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Die 3 STUNDEN Finsternis bei Jesu Kreuzigung ERKLÄRT – das hat dir niemand gesagt

Bibel Tiefgang Leicht Erklärt30:57 23.113 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 327 Zeilen
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  1. Es ist Freitagmittag in Jerusalem, und die Stadt ist voll. In wenigen Stunden beginnt das Passafest.
  2. Über den Dächern steht die Sonne im höchsten Punkt des Tages. Dann geht das Licht aus.
  3. Nicht langsam wie am Abend, nicht grau wie vor einem Gewitter. Es wird dunkel, und es bleibt dunkel: drei
  4. Stunden Finsternis, mitten am Tag. Drei Evangelien berichten davon, und
  5. alle drei nennen dieselbe Spanne. Von der sechsten Stunde bis zur neunten Stunde.
  6. Nach unserer Uhr also von zwölf Uhr mittags bis drei Uhr nachmittags.
  7. Wenn du diese Szene kennst, dann kennst du vermutlich auch die Erklärung, die man dazu hört.
  8. Es sei eine Sonnenfinsternis gewesen. Das klingt vernünftig, es klingt
  9. nachgeprüft, und es beruhigt. Nur hat ein christlicher Gelehrter des dritten Jahrhunderts genau diese
  10. Erklärung verworfen, mit einem Argument, das bis heute steht.
  11. Er war kein Zweifler. Er hat für den Text gearbeitet, nicht gegen ihn.
  12. Die Frage dieser Folge ist deshalb nicht, ob es dunkel wurde. Die Frage ist, was der Text an dieser Stelle wirklich behauptet.
  13. Und wir werden an einem Vers landen, bei dem deine Bibel und die Bibel deines Nachbarn nicht dasselbe sagen.
  14. Fangen wir damit an, warum diese drei Stunden überhaupt eine Frage sind.
  15. Bei Markus steht der Satz im fünfzehnten Kapitel, Vers dreiunddreißig.
  16. In der Lutherbibel zweitausendsiebzehn lautet er so: Und zur sechsten Stunde
  17. kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Ein Satz, drei Angaben: eine Uhrzeit,
  18. eine Dauer, ein Gebiet. Keine Ursache.
  19. Matthäus schreibt es fast wörtlich genauso, im siebenundzwanzigsten Kapitel,
  20. Vers fünfundvierzig. Lukas berichtet dasselbe im
  21. dreiundzwanzigsten Kapitel, aber Lukas hängt etwas an, und dieses Angehängte
  22. ist der Grund, warum wir heute hier sitzen. Halte dir kurz vor Augen, wie ungewöhnlich
  23. diese Nüchternheit ist. Wenn ein antiker Text ein Wunder erzählen
  24. will, dann malt er es aus. Er beschreibt das Entsetzen, er nennt
  25. Zeugen, er zieht die Szene in die Länge. Hier steht eine Uhrzeit und eine Dauer,
  26. und danach geht der Bericht weiter, als wäre nichts gewesen. Es ist die Art von Notiz, die jemand in ein Logbuch schreibt.
  27. Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die diese Frage nie gestellt haben, weil sie in keiner Predigt vorkam.
  28. Vielleicht gehörst du auch zu denen, die sie einmal gestellt und eine schnelle
  29. Antwort bekommen haben, mit der sie sich dann zufriedengegeben haben.
  30. Beides ist völlig normal. Wir hören diese Passionsgeschichte
  31. meistens im Zusammenhang, an Karfreitag, in einer Stimmung, in der niemand unterbricht, um nach der Uhrzeit zu
  32. fragen. Genau deshalb bleibt hier so viel liegen.
  33. Nicht weil jemand etwas verbergen wollte, sondern weil die drei Stunden im
  34. Vorbeigehen erzählt werden und wir sie im Vorbeigehen hören.
  35. Wenn du dir für sie einen Moment Zeit nimmst, verändert sich die ganze Szene.
  36. Und schon die erste Angabe ist mehr, als sie aussieht. Die sechste Stunde ist nicht sechs Uhr morgens.
  37. Die antike Tagesstunde beginnt mit dem Sonnenaufgang und läuft in zwölf gleichen
  38. Abschnitten bis zum Untergang. Weil die Tage im Sommer länger sind als im Winter, sind diese Stunden
  39. auch unterschiedlich lang; im April, kurz nach der Tagundnachtgleiche, kommen sie unserer
  40. Stunde ziemlich nahe. Die sechste Stunde ist deshalb der Mittag,
  41. die neunte der Nachmittag gegen drei. Wer diese Uhr einmal verstanden hat,
  42. liest viele Szenen anders. Auch die Nacht, in der ein Hahn kräht, war nach einer solchen Rechnung
  43. eingeteilt, nur eben in Nachtwachen statt in Tagesstunden.
  44. Es lohnt sich, diese Umrechnung mitzunehmen; sie kostet nichts und sie öffnet mehr Stellen, als man denkt.
  45. Der zweite Punkt ist schwieriger. ,,Über das ganze Land".
  46. Das griechische Wort dahinter kann beides heißen: das Land, also Judäa,
  47. oder die Erde insgesamt. An dieser Kleinigkeit hängt eine große Frage.
  48. Ging das Licht über einer Provinz aus, oder über der Welt?
  49. Im ersten Fall wäre es erstaunlich, dass kaum jemand außerhalb davon berichtet.
  50. Im zweiten Fall wäre es unerklärlich. Und damit stellt sich sofort die Frage, die ich dir nicht ersparen will.
  51. Wenn es drei Stunden lang dunkel war, warum steht das dann nicht in jeder römischen Chronik?
  52. Die ehrliche Antwort lautet: Es steht dort nicht. Seneca hat ein ganzes Buch über Erdbeben
  53. und Naturzeichen geschrieben und erwähnt nichts dergleichen. Der ältere Plinius sammelt in seiner
  54. Naturgeschichte auffällige Verfinsterungen und ungewöhnlich lange Trübungen der
  55. Sonne, und auch bei ihm findest du diese drei Stunden nicht. Man muss dazu zwei Dinge sagen, und beide gehören zusammen.
  56. Das eine: Judäa war eine kleine, unruhige Randprovinz, und was dort am Himmel
  57. geschah, war den Archiven in Rom selten eine Zeile wert. Das andere: Genau solche Zeichen wurden
  58. sehr wohl notiert, wenn sie jemanden betrafen, der zählte. Nach der Ermordung Cäsars berichten
  59. mehrere römische Autoren übereinstimmend von einem fahlen, kraftlosen Sonnenlicht,
  60. das ein ganzes Jahr angehalten habe. Ein Argument aus dem Schweigen ist immer
  61. das schwächste Argument, das es gibt. Es beweist nichts, in keine Richtung.
  62. Aber es sagt uns etwas über die Größenordnung: Was hier beschrieben wird,
  63. hat die Welt außerhalb Judäas nicht erschüttert. Und wer aus diesen drei Stunden ein
  64. weltweites astronomisches Ereignis macht, bekommt genau an dieser Stelle ein Problem, das er sich selbst geschaffen
  65. hat. Und noch etwas fällt auf, wenn man die
  66. vier Evangelien nebeneinanderlegt. Johannes erwähnt die Finsternis überhaupt nicht.
  67. Er erzählt die Kreuzigung ausführlich, er nennt Namen, er nennt Einzelheiten,
  68. die sonst niemand hat. Aber die drei dunklen Stunden fehlen bei ihm.
  69. Er zählt an einer Stelle sogar die Stunden anders als Markus. Das ist eine eigene Frage, und sie ist zu groß für heute;
  70. ich nenne sie nur, damit du nicht denkst, ich hätte sie übersehen. Genau hier setzt die Erklärung an, die fast jeder kennt.
  71. Eine Sonnenfinsternis erklärt alles auf einmal: die Dunkelheit, die
  72. Mittagszeit, das plötzliche Ende. Sie macht aus einem Zeichen ein Ereignis,
  73. und aus einem Ereignis etwas, das man nachschlagen kann. Wir gehen die Sache deshalb der Reihe nach durch.
  74. Zuerst ein einziges Wort im Lukasevangelium, an dem die alten Handschriften auseinandergehen.
  75. Dann der Einwand aus dem dritten Jahrhundert, der die Sonnenfinsternis erledigt.
  76. Dann die Frage, was sonst noch möglich bleibt. Und ganz am Ende ein Prophet, der
  77. achthundert Jahre vorher etwas geschrieben hat, das zu genau dieser Uhrzeit passt
  78. genauer, und jetzt brauchst du für einen Moment deine eigene Bibel.
  79. Lukas schreibt im dreiundzwanzigsten Kapitel, Vers vierundvierzig und
  80. fünfundvierzig, in der Lutherbibel zweitausendsiebzehn: Und es war schon um
  81. die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur
  82. neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss
  83. mitten entzwei. Achte auf die Wendung in der Mitte.
  84. Die Sonne verlor ihren Schein. Das ist kein Schmuck, das ist eine
  85. Übersetzungsentscheidung, und dahinter steckt ein Streit, der älter ist als jede deutsche Bibel.
  86. In den ältesten griechischen Handschriften, die wir für diese Stelle haben, steht dort eine Form des Verbs
  87. ekleipein. Das Wort bedeutet ganz allgemein:
  88. ausfallen, versagen, aufhören. Es ist dasselbe Wort, aus dem unsere
  89. Fremdwörter Eklipse und Ekliptik gebildet sind.
  90. Wörtlich steht dort also: als die Sonne ausfiel. In der großen Masse der späteren Handschriften steht an derselben
  91. Stelle ein anderes Verb. Es bedeutet schlicht: verfinstert werden.
  92. Ein gewöhnliches Wort, ein harmloses Wort, ein Wort, an dem sich niemand stößt.
  93. Und jetzt schau dir an, um welche Handschriften es geht, denn das ist der Punkt, an dem man die Sache selbst nachprüfen kann.
  94. Der älteste Zeuge für diese Stelle ist ein Papyrus, den die Fachleute schlicht
  95. Papyrus fünfundsiebzig nennen. Er stammt aus der Zeit um zweihundert,
  96. also aus einer Zeit, in der es noch Menschen gab, deren Großeltern Zeitgenossen der Apostelschüler waren.
  97. Dazu kommen die beiden großen Bibelhandschriften aus dem vierten
  98. Jahrhundert, der Codex Sinaiticus und der Codex Vaticanus.
  99. Beide sind vollständige griechische Bibeln auf Pergament, beide sind heute
  100. digitalisiert, und beide lesen an dieser Stelle das schwierige Wort.
  101. Auf der anderen Seite steht die überwiegende Zahl der jüngeren Handschriften, dazu die lateinische
  102. und die syrische Überlieferung. Sie sind zahlreicher.
  103. Sie sind aber später. Merkst du, in welche Richtung das geht?
  104. Das ältere Wort klingt nach einer astronomischen Finsternis und lädt
  105. damit zu einem Einwand ein. Das jüngere Wort klingt nach nichts
  106. Bestimmtem und lädt zu gar nichts ein. In der Textkritik gibt es dafür eine
  107. Faustregel, die man sich merken kann, weil sie so einfach ist: Der schwierigere Text
  108. ist in der Regel der ältere. Nicht, weil Abschreiber unehrlich gewesen
  109. wären, sondern weil niemand einen Text absichtlich unbequemer macht. Wer abschreibt und stolpert, glättet.
  110. Wer abschreibt und nicht stolpert, lässt stehen. Was hältst du für wahrscheinlicher:
  111. dass jemand ein anstößiges Wort durch ein unauffälliges ersetzt, oder dass
  112. jemand ein unauffälliges Wort durch ein anstößiges ersetzt? Ich frage das nicht rhetorisch.
  113. Es gibt Fachleute, die hier vorsichtiger urteilen als ich, weil auch Hörfehler und
  114. Gewohnheit eine Rolle spielen können. Das Ergebnis dieses alten Streits kannst
  115. du heute in deinem Regal sehen, ohne ein Wort Griechisch zu können.
  116. Die Lutherbibel zweitausendsiebzehn schreibt: und die Sonne verlor ihren Schein.
  117. Ein Ausfall, ein Verlust, etwas, das der Sonne widerfährt.
  118. Die Elberfelder Bibel zweitausendsechs schreibt: da sich die Sonne verfinsterte.
  119. Auch hier ein Vorgang, der mitläuft, kein Ereignis, das eintritt.
  120. Die Schlachter zweitausend, die in vielen freikirchlichen Gemeinden auf
  121. dem Tisch liegt, schreibt: Und die Sonne wurde verfinstert.
  122. Zwei Wörter, ein anderer Text. Und die Einheitsübersetzung
  123. zweitausendsechzehn, also die Ausgabe, die in Österreich und in den katholischen
  124. Gemeinden gelesen wird, schreibt: Die Sonne verdunkelte sich.
  125. Vier Ausgaben, vier Nuancen. Und die Verteilung ist kein Zufall: Luther
  126. und Elberfelder folgen an dieser Stelle den ältesten Zeugen, die Schlachter folgt
  127. der späteren Mehrheit. Das ist kein Fehler und kein Skandal.
  128. Beide Entscheidungen sind begründet, und beide stehen offen in den Vorworten dieser Bibeln.
  129. Wenn du wissen willst, wie man so etwas selbst nachsieht: In den wissenschaftlichen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments, allen
  130. voran dem Nestle-Aland, steht unter jedem Vers eine Zeile in kleiner Schrift.
  131. Dort ist vermerkt, welche Handschrift welche Form hat, ohne Wertung und ohne Kommentar.
  132. Es gibt in dieser Sache keine verschlossene Tür, und es hat nie eine gegeben.
  133. Wenn du gerade zu deinem Bücherregal geschaut hast, dann bist du hier genau richtig.
  134. Abonniere den Kanal, dann taucht die nächste Folge von selbst bei dir auf.
  135. Und jetzt kommt der Punkt, an dem dieses eine Wort plötzlich Gewicht bekommt.
  136. Im dritten Jahrhundert schreibt ein Mann namens Julius Africanus eine Weltchronik.
  137. Er ist Christ, er ist gebildet, er ist viel gereist, und er sammelt in fünf
  138. Büchern alles, was er über die Zeitrechnung der Völker zusammenbekommt.
  139. Dabei stößt er auf einen Autor namens Thallus, der von einer Dunkelheit
  140. berichtet und sie als Sonnenfinsternis erklärt. Africanus übernimmt das nicht.
  141. Er widerspricht. Sein Argument braucht keine Vorbildung, und du kannst es dir in dreißig
  142. Sekunden merken. Das Passafest liegt nach jüdischer Rechnung immer um den vierzehnten
  143. Tag des Monats, und der jüdische Monat beginnt mit dem Neumond.
  144. Der vierzehnte Tag ist deshalb Vollmond. Bei Vollmond steht der Mond der Sonne
  145. gegenüber, mit der Erde dazwischen. Eine Sonnenfinsternis entsteht aber
  146. nur, wenn der Mond zwischen Erde und Sonne steht, also bei Neumond.
  147. Zwei Wochen daneben, jedes Mal, ohne Ausnahme.
  148. Halte hier kurz inne und höre, was das bedeutet. Der Einwand, dass es keine
  149. Sonnenfinsternis gewesen sein kann, ist nicht die Erfindung moderner Skeptiker.
  150. Er ist rund achtzehnhundert Jahre alt, und er stammt von einem christlichen Gelehrten, der den Text verteidigen
  151. wollte, nicht angreifen. Zwei weitere Beobachtungen kommen dazu,
  152. und beide sind heute leicht zu prüfen. Eine totale Sonnenfinsternis dauert
  153. an einem Ort höchstens einige Minuten, nicht drei Stunden.
  154. Und sie zieht als schmaler Streifen über die Erde; sie legt sich nicht über ein ganzes Land
  155. und schon gar nicht über eine ganze Welt. Keine Sonnenfinsternis.
  156. Kein Zufall am Himmel. Kein Rätsel für Astronomen.
  157. Neben Thallus taucht in diesem Zusammenhang noch ein zweiter Name auf:
  158. Phlegon von Tralleis, ein Freigelassener am Hof des Kaisers Hadrian, der eine
  159. Chronik der Olympiaden verfasst hat. Die christlichen Autoren, die ihn zitieren, geben an, er habe für ein
  160. bestimmtes Jahr eine große Sonnenfinsternis und ein schweres Erdbeben
  161. in Kleinasien vermerkt. Diese Notiz ist über Jahrhunderte
  162. weitergereicht worden, von einem Werk ins nächste, und sie steht bis heute in jeder
  163. Sammlung außerbiblischer Belege. Jetzt kommt der Punkt, an dem die Fachwelt streitet, und ich sage
  164. dir gleich, wo ich stehe. Es geht um die Frage, wie viel diese
  165. heidnischen Zeugen überhaupt tragen. Denn von Thallus ist kein einziges Werk erhalten.
  166. Wir kennen ihn nur, weil andere ihn zitieren. Auch die Chronik des Africanus selbst ist verloren;
  167. wir haben sie in Auszügen, die ein byzantinischer Mönch Jahrhunderte später abgeschrieben hat.
  168. Und Phlegon ist ebenfalls nur in Zitaten christlicher Autoren greifbar.
  169. Das ist eine Kette aus drei Gliedern, und kein einziges davon können wir in der Hand halten.
  170. Der Altphilologe N P L Allen hat diese Kette zweitausendachtzehn in der
  171. Fachzeitschrift Akroterion Stück für Stück auseinandergenommen.
  172. Sein Ergebnis, kurz gefasst: Die übliche Datierung des Thallus beruht auf einer
  173. Vermutung, nicht auf einem Fundstück, und keiner der beiden heidnischen Autoren
  174. nennt nachweisbar die Kreuzigung. Was Africanus vor sich hatte, war
  175. womöglich nur eine Notiz über eine Dunkelheit. Die Verbindung zum Karfreitag hat er selbst gezogen.
  176. Hier muss ich eine Grenze ziehen. Wer dir sagt, die Finsternis sei durch
  177. römische Geschichtsschreiber bestätigt, sagt mehr, als die Quellenlage hergibt.
  178. Und wer dir sagt, es gebe außerhalb der Bibel überhaupt nichts, sagt weniger.
  179. Die ehrliche Auskunft liegt dazwischen: Es gibt späte, dünne, umstrittene Spuren,
  180. und es gibt ein astronomisches Argument, das seit dem dritten Jahrhundert unverändert gilt.
  181. Bemerkenswert finde ich dabei etwas anderes. Africanus hätte den bequemen Weg gehen können.
  182. Ein heidnischer Historiker bestätigt die Bibel. Besser geht es nicht.
  183. Er hat den Beleg trotzdem zurückgewiesen, weil er nicht stimmte. Das ist achtzehnhundert Jahre alt und
  184. immer noch der richtige Umgang mit einer Quelle, die einem gefällt. Was bleibt dann übrig?
  185. Diese Frage hat mich beim Vorbereiten am längsten beschäftigt, und ich glaube, sie
  186. ist die eigentliche Frage dieser Folge. Zwei natürliche Erklärungen werden
  187. regelmäßig angeboten, und beide verdienen eine faire Prüfung.
  188. Die erste ist der Chamsin, ein heißer Wüstenwind, der im Frühjahr über Israel
  189. zieht und feinen Sand hoch in die Luft trägt. Bei starkem Chamsin steht die Sonne
  190. als mattes Scheibchen am Himmel, das Licht wird gelbbraun, und dieser Zustand
  191. hält stundenlang an. Das passt zur Dauer, es passt zur
  192. Jahreszeit, und es passt zu einem Gebiet von der Größe Judäas.
  193. Wer schon einmal in einem Sandsturm stand, weiß außerdem, dass so etwas nicht wie
  194. Abenddämmerung aussieht, sondern falsch. Es ist hell und dunkel zugleich, und das Auge findet keinen Halt.
  195. Die zweite Erklärung ist eine geschlossene Wolkendecke mit schwerem Gewitter.
  196. Auch das kann einen Tag ungewöhnlich verdunkeln, und Matthäus erwähnt im
  197. selben Abschnitt ein Erdbeben. Wetter und Beben lassen sich in einer
  198. erzählten Szene leicht zusammendenken. Und jetzt kommt der Einwand, den ich mir selbst machen muss.
  199. Keine dieser beiden Erklärungen steht im Text. Der Text nennt keinen Wind, keine Wolke,
  200. keinen Staub, kein Gewitter. Er nennt eine Uhrzeit und eine Dauer, mehr nicht.
  201. Wer den Chamsin einsetzt, tut im Grunde dasselbe wie der, der die Sonnenfinsternis
  202. einsetzt: Er trägt eine Ursache in eine Lücke hinein, die der Text offen gelassen hat.
  203. Was überzeugt dich mehr: eine Erklärung, die eine natürliche Ursache anbietet und
  204. dafür etwas hinzufügen muss, oder eine Lesart, die die Lücke stehen lässt?
  205. Diese Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Ich kenne sorgfältige Leser, die hier anders entscheiden als ich,
  206. und sie haben gute Gründe. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit,
  207. und die wird in Predigten selten erwähnt, obwohl sie die älteste von allen ist.
  208. Rund achthundert Jahre vor der Kreuzigung schreibt ein Prophet namens Amos einen
  209. einzigen Satz, der jedem jüdischen Zuhörer im Ohr gewesen sein dürfte.
  210. Amos war kein Berufsprophet, sondern Viehhirte und Maulbeerfeigenzüchter aus
  211. einem Dorf südlich von Bethlehem, und er tritt in einer Zeit auf, in der es
  212. dem Land wirtschaftlich gutgeht und die Feste gut besucht sind.
  213. Gegen genau diese satte Frömmigkeit richtet sich sein Buch. In der Lutherbibel zweitausendsiebzehn, im
  214. achten Kapitel, Vers neun, sagt er: Zur selben Zeit, spricht Gott der Herr, will
  215. ich die Sonne am Mittag untergehen und das Land am hellen Tage finster werden lassen.
  216. Lies das noch einmal langsam. Die Sonne am Mittag.
  217. Das Land am hellen Tag. Das sind nicht ungefähr dieselben Bilder wie bei Markus.
  218. Das sind dieselben Bilder, in derselben Reihenfolge, mit derselben Uhrzeit.
  219. Und jetzt geh einen Vers weiter, denn dort steht der Satz, der mir beim Vorbereiten die Nackenhaare aufgestellt hat.
  220. Amos acht, Vers zehn, dieselbe Ausgabe: Ich will eure Feiertage in Trauer und alle
  221. eure Lieder in Wehklagen verwandeln. Ich will ein Trauern schaffen, wie man
  222. trauert über den einzigen Sohn, und es soll ein bitteres Ende nehmen.
  223. Ein Feiertag, der in Trauer umschlägt. Dunkelheit am Mittag.
  224. Und eine Trauer wie um einen einzigen Sohn. Geschrieben achthundert Jahre vorher.
  225. Und in Kraft an einem Freitag zur Mittagszeit, während draußen das Licht ausgeht und drinnen in der Stadt ein
  226. Fest vorbereitet wird. Und Amos steht damit nicht allein.
  227. Sobald man einmal darauf achtet, findet man dieses Bild überall dort, wo die
  228. Propheten vom Tag des Herrn sprechen. Bei Joel, im dritten Kapitel, Vers vier,
  229. in manchen Ausgaben anders gezählt, heißt es in der Lutherbibel zweitausendsiebzehn:
  230. Die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der
  231. große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Und bei Zefanja, im ersten Kapitel, Vers
  232. fünfzehn, steht in derselben Ausgabe eine Reihung, die man kaum wieder vergisst:
  233. Denn dieser Tag ist ein Tag des Grimmes, ein Tag der Trübsal und der Angst, ein Tag
  234. des Unwetters und der Verwüstung, ein Tag der Finsternis und des Dunkels, ein Tag
  235. der Wolken und des Nebels. Drei Propheten, drei Bücher, ein einziges
  236. Bild: Wenn Gott handelt, geht am hellen Tag das Licht aus.
  237. Das ist keine Wetterbeschreibung. Das ist eine feste Sprachform, und feste
  238. Sprachformen werden nicht nachgemessen. Wer mit dieser Sprachform aufgewachsen
  239. ist, hört bei,,Finsternis über dem ganzen Land, von der sechsten bis zur neunten
  240. Stunde" deshalb nicht zuerst eine Wetterangabe. Er hört eine Ansage.
  241. Er weiß, welcher Tag gemeint ist, und er weiß, dass dieser Tag in seinen eigenen
  242. Schriften seit Jahrhunderten angekündigt war. Wenn du das für dich prüfen willst,
  243. brauchst du dafür keine zehn Minuten. Schlag Amos acht auf, lies die Verse
  244. neun und zehn, und lies danach Markus fünfzehn, Vers dreiunddreißig.
  245. Du wirst die Verbindung selbst sehen, ohne dass ich dich darauf stoße.
  246. Und genau darum geht es mir: Ich möchte dir nichts zeigen, was du nicht auch allein finden könntest.
  247. Damit verschiebt sich die ganze Frage. Wenn die Evangelisten die drei Stunden
  248. notieren, dann berichten sie vielleicht nicht in erster Linie über das Wetter.
  249. Dann zitieren sie. Sie setzen ein Zeichen, das ihre
  250. Leser kannten, und sie erwarten, dass es erkannt wird.
  251. Deshalb steht da auch keine Erklärung: Wer zitiert, muss nicht ausmalen.
  252. Er nennt die Uhrzeit, und wer den Propheten kennt, weiß Bescheid. Eine sichere Antwort gibt es nicht.
  253. Die wahrscheinlichste Lesart ist für mich diese: Die Frage nach der
  254. Ursache ist nicht die Frage, die der Text beantworten will. Er will, dass du merkst, welcher Tag hier gerade zitiert wird.
  255. Ich will dir keine Sicherheit vortäuschen, die es nicht gibt. Ein Chamsin und ein Zitat schließen einander nicht aus;
  256. ein Zeichen kann Wetter benutzen, und die alten Ausleger hatten damit weniger Mühe als wir.
  257. Aber wer nur nach der Ursache sucht, sucht an einer Stelle, an der der Text nichts versteckt hat.
  258. Bevor wir zum Schluss kommen, ein letztes altes Zeugnis.
  259. Und ich sage dir dazu, was es ist und was es nicht ist. Es gibt aus dem zweiten Jahrhundert eine
  260. Schrift, die den Namen des Petrus trägt, ohne von ihm zu stammen.
  261. Sie gehört nicht in die Bibel, keine Kirche hat sie je aufgenommen, und sie
  262. erzählt die Passion mit deutlich mehr Ausschmückung als die Evangelien.
  263. Über Jahrhunderte war sie nur dem Namen nach bekannt; erst im neunzehnten Jahrhundert
  264. fand man in Ägypten ein Bruchstück davon in einem Grab.
  265. Für unsere Frage ist sie trotzdem interessant, denn sie zeigt, wie man sich diese drei Stunden hundert Jahre nach
  266. den Evangelien vorgestellt hat. Dort heißt es: Es war Mittag, und
  267. Finsternis hielt ganz Judäa fest. Und weiter: Viele gingen mit Lampen
  268. umher, weil sie meinten, es sei Nacht, und sie fielen hin.
  269. Und am Ende: Dann schien die Sonne, und es fand sich, dass es die neunte Stunde war.
  270. Menschen, die mittags mit Lampen durch die Gassen gehen und stolpern. Das ist ein Bild, das man nicht mehr los wird.
  271. Und beachte, was diese späte Schrift gerade nicht tut: Sie nennt keine Sonnenfinsternis.
  272. Auch hundert Jahre danach fällt niemandem eine astronomische Erklärung ein.
  273. Die Dunkelheit gilt als Zeichen, nicht als Vorgang. Und das ist ein Hinweis darauf, wie die
  274. frühen Leser den Satz verstanden haben. Und noch etwas gehört zu diesen drei
  275. Stunden, das man leicht überliest. Die erste Stimme, die nach ihnen zu
  276. hören ist, gehört keinem Jünger. Bei Lukas, im dreiundzwanzigsten Kapitel,
  277. Vers siebenundvierzig, heißt es in der Lutherbibel zweitausendsiebzehn: Als aber
  278. der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch
  279. ist ein Gerechter gewesen! Ein römischer Offizier.
  280. Ein Mann, der beruflich zusah, wie Menschen hingerichtet werden, und der
  281. an diesem Ort vermutlich mehr Kreuzigungen gesehen hatte als jeder andere.
  282. Er sagt diesen Satz nicht, weil ihm jemand etwas erklärt hätte. Er sagt ihn, weil er dabeistand, als
  283. es dunkel wurde und wieder hell. Was heißt das nun konkret für dich, wenn
  284. du heute Abend deine Bibel aufschlägst? Ich sehe drei Dinge, und keines davon ist eine Regel, die dir jemand
  285. vorschreiben könnte. Es sind Gewohnheiten, die das Lesen mit der Zeit verändern.
  286. Das erste ist eine Frage an jede Erklärung, die dir angeboten wird.
  287. Wem dient sie? Manche Erklärungen arbeiten für den
  288. Text, andere arbeiten für uns. Die Sonnenfinsternis arbeitet für uns:
  289. Sie macht aus einem Zeichen einen Vorgang, den man einordnen kann, und nimmt uns
  290. damit die Zumutung ab, ein Zeichen als Zeichen stehen zu lassen. Das entwertet nicht jede historische
  291. Rückfrage, im Gegenteil. Ohne historische Rückfragen gäbe es diese Folge nicht.
  292. Aber wenn eine Erklärung genau das leistet, was wir uns gewünscht hätten,
  293. dann lohnt der zweite Blick. Das zweite ist ein Ohr dafür, wann ein
  294. biblischer Text einen älteren Text zitiert. Das ist die am häufigsten übersehene Ebene der Bibel.
  295. Die Evangelisten schreiben für Leser, die ihre Schriften auswendig kannten,
  296. und sie deuten deshalb oft nur an, wo wir eine Fußnote bräuchten.
  297. Wenn dir eine Formulierung seltsam feierlich vorkommt, oder wenn ein Detail
  298. erzählt wird, das die Handlung gar nicht braucht, dann steckt häufig ein Prophet dahinter.
  299. Viele Ausgaben drucken die Verweise am Rand mit; es kostet dich zehn Sekunden, einem davon
  300. nachzugehen, und du wirst überrascht sein, wie oft sich etwas öffnet.
  301. Und das dritte ist eine kleine, praktische Sache: Rechne die Stunden um.
  302. Die dritte Stunde ist neun Uhr morgens, die sechste der Mittag, die neunte drei Uhr nachmittags.
  303. Wer die Uhr des Textes kennt, sieht Szenen, die sonst flach bleiben, und merkt
  304. zum Beispiel, dass zwischen dem Beginn der Kreuzigung und diesem Einbruch der
  305. Dunkelheit nur wenige Stunden liegen, und dass der Tod genau in dem Augenblick
  306. eintritt, in dem das Licht zurückkommt. Und wenn du dir von diesen drei Gewohnheiten nur eine merkst, dann nimm
  307. die erste. Sie ist die unbequemste, weil sie sich
  308. nicht nur gegen fremde Erklärungen richtet, sondern auch gegen unsere eigenen Lieblingsantworten.
  309. Wir alle tragen ein paar Auslegungen mit uns herum, die wir behalten haben,
  310. weil sie uns gutgetan haben, und nicht, weil wir sie geprüft hätten.
  311. Ich trage auch welche mit mir herum. Das ist nichts, wofür man sich schämen müsste.
  312. Es ist nur etwas, das man von sich wissen sollte, wenn man einen Text ernst nimmt.
  313. Vielleicht ist das der eigentliche Verlust, wenn man die drei Stunden zu einer Sonnenfinsternis macht.
  314. Nicht die Genauigkeit. Die hat noch niemanden getröstet.
  315. Sondern der Prophet, der dahintersteht, und der Tag, an den er erinnert.
  316. Stell dir zum Schluss diesen einen Vers noch einmal vor, den bei Lukas,
  317. in dem beides zusammensteht. Draußen, über der Stadt, geht das Licht aus.
  318. Und drinnen, im Tempel, wo ein schwerer Vorhang den innersten Raum verschließt, reißt er mitten entzwei.
  319. Zwei Bewegungen in einem einzigen Satz, in entgegengesetzte Richtungen.
  320. Draußen wird zugezogen. Drinnen wird aufgerissen.
  321. Die Sonne kam zurück. Der Vorhang blieb offen.
  322. Wenn dir das etwas aufgeschlossen hat, dann hilf uns, es weiterzutragen.
  323. Abonniere den Kanal und schreib mir in die Kommentare, was in deiner Bibel bei Lukas dreiundzwanzig, Vers
  324. fünfundvierzig, steht. Ein Halbsatz genügt mir schon.
  325. Teile das Video mit jemandem, der gerade durch eine Zeit geht, in der es auch
  326. mittags nicht richtig hell wird. Und wenn du magst, bete für uns.
  327. Gott segne dich.

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