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Die Goldene Regel

Ethik-Abi by BOE11:32 12.108 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu.“ Dieses bekannte Sprichwort ist eine von vielen Formulierungen der Goldenen Regel, einem jahrhundertealten
  2. und weltweit verbreiteten Grundsatz der Ethik. Welche weiteren Formulierungen der Goldenen Regel existieren, in welchen Kulturen und
  3. Religionen wir sie finden und welche Merkmale sie auszeichnen, erfährst du in diesem Video. Die Goldene Regel existiert in einer positiven und einer negativen Formulierung.
  4. Positiv formuliert lautet sie: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ Die negative Formulierung finden wir in dem
  5. bekannten Sprichwort: „Was du nicht willst, das(s) man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“ Die positive Form verlangt, andere Menschen
  6. so zu behandeln, wie man selbst von ihnen behandelt werden möchte. Die negative Form, andere nicht so zu behandeln, wie man selbst nicht behandelt werden will.
  7. Die erste Formulierung sagt also, was Menschen tun sollen (Gebot), die zweite, was sie unterlassen sollen (Verbot).
  8. Während sich die negative Form der Goldenen Regel auf die Minimierung von Leid beschränkt, bezieht sich die positive Formulierung darüber hinaus auf die Maximierung des allgemeinen
  9. Wohlergehens. Man soll andere gut behandeln und nicht nur vermeiden, sie schlecht zu behandeln.
  10. Der britische Philosoph Julian Baggini nennt als konkretes Beispiel für diesen Unterschied das Verhalten im Straßenverkehr: „Nach der negativen Form kann ich tun und lassen,
  11. was ich will, solange ich nicht andere durch meine Fahrweise gefährde. Die positive Form jedoch verpflichtet mich stärker.
  12. Nach ihr soll ich anhalten und helfen, wenn ich einen anderen Verkehrsteilnehmer mit einer Autopanne am Fahrbahnrand sehe, oder den Notruf wählen, wenn ich Zeuge eines Unfalls werde.“
  13. Diese Differenzierung ist jedoch moralisch oft ohne Bedeutung. Ich könnte schließlich in dem Beispiel auch argumentieren, dass ich nicht möchte, dass
  14. andere weiterfahren bzw. keine Hilfe holen, wenn ich in Not bin. Dementsprechend wird in der philosophischen Ethik kein grundlegender Unterschied zwischen
  15. der positiven und der negativen Formulierung der Goldenen Regel gesehen. Als Verbotsregel ist die Goldene Regel deutlich weiter verbreitet.
  16. In ihrer negativen Formulierung sagt sie uns, wie wir uns auf keinen Fall verhalten sollten. Die negative Formulierung der Goldenen Regel verbietet Schädigungen anderer Menschen,
  17. worüber weitgehender Konsens besteht. Die Goldene Regel gibt es schon seit Jahrtausenden und in fast allen Kulturen und Religionen.
  18. Der Theologe Martin Bauschke bezeichnet sie daher als „moralisches Weltkulturerbe“. Wir finden sie in verschiedensten Kulturen zu verschiedensten Zeiten.
  19. Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. sind ähnliche Merksprüche oder Lehrsätze in religiösen und philosophischen Texten überliefert, beispielsweise aus China, Indien, Persien, Ägypten und Griechenland.
  20. Man geht davon aus, dass die Goldene Regel in den unterschiedlichen Kulturen unabhängig voneinander formuliert wurde.
  21. Hier nur ein paar wenige Beispiele: Der griechische Naturphilosoph Thales von Milet (ca. 624-545 v. Chr.) antwortete auf die Frage: „Wie können wir das beste und
  22. rechtschaffenste Leben führen?“ bereits im 6. Jahrhundert vor Christus: „Dadurch, dass wir das, was wir bei anderen tadeln, nicht selber tun.“
  23. Von Konfuzius (551–479 v. Chr.) ist überliefert: „Das ist ‚gegenseitige Rücksichtnahme‘ (shu).
  24. Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen.“ In der Mahabharata (400 v. Chr. - 400 n. Chr.), einer Grundlagenschrift des Hinduismus und
  25. Brahmaismus, lesen wir: „Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral.“
  26. In der Samyutta Nikaya, einer wichtigen Sammlung buddhistischer Texte, steht: „Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für einen anderen
  27. sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten?"
  28. Im Talmud lesen wir: „Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun.“ Im Neuen Testament der Bibel steht im Matthäus-Evangelium: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen
  29. tun, das tut auch ihnen!“ Und ein Hadith (wichtiger Ausspruch) im Islam lautet: „Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was
  30. er sich selber wünscht.“ Wir sehen: Die Goldene Regel wurde und wird in ganz verschiedenen Kulturen und Religionen und zu unterschiedlichen Zeiten angewendet.
  31. In ihren unterschiedlichen Formulierungen ist sie weltweit seit ca. 2700 Jahren dokumentiert. Damit ist sie ein Beispiel für ethische Universalität.
  32. Es handelt sich nicht nur um eine mögliche oder beabsichtigte, sondern um eine tatsächliche universale Regel.
  33. Was aber macht die Goldene Regel zu einem so allgemein akzeptierten und weit verbreiteten moralischen Grundsatz?
  34. Welche Merkmale zeichnen sie aus? Zunächst einmal beruht die Goldene Regel auf Gegenseitigkeit (Reziprozität) im Sozialverhalten.
  35. Was ich von anderen erwarte, muss ich auch selbst bereit sein zu tun. Von meiner Selbstliebe oder - drastischer ausgedrückt - meinem Egoismus gelange ich
  36. zu einer gerechten und wohlwollenden Behandlung anderer. Die Goldene Regel verlangt nämlich, die Interessen und Wünsche anderer als gleichwertig mit
  37. den eigenen zu berücksichtigen (Fairness). Es geht um einen Ausgleich von Interessen.
  38. Man achtet die Bedürfnisse und Interessen anderer, während man gleichzeitig seine eigenen Ziele verfolgt.
  39. Nötig hierfür ist ein Perspektivenwechsel und Empathie. Um die Goldene Regel sinnvoll anzuwenden, kann man nicht direkt vom eigenen Wollen auf
  40. das Wollen anderer schließen. Vielmehr muss man sich in die Lage der anderen Person versetzen, sich in sie hineindenken
  41. und sich ihre Reaktionen ausmalen. Gegebenenfalls kann man sein geplantes Verhalten dann korrigieren.
  42. Die Goldene Regel liefert keine inhaltlichen Normen, sondern - ähnlich wie Kants kategorischer Imperativ - ein formales Prüfverfahren für richtiges oder falsches Verhalten.
  43. Sie sagt uns nicht, was genau wir tun oder unterlassen sollen, sondern ist eine formale Regel, die im Einzelfall mit Inhalt gefüllt werden muss.
  44. So macht sie die Abstraktion von bestimmten Inhalten - auch kultureller Art - möglich und kann in vielen unterschiedlichen Situationen angewendet werden.
  45. Dadurch stellt die Goldene Regel einen ethischen Minimalkonsens unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Weltanschauungen dar.
  46. Sie wird von der Mehrheit der Menschen als sozialethisches Minimum akzeptiert. In ihren beiden Formulierungen erfasst die Goldene Regel zwei Grundaspekte jeder Ethik:
  47. In der positiven Form fordert sie Wohltun, in der negativen Fassung Schadensvermeidung (Nicht-Schaden).
  48. Die negative Formulierung der Goldenen Regel fordert zudem Gerechtigkeit und Respekt vor der Autonomie anderer Menschen.
  49. Die Goldene Regel markiert den entscheidenden zivilisatorischen Fortschritt vom Vergeltungsprinzip zum Grundsatz des Wünschenswerten.
  50. Es geht nicht länger darum, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern zu erkennen, dass moralisch falsches Verhalten durchbrochen werden kann, indem man sich in die Lage des
  51. anderen versetzt und sich überlegt, was dieser sich wünscht. So kann eine neue - tolerante und wertschätzende - Form des Umgangs miteinander entstehen,
  52. welche ein friedlich-kooperatives Zusammenleben ermöglicht. Obwohl wir die Goldene Regel in fast allen Religionen finden, handelt es sich nicht um
  53. eine spezifisch religiöse Regel. Sie macht keinen Umweg über Gott oder die Religion, sondern ist weltanschaulich neutral
  54. formuliert. Sie appelliert an den gesunden Menschenverstand und an die Autonomie des Menschen im Sinne
  55. einer ethischen Selbstverpflichtung. Die Goldene Regel wird in den meisten Situationen und von fast allen Menschen intuitiv als überzeugend
  56. akzeptiert. Der deutsche Philosoph Hans Reiner (1896-1991) unterscheidet vier unterschiedliche Interpretationen
  57. der Goldenen Regel. Die Goldene Regel kann zum Einen verstanden werden als Einfühlungsregel.
  58. In dieser Interpretation verlangt sie, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen und dementsprechend zu handeln.
  59. Was man selbst nicht erleiden möchte, soll man auch anderen nicht antun. Es geht um einen Perspektivenwechsel und Empathie.
  60. Zweitens lässt sich die Goldene Regel als Autonomieregel (auch: Wahrhaftigkeitsregel) verstehen.
  61. Sie fordert uns auf, nach derselben Maxime zu handeln, mit welcher wir das Verhalten anderer beurteilen.
  62. Normalerweise können wir das Verhalten anderer nämlich viel neutraler und klarer beurteilen als unser eigenes.
  63. Ausgehend von der Beurteilung anderer gelangen wir zu einem moralisch richtigen eigenen Verhalten: Was wir bei anderen missbilligen, sollen wir selbst nicht tun.
  64. Die selben normativen Kriterien, die wir bei anderen anlegen, müssen wir auch bei uns selbst anwenden.
  65. Drittens kann man die Goldene Regel als Gegenseitigkeitsregel verstehen. In dieser Interpretation geht es um einen fairen Interessensausgleich zwischen mir selbst
  66. und dem anderen. Eine soziale Ordnung kann nämlich nur dann funktionieren, wenn Eigeninteresse und Altruismus
  67. in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Und viertens lässt sich die Goldene Regel „jenseits der Moral“ als Klugheitsregel
  68. des sozialen Verhaltens interpretieren. Man behandelt andere gut, damit man auch selbst gut behandelt wird.
  69. In dieser Interpretation wäre die Goldene Regel die pragmatische Maxime eines cleveren, da weitsichtigen Egoismus.
  70. Man handelt gut, weil man auf eine positive Reaktion des anderen spekuliert. Und wie weit reicht die Goldene Regel?
  71. Für welchen Anwendungskreis ist sie gültig? In den vielen Varianten der Goldenen Regel aus unterschiedlichen Kontexten, Kulturen
  72. und Religionen lassen sich drei verschiedene Typen ausmachen. Die partielle Goldene Regel gilt nur für einen begrenzten Personenkreis, wie etwa die
  73. Familie, den Freundeskreis, die Arbeitskollegen oder die eigene Glaubensgemeinschaft. Art und Größe des Personenkreises, innerhalb dessen die Goldene Regel gilt und angewendet
  74. wird, kann dabei sehr unterschiedlich definiert sein. Kriterien wie emotionale oder politische Nähe, aber auch Religion, Ethnie, Nation oder soziale
  75. Schicht können eine Rolle spielen. Die meisten Menschen, die sich an der Goldenen Regel orientieren, wenden sie nur in einer
  76. ganz bestimmten Wir-Gruppe an. Die generelle Goldene Regel gilt für das gesamte Menschengeschlecht.
  77. Sowohl die Weltreligionen als auch verschiedene Philosophen fordern uns dazu auf, die Goldene Regel auf ausnahmslos alle Menschen anzuwenden.
  78. Diese Anwendung der Goldene Regel stellt höhere ethische Ansprüche an den Menschen. Grundgedanke hierbei ist die Zusammengehörigkeit, Einheit und gegenseitige Abhängigkeit aller
  79. Menschen. Und die universelle Goldene Regel schließlich dehnt den Gültigkeitsbereich über den Menschen
  80. hinaus auf die Gesamtheit der Lebewesen einschließlich der Tiere, Pflanzen und der Natur aus. Eine solche Anwendung der Goldenen Regel finden wir beispielsweise in Naturreligionen, bestimmten
  81. Ansätzen der Umweltethik oder auch im Jainismus, einer indischen Religion. Vertreter dieser Position gehen davon aus, dass alles Lebendige oder Natürliche moralisch
  82. berücksichtigt werden muss, etwa weil es miteinander vernetzt ist und voneinander abhängt. In den nächsten Videos betrachten wir die Stärken und Schwächen der Goldenen Regel.
  83. Wendest du selbst die Goldene Regel manchmal an? In welchen Situationen und auf welchen Anwendungskreis?
  84. Schreibe deine Erfahrungen sehr gerne unten in die Kommentare. Mit dem Quizlet-Lernset „Die Goldene Regel“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen.
  85. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!

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