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DAS PARFUM - Patrick Süskind - Hörbuch - Audiobook 2024 - TEIL 01
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 604 Zeilen
- Patrick Süßkind, Das Parfüm, die Geschichte eines Mörders.
- Erster Teil. Teil 1. Im 18. Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und
- abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt
- werden. Er hieß Jean Baptist Greno und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer genialer Scheusale, wie etwa Des, Saint
- Juss, Foues, Bonapartes und so weiter heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Greno diesen berühmteren Finstermännern an
- Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hätte, sondern weil sich sein Genie und sein einziger Erger
- auf ein Gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterlässt, auf das flüchtige Reich der Gerüche. Zu der Zeit, von der wir reden,
- herrschte in den Städten ein für uns moderne Menschen kaum vorstellbarer Gestank. Es stanken die Straßen nach Mist. Es
- stanken die Hinterhöfe nach Urin, es stanken die Treppenhäuser nach fauligem Holz und nach Rattendreck. Die Küchen nach verdorbenem Kohl und Hammelfett,
- die ungelüfteten Stuben stanken nach muffigem Staub, die Schlafzimmer nach fettigen Laken, nach feuchten Federbetten und nach dem stechend süßen
- Duft der Nachttöpfe. Aus den Kaminen stank der Schwefel, aus den Gerbereien stanken die ätzenden Laugen, aus den Schlachthöfen stank das
- gerne Blut. Die Menschen stanken nach Schweiß und nach ungewaschenen Kleidern. Aus dem Mund stanken sie nach verrotteten Zähnen, aus ihren Mägen nach
- Zwiebelsaft. und an den Körpern, wenn sie nicht mehr ganz jung waren, nach altem Käse und nach saurer Milch und nach Geschwulztkrankheiten.
- Es stanken die Flüsse, es stanken die Plätze, es stanken die Kirchen, es stank unter den Brücken und in den Palästen. Der Bauer stank wie der Priester, der
- Handwerksgeselle wie die Meistersfrau. Es stank der gesamte Adel, ja, sogar der König stank wie ein Raubtier. sank er und die Königin wie eine alte Ziege,
- Sommers wie Winters, denn der zersetzenden Aktivität der Bakterien war im 18. Jahrhundert noch keine Grenze gesetzt und so gab es keine
- menschliche Tätigkeit, keine aufbauende und keine zerstörende, keine Äußerung des aufkeimenden oder verfallenden Lebens, die nicht von Gestank begleitet
- gewesen wäre. Unds natürlich war in Paris der Gestank am größten, denn Paris war die größte Stadt Frankreichs.
- Und innerhalb von Paris wiederum gab es einen Ort, an dem der Gestank ganz besonders infernalisch herrschte. Zwischen der Rüoer und der Rü de La
- Feronier, nämlich den Cimiti des Innocence. Jahre lang hatte man hierher die Toten des Krankenhauses, Hotel Dieu und der
- umliegenden Pfarrgemeinden verbracht. 800 Jahre lang, tag für Tag die Kadaver zu Dutzenden herbeigekarrt und in lange Gräber geschüttet. 800 Jahre lang in den
- Griften und Beinhäusern Knöchelchen auf Knöchelchen geschichtet. Und erst später am Vorabend der französischen Revolution, nachdem einige
- der Leichengräben gefährlich eingestürzt waren und der Gestank des überquellenden Friedhofs die Anwohner nicht mehr zu bloßen Protesten, sondern zu wahren
- Aufständen trieb, wurde er endlich geschlossen und aufgelassen, wurden die Millionen Knochen und Schädel in die Katakompen von Momatre geschaufelt und
- man errichtete an seiner Stelle einen Marktplatz für Viktualien. Hier nun, am allerstinkendsten Ort des gesamten Königreichs, wurde am 17. Juli
- 1738 Jean Baptist Gren geboren. Es war einer der heißesten Tage des Jahres.
- Die Hitze lag wie Blei über dem Friedhof und quetschte den nach einer Mischung aus fauligen Melonen und verbranntem Hornriechenden Verwesungsbrodem
- in die benachbarten Gassen. Grenuis Mutter stand, als die Wehen einsetzen, an einer Fischbude in der Rüaufer und schubte Weißlinge, die sie
- zuvor ausgenommen hatte. Die Fische angeblich erst am Morgen aus der Szen gezogen, stanken bereits so sehr, daß ihr Geruch den Leichengeruch
- überdeckte. Grenuis Mutter aber nahm weder den Fisch noch den Leichengeruch wahr, denn ihre Nase war gegen Gerüche im höchsten Maße
- abgestumpft und außerdem schmerzte ihr Leib, und der Schmerz tötete alle Empfänglichkeit für äußere Sinneseindrücke.
- Sie wollte nur noch, dass der Schmerz aufhöre. Sie wollte die eklige Geburt so rasch als möglich hinter sich bringen. Es war ihre fünfte.
- Alle vorhergehenden hatte sie hier an der Fischbude absolviert und alle waren totgeburten oder halbtotgeburten gewesen, denn das blutige Fleisch, das
- daherauskam, unterschied sich nicht viel von dem Fischgekröße, das da schon lag und lebte auch nicht viel mehr. Und abends wurde alles mit Sammen
- weggeschaufelt und hinübergekart zum Friedhof. oder hinunter zum Floß. So sollte es auch heute sein. und
- Grenois Mutter, die noch eine junge Frau war, gerade Mitte 20, die noch ganz hübsch aussah und noch fast alle Zähne im Mund hatte und auf dem Kopf noch
- etwas Haar und außer der Gicht und der Sipphilis und einer leichten Schwindsucht keine ernsthafte Krankheit, die noch hoffte lange zu leben,
- vielleicht fünf oder 10 Jahre lang und vielleicht sogar einmal zu heiraten und wirkliche Kinder zu bekommen als ehrenwerte Frau eines verwittwten
- Handwerkers oder so. Grenuois Mutter wünschte, daß alles schon vorüber wäre, und als die Presswehen einsetzten, hockte sie sich unter ihren
- Schlachttisch und gebar dort, wie schon viermal zuvor und nabelte mit dem Fischmesser das neugeborene Ding ab. Dann aber wegen der Hitze und des
- Gestangs, den sie als solchen nicht wahrnahm, sondern nur als etwas Unerträgliches, betäubendes, wie ein Feld von Lilien oder wie ein enges
- Zimmer, in dem zu viel Narzissen stehen, wurde sie ohnmächtig, kippte zur Seite, fiel unter dem Tisch hervor, mitten auf die Straße und blieb dort liegen.
- Messer in der Hand. Geschrei. Gerenne. Im Kreis steht die glotzende Menge. Man holt die Polizei. Immer noch liegt die Frau mit dem Messer
- in der Hand auf der Straße. Langsam kommt sie zu sich. Was ihr geschehen sei? Nichts. Was sie mit dem Messer tue, nichts. Woher das
- Blut an ihren Röcken komme? von den Fischen. Sie steht auf, wirft das Messer weg und geht davon, um sich zu waschen. Da fängt wieder erwachten die Geburt
- unter dem Schlachtisch zu schreien an. Man schaut nach, entdeckt unter einem Schwarm von Fliegen und zwischen Gekröße und abgeschlagenen Fischköpfen das
- Neugeborene zerrt es heraus. Von Amtswegen wird es eine Amme gegeben, die Mutter festgenommen.
- Und weil sie geständig ist und ohne weiteres zugibt, dass sie das Ding bestimmt würde haben verrecken lassen, wie sie es im übrigen schon mit vier
- anderen getan habe, macht man ihr den Prozess, verurteilt sie wegen mehrfachen Kindermords und schlägt ihr ein paar Wochen später auf der Pla Grve den Kopf
- ab. Das Kind hatte zu diesem Zeitpunkt bereits das dritte Mal die Amme gewechselt.
- Keine wollte es länger als ein paar Tage behalten. "Es sei zu gierig", hieß es. Sauge für zwei. Entziehe den anderen Stillkindern die Milch und damit Ihnen,
- den Ammen, den Lebensunterhalt, da rentables Stillen bei einem einzigen Säugling unmöglich sei. Der zuständige Polizeioffizier, ein
- gewisser La Foss, war die Sache als bald Leid und wollte das Kind schon zur Sammelstelle für Findlinge und Weisen in der äußeren Rue Saint-Atuine bringen
- lassen, von woaus täglich Kindertransporte ins staatliche Großfindelheim von Rouan abgingen. Da nun aber diese Transporte von
- Lastträgern vermittels Bastkieen durchgeführt wurden, in welche man aus Rationalitätsgründen bis zu vier Säuglinge gleichzeitig steckte, da
- deshalb die Sterberate unterwegs außerordentlich hoch war, da aus diesem Grund die Kieräger angehalten waren, nur getaufte Säuglinge zu befördern und nur
- solche, die mit einem ordnungsgemäßen Transportschein versehen waren, welcher in Ro abgestempelt werden musste, da das Kindsgrenoi aber weder getauft war, noch
- überhaupt einen Namen besaß, den man ordnungsgemäß in den Transportschein hätte eintragen können, da es fernerseitens der Polizei nicht gut
- angängig gewesen wäre, ein Kind Anonymita von den Pforten der Sammelstelle auszusetzen, was allein die Erfüllung der übrigen Formalitäten
- erübrig haben würde, aus einer Reihe von Schwierigkeiten bürokratischer und verwaltungstechnischer Art also, die sich bei der Abschiebung des Kleinkinds
- zu ergeben schienen. Und weil im übrigen die Zeit drängte, nahm der Polizeioffizier Lafoss von seinem ursprünglichen Entschluss wieder Abstand
- und gab Anweisung, den Knaben bei irgendeiner kirchlichen Institution gegen Aushhändigung einer Quittung abzugeben, damit man ihn dort taufe und
- über sein weiteres Schicksal entscheide. Im Kloster von Saint Marie in der Rue Saint Martin wurde man ihn los. Erhielt die Taufe und den Namen Jean-Baptist.
- Und weil der Prior an diesem Tag gute Laune hatte und seine karikativen Fonds noch nicht erschöpft waren, ließ man das Kind nicht nach Nouran expedieren,
- sondern auf Kosten des Klosters aufpeppeln. Es wurde zu diesem Beruf eine Amme namens Jean Büs in der Ruand Denie
- übergeben, welche bis auf weiteres dreifr Woche für ihre Bemühungen erhielt.
- Zwei. Einige Wochen später stand die arme Jean Biss mit einem Henkelkorb in der Hand vor der Pforte des Klosters von Saint
- Mary und sagte dem öffnenden Pater Terrier, einem etwa 50-jährigen karlköpfigen, leicht nach Esssig riechenden Mönch, da und stellte den
- Henkelkorb auf die Schwelle. "Was ist das?", sagte Terrier und beugte sich über den Korb und schnupperte daran, denn er vermutete essbares.
- Der Bastard, der Kindermörderin aus der Rühofer. Der Pater kramte mit dem Finger im Henkelkorb herum, bis er das Gesicht des
- schlafenden Säuglings freigelegt hatte. Gut schaut er aus, rosig und wohl genährt, weil er sich an mir voll gefressen hat,
- weil er mich leer gepumpt hat, bis auf die Knochen. Aber damit ist jetzt Schluss. Jetzt könnt ihr ihn selber weiterfüttern mit Ziegenmilch, mit Brei,
- mit Rübensaft. Er frisst alles, der Bastard. Pater Terrier war ein gemütlicher Mann. In seine Zuständigkeit fiel die
- Verwaltung des klösterlichen Karikativons, die Verteilung von Geld an Arme und Bedürftige, und er erwartete, dass man
- ihm dafür danke sagte und ihn des Weiteren nicht belästigte. Technische Einzelheiten waren ihm sehr zu wider, denn Einzelheiten bedeuteten
- immer Schwierigkeiten und Schwierigkeiten bedeuteten eine Störung seiner Gemütsruhe und das konnte er gar nicht vertragen. Er ärgerte sich, dass
- er die Pforte überhaupt geöffnet hatte. Er wünschte, daß diese Person ihren Henkelkorb nehme und nach Hause ginge und ihn in Ruhe ließe mit ihren
- Säuglingsproblemen. Langsam richtete er sich auf und sogem Atemzug den Duft von Milch und käsiger Schafswolle ein, den die Amme
- verströmte. Es war ein angenehmer Duft. Ich verstehe nicht, was du willst. Ich verstehe wirklich nicht, worauf du
- hinaus willst. Ich kann mir nur vorstellen, dassß es diesem Säugling durchaus nicht schaden würde, wenn er noch geraume Zeit an deinen Brüsten
- lege. Ihm nicht, schnarrte die Arme zurück, aber mir. 10 Pfund habe ich abgenommen und dabei gegessen für drei. Und wofür?
- Für drei Franc Woche. Ich verstehe, sagte Terrier fast erleichtert. Ich bin im Bilde. Es geht also wieder
- einmal ums Geld. Nein, sagte die Amme. Doch, immer geht es ums Geld. Wenn an diese Porte geklopft wird, geht es ums Geld. Einmal
- wünschte ich mir, dass ich öffnete und es stünde ein Mensch da, dem es um etwas anderes ginge. Jemand, der beispielsweise eine kleine
- Aufmerksamkeit vorbeibrechte, beispielsweise etwas Obst oder ein paar Nüsse. Es gibt doch im Herbst eine Menge Dinge,
- die man vorbeibringen könnte. Blumen vielleicht. oder wenn bloß jemand käme und freundlich sagte: "Gott zum Gruße, Pater Terrier, ich wünsche Ihnen einen
- schönen Tag." Aber das werde ich wohl nie mehr erleben. Wenn es kein Bettler ist, dann ist es ein Händler und wenn es kein
- Händler ist, dann ist es ein Handwerker und wenn er kein Almosen will, dann präsentiert er eine Rechnung. Ich kann schon gar nicht mehr auf die Straße
- gehen. Wenn ich auf die Straße gehe, bin ich nach drei Schritten umzingelt von Individuen, die Geld wollen. Nicht von mir, sagte die Amme. Aber ich
- sage dir eines du bist nicht die einzige Amme im Sprengel. Es gibt hunderte von erstklassigen Ziehmüttern, die sich darum reißen werden, diesen entzückenden
- Säugling für drei Frau pro Woche an die Brust zu legen oder ihm Brei oder Säfte oder sonstige Nährmittel einzuflößen. Dann gibt ihn einer von denen.
- Andererseits ist es nicht gut, ein Kind so herumzuschubsen. Wer weiß, ob es mit anderer Milch so gut gedeih wie mit deiner.
- Es ist den Duft deiner Brüste gewöhnt, muß du wissen, und den Schlag deines Herzens. Und abermals nahm er einen tiefen
- Atemzug vom warmen Dunst, den die Amme verströmte, und sagte dann, als er merkte, dass seine Worte keinen Eindruck auf sie gemacht hatten:
- "Nimm jetzt das Kind mit nach Hause und ich werde die Sache mit dem Prior besprechen. Ich werde ihm vorschlagen, der künftig vier Freund der Woche zu
- geben." "Nein, sagte die Amme. Also gut, fünf." Nein. Wie viel verlangst du denn noch? Schrie Terriesi an. Fünf Franc sind ein
- Haufen Geld für die untergeordnete Aufgabe, ein kleines Kind zu ernähren. "Ich will überhaupt kein Geld", sagte die Amme. "Ich will den Bastard aus dem
- Hause haben." "Aber warum denn, liebe Frau?", sagte Terrier und fingerte wieder an dem Henkelkorb herum. "Er ist doch ein allerliebstes Kind. Er sieht
- rosa aus." Er schreit nicht. Er schläft gut und er ist getauft. Er ist vom Teufel besessen. Rasch zog Terrier seine Finger aus dem Korb.
- Unmöglich. Es ist absolut unmöglich, dass ein Säugling vom Teufel besessen ist. Ein Säugling ist kein Mensch, sondern ein Vormensch und besitzt noch
- keine voll ausgebildete Seele. Infolge dessen ist er für den Teufel uninteressant. Spricht er vielleicht schon, zuckt es in
- ihm, bewegt er Dinge im Zimmer? Geht ein übler Gestank von ihm aus. Er riecht überhaupt nicht, sagte die Amme. Da hast du es. Das ist ein eindeutiges Zeichen.
- Wenn er vom Teufel besessen wäre, müsste er stinken. Und um die Amme zu beruhigen und seinen eigenen Mut unter Beweis zu stellen, hob
- Terrier den Henkelkorb hoch und hielt ihn sich unter die Nase. "Ich rieche nichts Absonderliches", sagte er, nachdem er eine Weile
- geschnuppert hatte. Wirklich nichts Absonderliches. Mir scheint allerdings als ob da etwas aus der Windelröche
- und er hielt ihr den Korb hin, damit sie seinen Eindruck bestätige. Das meine ich nicht, sagte die Arme unwirrisch und schob den Korb von sich.
- Ich meine nicht das, was in der Windel ist. Seine Exkremente riechen wohl. Er selbst, der Bastard selbst riecht nicht.
- Weil er gesund ist, rief Herrier, weil er gesund ist. Deshalb riecht er nicht. Nur kranke Kinder riechen. Das ist doch bekannt. Bekanntlich riecht ein Kind,
- das Blattern hat nach Pferdedung und eines, welches Schalachfieber hat, nach alten Äpfeln und ein schwindsüchtiges Kind, das riecht nach Zwiebeln. Es ist
- gesund, das ist alles, was ihm fehlt. Soll es denn stinken? Stinken denn deine eigenen Kinder? Nein, sagte die Amme. Meine Kinder riechen so wie
- Menschenkinder riechen sollen. Terrier stellte den Henkelkopf vorsichtig auf den Boden zurück, denn er fühlte, wie die ersten Wallungen von Wut
- über die Widerborstlichkeit der Person in ihm aufstiegen. Es war nicht auszuschließen, dass er im Fortgang des Disputes beide Arme zur
- freieren Gestik benötigte und er wollte nicht, dass der Säugling dadurch Schaden nehme. Vorerst allerdings verknotete er seine Hände hinter dem Rücken, streckte
- der Arme seinen spitzen Bauch entgegen und fragte scharf: "Du behauptest also zu wissen, wie ein Menschenkind, das ja immerhin auch,
- daran möchte ich erinnern, zumal wenn es getauft ist, ein Gotteskind ist, zu riechen habe." "Ja", sagte die Amme. und behauptest
- ferner, dass wenn es nicht röche, wie du meintest, dass es riechen solle, du, die arme Jean Büsi aus der Ruansen ist dann ein Kind des Teufels sei.
- Er schwang die linke hinter seinem Rücken hervor und hielt ihr drohend den gebogenen Zeigefinger wie ein Fragezeichen vors Gesicht.
- Die Amme überlegte. Es war ihr nicht recht, daß das Gespräch mit einem Mal zu einem theologischen Verhör ausartete, bei dem sie nur unterliegen konnte.
- "Das will ich nicht gesagt haben", antwortete sie ausweichend. "Obwas mit dem Teufel zu tun hat oder nicht, das müsst ihr selbst entscheiden,
- Pater Terrier, dafür bin ich nicht zuständig. Ich weiß nur eins, dass mich vor diesem Säugling graust, weil er nicht riecht, wie Kinder riechen sollen.
- Aha, sagte Terrier befriedigt und ließ seinen Arm wieder zurückpendeln. Das mit dem Teufel nehmen wir also wieder zurück. Gut, aber nun sage mir
- gefälligst, wie riecht ein Säugling denn, wenn er so riecht, wie du glaubst, dass er riechen solle? Na, gut riecht er, sagte die Amme. Was heißt
- gut? Brüllte Terrier sie an. Gut riecht vieles. Ein buttler Wendel riecht gut. Suppenfleisch riecht gut. Die Gärten von Arabien riechen gut. Wie riecht ein
- Säugling, will ich wissen. Die Amme zögerte. Sie wusste wohl, wie Säuglinge rochen. Sie wusste es ganz genau. Sie hatte doch schon Dutzende
- genährt, gepflegt, geschaukelt, geküsst. Sie konnte sie nachts mit der Nase finden. Sie trug den Säuglingsgeruch selbst jetzt deutlich in der Nase, aber
- sie hatte ihn noch nie mit Worten bezeichnet. "Naah", bellte Terrier und knipste ungeduldig an seinen Fingernägeln.
- "Also," begann die Amme. "Es ist nicht ganz leicht zu sagen, weil weil sie riechen nicht überall gleich, obwohl sie überall gut riechen." "Pater, verstehen
- Sie?" Also an den Füßen z.B. Da riechen sie wie ein wie ein glatter warmer Stein. Nein, eher wie ein Topfen oder wie Butter. Wie wie frische Butter. Ja,
- genau. Wie frische Butter riechen sie und am Körper riechen sie wie eine wie eine Galett, die man in Milch gelegt hat. Und am Kopf da oben hinten
- auf dem Kopf, wo das Haar den Wirbel macht, da schauen Sie Pater, da, wo bei Ihnen nichts mehr ist. und sie tippte Terrier, der über diesen Schwall
- detaillierter Dummheit für einen Moment sprachlos geworden war und gehorsam den Kopf gesenkt hatte auf die Glatze. Hier, genau hier, da riechen sie am
- besten. Da riechen sie nach Karamell. Das riecht so süß, so wunderbar, Pater. Sie machen sich keine Vorstellung. Wenn man sie da gerochen hat, dann liebt man
- sie. Ganz gleich, ob es die eigenen oder Fremde sind. Und so und nicht anders müssen kleine Kinder riechen. Und wenn sie nicht so
- riechen, wenn sie da oben gar nicht riechen, noch weniger als kalte Luft, so wie der da, der Bastard, dann sie können das erklären, wie Sie wollen,
- Pater, aber ich und sie verschränkte entschlossen die Arme unter ihrem Busen und warf einen so angeekelten Blick auf den Henkelkorb zu ihren Füßen, als
- enthielte er Kröten. Ich b werde das da nicht mehr mit zu mir nehmen. Pater Terrier hob langsam den gesenkten Kopf und fuhr sich ein paar mal mit dem
- Finger über die Glatze. Als wolle er dort Haare ordnen, legte den Finger wie zufällig unter seine Nase und schnupperte nachdenklich.
- "Wie Karamell?", fragte er und versuchte seinen strengen Ton wiederzufinden. Karamell? Was weißt du von Karamell? Hast du schon
- mal welches gegessen?" "Nicht direkt", sagte die Ammele. "aber ich war einmal in einem großen Hotel in der Rüonor und habe zugesehen, wie es
- gemacht wurde aus geschmolzenem Zucker und Rahmen. Es roch so gut, dass ich es nicht mehr vergessen habe." "Ja, ja, schon recht", sagte Terrier und
- entfernte den Finger von der Nase. "Bitte schweige jetzt. Es ist für mich überaus anstrengend, mich weiterhin auf diesem Niveau mit dir zu unterhalten.
- Ich stelle fest, du weigerst dich aus welchen Gründen auch immer, den dir anvertrauten Säugling Jean-Baptist Gren weiter zu ernähren und erstattest ihn
- hiermit seinem provisorischen Vormund, dem Kloster von Saint Marie zurück. Ich finde das betrüblich, aber ich kann es wohl nicht ändern. Nun gut, du bist
- entlassen. Damit packte er den Henkelkorb. nahm noch einen Atemzug von dem verwähenden warmen, wolligen Milchdunst und warf das
- Tor ins Schloss. Dann ging er in sein Büro. Teil 3 Pater Terrier war ein gebildeter Mann.
- Er hatte nicht nur Theologie studiert, sondern auch die Philosophen gelesen und beschäftigte sich nebenbei mit Botanik und Alchemie.
- Er hielt einiges auf die Kraft seines kritischen Geistes. Zwar wäre er nicht so weit gegangen, wie manche es taten, die Wunder, die Orakel oder die Wahrheit
- der Texte der Heiligen Schrift in Frage zu stellen, auch wenn sie streng genommen mit Vernunft allein nicht zu erklären waren, ja, Teer sogar oft
- direkt widersprachen. Von solchen Problemen ließ er lieber seine Finger. Sie waren ihm zu ungemütlich und würden ihn nur in die
- peinlichste Unsicherheit und Unruhe stürzen, wo man doch gerade um sich seiner Vernunft zu bedienen, der Sicherheit und der Ruhe bedurfte.
- Was er aber aufs entschiedenste bekämpfte, waren die abgläubischen Vorstellungen des einfachen Volkes. Hexerei und Kartenlesen, Amulettgetrage,
- böser Blick, Beschwörungen, Vollmond, Hokus Pokus und was sie sonst noch alles trieben. Es war ja tief deprimierend zu sehen, dass solche heidnischen Gebräuche
- nach über tausendjähriger fester Installation der christlichen Religion immer noch nicht ausgerottet waren. Auch die meisten Fälle von sogenannter
- Teufelsbesessenheit und Satansbündelei wiesen sich bei mehrer Betrachtung als abergläubisches Spektakel. Zwar die Existenz des Satans selbst zu
- leugnen, seine Macht zu bezweifeln, soweit würde der je nicht gehen. Solche Probleme zu entscheiden, die die Grundfesten der Theologie berührten,
- waren andere Instanzen berufen als ein kleiner einfacher Mönch. Auf der anderen Seite lag es klar zutage, daß wenn eine einfältige Person
- wie jene Amme behauptete, sie habe einen Teufelsspug entdeckt, der Teufel nie und nimmer seiner Hand im Spiel haben konnte.
- Gerade, dass sie ihn entdeckt zu haben glaubte, war ein sicherer Beweis dafür, dass da nichts Teuflisches zu entdecken war. Denn so dumm stellte sich der
- Teufel auch wieder nicht an, daß er sich von der Arme Jean Bé entlafen ließ und noch dazu mit der Nase, mit dem primitiven Geruchsorgan, dem niedrigsten
- der Sinne, als Röche die Hölle nach Schwefel und das Paradies nach Weihauch und Mürre. Schlimmster Aberglaube wie in dunkelster
- heidnischster Vorzeit, als die Menschen noch wie Tiere lebten, als sie noch keine scharfen Augen besaßen, die Farbe nicht kannten, aber Blut riechen zu
- können, glaubten, meinten Freund von Feind zu erriechen, von kannibalischen Riesen und Werwölfen gewittert und von Irinien gerochen zu werden und ihren
- scheußlichen Göttern stinkende qualmende Brandopfer brachten. Sätzlich. Es sieht der Narr mit der Nase mehr als mit den Augen und wahrscheinlich mußte
- das Licht der gottgegebenen Vernunft noch tausend weitere Jahre leuchten, ehe die letzten Reste des primitiven Glaubens verscheucht waren.
- Ach, und das arme kleine Kind, das unschuldige Wesen, liegt in seinem Korb und schlummert. Ahnt nichts von den ekligen
- Verdächtigungen, die gegen es erhoben werden. Du röchest nicht, wie Menschenkinder riechen sollen, wagt die unverschämte Person zu behaupten. Tja,
- was sagen wir denn dazu? Dziutzi, dutzi. Und er wiegte den Korb saachte auf den Knien, streichelte dem Säugling mit dem Finger über den Kopf und sagte von Zeit
- zu Zeit: "Du duzi, duzi duzi", was er für einen auf Kleinkinder zärtlich und beruhigend wirkenden Ausdruck hielt. Nach Karamell sollst du riechen. So ein
- Unsinn. Du zi du. Nach einer Weile zog er den Finger zurück, hielt ihn sich unter die Nase, schnupperte,
- roch aber nichts als das Sauerkraut, das er mittags gegessen hatte. Er zögerte einen Moment, blickte sich um, ob ihn auch niemand beobachtete,
- hob den Korb empor, senkte seine dicke Nase hinein. Ganz knapp, so dass die dünnen rötlichen Kindshaare seine Nüstern kitzelten,
- schnubberte er über den Kopf des Säuglings, in der Erwartung, einen Geruch aufzusaugen. Er wusste nicht zurecht, wie Säuglinge
- am Kopf zu riechen hatten. Natürlich nicht nach Karamell. So viiel stand fest, denn Karamell war ja geschmolzener Zucker. Und wie sollte ein Säugling, der
- bisher nur Milch getrunken hatte, nach geschmolzenem Zucker riechen? Nach Milch könnte er riechen, nach Ammenmilch.
- Aber er roch nicht nach Milch. Nach Haaren konnte er riechen, nach Haut und Haaren und vielleicht nach ein bisschen Kinderschweiß. Und Terrier
- schnupperte und stellte sich darauf ein, Haut, Haare und ein bisschen Kinderschweiß zu riechen. Aber er roch nichts.
- Beim besten Willen nichts. Wahrscheinlich riecht ein Säugling nicht, dachte er. So wird das sein. Ein Säugling, sofern reinlich gehalten,
- riecht eben nicht. Genauso wenig wie er spricht, läuft oder schreibt. Diese Dinge kommen erst mit dem Alter. Streng genommen strömt der Mensch sogar
- Erstdüfter aus, wenn er pubtiert. So ist das und nicht anders. Schreibt nicht so Horrat, es böckelt der Jüngling. Es duftet erblühend die Jungfrau wie eine
- weiße Narzisse und die Römer verstanden etwas davon. Der Menschenduft ist immer ein fleischlicher Duft, also ein sündiger
- Duft. Wie sollte also ein Säugling, der noch nicht einmal im Traume die fleischliche Sünde kennt, riechen? Wie sollte er
- riechen? Dzi gar nicht. Er hatte den Korb wieder auf die Knie gestellt und hutschte ihn sachte. Das
- Kind schlief noch immer fest. Seine rechte Faust schaute unter der Decke hervor, klein und rot und zugte manchmal rührend gegen die Wange.
- Terrier lächelte und kam sich plötzlich sehr gemütlich vor. Für einen Moment gestattete er sich den fantastischen Gedanken, er selbst sei
- der Vater des Kindes. Er wäre kein Mönch geworden, sondern ein normaler Bürger, ein rechtschaffender Handwerker vielleicht hätte ein Weib
- genommen, ein warmes, wollig und milchig duftendes Weib und hätte mit ihr einen Sohn gezeugt und hutschte ihn nun hier auf seinen eigenen Knien. Sein eigenes
- Kind. Dozi. Es war ihm wohl bei diesem Gedanken. Der Gedanke hatte etwas so ordentliches.
- Ein Vater hutscht seinen Sohn auf den Knien. Dzi. Es war ein Bild so alt wie die Welt und immer ein neues und richtiges Bild,
- solange die Welt bestand. Ach ja, es wurde der Je warm ums Herz und sentimental im Gemüt. Da erwachte das Kind.
- Es erwachte zuerst mit der Nase. Die winzige Nase bewegte sich. Sie zog sich nach oben und schnubberte. Sie sog und schnaubte sie in kurzen
- Stößen aus, wie bei einem unvollkommenen Niesen. Dann rümpfte sich die Nase und das Kind tat die Augen auf.
- Die Augen waren von unbestimmter Farbe, zwischen August grau und Opal weiß cremig, von einer Art schleimigem Schleier überzogen und offenbar noch
- nicht sehr gut zum Sehen geeignet. Terrier hatte den Eindruck, dass sie ihn gar nicht gewarten. Anders die Nase.
- Während die matten Augen des Kindes ins Unbestimmte schielten, schien die Nase ein bestimmtes Ziel zu fixieren und Terrier hatte das sehr sonderbare
- Gefühl, als sei dieses Ziel er, seine Person, Terrier selbst. Die winzigen Nasenflügel um die zwei winzigen Löcher mitten im
- Gesicht des Kindes blähten sich wie eine aufgehende Blüte oder eher wie die Nepfe jener kleinen fleischfressenden Pflanzen, die man im
- botanischen Garten des Königs hielt. Und wie von diesen schien ein unheimlicher Sog von ihnen auszugehen? Es war Terrier, als sehe ihn das Kind
- mit seinen Nüstern, als sehe es ihn scharf und prüfend an, durchdringender, als man es mit Augen könnte, als verschlänge es etwas mit seiner Nase,
- das von ihm, Terrier, ausging und dass er nicht zurückhalten und nicht verbergen konnte. Das geruchlose Kind roch ihn schamlos
- ab. So war es. Es witterte ihn aus. Und er kam sich mit einemm stinkend vor, nach Schweiß und Essig, nach Sauerkraut und ungewaschenen Kleidern. Er kam sich
- nackt und hässlich vor, wie begafft von jemandem, der seinerseits nichts von sich Preis gab. Selbst durch seine Haut schien es
- hindurchzen, in sein innerstes hinein. Die zartesten Gefühle, die schmutzigsten Gedanken lagen bloß vor dieser gierigen kleinen Nase, die noch gar keine rechte
- Nase war. sondern nur ein Stups, ein sich ständig kreuselndes und blähendes und bebendes, winziges, löchriges Organ. Terrier schauderte.
- Er ekelte sich. Er verzog nun seinerseits die Nase wie vor etwas übel riechendem, mit dem man er nichts zu tun haben wollte.
- Vorbei der anheimelnde Gedanke, es handelte sich ums eigene Fleisch und Blut. Zerstorben das sentimentale Idyll von Vater und Sohn und duftender Mutter.
- Wie weggerissen der gemütlich umhüllende Gedankenschleier, den er sich um das Kind und sich selbst zurecht fantasiert hatte. Ein fremdes, kaltes Wesen lag auf
- seinen Knien, ein feindseliges Animal. Und wenn er nicht ein so besonder und von Gottesfrurcht und rationaler Einsicht geleiteter Charakter gewesen
- wäre, so hätte er es in einem Anflug von Ekel wie eine Spinne von sich geschleudert. Mit einem Ruck stand Terrier auf und
- setzte den Korb auf den Tisch. Er wollte das Ding loshaben, möglichst schnell, möglichst gleich, möglichst sofort. Und da begann es zu schreien.
- Es kniff die Augen zusammen, riss seinen roten Schlund auf und kreischte so widerwärtig schrill, dass Terrier das Blut in den Adern erstachrte.
- Er schüttelte den Korb mit ausgestreckter Hand und schrie: "Dutzzi, dutz, Dutz!" Um das Kind zum Schweigen zu bringen, aber es brüllte nur noch
- lauter und wurde ganz blau im Gesicht und sah aus, als wolle es vor Brüllen zerplatzen. "Weg damit", dachte Terrier
- augenblicklich "Weg mit diesem Teufel", wollte er sagen und rissig zusammen und verkniff es sich. "Weg mit diesem Unhold, mit diesem unerträglichen Kind!
- Aber wohin? Er kannte ein Dutzend Ammen und Weisenhäuser im Quartier, aber das war ihm zu nah, zu dicht auf der Haut war
- ihm das. Weiter weg mußte das Ding. So weit, dass man es nicht hörte. So weit, dass man es ihm nicht jede Stunde wieder vor die Türe stellen könnte. Nach
- Möglichkeit musste es an einen anderen Sprengel, ans andere Ufer noch besser. Am allerbesten extra Mourau, in den Vorborant, das war's. Dahin kam der
- schreiende Balk weit nach Osten, jenseits der Bastie, wo man nachts die Tore schloß. Und er raffte seine Sutan und ergriff den brüllenden Korb und
- rannte davon. Rannte durch das Gassengewehre zur Rüde vor Borsan Antoine die Szenen hinauf nach Osten zur Stadt hinaus, weit weit hinaus bis zur
- Rüde Chararon und diese fast bis zum Ende, wo er in der Nähe des Klosters der Madlin de Trene die Adresse einer gewissen Madame Gallar kannte. welche
- Kost Kinder jeglichen Alters und jeglicher Art aufnahm, solange nur jemand dafür zahlte. Und dort gab er das immer noch schreiende Kind ab, zahlte
- für ein Jahr im voraus und floh zurück in die Stadt. Warf im Kloster angekommen seine Kleider wie etwas beflecktes ab, wusch sich von Kopf bis Fuß und kroch in
- seiner Kammer ins Bett, wo er viele Kreuze schlug, lange betete und endlich erleichtert entschlief.
- Teil 4. Madame Gard, obwohl noch keine 30 Jahre alt, hatte das Leben schon hinter sich. Äußerlich sah sie so alt aus, wie es
- ihrem wirklichen Alter entsprach und zugleich doppelt und dreimal und hundertmal so alt, nämlich wie die Mumie eines Mädchens. Innerlich, aber war sie
- längst tot. Als Kind hatte sie von ihrem Vater einen Schlag mit dem Feuerhaken über die Stirn bekommen, knapp oberhalb der Nasenwurzel
- und seither den Geruchsinn verloren und jedes Gefühl für menschliche Wärme und menschliche Kälte und überhaupt jede Leidenschaft.
- Zärtlichkeit war ihr mit diesem einen Schlag ebenso fremd geworden wie Abscheu, Freude so fremd wie Verzweiflung.
- Sie empfanden nichts, als sie später einen Mann beschlief und ebenso nichts, als sie ihre Kinder gebar. Sie trauerte nicht über die, die ihr starben und
- freute sich nicht an den, die ihr blieben. Als ihr Mann sie prügelte, zugckte sie nicht und sie verspürte keine
- Erleichterung, als er im Hotel Dieu an der Kolera starb. Die zwei einzigen Sensationen, die sie kannte, waren eine ganz leichte
- Gemütsverdüsterung, wenn die monatliche Migräne nahrte und eine ganz leichte Gemütsauhellung, wenn die Migräne wieder wich. Sonst spürte
- diese abgestorbene Frau nichts. Auf der anderen Seite, oder vielleicht gerade wegen ihrer vollkommenen Emotionslosigkeit,
- besaß Madame Gallar einen gnadenlosen Ordnungs und Gerechtigkeitssinn. Sie bevorzugte keines der ihr anvertrauten Kinder und benachteiligte
- keines. Sie verabreichte drei Mahlzeiten am Tag und keinen kleinsten Happen mehr. Sie windelte die Klein dreimal am Tag und nur bis zum zweiten Geburtstag.
- Wer danach noch in die Hose schiss, erhielt eine vorwurfsvolle Ohrfeige und eine Mahlzeit weniger. Exakt die Hälfte des Kostgeldes
- verwandte sie für die Zirklinge. Exakt die Hälfte behielt sie für sich. Sie versuchte in billigen Zeiten nicht ihren Gewinn zu erhöhen, aber sie legte
- in harten Zeiten nicht einen einzigen Soll zu. auch nicht, wenn es auf Leben und Tod ging. Das Geschäft hätte sich sonst für sie
- nicht mehr gelohnt. Sie brauchte das Geld. Sie hatte sich das ganz genau ausgerechnet. Im Alter wollte sie sich eine Rente
- kaufen und darüber hinaus noch so viel besitzen, dass sie es sich leisten konnte, zu Hause zu sterben und nicht im Hotel Dieu zu verrecken wie ihr Mann.
- Sein Tod selbst hatte sie kalt gelassen, aber ihr graute vor diesem öffentlichen gemeinsamen Sterben mit hunderten von fremden Menschen.
- Sie wollte sich einen privaten Tod leisten und dazu brauchte sie die volle Marge vom Kostgeld. Zwar, es gab Winter, da starben ihr von
- den zwei Dutzend kleinen Pensionären drei oder vier, doch damit lag sie immer noch erheblich besser als die meisten anderen privaten Ziehmütter und übertraf
- die großen staatlichen oder kirchlichen Findelhäuser, deren Verlustquote oft neun Zehntel betrug. Bei weitem. Es gab ja auch viel Ersatz.
- Paris produzierte im Jahr überzehntausend neue Findelkinder, Bastarde und Weisen. So ließ sich mancher Ausfall verschmerzen.
- Für den kleinen Greno war das Etablissement der Madame Gall ein Segen. Wahrscheinlich hätte er nirgendwo anders überleben können. Hier aber, bei dieser
- seelenarmen Frau gedie er. Er besaß eine zehe Konstitution. Wer wie er die eigene Geburt im Abfall überlebt hatte, ließ sich nicht mehr so
- leicht aus der Welt buxieren. Er konnte tagelang wässrige Suppen essen. Er kam mit der dünnsten Milch aus, vertrug das faulste Gemüse und verdorbenes Fleisch.
- Im Verlauf seiner Kindheit überlebte er die Masern, die Ruhe, die Windpocken, die Kolera, einen 6m Sturz in einen Brunnen und die Verbrühung der Brust mit
- kochendem Wasser. Zwar trug er Narben davon und Schrunde und Grind und einen leicht verkribüppelten Fuß, der ihn hatchen machte, aber er lebte.
- Er war zäh wie ein resistentes Bakterium und genügsam wie ein Zeck, der still auf einem Baum sitzt und von einem winzigen Blutströpfchen lebt, das er vor Jahren
- erbeutet hat. Ein minimales Quantum an Kleidung und Nahrung brauchte er für seinen Körper, für seine Seele brauchte er nichts.
- Geborgenheit, Zuwendung, Zärtlichkeit, Liebe oder wie die ganzen Dinger hießen, deren ein Kind angeblich bedurfte, waren dem Kindegrenoi völlig entbärlich.
- Viel mehr, so scheint uns, hatte er sich selbst entbärlich gemacht, um überhaupt leben zu können von Anfang an. Der Schrei nach seiner Geburt, der
- Schrei unter dem Schlachttisch hervor, mit dem er sich in Erinnerung und seine Mutter auf Schafft gebracht hatte, war kein instinktiver Schrei nach Mitleid
- und Liebe gewesen. Es war ein wohlerwogener, fast möchte man sagen, ein reiflich erwogener Schrei gewesen, mit dem sich das Neugeborene
- gegen die Liebe und dennoch für das Leben entschieden hatte. Unter den obwalten Umständen war dieses Jahr auch nur ohne jene möglich und
- hätte das Kind beides gefordert, so wäre es zweifellos als bald elend zugrunde gegangen. Es hätte damals allerdings auch die
- zweite ihm offenstehende Möglichkeit ergreifen und Schweigen und den Weg von der Geburt zum Tode ohne den Umweg über das Leben wählen können. Und es hätte
- damit der Welt und sich selbst eine Menge Unheil erspart. Um aber so bescheiden abzutreten, hätte es eines Mindestmaßes an eingeborener
- Freundlichkeit bedurft und die besaß Gren nicht. Er war von Beginn an ein Scheusaal. Er entschied sich für das Leben aus
- reinem Trotz und aus reiner Boshaftigkeit. Selbstverständlich entschied er sich nicht, wie ein erwachsener Mensch sich
- entscheidet, der seine mehr oder weniger große Vernunft und Erfahrung gebraucht, um zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. Aber er entschied sich doch
- vegetativ, so wie eine weggeworfene Bohne entscheidet, ob sie nun keimen soll oder ob sie es besser bleiben lässt. oder wie jener Zeck auf dem Baum,
- dem doch das Leben nichts anderes zu bieten hat, als ein immer währendes Überwintern. Der kleine hässliche Zeck, der seinen
- bleigrauen Körper zur Kugel formt, um der Außenwelt die geringstmögliche Fläche zu bieten, der seine Haut glatt und derb macht, um nichts zu verströmen,
- kein bisschen von sich hinauszut transpirieren. Der Zeck, der sich extra klein und unanselig macht, damit niemand ihn sehe
- und zertrete. Der einsame Zeck, der in sich versammelt, auf seinem Baum erhockt, blind, taub und stumm und nur witt,
- jahrelang witt, meilenweit das Blut vorüberwandernder Tiere, die er aus eigener Kraft niemals erreichen wird. Der Zeck könnte sich fallen lassen. Er
- könnte sich auf den Boden des Waldes fallen lassen und mit seinen sechs winzigen Beinchen ein paar Millimeter dahin und dorthin kriechen und sich
- unters Laub zum Sterben legen. Es wäre nicht schade um ihn, weiß Gott nicht. Aber der Zeck, bockig, stur und eklig, bleibt hocken und lebt und wartet.
- wartet, bis ihm der höchst unwahrscheinliche Zufall das Blut in Gestalt eines Tieres direkt unter den Baum treibt.
- Und dann erst geht er seine Zurückhaltung auf, lässt sich fallen und krallt und boht und beißt sich in das fremde Fleisch.
- So ein Zeck war das Kind Grenoi. Es lebte in sich selbst verkapselt und wartete auf bessere Zeiten. An die Welt gab es nichts ab als sein Cot. Kein
- Lächeln, keinen Schrei, keinen Glanz des Auges, nicht einmal einen eigenen Duft. Jede andere Frau hätte dieses monströse Kind verstoßen,
- nicht so Madame Gaja. Sie roch ja nicht, dass er nicht roch und sie erwartete keine seelische Regung von ihm, weil ihre eigene Seele
- versiegelt war. Die anderen Kinder dagegen spürten sofort, was es mit Gren auf sich hatte. Vom ersten Tag an war ihnen der Neue
- unheimlich. Sie mieden die Kiste, in der er lag, und rückten auf ihren Schlafgestellen enger zusammen, als wäre es kälter geworden im
- Zimmer. Die Jüngeren schrienen manchmal des Nachts. Ihnen war als Zöger ein Windzug durch die Kammer. Andere träumten, es nehme ihnen etwas den Atem.
- Einmal taten sich die Älteren zusammen, um ihn zu ersticken. Sie häuften Lumpen und Decken und Stroh auf sein Gesicht und beschwerten das
- Ganze mit Ziegeln. Als Madame Gall ihn am nächsten Morgen ausgrub, war er zerknautscht und zerdrückt und blau, aber nicht tot. Sie
- versuchten es noch ein paar Mal, vergebens, ihn direkt zu erwirgen, am Hals mit eigenen Händen oder ihm Mund oder Nase
- zu verstopfen, was eine sichere Methode gewesen wäre, das wagten sie nicht. Sie wollten ihn nicht berühren. Sie ekelten sich vor ihm wie vor einer
- dicken Spinne, die man nicht mit eigener Hand zerquetschen will. Als er größer wurde, gaben sie die Mordanschläge auf. Sie hatten wohl
- eingesehen, dass er nicht zu vernichten war. Stattdessen gingen sie ihm aus dem Weg, liefen davon, hüteten sich in jedem Fall vor Berührung.
- Sie hassten ihn nicht. Sie waren auch nicht eifersüchtig oder futterneidisch auf ihn. Für solche Gefühle hätte es im Hause
- Gall nicht den geringsten Anlaß gegeben. Es störte sie ganz einfach, dass er da war. Sie konnten ihn nicht riechen. Sie hatten Angst vor ihm.
- Teil 5. Dabei besaß er objektiv gesehen gar nichts Angsteinflößendes. Er war, als er heranwuchs, nicht
- besonders groß, nicht stark, zwar hässlich, aber nicht so extrem hässlich, dass man vor ihm hätte erschrecken müssen. Er war nicht aggressiv, nicht
- link, nicht hinterhältig, er provozierte nicht. Er hielt sich lieber abseits. Auch seine Intelligenz schien alles andere als fürchterlich zu sein. Erst
- mit drei Jahren begann er auf zwei Beinen zu stehen. Sein erstes Wort sprach er mit vier. Es war das Wort Fische, das in einem Moment plötzlicher
- Erregung aus ihm hervorbrach wie ein Echo, als von Ferne ein Fischverkäufer die Rüdischer Ronkam und seine Ware ausschrie.
- Die nächsten Wörter, deren er sich entäußerte, waren Pelargonie, Ziegenstall, Wiring und Jacques Lorur. Letzteres der Name eines Gärtner
- Gehilfen, des nahe gelegenen Stifts der Fe de Laquis, der bei Madame Gaja gelegentlich gröbere und gröbste Arbeiten verrichtete und sich dadurch
- auszeichnete, dass er sich im Leben noch kein einziges Mal gewaschen hatte. Mit den Zeitwörtern, den Adjektiven und Füllwörtern hatte er es weniger. Bis auf
- ja und nein, die er übrigens sehr spät zum ersten Mal ausbrach, gab er nur Hauptwörter, ja eigentlich nur Eigennamen von konkreten Dingen,
- Pflanzen, Tieren und Menschen von sich und auch nur dann, wenn ihn diese Dinge Pflanzen, Tiere oder Menschen unversehens geruchlich überwältigten.
- In der Märzsonne auf einem Stapel Buchenscheite sitzend, die in der Wärme knackten, war es, dass er zum ersten Mal das Wort Holz sprach.
- Er hatte hundertmal zuvor schon Holz gesehen. Das Wort schon hundertmal gehört. Er verstand es auch. War er doch im Winter oft hinausgeschickt worden, um
- Holz zu holen. Aber der Gegenstand Holz war ihm nie interessant genug vorgekommen, als dass er sich die Mühe gegeben hätte, seinen Namen
- auszusprechen. Das geschah erst an jenem Märztag, als er auf dem Stapel saß. Der Stapel war wie eine Bank an der
- Südseite des Schuppens von Madame Gayal unter einem überhängenden Dach aufgeschichtet. Bränzlich süß rochen die obersten
- Scheite. Mosig duftete es aus der Tiefe des Stapels herauf und von der Fichtenwand des Schuppens fiel in der Wärme bröseliger Herzduft ab.
- Grenoi saß mit ausgestreckten Beinen auf dem Stapel, den Rücken gegen die Schuppenwand gelehnt. Er hatte die Augen geschlossen und rührte sich nicht.
- Er sah nichts. Er hörte und spürte nichts. Er roch nur den Duft des Holzes, der um ihn herum aufstieg und sich unter dem
- Dach wie unter einer Haube fing. Er trank diesen Duft. Er ertrank darin, impregni sich damit bis in die letzte innerste Por, wurde selbst Holz. Wie
- eine hölzerne Puppe, wie ein Pinokchio lag er auf dem Holzstoß, wie tot, bis er nach langer Zeit, vielleicht nach einer halben Stunde erst, das Wort Holz
- hervorwirkte, als sei er angefüllt mit Holz bis über beide Ohren, als stünde ihm das Holz schon bis zum Hals, als habe er den
- Bauch, den Schlund, die Nase übervoll von Holz, so kotzte er das Wort heraus. Und das brachte ihn zu sich. Er rettete ihn kurz bevor die überwältigende
- Gegenwart des Holzes selbst sein Duft ihn zu ersticken drohte. Er rappelte sich auf, rutschte von dem Stapel herunter und wankte wie auf
- hölzernen Beinen davon. Noch Tage später war er von dem intensiven Geruchserlebnis ganz benommen und brabbelte, wenn die Erinnerung daran
- zu kräftig in ihm aufstieg, beschwörend: Holz. Holz vor sich hin. So lernte er sprechen.
- Mit Wörtern, die keinen riechenden Gegenstand bezeichneten, mit abstrakten Begriffen also, vor allem ethischer und moralischer Natur, hatte er die größten
- Schwierigkeiten. Er konnte sie nicht behalten, verwechselte sie, verwendete sie noch als Erwachsener ungern und oft falsch.
- Recht, Gewissen, Gott, Freude, Verantwortung, Demut, Dankbarkeit und so weiter. Was damit ausgedrückt sein sollte, war und blieb ihm schleuerhaft.
- Andererseits hätte die gängige Sprache schon bald nicht mehr ausgereicht, all jene Dinge zu bezeichnen, die er als olfaktorische Begriffe in sich
- versammelt hatte. Bald roch er nicht mehr bloß Holz, sondern Holzsorten, Ahhornholz. Eichenholz, Kiefernholz, Ulmenholz, Birnbaumholz, altes, junges,
- morsches, modriges, mosiges Holz, ja sogar einzelne Holzscheite, Holzsplitter und Holzbrösel und roch sie als so deutlich unterschiedene Gegenstände, wie
- andere Leute sie nicht mit Augen hätten unterscheiden können. Ähnlich erging es ihm mit anderen Dingen.
- Das jenes weiße Getränk, welches Madame Gall allmorgentlich ihren Zöklingen verabreichte, durchweg als Milch bezeichnet wurde, wo es doch nach
- Grenois Empfinden jeden Morgen durchaus anders roch und schmeckte, je nachdem, wie warm es war, von welcher Kuh es stammte, was diese Kuh gefressen hatte,
- wie viel Rah man ihm belassen hatte und so fort. Rauch, das ein von hundert Einzeldüften schillerndes, Minuten, ja, Sekunden
- weißig wandelndes und zu neuer Einheit mischendes Geruchsgebilde wie der Rauch des Feuers, nur eben jenen einen Namen Rauch besaß, das Erde, Landschaft, Luft,
- die von Schritt zu Schritt und von Atemzug zu Atemzug von anderem Geruch erfüllt und damit von anderer Identität besäht waren, dennoch nur mit jenen drei
- plumpen Wörtern bezeichnet sein sollten. All diese grotesken Missverhältnisse zwischen dem Reichtum der geruchlich wahrgenommenen Welt und der Armut der
- Sprache ließen den Knaben Grenoi am Sinn der Sprache überhaupt zweifeln und er bequemte sich zu ihrem Gebrauch nur, wenn es der Umgang mit anderen Menschen
- unbedingt erforderlich machte. Mit sechs Jahren hatte er seine Umgebung olfaktorisch vollständig erfasst.
- Es gab im Hause der Madame Gay keinen Gegenstand, in der nördlichen Rüdearon, keinen Ort, keinen Menschen, keinen Stein, Baum, Strauch oder Lattenzaun,
- keinen noch so kleinen Flecken, den er nicht geruchlich kannte, wiederkannte und in der jeweiligen Einmaligkeit fest im Gedächtnis verwahrte.
- 100 hundertusend spezifische Eigengerüche hatte er gesammelt und hielt sie zu seiner Verfügung. so deutlich, so beliebig, daß er sich nicht
- nur ihrer erinnerte, wenn er sie wieder roch, sondern daß er sie tatsächlich roch, wenn er sich ihrer wieder erinnerte, ja mehr noch, dass er sie
- sogar in seiner bloßen Fantasie untereinander neu zu kombinieren verstand und der Gestalt in sich Gerüche erschuf, die es in der wirklichen Welt
- gar nicht gab. Es war als besäß er ein riesiges selbsterlerntes Vokabular von Gerüchen, das ihn befgte, eine schier beliebig
- große Menge neuer Geruchssätze zu bilden. Und dies in einem Alter, da andere Kinder mit den ihnen mühsam eingetrichterten Wörtern die ersten, zur
- Beschreibung der Welt höchst unzulänglichen konventionellen Sätze stammelten. Am ehesten war seine Begabung vielleicht
- der eines musikalischen Wunderkindes vergleichbar. durch den Melodien und Harmonien das Alphabet der einzelnen Töne abgelauscht hatte und nun selbst
- vollkommen neue Melodien und Harmonien komponierte, mit dem Unterschied freilich, dass das Alphabet der Gerüche ungleich größer und
- differenzierter war als das der Töne und mit dem Unterschied ferner, dass ich die schöpferische Tätigkeit des Wunderkinds Greno allein in seinem Innern abspielte
- und von niemandem wahrgenommen werden konnte, als nur von ihm selbst. Nach außen hin wurde er immer verschlossener.
- Am liebsten streifte er allein durch den nördlichen Vorburissant Antoine, durch Gemüsegärten, Beinfelder, überwiesen. Manchmal kehrte er abends nicht nach
- Hause zurück, blieb tagelang verschollen. Die fällige Züchtigung mit dem Stock ertrug er ohne Schmerzensäußerung.
- Hausarrest, Essensentzug, Strafarbeit konnten sein Benehmen nicht ändern. Ein eineinhalbjähriger sporadischer Besuch der Pfahrschule von Notredame de
- Bonekour blieb ohne erkennbare Wirkung. Er lernte ein bisschen buchstabieren und den eigenen Namen schreiben, sonst nichts. Sein Lehrer hielt ihn für
- schwachsinnig. Madame Gar hingegen fiel auf, daß er bestimmte Fähigkeiten und Eigenheiten besaß, die sehr ungewöhnlich, um nicht
- zu sagen übernatürlich waren. So schien ihm die kindliche Angst vor der Dunkelheit und der Nacht völlig fremd zu sein. Man konnte in jederzeit zu einer
- Besorgung in den Keller schicken, wohin sich die anderen Kinder kaum mit einer Lampe wagten, oder hinaus zum Schuppen zum Holz holen bei stockfinster Nacht.
- Und nie nahm er ein Licht mit und fand sich doch zurecht und brachte sofort das Verlangte, ohne einen falschen Griff zu tun, ohne zu stolpern oder etwas
- umzustoßen. Noch merkwürdiger freilich erschien es, dass er, wie Madame Gaj festgestellt zu
- haben, glaubte, durch Papier, Stoff, Holz, ja, sogar durch festgemauerte Wände und geschlossene Türen hindurchzusehen vermochte.
- Er wußte, wie viel und welche Zöklinge sich im Schlafraum aufhielten, ohne ihn betreten zu haben. Er wusste, dass eine Raupe im Blumenkohl steckte, ehe der
- Kopf zerteilt war. Und einmal, als sie ihr Geld so gut versteckt hatte, daß sie es selbst nicht mehr wiederfand, sie änderte ihre
- Verstecke, deutete er ohne eine Sekunde zu suchen, auf eine Stelle hinter dem Kaminbalken und siehe, da war es. Sogar in die Zukunft konnte er sehen,
- indem er nämlich den Besuch einer Person lange vor ihrem Eintreffen ankündigte oder das Nahen eines Gewitters unfehlbar vorauszusagen wusste, ehe noch das
- kleinste Wölkchen am Himmel stand, dass er dies alles freilich nicht sah, nicht mit Augen sah, sondern mit seiner immer schärfer und präziser riechenden
- Nase erwitterte, die Raupe im Kohl, das Geld hinterm Balken, die Menschen durch Wände hindurch und über eine Entfernung von
- mehreren Straßenzügen hinweg. Darauf wäre Madame Gaja im Traumen nicht gekommen, auch wenn jener Schlag mit dem Feuerhaken ihren Olfaktorius
- unbeschädigt gelassen hätte. Sie war davon überzeugt, der Knabe müsßse Schwachsinn hin oder her das zweite Gesicht besitzen.
- Und da sie wusste, dass zwiegesichtige Unheil und Tod anziehen, wurde er ihr unheimlich. Noch unheimlicher, geradezu unerträglich
- war ihr Gedanke, mit jemandem unter einem Dach zu leben, der die Gabe hatte, sorgfältig verstecktes Geld durch Wände und Balken hindurchzusehen. Und als sie
- diese entsetzliche Fähigkeit Grenuis entdeckt hatte, trachtete sie danach, ihn loszuwerden. Und es traf sich gut, dass etwa um die gleiche Zeit, Gren war
- 8 Jahre alt, das Kloster von Saint Marie seine jährlichen Zahlungen ohne Angabe von Gründen einstellte. Madame mahnte nicht nach.
- Anstandshalber wartete sie noch eine Woche und als das fällige Geldin immer noch nicht eingetroffen war, nahm sie den Knaben bei der Hand und ging mit ihm
- in die Stadt. In der Rüdel Morerie nahe dem Fluss kannte sie ein Gerber namens Grimal, der
- notorischen Bedarf an jugendlichen Arbeitskräften hatte. Nicht an ordentlichen Lehrlingen oder Gesellen, sondern an billigen Kolis.
- Es gab nämlich in dem Gewerbearbeiten, das in Fleischen verwesender Tierhäute, das Mischen von giftigen Gerb und Färberbrühen, das Ausbringen ätzender
- Lohn, die so lebensgefährlich waren, dass ein verantwortungsbewusster Meister nach Möglichkeit nicht seine gelernten Hilfskräfte dafür verschwendete, sondern
- arbeitsloses Gesindel, Herumtreiber oder eben herrenlose Kinder, nach denen im Zweifelsfalle niemand mehr fragte. Natürlich wußte Madame Gall, daß Greno
- in Grimals Gerberwerkstatt nach menschlichem Ermessen keine Überlebenschance besaß. Aber sie war nicht die Frau, sich
- darüber Gedanken zu machen. Ihre Pflicht hatte sie ja getan. Das Pflegeverhältnis war beendet. Was mit dem Zükling weiterhin geschah, ging sie nichts an.
- Wenn er durchkam, so war es gut. Wenn er starb, so war es auch gut. Hauptsache, alles ging rechtens zu. Und so ließ sie sich von Monsieur Grimal
- die Übergabe des Knaben schriftlich bestätigen, quittierte ihrerseits den Erhalt von 15 Franc Provision und machte sich wieder auf nach Hause in die
- Rüdischaren. Sie verspürte nicht den geringsten Anflug eines schlechten Gewissens.
- Im Gegenteil, glaubte sie nicht nur rechtens, sondern auch gerecht gehandelt zu haben, denn der Verbleib eines Kindes, für das niemand zahlte, wäre ja
- notwendigerweise zu Lasten der anderen Kinder gegangen oder sogar zu ihren eigenen Lasten und hätte womöglich die Zukunft der anderen Kinder gefährdet
- oder sogar ihre eigene Zukunft, das heißt ihren eigenen abgeschirmten privaten Tod, der das einzige war, was sie sich im Leben noch wünschte.
- Da wir Madame Gayard an dieser Stelle der Geschichte verlassen und ihr auch später nicht mehr wieder begegnen werden, wollen wir in ein paar Sätzen
- das Ende ihrer Tage schildern. Madame, wohl als Kind schon innerlich gestorben, wurde zu ihrem Unglück sehr, sehr alt.
- Anno mit fast siebzig Jahren gab sie ihr Gewerbe auf, kaufte sich wie vorgehabt in eine Rente ein, saß in ihrem Häuschen
- und wartete auf den Tod. Der Tod aber kam nicht. Statt seiner kam etwas, womit kein Mensch auf der Welt hätte rechnen können
- und was es im Lande noch nie gegeben hatte, nämlich eine Revolution. Das heißt, eine rasante Umwandlung sämtlicher gesellschaftlicher,
- moralischer und transzendentaler Verhältnisse. Zunächst hatte diese Revolution keine Auswirkungen auf Madame Gallas
- persönliches Schicksal. Dann aber, sie war nun fast aig hieß es mit einemm ihr Rentengeber habe emigrieren müssen. Sei enteignet und sein Besitz an einen
- Hosenfabrikanten versteigert worden. Es sah eine Weile lang noch so aus, als habe auch dieser Wandel noch keine fatalen Auswirkungen für Madame Gallar,
- denn der Hosenfabrikan zahlte weiterhin pünktlich die Rente. Aber dann kam der Tag, da sie ihr Geld nicht mehr in harter Münze, sondern in
- Form von kleinen bedruckten Papierblättchen erhielt. Und das war der Anfang ihres materiellen Endes. Nach Verlauf von zwei Jahren reichte die
- Rente nicht einmal mehr aus, das Feuerholz zu bezahlen. Madame sah sich gezwungen, ihr Haus zu verkaufen, zu lächerlich geringem Preis, denn es gab
- plötzlich außer ihr tausende von anderen Leuten, die ihr Haus ebenfalls verkaufen mussten. Und wieder bekam sie als Gegenwert nur diese blöden Blättchen.
- Und wieder waren sie nach zwei Jahren so gut wie nicht mehr wert und im Jahre 1797, sie ging nun auf die 90 zu, hatte sie
- ihr gesamtes in mühevoller säkuler Arbeit zusammengeschartes Vermögen, verloren und hauste in einer winzigen möblierten Kammer in der Rüdekoi.
- Und nun erst mit zehn mit 20jähriger Verspätung kam der Tod herbei und kam in Gestalt einer langwierigen Geschwulztkrankheit,
- die Madame an der Kehle packte und ihr erst den Appetit und dann die Stimme raubte, sodass sie mit keinem Wort Einspruch erheben konnte, als sie ins
- Hotel Dieu fortgeschafft wurde. Dort brachte man sie in den gleichen von hunderten todkranker Menschen bevölkerten Saal, in dem schon ihr Mann
- gestorben war, steckte sie in ein Gemeinschaftsbett zu fünf anderen alten wildfremden Weibern, körperdicht Leib an Leib lagen sie und ließ sie dort drei
- Wochen lang in aller Öffentlichkeit sterben. Dann wurde sie in einen Sack genäht, um 4 Uhr früh näbst 50 anderen Leichen auf
- einen Transportkarren geworfen und unter dem dünnen Gebimmel eines Glöckchens zum neuegründeten Friedhof von Klamar, eine Meile vor den Toren der Stadt gefahren
- und dort in einem Massengrab zur letzten Ruhe gebettet, unter einer dicken Schicht von ungelöschtem Kalk. Das war im Jahre 1799.
- Gott sei Dank ahnte Madame nichts von diesem ihr bevorstehenden Schicksal, als sie an jenem Tag des Jahres47 nach Hause ging und den Knaben Greno und
- unsere Geschichte verließ. Sie hätte womöglich ihren Glauben an die Gerechtigkeit verloren und damit an den einzigen ihr begreiflichen Sinn des
- Lebens. Kapitel 6. Mit dem ersten Blick, den er auf
- Monsieur Grimal geworfen, nein, mit dem ersten witternden Atemzug, den er von Grimals Geruchsaure eingesogen hatte, wusste Greni, dass dieser Mann imstande
- war, ihn bei der geringsten Unbootmäßigkeit zu Tode zu prügeln. Sein Leben galt gerade noch so viel wie
- die Arbeit, die er verrichten konnte. Es bestand nur noch aus der Nützlichkeit, die Grimal ihm beimaß. Und so kuschte Grenoi, ohne auch nur ein
- einziges Mal den Versuch, eine Auflehnung zu machen. Von einem Tag zum anderen verkapselte er wieder die ganze Energie seines Trotzes und seiner
- Wiederborstigkeit in sich selbst. Verwendete sie allein dazu, auf zeckenhafte Manier die Epoche der bevorstehenden Eiszeit zu überdauern.
- Zäh, genügsam, unauffällig, das Licht der Lebenshoffnung auf kleinster, aber wohlbehüteter Flamme haltend. Er war nun ein Muster an Fügsamkeit,
- Anspruchslosigkeit und Arbeitswillen, gehorchte aufs Wort und nahm mit jeder Speise Vorlieb.
- Abends ließ er sich brav in einen seitlich an die Werkstatt gebauten Verschlagsperren, in dem Gerätschaften aufbewahrt wurden und eingesalzene
- Rohhäute hingen. Hier schlief er auf dem blanken, gestampften Erdboden. Tagsüber arbeitete er, solange es hell
- war. Im Winter acht, im Sommer 14, 15 Stunden entfleischte die bestialisch stinkenden Heute, wässerte, entharrte, kelkte,
- ätzte, walkte sie, strich sie mit Beizcot ein, spaltete Holz, entrindete Birken und Eiben, Stick hinab in die von beißendem Dunst erfüllten Lohgruben,
- schichtete, wie es ihm die Gesellen befallen, Heute und Rinden übereinander, streute zerquetschte Galläpfel aus, überdeckte den entsetzlichen Scheit
- Haufen mit Eibenzweigen und Erde. Jahre später musste er ihn dann immer wieder ausbuddeln und die zu gegärbtem Leder mumifizierten Hautleichen aus
- ihrem Grab holen. Wenn er nicht heute ein oder ausgrub, dann schleppte er Wasser. Monatelang schleppte er Wasser vom Fluss herauf.
- Immer zweiimer, hunderte von Eimern am Tag, denn das Gewerbe verlangte Unmengen von Wasser zum Waschen, zum Weichen, zum Brühen, zum Färben. Monatelang hatte er
- keine trockene Faser mehr am Leibe vor lauter Wasser tragen. Abends troffen ihm die Kleider von Wasser und seine Haut war kalt, weich und aufgeschwemmt wie
- Waschleder. Nach einem Jahr dieser mehr tierischen als menschlichen Existenz bekam er den Milzbrand, eine gefürchtete
- Gerberkrankheit, die üblicherweise tödlich verläuft. Grimal hatte ihn schon abgeschrieben und sah sich nach Ersatz um. Nicht ohne
- Bedauern übrigens, denn einen genügsameren und leistungsfähigeren Arbeiter als diesen Gren hatte er noch nie gehabt.
- Entgegen aller Erwartung jedoch überstand Grenoi die Krankheit. Ihm blieben nur die Narben der großen schwarzen Kbunkel hinter den Ohren, am
- Hals und an den Wangen, die ihn entstellten und noch hässlicher machten, als er ohnehin schon war. Ihm blieb ferner, unschätzbarer Vorteil,
- eine Resistenz gegen den Milzbrand, sodass er von nun an sogar mit rissigen und blutigen Händen die schlechtesten Heute entfleischen konnte, ohne Gefahr
- zu laufen, sich erneut anzustecken. Dadurch unterschied er sich nicht nur von den Lehrlingen und Gesellen, sondern auch von seinen eigenen potenziellen
- Nachfolgern. und weil er nun nicht mehr so leicht zu ersetzen war, wie ehe dem, stieg der Wert seiner Arbeit und damit der Wert
- seines Lebens. Plötzlich musste er nicht mehr auf der nackten Erde schlafen, sondern durfte sich im Schuppen ein Holzlager bauen,
- bekam Stroh drauf geschüttet und eine eigene Decke. Zum Schlafen sperrte man ihn nicht mehr ein. Das Essen war auskömmlicher.
- Grimal hielt ihn nicht mehr wie irgendein Tier, sondern wie ein nützliches Haustier. Als er 12 Jahre alt war, gab ihm Grimal
- den halben Sonntag frei und mit 13 durfte er sogar woentags am Abend nach der Arbeit eine Stunde lang weggehen und tun, was er wollte.
- Er hatte gesiegt, denn er lebte und er besaß ein Quantum von Freiheit. Das genügte, um weiterzuleben. Die Zeit des Überwinterns war vorbei.
- Der Zrenoi regte sich wieder. Er witterte Morgenluft. Die Jagdlust packte ihn. Das größte Geruchsrevier der Welt stand ihm offen.
- Die Stadt Paris. Sie es war wie im Schlaffenland.
- Allein die nahgelegenen Viertel von Saint Jacqu, die Laboucherie und von Saint Ustaffenland.
- In den Gassen seit ab der Rü Denie und der Rüse Martin lebten die Menschen so dicht beieinander, drängte sich Haus so eng an Haus, fünf, sechs Stockwerke
- hoch, dass man den Himmel nicht sah und die Luft unten am Boden wie in feuchten Kanälen stand und vor Gerüchen starrte. Es misch Menschen und Tiergerüche, Dunst
- von Essen und Krankheit, von Wasser und Stein und Asche und Leder, von Seife und frisch gebackenem Brot und von Eiern, die man in Esssig kochte, von Nudeln und
- blank gescheuerte Messing, von Salbei und Bier und Tränen und Fett und nassem und trockenem Stroh. Tausende und aber tausende von Gerüchen
- bildeten einen unsichtbaren Brei, der die Schluchten der Gassen anfüllte, sich über den Dächern nur selten unten am Boden niemals verflüchtigte.
- Die Menschen, die dort lebten, rochen in diesem Brei nichts Besonderes mehr. Er war ja aus ihnen entstanden und hatte sie wieder und wieder durchdringt.
- Er war ja die Luft, die sie atmeten und von der sie lebten. Er war wie eine langgetragene warme Kleidung, die man nicht mehr riecht und
- nicht mehr auf der Haut spürt. Grenoi aber roch alles wie zum ersten Mal. Und er roch nicht nur die Gesamtheit
- dieses Duftgemänges, sondern er spaltete es analytisch auf in seine kleinsten und entferntesten Teile und Teilchen. Seine feine Nase entwirrte das Knul aus
- Dunst und Gestank zu einzelnen Fäden von Grundgerüchen, die nicht mehr weiter zerlegbar waren. Es machte ihm unsägliches Vergnügen, diese Fäden
- aufzudröseln und aufzuspinnen. Oft blieb er stehen, an einer Hausmauer gelehnt oder in eine dunkle Ecke gedrängt, mit geschlossenen Augen,
- halbgeöffnetem Mund und geblähten Nüstern, still wie ein Raubfisch in einem großen, dunklen, langsam fließenden Wasser. Und wenn endlich ein
- Lufthauch ihm das Ende eines zarten Duftfadens zuspielte, dann stieß er zu und ließ nicht mehr los. Dann roch er nichts mehr als diesen
- einen Geruch, hielt ihn fest, zog ihn in sich hinein und bewahrte ihn in sich für alle Zeit. Es mochte ein altbekannter Geruch sein
- oder eine Variation davon. Es konnte aber auch ein ganz Neuer sein, einer, der kaum oder gar keine Ähnlichkeit mit allem besaß, was er bis dahin gerochen,
- geschweige denn gesehen hatte. Der Geruch von gebügelter Seide etwa. Der Geruch eines Tees von Quendel, der Geruch eines Stücks silber bestickten
- Brocks, der Geruch von Korken, der Geruch eines Korkens aus einer Flasche mit seltenem Wein, der Geruch eines Schildplattkams.
- Hinter solchen ihm noch unbekannten Gerüchen war Gren her. Sie jagte er mit der Leidenschaft und Geduld eines Anglers und sammelte sie in sich.
- Wenn er sich am dicken Brei der Gassen satt gerochen hatte, ging er in luftigeres Gelände, wo die Gerüche dünner waren, sich mit Wind vermischten
- und entfalteten, fast wie ein Parfüm. Auf den Platz der Hallen etwa, wo in den Gerüchen abends noch der Tag fortlebte, unsichtbar, aber so deutlich, als
- wuselten da noch im Gedränge die Händler, als stünden da noch die vollgepackten Körbe mit Gemüse und Eiern. Die Fässer voll Wein und Essig,
- die Säcke mit Gewürzen und Kartoffeln und Mehl, die Kästen mit Nägeln und Schrauben, die Fleischtische, die Tische voll von Stoffen und Geschirr und
- Schuhsohlen und all den hundert anderen Dingen, die dort tagsüber verkauft wurden. Das ganze Getriebe war bis in die kleinste Einzelheit präsent in der
- Luft, die es hinterlassen hatte. Grenoi sah den ganzen Markt riechend, wenn man so sagen kann, und er roch ihn genauer, als mancher ihn sehen könnte,
- denn er nahm ihn im Nachhinein wahr und deshalb auf höhere Weise als Essenz, als den Geist von etwas gewesenem, der nicht durch die üblichen
- Attribute der Gegenwart gestört war. Als da sind der Lärm, das Grelle, das Ekle aneinander der leibhaftigen Menschen. Oder er ging dorthin, wo man seine
- Mutter geköpft hatte, zur Pla Grev, die wie eine große Zunge in den Fluss hineinleckte. Hier lagen ans Ufer gezogen oder an
- Pfosten verteut die Schiffe und rochen nach Kohle und Korn und Heu und feuchten Tauen. Und von Westen her kam durch diese
- einzige Schneise, die der Fluss durch die Stadt schnitt, ein breiter Windstrom und brachte Gerüche vom Land her, von den Wiesen bei New Y, von den Wäldern
- zwischen Saintgerm und Versaill, von weit entfernt gelegenen Städten wie Rouan oder KH und manchmal sogar vom Meer. Das Meer roch wie ein geblättes
- Segel, in dem sich Wasser, Salz und eine kalte Sonne fingen. Es roch simpel, das Meer, aber zugleich roch es groß und einzigartig, so dass
- Grenoid zögerte, seinen Geruch aufzuspalten in das Fischige, das salzige, das wässrige, das Tangige, das Frische und so weiter. Er ließ den
- Geruch des Meeres lieber beisammen, bewahrte ihn als Ganzes im Gedächtnis und genoss ihn ungeteilt. Der Geruch des Meeres gefiel ihm so gut,
- dass er sich wünschte, ihn einmal rein und unvermischt und in solchen Mengen zu bekommen, dass er sich dran besaufen könnte. Und später, als er aus
- Erzählungen erfuhr, wie groß das Meer sei und dass man darauf tagelang mit Schiffen fahren konnte, ohne Land zu sehen, da war ihm nichts lieber als die
- Vorstellung. Er säße auf so einem Schiff hoch oben im Korb auf dem vordersten Mast und flöge dahin durch den unendlichen Geruch des Meeres, der ja
- eigentlich gar kein Geruch war, sondern ein Atem, ein Ausatmen, das Ende aller Gerüche und löse sich auf vor Vergnügen in diesem Atem.
- Aber dahin sollte es nie kommen, denn Greni, der an der Blase derde Gräve am Ufer stand und mehrmals einen kleinen Fetzen Meerwind, den er in die Nase
- bekommen hatte, aus und einatmete, sollte das Meer, das eigentliche Meer, den großen Ozean, der im Westen lag, in seinem Leben niemals sehen und sich nie
- mit diesem Geruch vermischen dürfen. Das Viertel zwischen Saint Ustage und dem Hotel de Vi hatte er bald so genau durchrochen, dass er sich darin bei
- stockfinster Nacht zurecht fand. Und so dehnte er sein Jagdgebiet aus. Zunächst nach Westen hin zum Vorbusson au Nord, dann die Rüße Antoine hinauf
- bis zu Basti und schließlich sogar auf die andere Seite des Flusses hinüber in das Sorbonviertel und in den Vorborisson Germ, wo die reichen Leute wohnten.
- Durch die Eisengitter der Tourinfahrten roch es nach Kutschenleder und nach dem Puder in den Perücken der Pen. Und über die hohen Mauern hinweg strich aus den
- Gärten der Duft des Ginsters und der Rosen und der frisch geschnittenen Ligusta. Hier war es auch, dass Grenoid zum
- ersten Mal Parfums im eigentlichen Sinn des Wortes roch. einfache Lavendel oder Rosenwässer, mit denen bei festlichen Anlässen die Springbrunnen der Gärten
- gespeist wurden, aber auch komplexere, kostbarere Düfte von Moschustinktur gemischt mit dem Öl von Neroli und Tuberose, Jeanquily, Jasmin oder Zimt,
- die abends wie ein schweres Band hinter den Äquipagen herwähten. Er registrierte diese Düfte, wie er profane Gerüche registrierte, mit
- Neugier. aber ohne besondere Bewunderung. Zwar merkte er, daß die Absicht der Parfums war, berauschend und anziehend
- zu wirken, und er erkannte die Güte der einzelnen Essenzen, aus denen sie bestanden. Aber als Ganzes erschien sie ihm doch
- eher grob und plump, mehr zusammengepanscht als komponiert, und er wusste, dass er ganz andere Wohlgerüche würde herstellen können, wenn er nur
- über die gleichen Grundstoffe verfügte. Viele dieser Grundstoffe kannte er schon von den Blumen und Gewürzständen des Marktes her. Andere waren ihm neu und
- diese filterte er aus den Duftgemischen heraus und bewahrte sie namenlos im Gedächtnis. Amba, Sibet, Patschuli, Sandelholz, Bergamot, Vetiva, Opoponax,
- Benzu, Hopfenblüte, Bibil. Wählerisch ging er nicht vor. Zwischen dem, was landläufig als guter oder schlechter Geruch bezeichnet wurde,
- unterschied er nicht. Noch nicht. Er war gierig. Das Ziel seiner Jagten bestand darin, schlichtweg alles zu besitzen, was die
- Welt an Gerüchen zu bieten hatte. Und die einzige Bedingung war, dass die Gerüche neu seien. Der Duft eines schweißenden Pferdes galt
- ihm ebenso viel wie der zarte grüne Geruch schwellender Rosenknospen. Der stechende Gestank einer Wanze, nicht weniger als der Dunst von gespicktem
- Kalsbraten, der aus den Herrschaftsküchen quoll. Alles, alles fraß er, saugte er in sich hinein. Und auch in der
- synthetisierenden Geruchsküche seiner Fantasie, in der er ständig neue Duftkombination zusammenstellte, herrschte noch kein ästhetisches
- Prinzip. Es waren Bizarrerien, die er schuf und als bald wieder zerstörte wie ein Kind, das mit Bauklötzen spielt,
- erfindungsreich und destruktiv, ohne erkennbares schöpferisches Prinzip. Teil 8. Am 1. September 1753,
- dem Jahrestag der Thronbesteigung des Königs, ließ die Stadt Paris am Pont Royal ein Feuerwerk abbrennen. Es war nicht so spektakulär wie das Feuerwerk
- zur Feier der Verehlichung des Königs oder wie jenes legendäre Feuerwerk aus Anlass der Geburt des Daf. Aber es war immerhin ein sehr
- beeindruckendes Feuerwerk. Man hatte goldene Sonnenränder auf die Masten der Schiffe montiert. Von der Brücke spielen sogenannte Feuerstiere
- einen brennenden Sternenregen in den Fluss. Und während all überall unter betäubendem Lärmparden platzten und
- Knallfrösche über das Pflaster zuckten, stiegen Raketen in den Himmel und malten weiße Lilien an das schwarze Firmament. Eine vieltausendköpfige Menge, welche
- sowohl auf der Brücke als auch auf den Kais zu beiden Seiten des Flusses versammelt war, begleitete das Spektakel mit begeisterten A und O und Bravos und
- sogar mit Vivatz, obwohl der König seinen Thron schon vor 38 Jahren bestiegen und den Höhepunkt seiner Beliebtheit längst überschritten hatte,
- so viel vermag ein Feuerwerk. Grenoi stand stumm im Schatten des Pavillon De Flor am rechten Ufer dem Pont Royal gegenüber.
- Er rührte keine Hand zum Beifall. Er schaute nicht einmal hin, wenn die Raketen aufstiegen. Er war gekommen, weil er glaubte,
- irgendetwas Neues erschnuppern zu können, aber es stellte sich bald heraus, dass das Feuerwerk geruchlich nichts zu bieten hatte.
- Was da in verschwenderischer Vielfalt funkelte und sprühte und krachte und pfiff, hinterließ ein höchst eintöniges Duftgemisch von Schwefel, Öl und
- Salpeter. Er war schon im Begriff, die langweilige Veranstaltung zu verlassen, um an der Galerie des Luvre entlang heimwärts zu
- gehen, als ihm der Wind etwas zutrug. Etwas winziges, kaum merkliches, ein Bröselchen, ein Duftatom.
- Nein, noch weniger. Eher die Ahnung eines Dufts als einen tatsächlichen Duft und zugleich doch die sichere Ahnung von etwas nie gerochenem.
- Er trat wieder zurück an die Mauer, schloss die Augen und blähte die Nüstern. Der Duft war so ausnehmend zart und
- fein, daß er ihn nicht festhalten konnte. Immer wieder entzog er sich der Wahrnehmung, wurde verdeckt vom Pulverdampf der Petarden, blockiert von
- den Ausdünstungen der Menschenmassen, zerstückelt und zerrieben von den tausend anderen Gerüchen der Stadt. Aber dann plötzlich war er wieder da.
- Ein kleiner Fetz nur eine kurze Sekunde lang als herrliche Andeutung zu riechen und verschwand als bald. Grenoi l qualen. Zum ersten Mal war es
- nicht nur sein gieriger Charakter, dem eine Kränkung wiederfuhr, sondern tatsächlich sein Herz. Das LD ihm schwte sonderbar: "Dieser Duft sei
- der Schlüssel zur Ordnung aller anderen Düfte. Man habe nichts von den Düften verstanden, wenn man diesen einen nicht
- verstand und er, Gren hätte sein Leben verpfwuscht, wenn es ihm nicht gelänge, diesen einen zu besitzen. Er musste ihn haben, nicht um des
- schieren Besitzes, sondern um der Ruhe seines Herzens willen. Ihm wurde fast schlecht vor Aufregung. Er hatte noch nicht einmal
- herausbekommen, aus welcher Richtung der Duft überhaupt kam. Manchmal dauerten die Intervalle, ihm wieder ein Fetzchen zugewählt wurde,
- minutenlang und jedes Mal überfiel in die grässliche Angst, er hätte ihn auf immer verloren. Endlich rettete er sich in den
- verzweifelten Glauben, der Duft komme vom anderen Ufer des Flusses, irgendwoher aus südöstlicher Richtung. Er löste sich von der Mauer des Pavillon
- de Flor, tauchte in die Menschenmenge ein und bahte sich seinen Weg über die Brücke. Alle paar Schritte blieb er stehen,
- stellte sich auf die Zehnspitzen, um über die Köpfe der Menschen hinwegzuschnuppern. Roch zunächst nichts vor lauter
- Erregung, roch dann endlich doch etwas. Er schnupperte sich den Duft. Stärker sogar als zuvor, wusste sich auf der richtigen Pferte. tauchte unter, wühlte
- sich weiter durch die Menge der Gaffer und der Feuerwerker, die alle Augenblicke ihre Fackeln in die Lunten der Raketen hielten, verlor im beißenden
- Qualm des Pulvers seinen Duft, geriet in Panik, stieß und rempelte weiter und wühlte sich fort. Er reichte nach endlosen Minuten das andere Ufer, das
- Hotel de Milli, den Kai Malakes, die Einmündung der Rüde Sen. Hier blieb er stehen, sammelte sich und roch.
- Er hatte ihn. Er hielt ihn fest. Wie ein Band kam der Geruch der Rüdessen herabgezogen. Unverwechselbar deutlich, dennoch
- weiterhin sehr zart und sehr fein. Grenoi spürte, wie sein Herz pochte und er wusste, dass es nicht die Anstrengung des Laufens war, die es porchen machte.
- sondern seine erregte Hilflosigkeit vor der Gegenwart dieses Geruches. Er versuchte sich an irgendetwas vergleichbares zu erinnern und musste
- alle Vergleiche verwerfen. Dieser Geruch hatte Frische, aber nicht die Frische der Limetten oder Pomeranzen, nicht die Frische von Mürre
- oder Zimtblatt oder Krauseminze oder Birken oder Kampfer oder Kiefernadeln, nicht von Miregen oder Frostwind oder von Quellwasser.
- Und er hatte zugleich Wärme. Aber nicht wie Bergamot, Zypresse oder Moschus, nicht wie Jasmin und Narzisse, nicht wie Rosenholz und nicht wie Iris.
- Dieser Geruch war eine Mischung aus beidem, aus flüchtigem und schwerem. Keine Mischung davon, eine Einheit. und dazu gering und schwach und dennoch
- solid und tragend wie ein Stück dünner schillernder Seide und auch wieder nicht wie Seide, sondern wie honigsüße Milch, in der sich Biskuit
- löst, was ja nun beim besten Willen nicht zusammenging. Milch und Seide. Unbegreiflich, dieser Duft unbeschreiblich.
- in keiner Weise einzuordnen. Es durfte ihn eigentlich gar nicht geben. Und doch war er da in herrlichster
- Selbstverständlichkeit. Grenoi folgte ihm mit blichlig pochendem Herzen, denn er ahnte, dass nicht er Duft folgte, sondern dass der Duft ihn
- gefangen genommen hatte und nun unwiderstehlich zu sich zog. Er ging die Rüde San hinauf. Niemand war auf der Straße.
- Die Häuser standen leer und still. Die Leute waren unten am Fluss beim Feuerwerk. Kein hektischer Menschengeruch störte,
- kein beißender Pulvergestank. Die Straße duftete nach den üblichen Düften von Wasser, Kot, Ratten und Gemüseabfall.
- Darüber aber schwebte zart und deutlich das Band, das Greno leitete. Nach wenigen Schritten war das wenige Nachtlicht des Himmels von den hohen
- Häusern verschluckt und Greno ging weiter im Dunkeln. Er brauchte nichts zu sehen, der Geruch führte ihn sicher.
- Nach 50 Metern bog er rechts ab in die Rüh de Meromöglich noch dunklere. kaum eine armspannebreite Gasse.
- Sonderbarerweise wurde der Duft nicht sehr viel stärker. Er wurde nur reiner und dadurch durch seine immer größer werdende Reinheit
- bekam er eine immer mächtigere Anziehungskraft. Grenui ging ohne eigenen Willen. An einer Stelle zog in der Gero nach
- rechts, scheinbar mitten in die Mauer eines Hauses hinein. Ein niedriger Gang tat sich auf, der in den Hinterhof führte.
- Traumwandlerisch durchschritt Gren diesen Gang, durchschritt den Hinterhof. Bok um eine Ecke, gelangte in einen zweiten kleineren Hinterhof.
- Und hier nun endlich war Licht. Der Platz umfaßte nur wenige Schritte im Gefiert. An der Mauer sprang ein schräges
- Holzdach vor. Auf einem Tisch darunter klebte eine Kerze. Ein Mädchen saß an diesem Tisch und putzte Mirabellen.
- Sie nahm die Früchte aus einem Korb zu ihrer linken, entstelte und entkernte sie mit einem Messer und ließ sie in einen Eimer fallen.
- Sie mochte 13, 14 Jahre alt sein. Grenoi blieb stehen. Er wusste sofort, was die Quelle des Duftes war, den er über eine halbe Meile hinweg bis ans andere Ufer
- des Flusses gerochen hatte. Nicht dieser schmuddlige Hinterhof, nicht die Mirabellen. Die Quelle war das Mädchen.
- Für einen Moment war er so verwirrt, dass er tatsächlich dachte, er habe in seinem Leben noch nie etwas so schönes gesehen wie dieses Mädchen.
- Dabei sah er nur ihre Silhouette von hinten gegen die Kerze. Er meinte natürlich, er habe noch nie etwas so schönes gerochen.
- Aber da er doch Menschengerüche kannte, viele tausende Gerüche von Männern, Frauen, Kindern, wollte er nicht begreifen, dass ein so exquisiter Duft
- einem Menschen entströmen konnte. Üblicherweise rochen Menschen nichts sagend oder miserabel. Kinder rochen fahrt, Männer urinös nach scharfem
- Schweiß und Käse, Frauen nach ranzigem Fett und verderbendem Fisch. Durchaus uninteressant. Abstoßend rochen die Menschen.
- Und so geschah es, dass Grenoi zum ersten Mal in seinem Leben seiner Nase nicht traute und die Augen zu Hilfe nehmen musste, um zu glauben, was er
- roch. Die Sinnesverwirrung dauerte freilich nicht lange. Es war tatsächlich nur ein Augenblick,
- den er benötigte, um sich optisch zu vergewissern und sich als dann desto rückhaltloser den Wahrnehmungen seines Geruchssinns hinzugeben.
- Nun roch er, dass sie ein Mensch war, roch den Schweiß ihrer Achseln, das Fett ihrer Haare, den Fischgeruch ihres Geschlechts und roch mit größtem
- Wohlgefallen. Der Schweiß duftete so frisch wie Meerwind, der Talk ihrer Haare so süß wie Nussöl, ihr Geschlecht wie ein
- Bouquet von Wasserlilien, die Haut wie Aprikosenblüte und die Verbindung all dieser Komponenten ergab ein Parfum so reich,
- so balanciert, so zauberhaft, dass alles, was Greno bisher an Parfums gerochen, alles, was er selbst in seinem Inneren an Geruchsgebäuden spielerisch
- erschaffen hatte, mit einemm zu Shira Sinnlosigkeit verkam. Hundertta000ende Düfte schien nichts mehr wert vor diesem einen Duft.
- Dieser eine war das höhere Prinzip, nach dessen Vorbild sich die anderen ordnen mussten. Er war die reine Schönheit. Für Greno stand fest, dass ohne den
- Besitz dieses Duftes sein Leben keinen Sinn mehr hatte. Bis in die kleinste Einzelheit, bis in die letzte zarteste Verästelung mußte er
- ihn kennenlernen. Die bloße komplexe Erinnerung an ihn genügte nicht. Er wollte wie mit einem Prägestempel das
- apotheotische Parfüm ins Kuddelmuddel seiner schwarzen Seele pressen, es haar genau erforschen und fort an nur noch nach den inneren Strukturen dieser
- Zauberformel denken, leben, riechen. Er ging langsam auf das Mädchen zu, immer näher, trat unter das Vordach und blieb einen Schritt hinter ihr stehen.
- Sie hörte ihn nicht. Sie hatte rote Haare und trug ein graues Kleid ohne Ärmel. Ihre Arme waren sehr weiß und ihre Hände
- gelb vom Saft der aufgeschnittenen Mirabellen. Grenoi stand über sie gebeugt und sog ihren Duft jetzt völlig unvermischt ein,
- so wie er aufsteg von ihrem Nacken, ihren Haaren, aus dem Ausschnitt ihres Kleides und ließ ihn in sich hineinströmen wie einen sanften Wind.
- Ihm war noch nie so wohl gewesen. Dem Mädchen aber wurde es kühl. Sie sah Grenoi nicht, aber sie bekam ein banges Gefühl, ein sonderbares Frösteln,
- wie man es bekommt, wenn einen plötzlich eine alte abgelegte Angst befällt. Ihr war als herrsche da ein kalter Zug in ihrem Rücken, als habe jemand eine
- Tür aufgestoßen, die in einen riesengroßen kalten Keller führt. Und sie legte ihr Küchenmesser weg, zog
- die Arme an die Brust und wandte sich um. Sie war so starr vor Schreck, als sie ihn sah, dass er viel Zeit hatte, ihr
- seine Hände um den Hals zu legen. Sie versuchte keinen Schrei, rührte sich nicht, tat keine abwehrende Bewegung. Er seinerseits sah sie nicht an.
- Ihr feines Sommersprossßen übersprenkeltes Gesicht, den roten Mund, die großen funkelnd grünen Augen sah er nicht, denn er hielt seine Augen fest
- geschlossen, während er sie wirkte und hatte nur die eine Sorge von ihrem Duft nicht das Geringste zu verlieren. Als sie tot war, legte er sie auf den
- Boden mitten in die Mirabellenkerne, riss ihr Kleid auf und der Duftstrom wurde zur Flut. Sie überschwemmte ihn mit ihrem Wohlgeruch.
- Er stürzte sein Gesicht auf ihre Haut und fuhr mit weit geblähten Nüstern von ihrem Bauch zur Brust, zum Hals, in ihr Gesicht und durch die Haare und zurück
- zum Bauch, hinab an ihr Geschlecht, an ihre Schenkel, an ihre weißen Beine. Er roch sie ab vom Kopf bis an die Zeh. Er sammelte die letzten Reste ihres Duftes
- am Kinn, im Nabel und in den Falten ihrer Armbeuge. Als er sie welt gerochen hatte, blieb er noch eine Weile neben ihr hocken, um
- sich zu versammeln, denn er war übervoll von ihr. Er wollte nichts von ihrem Duft verschütten. Erst musste er die inneren
- Schotten dicht verschließen. Dann stand er auf und bließ die Kerze aus. Um diese Zeit kamen die ersten
- Heimkehrer singend und wie wartrufend die rühde Sähne herauf. Grenoi roch sich im Dunkeln auf die Gasse und zur Rü Depustin hinüber, die
- parallel zu Rü zum Fluss führte. Wenig später entdeckte man die Tote. Geschrei erhob sich. Fackeln wurden angezündet.
- Die Wache kam. Greno war längst am anderen Ufer. In dieser Nacht erschien ihm sein Verschlag wie ein Palast und seine
- Bretterpritsche Himmelbett. Was Glück sei, hatte er in seinem Leben bisher nicht erfahren. Er kannte
- allenfalls sehr seltene Zustände von dumpfer Zufriedenheit. Jetzt aber zitterte er vor Glück und konnte vor lauter Glückseligkeit nicht
- schlafen. Ihm war, als würde er zum zweiten Mal geboren. Nein, nicht zum zweiten. Zum ersten Mal. Denn bisher hatte er bloß animalisch existiert in
- höchst nebulöser Kenntnis seiner selbst. Mit dem heutigen Tag aber schien ihm, als wüßse er endlich, wer er wirklich sei, nämlich nichts anderes als ein
- Genie. und dass sein Leben Sinn und Zweck und Ziel und höhere Bestimmung habe, nämlich keine geringere als die Welt der Düfte zu revolutionieren und
- dass er allein auf der Welt dazu alle Mittel besitze, nämlich seine exquisite Nase, sein phänomenales Gedächtnis und als wichtigstes von allem den prägenden
- Duft dieses Mädchens aus der Rüde Merchem Zauber formelhaft alles enthalten war, was einen großen Duft, was ein Parfum
- ausmachte. Zartheit, Kraft, Dauer, Vielfalt und erschreckende unwiderstehliche Schönheit.
- Er hatte den Kompass für sein künftiges Leben gefunden. Und wie alle genialen Scheusaale, denen durch ein äußeres Ereignis ein gerades
- Geleiß ins Spiralenchaos ihrer Seelen gelegt wird, wichgrenoi von dem, was er als Richtung seines Schicksals erkannt zu haben glaubte, nicht mehr ab.
- Jetzt wurde ihm klar, weshalb er so zer und verbissen am Leben hing. Er musste ein Schöpfer von Düften sein und nicht nur irgendeiner, sondern der
- größte Parfüur aller Zeiten. Noch in derselben Nacht inspizierte er wachend erst und dann im Traum riesige Trümmerfeld seiner Erinnerung.
- Er prüfte die Millionen und aber Milllionen von Duftbauklötzen und brachte sie in eine systematische Ordnung. Gutes zu gutem, schlechtes zu
- schlechtem, feines zu feinem, grobes zu grobem, Gestank zu Gestank, Ambrosisches zu Ambrosischem. Im Verlauf der nächsten Woche wurde
- diese Ordnung immer feiner, der Katalog der Düfte immer reichhaltiger und differenzierter, die Hierarchie immer deutlicher und bald schon konnte er
- beginnen, die ersten planvollen Geruchsgebäude aufzurichten. Häuser, Mauern, Stufen, Türme, Keller, Zimmer, geheime Gemächer, eine täglich
- sich erweiternde, täglich sich verschönende und perfekter gefügte innere Festung der herrlichsten Duftkompositionen.
- Dass am Anfang dieser Herrlichkeit ein Mord gestanden hatte, war ihm, wenn überhaupt bewusst, vollkommen gleichgültig.
- An das Bild des Mädchens aus der Rüde Mer konnte er sich schon nicht mehr erinnern.
- Er hatte ja das Beste von ihr aufbewacht und sich zu eigen gemacht. das Prinzip ihres Duftes.
Zum Nachlesen
Das ParfumDas Parfum. Die Geschichte eines Mörders ist ein Roman des deutschen Schriftstellers Patrick Süskind aus dem Jahr 1985. Dem Lebenslauf eines mit genialem …
Patrick SüskindSein 1985 veröffentlichter und bislang einziger Roman Das Parfum wurde zu einem Bestseller. Ebenfalls ein Welterfolg war sein Einpersonenstück Der Kontrabaß.
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MittelalterAls Mittelalter wird in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit bezeichnet, also etwa die Zeit …