Novemberpogrom 1938 | "Reichskristallnacht" | Nationalsozialismus seguGeschichte https://www.youtube.com/watch?v=kcjcOchjH_4 Transkript (automatisch erstellt) 0:37 Das russische Wort Pogrom bezeichnet gewaltsame Ausschreitungen gegen eine Minderheit, bei denen Eigentum zerstört und Menschen verfolgt und getötet werden. 0:45 In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 begannen die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. 0:52 Diese dauerten fast zwei Tage und werden heute als Novemberpogrom bezeichnet. Überall im Deutschen Reich wurden auf Anordnung der NS-Führung Synagogen, 1:02 die jüdischen Gotteshäuser, in Brand gesteckt. Außerdem wurden von Juden geführte Geschäfte zerstört und geplündert. 1:09 Für die Schäden mussten die jüdischen Gemeinden und Ladenbesitzer selbst aufkommen. Am Morgen des 10. Novembers lagen zersplitterte Schaufensterscheiben auf den Straßen. 1:19 Daran knüpft der Begriff "Reichskristallnacht" an. Seinen Urspruch hat das Wort "Reichskristallnacht" oder auch "Kristallnacht" in Berlin. 1:27 Die Berliner Bürger benutzten das Wort, um die Gewaltaktionen zu kritisieren. Auch noch lange nach dem Zeiten Weltkrieg 1:34 wurden die Ausschreitungen als "Reichskristallnacht" bezeichnet. Dieser Begriff ist aber problematisch, weil er die Gewalttaten verharmlost und beschönigt. 1:42 Deswegen spricht man heute eher vom Novemberpogrom. In allen Städten und Dörfern wurden Geschäfte und Kaufhäuser 1:50 von jüdischen Inhabern zerstört und geplündert. Wie viele es genau waren lässt sich nicht mehr ermitteln. 1:56 Der heutige Stand der Forschung geht aber davon aus, dass viele tausende Geschäfte betroffen waren. 2:01 Die NS-Führung gab an, während des Pogroms 267 Synagogen zerstört zu haben. Erst ein halbes Jahrhundert nach dem 9. November haben Historiker diese Zahl genauer überprüft. 2:14 Sie fanden heraus, dass fast alle Synagogen im Deutschen Reich in Brand gesetzt oder zerstört wurden. 2:20 Die Schäden an den Gebäuden waren häufig so schwer, dass die meisten Synagogen danach abgerissen wurden. Die Historiker 2:26 nehmen an, dass etwa 1400 Synagogen und Bethäuser auf diese Weise verschwanden. Es sind nur relativ wenige Fotos von brennenden Synagogen überliefert, 2:36 da die meisten Brände in der Nacht gelegt wurden und nach Stand der Fototechnik der Dreißiger Jahre Nachtaufnahmen schwierig waren. 2:43 Die Fotos der Synagoge in Siegen in Südwestfalen gehören zu diesen wenigen Aufnahmen. Fotos, die zeigen, wie die SA oder die SS die Synagogen in Brand setzen, sind nicht bekannt. 2:57 Schon kurz nach dem Machtantritt der NSDAP im Jahr 1933 kam es zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. 3:05 Am 1. April 1933 organisierte die NS-Führung einen Boykott jüdischer Geschäfte. Die SA klebte Plakate an die Geschäfte mit der Aufschrift: 3:14 "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht beim Juden!". Die jüdische Bevölkerung wurde durch verschiedene Gesetze diskriminiert 3:23 und somit zunehmend in ihren Rechten eingegrenzt. 1935 wurden die Nürnberger Rassegesetze erlassen. 3:31 Diese verboten beispielsweise die Heirat von Juden und Nichtjuden. Außerdem legten sie genau fest, wer als "Voll-", "Halb-" oder "Vierteljude" zu gelten habe. 3:40 Jeder Bürger im Deutschen Reich musste seine Abstammung über den Familienstammbaum nachweisen. Im gesellschaftlichen Leben wurden die Juden öffentlich ausgegrenzt. 3:50 Auf dem Ortsschild von Fürth in Mittelfranken stand: "Juden sind unser Unglück". An vielen anderen Ortsschildern hieß es: "Juden unerwünscht!" 3:59 Auf Parkbänken brachte man Schilder an, auf denen: "Nur für Arier!" zu lesen war. Die NS-Führung suchte in den folgenden Jahren nach einem Anlass 4:08 für reichsweiten Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Am 7. November verübte ein 17jähriger Jude in Paris ein 4:15 Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath. Der Diplomat überlebte das Attentat nicht. 4:21 Er starb am Abend des 9. Novembers an den Folgen seiner Verletzungen. Die NS-Führung nutzte den Tod vom Raths als Vorwand für den Pogrom in Deutschland. 4:31 In den späten Abendstunden erging der Befehl für die Ausschreitungen an SA und SS. Eine Großzahl der Übergriffe auf Synagogen und Geschäfte 4:38 erfolgte in der Nacht auf den 10. November. Die Zahl der während des Pogroms getöteten Menschen wird unterschiedlich angegeben. 4:46 Während die Forschung in den vergangenen Jahren von mindestens 400 Getöteten ausging, hat der amerikanische Historiker Adam Steinways 2009 nach intensiven 4:56 Recherchen neue Forschungsergebnisse über den Novemberpogrom veröffentlicht. Nach seinen Recherchen lag die Zahl der ums Leben gekommenen Menschen bei bis zu 1500, 5:06 darunter auch zahlreiche Menschen, die Suizid begangen haben. Steinways hat recherchiert, dass neben Synagogen und Geschäften an vielen Orten 5:15 auch andere Einrichtungen, zum Beispiel Alten- oder Waisenheime verwüstet wurden. Zudem wurden Juden gezielt gedemütigt. 5:25 In Gütersloh wurden "Juden gezwungen, im Nachthemd durch die Straßen zu ziehen." In Dortmund "zwang man Juden, ihre eigenen Möbel aus dem Fenster zu werfen." 5:38 In Wien "wurden sie, in Gebetsschals und zerrissene Torarollen gehüllt, durch die Straßen geführt." 5:46 An der Bensheimer Synagoge wurden "Juden gezwungen, um das brennende Gebäude herumzutanzen." 5:53 In Lichtenfels "spielten Jugendliche vor den Augen der Juden Fußball mit jüdischen Gebetsbüchern." Von der Laupheimer Synagoge berichtet Steinways: 6:02 "Die SA ließ die Juden vor dem brennenden Gebäude niederknien." In Düsseldorf wurden "jüdischen Männer und Frauen gezwungen, 6:12 im Nachthemd barfuß über Scherben zu laufen." Ein Befehl des SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrichs an die Polizei wies darauf hin, bei 6:24 den Gewaltakten darauf zu achten, kein Eigentum der nichtjüdischen Bevölkerung zu beschädigen. In dem Befehl heißt es: 6:33 "Es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens und Eigentums mit sich 6:38 bringen (z.B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung vorhanden ist)" Die Feuerwehr war angewiesen, nur die Nachbarhäuser vor den Flammen zu schützen. 6:52 Bei genauem Hinschauen lässt sich das auch auf diesem Foto erkennen. Die Feuerwehrmänner richten die beiden Wasserstrahle auf das Gebäude rechts, 6:59 nicht aber auf die brennende Synagoge. Über die Haltung der Bevölkerung zu den Novemberpogromen urteilen die Historiker unterschiedlich. 7:08 Öffentliche Proteste über die Ausschreitungen sind kaum überliefert. Das Foto aus Magdeburg zeigt ein lachendes Paar vor einem zerstörten Geschäft. 7:17 Es ist dennoch problematisch zu sagen, dass die ganze Bevölkerung den Pogrom vom 9. November befürwortet hat. 7:23 Der sogenannte "Sicherheitsdienst" SD sollte die Stimmung in der Bevölkerung auskundschaften. Er stellte in Teilen der Bevölkerung eine Ablehnung der Ausschreitungen fest. 7:33 Selbst innerhalb der NSDAP gab es Kritik an den Gewaltexzessen. Nach heutigem Forschungsstand steht jedoch fest, dass nur Wenige den Verfolgten geholfen haben. 7:53 Etwa 30.000 jüdische Männer wurden unter den Augen der Öffentlichkeit verhaftet und in Konzentrationslager gebracht, so zum Beispiel nach Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen. 8:03 Die große Mehrheit der Inhaftierten ist nach einigen Wochen wieder freigekommen. Der Novemberpogrom von 1938 markiert einen Wendepunkt 8:12 des Umgangs mit den Juden im Nationalsozialismus. In der heutigen Bewertung steht der Pogrom für den Übergang von der 8:19 Ausgrenzung und Diskriminierung hin zur gezielten Verfolgung. Ab 1941 begannen die Deportationen und die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung. 8:30 An die zerstörten Synagogen erinnern heute in vielen Städten und Gemeinden Gedenktafeln oder Denkmäler.