Die Ganztonleiter (und was sie mit Weihnachten zu tun hat) PlusMusik https://www.youtube.com/watch?v=ajJVNfa3S7g Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Verschwommen, vage, manchmal sogar ein bisschen unheimlich: So kann eine Ganztonleiter wirken. Und auch, was sie mit Weihnachten zu tun hat, zeige ich in diesem Video. 0:09 Herzlich willkommen bei PlusMusik! Die gebräuchlichsten Tonleitern in der europäischen Musik sind die Dur-Tonleiter: 0:22 Und die Molltonleiter. Beide besitzen sowohl Ganz- als auch Halbtonschritte, sind diatonisch aufgebaut. 0:36 Das sind aber noch lange nicht alle Tonleitern! Es gibt modale Skalen, gerne auch Kirchentonarten genannt, es gibt die Blues-Skala, es gibt 0:45 Versionen der Molltonleiter, es gibt Pentatoniken ... und das sind immer noch nicht alle. Die Ganztonleiter ist eine interessante Skala. 0:54 Sie besteht, wie es der Name schon sagt, nur aus Ganztönen. Sie beginnt also wie die Dur-Tonleiter. 0:59 Die würde nach dem dritten Ton einen Halbtonschritt zum f machen, damit eine reine Quarte zum Grundton entsteht. 1:07 Die Ganztonleiter verwendet aber nunmal nur Ganztöne - also kommt kein f, sondern ein fis. 1:15 Das ist zum Grundton eine übermäßige Quarte. Die heißt auch Tritonus, übersetzt "drei Töne", und da beginnt es schon, eigentümlich 1:25 zu klingen. Einen Ganzton über dem fis liegt ein gis, einen Ganzton darüber ein ais und einen weiteren 1:35 Ganzton höher ein his. Gehen wir von der gleichstufig temperierten Stimmung aus, also einer Einteilung der Oktave 1:42 in zwölf gleich große Halbtonschritte, lässt sich das his mit dem c enharmonisch verwechseln. Auf dem Klavier sind die Töne his und c also die gleichen Tasten. 1:53 Die Ganztonleiter bewegt sich also, wie auch all die anderen Tonleitern von vorhin, innerhalb einer Oktave. 2:00 Wo liegt eigentlich der Grundton der Ganztonleiter, wo hat sie ihren Ursprung? 2:08 Die Antwort: Nirgendwo. Da alle Intervalle in der Tonleiter gleich groß sind, sind ja alles Ganztöne, kann 2:15 zwischen den Tönen keine Hierarchie entstehen. In einer Dur- oder Molltonleiter gibt es ganz klar einen gewichtigen Grundton, auf den der 2:23 Leitton hindeutet. Der liegt einen Halbton unter dem Grundton. 2:27 Nur mit Ganztönen ist das also nicht umsetzbar. Alle Töne sind gleich gewichtet. 2:33 Während es Dur- und Moll-Tonleitern in allen zwölf Tonarten gibt, existieren von der Ganztonleiter nur zwei Versionen. 2:41 Ist ja logisch: Um einen Halbton kann ich sie versetzen und erwische andere Töne, gehe ich noch einen Halbton weiter, sind es wieder die gleichen Töne wie in der ersten Version 2:51 der Ganztonleiter, nur mit einem anderen Startton. Chromatik, also Halbtonleitern, gab es vereinzelt 2:58 bereits in der Renaissance, obwohl das aufgrund der Stimmung der Instrumente teilweise eher nach Zahnschmerzen als nach Musik geklungen haben muss. 3:08 Ganztonleitern verwendeten Komponisten regelmäßig erst in der Zeit des Impressionismus, also ungefähr ab der zweiten Hälfte des 19. 3:15 Jahrhunderts. Da ist der Franzose Claude Debussy mit der wichtigste Vertreter. 3:20 In seinem Klavierstück "Voilés" macht er regen Gebrauch von der Ganztonleiter. [Voilés - Claude Debussy - Klavier: Ilaria Baldaccini Public Domain CC 1.0] 3:25 Gleich zu Beginn eine in Terzen parallel geführte, absteigende Ganztonleiter. Noch ein Anlauf, diesmal weiter nach unten. 3:38 Dann geht da unten so eine Art Morsecode los. Ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Verschwörungstheoretiker da 3:50 anfängt, irgendwelche Botschaften rauszuhören. Jetzt sind beide Versionen der Ganztonleiter vorhanden, eine in der linken, eine in der 4:06 rechten Hand. Mir zumindest fällt es eher schwer, diesem 4:13 Stück eine Stimmung zuzuordnen. Bei Dur oder Moll geht das ja meistens ganz gut, und sei es einfach nur "fröhlich" oder 4:19 "traurig". Hier weiß man nicht so genau, wo man sich befindet, hat kaum Orientierungspunkte, so 4:26 etwas wie Grundton oder Leitton gibt es ja wie gesagt nicht. Und auch der harmonische Zusammenhang ist nicht systematisch zu deuten. 4:32 Dieses Unklare, Verwischte, Entgrenzte ist genau das, was die Komponisten impressionistischer Musik im Sinn hatten. 4:41 Und Ganztonleitern sind da ein sehr effektives Stilmittel. Dass Debussy sein Stück "Voilés", also "verschwommen" genannt hat, ist übrigens sicherlich kein 4:51 Zufall. "Voilés" ist, das muss man auch noch sagen, übrigens ein Extrembeispiel, wo die Ganztonleiter 4:56 wirklich dauernd präsent ist, das muss so nicht immer ausgeprägt sein. Von Debussy zum wohl bekanntesten Weihnachtsfilm 5:04 in Deutschland, der gar nichts mit Weihnachten zu tun hat: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Eine tschechisch-ostdeutsche Koproduktion aus 1973, seit '75 dann Bestandteil auch des 5:16 westdeutschen Weihnachts-TV-Programms. Da gibt es die folgende Stelle. 5:20 Der Prinz und seine zwei Kumpels sind auf der Jagd. Die zwei haben übrigens sogar Namen, sagt Wikipedia, Kamil und Vitek heißen die. 5:30 Der Prinz will also dieses Reh schießen, Aschenbrödel kommt ihm aber mit einem Schneeball dazwischen. 5:36 [O-Ton Tschechisch] Genau, das ist die tschechische Version, fand ich mal ganz sympathisch. 5:46 Kamil und Vitek amüsieren sich jedenfalls, der Prinz ist aber so schlau zu kapieren, dass so ein Schneeball nicht einfach so vom Himmel fällt und tatsächlich, da läuft 5:55 doch jemand weg! Also hinterher. 5:57 Die weitere Handlung ist sicherlich bekannt, fokussieren wir uns also auf die wunderbare Filmmusik von Karel Svoboda. 6:06 Ein hohes Blasinstrument, ich behaupte eine Oboe, spielt eine relativ unbewegte Melodie: Sechsmal hintereinander der gleiche Ton, da rennt jemand auf ein Ziel zu. 6:16 Kurz den Kopf nach oben gereckt und wieder auf das Ziel fokussiert, sowas könnte man aus den Noten herauslesen. 6:24 Tonartwechsel: Das Ziel ist nicht mehr zu sehen, die drei Herren müssen sich umorientieren. Und die Musik macht gleich mal mit: Jawohl, eine Ganztonleiter. 6:38 Geschmettert von den Posaunen. Und nochmal! 6:44 Die Verwirrung des Prinzen und seiner Kameraden stellt Karel Svoboda ziemlich gelungen dar, finde ich. 6:57 Einerseits diese harmlose, simple Melodie mit dem klaren Ziel, andererseits die totale tonale Desorientierung durch die Ganztonleiter. 7:05 Teilweise übrigens auch eingeleitet durch einen abfallenden Tritonus. Sowas macht doch Spaß! 7:15 [Tschechisch] Kurze Zusammenfassung! 7:19 Eine Ganztonleiter besteht nur aus Ganztonschritten. Deshalb gibt es nur zwei Versionen davon. 7:25 In der Musikgeschichte ist die Ganztonleiter als Stilmittel im Impressionismus zu verorten. Sie wirkt schimmernd, verschwommen, unklar, man kann jede Menge passender Adjektive finden. 7:38 Auf jeden Fall aber alles andere als klar oder deutlich. Im Zweifel also einfach in einen überdurchschnittlich verspielten Prinzen hineindenken, der sich 7:47 eine Verfolgungsjagd mit Aschenbrödel liefert. Wenn also mal wieder Weihnachten sein sollte 7:51 und im Fernsehen tagelang nur "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" läuft, hört ihr, zumindest diese Jagdszene, nun quasi mit ganz anderen Ohren. 8:00 Vielen Dank fürs Zuschauen und bis bald bei PlusMusik!