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Die Ganztonleiter (und was sie mit Weihnachten zu tun hat)

PlusMusik8:09 11.800 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 58 Zeilen
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  1. Verschwommen, vage, manchmal sogar ein bisschen unheimlich: So kann eine Ganztonleiter wirken. Und auch, was sie mit Weihnachten zu tun hat, zeige ich in diesem Video.
  2. Herzlich willkommen bei PlusMusik! Die gebräuchlichsten Tonleitern in der europäischen Musik sind die Dur-Tonleiter:
  3. Und die Molltonleiter. Beide besitzen sowohl Ganz- als auch Halbtonschritte, sind diatonisch aufgebaut.
  4. Das sind aber noch lange nicht alle Tonleitern! Es gibt modale Skalen, gerne auch Kirchentonarten genannt, es gibt die Blues-Skala, es gibt
  5. Versionen der Molltonleiter, es gibt Pentatoniken ... und das sind immer noch nicht alle. Die Ganztonleiter ist eine interessante Skala.
  6. Sie besteht, wie es der Name schon sagt, nur aus Ganztönen. Sie beginnt also wie die Dur-Tonleiter.
  7. Die würde nach dem dritten Ton einen Halbtonschritt zum f machen, damit eine reine Quarte zum Grundton entsteht.
  8. Die Ganztonleiter verwendet aber nunmal nur Ganztöne - also kommt kein f, sondern ein fis.
  9. Das ist zum Grundton eine übermäßige Quarte. Die heißt auch Tritonus, übersetzt "drei Töne", und da beginnt es schon, eigentümlich
  10. zu klingen. Einen Ganzton über dem fis liegt ein gis, einen Ganzton darüber ein ais und einen weiteren
  11. Ganzton höher ein his. Gehen wir von der gleichstufig temperierten Stimmung aus, also einer Einteilung der Oktave
  12. in zwölf gleich große Halbtonschritte, lässt sich das his mit dem c enharmonisch verwechseln. Auf dem Klavier sind die Töne his und c also die gleichen Tasten.
  13. Die Ganztonleiter bewegt sich also, wie auch all die anderen Tonleitern von vorhin, innerhalb einer Oktave.
  14. Wo liegt eigentlich der Grundton der Ganztonleiter, wo hat sie ihren Ursprung?
  15. Die Antwort: Nirgendwo. Da alle Intervalle in der Tonleiter gleich groß sind, sind ja alles Ganztöne, kann
  16. zwischen den Tönen keine Hierarchie entstehen. In einer Dur- oder Molltonleiter gibt es ganz klar einen gewichtigen Grundton, auf den der
  17. Leitton hindeutet. Der liegt einen Halbton unter dem Grundton.
  18. Nur mit Ganztönen ist das also nicht umsetzbar. Alle Töne sind gleich gewichtet.
  19. Während es Dur- und Moll-Tonleitern in allen zwölf Tonarten gibt, existieren von der Ganztonleiter nur zwei Versionen.
  20. Ist ja logisch: Um einen Halbton kann ich sie versetzen und erwische andere Töne, gehe ich noch einen Halbton weiter, sind es wieder die gleichen Töne wie in der ersten Version
  21. der Ganztonleiter, nur mit einem anderen Startton. Chromatik, also Halbtonleitern, gab es vereinzelt
  22. bereits in der Renaissance, obwohl das aufgrund der Stimmung der Instrumente teilweise eher nach Zahnschmerzen als nach Musik geklungen haben muss.
  23. Ganztonleitern verwendeten Komponisten regelmäßig erst in der Zeit des Impressionismus, also ungefähr ab der zweiten Hälfte des 19.
  24. Jahrhunderts. Da ist der Franzose Claude Debussy mit der wichtigste Vertreter.
  25. In seinem Klavierstück "Voilés" macht er regen Gebrauch von der Ganztonleiter. [Voilés - Claude Debussy - Klavier: Ilaria Baldaccini Public Domain CC 1.0]
  26. Gleich zu Beginn eine in Terzen parallel geführte, absteigende Ganztonleiter. Noch ein Anlauf, diesmal weiter nach unten.
  27. Dann geht da unten so eine Art Morsecode los. Ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Verschwörungstheoretiker da
  28. anfängt, irgendwelche Botschaften rauszuhören. Jetzt sind beide Versionen der Ganztonleiter vorhanden, eine in der linken, eine in der
  29. rechten Hand. Mir zumindest fällt es eher schwer, diesem
  30. Stück eine Stimmung zuzuordnen. Bei Dur oder Moll geht das ja meistens ganz gut, und sei es einfach nur "fröhlich" oder
  31. "traurig". Hier weiß man nicht so genau, wo man sich befindet, hat kaum Orientierungspunkte, so
  32. etwas wie Grundton oder Leitton gibt es ja wie gesagt nicht. Und auch der harmonische Zusammenhang ist nicht systematisch zu deuten.
  33. Dieses Unklare, Verwischte, Entgrenzte ist genau das, was die Komponisten impressionistischer Musik im Sinn hatten.
  34. Und Ganztonleitern sind da ein sehr effektives Stilmittel. Dass Debussy sein Stück "Voilés", also "verschwommen" genannt hat, ist übrigens sicherlich kein
  35. Zufall. "Voilés" ist, das muss man auch noch sagen, übrigens ein Extrembeispiel, wo die Ganztonleiter
  36. wirklich dauernd präsent ist, das muss so nicht immer ausgeprägt sein. Von Debussy zum wohl bekanntesten Weihnachtsfilm
  37. in Deutschland, der gar nichts mit Weihnachten zu tun hat: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Eine tschechisch-ostdeutsche Koproduktion aus 1973, seit '75 dann Bestandteil auch des
  38. westdeutschen Weihnachts-TV-Programms. Da gibt es die folgende Stelle.
  39. Der Prinz und seine zwei Kumpels sind auf der Jagd. Die zwei haben übrigens sogar Namen, sagt Wikipedia, Kamil und Vitek heißen die.
  40. Der Prinz will also dieses Reh schießen, Aschenbrödel kommt ihm aber mit einem Schneeball dazwischen.
  41. [O-Ton Tschechisch] Genau, das ist die tschechische Version, fand ich mal ganz sympathisch.
  42. Kamil und Vitek amüsieren sich jedenfalls, der Prinz ist aber so schlau zu kapieren, dass so ein Schneeball nicht einfach so vom Himmel fällt und tatsächlich, da läuft
  43. doch jemand weg! Also hinterher.
  44. Die weitere Handlung ist sicherlich bekannt, fokussieren wir uns also auf die wunderbare Filmmusik von Karel Svoboda.
  45. Ein hohes Blasinstrument, ich behaupte eine Oboe, spielt eine relativ unbewegte Melodie: Sechsmal hintereinander der gleiche Ton, da rennt jemand auf ein Ziel zu.
  46. Kurz den Kopf nach oben gereckt und wieder auf das Ziel fokussiert, sowas könnte man aus den Noten herauslesen.
  47. Tonartwechsel: Das Ziel ist nicht mehr zu sehen, die drei Herren müssen sich umorientieren. Und die Musik macht gleich mal mit: Jawohl, eine Ganztonleiter.
  48. Geschmettert von den Posaunen. Und nochmal!
  49. Die Verwirrung des Prinzen und seiner Kameraden stellt Karel Svoboda ziemlich gelungen dar, finde ich.
  50. Einerseits diese harmlose, simple Melodie mit dem klaren Ziel, andererseits die totale tonale Desorientierung durch die Ganztonleiter.
  51. Teilweise übrigens auch eingeleitet durch einen abfallenden Tritonus. Sowas macht doch Spaß!
  52. [Tschechisch] Kurze Zusammenfassung!
  53. Eine Ganztonleiter besteht nur aus Ganztonschritten. Deshalb gibt es nur zwei Versionen davon.
  54. In der Musikgeschichte ist die Ganztonleiter als Stilmittel im Impressionismus zu verorten. Sie wirkt schimmernd, verschwommen, unklar, man kann jede Menge passender Adjektive finden.
  55. Auf jeden Fall aber alles andere als klar oder deutlich. Im Zweifel also einfach in einen überdurchschnittlich verspielten Prinzen hineindenken, der sich
  56. eine Verfolgungsjagd mit Aschenbrödel liefert. Wenn also mal wieder Weihnachten sein sollte
  57. und im Fernsehen tagelang nur "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" läuft, hört ihr, zumindest diese Jagdszene, nun quasi mit ganz anderen Ohren.
  58. Vielen Dank fürs Zuschauen und bis bald bei PlusMusik!

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