Die Goldene Regel Ethik-Abi by BOE https://www.youtube.com/watch?v=iFj2DvlBy_8 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu.“ Dieses bekannte Sprichwort ist eine von vielen Formulierungen der Goldenen Regel, einem jahrhundertealten 0:09 und weltweit verbreiteten Grundsatz der Ethik. Welche weiteren Formulierungen der Goldenen Regel existieren, in welchen Kulturen und 0:18 Religionen wir sie finden und welche Merkmale sie auszeichnen, erfährst du in diesem Video. Die Goldene Regel existiert in einer positiven und einer negativen Formulierung. 0:29 Positiv formuliert lautet sie: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ Die negative Formulierung finden wir in dem 0:37 bekannten Sprichwort: „Was du nicht willst, das(s) man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“ Die positive Form verlangt, andere Menschen 0:44 so zu behandeln, wie man selbst von ihnen behandelt werden möchte. Die negative Form, andere nicht so zu behandeln, wie man selbst nicht behandelt werden will. 0:54 Die erste Formulierung sagt also, was Menschen tun sollen (Gebot), die zweite, was sie unterlassen sollen (Verbot). 1:00 Während sich die negative Form der Goldenen Regel auf die Minimierung von Leid beschränkt, bezieht sich die positive Formulierung darüber hinaus auf die Maximierung des allgemeinen 1:10 Wohlergehens. Man soll andere gut behandeln und nicht nur vermeiden, sie schlecht zu behandeln. 1:16 Der britische Philosoph Julian Baggini nennt als konkretes Beispiel für diesen Unterschied das Verhalten im Straßenverkehr: „Nach der negativen Form kann ich tun und lassen, 1:25 was ich will, solange ich nicht andere durch meine Fahrweise gefährde. Die positive Form jedoch verpflichtet mich stärker. 1:32 Nach ihr soll ich anhalten und helfen, wenn ich einen anderen Verkehrsteilnehmer mit einer Autopanne am Fahrbahnrand sehe, oder den Notruf wählen, wenn ich Zeuge eines Unfalls werde.“ 1:43 Diese Differenzierung ist jedoch moralisch oft ohne Bedeutung. Ich könnte schließlich in dem Beispiel auch argumentieren, dass ich nicht möchte, dass 1:50 andere weiterfahren bzw. keine Hilfe holen, wenn ich in Not bin. Dementsprechend wird in der philosophischen Ethik kein grundlegender Unterschied zwischen 1:58 der positiven und der negativen Formulierung der Goldenen Regel gesehen. Als Verbotsregel ist die Goldene Regel deutlich weiter verbreitet. 2:06 In ihrer negativen Formulierung sagt sie uns, wie wir uns auf keinen Fall verhalten sollten. Die negative Formulierung der Goldenen Regel verbietet Schädigungen anderer Menschen, 2:16 worüber weitgehender Konsens besteht. Die Goldene Regel gibt es schon seit Jahrtausenden und in fast allen Kulturen und Religionen. 2:23 Der Theologe Martin Bauschke bezeichnet sie daher als „moralisches Weltkulturerbe“. Wir finden sie in verschiedensten Kulturen zu verschiedensten Zeiten. 2:33 Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. sind ähnliche Merksprüche oder Lehrsätze in religiösen und philosophischen Texten überliefert, beispielsweise aus China, Indien, Persien, Ägypten und Griechenland. 2:46 Man geht davon aus, dass die Goldene Regel in den unterschiedlichen Kulturen unabhängig voneinander formuliert wurde. 2:52 Hier nur ein paar wenige Beispiele: Der griechische Naturphilosoph Thales von Milet (ca. 624-545 v. Chr.) antwortete auf die Frage: „Wie können wir das beste und 3:00 rechtschaffenste Leben führen?“ bereits im 6. Jahrhundert vor Christus: „Dadurch, dass wir das, was wir bei anderen tadeln, nicht selber tun.“ 3:09 Von Konfuzius (551–479 v. Chr.) ist überliefert: „Das ist ‚gegenseitige Rücksichtnahme‘ (shu). 3:14 Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen.“ In der Mahabharata (400 v. Chr. - 400 n. Chr.), einer Grundlagenschrift des Hinduismus und 3:23 Brahmaismus, lesen wir: „Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral.“ 3:32 In der Samyutta Nikaya, einer wichtigen Sammlung buddhistischer Texte, steht: „Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für einen anderen 3:42 sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten?" 3:49 Im Talmud lesen wir: „Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun.“ Im Neuen Testament der Bibel steht im Matthäus-Evangelium: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen 4:00 tun, das tut auch ihnen!“ Und ein Hadith (wichtiger Ausspruch) im Islam lautet: „Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was 4:09 er sich selber wünscht.“ Wir sehen: Die Goldene Regel wurde und wird in ganz verschiedenen Kulturen und Religionen und zu unterschiedlichen Zeiten angewendet. 4:18 In ihren unterschiedlichen Formulierungen ist sie weltweit seit ca. 2700 Jahren dokumentiert. Damit ist sie ein Beispiel für ethische Universalität. 4:29 Es handelt sich nicht nur um eine mögliche oder beabsichtigte, sondern um eine tatsächliche universale Regel. 4:36 Was aber macht die Goldene Regel zu einem so allgemein akzeptierten und weit verbreiteten moralischen Grundsatz? 4:42 Welche Merkmale zeichnen sie aus? Zunächst einmal beruht die Goldene Regel auf Gegenseitigkeit (Reziprozität) im Sozialverhalten. 4:50 Was ich von anderen erwarte, muss ich auch selbst bereit sein zu tun. Von meiner Selbstliebe oder - drastischer ausgedrückt - meinem Egoismus gelange ich 5:00 zu einer gerechten und wohlwollenden Behandlung anderer. Die Goldene Regel verlangt nämlich, die Interessen und Wünsche anderer als gleichwertig mit 5:09 den eigenen zu berücksichtigen (Fairness). Es geht um einen Ausgleich von Interessen. 5:14 Man achtet die Bedürfnisse und Interessen anderer, während man gleichzeitig seine eigenen Ziele verfolgt. 5:20 Nötig hierfür ist ein Perspektivenwechsel und Empathie. Um die Goldene Regel sinnvoll anzuwenden, kann man nicht direkt vom eigenen Wollen auf 5:28 das Wollen anderer schließen. Vielmehr muss man sich in die Lage der anderen Person versetzen, sich in sie hineindenken 5:35 und sich ihre Reaktionen ausmalen. Gegebenenfalls kann man sein geplantes Verhalten dann korrigieren. 5:41 Die Goldene Regel liefert keine inhaltlichen Normen, sondern - ähnlich wie Kants kategorischer Imperativ - ein formales Prüfverfahren für richtiges oder falsches Verhalten. 5:52 Sie sagt uns nicht, was genau wir tun oder unterlassen sollen, sondern ist eine formale Regel, die im Einzelfall mit Inhalt gefüllt werden muss. 6:01 So macht sie die Abstraktion von bestimmten Inhalten - auch kultureller Art - möglich und kann in vielen unterschiedlichen Situationen angewendet werden. 6:10 Dadurch stellt die Goldene Regel einen ethischen Minimalkonsens unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Weltanschauungen dar. 6:17 Sie wird von der Mehrheit der Menschen als sozialethisches Minimum akzeptiert. In ihren beiden Formulierungen erfasst die Goldene Regel zwei Grundaspekte jeder Ethik: 6:29 In der positiven Form fordert sie Wohltun, in der negativen Fassung Schadensvermeidung (Nicht-Schaden). 6:35 Die negative Formulierung der Goldenen Regel fordert zudem Gerechtigkeit und Respekt vor der Autonomie anderer Menschen. 6:42 Die Goldene Regel markiert den entscheidenden zivilisatorischen Fortschritt vom Vergeltungsprinzip zum Grundsatz des Wünschenswerten. 6:50 Es geht nicht länger darum, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern zu erkennen, dass moralisch falsches Verhalten durchbrochen werden kann, indem man sich in die Lage des 7:00 anderen versetzt und sich überlegt, was dieser sich wünscht. So kann eine neue - tolerante und wertschätzende - Form des Umgangs miteinander entstehen, 7:09 welche ein friedlich-kooperatives Zusammenleben ermöglicht. Obwohl wir die Goldene Regel in fast allen Religionen finden, handelt es sich nicht um 7:18 eine spezifisch religiöse Regel. Sie macht keinen Umweg über Gott oder die Religion, sondern ist weltanschaulich neutral 7:26 formuliert. Sie appelliert an den gesunden Menschenverstand und an die Autonomie des Menschen im Sinne 7:32 einer ethischen Selbstverpflichtung. Die Goldene Regel wird in den meisten Situationen und von fast allen Menschen intuitiv als überzeugend 7:40 akzeptiert. Der deutsche Philosoph Hans Reiner (1896-1991) unterscheidet vier unterschiedliche Interpretationen 7:47 der Goldenen Regel. Die Goldene Regel kann zum Einen verstanden werden als Einfühlungsregel. 7:53 In dieser Interpretation verlangt sie, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen und dementsprechend zu handeln. 8:00 Was man selbst nicht erleiden möchte, soll man auch anderen nicht antun. Es geht um einen Perspektivenwechsel und Empathie. 8:08 Zweitens lässt sich die Goldene Regel als Autonomieregel (auch: Wahrhaftigkeitsregel) verstehen. 8:13 Sie fordert uns auf, nach derselben Maxime zu handeln, mit welcher wir das Verhalten anderer beurteilen. 8:18 Normalerweise können wir das Verhalten anderer nämlich viel neutraler und klarer beurteilen als unser eigenes. 8:25 Ausgehend von der Beurteilung anderer gelangen wir zu einem moralisch richtigen eigenen Verhalten: Was wir bei anderen missbilligen, sollen wir selbst nicht tun. 8:35 Die selben normativen Kriterien, die wir bei anderen anlegen, müssen wir auch bei uns selbst anwenden. 8:42 Drittens kann man die Goldene Regel als Gegenseitigkeitsregel verstehen. In dieser Interpretation geht es um einen fairen Interessensausgleich zwischen mir selbst 8:51 und dem anderen. Eine soziale Ordnung kann nämlich nur dann funktionieren, wenn Eigeninteresse und Altruismus 8:57 in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Und viertens lässt sich die Goldene Regel „jenseits der Moral“ als Klugheitsregel 9:05 des sozialen Verhaltens interpretieren. Man behandelt andere gut, damit man auch selbst gut behandelt wird. 9:13 In dieser Interpretation wäre die Goldene Regel die pragmatische Maxime eines cleveren, da weitsichtigen Egoismus. 9:19 Man handelt gut, weil man auf eine positive Reaktion des anderen spekuliert. Und wie weit reicht die Goldene Regel? 9:27 Für welchen Anwendungskreis ist sie gültig? In den vielen Varianten der Goldenen Regel aus unterschiedlichen Kontexten, Kulturen 9:35 und Religionen lassen sich drei verschiedene Typen ausmachen. Die partielle Goldene Regel gilt nur für einen begrenzten Personenkreis, wie etwa die 9:44 Familie, den Freundeskreis, die Arbeitskollegen oder die eigene Glaubensgemeinschaft. Art und Größe des Personenkreises, innerhalb dessen die Goldene Regel gilt und angewendet 9:55 wird, kann dabei sehr unterschiedlich definiert sein. Kriterien wie emotionale oder politische Nähe, aber auch Religion, Ethnie, Nation oder soziale 10:04 Schicht können eine Rolle spielen. Die meisten Menschen, die sich an der Goldenen Regel orientieren, wenden sie nur in einer 10:10 ganz bestimmten Wir-Gruppe an. Die generelle Goldene Regel gilt für das gesamte Menschengeschlecht. 10:16 Sowohl die Weltreligionen als auch verschiedene Philosophen fordern uns dazu auf, die Goldene Regel auf ausnahmslos alle Menschen anzuwenden. 10:25 Diese Anwendung der Goldene Regel stellt höhere ethische Ansprüche an den Menschen. Grundgedanke hierbei ist die Zusammengehörigkeit, Einheit und gegenseitige Abhängigkeit aller 10:35 Menschen. Und die universelle Goldene Regel schließlich dehnt den Gültigkeitsbereich über den Menschen 10:42 hinaus auf die Gesamtheit der Lebewesen einschließlich der Tiere, Pflanzen und der Natur aus. Eine solche Anwendung der Goldenen Regel finden wir beispielsweise in Naturreligionen, bestimmten 10:53 Ansätzen der Umweltethik oder auch im Jainismus, einer indischen Religion. Vertreter dieser Position gehen davon aus, dass alles Lebendige oder Natürliche moralisch 11:03 berücksichtigt werden muss, etwa weil es miteinander vernetzt ist und voneinander abhängt. In den nächsten Videos betrachten wir die Stärken und Schwächen der Goldenen Regel. 11:13 Wendest du selbst die Goldene Regel manchmal an? In welchen Situationen und auf welchen Anwendungskreis? 11:19 Schreibe deine Erfahrungen sehr gerne unten in die Kommentare. Mit dem Quizlet-Lernset „Die Goldene Regel“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen. 11:28 Viel Spaß beim Lernen und bis bald!