Die ganze Geschichte Leipzigs in 17 Minuten Geschichte. Lebt. https://www.youtube.com/watch?v=_Z-Z2J5Rvd0 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Leipzig im Jahr 2015. Zwischen drei Flüssen im Nebel der Auwälder kreuzen sich zwei uralte Handelstraßen und genau an ihrem 0:10 Schnittpunkt auf einer flachen Anhöhe im Sumpf kauert eine kleine Burg. Es riecht nach nassem Holz, nach Rauch und Flusswasser. Auf der Straße nach Osten 0:21 zieht ein Händlerzug vorbei. Die Hufe versinken im Morast. Niemand hier ahnt, dass an dieser Stelle tausend Jahre später eine Stadt stehen wird, in der 0:31 Johann Sebastian Bach seine größten Werke schreibt, in der Napoleon seine größte Schlacht verliert und in der einziger Montagabend den Funken liefert, 0:41 der die Mauer zum Einsturz bringt. Das ist die ganze Geschichte Leipzigs. Dass an diesem unwörtlichen Ort überhaupt eine Stadt entsteht, verdankt 0:52 sich einem einzigen Vorteil, seiner Lage. Wo heute die Innenstadt liegt, treffen im frühen Mittelalter die weiße Elster, die Pleise und die Parte 1:02 zusammen. Sumpfiges, walreiches Land. Für Bauern ist das mühsam, für Händler ist es ein Glücksfall. Denn hier kreuzen sich die Via Regia, die von West nach 1:13 Ost quer durch Europa führt und die Via Imperi, die den Kontinent von der Ostsee bis nach Rom verbindet. Zwei der wichtigsten Straßen des Abendlandes. Und 1:25 genau in ihrem Schnittpunkt liegt Leipzig. Zum ersten Mal schriftlich fassbar wird der Ort am 20. Dezember 2015. Der Bischof und Chronist Titmar 1:36 von Merseburg notiert den Tod eines Amtsbruders in Urbe Lipzi in der Burg Leipzig. Ein einziges Wort in einer Sterbennotiz und doch die Geburtsurkunde 1:48 der Stadt. Anderthalb Jahrhunderte später um 1165 verleih Margraf Otto der Reiche dem Ort das Stadt und Marktrecht. Kurios, diese 2:00 Urkunde trägt kein Datum. [musik] Das Jahr ist bis heute nur geschätzt. Von diesem Marktrecht ausgerechnet feierte Leipzig 2:10 1965 seinen 800 Geburtstag. Doch 50 Jahre später, 2015 beging die Stadt den Tausend. Diesmal gezählt ab Titmaßnotiz 2:23 von 105. Dieselbe Stadt, zwei Geburtstage. Um 1212 stiften die Markgrafen die Thomaskirche und mit ihr eine Schule 2:34 samt Knabenchor. Den Tomaner Chor, der ein halbes Jahrtausend später einem gewissen Johann Sebastian Bach zu Weltrum verhelfen wird und bis heute 2:44 singt. Doch das Markrecht ist erst der Anfang, denn wer den Handel kontrolliert, zieht die Klugen an. 2:54 geschieht im Prag etwas, das Leipzig für immer verändert. An der dortigen Universität verlieren die deutschen Gelehrten ihr Stimmrecht. Aus Protest 3:05 ziehen rund 1000 Professoren und Studenten fort und ein großer Teil landet in Leipzig. Innerhalb weniger Monate entsteht die Universität Leipzig 3:16 nach Heidelberg, die zweitälteste ohne Unterbrechung bestehende Universität im heutigen Deutschland. Die Studenten sind oft kaum älter als 3:25 14. Sie leben in engen Kammern, hören ihre Vorlesungen auf Latein bei Kerzenlicht und Tintengeruch. Auf einmal mischt sich unter das 3:36 Falschen der Kaufleute das lateinische Disputieren der Gelehrten und der Handel, der bekommt kaiserliche Rückendeckung. 3:45 1497 erhebt Kaiser Maximilian die Leipzigermärkte zu Reichsmessen. 10 Jahre später kommt das entscheidende 3:55 Privileg, das Stapelrecht. Im Umkreis von gut 100 Kilometern darf niemand mehr eine konkurrierende Handelsmesse abhalten. Jeder Kaufmann, 4:06 der durch die Region zieht, muss seine Ware zuerst nach Leipzig bringen, sie dort wiegen, verzollen und drei Tage lang anbieten. Mit einem Federstrich 4:16 schaltet Leipzig seine Rivalen aus. Halle, Erfurt, Magdeburg. Dreimal im Jahr verwandelt sich die Stadt. Aus Halbeuropa strömen die 4:27 Händler zusammen. Es riecht nach Pferden, Leder und Gewürzen. In den Kontoren wird in einem halben Dutzensprachen gefeälscht. Am Brül 4:37 lassen sich die ersten Pelzhändler nieder, [musik] deren Ware aus dem hohen Norden bis hierher gekartt wird. Der Anfang des Leipziger Pelzhandels, der 4:47 die Stadt einmal zu einem der größten Rauchwahren Umschlagplätze der Welt machen sollte. In dieser Aufbruchszeit wird 1481 4:57 in Leipzig das erste [musik] Buch gedruckt. Ausgerechnet dieses Erstlingswerk ist eine glühende Kampfschrift gegen die Osmanen. Verfasst 5:06 von einem Mönch, der später als einer der dreistesten Geschichtsfälscher seiner Zeit aufliegt. Leipzig ist beim Buchdruck spät dran, ein Nachzykler. 5:17 Doch der Grundstein ist gelegt. Der Weg zur Buchstadt Europas hat begonnen. In dieselbe blühende Stadt zieht bald [musik] ein Streit ein, der Europa 5:29 spalten wird und er kommt in Gestalt eines Mönchs. 1519 treffen im Schloss Pleißenburg zwei Männer aufeinander, deren Wortgefecht Europa spalten wird. 5:42 Der Theologe Johannes Eck und ein noch wenig bekannter Augustiner Mönch namens Martin Luther. Wochenlang ringen sie vor Publikum um Papst, Konzil und Wahrheit. 5:53 Und zum ersten Mal bestreitet Luther öffentlich, dass der Papst von Gott eingesetzt sei. 20 Jahre später zu Pfingsten 1539 6:04 predigt derselbe Luther in der Leipziger Thomaskirche. [musik] Die Stadt wird protestantisch, doch der Glaubenskampf schlägt bald in Blut um. Der 6:13 dreißigjährige Krieg zieht über Sachsen hinweg und 1631 stehen sich vor den Toren Leipzigs bei Breitenfeld zwei Heere gegenüber. 6:23 [musik] Der gefürchtete kaiserliche Feldherrilli gegen den Schwedenkönig Gustav Adolf. Es ist der erste große Sieg der Protestanten in diesem Krieg. 6:34 Für Leipzig aber beginnt eine Zeit des Leidens. Belagerungen, Hunger, Suchen. Jelange schwedische Besatzung. Die Besatzer bauen sogar die Messingteile 6:45 der städtischen Wasserkunst aus und verschiffen sie fort. Zeitweise steht die Stadt ohne fließendes Wasser [musik] da. Die Einwohnerzahl bricht ein von 6:55 rund 18 000 auf 12000. Jeder dritte Einwohner ist tot oder geflohen. Doch Leipzig steht wieder auf. Schneller 7:06 und glänzender als je zuvor. Schon 1650, kaum ist der Krieg vorbei, erscheint in Leipzig etwas Neues auf der Welt. Eine Zeitung, die täglich herauskommt. Sie 7:19 gilt als die erste Tageszeitung überhaupt. Die Stadt wird wieder reich, weltoffen, elegant. Um 1700 sitzt hier ein Bürgermeister namens Romanus, ein 7:32 Mann mit Sinn fürs Moderne. Er lässt die Straßen zum ersten Mal mit Öllampen beleuchten, gräbt eine Kanalisation und richtet einen städtischen Senftendienst 7:43 ein, eine frühe Form des Nahverkehrs. 12 Senften, feste Preise, strenge Regeln für die Träger. Draußen versinken die Gassen noch im Unrad, den man einfach 7:55 aus dem Fenster kippt. Und mittendrin trägt man die feinen Herrschaften in Senften durch die Stadt. Oben Glanz, unten Schmutz. In diese Stadt kommt 1723 8:08 ein Mann, der Leipzigsruf für immer [musik] prägt, Johann Sebastian Bach. 27 Jahre lang leitet er als Thomaskantor die Kirchenmusik der Stadt. [musik] Hier 8:21 in der Thomaskirche erklingt zum ersten Mal die Matthäus Passion. Hier schreibt er das Weihnachtsoratorium. Woche für Woche muss er neue Musik 8:31 liefern. Eine Kantate für jeden Sonntag, aufgeführt im Wechsel in den großen Kirchen der Stadt, gesungen von den Jungen der Thomasschule, die er zugleich 8:42 unterrichtet. Und wenn er nicht in der Kirche ist, dirigiert er im Zimmermannchen Kaffeehaus weltliche Kantaten bei Kaffeeduft und Kerzenschein 8:52 mitten unter den Bürgern. Musik ist in Leipzig kein höfischer Luxus. Sie gehört dem Marktplatz. Ein halbes Jahrhundert später sitzt in denselben Gassen ein 9:04 junger Jura Student aus Frankfurt und langweilt sich bei den Vorlesungen Johann Wolfgang Göte und Leipzig entlockt ihm später einen seiner 9:14 berühmtesten Verse. Mein Leipzig lob ich mir, es ist ein klein Paris, doch dieser Glanz hält nicht. Im Oktober 1813 9:27 wird Leipzig zum Schlachtfeld des Kontinents. Napoleon, [musik] der Halbeuropa beherrscht, steht mit seinem Heer in Sachsen. Gegen ihn haben 9:37 sich Russland, Preußen, Österreich und Schweden verbündet. Vom 16. bis 19. Oktober prallen vor den Toren der Stadt über eine halbe Million Soldaten 9:49 aufeinander. Die größte Schlacht, die Europa vor dem ersten Weltkrieg je gesehen hat. Vier Tage lang donnern die Kanonen. Bei Paorfert eine britische 10:02 Einheit eine damals völlig neue Waffe ab. Raketen, die zischend über das Feld fliegen und Panik auslösen. Mitten in der Schlacht laufen tausende 10:13 sächsische Soldaten, die bis dahin für Napoleon kämpften, zu dessen Gegnern über. Am Ende liegen über 90.000 Tote und Verwundete auf den Feldern. Der 10:25 sächsische König wird gefangen genommen und Napoleon muss fliehen. Von hier aus beginnt sein Untergang. Doch das eigentliche Grauen spielt sich erst nach 10:37 der Schlacht ab, in der Stadt selbst. Leipzig quillt über von Verwundeten. In Kirchen und Schulen liegen die Männer dicht an dicht. Verbandsstoff gibt es 10:49 kaum. Frauen sitzen beieinander und zupfen aus alten Leinentüchern, Faden für Faden, um die Wunden zu verbinden. Die Chirurgen sägen im Akkord Gliedmaßen 11:01 ab ohne Betäubung. Die gibt es noch nicht. Und der heimliche Mörder ist nicht die Kugel, sondern die Laus. Das Fleckfieber, rafft verwundete Ärzte und 11:14 Bürger gleichermaßen dahin. Ganze Dörfer im Umland liegen in Schutt und Asche. Noch Monate später sterben in Leipzig Menschen an dem, was die Schlacht in die 11:26 Stadt getragen hat. Später wird man diese Tage zur Geburtsstunde der deutschen Nation verklären. Eine heroische Deutung, die freilich erst 11:37 Jahrzehnte danach entsteht, ersonnen von einer Generation, die die Schlacht selbst nie erlebt hat. Und ein Jahrhundert später, 1913 11:48 wird über diesen Gräbern das gewaltige Völkerschlachdenkmal eingeweiht. [musik] 91 m hoch. Ein steinerner Koloss, der bis heute über der Stadt aufragt. 12:01 Nach dem Krieg von 1813 setzt Leipzig [musik] zu einem Sprung an, der die Stadt in die Moderne katapultiert. 1839 12:10 rollt zwischen Leipzig und Dresden der erste Zug, die erste deutsche Ferneisenbahn. Eine Strecke über gut 100 km, die eine Tagesreise auf wenige 12:20 Stunden schrumpfen lässt und Leipzig besinnt sich auf das Buch. Im grafischen Viertel drängen sich auf engstem Raum Druckereien, Schriftgießereien, 12:30 Buchbindereien, Verlage. Die gesamte Herstellung eines Buches Tür an Tür. Es riecht nach Druckerschwärze und frischem Papier. Tag und Nacht rattern die 12:41 Pressen und über die Straßen werden Bögen und Ballen von einer Werkstatt z nächsten gekart. Namen wie Reklam entstehen hier. Ab 1867 12:51 macht der Verlag mit seinen schmalen gelben Bändchen die Klassiker für jeder Mann erschwinglich. Bildung für ein paar Pfennige. 1912 gründen die Buchhändler 13:02 in Leipzig die deutsche Bücherei. Ein Archiv, das jedesprachige Buch sammeln soll. Rund 70.000 Leipziger leben vom Buch. Jeder zehnte in der Stadt. 13:14 Zugleich blüht die Musik weiter. Am Gewandhaus dirigiert Felix Mendelsohn und gründet die erste Musikhochschule Deutschlands. Leipzig wird zur 13:23 Großstadt, die viertgrößte des Kaiserreichs. Es scheint als kenne der Aufstieg keine Grenze. Doch das 20. Jahrhundert wird alles 13:34 erschüttern. [räuspern] Unter den Nationalsozialisten wird aus der stolzen Handelstadt eine Stadt der 13:40 Verfolgung. In der Pogromnacht 1938 brennt die große Synagoge an der Gottschädstraße. Ab 1942 13:50 werden die Leipziger Juden deportiert und ermordet. In den Rüstungswerken der Stadt schuften zehntausende Zwangsarbeiter. Im größten Frauenlager 13:59 der Region, einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, sind über 5000 Frauen eingesperrt. In der Nacht zum 4. Dezember 1943 14:11 versinkt Leipzig unter den Bomben in einem Feuersturm. Über 1800 Menschen sterben. [räuspern] Das grafische Viertel brennt aus und mit den 14:20 Verlagshäusern gehen, so schätzt man, Millionen Bücher in Flammen auf. Als amerikanische Truppen im April 1945 einrücken, ist die Innenstadt eine 14:32 Ruinenlandschaft. Nach dem Krieg gehört Leipzig zur DDR und wird zu ihrem Schaufenster nach Westen. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und 14:42 im Herbst, verwandelt die Leipziger Messe die graue Stadt [musik] für ein paar Tage zurück in eine Weltstadt. Westautos auf den Straßen, fremde 14:51 Sprachen, das doppelte M der Mustermesse an jeder Ecke. Dann reisen die Gäste ab und der Alltag kehrt zurück, denn hinter den Fassaden zerfällt die Stadt. 15:03 Grußgeschwärzte Häuser, verfallende Altbauten, die Luft schwer von Braunkohle. 1968 sprengt das Regime sogar die alte 15:13 Universitätskirche mitten im Zentrum. [musik] Eine Wunde, die viele nie vergessen. Und dann in genau dieser müden grauen Stadt 15:22 [musik] geschieht das Unerhörte. [räuspern] Seit 1982 versammeln sich montags in der 15:29 Nikolleikirche Menschen zum Friedensgebet. Erst sind es wenige, eine Handvoll, die für Frieden und Ausreise betet. Wer 15:38 herkommt, riskiert Studienplatz, Arbeit, Freiheit. Vor der Tür notiert die Staatssicherheit jedes Gesicht. Und doch füllt sich die Kirche im Herbst 1989, 15:51 Woche für Woche, bis die Menschen auf den Vorplatz drängen und der Protest nach draußen auf die Straße schwappt. Am 9. Oktober 1989 16:01 strömen nach dem Gebettausende auf den Innenstadtring. Nach den vorsichtigsten Schätzungen 70.000, womöglich weit über 100.000. Ihnen 16:12 gegenüber stehen 8000 bewaffnete Sicherheitskräfte. In den Krankenhäusern liegen Blutkonserven bereit. Alle rechnen mit einem Blutbad wie kurz zuvor 16:23 in Peking. Die Menschen tragen Kerzen. Eine Hand muss die Flamme schützen, die andere das Wachs halten. [räuspern] So kann keine einen Stein werfen. Und sie 16:34 rufen nur zwei Sätze: Keine Gewalt [musik] und wir sind das Volk. Dann geschieht das entscheidende. Nichts, kein Schuss fällt. Die Sicherheitskräfte 16:46 ziehen sich zurück. An diesem Abend verliert die Diktatur ihre Angstmacht und einen Monat später fällt die Mauer. Heute ist Leipzig wieder eine der am 16:58 schnellsten wachsenden Städte Deutschlands. Über 600.000 Einwohner, Autowerke am Stadtrand, Galerien in den alten Baumwollspinnereien, 17:08 junge Menschen aus aller Welt, die die Stadt ihre Boomtown nennen. Aus der kleinen Sumpfburg am Kreuz zweier Handelstraßen ist eine Weltstadt 17:18 geworden, geformt von Handel, Musik und Mut. Eine Stadt, die einmal an einem einzigen Montagabend mit nichts als Kerzen in der Hand die Welt veränderte. 17:30 Yeah.