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Die Wahrheit über die Stasi

Simplicissimus24:50 1,7 Mio. Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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Transkriptautomatisch erstellt · 164 Zeilen
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  1. Wolfgang Templin ist auf dem Weg zur Kirche. Kurz bevor er aus dem Zug aussteigt, wirft er ein Stück Papier weg. Nur
  2. wenige Sekunden später sammelt es ein anderer Mann wieder ein. Er ist Agent beim berüchtigten Geheimdienst der DDR, der Stasi.
  3. Das hier ist nur ein kleiner Ausschnitt einer extrem aufwendigen Operation, um Templin zu überwachen. Denn in den Augen der Stasiatsfeind.
  4. Dabei ist Templin kein ausländischer Spion. Er plant auch nicht die Regierung zu stürzen oder einen sozialistischen Führer umzubringen. Er hat lediglich
  5. dabei geholfen, eine kleine Gruppe zu gründen, um über die Menschenrechte in der DDR zu diskutieren. Für die Stasies Verbrechen.
  6. Zehn Mitarbeiter verfolgen Templin auf Schritt und Tritt. Sie lauern ihm morgens vor seinem Haus auf, folgen ihm in die Bäckerei und setzen sich neben
  7. ihm ins Kaffee. Sie fahren im gleichen Zug, lesen seine Post und Kontoauszüge. Sie hören sein Telefon ab. Sie infiltrieren Templins Freundeskreis,
  8. schikanieren ihn, verbreiten Gerüchte über ihn, sabotieren seine Karriere und nehmen ihm seine Kinder weg. Die minutiöse Überwachung und heimtürkischen
  9. Attacken werden in einer monströsen Akte feinsäuberlich dokumentiert auf über 12000 Seiten Papier. Für die Stasi kommt nicht in Frage, Templin hinter Gitter zu
  10. bringen. Das würde ihn nur zum Meertürer machen. Stattdessen will sie ihn psychisch sprechen, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen.
  11. Noch nie zuvor hat ein Staat seine Bürger so flächendeckend überwachen lassen und dabei so massiv in ihr Privatleben eingegriffen. Die
  12. Kreativität der Stasi kennt dabei keine Grenzen. In diesem Video schauen wir uns an, mit welchen Techniken die Stasi vorgegangen ist, wie genau sie die
  13. Bürger der DDR in ihrem Alltag überwacht hat, welche Spionageräte sie benutzt hat und welche Methoden sie angewandt hat, um Menschen völlig zu zerstören.
  14. Am 7. Oktober 1949 entsteht ein neuer Staat. Die Deutsche demokratische Republik. Kurz DDR. Unter sowjetischer Aufsicht will die sozialistische
  15. Regierung ein Paradies für die Arbeiterklasse schaffen. Aber die Realität sieht anders aus. Bürger protestieren gegen die
  16. Einparteiendiktatur. Tausende fliehen in den Westen. Die Sowjetunion sieht die DDR als fragiles Experiment, [musik]
  17. nicht als verlässlichen Verbündeten. Der sowjetische Diktator Josef Stalin bezweifelt sogar, dass eine Bevölkerung mit einer so ausgeprägten faschistischen
  18. Vergangenheit bereit für einen eigenen [musik] Staat ist. Die mächtigsten Männer der DDR wollen ihm unbedingt das Gegenteil beweisen. Einer von ihnen ist
  19. Erich Milke. Milke wächst im Berliner Arbeiterviertel Wedding auf. Mit 14 Jahren tritt er in die kommunistische Partei ein. Später kämpft er auf offener
  20. Straße gegen Nazis. Um seine Loyalität zur Partei zu beweisen, geht er aber noch weiter. 1931 erschießt er am helligsten Tag zwei Polizisten, weil die
  21. zuvor zwei Kommunisten getötet [musik] haben. Zu dieser Zeit drängen die Nazis an die Macht. Menschen mit einer anderen politischen Meinung geraten verstärkt in
  22. ihr Visier. Außerdem wurde gegen Milke ein Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Deswegen flieht er mit Hilfe der Kpd in die Sowjetunion. Dort beginnt er für den
  23. sowjetischen Geheimdienst zu arbeiten. So erlebt er Stalin in seiner paranoidesten Phase. Alles, was [musik] Milke in Moskau lernt, wird er später in
  24. der DDR selbst anwenden. Nach dem Fall des Naziregimes kehrt Milke zurück nach Ostberlin. 1957 wird er dort Minister für Staatssicherheit.
  25. Er ist jetzt also Chef der Stasi und er hat große Pläne. Seine Geheimpolizei soll für das neue Regime unverzichtbar werden. So unverzichtbar, dass sich
  26. [musik] niemand die DDR ohne die Stasi oder ohne Milke vorstellen kann. Die Stasi gilt als Schild und Schwert der Regierungspartei. Ihre Aufgabe besteht
  27. darin, sogenannte feindliche Elemente auszuschalten. Bedrohungen gibt es aus Sicht der Staatssicherheit genug. Sie lauern
  28. überall. auch mitten im eigenen Land. Die Stasi [musik] geht mit Gewalt gegen vermeintliche Feinde und Verräter vor. Sie greift mit Härte und Brutalität
  29. durch und schreckt nicht davor zurück, ihre eigenen Bürger nach Schauprozessen hinzurichten. Doch diese rücksichtslose Brutalität wird schnell zu schlechte
  30. Marketing für den Sozialismus und das ist ein Problem. Schließlich will die DDR international als Vorzeigestaat wahrgenommen werden. Also muss die
  31. Stasire Methoden ändern. Von nun an setzt sie auf Geheimhaltung und Überwachung. Und so entsteht der wohl umfassendste
  32. Überwachungsstaat, den die Welt [musik] bis dato gesehen hat. Es wurde nachgewiesen, dass es sich bei solchen Personen wie Templin um
  33. unverbesserliche Feinde des Sozialismus handelt. Wer sich mit solchen Leuten einlässt, muss ich über die Konsequenzen im Klaren sein. 6 Uhr. Die Beobachtung
  34. am Wohnhaus von Zentrale 1 hat begonnen. Es ist ein ganz normaler Tag für Wolfgang Templin. Um 7:30 Uhr verlässt er sein Haus, stoppt kurz in einer
  35. Bäckerei und nimmt dann die Bahn. Er fährt zu einem Wohnhaus. Eine Stunde später macht er sich wieder auf den Heimweg. Was Temple ihn an diesem Morgen
  36. nicht ahnt, jemand verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Und nicht nur das. Jeder seiner Schritte wird dokumentiert und an einer Akte zusammengetragen.
  37. Templins Codename ist Zentrale 1.45 Uhr kam Zentrale 1 mit seinem Kleinkind und einem Fahrrad heraus. Seinen Umhängebeutel trug er bei sich. Er fuhr
  38. zur kirchlichen Einrichtung. Dort unterhält er sich mit dem Pfahrer. Viel mehr passiert an diesem Tag nicht. Die Schicht des Stasiagenten endet um
  39. 23:35 Uhr. nach 17 mehr oder weniger ereignisreichen Stunden. 16 Jahre lang wird Templin schon beobachtet und er ist bei weitem nicht der einzige. In den
  40. 80er Jahren laufen ztausende sogenannte Operationen gegen Personen, die die Stasiuft.
  41. Niemand ist vor der Überwachung durch die Stasier. Milke lässt sogar den mächtigsten Mann der DDR überwachen. Parteichef und Staatsüberhaupt Erich
  42. Honeker. Die brisantesten Informationen zu Honeeker soll Milke in einem roten Kunstlederkoffer aufbewahren. Vielleicht kann er sie später ja mal gebrauchen.
  43. Die Stasi hat Zugriff auf alles. Krankenakten, Kontoraauszüge, Schulzeugnisse. Am meisten interessiert sie sich aber
  44. für etwas anderes. Was erzählen sich die Menschen? Wenn niemand zuhört. Damals wurden wichtige Dokumente noch auf Papier gedruckt und in dicken
  45. Ordnern abgeheftet. Heute ist unser Leben zu einem großen Teil digital organisiert. Finanzen, Versicherungen, Verträge. Das alles ist über ZicApps und
  46. Plattformen verteilt. Da kann man schnell mal den Überblick verlieren. Klar kann dir helfen, Ordnung reinzubringen. Du kennst sie bereits,
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  52. du drei Versicherungen in der Clarapp hochladen und je 15 € sparen. Dieses unscheinbare Gebäude in Ostberlin sieht aus wie ein ganz normales Postamt.
  53. Die Angestellten darin tragen Postuniformen. Ihr Ziel war es so unauffällig wie möglich zu wirken. In Wahrheit ist das hier aber die Zentrale
  54. der Abteilung M, eine Abteilung der Stasi, die den gesamten Briefverkehr kontrollieren soll. Hunderte Stasiangestellte arbeiten hier. Jeden
  55. Tag öffnen Sie heimlich zehntausende Briefe mit Wasserdampf und dokumentieren ihren Inhalt. Auf der Suche nach verbotenen Waren aus dem Westen öffnen
  56. Sie auch Pakete. Und wenn Sie Geld oder andere Wertgegenstände darin finden, behalten Sie die oft einfach selbst. In diesem Gebäude in Berlin sitzt die
  57. Zentrale der Abteilung 26. Sie ist für Abhörmaßnahmen zuständig. Über 1000 Stasibeamte wählen sich heimlich in öffentliche Telefone, Wohnungen von
  58. Informanten und Telefonzentralen ein. So können Sie tausende Telefonate gleichzeitig aufnehmen. Zum Auswerten dieser ganzen Daten bräuchte die Stasi
  59. allerdings viel mehr Personal. Daher werden die Aufnahmen erstmal archiviert, für den Fall, dass sie irgendwann mal nützlich sein könnten.
  60. Das hier ist ein abgeriegelter, streng gesicherter Bereich in Ostberlin. Kaum jemand weiß, was hier eigentlich passiert. Erst als die Sowjetunion
  61. zusammenbricht, werden die Bürger erfahren, wer hier gearbeitet hat. Eliteingenieure, die zum sogenannten operativtechnischen Sektor, dem OTS
  62. gehören. Sie entwickeln raffinierte Spionagetechnik, um Bürger genau dann zu beobachten, wenn sie es am wenigsten erwarten. Sie verstecken Kameras hinter
  63. Jackenknöpfen oder tarnen winzige Mikrofone als Zuckerwürfel. Je kleiner die Geräte, desto besser. Geräteinbürger ins Visier der Stasi dringen Agenten
  64. heimlich in seine Wohnung ein und planen, wo sie Wanzen verstecken. Sie verbauen Mikrofone in Wänden, Lampen und Deckenleisten. Kein Winkel der DDR ist
  65. zu privat oder heilig, um nicht überwacht zu werden. Sogar Arztpraxen, Beichtstühle und private Badezimmer werden abgehört. Einige ahnen, dass sie
  66. überwacht werden und verlegen heikle Gespräche beispielsweise an Tischtennisplatten im Park. Aber auch das entgeht der Stasi natürlich nicht.
  67. Von nun an werden sogar Bäume verwand, damit die Geheimpolizei ja kein Gespräch verpasst. Bei Wohnungsdurchsuchungen nehmen Stasiagenten auch mal Unterwäsche
  68. mit oder ein Stück Stoff von dem Stuhl, auf dem die Zielperson gesessen hat. Duftproben wie diese bewahrt die Stasi in einer Geruchskonserve auf. Schon bald
  69. besitzt die Stasi eine ganze Bibliothek voller Konserven mit menschlichen Körpergerüchen. Mit diesen Proben trainiert der Geheimdienst Hunde, um
  70. Regimiker aufzuspüren. Sie werden auch genutzt, um herauszufinden, ob Verdächtige an einem Tatort waren. Manchmal müssen Stasienten in einer
  71. Menschenmenge an jemandem dran bleiben, ohne bemerkt zu werden. Dafür nutzen sie einen ziemlich ausgeklügelten Trick, einen, mit dem sie die Gesundheit der
  72. Verdächtigen Person gefährden. Die Stasi markiert Oppositionelle mit einer radioaktiven Substanz. Verdächtige Autos, Wohnungen und manchmal auch die
  73. Person selbst werden mit einer hohen Dosis Scandium besprüht. Der Spitzel selbst trägt ein spezielles Gerät an sich, einen sogenannten Geigerzähler mit
  74. Vibration. Damit verfolgt er sein Ziel. Nähert sich der Agent der markierten Person, nimmt die gemessene Strahlung zu. Die Vibration wird stärker oder
  75. häufiger. Dass die Methode ein extremes Risiko für die Gesundheit birgt, ist der Stasi durchaus bewusst. Sie entwickelt deshalb eine spezielle Vorrichtung, mit
  76. der sich die Substanz aus sicherer Entfernung einsetzen lässt, damit wenigstens ihre eigenen Leute sicher sind. Der Geheimdienst markiert sogar
  77. Dmarkscheine, um herauszufinden, wie Geld aus Westdeutschland in der DDR zirkuliert. So wollen Sie die Banknoten später wiederfinden und rekonstruieren,
  78. wer illegal mit dem Klassenfeind Geschäfte macht. Die Stasi weiß, dass schon zwei markierte Scheine in einer Hosentasche erheblichen Schaden
  79. anrichten können. Ihre Wirkung ist fast mit der einer Kastration vergleichbar. Später sterben mehrere Kritiker der DDR an seltenen Krebserkrankungen.
  80. Einige DDR-Bürger vermuten, die Stasi habe Regimiker während ihrer Haft absichtlich einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt. Eindeutig
  81. beweisen lässt sich das nicht, aber die Stasi geht noch viel weiter. Templin ist zu Besuch bei seinem alten vertrauten Werner Fischer. Doch es ist
  82. keineswegs ein gewöhnliches Wiedersehen. Fischer richtet hier das zweite Treffen der Initiative Frieden und Menschenrechte aus. Templin weiß, wie
  83. viel er mit seiner Teilnahme riskiert. Er ist bereits von der Stasi verhört und beschattet worden. Gut möglich also, dass sie ihm immer noch auf den Fersen
  84. ist. Aber dieser Kreis besteht ja nur aus Leuten, die er schon seit Jahren kennt. Auch Lota Pavly Jug ist dabei, ein guter Freund aus Unizeiten. In den
  85. Abendstunden des 17.05.187 fand in der Wohnung des Fischer eine weitere Zusammenkunft im Rahmen des von Templin initiierten Vortragszyklus zu
  86. Osteuropa statt. Die Initiative Frieden und Menschenrechte ist eine Seltenheit in der DDR. Sie ist eine oppositionelle Gruppe, in der Menschen mit ganz
  87. unterschiedlichen Ideologien zusammenkommen. Marxisten, die [musik] finden, dass der Sozialismus im Land falsch umgesetzt wird, aber auch
  88. Christen, Liberale und Anhänger anderer Weltanschauungen, die der Staatslinie widersprechen. Für die Regierungspartei SED und die Stasi Initiative extrem
  89. beunruhigend. Was Templin [musik] nicht weiß, sein Freund Pavly Chuck ist heute nicht gekommen, weil er sich für die Geschichte Osteuropas interessiert.
  90. [musik] Er ist einzig und allein hier, um Templin zu bespitzeln, eine Aufgabe, der schon seit mehr als 10 Jahren nachgeht.
  91. Pavly Jack ist aber kein offizieller Spion der Stasi. Eigentlich führt er ein ganz normales Leben und hat einen ganz normalen Job. Wer ist ein sogenannter
  92. inoffizieller Mitarbeiter? Ein EM. Im Prinzip sowas wie ein Zuarbeiter für die Stasi. Noch nie zuvor hat ein europäischer
  93. Staat seine Bevölkerung so umfassend überwacht wie die DDR. 1989 leben rund 16 Millionen Menschen im Land. Im gleichen Jahr stehen etwa 102000
  94. Stasibeamte auf der Gehaltsliste. Das heißt ein Geheimpolizist auf 156 Einwohner. Das Verhältnis ist damit deutlich höher als bei der sowjetischen
  95. Geheimpolizei KGB oder der Gestapo der Nazis. Zusätzlich unterstützen je nach Quelle bis zu 200.000 inoffizielle Mitarbeiter die gut 100.000 offiziellen
  96. Stasienten. Damit kommt ein Spitzel auf rund 53 Bürger. Viele IM arbeiten freiwillig für die Stasi. Sie unterstützen die Geheimpolizei aus
  97. ideologischen Gründen. Pavle Jack ist mit 17 IM geworden. [musik] Er sagt später, er sei abenteuerlustig gewesen und habe gehofft, einmal als Agent im
  98. Ausland arbeiten zu können. Andere spitzeln für Geld oder Karrierevorteile. Wieder andere werden manipuliert, erst anderweitig zur Arbeit als Informant
  99. gezwungen. In der DDR wimmelt es von Spion. Nachbarn, Kollegen, sogar Kinder, verraten heimlich und unauffällig ihre Mitmenschen an die Stasi. Sogar
  100. Familienmitglieder spionieren einander aus. In einem der bekanntesten Fälle meldet ein Ehemann jahrelang jede Aktivität seiner Frau an die Stasi. Die
  101. Ehefrau erfährt erst davon, als sie nach der Wiedervereinigung ihre Akte liest. Darin findet sie sogar Gespräche aus dem Ehebett und Details aus ihrem
  102. Liebesleben. Das Netzwerk der inoffiziellen Mitarbeiter schürt Misstrauen und Angst. Die Stasi bezeichnet die IM als Hauptwaffe im
  103. Kampf gegen den Feind. Pavlju Jack macht sich an diesem Abend gemeinsam mit jemand anderem aus der Gruppe auf den Heimweg, Ibrahim Böhme.
  104. Auf dem Nach Hauseweg hatte der IM Gelegenheit, sich mit dem Böhme Ibrahim zu unterhalten. Der IM bezeichnete Böhme als einen intelligenten Menschen mit
  105. hohemischen Selbständigkeitspruch. Pavly Jack prägt sich das Gespräch genau ein, um später darüber Meldung zu machen. Was er nicht weiß, Böhme macht
  106. genau dasselbe. Pavlyck berichtet über Böhme, Böhme berichtet über Pavlyck und beide berichten über Templin. Wie sich später herausstellen wird, arbeiten an
  107. diesem Abend vier von 16 Teilnehmern für die Stasi. Aber es reicht der Stasi nicht, Templin wie einen Schatten zu verfolgen, denn Templin hat eine
  108. Vorgeschichte. Früher war er selbst einmal im IM, doch als er das Doppelleben nicht mehr aushält und sich Freunden anvertraut,
  109. stellt die Stasiusarbeit mit ihm ein. Seitdem gilt er für sie nicht mehr als Vertrauter, sondern als Verräter. Ein Stasihauptmann setzt deshalb schon
  110. seit einiger Zeit die ultimative Waffe der Staatssicherheit gegen ihn ein, den sogenannten operativen Vorgang. Die Initiative Frieden und
  111. Menschenrechte ist erst vor wenigen Wochen entstanden. Ein Mann klingelt bei Templin und fragt, wohin er das Auto liefern soll. Aber
  112. Templin hat nie einen Wagen bestellt. [musik] Der Fremde zeigt ihm einen Kaufvertrag mit Templins Namen und seiner Unterschrift. Es ist ein Vertrag
  113. für ein sehr teures Auto. Selbst wenn er wollte, Templin könnte sich so einen Wagen [musik] niemals leisten. Zwar hatte er früher mal einen guten Job an
  114. der Akademie der Wissenschaften, doch dann wurde er plötzlich entlassen. [musik] Jetzt ist er arbeitslos. Und das, obwohl die DDR Verfassung
  115. eigentlich jedem Bürger ein Recht auf Arbeit garantiert. Offiziell gibt es keine Arbeitslosigkeit, deswegen gibt es auch keinen Arbeitslosen Geld. Templin
  116. und seine Frau versuchen sich mit Gelegenheitsjobs [musik] durchzuschlagen. Später wird Templins Akte zeigen, dass die Stasi seine
  117. Karriere systematisch sabotiert hat. Zuerst hält Templin die Sache mit dem Auto noch für ein großes Missverständnis, aber am gleichen Abend
  118. klingeln zwei weitere Lieferanten mit Verträgen an seiner Tür. Auch am nächsten Tag bekommt er unerwartet Besuch. Dutzende Fremde stehen in den
  119. kommenden Wochen an seiner Tür mit neuen unerwünschten Lieferungen. Autos, Elektronik, wertvolle Antiquitäten. Dann wird es völlig absurd. Er bekommt einen
  120. Betonmischer, kilowweeise Vogelfutter, ztausende Kondome und hunderte lebende Hühner nach Hause geliefert. Er muss alle Lieferanten abweisen. Manche drohen
  121. ihm Gewalt an. Viele sind stundenlang zu ihm unterwegs gewesen. Alle wollen bezahlt werden. Die ständigen Besuche zermürben Templin und sie halten ihn von
  122. seiner politischen Arbeit ab. Für die Stasi der Sohnun Zweck des Ganzen und sie legen gerade erst los. Zeit für die nächste Phase des operativen Vorgangs.
  123. Der Stasihauptmann tippt einen Maßnahmenplan. Hauptzielstellungen. Isolierung und Diskreditierung des
  124. Templin gegenüber anderen Initiatoren politischer Untergrundtätigkeit. Persönliche Verunsicherung und Kriminalisierung.
  125. Diese Methode stammt von Erich Milke persönlich und ist offiziell in der Richtlinie 176 verankert. Laut der Vorschrift zielt das operative Vorgehend
  126. darauf ab, den öffentlichen Ruf systematisch zu diskreditieren, berufliche Misserfolge zu organisieren und das Selbstvertrauen zu untergraben,
  127. sowie Misstrauen und gegenseitige Verdächtigungen innerhalb von Gruppen zu erzeugen. Milke animiert seine Agenten zu Kreativität. Ihr müsst jedes
  128. Mittelrecht, um das Leben von Andersdenkenden zu ruinieren. Er will Regimkritiker handlungsunfähig machen. Templin weiß, dass ihm die Stasien ist.
  129. Trotzdem gibt er seinen politischen Aktivismus nicht auf. Im Gegenteil, bis Dezember 1987 beteiligt er sich fast täglich an sogenannten Aktionen und die
  130. Stasi kommt nicht mehr hinterher, sie alle zu dokumentieren. Zu dieser Zeit wird die Opposition in der DDR stärker. Bürgerrechtler treten immer offener auf
  131. und Templin ist ganz vorne mit dabei. Also verschärft die Stasire Maßnahmen. Inoffizielle Mitarbeiter werden jetzt darauf angesetzt, Verläumdungen über
  132. Templin zu verbreiten. Sie wollen seinen Ruf als Aktivisten ruinieren. Die Stasi weist ihm eine großzügige Wohnung mit Zentralheizung zu. Da er gerade so über
  133. die Runden kommt, könnte er sich so eine Wohnung normalerweise nie leisten. Und genau das ist der [musik] Plan. Die Leute sollen glauben, dass Templin von
  134. der Stasi bezahlt wird. Gleichzeitig streut die Stasi, er habe den Widerstand verraten. Dann nimmt die Staatssicherheit seine Familie ins
  135. Visier. Ein inoffizieller Mitarbeiter soll Templins Frau Regina verführen. Eine Methode, die die Stasi normalerweise im Westdeutschen Ausland
  136. einsetzt. Geschulte Verführer, sogenannte Romeoagenten, bekommen dort den Auftrag, Frauen in Regierungsnahen Positionen näher zu kommen. So will die
  137. Stasi geheime Informationen aus der BRD gelangen. Aber die Methode funktioniert auch im eigenen Land. [musik] Die Stasi setzt Untreue und Gerüchte darüber,
  138. gezielt als Waffe ein, um Familien zu zerstören. [musik] Im Fall der Familie Templin geht der Plan jedoch nicht auf. Vielleicht hat
  139. die Stasi den Romeo letztlich nie eingesetzt oder er hat seinen Job einfach nicht [musik] gut genug gemacht. Stattdessen verhaftet die Geheimpolizei
  140. die beiden Eheleute Templin und schickt sie in ein zeitlich begrenztes Exil in Westdeutschland. Einen Prozess gibt es nicht. Ihre Kinder
  141. werden ins Heim gesteckt. Ein Schicksal, das viele Regimegner trifft und das Templin endgültig zermürben soll. In der Sprache der Stasi heißt dieses
  142. Vorgehen Zersetzung. Zwei ist jeder Fall anders, aber das Ziel dahinter ist immer das gleiche. Die Stasi setzt alles daran, unliebsame Personen gezielt und
  143. systematisch zu brechen. Sie will Menschen an ihrem wundersten Punkt treffen. Bei Templin ist das seine Familie, seine Karriere und sein Ruf als
  144. Aktivist. Eine beliebte Taktik der Stasi ist es außerdem Selbstzweifel zu sehen. Dafür brechen Agenten heimlich in die Wohnung der Zielperson ein. Sie
  145. verrücken Möbel, verstellen die Uhren oder räumen den Kühlschrank um. Die Veränderungen sind minimal, gerade genug, dass die Bewohner anfangen, an
  146. ihrem Verstand zu zweifeln. Noch viele Jahre nach dem Mauerfall leiden Opfer der Zersetzung unter extremem Misstrauen. Sie sind häufiger von
  147. Herzproblemen betroffen und manche von ihnen nehmen sich sogar das Leben. Selbst im Exil in Westdeutschland überwacht die Stasi und lässt sie von
  148. ihren Agenten einschüchtern. Trotzdem bleiben die beiden politisch aktiv und in engem Kontakt zur Opposition in der DDR. Auch führende Bürgerrechtler werden
  149. verhaftet. [musik] Die Festnahmen lösen eine gewaltige Protestwelle aus. Die Menschen in der DDR haben das sozialistische Regime und
  150. seine Führung satt. Hunderte Störer werden inhaftiert, einige von ihnen später in den Westen abgeschoben.
  151. Als im November 1989 die Mauer fällt, kehren Regina und Wolfgang in die DDR zurück. Ihre Zeit im Exil ist vorbei. Zu Hause setzen sie ihre politische Arbeit
  152. fort. Templin wird sogar mit an dem Tisch sitzen, an dem über die deutsche Wiedervereinigung gesprochen wird. Nach der Wiedervereinigung können ehemalige
  153. DDRBürger Einsicht in ihre Stasiakte nehmen. Bis Mitte der 90er fordern Millionen Menschen ihre Akten an. Was sie darin lesen, ist für viele kaum zu
  154. ertragen. [musik] Sie müssen schockiert feststellen, dass sie von ihren eigenen Freunden und sogar von Familienmitgliedern ausspioniert wurden.
  155. Die DDR wird als Volk von Spitzeln bekannt. Das verlorene Vertrauen in ihre Mitmenschen ist für viele das schlimmste Trauma, das der Überwachungsstaat
  156. hinterlassen hat. Heute gehört Deutschland zu den Ländern mit dem stärksten Datenschutzbewusstsein weltweit. In der DDR war
  157. Alkoholmissbrauch überdurchschnittlich weit verbreitet. Auch die Selbstmordrate war auffällig hoch. Zwischen 1949 und 1990 beging in der DDR 50% mehr Menschen
  158. Suizid als in Westdeutschland. Dafür allein das politische System verantwortlich zu machen wäre zu stark vereinfacht. Der durch das Regime
  159. entstandene emotionale Schaden erscheint dennoch offensichtlich. Nach der Wiedervereinigung wurde Erich Milke inhaftiert. für den Mord an den
  160. beiden Polizisten im Jahr 1931. Für seine Verbrechen als Chef der Staatssicherheit wurde er allerdings nie offiziell angeklagt. Er starb im Jahr
  161. 2000. Sein Grab wurde nur wenige Stunden nach seiner Beerdigung geschändet. Cheers.
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