Richard Gere, wie haben Sie zum Buddhismus gefunden? | Sternstunde Religion | SRF Kultur SRF Kultur Sternstunden https://www.youtube.com/watch?v=UaqCw8ZG8iQ Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Mein heutiger Gast braucht keine Vorstellung, er ist einer der ganz grossen Stars aus Hollywood. 0:06 Aber damit nicht genug, Richard Gere ist auch seit Jahrzehnten praktizierender Buddhist und Freund des Dalai Lama. 0:13 Er stellt in Zürich seinen neuen Film vor, der gerade in den Kinos anläuft. Mit Untertiteln von SWISS TXT 0:23 Herzlich willkommen, Herr Gere. Eine Freude, dass Sie bei uns sind. Danke, Olivia. Ich freue mich, hier zu sein. 0:29 Sie sind ein weltberühmter Filmstar. Ich habe mich mit Ihnen beschäftigt, Ihre Filme gesehen und Interviews gelesen. 0:36 Ich hingegen bin für Sie eine komplett unbekannte Person. Wie schaffen wir es, dass wir uns auf Augenhöhe ... 0:42 Ich denke, hier sind Sie sehr bekannt. Aber nicht für Sie. - Es scheint, Sie sind berühmt. 0:49 Wie schaffen wir es, dass wir uns als Menschen auf Augenhöhe begegnen? Ich bin sehr unkompliziert. Es gibt kein Problem. 0:58 Ich lebe in New York und kann problemlos die Strasse entlanggehen. 1:03 Gehen Sie einfach so aus dem Haus? Ja, ich gehe einfach meines Wegs. 1:09 Und Sie werden nicht gestoppt? Vielleicht grüsst man mich. "Hi, Richard." 1:13 Das ist aber okay. Sie sind ... - Aber da gab es dieses eine Mal. 1:21 Wir waren am Drehen in New York. Es ging um einen Obdachlosen. Ich hatte auch als Produzent viel Arbeit reingesteckt, 1:30 es sollte eine Art Dokumentarfilm werden. Ich musste also der Rolle entsprechend auf der Strasse sein. 1:36 An verschiedenen Orten waren Kameras versteckt, damit es nicht so offensichtlich war, dass wir einen Film drehten. 1:43 Ich hoffte, wir würden 20 oder 30 Sek. Zeit haben, bevor man mich erkannte und wir die Aufnahme abbrechen müssten. 1:51 Es war ein Versuch. Wir waren sehr gespannt, was geschehen würde. 1:57 Wir drehten in einer sehr belebten Gegend in Greenwich Village - ein Ort, an dem ich normalerweise nicht herumlaufen würde. 2:05 Aber ich war in der Rolle und mittendrin. Es war völlig erstaunlich. 2:13 Niemand achtete auf mich als obdachlose Person. Hätte ich einen schicken Anzug angehabt, mit Maske und allem 2:22 wäre es wohl anders gelaufen. Das ändert alles. - Komplett. 2:26 Es war für mich ein Schlüsselerlebnis. Wir beschäftigen uns intensiv damit, wie Dinge erscheinen 2:33 und blicken nie unter die Oberfläche. Wenn wir unsere Vorstellungen auf die Welt projizieren, 2:38 sehen wir die Welt nie, wie sie ist. Wir sehen nur unsere eigenen Projektionen. 2:43 Da sind wir schon mitten im Thema. Weshalb ich gefragt habe: Für Sie ist die Situation immer so. 2:49 Menschen haben das Gefühl, Sie zu kennen. Sie sehen eben Ihre Oberfläche 2:53 und sprechen mit Ihnen, als ob sie Sie kennen würden. Während Sie Ihr Gegenüber selten kennen, 2:59 das aber persönliche Fragen stellt. Ich kenne nicht einmal mich selbst. * Olivia lacht. * 3:06 Ich kenne niemanden. Dann steigen wir doch ins Thema ein. 3:11 Sie haben in den 70er-Jahren den Buddhismus kennengelernt. Jetzt beginnt also das Interview - das war das Vorinterview. 3:18 It's all part of the interview. Sie haben in den 70er-Jahren den Buddhismus kennengelernt, 3:23 später sich auch zu ihm bekannt. Was für ein Mensch war Richard Gere, bevor er Buddhist wurde? 3:32 Ich habe neulich zu einem Freund gesagt: "Ich bin jetzt 75 Jahre alt." 3:41 Kaum zu glauben. - Glauben Sie's ruhig. Die Menschen werden nicht zu jemand anderem. Sie werden sich selbst. 3:52 Das Leben schabt ... ... den Staub und das Dunkle ab. 4:02 Also Sie werden immer mehr zu sich selbst? Man taucht darunter auf. Ja, klar. 4:09 Ihre Fragen hier werden sich um den Buddhismus drehen. Vielleicht steigen wir direkt damit ein, es läuft ja eh darauf hinaus. 4:19 Wir gehen von einer Vorstellung von uns selbst und anderen aus, nicht von der empirischen Realität von uns selbst. 4:28 Dieser selbstbezogene, konzeptionelle Rahmen, durch den wir das Universum betrachten, hindert uns daran, 4:36 etwas jemals wahrhaftig, klar und spontan zu sehen – frisch und mit Freude, so wie ein Kind Dinge das erste Mal sieht. 4:46 Ein Kind erlebt die Welt zum ersten Mal, wir aber verlieren diese Fähigkeit, 4:51 weil unsere Sinne von Konzepten verschleiert werden. Sie haben ja zuerst den Zen-Buddhismus kennengelernt, 4:58 sozusagen die japanische Form des Buddhismus. Waren das denn Themen, die Sie beschäftigt haben 5:04 und von denen Sie glaubten, Antworten in dieser neuen Lehre zu finden? Oder was waren es für Probleme, Sorgen oder vielleicht auch Ängste? 5:14 Wahrscheinlich machte ich eine völlig normale Existenzkrise durch, wie Sie sicher auch in den späten Teenagerjahren 5:22 und frühen Zwanzigern. Die Welt war ganz anders als das, 5:27 was man mir erzählt oder was ich mir vorgestellt hatte. Was hatten Sie sich denn erwartet? 5:35 Dass die Dinge konkret und stabil sind. Was ist, wird immer sein. 5:41 Ich bin, und ich werde immer sein. Die Welt ist beständig. - Greifbar. Mhm. 5:49 Dann findet man heraus, dass dem nicht so ist. Das Universum funktioniert nicht so, es hat keinen inneren Kern, 5:56 es ist ständig im Wandel. Es ist unbeständig. Unsere Idee von der Welt ist bloss eine Momentaufnahme, 6:03 ein Schnappschuss. Genauso verhält es sich mit dem Selbst. 6:09 Unser konzeptuelles Wissen vom Selbst ist eine illusorische Erfahrung 6:15 aus einer unendlichen Anzahl von Momentaufnahmen. Es ist wie ein Film, der aus 24 Bildern pro Sekunde besteht. 6:23 Wir unterliegen der Illusion der Bewegung. Sie entsteht aber aus 24 Standbildern. 6:30 Aufgrund der Funktionsweise unseres Gehirns und unserer Wahrnehmung sehen wir Bewegung. 6:36 Wir sehen Realität, wo nichts da ist ausser Hell und Dunkel auf der Leinwand oder dem Fernsehbildschirm. 6:43 Man sieht Pixel. Nichts ist wirklich da, aber die Vorstellungskraft wird angeregt und man beginnt zu denken. 6:50 Dieser Denkprozess ist der gefährliche Teil unserer menschlichen Existenz. 6:55 Wir glauben, im Aussen die Realität zu sehen, so wie sie besteht - diese Olivia, die hier vor mir sitzt. 7:05 Es gibt hier aber einen Moment der Interaktion, die eine echte Realität schafft, 7:12 die unabhängig ist von der Vorstellung, die man vom Selbst oder vom anderen hat. 7:20 Wie hat Ihnen denn diese Erkenntnis aus der Krise geholfen? Dass alles veränderbar ist, 7:28 man steckt nicht in einem Moment fest. Aber das kann auch belastend sein, dass nichts greifbar ist. 7:34 Nun, das ist eine Verantwortung, keine Last. Man hat die Verantwortung, 7:40 sich selbst, seinen Geist und sein Herz zu kennen. In diesem Prozess ist diese Idee vom Selbst, 7:47 die so simpel wie real erscheint, in Wirklichkeit eine Art Halluzination. Wie ein Traum. Es ist kein Traum, aber es ist wie ein Traum. 7:56 Wir werden noch darauf zurückkommen. Ich möchte noch etwas besser verstehen. 8:01 Sie haben in einem Interview von 1977 gesagt ... Ich würde gerne Deutsch können, um das zu lesen. 8:10 Sie sagten, dass Sie auf Ihrer spirituellen Reise noch wie ein Baby kriechen würden. 8:18 Wo sind Sie ... - Das tue ich immer noch. Das tue ich immer noch. - Wirklich? 8:23 Was heisst denn spirituelles Wachstum? Um den vorigen Gedanken aufzugreifen: 8:32 Ich verstehe viele dieser Konzepte intellektuell. Für jemanden wie den Dalai Lama oder die grossen Yogis 8:40 ist es kein konzeptuelles Verstehen, sondern ein tiefes Wissen, das nichts mit Denken zu tun hat. 8:46 Es ist ein vollständiges Gewahrsein, Bewusstsein, Wissen. Und das habe ich nicht. 8:52 Werden Sie das erreichen? Ist das Ihr Ziel? Hoffentlich, ja. Wenn ich gewissenhaft und hart genug arbeite. 8:58 In diesem Leben? Gemäss dem Dalai Lama ist es möglich. 9:03 Aber in diesem Leben? Als ich zum ersten Mal zum Dalai Lama kam, 9:08 ging es mir wie anderen Menschen, die ihn treffen. Ich hatte die romantische Vorstellung, 9:13 der Dalai Lama würde einfach die Hand heben und ... ... und all der Schmerz würde verschwinden, 9:20 all das Leiden, all die Probleme wären weg. Aber seine Heiligkeit ist da sehr klar. 9:26 Er sagt, wir haben die Fähigkeit und können es bewirken, aber man muss daran arbeiten. Das ist nicht leicht. 9:33 Und wie gut kommen Sie noch zu dieser Meditationspraxis? Sie sind ja Vater von drei Kindern, 9:39 die zwei jüngsten sind erst vier und fünf Jahre alt. Da wird man ja auch immer ins Äussere getragen und nicht ins Innere. 9:45 Ein schwieriger Zeitpunkt für Ihre Meditationspraxis, nicht? Man muss sich nur die Zeit nehmen. 9:52 Es hilft, eine Frau zu haben, die das versteht. Praktiziert sie auch? 9:58 Sie meditiert, aber sie hat kleine Kinder und trägt die grössere Last. Wenn ich sage, ich nehme mir jetzt Zeit zum Meditieren, 10:08 dann versteht sie das. Und das machen Sie jeden Tag? 10:12 Ja, sicher. Ich finde interessant, welchen Weg Sie gegangen sind, 10:17 weil Sie kommen ja aus einem Haushalt, der protestantisch-methodistisch ist. 10:22 Ihre Eltern haben sich in der Gemeinde auch engagiert. Wie viel ist von dieser Religion heute für Sie übrig? 10:28 Welchen Kontakt haben Sie dazu? Sie haben viel über mich gelesen, nicht wahr? 10:35 That's why I like the concept. - Yeah, I got it. Meine Eltern kamen aus einer sehr kleinen Stadt 10:45 in den Bergen von Pennsylvania. Mein Vater ist auf einer Farm aufgewachsen und hat Kühe gemolken. 10:55 Meine Mutter war die Tochter des "reichen Mannes" in diesem Dorf. Sie kannten sich wohl schon, als sie 12 oder 14 Jahre alt waren. 11:13 Sie verliebten sich und heirateten. Sie waren beide sehr gläubig. 11:19 Meine Mutter war Universalistin, mein Vater Methodist. Er wurde in der Gemeinde fast wie ein Pastor gesehen. 11:27 Seine Mutter, meine Grossmutter, ging immer davon aus, dass er Pastor werden würde. 11:35 Aber Ihr Onkel war Pastor, oder? Mein Onkel wurde Pastor, ja. 11:40 Und er war ein aussergewöhnlicher Mann, wie alle Brüder in der Familie meines Vaters. 11:45 In der kleinen Gemeinde waren sie alle sehr in das Leben der anderen eingebunden. 11:56 Mitgefühl geht im Grunde zurück auf Freundlichkeit. Daraus erwächst das, was wir Liebe nennen können. 12:10 Wir wollen, dass andere glücklich sind. Wir denken, das ist wunderbar. Wir treffen jemanden und sagen: 12:16 "Ich möchte, dass du glücklich bist." Ich sehe den Kameramann hier drüben. Ich möchte, dass Sie glücklich sind. 12:23 Er winkt. - Da freut er sich. Er wünscht mir dasselbe. 12:27 Es sind ein halbes Dutzend Leute hier. Ich möchte, dass sie alle glücklich sind. 12:32 Das lässt sich ausweiten auf eine Art der Anteilnahme, bei der man sagt: "Ich möchte, dass du glücklich bist." 12:41 "Mir ist bewusst, dass du genauso leidest wie ich." "Ich möchte, dass deine Probleme verschwinden." 12:47 "Ich möchte, dass du deinen Problemen und deinem Leiden nicht anhaftest." 12:53 Und dann gibt es noch eine Erweiterung in Richtung Altruismus: "Ich möchte, dass du vom Leiden befreit wirst. Ich werde das tun." 13:03 "Ich werde das für dich und mit dir tun." Kann man das? - Ich natürlich nicht. 13:08 Aber jemand wie der Dalai Lama kann das. Er hat so sehr an seinem Geist und Herzen gearbeitet, 13:14 dass es von innen heraus geschieht. Es ist keine intellektuelle Heran- gehensweise. Es ist völlig spontan. 13:20 Meine Frage war ja: Wie viel von der evangelisch-methodistischen Kirche ist für Sie heute noch da? 13:27 Und Sie würden sagen, das Mitgefühl haben Sie schon früh mitbekommen von Ihren Eltern? 13:33 Die evangelisch-methodistische Kirche ist bekannt ... Ich denke, das ist der Kern fast aller Religionen. 13:39 Meinen Eltern ging es darum, den Nächsten beizustehen. - Genau. Das ist ein zentrales Anliegen der evangelisch-methodistischen Kirche. 13:47 Es ist für alle Religionen von zentraler Bedeutung. Es gibt wohl keine Religion, die nicht sagt: 13:53 Sei ein freundlicher, guter Mensch. Das ist eine Grundlage aller Religionen. 13:58 Wo sie auseinanderdriften, ist beim Weisheitsaspekt, bei der wissenschaftlichen Betrachtung der Natur der Realität, 14:09 des Geistes, des Gewahrwerdens und des Bewusstseins. Dadurch werden viele Selbstverständlichkeiten 14:16 unserer Welt zerpflückt. Wir begannen das Gespräch mit der Selbstverständlichkeit, 14:24 dass ich Richard Gere bin. Ich lebe in dieser Umgrenzung, in dieser Hülle. 14:29 Olivia lebt in ihrer Hülle. Sie ist da, und sie ist getrennt von mir. 14:34 Was also verbindet uns? Und was verbindet uns nebst als Menschen auch mit unserem Stuhl? 14:41 Stellen Sie sich uns vor als diese Finger, die aussehen, als wären sie vereinzelt. 14:46 Das stimmt, wenn man sich die Fingerspitzen ansieht. Aber sie führen zur Hand. 14:51 So auch der Geist des grossen Bewusstseins, des Klaren Lichts, der Glückseligkeit. 14:57 Es gibt viele Bezeichnungen dafür, aber sie sind alle konzeptueller Natur. 15:02 Die gelebte Realität entspringt der tiefen Natur des Geistes. Sie kommt nicht vom Nichts. 15:11 Es gibt Ursache und Wirkung, aber sie wird von dieser gewaltigen schöpferischen Energie erzeugt, 15:18 die Universen hervorbringt und auch die Idee eines einzelnen Selbst erschafft. 15:24 Haben Sie dieses Erlebnis der Alleinheit auch schon als Kind gespürt? 15:31 Sie waren ja auch musikalisch sehr beschäftigt - mit Trompete spielen, Klavier spielen, Gitarre glaube ich auch. 15:38 Da gibt es auch eine Form von Selbstvergessenheit oder Verbundenheit mit allem. 15:44 Kreativität und Weisheit sind verwandt. Beides ist nicht Denken, vielleicht sogar das Gegenteil von Denken. 15:54 Wenn man sich von der Idee vom Selbst befreit, kommt diese andere Energie zum Tragen. 16:02 Ich erinnere mich an das erste Gespräch mit dem Dalai Lama. Er fragte mich, was ich beruflich mache. 16:10 Er hatte keine Ahnung, wer ich war. Das stimmte für mich, weil ich dort nicht der Schauspieler sein wollte. 16:17 Sein Bruder übersetzte ins Englische und sagte, ich sei Schauspieler. Er horchte auf und bat mich, über die Schauspielerei zu sprechen. 16:25 Ich erklärte ihm, wie man zu einer anderen Figur wird. Zu seinem Bruder gewandt sagte er: "Das klingt wie Tantra." 16:36 Tatsächlich gibt es Parallelen. Ich breche die Vorstellung von Richard herunter, 16:42 um in eine andere Rolle zu schlüpfen. Die Rolle unterscheidet sich nicht grundlegend von mir. 16:49 Sie wächst aus mir heraus. Sie ist eine selektive Version von mir 16:55 und einem kollektiven Bewusstsein der Menschen. Dazu kommt eine Geschichte, mit der wir uns alle verbinden können. 17:05 Wie die Musik ist die Erzählkunst universell. Das finde ich ganz spannend, 17:12 weil man auch unglaublich empathiebegabt sein muss, um Schauspieler zu sein. 17:17 Denn man muss auch Menschen spielen, die man z.B. widerlich findet. Hat sich Ihr Schauspiel verändert, seit Sie meditieren 17:24 und sich so tief mit dem Buddhismus beschäftigen? Vielleicht. 17:31 Vielleicht ein bisschen, vielleicht auch sehr stark. Ich denke, ich bin heute nachsichtiger, weil ich merke, 17:38 dass ich selbst dumme Sachen getan habe und weiterhin tue. Zum Beispiel? - Das behalte ich für mich. 17:46 * Olivia lacht. * Aber wir alle machen Dummheiten und quälen uns mit Selbstvorwürfen. 17:52 "Why did I do that?" "Why did I say that?" 17:58 Selbst wenn es keine grosse Sache war. Freud und Jung haben sich mit der Funktionsweise des Geistes befasst - 18:07 mit den eher oberflächlichen Aspekten davon. Wir ertappen uns selbst bei diesen Dingen. 18:17 Ich finde, am besten bittet man sofort um Vergebung, indem man sagt: "Es tut mir wirklich leid, dass ich das gesagt habe." 18:26 "Ich habe es nicht so gemeint." Zwischen Ländern geschieht das leider nicht sehr oft. 18:36 Da benutzen wir einen anderen Teil unseres Gehirns, nämlich unser Reptiliengehirn, das auf Überleben ausgerichtet ist. 18:46 Es ist sehr schwierig, im Überlebensmodus, in Wut und Hass verstrickt, 18:50 und gleichzeitig liebevoll und freundlich zu sein. Das widerspricht sich. 18:57 Licht und Dunkelheit können nicht zusammen existieren. Etwas würde mich noch interessieren: 19:04 Wenn ich Sie auf Ihre Familie anspreche, habe ich das Gefühl, dass Sie immer direkt wieder 19:10 in dieses Philosophisch-Buddhistische reingehen. Sie haben sich schon als Jugendlicher für Philosophie interessiert. 19:17 Sie haben zwei Jahre Philosophie studiert. Was war damals der ausschlaggebende Punkt dafür? 19:26 Ich wollte immer schon wissen, was Realität ist. Was ist es, was ich da erlebe? 19:32 Es scheint mir ein mentaler Prozess zu sein. Ich vertraue nicht wirklich darauf, 19:37 dass die Welt so ist, wie sie zu sein scheint. Ich wusste nicht, was ich werden wollte, als ich auf dem College war. 19:50 Ich besuchte dann einen Kurs über den Philosophen George Berkeley mit seiner These des subjektiven Idealismus. 20:00 "Esse est percipi" - Sein ist Wahrnehmen, Wahrnehmung ist Sein. 20:07 In der Philosophie nennt man das subjektiven Idealismus - Wahrnehmung als eine Funktion des Geistes. 20:14 Im tibetischen Buddhismus entspricht dies der "Nur Geist Schule". Das ist nicht die höchste Schule, 20:21 aber sie ist ziemlich fortgeschritten. Der nächste Entwicklungsschritt dieser Philosophie, Prasangika, 20:30 besagt, dass Dinge existieren, aber nicht so, wie sie zu existieren scheinen. 20:37 Man kann also in der Welt, in der Traumwelt der Realität, funktionieren und darin verantwortlich sein. 20:44 Gleichzeitig nehmen wir sie nicht in dem Masse persönlich, wie wir es normalerweise tun. 20:53 Aus universeller Warte versteht man den Witz, dass das alles ein Theaterstück ist, an dem wir beteiligt sind. 21:03 Aber wir sind der Autor, der Regisseur und der Schauspieler in unserem eigenen Film. 21:09 Das haben Sie damals schon verstanden? Beim Lesen von Berkeley im Philosophie-Studium? 21:14 Ich dachte so in diese Richtung. Ich hätte es wohl nicht so ausgedrückt, 21:19 aber ich hatte ein Gefühl dafür. Aber wie wirkt sich das auf deine Gefühlswelt aus? 21:26 Dieses andere mysteriöse Gebiet. Warum fühle ich mich traurig? Warum fühle ich mich glücklich? 21:35 Und dann damit umzugehen. Wenn man diese beiden Dinge zusammennimmt 21:40 und die Realität analysiert, stellt sich die Frage, welche Gefühle da anklingen. 21:48 Bei Buddha zeigt sich dann die Krux des Problems in der Selbstbezogenheit, der Vorstellung von einem Selbst - 21:57 einer sinnvollen Grösse aus der Sicht des menschlichen Gehirns. Ausgehend von einem universellen Verständnis von Geist, 22:06 mit dem wir in Kontakt treten können, ergibt das absolut keinen Sinn. 22:11 Es funktioniert nicht. Es führt uns nur in Probleme und Leiden. Man merkt, dass Sie Jahrzehnte mit dem Buddhismus 22:19 und dem Dalai Lama verbracht haben. Sie haben ihn 1982 das erste Mal getroffen. 22:25 Da haben Sie dann auch den tibetischen Buddhismus so richtig kennengelernt. 22:30 Was haben Sie empfunden, als Sie den Dalai Lama zum ersten Mal trafen? Nun, das braucht ein wenig Kontext. 22:41 Wie Sie bereits erwähnten, hatte ich nach etwas gesucht: Zen-Buddhismus, ich war bei den Sufis ... 22:51 Das haben Sie alles ausprobiert? Ich habe alles gelesen und mir vorgestellt, wie das wäre. 23:00 Ich lebte in New York, in Greenwich Village. Da hatte man Zugang zu allem. 23:05 Es gab eine Buchhandlung am Sheridan Square, die die ganze Nacht geöffnet hatte. Dorthin ging ich. 23:12 Ich hatte kein Geld, also nutzte ich sie wie eine Bibliothek. Ich setzte mich in die Abteilung für Philosophie und Religion, 23:20 nahm ein Buch heraus und las es, legte es zurück und nahm das nächste Buch ... 23:25 Ja, ich habe nach etwas gesucht. Der Zen-Buddhismus berührte mich, 23:33 ich sah ihn als die protestantische Version des Buddhismus. It was very straight. - Weil es stringent ist. 23:46 Streng und konsequent. Es schien nicht viele Rituale zu geben, was so nicht stimmt. 23:53 Mir gefielen die Schlichtheit und die Gradlinigkeit. Ich begann, täglich zu meditieren. 24:00 Zen ist da sehr streng. Man tut es oder man lässt es. 24:06 Aber wenn man es tut, dann richtig. Ich halte an meiner täglichen Meditationspraxis fest, 24:12 seit ich 22 war. Vielleicht zehn Jahre später verspürte ich den Impuls, 24:22 nach Tibet zu reisen. Es gab sehr wenige Bücher aus tibetischer Sicht, 24:31 drei davon geschrieben von Walter Evans-Wentz, wahrscheinlich ein Deutscher 24:38 oder vielleicht sogar ein Schweizer - einer von Ihnen! 24:43 (Lachend) Maybe it's me. Er hatte mehrere Bücher zusammen mit einem Tibeter geschrieben, 24:51 darunter "Das Tibetanische Totenbuch". Der Titel kam von ihm, er entspricht nicht dem tibetischen Titel. 25:00 Ein weiteres Buch ist die Biografie eines unglaublichen Yogis namens Milarepa, 25:07 und ein weiteres über Dzogchen, die Lehre der Grossen Vollkommenheit. Daraus entwickelte ich eine romantische Vorstellung von Tibet. 25:17 Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts über den Dalai Lama. Ich hatte Nepal bereist 25:23 und in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Pokhara Tibeter getroffen. Was ich dort sah und erlebte, hat mich tief berührt. 25:36 Outside of Pokhara ... Darf ich kurz nachfragen? Was genau hat Sie berührt? 25:45 Sie lebten in einer anderen Realitätsstruktur. Es war sofort spürbar, dass sie sich im selben Raum, 25:55 aber in einer anderen Realität befanden, mit deren Aspekten sie alle klarkamen. 26:06 In meiner gewohnten Realität habe ich alles im Griff. Ich fühlte eine Art von angeborener Weisheit und Mitgefühl, 26:17 die tief in diese Kultur verwoben war. Es ging nicht um mich oder um meinen Gewinn aus dieser Situation. 26:27 Ich spürte ein kollektives Glücksgefühl. Wir waren alle durchdrungen davon. 26:38 Es wurde nicht ausgesprochen, aber man hat es einfach gespürt. Ähnliches spürt man manchmal, wenn man einen Raum betritt 26:47 und eine seltsame Stimmung aufnimmt. Man merkt sofort, dass die Menschen unglücklich oder wütend sind. 26:54 Tritt man in einen Raum, wo alle glücklich sind und lächeln, macht sich Erleichterung breit. 27:00 Ich hatte ein solches Gefühl. Aber mir war auch bewusst, dass dies Flüchtlinge waren. 27:06 Sie hatten alles zurückgelassen. Da hatte ich ein Schlüsselerlebnis. 27:11 Ich wollte diesen Tibetern etwas abkaufen - eine Schale von einer älteren Frau und ihrem Sohn, die versuchten, 27:20 irgendwie Geld für Essen aufzutreiben. Sie wollten mir diese Schale verkaufen. 27:28 Es war ein hübsches, kleines Ding, aus Silber und Holz. Und ich sagte "Ja", und begann zu feilschen. 27:39 Es ging nicht um viel Geld. Aber die Idee im Westen ist: Man drückt den Preis. 27:45 Es ist nicht teuer, aber kann ich es für weniger bekommen? Ich erinnere mich an das Feilschen 27:52 und an den Gesichtsausdruck der beiden. Über den Dolmetscher sagte die Frau: 27:57 "Okay, aber bitte verstehen Sie, das ist eine uralte Schale." Und sie sah mir in die Augen. Dann gab sie sie mir. 28:04 Die symbolische Bedeutung davon ist mir immer im Gedächtnis geblieben: Die Tibeter haben mir dieses antike Objekt gegeben. 28:13 Respektiere es, im Wissen, dass du es billig bekommen hast. Ihr Leute aus dem Westen musstet euch nicht allzu sehr abmühen. 28:24 Wir mussten ins Exil fliehen, damit ihr unsere Schätze bekommen konntet. Unsere Tragödie war euer Glück und euer Erfolg. 28:31 Aber vergesst nicht, dass dies einen uralten Wert darstellt. Bitte habt Respekt. 28:38 Ein berührender Moment. Und wie hat es sich dann angefühlt, 28:43 als Sie den Dalai Lama getroffen haben, nachdem Sie all das erlebt haben? 28:48 Als ich dann seine Heiligkeit traf, war er sehr locker. Er versteht, dass die Menschen ihn aufsuchen, 29:00 um ihre Projektionen zu durchbrechen. Er begegnet dem von Anfang an sehr einfach und entspannt. 29:09 Wie gesagt, war ich beeindruckt von seiner Einfachheit, aber auch von seinem Einblick und seiner Bereitschaft, 29:17 ein Gespräch zu führen – nicht für ihn, aber für mich. In der Haltung: Was würde bei Ihnen funktionieren? 29:24 Was kann ich von dem, was ich über Sie weiss, nutzen, damit ich Ihnen etwas Bedeutungsvolles mitgeben kann? 29:31 Ich finde spannend, dass Sie sagen, er habe etwas durchbrochen, er könne Oberflächen durchbrechen. 29:36 Sie sagten mal in einem Interview: "He got into deep layers of me." Was hat er denn da gesehen? 29:43 Sie haben sich offenbar gesehen gefühlt. Was hat er genau gesehen? Was sieht der Dalai Lama? 29:48 Keine Ahnung. Ich kenne das Interview nicht. Ich weiss also nicht, was ich gesagt habe. 29:54 Es war in "The Sunday Times". Habe ich die Geschichte nicht schon erzählt? 29:59 Also noch mal, auch wenn ich es leid bin, sie stets zu wiederholen. Er fragte über seinen Bruder, Ngari Rinpoché, auf Tibetisch: 30:06 "Was macht er? Erzähl mir von ihm." Ich nehme an, er sagte ihm, ich sei ein Schauspieler. 30:14 Ich hatte damals begonnen, Filme zu machen. Er sah mich also an und sagte: "Sie sind also ein Schauspieler?" 30:24 Und ich sagte "Ja" und dachte, ich will nicht über die Schauspielerei reden. 30:29 Ich war ja gekommen, um mit Erleuchtung gesegnet zu werden. Wie Sie es gesagt haben davor. 30:35 Ich sagte also: "Ja, ich bin ein Schauspieler." Er sagte: "Wenn Sie in der Rolle wütend sind, 30:43 sind Sie dann wirklich wütend?" "Und wenn Sie traurig sind und weinen, weinen Sie dann wirklich?" 30:50 "Wenn Sie lachen, sind Sie dann wirklich glücklich?" Ich erklärte, 31:01 dass ich es fühlen muss, damit es glaubhaft ist. Er sah mich unverwandt an und fing dann einfach an zu lachen. 31:12 Da begriff ich: Was ich als Schauspieler tue, 31:17 unterscheidet sich nicht von dem, was wir alle Tag für Tag tun. In unserer normalen Erfahrung der Welt tun wir so als ob. 31:27 Unsere Wut, unsere Traurigkeit und so weiter sind nicht echt. Unter der Erregung der Oberfläche aber sind wir unversehrt. 31:37 Der eigentliche Geist kräuselt sich nicht. Die Emotionen schiessen aus ihm heraus 31:46 wie die Eruptionen aus den Sonnenflecken. Die Sonne aber und ihre Temperatur sind stabil. 31:54 Was sich vor uns manifestiert, ist bloss die Illusion des Augenblicks. Wenn ich wütend oder traurig bin, weine oder lache, 32:06 sind das alles Ausschläge auf der obersten Schicht unseres Seins. Das ist der intellektuelle Hintergrund. 32:15 Natürlich hat er das nicht gesagt. Er hat nur die Frage gestellt: "Ist es wirklich so?" 32:24 Ich bin nicht wirklich wütend. Ich spiele als Schauspieler mit der Wut, um eine Geschichte zu erzählen. 32:33 Wenn die Szene abgedreht ist, umarmen und küssen wir uns. Schnitt – und wir sind alle glücklich. 32:40 Es ist eine Illusion, ein Spiel, ein Stück – es ist Theater. Aber wir vergessen, dass wir der Autor, der Regisseur 32:49 und der Schauspieler in unserem Theater des Lebens sind. Sie haben jetzt einen Film mit dem Dalai Lama produziert, 32:58 "Wisdom of Happiness", der jetzt in den Kinos anläuft. Gute Überleitung! 33:06 Lassen Sie uns kurz in den Film reinschauen. Es geht darin auch um unsere Verantwortung für den Planeten. 34:45 Er sagt: "The very purpose of our life is happiness, joyfulness." Was bedeutet das denn genau? 34:53 Was bedeutet es auch für Sie? Für mich ist das Freiheit, Befreiung. 35:01 Es bedeutet, keine Angst vor irgendetwas zu haben, nichts wirklich zu brauchen. 35:07 Wir sind sehr damit beschäftigt, Dinge zu tun, von denen wir glauben, dass sie getan werden müssen, weil wir etwas brauchen. 35:15 Es gibt grosse Yogis, die niemand kennt. Sie leben wie Bettler auf der Strasse. 35:23 Sie brauchen nichts und sind brillant jenseits unserer wildesten Vorstellungskraft 35:28 in der Art und Weise, wie sie die Realität und die Natur ihres eigenen Geistes verstehen. 35:34 Sie kommen einzig ins Handeln, um Menschen zu helfen, 35:41 diese halluzinogene Verrücktheit auszumerzen, von der wir glauben, sie gehöre zum Leben, zu unserem Sein. 35:52 Aber sie kann beseitigt werden wie Schmutz, der abgetragen wird. Was übrig bleibt, ist das reine Bewusstsein, ein Gewahrsein, 36:02 das man auch klares Licht nennt - alles nur Konzepte, für das, was übrig bleibt als Essenz dessen, 36:10 was wir sind, unsere Buddha-Natur, die uns allen gemein ist. Und deshalb sprechen Sie auch immer wieder von Mitgefühl. 36:19 Sie sind nebst Ihrer Schauspielerei auch extrem aktiv als Philanthrop. Sie haben ein Stiftung gegründet 36:27 und setzen sich ein für die Freiheit von Tibet. Hat das auch mit der Einsicht zu tun, dass wir alle eins sind? 36:34 Dass Sie dieses Mitgefühl in die Welt tragen wollen? Das habe ich von meinen Eltern. 36:44 Wie ich bereits gesagt habe, war ihnen das in die Wiege gelegt. Man hilft. 36:52 Menschen brauchen Hilfe, man gibt. So einfach ist das. 36:57 Mein Vater hat Versicherungen verkauft. Er war wie ein Pastor. 37:03 Die Leute riefen mitten in der Nacht an, weil sie einen Autounfall hatten 37:08 oder jemand gestürzt war oder es im Haus gebrannt hatte. Er war da, um zu helfen. 37:13 Er stand auf, ging hin - wie ein Feuerwehrmann oder ein Pastor oder ein Polizist. 37:21 Das geschah intuitiv. Ich habe diese intuitive Grosszügigkeit des Geistes 37:26 nicht in dem Masse, aber ich habe sie auch. Wir alle haben sie. Es gibt wohl niemanden, der nicht auf diese grundlegende Güte 37:36 bei anderen Menschen anspricht. Das liegt daran, dass wir sie selbst in uns tragen und sie uns verbindet. 37:45 Der Dalai Lama sagt: "Meine Religion ist Freundlichkeit." Er meint damit nicht einfache Freundlichkeit, 37:52 sondern selbstlose Güte, die einen intuitiv handeln lässt, wie wenn es einen juckt. Man tut es einfach. 38:00 There is suffering - you do it. - Automatisch. Was ist denn Ihr Anliegen mit diesem Film? 38:12 Ich denke, dieser Film ist eine Chance. Ich habe schon viele Dokumentarfilme über seine Heiligkeit gesehen, 38:20 an vielen verschiedenen Orten und an unterschiedlichen Anlässen. Ich habe viele dieser Anlässe selbst organisiert. 38:29 Aber ich habe noch nie gesehen, wie seine Heiligkeit direkt in die Kamera schaut. 38:36 Diese Technik stammt von Errol Morris, einem unglaublichen US-amerikanischen Dokumentarfilmer. 38:47 Auf einem Spiegel vor der Kamera sieht man den Interviewer, mit dem man spricht und schaut so direkt in die Linse. 39:02 Das Interview wurde vor Covid gemacht. Wir hörten, 39:09 seine Heiligkeit hätte sich an diesem Tag nicht gut gefühlt. Es war nicht sicher, ob das Interview stattfinden konnte. 39:17 Aber er tauchte auf und es war magisch. Er war brillant und schlicht. 39:22 Wie lange hat das gedauert? Über 2 Std. wahrscheinlich, oder? Wahrscheinlich war der Dreh sogar kürzer. 39:30 Ich muss wohl über die Arbeit am Film sprechen. Die Filmemacher kontaktierten mich vor etwa neun Monaten 39:39 und zeigten mir, was sie hatten. Ich fand den Film ziemlich toll, dachte aber, 39:48 man könnte mehr daraus machen. Ich hatte ein paar Ideen, und sie fragten mich, 39:53 ob ich am Film mitarbeiten würde. Ich habe Oren Moverman beigezogen, einen befreundeten Autor, 40:00 Regisseur und Produzenten, mit dem ich sechs Filme gedreht habe. Zusammen haben wir dann Teile vom Film überdacht und ihn überarbeitet. 40:11 Der Buddhismus war etwas verworren, das wollte ich bereinigen. Bei einigen Aufnahmen waren sie nicht sicher, 40:19 ob sie sie zeigen wollten, weil seine Heiligkeit ein wenig gebrechlich aussah. 40:24 Ich fand das in Ordnung. Wir fanden ja auch weiteres Archivmaterial. 40:31 Es sind unglaubliche Bilder in diesem Film! Archivaufnahmen. Bilder von ihm im Alter von drei, vier Jahren, dann als Teenager 40:39 und später als eine Art Rockstar mit 25 Jahren. Eine unglaubliche Präsenz. 40:44 Dann natürlich später im Exil und als weltweit bekannte Persönlichkeit. 40:52 Ihn gebrechlich zu zeigen, war also in Ordnung, schliesslich wird er nächstes Jahr 90 Jahre alt. 40:58 Nächsten Juli. Für mich ist es das Herzstück, in dem zusammengetragen wird, 41:05 was er 90 Jahre lang auf diesem Planeten bedeutete und was für einen aussergewöhnlichen Einfluss er hatte. 41:16 Und er spricht uns im Film - wie Sie sagen - durch die Linse immer direkt an. Er sagt: "brothers and sisters". 41:22 Ich finde diese Ansprache interessant, auch Papst Franziskus verwendet die immer wieder. 41:28 Sie zeigt natürlich, dass er davon ausgeht, dass wir alle miteinander verbunden sind, eins sind. 41:34 Gleichzeitig dachte ich mir, wie schwierig es ist, das zu empfinden als Mensch, 41:39 weil die Alltagserfahrung uns immer wieder etwas anderes zeigt. Wir steigen in den Bus und sind genervt von anderen Menschen. 41:45 Jemand hat etwas, von dem wir denken, es stehe ihm nicht zu usw. Wir machen diese Trennungen also immer wieder. 41:52 Will dieser Film auch genau da Brücken schaffen? Natürlich. 42:00 Der Film ist ja nicht bloss ein Dokumentarfilm über den Dalai Lama, sondern auch über seine Weltanschauung. 42:07 Er hat die Form einer Unterweisung und Meditation. Darin eingebaut sind Wiederholungen, 42:14 wie es typisch ist in der tibetischen Lehre. In einer Belehrung über viele Stunden 42:20 gibt es vielleicht drei Wiederholungen. Was am Anfang der Belehrung gesagt wird, 42:26 bedeutet einen Tag später etwas anderes. Der Geist ist an einem anderen Ort. 42:32 Man ist ruhiger und offener für die Resonanz einer einfachen Aussage. Beim dritten Mal handelt es sich nicht mehr 42:42 um konzeptionelles Wissen, sondern kommt direkt vom Herzen. Der Dalai Lama tut das, weil er es weiss. 42:50 Ich imitiere es, weil ich nichts weiss. Der Dalai Lama hat diese Dinge so sehr verinnerlicht, 42:57 dass er sie auf einfache Weise sagen kann, sodass jeder es versteht. Weil man dabei direkt in seine Augen blicken kann, 43:04 entsteht darüber hinaus eine komplett nonverbale Ebene der Kommunikation. 43:10 Er spricht im Film sehr viel über Mitgefühl. Wir haben heute auch schon darüber gesprochen. 43:16 Mein Eindruck ist, dass Mitgefühl keinen besonders guten Ruf hat, insofern es vielleicht sentimental wirkt, 43:25 insofern wir auch um uns herum überall bewaffnete Konflikte sehen, wo der Ruf nach Mitgefühl alleine naiv wirkt. 43:39 Nun, ich denke, wir stolpern über die Begriffe, weil sie von den falschen Leuten korrumpiert worden sind. 43:45 Vielleicht müssen wir für diese Dinge eine neue Sprache finden, die möglichst einfach und direkt ist, 43:51 oder nur den Besten von uns erlauben, Wörter wie Mitgefühl oder Altruismus zu gebrauchen. 43:58 Und wie wollen wir das machen? Dass jemand wie Trump diese Begriffe verwendet, ist einfach infam. 44:05 Wir suchten ein geeignetes Filmposter und ich schlug dann ein Bild seiner Heiligkeit 44:12 mit dem Planeten in seinen Händen vor, in Anlehnung an die berühmte Unterweisung 44:18 "Befreiung in unseren Händen". Unsere eigene Freiheit liegt tatsächlich in unserer Hand. 44:25 In dem Mass, wie man in der Lage ist, echte Güte, Liebe und Mitgefühl zu zeigen, erwächst auch Weisheit. 44:34 Weisheit und Mitgefühl wachsen aneinander. Im Zusammenkommen mit Erkenntnis, Fühlen und Handeln 44:43 entsteht das Beste, worauf wir Menschen hoffen können. Richard, ich glaube, wir verstehen uns hier. 44:50 Meine Frage ist: Wie bringt man Menschen dazu, von Mitgefühl überzeugt zu sein, 44:55 also dass Mitgefühl ihnen auch hilft, die nicht so gepolt sind? Menschen, die derzeit Kriege führen - 45:01 und Frieden definitiv nicht das Ziel davon ist. Nun, wir haben schon viele Kriege erlebt, und sie enden nicht gut. 45:09 Vielleicht hilft also auch nur ein bisschen Weisheit, zu sagen: "So nicht." 45:16 Der buddhistische Weg ist, an sich selbst zu arbeiten. Man gibt niemand anderem die Schuld 45:23 für die eigenen Erfahrungen in der Welt. Man arbeitet an sich, an seinem Geist, an seinem Herzen. 45:31 Wer viel Energie und Fokus hat, kann wirklich grosse Fortschritte machen in Richtung Freiheit, Befreiung, beim Nicht-Anhaften. 45:41 Es führt zu einer gewissen Art von echtem Mitgefühl, den Blick zu heben und zu sehen, wie Menschen unnötigerweise leiden. 45:50 Was kann ich tun, um die Halluzination dieser Selbstbezogenheit zu durchbrechen, 45:57 die dazu führt, dass wir uns gegenseitig verletzen? Wir sind Brüder und Schwestern. 46:03 Niemand von uns lebt auf seinem eigenen Planeten. Wir leben gemeinsam auf diesem Planeten. 46:10 Warum dieses Gefälle zwischen arm und reich? Das ist Wahnsinn angesichts der Fülle der Zeit - 46:18 von der Reinkarnation ganz zu schweigen -, die das Entstehen und Vergehen der Planeten 46:25 über Milliarden von Jahren umspannt, vom Urknall des Universums bis zu seinem Kollaps ... 46:32 ... über Milliarden und Milliarden von Jahren. Und wir machen uns Gedanken über kleine, dumme Dinge, 46:38 die Streit in unser Haus, in unsere Gemeinschaften, in unsere Welt auf diesem kleinen Planeten im All tragen. 46:45 Es ist wahnsinnig. Der Dalai Lama sagt im Film auch, 46:50 dass wir in einem sehr schwierigen Jahrhundert leben. Der Dalai Lama ist allerdings weder Vater noch Ehemann. 46:57 Natürlich ist er für ganz viele Menschen eine zentrale Figur. Sie aber sind Vater und Ehemann. 47:03 Wie schauen Sie denn auf die Entwicklung der Welt? Ich kann es nur wiederholen: 47:10 Wenn ich es in meiner eigenen Welt nicht schaffe, kann ich nicht erwarten, dass es jemand anderes tut. 47:17 Wir kümmern uns um unsere eigene Familie. Wir werden frustriert. 47:21 Die Menschen arbeiten hart. Sie sind müde. Das Kind weint und man kann kaum die Miete bezahlen. 47:29 Jeder hat Probleme. Jeder. Wir sind Brüder und Schwestern in Schmerz und Leid, 47:37 aber auch in Glück und Freude und Chancen. Es gibt genug zu essen für alle auf diesem Planeten. 47:43 Niemand muss hungern. Es gibt genug Wohnraum für alle. Etwas, was mir wirklich am Herzen liegt, sind Obdachlose. 47:53 Wir haben genug, um allen Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben und eine medizinische Versorgung zu ermöglichen. 48:00 Wir haben genug, damit alle ein relativ glückliches Leben im Rahmen dieser menschlichen Erfahrung führen können. 48:07 Das ist nicht so schwierig. Schwieriger ist es, dieses universelle Gefühl zu erlangen, 48:13 dass wir tatsächlich Brüder und Schwestern sind. Dass Ihre Erfahrung auch meine Erfahrung ist. 48:20 Es gibt keinen Unterschied. Und trotzdem leben Menschen ohne Dach über dem Kopf, 48:27 während andere in absolutem Luxus leben. Buddha soll man gesagt haben: 48:32 Wenn man wissen will, wie das vorherige Leben war, dann soll man das jetzige anschauen. 48:38 Nun leben Sie ja insgesamt sehr privilegiert. Würden Sie sagen, dass Sie davor sehr viele gute Taten getan haben? 48:46 Ich weiss nicht. Ein gewisses positives Karma hat es mir ermöglicht, 48:52 die Nähe zum Buddhismus und als Schüler zum Dalai Lama und anderen grossartigen Lehrern zu finden. 48:59 Dafür bin ich unglaublich dankbar. Ich sage das in grosser Demut. 49:08 Ich glaube nicht, dass ich etwas Besonderes bin. Aber ich habe Glück und führe ein sehr privilegiertes Leben. 49:18 Ich fühle mich verpflichtet, etwas zurückzugeben, wenn ich kann. Und wir alle haben etwas zu geben. 49:28 Neulich traf ich auf einen Zollbeamten in Heathrow. Heathrow ist der unmöglichste Flughafen der Welt. 49:36 Sehen Sie das nicht auch so? * Olivia lacht. * Sie sehen mich an, als ob ich verrückt wäre. 49:41 Stimmen Sie mir nicht zu? - About Heathrow I'm not sure. Ich ging also durch den Zoll, und die prüfen wirklich alles 49:49 und nehmen dein ganzes Gepäck auseinander. Es war frustrierend. Und da war dieser Gentleman, offensichtlich aus Indien, 49:58 der mich freundlich grüsst und mir eine lustige Anekdote über sich erzählt 50:04 und mich dabei anlächelt - ein echtes Lächeln. Sofort fiel alle Frustration von mir ab. 50:11 Dieser Mann hatte eine echte Wirkung auf einen anderen Menschen. Es fiel ihm leicht. 50:20 Das könnten wir alle tun. Sie haben zuvor von er Buddha-Natur gesprochen, 50:25 aber auch davon, dass es das Selbst im Buddhismus nicht gibt. Es ist eine Illusion, ein Konzept, das wir uns machen. 50:33 Wie gehen Sie damit als Schauspieler um? Denn als Schauspieler - indem Sie so erfolgreich sind - 50:40 geht es ganz stark um Sie, Sie stehen im Mittelpunkt. Auch die Einzigartigkeit Ihrer Person ist ganz zentral. 50:46 Ist das nicht auch eine Art süsse Frucht, die einen verführen kann, die sich mit der buddhistischen Lehre beisst? 50:53 Dass man immer wieder stark auf ein Selbst zurückgeführt wird? Das stimmt natürlich. 51:01 Das Leben ist ... ... voller Pralinen, die man will. 51:10 Und Sie wollen keine Schokolade mehr? Doch, aber ich brauche sie nicht mehr. 51:16 Sie wissen, Sie brauchen sie nicht. Ich bin nicht süchtig. Natürlich mag ich sie. 51:22 Ich nehme eine, aber ich brauche keine zweite, und noch eine ... Bloss die eine. Oh, danke schön. Lecker. 51:35 Sie sind jetzt 75 Jahre alt, wie wir zu Beginn gehört haben. (Gespielt verärgert) Das stimmt nicht! 51:41 Ich 75? Wie könnte das sein? Bei einem Treffen heute Morgen 51:46 sprach jemand über einen sehr alten Freund, der bald 82 wird. Das hat sich auch für mich mal so angehört, als ob das sehr alt wäre. 51:57 82 ist gar nicht mehr so alt. Was ich eigentlich ansprechen wollte: 52:04 Es ist ein Alter, wo man sich dann vielleicht irgendwann mal Gedanken macht über die eigene Sterblichkeit 52:11 oder die Endlichkeit mehr vor Augen geführt bekommt. Im tibetischen Buddhismus gibt es eine Meditationspraxis, 52:19 die einen auf den Sterbeprozess vorbereitet. Ist es ein Thema, das Sie auch tatsächlich beschäftigt? 52:29 Ohne ein gewisses Verständnis für den Sterbeprozess ist es sehr schwierig, den Prozess des Lebens zu verstehen. 52:43 Daraus ergibt sich ein grösserer Zusammenhang. Unser Sterben beginnt im Moment unserer Geburt. 52:49 Das ist Allgemeinwissen, aber man weiss es nur intellektuell. Es ist nicht tief verinnerlichtes Wissen. 52:56 Der Körper verändert sich ständig. Dies ist nicht derselbe Körper, mit dem ich hierherkam. 53:03 Sie sind nicht dieselbe Person wie vor 10 Std., als wir dieses Gespräch begannen. 53:08 Das ist das längste Interview meines Lebens! Alles verändert sich ständig. 53:15 Das Wissen um die Sterblichkeit ermöglicht die stetigen Veränderungsprozesse – 53:21 auch im Körper. Was bleibt, ist die Kontinuität des Bewusstseins, wie in einem Traum. 53:28 Ja eben. Bei Ihnen ist es noch mal was anderes, weil Sie glauben an die Reinkarnation. 53:33 Das ändert den Blick aufs Leben auch noch mal. Jeder Augenblick ist Reinkarnation. 53:40 Wenn Sie sich wirklich mit der Idee vom Selbst auseinandersetzen, erkennen Sie, dass jeder Atemzug eine Reinkarnation ist. 53:49 Jeder Moment ist völlig neu. Wir sehen das nicht so, weil wir Momentaufnahmen machen. 53:57 Wir halten an diesen Konzepten von uns fest, als wären sie die Realität. 54:02 Da bin ich und so wird es immer bleiben. Mehr ist da nicht. Dann ändern sich die Dinge und ich sage: 54:10 "Moment mal. Das ist jetzt eine andere Momentaufnahme." "Okay. Vergessen wir die vorige." 54:15 Man macht eine andere Momentaufnahme und lebt damit eine Zeit lang. Bis wir merken, dass sich alles laufend verändert. 54:22 Es gibt keinen Augenblick, den man als Realität festhalten kann. Das heisst, Sie schauen dem eigenen Tod komplett entspannt entgegen? 54:33 Nun, es gibt v.a. im tibetischen Buddhismus Praktiken, bei denen man seinen Tod immer wieder probt. - I know. 54:40 Woher wissen Sie also von diesen Dingen? Well, I studied it. - Sie haben das studiert? 54:45 Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Wer war Ihr Lehrer? Different ones, at university. 54:51 An der Uni? Aber Sie hatten nie einen tibetischen Lama? No. Tibetan Lama no. 54:56 Das ist auch gut. Es ist ein anderer Ansatz. Ja, seinen Tod durchzuspielen, gehört zum meditativen Prozess 55:11 und weicht unseren Glauben an die Realität auf. Aber irgendwann ist es Zeit, seinen Körper zurückzulassen. 55:22 Das kann Angst auslösen, weil man sich an dieses harte Ich klammert 55:29 und man nicht weiss, was in diesem Prozess damit geschieht. Es gibt eine weichere Vorstellung vom Ich, 55:35 nach der sich das Selbst im Moment des Todes in alle Richtungen bewegt und vom Körper löst. 55:44 Diese grössere, weitere Vorstellung vom Ich fliesst ein in den konstanten Strom der Dinge. 55:53 Vielen Dank für diese vielen Snapshots. Es war sehr spannend, mit Ihnen zu sprechen, Richard Gere. 55:59 Untertitelung: Metatxt im Auftrag von SWISS TXT - 2024