese Lücken in der Bezahlung, für die Lücken in der Erreichung von Machtpositionen in unserem Land? Es gibt interessante Informationen,
- unter anderem vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, um das gleich zu sagen, die Daten, die ich euch jetzt zeige sind auf der Basis der Verdienststrukturerhebung
- des Mikrozensus, stammen also tatsächlich aus einer ganz großen Befragung in Deutschland. Und was sich daraus ergibt ist Folgendes,
- es geht erstmal nur um die brutto Stundenlohnentwicklung im Laufe der Lebenszeit. Hier zeig euch das Diagramm. Man erkennt gleich
- ohne ins Detail zu gehen, dass es eine Kurve gibt, die mit dem Alter von 30 Jahren relativ flach wird und es gibt eine Kurve, die weiter ansteigt.
- Aber wichtig ist, dass die Kurven vor 30 relativ parallel verlaufen. Danach tut sich eine Lücke auf, im Englischen gleich Gap.
- Und das ist der Gender Pay Gap! Die untere Kurve ist die Bruttostundenlohn- entwicklung für Frauen und die darüber ist die Bruttostundenlohnentwicklung für Männer.
- Und dann gibt es das kritische Alter 30 Jahre. Was passiert um die 30? Menschen leben zusammen, gründen Familien, es kommen Kinder auf die Welt. Also bis
- 30 werden Männer und Frauen ähnlich, nicht gleich, aber ähnlich bezahlt. Und dann? Was passiert denn dann?
- Aus Frauen werden Mütter und schon scheint man sie ganz anders zu bewerten. Also man könnte jetzt eine Podiumsdiskussion darüber machen. Was sind denn die Gründe dafür?
- Da gibt es die ökonomischen Gründe. Die einen, die sagen: "Ja die Frauen machen jetzt Teilzeit, da laufen sie zwangsläufig in Berufe rein, in denen weniger bezahlt wird."
- Andere sagen: "Ja Moment, da gibt es ja natürliche Gründe! Frauen wollen ja von sich aus gar nicht im öffentlichen Raum oder der Arbeits- welt sein, sie wollen sich mehr um die Familie
- kümmern." Vielleicht ist das eine ganz natürliche Entwicklung. Aber man muss hier verdammt aufpassen, wenn man mit "natürlichen" Gründen argumentiert, dann geht man in eine
- die Richtung des naturalistischen Fehlschlusses. Das heißt aus der Tatsache, dass in der Natur gewisse Dinge so sind, wie sie sind,
- würde man schließen, dass es dann auch automatisch richtig ist. Bei dem Wort Gleichberechtigung geht es um ein Recht, welches gesetzlich verbrieft ist.
- Und Gesetze die wir schreiben haben mit den natürlichen Gegebenheiten erstmal gar nichts zu tun. Wir können uns für das eine
- oder das andere entscheiden. Jetzt kann man sich fragen, was sind die Gründe für diese offensichtliche Gerechtigkeitslücke?
- Es ist interessant, dass ausgerechnet die evidenz-basierten Wissenschaften da in der Tat ein Hinweis darauf geben. Nämlich, wie wir z.B.
- jemanden bewerten. Es gibt eine interessante Studie, die wurde an der Columbia Business School in
- Boston, Massachusetts mehrfach durchgeführt. Das ist die Howard vs. Heidi Studie. Da geht es im Prinzip
- um die Bewertung von Personen deren Geschichte man erfährt. Es geht um eine tatsächliche Unternehmerin, die im Silicon Valley sehr erfolgreich war,
- Unternehmen gegründet hat, an anderen Unternehmen beteiligt war. Also richtigen wirtschaftlichen
- Erfolg hatte, richtig großen! Die eine Hälfte erfährt diese Geschichte um eine tatsächliche Unternehmerin
- namens Heidi und die andere erfährt die gleiche Geschichte von einem Herrn namens Howard. Jetzt ratet mal wer besser
- rüber kommt? Das interessante ist, die sachliche Kompetenz von beiden, die wird völlig gleich bewertet. Nur bei der Sympathie
- stürzt Heidi ab. Also Howard wird als viel sympathischer empfunden. Und man möchte viel eher mit Howard arbeiten
- als mit Heidi. Was ist da los? Es ist die gleiche Geschichte! Und daran sieht man wir sind keine Maschinen, wir sind keine
- neutralen Objekte, sondern Lebewesen, die sozialisiert sind, die mit gewissen Traditionen, Rollenbildern usw. im Laufe ihrer Zeit erzogen werden.
- Wir leben damit und wir machen uns darüber erstmal gar keine Gedanken. Das heißt ein großer Teil von dem, was wir bei solchen Geschichten empfinden
- hat damit zu tun, wie wir sie praktisch völlig unbewusst einordnen. Und dann sind auch solche Bereiche in denen Menschen meinen vorurteilsfrei zu sein
- nicht vollkommen vorurteilsfrei. Das macht sich besonders bemerkbar bei einer anderen Studie. In der Mark vs. Elizabeth Studie ist es noch viel deutlicher.
- Im Jahr 2020 wurde in Großbritannien, in der Veterinärmedizin 200 Entscheidungsträger, mit scheinbar echten Bewerbungs-
- unterlagen konfrontiert. Und zwar von einer Elizabeth und einem Mark. Die Aufgabe derjenigen, die diese Unterlagen
- bekamen, war es, zu entscheiden, ob die Person sachkompetent ist. Also ist die Person ihrer Meinung nach in der Lage den Beruf durchzuführen. Ist sie gut genug?
- Und sie mussten eine Gehaltsvorstellung abliefern. Außerdem wurde nebenbei noch gefragt, ob denn die Befragten der Meinung seien, dass in
- ihrem Berufsbereich die Gleichberechtigung von Männern und Frauen schon vollständig realisiert ist. Das ist klar, oder?
- Also die Leute wurden gefragt, ob die Person sachkompetent ist, wie viel sie ihr bezahlen würden und wie viel Gleichberechtigung es in ihrem
- beruflichen Umfeld gibt. In der Veterinärmedizin sind Frauen schon mal überrepräsentiert. Und in der Tat gab es eine ganze Reihe von Befragten, die
- der Meinung waren, dass das Thema Gleichberechtigung bei Ihnen kein Thema mehr sei. Aber ausgerechnet diejenigen, die dieser Meinung waren, waren
- bei der Bewertung von Elizabeth deutlich kritischer als bei der Bewertung von Mark. Mark würde bei ihnen mehr Geld verdienen als Elizabeth.
- Obwohl sie der Meinung sind, dass bei ihnen Gleichberechtigung schon längst völlig durchgesetzt sei. Ist das nicht interessant? Also all
- das zeigt, dass zwischen Denken und Tun, so zu sagen, ein Gap ist. Es gibt hier also auch eine Handlungslücke. Und selbst wenn wir meinen,
- wir hätten diese Vorurteile und Stereotypen überwunden, können wir uns nicht von ihnen befreien. Wir haben immer irgendwelche Vorstellungen im Kopf.
- Und das führt dann zu einer, wie wir ja vorhin bei der großen Lücke gesehen haben, die da stattfindet, zu einer
- nachhaltigen, durch das ganze Leben gehenden Gerechtigkeitslücke. Menschen entscheiden über andere und das tun sie aus einer
- inneren Haltung heraus, die ihnen manchmal gar nicht klar ist. Deswegen machen wir dieses Video, um euch ein paar Dinge zu zeigen, wie sehr man sich selbst immer täuschen kann.
- Beispielsweise überwundene Stereotypen. Vorsicht! Du denkst, du bist ohne Vorurteile? Oh oh, nie im Leben. Dass man sich dessen
- klar ist und dass man etwas tun kann, was nur wir Menschen tun können. Nur wir können von uns selbst absehen. Wir können aus uns heraustreten und uns betrachten,
- als jemanden, der eben Vorurteile hat! Jetzt stellt sich die Frage, wenn man nicht mal mehr sicher sein kann, dass Stereotypen, die man meint überwunden zu haben,
- tatsächlich überwunden hat und dementsprechend rationale Entscheidungen trifft, wie kann man es denn dann überwinden? Eine einfache Sache wäre es Bewerbungen grundsätzlich ohne jede
- Angabe von Geschlecht, keine Namen, nichts, zu schreiben. Du bekommst eine Bewerbung, da steht drin, die Person hat das und das gemacht etc. Wir haben in Deutschland für börsenorientierte
- Aufsichtsräte seit 2016 eine Quote. Nicht 50%, aber 30%. Und das funktioniert auch. Das heißt, es tauchen
- mehr Frauen in solchen wichtigen Kontrollgremien wie Aufsichtsräten auf. Sie werden auch in Vorständen häufiger auftauchen.
- Sie werden sichtbarer. Das heißt, jetzt können wir beobachten, wie die Quote nicht nur dazu führt, dass sachkompetente Frauen endlich da sind, wo sie hingehören, sondern wie sich
- das Umfeld auch darauf einstellt und mit den eigenen Rollenbildern und Vorurteilen kämpft usw. Es wird eine Veränderung stattfinden! Es tauchen einfach mehr Frauen an ganz
- wichtigen Positionen auf. Und wenn wir das eine Weile miterleben und daran teilhaben, dann werden wir natürlich sehen, dass eine Quote ein netter Anfang ist, aber das es natürlich
- am besten wäre, wir bräuchten gar keine, sondern überall da, wo Männer und Frauen sich um Stellen bewerben, kann die Sachkompetenz darüber entscheiden und die Sache hat sich.
- 50/50 und damit ist die Sache gelaufen. Das wäre die schönste Situation! Aber wir sehen, dass ist offenbar eine harte Nummer. Denn wenn es nicht schwierig wäre,
- dann wäre das Problem längst gelöst. Das hat damit zu tun, dass wir uns manchmal richtig im Weg stehen. Eine Möglichkeit, sich nicht im Weg zu stehen,
- ist zu reflektieren, von sich abzusehen und sich selber mal in so einer Situation zu fragen: "Wie wäre es denn eigentlich, wenn mir das so ginge?"
- Und da wäre eine Quote unter Umständen tatsächlich auch ein wichtiger Hinweis. Stellt euch mal vor, in einer Welt, wo es all das nicht mehr braucht, können wir uns sicher sein,
- dass wir da, wo wir hinwollen, auch hinkommen können. Nicht wegen unseres Geschlechts, sondern weil wir es können. Weil wir das, was wir wollen, auch können. Das wäre doch eine super
- Welt und dafür sollten wir arbeiten!
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