Die 3 STUNDEN Finsternis bei Jesu Kreuzigung ERKLÄRT – das hat dir niemand gesagt Bibel Tiefgang Leicht Erklärt https://www.youtube.com/watch?v=a9MiQlLRDr4 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Es ist Freitagmittag in Jerusalem, und die Stadt ist voll. In wenigen Stunden beginnt das Passafest. 0:07 Über den Dächern steht die Sonne im höchsten Punkt des Tages. Dann geht das Licht aus. 0:13 Nicht langsam wie am Abend, nicht grau wie vor einem Gewitter. Es wird dunkel, und es bleibt dunkel: drei 0:20 Stunden Finsternis, mitten am Tag. Drei Evangelien berichten davon, und 0:26 alle drei nennen dieselbe Spanne. Von der sechsten Stunde bis zur neunten Stunde. 0:33 Nach unserer Uhr also von zwölf Uhr mittags bis drei Uhr nachmittags. 0:38 Wenn du diese Szene kennst, dann kennst du vermutlich auch die Erklärung, die man dazu hört. 0:45 Es sei eine Sonnenfinsternis gewesen. Das klingt vernünftig, es klingt 0:49 nachgeprüft, und es beruhigt. Nur hat ein christlicher Gelehrter des dritten Jahrhunderts genau diese 0:55 Erklärung verworfen, mit einem Argument, das bis heute steht. 1:00 Er war kein Zweifler. Er hat für den Text gearbeitet, nicht gegen ihn. 1:06 Die Frage dieser Folge ist deshalb nicht, ob es dunkel wurde. Die Frage ist, was der Text an dieser Stelle wirklich behauptet. 1:14 Und wir werden an einem Vers landen, bei dem deine Bibel und die Bibel deines Nachbarn nicht dasselbe sagen. 1:22 Fangen wir damit an, warum diese drei Stunden überhaupt eine Frage sind. 1:27 Bei Markus steht der Satz im fünfzehnten Kapitel, Vers dreiunddreißig. 1:32 In der Lutherbibel zweitausendsiebzehn lautet er so: Und zur sechsten Stunde 1:37 kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Ein Satz, drei Angaben: eine Uhrzeit, 1:45 eine Dauer, ein Gebiet. Keine Ursache. 1:49 Matthäus schreibt es fast wörtlich genauso, im siebenundzwanzigsten Kapitel, 1:55 Vers fünfundvierzig. Lukas berichtet dasselbe im 1:59 dreiundzwanzigsten Kapitel, aber Lukas hängt etwas an, und dieses Angehängte 2:05 ist der Grund, warum wir heute hier sitzen. Halte dir kurz vor Augen, wie ungewöhnlich 2:11 diese Nüchternheit ist. Wenn ein antiker Text ein Wunder erzählen 2:16 will, dann malt er es aus. Er beschreibt das Entsetzen, er nennt 2:20 Zeugen, er zieht die Szene in die Länge. Hier steht eine Uhrzeit und eine Dauer, 2:26 und danach geht der Bericht weiter, als wäre nichts gewesen. Es ist die Art von Notiz, die jemand in ein Logbuch schreibt. 2:34 Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die diese Frage nie gestellt haben, weil sie in keiner Predigt vorkam. 2:41 Vielleicht gehörst du auch zu denen, die sie einmal gestellt und eine schnelle 2:46 Antwort bekommen haben, mit der sie sich dann zufriedengegeben haben. 2:50 Beides ist völlig normal. Wir hören diese Passionsgeschichte 2:54 meistens im Zusammenhang, an Karfreitag, in einer Stimmung, in der niemand unterbricht, um nach der Uhrzeit zu 3:01 fragen. Genau deshalb bleibt hier so viel liegen. 3:06 Nicht weil jemand etwas verbergen wollte, sondern weil die drei Stunden im 3:10 Vorbeigehen erzählt werden und wir sie im Vorbeigehen hören. 3:16 Wenn du dir für sie einen Moment Zeit nimmst, verändert sich die ganze Szene. 3:22 Und schon die erste Angabe ist mehr, als sie aussieht. Die sechste Stunde ist nicht sechs Uhr morgens. 3:29 Die antike Tagesstunde beginnt mit dem Sonnenaufgang und läuft in zwölf gleichen 3:34 Abschnitten bis zum Untergang. Weil die Tage im Sommer länger sind als im Winter, sind diese Stunden 3:40 auch unterschiedlich lang; im April, kurz nach der Tagundnachtgleiche, kommen sie unserer 3:46 Stunde ziemlich nahe. Die sechste Stunde ist deshalb der Mittag, 3:51 die neunte der Nachmittag gegen drei. Wer diese Uhr einmal verstanden hat, 3:56 liest viele Szenen anders. Auch die Nacht, in der ein Hahn kräht, war nach einer solchen Rechnung 4:02 eingeteilt, nur eben in Nachtwachen statt in Tagesstunden. 4:06 Es lohnt sich, diese Umrechnung mitzunehmen; sie kostet nichts und sie öffnet mehr Stellen, als man denkt. 4:13 Der zweite Punkt ist schwieriger. ,,Über das ganze Land". 4:18 Das griechische Wort dahinter kann beides heißen: das Land, also Judäa, 4:24 oder die Erde insgesamt. An dieser Kleinigkeit hängt eine große Frage. 4:29 Ging das Licht über einer Provinz aus, oder über der Welt? 4:34 Im ersten Fall wäre es erstaunlich, dass kaum jemand außerhalb davon berichtet. 4:39 Im zweiten Fall wäre es unerklärlich. Und damit stellt sich sofort die Frage, die ich dir nicht ersparen will. 4:47 Wenn es drei Stunden lang dunkel war, warum steht das dann nicht in jeder römischen Chronik? 4:52 Die ehrliche Antwort lautet: Es steht dort nicht. Seneca hat ein ganzes Buch über Erdbeben 4:58 und Naturzeichen geschrieben und erwähnt nichts dergleichen. Der ältere Plinius sammelt in seiner 5:04 Naturgeschichte auffällige Verfinsterungen und ungewöhnlich lange Trübungen der 5:09 Sonne, und auch bei ihm findest du diese drei Stunden nicht. Man muss dazu zwei Dinge sagen, und beide gehören zusammen. 5:17 Das eine: Judäa war eine kleine, unruhige Randprovinz, und was dort am Himmel 5:23 geschah, war den Archiven in Rom selten eine Zeile wert. Das andere: Genau solche Zeichen wurden 5:30 sehr wohl notiert, wenn sie jemanden betrafen, der zählte. Nach der Ermordung Cäsars berichten 5:36 mehrere römische Autoren übereinstimmend von einem fahlen, kraftlosen Sonnenlicht, 5:42 das ein ganzes Jahr angehalten habe. Ein Argument aus dem Schweigen ist immer 5:46 das schwächste Argument, das es gibt. Es beweist nichts, in keine Richtung. 5:52 Aber es sagt uns etwas über die Größenordnung: Was hier beschrieben wird, 5:57 hat die Welt außerhalb Judäas nicht erschüttert. Und wer aus diesen drei Stunden ein 6:02 weltweites astronomisches Ereignis macht, bekommt genau an dieser Stelle ein Problem, das er sich selbst geschaffen 6:09 hat. Und noch etwas fällt auf, wenn man die 6:13 vier Evangelien nebeneinanderlegt. Johannes erwähnt die Finsternis überhaupt nicht. 6:19 Er erzählt die Kreuzigung ausführlich, er nennt Namen, er nennt Einzelheiten, 6:24 die sonst niemand hat. Aber die drei dunklen Stunden fehlen bei ihm. 6:29 Er zählt an einer Stelle sogar die Stunden anders als Markus. Das ist eine eigene Frage, und sie ist zu groß für heute; 6:38 ich nenne sie nur, damit du nicht denkst, ich hätte sie übersehen. Genau hier setzt die Erklärung an, die fast jeder kennt. 6:45 Eine Sonnenfinsternis erklärt alles auf einmal: die Dunkelheit, die 6:50 Mittagszeit, das plötzliche Ende. Sie macht aus einem Zeichen ein Ereignis, 6:57 und aus einem Ereignis etwas, das man nachschlagen kann. Wir gehen die Sache deshalb der Reihe nach durch. 7:05 Zuerst ein einziges Wort im Lukasevangelium, an dem die alten Handschriften auseinandergehen. 7:11 Dann der Einwand aus dem dritten Jahrhundert, der die Sonnenfinsternis erledigt. 7:16 Dann die Frage, was sonst noch möglich bleibt. Und ganz am Ende ein Prophet, der 7:22 achthundert Jahre vorher etwas geschrieben hat, das zu genau dieser Uhrzeit passt 7:37 genauer, und jetzt brauchst du für einen Moment deine eigene Bibel. 7:43 Lukas schreibt im dreiundzwanzigsten Kapitel, Vers vierundvierzig und 7:48 fünfundvierzig, in der Lutherbibel zweitausendsiebzehn: Und es war schon um 7:54 die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur 7:59 neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss 8:06 mitten entzwei. Achte auf die Wendung in der Mitte. 8:11 Die Sonne verlor ihren Schein. Das ist kein Schmuck, das ist eine 8:15 Übersetzungsentscheidung, und dahinter steckt ein Streit, der älter ist als jede deutsche Bibel. 8:23 In den ältesten griechischen Handschriften, die wir für diese Stelle haben, steht dort eine Form des Verbs 8:29 ekleipein. Das Wort bedeutet ganz allgemein: 8:34 ausfallen, versagen, aufhören. Es ist dasselbe Wort, aus dem unsere 8:40 Fremdwörter Eklipse und Ekliptik gebildet sind. 8:45 Wörtlich steht dort also: als die Sonne ausfiel. In der großen Masse der späteren Handschriften steht an derselben 8:53 Stelle ein anderes Verb. Es bedeutet schlicht: verfinstert werden. 8:59 Ein gewöhnliches Wort, ein harmloses Wort, ein Wort, an dem sich niemand stößt. 9:05 Und jetzt schau dir an, um welche Handschriften es geht, denn das ist der Punkt, an dem man die Sache selbst nachprüfen kann. 9:12 Der älteste Zeuge für diese Stelle ist ein Papyrus, den die Fachleute schlicht 9:18 Papyrus fünfundsiebzig nennen. Er stammt aus der Zeit um zweihundert, 9:23 also aus einer Zeit, in der es noch Menschen gab, deren Großeltern Zeitgenossen der Apostelschüler waren. 9:30 Dazu kommen die beiden großen Bibelhandschriften aus dem vierten 9:34 Jahrhundert, der Codex Sinaiticus und der Codex Vaticanus. 9:42 Beide sind vollständige griechische Bibeln auf Pergament, beide sind heute 9:46 digitalisiert, und beide lesen an dieser Stelle das schwierige Wort. 9:51 Auf der anderen Seite steht die überwiegende Zahl der jüngeren Handschriften, dazu die lateinische 9:57 und die syrische Überlieferung. Sie sind zahlreicher. 10:02 Sie sind aber später. Merkst du, in welche Richtung das geht? 10:08 Das ältere Wort klingt nach einer astronomischen Finsternis und lädt 10:12 damit zu einem Einwand ein. Das jüngere Wort klingt nach nichts 10:17 Bestimmtem und lädt zu gar nichts ein. In der Textkritik gibt es dafür eine 10:23 Faustregel, die man sich merken kann, weil sie so einfach ist: Der schwierigere Text 10:29 ist in der Regel der ältere. Nicht, weil Abschreiber unehrlich gewesen 10:33 wären, sondern weil niemand einen Text absichtlich unbequemer macht. Wer abschreibt und stolpert, glättet. 10:40 Wer abschreibt und nicht stolpert, lässt stehen. Was hältst du für wahrscheinlicher: 10:47 dass jemand ein anstößiges Wort durch ein unauffälliges ersetzt, oder dass 10:51 jemand ein unauffälliges Wort durch ein anstößiges ersetzt? Ich frage das nicht rhetorisch. 10:57 Es gibt Fachleute, die hier vorsichtiger urteilen als ich, weil auch Hörfehler und 11:02 Gewohnheit eine Rolle spielen können. Das Ergebnis dieses alten Streits kannst 11:07 du heute in deinem Regal sehen, ohne ein Wort Griechisch zu können. 11:12 Die Lutherbibel zweitausendsiebzehn schreibt: und die Sonne verlor ihren Schein. 11:19 Ein Ausfall, ein Verlust, etwas, das der Sonne widerfährt. 11:24 Die Elberfelder Bibel zweitausendsechs schreibt: da sich die Sonne verfinsterte. 11:30 Auch hier ein Vorgang, der mitläuft, kein Ereignis, das eintritt. 11:35 Die Schlachter zweitausend, die in vielen freikirchlichen Gemeinden auf 11:40 dem Tisch liegt, schreibt: Und die Sonne wurde verfinstert. 11:45 Zwei Wörter, ein anderer Text. Und die Einheitsübersetzung 11:50 zweitausendsechzehn, also die Ausgabe, die in Österreich und in den katholischen 11:55 Gemeinden gelesen wird, schreibt: Die Sonne verdunkelte sich. 12:00 Vier Ausgaben, vier Nuancen. Und die Verteilung ist kein Zufall: Luther 12:06 und Elberfelder folgen an dieser Stelle den ältesten Zeugen, die Schlachter folgt 12:11 der späteren Mehrheit. Das ist kein Fehler und kein Skandal. 12:17 Beide Entscheidungen sind begründet, und beide stehen offen in den Vorworten dieser Bibeln. 12:22 Wenn du wissen willst, wie man so etwas selbst nachsieht: In den wissenschaftlichen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments, allen 12:30 voran dem Nestle-Aland, steht unter jedem Vers eine Zeile in kleiner Schrift. 12:36 Dort ist vermerkt, welche Handschrift welche Form hat, ohne Wertung und ohne Kommentar. 12:42 Es gibt in dieser Sache keine verschlossene Tür, und es hat nie eine gegeben. 12:47 Wenn du gerade zu deinem Bücherregal geschaut hast, dann bist du hier genau richtig. 12:53 Abonniere den Kanal, dann taucht die nächste Folge von selbst bei dir auf. 12:58 Und jetzt kommt der Punkt, an dem dieses eine Wort plötzlich Gewicht bekommt. 13:04 Im dritten Jahrhundert schreibt ein Mann namens Julius Africanus eine Weltchronik. 13:09 Er ist Christ, er ist gebildet, er ist viel gereist, und er sammelt in fünf 13:15 Büchern alles, was er über die Zeitrechnung der Völker zusammenbekommt. 13:20 Dabei stößt er auf einen Autor namens Thallus, der von einer Dunkelheit 13:24 berichtet und sie als Sonnenfinsternis erklärt. Africanus übernimmt das nicht. 13:30 Er widerspricht. Sein Argument braucht keine Vorbildung, und du kannst es dir in dreißig 13:35 Sekunden merken. Das Passafest liegt nach jüdischer Rechnung immer um den vierzehnten 13:40 Tag des Monats, und der jüdische Monat beginnt mit dem Neumond. 13:45 Der vierzehnte Tag ist deshalb Vollmond. Bei Vollmond steht der Mond der Sonne 13:50 gegenüber, mit der Erde dazwischen. Eine Sonnenfinsternis entsteht aber 13:56 nur, wenn der Mond zwischen Erde und Sonne steht, also bei Neumond. 14:01 Zwei Wochen daneben, jedes Mal, ohne Ausnahme. 14:06 Halte hier kurz inne und höre, was das bedeutet. Der Einwand, dass es keine 14:12 Sonnenfinsternis gewesen sein kann, ist nicht die Erfindung moderner Skeptiker. 14:18 Er ist rund achtzehnhundert Jahre alt, und er stammt von einem christlichen Gelehrten, der den Text verteidigen 14:24 wollte, nicht angreifen. Zwei weitere Beobachtungen kommen dazu, 14:29 und beide sind heute leicht zu prüfen. Eine totale Sonnenfinsternis dauert 14:35 an einem Ort höchstens einige Minuten, nicht drei Stunden. 14:40 Und sie zieht als schmaler Streifen über die Erde; sie legt sich nicht über ein ganzes Land 14:45 und schon gar nicht über eine ganze Welt. Keine Sonnenfinsternis. 14:49 Kein Zufall am Himmel. Kein Rätsel für Astronomen. 14:54 Neben Thallus taucht in diesem Zusammenhang noch ein zweiter Name auf: 14:58 Phlegon von Tralleis, ein Freigelassener am Hof des Kaisers Hadrian, der eine 15:04 Chronik der Olympiaden verfasst hat. Die christlichen Autoren, die ihn zitieren, geben an, er habe für ein 15:11 bestimmtes Jahr eine große Sonnenfinsternis und ein schweres Erdbeben 15:16 in Kleinasien vermerkt. Diese Notiz ist über Jahrhunderte 15:20 weitergereicht worden, von einem Werk ins nächste, und sie steht bis heute in jeder 15:24 Sammlung außerbiblischer Belege. Jetzt kommt der Punkt, an dem die Fachwelt streitet, und ich sage 15:31 dir gleich, wo ich stehe. Es geht um die Frage, wie viel diese 15:35 heidnischen Zeugen überhaupt tragen. Denn von Thallus ist kein einziges Werk erhalten. 15:41 Wir kennen ihn nur, weil andere ihn zitieren. Auch die Chronik des Africanus selbst ist verloren; 15:48 wir haben sie in Auszügen, die ein byzantinischer Mönch Jahrhunderte später abgeschrieben hat. 15:53 Und Phlegon ist ebenfalls nur in Zitaten christlicher Autoren greifbar. 15:58 Das ist eine Kette aus drei Gliedern, und kein einziges davon können wir in der Hand halten. 16:04 Der Altphilologe N P L Allen hat diese Kette zweitausendachtzehn in der 16:10 Fachzeitschrift Akroterion Stück für Stück auseinandergenommen. 16:15 Sein Ergebnis, kurz gefasst: Die übliche Datierung des Thallus beruht auf einer 16:21 Vermutung, nicht auf einem Fundstück, und keiner der beiden heidnischen Autoren 16:26 nennt nachweisbar die Kreuzigung. Was Africanus vor sich hatte, war 16:32 womöglich nur eine Notiz über eine Dunkelheit. Die Verbindung zum Karfreitag hat er selbst gezogen. 16:39 Hier muss ich eine Grenze ziehen. Wer dir sagt, die Finsternis sei durch 16:44 römische Geschichtsschreiber bestätigt, sagt mehr, als die Quellenlage hergibt. 16:49 Und wer dir sagt, es gebe außerhalb der Bibel überhaupt nichts, sagt weniger. 16:54 Die ehrliche Auskunft liegt dazwischen: Es gibt späte, dünne, umstrittene Spuren, 17:01 und es gibt ein astronomisches Argument, das seit dem dritten Jahrhundert unverändert gilt. 17:06 Bemerkenswert finde ich dabei etwas anderes. Africanus hätte den bequemen Weg gehen können. 17:13 Ein heidnischer Historiker bestätigt die Bibel. Besser geht es nicht. 17:18 Er hat den Beleg trotzdem zurückgewiesen, weil er nicht stimmte. Das ist achtzehnhundert Jahre alt und 17:24 immer noch der richtige Umgang mit einer Quelle, die einem gefällt. Was bleibt dann übrig? 17:30 Diese Frage hat mich beim Vorbereiten am längsten beschäftigt, und ich glaube, sie 17:36 ist die eigentliche Frage dieser Folge. Zwei natürliche Erklärungen werden 17:41 regelmäßig angeboten, und beide verdienen eine faire Prüfung. 17:46 Die erste ist der Chamsin, ein heißer Wüstenwind, der im Frühjahr über Israel 17:52 zieht und feinen Sand hoch in die Luft trägt. Bei starkem Chamsin steht die Sonne 17:58 als mattes Scheibchen am Himmel, das Licht wird gelbbraun, und dieser Zustand 18:03 hält stundenlang an. Das passt zur Dauer, es passt zur 18:07 Jahreszeit, und es passt zu einem Gebiet von der Größe Judäas. 18:13 Wer schon einmal in einem Sandsturm stand, weiß außerdem, dass so etwas nicht wie 18:17 Abenddämmerung aussieht, sondern falsch. Es ist hell und dunkel zugleich, und das Auge findet keinen Halt. 18:24 Die zweite Erklärung ist eine geschlossene Wolkendecke mit schwerem Gewitter. 18:29 Auch das kann einen Tag ungewöhnlich verdunkeln, und Matthäus erwähnt im 18:34 selben Abschnitt ein Erdbeben. Wetter und Beben lassen sich in einer 18:39 erzählten Szene leicht zusammendenken. Und jetzt kommt der Einwand, den ich mir selbst machen muss. 18:45 Keine dieser beiden Erklärungen steht im Text. Der Text nennt keinen Wind, keine Wolke, 18:51 keinen Staub, kein Gewitter. Er nennt eine Uhrzeit und eine Dauer, mehr nicht. 18:58 Wer den Chamsin einsetzt, tut im Grunde dasselbe wie der, der die Sonnenfinsternis 19:03 einsetzt: Er trägt eine Ursache in eine Lücke hinein, die der Text offen gelassen hat. 19:10 Was überzeugt dich mehr: eine Erklärung, die eine natürliche Ursache anbietet und 19:16 dafür etwas hinzufügen muss, oder eine Lesart, die die Lücke stehen lässt? 19:21 Diese Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Ich kenne sorgfältige Leser, die hier anders entscheiden als ich, 19:27 und sie haben gute Gründe. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit, 19:32 und die wird in Predigten selten erwähnt, obwohl sie die älteste von allen ist. 19:38 Rund achthundert Jahre vor der Kreuzigung schreibt ein Prophet namens Amos einen 19:43 einzigen Satz, der jedem jüdischen Zuhörer im Ohr gewesen sein dürfte. 19:48 Amos war kein Berufsprophet, sondern Viehhirte und Maulbeerfeigenzüchter aus 19:54 einem Dorf südlich von Bethlehem, und er tritt in einer Zeit auf, in der es 19:58 dem Land wirtschaftlich gutgeht und die Feste gut besucht sind. 20:04 Gegen genau diese satte Frömmigkeit richtet sich sein Buch. In der Lutherbibel zweitausendsiebzehn, im 20:11 achten Kapitel, Vers neun, sagt er: Zur selben Zeit, spricht Gott der Herr, will 20:18 ich die Sonne am Mittag untergehen und das Land am hellen Tage finster werden lassen. 20:24 Lies das noch einmal langsam. Die Sonne am Mittag. 20:29 Das Land am hellen Tag. Das sind nicht ungefähr dieselben Bilder wie bei Markus. 20:35 Das sind dieselben Bilder, in derselben Reihenfolge, mit derselben Uhrzeit. 20:40 Und jetzt geh einen Vers weiter, denn dort steht der Satz, der mir beim Vorbereiten die Nackenhaare aufgestellt hat. 20:47 Amos acht, Vers zehn, dieselbe Ausgabe: Ich will eure Feiertage in Trauer und alle 20:54 eure Lieder in Wehklagen verwandeln. Ich will ein Trauern schaffen, wie man 20:59 trauert über den einzigen Sohn, und es soll ein bitteres Ende nehmen. 21:05 Ein Feiertag, der in Trauer umschlägt. Dunkelheit am Mittag. 21:10 Und eine Trauer wie um einen einzigen Sohn. Geschrieben achthundert Jahre vorher. 21:17 Und in Kraft an einem Freitag zur Mittagszeit, während draußen das Licht ausgeht und drinnen in der Stadt ein 21:24 Fest vorbereitet wird. Und Amos steht damit nicht allein. 21:29 Sobald man einmal darauf achtet, findet man dieses Bild überall dort, wo die 21:33 Propheten vom Tag des Herrn sprechen. Bei Joel, im dritten Kapitel, Vers vier, 21:40 in manchen Ausgaben anders gezählt, heißt es in der Lutherbibel zweitausendsiebzehn: 21:46 Die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der 21:51 große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Und bei Zefanja, im ersten Kapitel, Vers 21:57 fünfzehn, steht in derselben Ausgabe eine Reihung, die man kaum wieder vergisst: 22:03 Denn dieser Tag ist ein Tag des Grimmes, ein Tag der Trübsal und der Angst, ein Tag 22:09 des Unwetters und der Verwüstung, ein Tag der Finsternis und des Dunkels, ein Tag 22:15 der Wolken und des Nebels. Drei Propheten, drei Bücher, ein einziges 22:21 Bild: Wenn Gott handelt, geht am hellen Tag das Licht aus. 22:28 Das ist keine Wetterbeschreibung. Das ist eine feste Sprachform, und feste 22:33 Sprachformen werden nicht nachgemessen. Wer mit dieser Sprachform aufgewachsen 22:39 ist, hört bei,,Finsternis über dem ganzen Land, von der sechsten bis zur neunten 22:44 Stunde" deshalb nicht zuerst eine Wetterangabe. Er hört eine Ansage. 22:50 Er weiß, welcher Tag gemeint ist, und er weiß, dass dieser Tag in seinen eigenen 22:54 Schriften seit Jahrhunderten angekündigt war. Wenn du das für dich prüfen willst, 23:00 brauchst du dafür keine zehn Minuten. Schlag Amos acht auf, lies die Verse 23:05 neun und zehn, und lies danach Markus fünfzehn, Vers dreiunddreißig. 23:12 Du wirst die Verbindung selbst sehen, ohne dass ich dich darauf stoße. 23:17 Und genau darum geht es mir: Ich möchte dir nichts zeigen, was du nicht auch allein finden könntest. 23:24 Damit verschiebt sich die ganze Frage. Wenn die Evangelisten die drei Stunden 23:29 notieren, dann berichten sie vielleicht nicht in erster Linie über das Wetter. 23:34 Dann zitieren sie. Sie setzen ein Zeichen, das ihre 23:38 Leser kannten, und sie erwarten, dass es erkannt wird. 23:43 Deshalb steht da auch keine Erklärung: Wer zitiert, muss nicht ausmalen. 23:51 Er nennt die Uhrzeit, und wer den Propheten kennt, weiß Bescheid. Eine sichere Antwort gibt es nicht. 23:58 Die wahrscheinlichste Lesart ist für mich diese: Die Frage nach der 24:03 Ursache ist nicht die Frage, die der Text beantworten will. Er will, dass du merkst, welcher Tag hier gerade zitiert wird. 24:11 Ich will dir keine Sicherheit vortäuschen, die es nicht gibt. Ein Chamsin und ein Zitat schließen einander nicht aus; 24:19 ein Zeichen kann Wetter benutzen, und die alten Ausleger hatten damit weniger Mühe als wir. 24:26 Aber wer nur nach der Ursache sucht, sucht an einer Stelle, an der der Text nichts versteckt hat. 24:32 Bevor wir zum Schluss kommen, ein letztes altes Zeugnis. 24:37 Und ich sage dir dazu, was es ist und was es nicht ist. Es gibt aus dem zweiten Jahrhundert eine 24:43 Schrift, die den Namen des Petrus trägt, ohne von ihm zu stammen. 24:49 Sie gehört nicht in die Bibel, keine Kirche hat sie je aufgenommen, und sie 24:54 erzählt die Passion mit deutlich mehr Ausschmückung als die Evangelien. 24:59 Über Jahrhunderte war sie nur dem Namen nach bekannt; erst im neunzehnten Jahrhundert 25:04 fand man in Ägypten ein Bruchstück davon in einem Grab. 25:09 Für unsere Frage ist sie trotzdem interessant, denn sie zeigt, wie man sich diese drei Stunden hundert Jahre nach 25:15 den Evangelien vorgestellt hat. Dort heißt es: Es war Mittag, und 25:21 Finsternis hielt ganz Judäa fest. Und weiter: Viele gingen mit Lampen 25:27 umher, weil sie meinten, es sei Nacht, und sie fielen hin. 25:32 Und am Ende: Dann schien die Sonne, und es fand sich, dass es die neunte Stunde war. 25:39 Menschen, die mittags mit Lampen durch die Gassen gehen und stolpern. Das ist ein Bild, das man nicht mehr los wird. 25:46 Und beachte, was diese späte Schrift gerade nicht tut: Sie nennt keine Sonnenfinsternis. 25:52 Auch hundert Jahre danach fällt niemandem eine astronomische Erklärung ein. 25:57 Die Dunkelheit gilt als Zeichen, nicht als Vorgang. Und das ist ein Hinweis darauf, wie die 26:03 frühen Leser den Satz verstanden haben. Und noch etwas gehört zu diesen drei 26:08 Stunden, das man leicht überliest. Die erste Stimme, die nach ihnen zu 26:13 hören ist, gehört keinem Jünger. Bei Lukas, im dreiundzwanzigsten Kapitel, 26:20 Vers siebenundvierzig, heißt es in der Lutherbibel zweitausendsiebzehn: Als aber 26:25 der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch 26:32 ist ein Gerechter gewesen! Ein römischer Offizier. 26:36 Ein Mann, der beruflich zusah, wie Menschen hingerichtet werden, und der 26:41 an diesem Ort vermutlich mehr Kreuzigungen gesehen hatte als jeder andere. 26:46 Er sagt diesen Satz nicht, weil ihm jemand etwas erklärt hätte. Er sagt ihn, weil er dabeistand, als 26:53 es dunkel wurde und wieder hell. Was heißt das nun konkret für dich, wenn 26:57 du heute Abend deine Bibel aufschlägst? Ich sehe drei Dinge, und keines davon ist eine Regel, die dir jemand 27:04 vorschreiben könnte. Es sind Gewohnheiten, die das Lesen mit der Zeit verändern. 27:10 Das erste ist eine Frage an jede Erklärung, die dir angeboten wird. 27:15 Wem dient sie? Manche Erklärungen arbeiten für den 27:20 Text, andere arbeiten für uns. Die Sonnenfinsternis arbeitet für uns: 27:26 Sie macht aus einem Zeichen einen Vorgang, den man einordnen kann, und nimmt uns 27:30 damit die Zumutung ab, ein Zeichen als Zeichen stehen zu lassen. Das entwertet nicht jede historische 27:38 Rückfrage, im Gegenteil. Ohne historische Rückfragen gäbe es diese Folge nicht. 27:44 Aber wenn eine Erklärung genau das leistet, was wir uns gewünscht hätten, 27:48 dann lohnt der zweite Blick. Das zweite ist ein Ohr dafür, wann ein 27:53 biblischer Text einen älteren Text zitiert. Das ist die am häufigsten übersehene Ebene der Bibel. 28:01 Die Evangelisten schreiben für Leser, die ihre Schriften auswendig kannten, 28:06 und sie deuten deshalb oft nur an, wo wir eine Fußnote bräuchten. 28:11 Wenn dir eine Formulierung seltsam feierlich vorkommt, oder wenn ein Detail 28:16 erzählt wird, das die Handlung gar nicht braucht, dann steckt häufig ein Prophet dahinter. 28:22 Viele Ausgaben drucken die Verweise am Rand mit; es kostet dich zehn Sekunden, einem davon 28:28 nachzugehen, und du wirst überrascht sein, wie oft sich etwas öffnet. 28:33 Und das dritte ist eine kleine, praktische Sache: Rechne die Stunden um. 28:39 Die dritte Stunde ist neun Uhr morgens, die sechste der Mittag, die neunte drei Uhr nachmittags. 28:45 Wer die Uhr des Textes kennt, sieht Szenen, die sonst flach bleiben, und merkt 28:49 zum Beispiel, dass zwischen dem Beginn der Kreuzigung und diesem Einbruch der 28:54 Dunkelheit nur wenige Stunden liegen, und dass der Tod genau in dem Augenblick 28:59 eintritt, in dem das Licht zurückkommt. Und wenn du dir von diesen drei Gewohnheiten nur eine merkst, dann nimm 29:05 die erste. Sie ist die unbequemste, weil sie sich 29:10 nicht nur gegen fremde Erklärungen richtet, sondern auch gegen unsere eigenen Lieblingsantworten. 29:16 Wir alle tragen ein paar Auslegungen mit uns herum, die wir behalten haben, 29:21 weil sie uns gutgetan haben, und nicht, weil wir sie geprüft hätten. 29:26 Ich trage auch welche mit mir herum. Das ist nichts, wofür man sich schämen müsste. 29:32 Es ist nur etwas, das man von sich wissen sollte, wenn man einen Text ernst nimmt. 29:37 Vielleicht ist das der eigentliche Verlust, wenn man die drei Stunden zu einer Sonnenfinsternis macht. 29:42 Nicht die Genauigkeit. Die hat noch niemanden getröstet. 29:46 Sondern der Prophet, der dahintersteht, und der Tag, an den er erinnert. 29:53 Stell dir zum Schluss diesen einen Vers noch einmal vor, den bei Lukas, 29:57 in dem beides zusammensteht. Draußen, über der Stadt, geht das Licht aus. 30:03 Und drinnen, im Tempel, wo ein schwerer Vorhang den innersten Raum verschließt, reißt er mitten entzwei. 30:10 Zwei Bewegungen in einem einzigen Satz, in entgegengesetzte Richtungen. 30:16 Draußen wird zugezogen. Drinnen wird aufgerissen. 30:21 Die Sonne kam zurück. Der Vorhang blieb offen. 30:25 Wenn dir das etwas aufgeschlossen hat, dann hilf uns, es weiterzutragen. 30:31 Abonniere den Kanal und schreib mir in die Kommentare, was in deiner Bibel bei Lukas dreiundzwanzig, Vers 30:38 fünfundvierzig, steht. Ein Halbsatz genügt mir schon. 30:42 Teile das Video mit jemandem, der gerade durch eine Zeit geht, in der es auch 30:47 mittags nicht richtig hell wird. Und wenn du magst, bete für uns. 30:53 Gott segne dich.