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Die Ganztonleiter (und was sie mit Weihnachten zu tun hat)
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 58 Zeilen
- Verschwommen, vage, manchmal sogar ein bisschen unheimlich: So kann eine Ganztonleiter wirken. Und auch, was sie mit Weihnachten zu tun hat, zeige ich in diesem Video.
- Herzlich willkommen bei PlusMusik! Die gebräuchlichsten Tonleitern in der europäischen Musik sind die Dur-Tonleiter:
- Und die Molltonleiter. Beide besitzen sowohl Ganz- als auch Halbtonschritte, sind diatonisch aufgebaut.
- Das sind aber noch lange nicht alle Tonleitern! Es gibt modale Skalen, gerne auch Kirchentonarten genannt, es gibt die Blues-Skala, es gibt
- Versionen der Molltonleiter, es gibt Pentatoniken ... und das sind immer noch nicht alle. Die Ganztonleiter ist eine interessante Skala.
- Sie besteht, wie es der Name schon sagt, nur aus Ganztönen. Sie beginnt also wie die Dur-Tonleiter.
- Die würde nach dem dritten Ton einen Halbtonschritt zum f machen, damit eine reine Quarte zum Grundton entsteht.
- Die Ganztonleiter verwendet aber nunmal nur Ganztöne - also kommt kein f, sondern ein fis.
- Das ist zum Grundton eine übermäßige Quarte. Die heißt auch Tritonus, übersetzt "drei Töne", und da beginnt es schon, eigentümlich
- zu klingen. Einen Ganzton über dem fis liegt ein gis, einen Ganzton darüber ein ais und einen weiteren
- Ganzton höher ein his. Gehen wir von der gleichstufig temperierten Stimmung aus, also einer Einteilung der Oktave
- in zwölf gleich große Halbtonschritte, lässt sich das his mit dem c enharmonisch verwechseln. Auf dem Klavier sind die Töne his und c also die gleichen Tasten.
- Die Ganztonleiter bewegt sich also, wie auch all die anderen Tonleitern von vorhin, innerhalb einer Oktave.
- Wo liegt eigentlich der Grundton der Ganztonleiter, wo hat sie ihren Ursprung?
- Die Antwort: Nirgendwo. Da alle Intervalle in der Tonleiter gleich groß sind, sind ja alles Ganztöne, kann
- zwischen den Tönen keine Hierarchie entstehen. In einer Dur- oder Molltonleiter gibt es ganz klar einen gewichtigen Grundton, auf den der
- Leitton hindeutet. Der liegt einen Halbton unter dem Grundton.
- Nur mit Ganztönen ist das also nicht umsetzbar. Alle Töne sind gleich gewichtet.
- Während es Dur- und Moll-Tonleitern in allen zwölf Tonarten gibt, existieren von der Ganztonleiter nur zwei Versionen.
- Ist ja logisch: Um einen Halbton kann ich sie versetzen und erwische andere Töne, gehe ich noch einen Halbton weiter, sind es wieder die gleichen Töne wie in der ersten Version
- der Ganztonleiter, nur mit einem anderen Startton. Chromatik, also Halbtonleitern, gab es vereinzelt
- bereits in der Renaissance, obwohl das aufgrund der Stimmung der Instrumente teilweise eher nach Zahnschmerzen als nach Musik geklungen haben muss.
- Ganztonleitern verwendeten Komponisten regelmäßig erst in der Zeit des Impressionismus, also ungefähr ab der zweiten Hälfte des 19.
- Jahrhunderts. Da ist der Franzose Claude Debussy mit der wichtigste Vertreter.
- In seinem Klavierstück "Voilés" macht er regen Gebrauch von der Ganztonleiter. [Voilés - Claude Debussy - Klavier: Ilaria Baldaccini Public Domain CC 1.0]
- Gleich zu Beginn eine in Terzen parallel geführte, absteigende Ganztonleiter. Noch ein Anlauf, diesmal weiter nach unten.
- Dann geht da unten so eine Art Morsecode los. Ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Verschwörungstheoretiker da
- anfängt, irgendwelche Botschaften rauszuhören. Jetzt sind beide Versionen der Ganztonleiter vorhanden, eine in der linken, eine in der
- rechten Hand. Mir zumindest fällt es eher schwer, diesem
- Stück eine Stimmung zuzuordnen. Bei Dur oder Moll geht das ja meistens ganz gut, und sei es einfach nur "fröhlich" oder
- "traurig". Hier weiß man nicht so genau, wo man sich befindet, hat kaum Orientierungspunkte, so
- etwas wie Grundton oder Leitton gibt es ja wie gesagt nicht. Und auch der harmonische Zusammenhang ist nicht systematisch zu deuten.
- Dieses Unklare, Verwischte, Entgrenzte ist genau das, was die Komponisten impressionistischer Musik im Sinn hatten.
- Und Ganztonleitern sind da ein sehr effektives Stilmittel. Dass Debussy sein Stück "Voilés", also "verschwommen" genannt hat, ist übrigens sicherlich kein
- Zufall. "Voilés" ist, das muss man auch noch sagen, übrigens ein Extrembeispiel, wo die Ganztonleiter
- wirklich dauernd präsent ist, das muss so nicht immer ausgeprägt sein. Von Debussy zum wohl bekanntesten Weihnachtsfilm
- in Deutschland, der gar nichts mit Weihnachten zu tun hat: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Eine tschechisch-ostdeutsche Koproduktion aus 1973, seit '75 dann Bestandteil auch des
- westdeutschen Weihnachts-TV-Programms. Da gibt es die folgende Stelle.
- Der Prinz und seine zwei Kumpels sind auf der Jagd. Die zwei haben übrigens sogar Namen, sagt Wikipedia, Kamil und Vitek heißen die.
- Der Prinz will also dieses Reh schießen, Aschenbrödel kommt ihm aber mit einem Schneeball dazwischen.
- [O-Ton Tschechisch] Genau, das ist die tschechische Version, fand ich mal ganz sympathisch.
- Kamil und Vitek amüsieren sich jedenfalls, der Prinz ist aber so schlau zu kapieren, dass so ein Schneeball nicht einfach so vom Himmel fällt und tatsächlich, da läuft
- doch jemand weg! Also hinterher.
- Die weitere Handlung ist sicherlich bekannt, fokussieren wir uns also auf die wunderbare Filmmusik von Karel Svoboda.
- Ein hohes Blasinstrument, ich behaupte eine Oboe, spielt eine relativ unbewegte Melodie: Sechsmal hintereinander der gleiche Ton, da rennt jemand auf ein Ziel zu.
- Kurz den Kopf nach oben gereckt und wieder auf das Ziel fokussiert, sowas könnte man aus den Noten herauslesen.
- Tonartwechsel: Das Ziel ist nicht mehr zu sehen, die drei Herren müssen sich umorientieren. Und die Musik macht gleich mal mit: Jawohl, eine Ganztonleiter.
- Geschmettert von den Posaunen. Und nochmal!
- Die Verwirrung des Prinzen und seiner Kameraden stellt Karel Svoboda ziemlich gelungen dar, finde ich.
- Einerseits diese harmlose, simple Melodie mit dem klaren Ziel, andererseits die totale tonale Desorientierung durch die Ganztonleiter.
- Teilweise übrigens auch eingeleitet durch einen abfallenden Tritonus. Sowas macht doch Spaß!
- [Tschechisch] Kurze Zusammenfassung!
- Eine Ganztonleiter besteht nur aus Ganztonschritten. Deshalb gibt es nur zwei Versionen davon.
- In der Musikgeschichte ist die Ganztonleiter als Stilmittel im Impressionismus zu verorten. Sie wirkt schimmernd, verschwommen, unklar, man kann jede Menge passender Adjektive finden.
- Auf jeden Fall aber alles andere als klar oder deutlich. Im Zweifel also einfach in einen überdurchschnittlich verspielten Prinzen hineindenken, der sich
- eine Verfolgungsjagd mit Aschenbrödel liefert. Wenn also mal wieder Weihnachten sein sollte
- und im Fernsehen tagelang nur "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" läuft, hört ihr, zumindest diese Jagdszene, nun quasi mit ganz anderen Ohren.
- Vielen Dank fürs Zuschauen und bis bald bei PlusMusik!
Zum Nachlesen
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