Globale Religionsgeschichte in Zeitenwenden | Antrittsvorlesung Prof. Dr. Julian Strube Universität Göttingen https://www.youtube.com/watch?v=S3QgERuDjuo Transkript (automatisch erstellt) 0:02 Ich grüße alle ganz herzlich. Es freut mich, dass Sie auch so zahlreich erschienen sind, 0:08 dass Ihr so zahlreich erschienen seid. Ich hoffe, das reicht vom Büffet her ein bisschen. Also möglichst schnell aufspringen 0:17 und hinsprinten. Das zeigt aber, dass das Thema auch von einer gewissen Relevanz ist. Die Erfahrung 0:23 habe ich ja neulich schon mal gemacht, im selben Raum. Ich denke, dass auch gerade das Thema Interkulturalität 0:30 von ganz besonderer Bedeutung ist, um in diesen turbulenten Zeiten vielleicht einen winzig kleinen Beitrag zu leisten. 0:38 Und wir alle können ja aktuell einen regelrechten Frontalangriff auf freiheitlich demokratische Strukturen und Werte beobachten 0:48 oder gar selbst erleben. Dass Universitäten dabei weltweit zu den Hauptzielen zählen, führt uns die enge Verschränkung 0:56 von Demokratie und Wissenschaft vor Augen. Die, für die ich in meinem Vortrag argumentieren möchte. Die Radikalität und Geschwindigkeit 1:06 der aktuellen Entwicklungen wird viele überraschen und das ist auch durchaus beabsichtigt. Hithithit ist eine bekannte Devise 1:16 des ehemaligen Trump Berater Steve Bannon, der nach wie vor zu den wichtigsten Strategen nicht nur der MAGA Bewegung, 1:23 sondern in internationalen Netzwerken zählt. Schlag auf Schlag werden wir mit einer noch vor kurzem undenkbar erschienenen Handlung 1:31 nach der anderen konfrontiert. Und ehe wir analysiert haben, was eigentlich gerade geschehen ist, wurde schon das nächste Tabu gebrochen, 1:39 die nächste Maßnahme ergriffen. Diese Ereignisse sind das Ergebnis Jahrzehnte langer Entwicklungen. 1:49 In unserer jetzigen Situation ist es von allergrößter Wichtigkeit, die historischen Entwicklungen ruhig und sorgfältig zu Untersuchen, 1:58 die uns das politische Geschehen der Gegenwart verständlich machen. Ich werde im Folgenden darlegen, dass es dazu eines 2:04 verflechtungsgeschichtlichen Ansatzes bedarf, der über Sprach, Landes und Kulturgrenzen hinausgeht. 2:11 Ein Ansatz, der Verworrenheit als Forschungsgegenstand begreift und sich dabei nicht verwirren lässt. Meiner Argumentation nach 2:21 ist dieses wissenschaftliche Erkenntnisinteresse kein akademischer Selbstzweck, keine Nabelschau im Elfenbeinturm. 2:29 So wie ich eine globale Religionsgeschichte verstehe, die eben solch einen verflechtungsgeschichtlichen 2:35 Ansatz verfolgen möchte, geht es um praktizierte Verantwortung für Demokratie, um die sachliche Begründung 2:42 und das Eintreten für universelle Menschenrechte, demokratische Werte und internationales Recht. 2:49 Wenn ich im Folgenden also mit einer sehr knappen Vorstellung meiner Interpretation einer globalen Religionsgeschichte 2:56 beginne, so tue ich dies mit mit Nachdruck aus meiner eigenen Perspektive. Diese beansprucht keine Gültigkeit für die verschiedenen Verständnisse 3:06 einer globalen Religionsgeschichte und schon gar nicht für die Religionswissenschaft. Ich verstehe meinen Vortrag 3:13 als Gesprächsangebot und einer Aufforderung, alte Fehler zu vermeiden und gesellschaftliche Verantwortung 3:19 zu übernehmen und unabhängig von fachlichen, weltanschaulichen und sonstigen Differenzen 3:25 gemeinsam als Forschende und Lehrende, als Studierende für die freiheitliche Demokratie und damit auch für freie Wissenschaft 3:32 einzutreten. Dazu werde ich das Schlagwort von der Zeitenwende, vor einem verflechtungsgeschichtlichen Hintergrund einordnen, 3:41 um dann ein Schlaglicht auf die Kontinuitäten rechtsextremer und rechtsradikaler Ideologien 3:46 in den letzten 100 Jahren zu werfen. Dies wird es mir abschließend erlauben, ein Plädoyer für einen möglichen Beitrag der Religionswissenschaft 3:55 zu gesellschaftlichen Entwicklungen zu formulieren. Ich möchte unterstreichen, dass es sich bei der Rede 4:02 von einer globalen Religionsgeschichte nicht um einen monolithischen Block handelt, nicht um einen homogenen Ansatz, 4:08 sondern um ein Forum, in dem sich verschiedene Forschende aus unterschiedlichen Perspektiven über die mitunter 4:14 größten Herausforderungen der Religionsforschung austauschen. Ich werde den theoretischen Teil meiner Vorlesung 4:22 auf ein Minimum reduzieren und stattdessen viel Primärmaterial diskutieren. Schnallen Sie sich schon mal an. Die Grundanliegen 4:31 einer globalen Religionsgeschichte sollen aber erstens verdeutlichen, aus welcher Perspektive ich historisch argumentieren werde 4:39 und Ihnen zweitens vor Augen führen, inwiefern diese Perspektive einen gesellschaftlichen Beitrag leisten könnte. 4:47 Einer globalen Religionsgeschichte geht es darum, die Bedeutung von Religion als Ergebnis kultureller Austauschprozesse zu verstehen, 4:56 die ständigen Aushandlungsprozessen unterworfen sind. Es gibt nicht die eine Bedeutung von Religion, 5:02 die in Europa oder dem Westen entstanden ist und dann in den passiven Rest exportiert wurde. Um stattdessen 5:11 die komplexen Austauschprozesse zu untersuchen, bedarf es einer dezentrierten Geschichtsschreibung, 5:16 die die lokalen Kontexte historisch philologisch sorgfältig in ihrem eigenen Recht und unter Berücksichtigung 5:23 ihrer globalen Verflechtungen untersucht. Mit Austausch ist dabei keineswegs ein harmonisches Miteinander im Sinne romantisierender Vorstellungen 5:33 gemeint. Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung sind Teil dieser Geschichten, nicht zuletzt in den kolonialen Kontexten der letzten Jahrhunderte. 5:42 Trotz dieser Machtasymmetrien gilt es aber die Handlungsmacht, die "agency" auch etwa kolonisierter Menschen zu berücksichtigen 5:49 und diese als Teilhaben an globalen Streitigkeiten über die Bedeutung von Religion und vielen anderen Dingen 5:56 auch zu untersuchen. Dazu bedarf es einer konsequenten Historisierung durch einen genealogischen Ansatz, der Religionsverständnisse 6:05 in ihrer umstrittenen Entstehungsgeschichte rekonstruiert, dabei Brüche und Kontinuitäten berücksichtigt 6:12 und glatte Narrative bewusst vermeidet. Dieser Ansatz impliziert eine Eurozentrismuskritik, die postkolonialen Ansätzen 6:21 verpflichtet bleibt, sich aber auch kritisch mit bestimmten Tendenzen in diesem Spektrum auseinandersetzt. 6:27 So hat beispielsweise eine ausschließliche Fokussierung auf die Übermacht der Kolonisatoren manchmal dazu geführt, 6:35 dass die Rolle der Kolonisierten ähnlich wie in "klassisch eurozentrischen" Arbeiten ausgeblendet wurde. 6:42 Bestimmte Vorstellungen von kultureller Inkommensurabilität, von vorkolonialer kultureller Reinheit, 6:49 die es wiederherzustellen gelte, können historische Komplexitäten und Ambivalenzen nur unzureichend abbilden und lassen sich allzu leicht 6:58 ideologisch wenden. All dies wird in der postkolonialen Forschung seit Jahrzehnten konstruktiv debattiert. Der indische Historiker 7:07 Dipesh Chakrabarty hat in seiner im Jahr 2000 erschienenen Studie "Provincializing Europe" dazu aufgerufen, Europa 7:15 nicht als singulären Pol der Geschichtsschreibung zu zentrieren. Vielmehr müsse Europa als einer von vielen Schauplätzen 7:23 global verflochtener Entwicklungen begriffen werden, einfach weil dies der historischen Realität viel näher komme 7:29 als die verzerrende Linse des Eurozentrismus. Eine solche kritische Auseinandersetzung mit der Rolle Europas 7:37 müsse allerdings Fallstricke vermeiden. Die Provinzialisierung Europas, so Chakrabarty, ruft nicht dazu auf, die Moderne, 7:45 die liberalen Werte, die Universalität, die Wissenschaft, die Vernunft, die großen Erzählungen, die totalisierenden Erklärungen 7:52 usw. einfach und ohne Weiteres abzulehnen. Das Projekt der Provinzialisierung Europas kann also kein Projekt des Kulturrelativismus sein. 8:02 Es kann nicht von dem Standpunkt ausgehen, dass die Vernunft/Wissenschaft/ Universalien, die dazu beitragen, Europa als die Moderne zu definieren, 8:10 einfach "kulturspezifisch" sind und daher nur den europäischen Kulturen gehören. Es ist wichtig zu betonen, 8:19 dass es sich beim Ansatz einer globalen Religionsgeschichte eben nicht um Kulturrelativismus, um radikalen Konstruktivismus, 8:26 um postmoderne Beliebigkeit geht handelt, sondern um ein Plädoyer für wissenschaftlich sorgfältiges Arbeiten auf den soliden Grundlagen 8:35 historisch-philologischer Methoden. Dass dieses Vorgehen historische Kontingenz und Machtkonstellationen 8:42 reflektiert, die Instabilität von Bedeutung, die ständige Umstrittenheit von Begriffen wie Religion, 8:49 begreife ich als eine Annäherung an die Realität mit all ihren Wirren und Ambivalenzen und nicht als ihre übertheoretisierte 8:57 Abstraktion oder ideologische Verzerrung. Eine so verstandene konsequente Historisierung, 9:05 eine ständige Selbstreflexion und eine auch als Ethos verstandene Kritik sind schwer durchzuhalten und oft auch auszuhalten. 9:14 Ebenso wie Demokratie mitunter schwer durch- und auszuhalten ist. Nicht die eine ewige, unumstößliche Wahrheit, 9:22 nicht die eine Meinung, nicht die eine Position, nicht der eine Ansatz. Sollte unsere Gesellschaft, 9:28 unsere Forschungskultur bestimmen. Religionswissenschaftliche Forschung ruft meines Erachtens zur Skepsis gegenüber kategorischen Setzungen auf, 9:38 gegenüber Ein- und Ausgrenzungen, gegenüber der Proklamation stabiler monolithischer Identitäten. Diese können legitim vertreten werden, 9:47 müssen aber immer auch Gegenstand einer demokratischen und wissenschaftlichen Streitkultur sein können. 9:54 Dies ist nicht die destruktive "Dekonstruktion" von Demokratie, universellen Menschenrechten usw., 10:00 sondern ihre Voraussetzung. Das seit der Rede von Bundeskanzler Scholz geflügelte Wort von der Zeitenwende möchte ich hier als symptomatischen Impuls 10:12 für damit zusammenhängende Entwicklungen aufgreifen, die weit über den russischen Überfall auf die Ukraine hinausgehen 10:19 und untrennbar mit den eingangs angedeuteten Ereignissen verbunden sind. Und Sie werden bald merken, worauf Sie sich hier eingelassen haben. 10:28 Spätestens dann, wenn Ihnen nach einer Stunde die Köpfe rauchen. Das von mir vorgestellte Material 10:34 ist nicht zuletzt deshalb verworren und verwirrend, weil dies politstrategisch so gewollt ist. Aber gerade 10:41 für eine solche Herausforderung ist eine globale Religionsgeschichte bestens gerüstet. Meine Darstellung wird sich hier weitgehend 10:50 auf den Westen konzentrieren, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist es schon herausfordernd genug, die hier ausgewählten Verflechtungslinien 10:58 zu verfolgen. Zweitens ist die Erforschung globaler Verflechtungen etwa nach Asien oder Südamerika 11:04 vielfach ein Forschungsdesiderat, dessen Dringlichkeit ich Ihnen punktuell aufzeigen, aber nicht stante pede erfüllen kann. 11:13 Ich werde daher an verschiedenen Stellen auf Verbindungen hinweisen, die es weiter zu erforschen gilt. Sei es nach Russland, Indien, Argentinien 11:20 oder Iran. Der Ausgangspunkt meiner Untersuchung ist das Verhältnis der sogenannten Neuen Rechten 11:28 zum schillernden Bereich der Esoterik, über das ich unlängst in diesen Räumlichkeiten hier vorgetragen habe. 11:35 Es wird daher zunächst einige Überlappungen geben. Aber keine Sorge, die beiden Vorträge ergänzen sich 11:41 und Sie können bei Interesse gerne nachvollziehen, in welche Richtung ich im Januar weiter in die Tiefe 11:46 gegangen bin. Die Bedeutung von Esoterik, aber auch der "Neuen Rechten" ist äußerst unklar und umstritten. 11:58 Begeben wir uns also in guter genealogischer Manier in medias res und schauen, wie sich einer der führenden Köpfe 12:05 der Identitären Bewegung, der Österreicher Martin Sellner, vor einigen Jahren dazu geäußert hat. Er tat dies im September 2020 12:14 in einer der führenden neurechten Publikationen, dem Blog der Sezession, in einem Artikel über den sogenannten Sturm 12:21 auf den Reichstag im August 2020. Die Identitäre Bewegung wird einigen von ihnen, nicht zuletzt aufgrund ihrer Polemik 12:30 gegen den angeblichen "Großen Austausch" bekannt sein, eine Verschwörungserzählungen, die den gezielten Bevölkerungsaustausch 12:37 Europas durch von Eliten gesteuerte Einwanderung behauptet. Die sich daraus ergebende Forderung nach "Remigration" 12:46 wird nicht zuletzt von der AfD lautstark gefordert. Es muss betont werden, dass die sogenannte Neue Rechte, 12:55 die AfD und Identitären nicht deckungsgleich sind. Es handelt sich um fluide, oft zerstrittene, heterogene, 13:02 aber dennoch eng verflochtene und überlappende Bereiche. Dies lässt sich etwa an der engen Beziehung 13:08 zwischen Götz Kubitschek, einer zentralen Figur der deutschen Neuen Rechten, und Björn Höcke, verdeutlichen, 13:14 die wiederum beide eng mit Martin Sellner verbunden sind. Sie sehen, es geht hier auch ein bisschen um einen Übergang 13:20 zu einer jüngeren Generation. Kubitschek war eine Führungspersönlichkeit im 2000 gegründeten Institut für Staatspolitik, 13:29 das sich nach der Einstufung durch den Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextrem" im Mai 2024 taktisch aufgelöst hat. 13:37 Das IFS kann als ideologisches Zentrum der deutschsprachigen Neuen Rechten gelten und zeichnete unter anderem für den Verlag Antaios 13:46 verantwortlich, der auch die Sezession herausgibt. Auch hier erfolgte eine Einstufung als "gesichert rechtsextrem". 13:55 Wie bewertete Sellner nun also diese Ereignisse vom 29. August 2020, als mehrere Hundert Personen versuchten, in den Reichstag in Berlin einzudringen? 14:07 Wie einige sich vielleicht erinnern können, wurde im öffentlichen Diskurs schnell ein Zusammenhang 14:12 mit Verschwörungsideologien, esoterisch geprägten Bewegungen und Reichsbürgern gesehen, wobei die US-amerikanischen Flaggen 14:20 und QAnon-Motive bereits auf transatlantische Dimensionen verweisen, die uns im Folgenden noch interessieren 14:27 werden. Zur Erinnerung: Am 6. Januar des darauffolgenden Jahres kam es zu diesem weitaus umfangreicheren und gewaltvolleren 14:35 und wohl auch deswegen erfolgreichen Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C. Anders als man vielleicht meinen könnte, zeigte Sellner nun aber 14:45 keine uneingeschränkte Sympathie für die als "esoterisch" wahrgenommene Komponente des Geschehens in Berlin. 14:52 Er schrieb: Die völkischen Rauschebärte von einst sind die Corona-Esoteriker von heute. Von Fahrenkrug über Fidus, Gräser, 15:01 Marby bis hin zu Guido von List wären sie heute wohl alle bei den Querdenkern dabei und würden im Tiergarten campieren. 15:07 Die traditionalistische Kritik an diesem pseudoreligiösen Phänomen, welche insbesondere von Julius Evola und René Guénon perfektioniert wurde, 15:15 soll hier nicht thematisiert werden. Wir sehen hier eine für den neurechten Diskurs typische Unterscheidung 15:22 zwischen einer belächelten "New Age"-Esoterik, deren historische Tiefe in Gestalt der Völkischen 15:28 und der Lebensreform durchaus erkannt wird, und einem zumindest implizit hier respektvoll behandelten anderen Bereich, 15:36 dem sogenannten Traditionalismus. Und Esoterik ist, wie gesagt, ein schillernder Begriff mit vielen kontroversen Bedeutungen, 15:45 wie ja Sellers sarkastische Differenzierung es uns bereits vor Augen geführt hat. In diesem Vortrag 15:52 konzentrieren wir uns auf den so genannten esoterischen Traditionalismus, der insofern "esoterisch" ist, als dass er die Existenz 15:59 einer universalen übergeschichtlichen Wahrheit behauptet, die nicht allen Menschen zugänglich sei. Es bedürfe der Initiation, der Einweihung 16:09 in dieses Wissen, das sich in verschiedenen Formen manifestieren könne im Hinduismus, im Christentum, im Islam, 16:15 im Judentum, im Daoismus, nahezu überall. Es gibt nicht den einen Traditionalismus, sondern eine Reihe teils höchst unterschiedlicher Autoren. 16:25 Den von Sellner eben neben Julius Evola erwähnten René Guénon zum Beispiel müssen wir an dieser Stelle 16:31 aus Zeitgründen leider komplett ausblenden. Traditionalistische Autoren verbindet ein extremer Antimodernismus, der die Moderne als Verfall 16:42 "traditionaler" Werte und Lebensweisen versteht. Sie können sich vorstellen, dass dieser Grundgedanke sehr, 16:48 sehr unterschiedlich weitergeführt werden kann. Für Evola resultierte daraus unter anderem die Frage nach der Wiederherstellung 16:57 einer streng hierarchischen, elitaristischen, sogenannten "organischen" Gesellschaftsordnung, die transzendental, 17:04 spirituell begründet sei. Die von Evola so genannte "Zersetzung" durch die Moderne geschehe durch Demokratie, Liberalismus, Sozialismus 17:13 und Feminismus, ist sowieso allem Progressiven geschuldet, für das besonders die Juden verantwortlich gemacht werden. 17:20 In den 1920er Jahren suchte Evola engen Kontakt zum faschistischen Regime in Italien sowie seit den 30er Jahren 17:28 auch zu den Nationalsozialisten. Anders als es von seinen Anhängern gerne dargestellt wird, bot Evola seine eigenen Ideen 17:35 diesen Regimen nicht nur an, sondern betrachtete sie als noch radikaler, etwa als er sich als rechts des Faschismus 17:42 stehend beschrieb. Zu seinen heute noch am meisten gelesenen Schriften zählen die Revolte gegen die moderne Welt von 1934 sowie seine Nachkriegsbücher 17:53 Menschen inmitten von Ruinen von '52 und Den Tiger Reiten von '61. Bereits zur Zeit des Erscheinens wurden einige dieser Titel 18:03 ins Deutsche übersetzt, darunter als Erhebung wider die moderne Welt, Heidnischer Imperialismus 18:09 und Grundrisse der faschistischen Rassenlehre. In den 1990er Jahren kam es dann zu Neu- und Erstübersetzungen 18:18 in einem politischen Klima, mit dem wir uns in Kürze näher befassen werden. Diese Veröffentlichungen 18:24 erschienen in führenden rechtsextremen Verlagen wie dem Arun Verlag und dem Hohenrain Verlag, 18:30 ein Ableger des Grabert Verlages, der wichtigste rechtsextreme Verlag der Nachkriegszeit mit Wurzeln schon in den Jahrzehnten davor. 18:42 Begeben wir uns vor diesem Hintergrund wieder in die jüngere Vergangenheit. Nachdem also das Institut für Staatspolitik 18:49 im Mai 2024 geschlossen worden war, erschien im darauffolgenden Juni eine Sonderausgabe der Sezession im Zeichen der Dissidenz 19:01 bzw. des Widerstandes. Diese Ausgabe kann angesichts der Umstände als besonders programmatisch eingeschätzt werden. 19:11 Umso bemerkenswerter ist es, dass sich ein Artikel in dieser Ausgabe dezidiert Evola widmet. Er stammt aus der Feder 19:18 von Martin Lichtmesz. Eigentlich Martin Semlitsch, der zu den profiliertesten Autoren der Neuen Rechten und Identitären zählt. 19:26 Wir lesen: Es gibt wohl kaum jemanden im alternativ-rechten Spektrum, dem der Name Julius Evola unbekannt ist oder der den zauberischen Titel 19:36 seines berühmtesten Werkes Revolte gegen die moderne Welt von 1934 noch nie gehört hat. Die Bedeutung, die Lichtmesz Evola beimisst, 19:47 wird auch durch den Titel eines Buches unterstrichen, in dem sich unter anderem Lichtmesz Übersetzung 19:53 einer programmatischen Schrift von Renaud Camus über den "Großen Austausch" findet. Die Wahl des Buchtitels 20:01 unterstreicht, illustriert, wie die Ideologie Evolas explizit mit gegenwärtigen neurechten Narrativen 20:09 in Verbindung gebracht wird: Revolte gegen den Großen Austausch. In den Worten Lichtmesz gehe es bei Evola um das politische Problem 20:20 des Untergangs des Abendlandes. Lichtmesz konstatiert: die Frage nach den Ursachen des Verfalls und des Sterbens 20:27 der europäischen Zivilisation beantwortet Evola mit einem grandiosen, im erweiterten Wortsinne metapolitischen, mythischen Entwurf. 20:38 Wie weit verbreitet die Rezeption Evolas in rechtsradikalen und extremistischen Kreisen ist, wird unter anderem durch eine Publikation 20:45 des Verlages Arktos weiter illustriert, eine Sammlung von Schriften Evolas als Handbook for Rightwing Youth mit einem Vorwort 20:53 des ehemaligen Vorsitzenden der ungarischen Jobbik Partei, Gábor Vona. Wir lesen in der Beschreibung ganz ähnlich: 21:02 Evola believed that it was only by channeling the energies of the rebellious youth into the political 21:08 Right - not the Right of today, but rather that Right which represents the timeless principles which stem 21:15 from before the advent of liberalism - thus restoring the West to a healthy and organic condition ones again. Laut Lichtmesz wiederum 21:28 sei Evolas traditionale Welt streng hierarchisch gegliedert: Sie ist die kompromisslose Antithese zur abnormen, modernen Welt 21:37 mit ihren egalitären, humanistischen, demokratischen, individualistischen, progressiven Ideen. Wer trotz allem aufrecht bleibt, 21:46 wird auch im Kali-Yuga Früchte erlangen können, die für Menschen anderer Zeitalter kaum erreichbar waren. 21:55 Die Rede vom Kali-Yuga, wörtlich "das Zeitalter der hinduistischen Göttin Kali", wurde vor allem durch Evola 22:01 zu einem integralen Bestandteil rechtsradikaler Diskurse und erfreut sich immer noch wachsender Beliebtheit. 22:08 Aus seiner orientalistisch geprägten Perspektive rezipierte Evola insbesondere tantrische Ideen, 22:15 für die das Kali-Yuga als Zeitalter des Verfalls von zentraler Bedeutung ist. Im Gegensatz zum vergangenen Goldenen Zeitalter 22:23 könne man heute nicht mehr vollkommen nach alten vedischen Idealen leben. Dennoch könne man auch unter diesen widrigen Umständen 22:31 den Tiger reiten, sich den Übeln aktiv stellen, sich diese zunutze machen, als Held und Krieger 22:37 inmitten der Ruinen der modernen Welt aufrecht stehen. Dieses auf den ersten Blick pessimistische Weltblick 22:45 hat durchaus eine eine hoffnungsvolle Stoßrichtung aufgrund der zugrunde liegenden zyklischen Kosmologie. 22:52 Denn das Zeitalter der Regeneration, das nächste Goldene Zeitalter, stehe bevor. Hier möchte ich eine der globalen Verbindungen markieren, 23:02 die sich nun weiterverfolgen ließen. Evola stützte sich nämlich bei seiner eigenwilligen Auslegung hinduistischer Ideen 23:09 weitgehend auf Quellen, die im Zentrum meiner letzten Monographie standen. Sowieso gälte es, Verbindungen nach Indien, 23:15 insbesondere mit Blick auf den Hindu-Nationalismus, weiter zu untersuchen, worauf ich an späterer Stelle 23:22 nochmals verweisen werde. Statt nach Osten möchte ich nun aber nach Westen springen und mich dem eingangs erwähnten Steve Bannon zuwenden. 23:33 Dieser arbeitete im Jahr 2018 unter anderem mit Kardinal Raymond Burke zusammen, um in Italien eine Kaderschmiede im Sinne 23:41 der sogenannten "Konservativen Revolution" aufzubauen, ein ideologisches Konstrukt der "Neuen Rechten", 23:47 über das wir gleich noch mehr hören werden. Das Ziel der Kaderschmiede lautete in eigenen Worten: To promote 23:54 a number of projects that should make a decive contribution to the defense of what used to be called Christendom. 24:03 Diese Zusammenarbeit reichte bereits mehrere Jahre zurück und äußerte sich eindrücklich im Juni 2014, 24:09 als Bannon per Videoschalte auf der Konferenz des katholisch- traditionalistischen Dignitatis 24:15 Humanae Instituts eine aus vielen Gründen bemerkenswerte Rede hielt. Uns interessiert hier vor allem eine Passage, 24:22 die auf ein Lob Wladimir Putins als "sehr intelligent" folgt: Wenn you really look at home of the underpinnings of some of 24:31 Putin's beliefs today, a lot of those come from what I call Eurasianism; he's got an advisor who harkens back to Evola and different writers 24:41 of the early twentieth century who are really the supporters of what is called the traditionalist movement, which really eventually metastasized 24:49 into Italian fascism. A lot of people are traditionalists are attracted to that. 25:01 Nachdem Bannon 2016 in seiner Funktion als Trump-Berater im Weißen Haus zu großer Prominenz gelangt war, 25:08 sorgten diese Bemerkungen für einigen Wirbel. Die New York Times zeigte sich alarmiert über die Erwähnung Evolas, 25:16 während ein Artikel im Atlantic vor allem hervorhob, dass Evola als Galionsfigur der amerikanischen Alt-Right 25:22 doch eigentlich ein Feind des Christentums gewesen sei. Und das ist richtig. Evola polemisierte gegen das Christentum als schwach, 25:32 proklamierte dagegen den "heidnischen Imperialismus", dem Sie vorhin kurz in Buchform begegnet sind. 25:39 Hier möchte ich einen der wichtigsten Aspekte unseres Wirrwarrs hervorheben, nämlich die Verbindung 25:45 teils äußerst unterschiedlicher Auffassungen über Religion, die doch auf erstaunlich gute Weise 25:50 miteinander politisch harmonieren können. Ein Hauptgrund dafür sind gemeinsame Feindbilder. Der von Bannon erwähnte Eurasianismus 26:01 ist ein gutes Beispiel. Dessen Hauptvertreter Alexandr Dugin berief sich ebenfalls grundlegend auf die Ideen Evolas. 26:08 Er betrachtet den modernen Westen als degeneriert, abgefallen von seinen traditionalen Idealen. 26:15 Manche von Ihnen können sich gut denken, wie das sehr gut mit der russischen Propaganda der letzten Jahre funktioniert. 26:22 Dugins Rolle dafür wurde häufig überzeichnet, sie ist aber substanziell und vor allem mit Blick 26:27 auf internationale extremistische Netzwerke von Relevanz. Hierzu gibt es bereits einige hochwertige Forschung, 26:36 die jedoch immer noch nur an der Oberfläche kratzt. Ein weiterer Sprung auf den Fährten der Evola-Rezeption 26:44 führt uns nach Italien, genauer gesagt zu Alessandro Giuli, dem Kulturminister der Regierung Giorgia Meloni. 26:52 Giuli hat sich wiederholt wohlwollend auf zentrale Ideen Evolas bezogen und gilt daher als Vertreter evolianischer Positionen. 27:00 Erst im vergangenen Oktober fiel er dadurch auf, dass er sich in seiner Rede auf der Frankfurter Buchmesse 27:06 auf mehrere Kernkonzepte Evolas berief. Giuli war bereits in den frühen 90er Jahren Mitglied einer radikalen Gruppierung 27:16 namens Meridiano Zero, deren Logo mit Algiz-Rune rechts zu sehen ist. Generell kann die Rezeption Evolas in Entwicklungen 27:25 seit der italienischen Nachkriegszeit eingeordnet werden. Seit den 50ern spielte Evola in neofaschistischen Bewegungen 27:32 wie dem Movimento Sociale Italiano eine zentrale Rolle. Evola selbst betrachtete den MSI allerdings als zu links, kein Scherz, 27:41 und arbeitete vor allem mit Mitgliedern des Ordine Nuovo zusammen, eine Gruppierung, die in ihrer Selbstdarstellung 27:48 kaum auf symbolische Zurückhaltung setzte und für die Evola eine zentrale Rolle spielte. Dies weist exemplarisch darauf hin, 27:57 dass Evola in der ideologischen Entwicklung des italienischen Neofaschismus eine zentrale Rolle spielte. 28:04 Das Einfluss auf den Kultursektor kann auch auf institutioneller Ebene vermutet werden, etwa in der Fondazione Julius Evola, 28:13 zu deren Publikationen auch Giuli beitrug, wie hier zu den Studi Evoliani 1998. Den Medien fällt die Einordnung dieser Entwicklungen 28:26 in aller Regel schwer. Evola taucht insbesondere hierzulande nur sehr selten als prominenter Einfluss auf. 28:33 Dabei wäre dies wichtig, um bestimmte kulturpolitische Maßnahmen zu verstehen. Dazu zählt, dass die Biennale in Venedig 28:42 nun unter der Präsidentschaft eines weiteren Evolianers steht, der einem ganz besonders radikalen evolianischen Hintergrund entstammt. 28:50 Ich sehe schon ein bisschen die Köpfe rauchen, aber wir führen unsere dichte Analyse in Richtung der USA fort. Dort ist Evola, wie bereits angedeutet, 29:01 ein integraler Bestandteil der Alt-Right. Wie dies auch indirekt mit Entwicklungen auf höchster politischer Ebene zusammenhängen könnte, 29:09 kann ein Interview zwischen dem extremistischen Podcaster Jack Murphy und dem jetzigen US-Vizepräsidenten 29:16 J.D. Vance vom 17. September 2021 illustrieren. Vance, ein ehemaliger Evangelikaler, der 2019 zum Katholizismus konvertierte, 29:29 sagte zum Vorhaben eines kompletten politischen und gesellschaftlichen Umsturzes das Folgende: 29:36 So step one in the process is to totally replace - like rip out like a tumor - the current American leadership class, 29:44 and then reinstall some sense of American political religion. Sein Gastgeber hakte nach: How do we rip out this disgusting leadership 29:54 class? Besides voting them out, which as we're seeing is ineffectual. Vances Antwort: This is a tough question, 30:02 but this is maybe the question that confronts us right now. There is this guy Curtis Yarvin who's written about about some of these things. 30:13 Curtis Yarvin ist einer der wichtigsten Autoren des selbstreferentiell so genannten "Dark Enlightenment". 30:19 Auch unter dem Pseudonym Mencius Moldbug verbreitete er jahrelang seine Ideen über einen radikalen 30:27 gesellschaftlichen Umsturz im Sinne einer ultrarechts- libertären Revolution. Seine Polemik gegen die Übel der Moderne 30:36 ging dabei auf anscheinend paradoxe Weise mit einer Technikaffinität einher, die ihn und ähnliche Autoren zu maßgeblichen Einflüssen 30:45 auf die Ideen eines Peter Thiel oder Elon Musk machten. Vielleicht haben Sie Musks Rede von "Dark MAGA" ja mitbekommen, 30:53 Hier auch zu sehen in Mützenform. Direkte Referenzen auf Evola finden sich dort meines Wissens nicht. Doch geht es mir hier 31:01 um eine breitere Kontextualisierung bestimmter Milieus und politischer Strömungen, in denen "Dark Enlightenment" und Evola 31:09 selbst als Buzzword oder Meme, wie wir noch sehen werden, absolut omnipräsent und fundamental sind. Die Frage ist eben: warum eigentlich? 31:20 Diese oft subkulturell und jugendkulturell signifizierten Tendenzen zielen auf einen kompletten Umsturz, den radikalen Abriss 31:28 der bestehenden Ordnung ab, prominent versinnbildlicht durch die Kettensäge des argentinischen Präsidenten 31:34 Javier Milei, die dieser Elon Musk auf der letzten Conservative Political Action Conference übergab. Es war ebenfalls 31:43 auf der ja nicht gerade marginalen CPAC, dass Bannon den von seinen Verteidigern so genannten "Römischen Gruß" zeigte. Und auch Musks Geste auf einer Trump-Rally 31:54 wird Ihnen wahrscheinlich bekannt sein. Das ist bei diesen Agenten nicht nur um Wirtschaftsreformen und die Optimierung von Regierungsstrukturen geht, 32:04 liegt auf der Hand. Mileis Rede auf dem diesjährigen diesjährigen World Economic Forum in Davos zum Beispiel 32:11 ging weit über Freihandelsrhetorik hinaus, indem sie ein konkretes Feindbild für den Niedergang des Westens verantwortlich machte. 32:22 Dabei artikulierte Milei ein Selbstverständnis als Teil einer globalen Bewegung, das bezeichnend ist: 32:28 Over the course of this year I have found allies in this fight for the ideas of freedom in every corner of the world - 32:38 from the amazing Elon Musk to that fierce Italian lady, my dear Georgia Melanie, from Bukele 32:44 in El Salvador zu Viktor Orbán in Hungary; from Benjamin Netanyahu in Israel to Donald Trump in the United States - slowly 32:53 and international alliance has been forming among all those nations which like ours want to be free and believe in the ideas 33:01 of liberty. Diese globale Rhetorik der Globalisierungsgegner ist nur auf den ersten Blick paradox. Gerade die aktuelle US-Politik 33:11 könnte den Eindruck erwecken, es handele sich weniger um das Kappen globaler Verbindungen als um das Streben nach globaler Dominanz. 33:20 Es scheint so, als ob diese nicht nur durch einen Wirtschaftskampf, sondern vor allem durch einen Kulturkampf erreicht werden solle, 33:27 der sich durch eine Rhetorik von Krankheit und Heilung auszeichnet: It is our moral duty und our historical responsibility 33:39 to dismantle the ideological edifice of sickly wokeism until we have succeded in rebuilding our historical cathedral, until we have ensured 33:48 that the majority of western countries once again embrace the ideas of liberty. Wir erfahren: The common 33:56 denominator among the countries that are failing is the mental virus of work ideology. Die Hauptverantwortung dafür 34:05 läge bei "indoctrination centers disguised as universities". Wie rasant und erfolgreich diese Polemik Anklang findet, 34:17 wie begeistert sie auch hierzulande aufgenommen wird, wurde uns unlängst durch das vieldiskutierte Gespräch 34:22 zwischen Musk und Alice Weidel vor Augen geführt, gefolgt von seinem Auftritt auf einer AfD Veranstaltung 34:29 und natürlich auch vor dem Hintergrund seiner wiederholten Auslassungen in den sozialen Medien. "Freiheit", "konservativ" 34:39 und andere ganz explizit als politische Kampfbegriffe bezeichnete Wörter sind eine bewusste Resignifizierung. 34:49 Sie zeigen uns den Erfolg von Strategien, die über Jahre, über Jahrzehnte hinweg im äußeren Bereich des rechten politischen Spektrums 34:57 ganz offen diskutiert worden sind. Karlheinz Weißmann, ein protestantischer Theologe, Schullehrer und der wohl wichtigste Impulsgeber 35:05 der Neuen Rechten seiner Generation, schrieb dazu 1986: Die Fähigkeit, in die Offensive zu gehen, 35:14 muss entwickelt werden und dazu die Fähigkeit, die Situation zu beurteilen, ob hier der offene Angriff oder die politische Mimikry 35:22 gefordert ist. 15 Jahre später schrieb er: Uns geht es nicht... uns geht es um den geistigen Einfluß, nicht die intellektuelle Lufthoheit 35:33 über Stammtischen, sondern über Hörsälen und Seminarräumen interessiert uns. Es geht um Einfluss auf die Köpfe, und wenn die Köpfe auf den Schultern 35:42 von Macht- und Mandatsträgern sitzen, umso besser. Und zwölf Jahre später: Metapolitik ist das langsame, 35:49 geduldige Bohren dicker Bretter, Dass Geduld eine konservative Tugend ist, liegt auf der Hand. Aber man unterschätze nicht 35:57 ihr Umsturzpotenzial. Das war vor zwölf Jahren. Strategien wie Metapolitik, der Einfluss auf den sogenannten vorpolitischen Raum, 36:08 Ethnopluralismus als neu verpackter Nationalismus und Rassismus, das gesamte Projekt einer "Kulturrevolution 36:15 von rechts" wird in neurechten, in der neurechten Sphäre seit den 1960er Jahren intensiv verhandelt. 36:23 Und maßgeblich geht es dabei um solche politischen Kampfbegriffe, die neu besetzt werden sollen, wie zum Beispiel 36:30 "konservativ" oder "Freiheit". Die Ziele sind Diskursverschiebung, die Resignifikation von Begriffen, das allmähliche Verschieben 36:39 politischer Positionen in die gesellschaftliche Mitte, die Verwischung von Grenzen. Ich möchte dabei betonen, 36:46 dass sich die hier herausgegriffenen Beispiele nicht über einen Kamm scheren will und dass ich mit meinem Schlaglicht 36:53 auf Evola keineswegs die eine obskure Erklärung enthüllen möchte, die all das auf einmal verständlich macht. 37:01 Mir geht es darum zu zeigen, wie auch unterschiedliche Positionen durch gemeinsame Feindbilder, Rhetoriken, Narrative und Referenzpunkte 37:10 miteinander synergieren können. Die daraus resultierende Verwirrung ist oft gewollt. Bei der Entwirrung hilft es, 37:21 diese zeitgenössischen Betrachtungen nun zumindest ansatzweise historisch einzuordnen. 37:32 Ich tue das, indem ich erstens ein Schlaglicht auf die Wissenschaftsgeschichte zurzeit des NS und Faschismus werfe. 37:39 Zweitens werde ich bestimmte Nachkriegsentwicklungen aus den Bereichen des von mir so genannten esoterischen (Neo-)Nazismus 37:46 und der internationalen "Neuen Rechten" illustrieren, bevor ich einige zentrale Aspekte zum Verständnis dieser Entwicklungen herausstellen möchte. 37:56 Ich kann mich für den ersten Schritt auf einige hochwertige Arbeiten stützen, unter denen ich diejenigen meines hiesigen Kollegen Fritz Heinrich 38:04 und des Religionswissenschaftlers Horst Junginger hervorheben möchte. Ein wesentliches Ziel dieser Betrachtung ist es zu zeigen, 38:13 wie Evola in der Nachkriegszeit Schritt für Schritt zu einem respektablen Denker gemacht werden sollte, nicht zuletzt durch seine Zuordnung 38:21 zur sogenannten "Konservativen Revolution". Letztere wurde bekanntlich seit den 1950er Jahren von Armin Mohler propagiert und ist bis heute zentral 38:31 für neurechte Ideologien. Dass diese Strategien mitunter in eklatantem Widerspruch zu den historischen Fakten stehen, 38:38 kann uns über all das einiges beibringen. Zum italienischen Kontext gäbe es sehr viel zu sagen, Aber ich werfe mein erstes Schlaglicht 38:48 auf die Aktivitäten Evolas nördlich der Alpen. Evola hat in den 1930er Jahren enge Kontakte 38:55 insbesondere zur SS aufbauen können und dort vor allem zum Leiter des sogenannten Ahnenerbes. Walther Wüst. Ziel des Ahnenerbes 39:04 war die Legitimierung des Nationalsozialismus durch ideologisch geleitete Wissenschaft, in deren Dienst 39:10 sich Wüst vollkommen stellte. Als Indologe und Iranist war er an der LMU München Professor für "Arische Kultur- und Sprachwissenschaft", 39:18 brachte es 1941 zum "Führer-Rektor" der Universität und zeichnete übrigens in dieser Funktion auch für die Verhaftung 39:26 der Geschwister Scholl verantwortlich. In der SS hatte er eine steile Karriere hingelegt und zählte neben Heinrich Himmler 39:34 und Walter Darré zu den Gründern des Ahnenerbes im Jahr 1935. Horst Junginger bezeichnet Wüsts Tätigkeiten, oder Taten, 39:43 gerade auch mit Blick auf dessen Rolle für die Orientalistik und Religionswissenschaft, treffend als einen Tiefpunkt 39:49 der deutschen Wissenschaftsgeschichte. Mehrere von Wüst gehaltene Reden wurden als "Indogermanisches Bekenntnis" veröffentlicht, 39:58 doch setzte er sich nicht für eine Art neuheidnische Alternative zum Christentum ein. Wie die SS im Allgemeinen 40:05 und die allermeisten nationalsozialistischen Funktionäre, vertrat er aus mehr oder weniger opportunistischen Gründen 40:11 eine prochristliche Position und vermied eine Konfrontation mit den Kirchen - entgegen dem weit verbreiteten Glauben, 40:18 die Nazis hätten sich für eine Art Heidentum eingesetzt. Dies erklärt, warum Evola einerseits mit offenen Armen empfangen worden ist 40:28 und unterstützt wurde, andererseits aber auch auf Distanz gehalten und überwacht wurde. Zu den Themen, 40:36 über die er im Juni 1938 in Deutschland referierte, zählte etwa "Die arische Lehre des heiligen Kampfes". 40:44 Wiederholt attackierte er die Juden als angebliche Haupttäter des Umsturzes. Es war der unverhohlene und aggressive Antisemitismus, 40:55 der Evola mit führenden Vertretern der SS verband. Diese Beziehungen ging so weit, dass er für den Sicherheitsdienst 41:02 der SS tätig wurde, eine "Gruppe Evola" leitete und sich in den Diensten des SD in Wien aufhielt, 41:09 um über, oder besser gegen, die Freimaurerei zu forschen. Dort wurde er im Jahr 1945 bei einem sowjetischen Bombenangriff 41:18 so schwer verletzt, dass er für den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt blieb. Im Jahr 1938 41:26 erschien eine Einführung Evolas zu den berüchtigten "Protokollen der Weisen von Zion", der aus Osteuropa stammenden 41:32 antisemitischen Fälschung aus dem 19. Jahrhundert, die bis heute zahlreichen Verschwörungsideologien 41:38 zugrunde liegt. Evola unterstreicht in seiner Einführung, dass die Juden die westliche Zivilisation von innen zersetzten 41:46 durch Liberalismus, Individualismus, Egalitarismus, Freidenkertum, antireligiöse Aufklärung und natürlich Kommunismus. 41:54 Der Herausgeber der italienischen "Protocolli", Giovanni Preziosi, war ein traditionalistischer Katholik, 42:01 was einmal mehr illustriert, dass Evola des Christentums feindliche Haltung der ideologischen Anschlussfähigkeit 42:08 in anderen extremistischen Milieus nicht entgegenstand. Das entscheidende Bindeglied war auch hier ein unverhohlener Antisemitismus. 42:20 In der deutschen Ausgabe von Erhebungen wider die moderne Welt von 1935 schrieb Evola: Schon vor dem Krieg erschien eine Schrift mit dem Titel 42:30 Die Protokolle der Weisen von Zion. In ihr wurde eine Art Weltverschwörung aufgezeigt, die das hebräische Element systematisch und heimlich 42:39 angezettelt haben soll, um sich vor allem mittels Finanz und Presse, durch die Verbreitung des liberalistischen Virus 42:46 und die Zerstörung jedes monarchischen und aristokratischen Überreste der abendländischen Welt zu bemächtigen. 42:55 Im gleichen Zuge wendet sich Evola interessanterweise auch gegen eine angeblich jüdisch geprägte Religionswissenschaft. 43:03 Wir lesen: Juden sind vorwiegend (z.B. Reinach, Durkheim) die Wegbereiter einer befleckenden "Religionswissenschaft" 43:11 auf "soziologischer" und "ahnenmäßiger" Grundlage. Diese bewusste Bezugnahme auf Religionswissenschaft, 43:19 die sich auch im Ahnenerbe und seinem Umfeld findet, deutet einen Kontrast zwischen von Evola als schlecht 43:26 und als gut empfundenen Religionswissenschaften an. Sicherlich gewogen war er den Arbeiten eines herausragenden 43:34 Religionswissenschaftlers des 20. Jahrhunderts, Mircea Eliade. In Rumänien traf Evola im März 1938 Corneliu Zelea Codreanu, 43:46 den Führer der Legion Erzengel Michael bzw. der Eisernen Garde. Auch diese Sympathien gründeten sich 43:54 über unterschiedliche Einstellungen zum Christentum hinweg gehend auf einen gemeinsamen Antisemitismus. 44:01 Eliade wiederum, der Eisernen Garde verbunden, hatte Evolas Arbeiten seit 1927 gepriesen und rezensierte 1935 44:10 die Revolte gegen die moderne Welt wohlwollend. Nach dem Krieg, von 1959 bis '71, gab Eliade gemeinsam mit Ernst Jünger 44:21 die Zeitschrift Antaios heraus, zu der auch Evola Beiträge beisteuerte. Man beachte hier auch die Namensgebung mit Blick auf 44:30 den neurechten Antaios Verlag. Nachdem ich Ihnen nun einen kurzen Einblick in den Strang der Wissenschaftsgeschichte gegeben habe, 44:40 möchte ich den Fokus auf Nachkriegsentwicklungen im besonders extremistischen Bereich 44:45 esoterischer Vorstellungen richten, wie sie von Alt- und Neonazis vertreten worden sind. Diese drehen sich maßgeblich 44:54 um die Symbolik der sogenannten "Schwarzen Sonne", die Sie hier in ihrer heutigen Darstellung sehen. 45:01 Seit den 1950er Jahren behauptete eine Gruppe von Autoren die Existenz einer sogenannten esoterischen SS, 45:08 die auch nach 1945 unter diesem Zeichen der Schwarzen Sonne weiterhin operiere und sich dabei Geheimtechnologien bediene, 45:18 welche die seit 1947 sehr populären UFO-Sichtungen erklärten. Daher kommt diese ganze Sache mit den Nazi-UFOs. 45:26 In mancherlei Hinsicht handelt es sich dabei um Kontinuitäten aus dem völkisch-esoterischen Untergrund der Zwischenkriegszeit, 45:33 die ich hier nicht weiter vertiefen kann. Hervorheben möchte ich, dass sich diese Autoren, allen voran das ehemalige 45:40 Wiener SS-Mitglied Wilhelm Landig, Maßgeblich auf Julius Evola beriefen. Nicht zuletzt dessen Konzeption "des Nordens" 45:49 als Ursprung des "Arischen", versinnbildlicht durch die Orte Atlantis, Hyperborea 45:56 oder Thule, war für diese Autoren interessant. In Landigs Götzen gegen Thule von 1971 lesen wir: Hinter 46:07 den Kulissen der Weltgeschichte geht ein großes Kräftemessen vor sich, das mit Bestimmtheit eine Kraft für sich entscheiden wird, 46:14 welche den ewigen Eingeweihten als esoterisches Weltzentrum oder als Hochsitz der ethisch positiven Kräfte bekannt ist. 46:22 Es ist das wahre Ultima Thule, nicht nur der arischen Völker, sondern der ganzen Welt. Die Schwarze Sonne sei Ausdruck 46:30 der "Kräfte des Lichts", die gegen die "Kräfte der Finsternis" kämpften, welche in der Erzählung 46:37 ganz unschwer als Juden zu erkennen sind. Das heute als Schwarze Sonne bekannte Symbol findet sich in der Wewelsburg 46:46 bei Paderborn, nicht so weit weg von hier, die Himmler zu einer weltanschaulichen Schulungsstätte umbauen lassen wollte. 46:54 Die soeben erwähnten Autoren nahmen diese Identifikation mit diesem Symbol aber noch nicht selbst vor. 47:00 Sie geschah erst in den 1990er Jahren in einem Roman, der wieder einmal im Arun Verlag erschienen ist. 47:10 Personale Kontinuitäten dieser Kreise zum Ahnenerbe lassen sich anhand von Herman Wirth illustrieren, 47:16 ein quasi zugunsten Evola Evola geschasstes Gründungsmitglied des Ahnenerbes, das sich mit den Ursprüngen 47:24 der "atlantischn-ordischen Rasse" in Atlantis befasst hatte. Das lag übrigens bei Helgoland, falls Sie es noch nicht wussten. 47:32 Wirth publizierte in der Nachkriegszeit in Landigs Volkstumverlag. Hier herrscht ganz dringender Forschungsbedarf. 47:40 Ich möchte andeuten, dass ein vertieftes Verständnis dieser Dynamiken eine konsequent globale Perspektive 47:48 auf die zugrunde liegenden Netzwerke voraussetzt, an denen Alt- und Neonazis mitwirkten, darunter auch die schillernde Figur 47:57 Maximiniani Portas, die als Savitri Devi bekannt wurde und eine meiner Markierungen für eine Verbindung nach Indien darstellt. 48:07 Noch heute ist Savitri Devi eine Galionsfigur extremistischer Netzwerke auf der ganzen Welt. 48:13 Sie reiste in den 1930er Jahren nach Indien und wurde in Kalkutta zur glühenden Nazi-Anhängerin. Sie können sich denken, 48:20 wie viel man da auspacken kann aus dieser Geschichte. Sie knüpfte enge Kontakte zu den Vordenkern des Hindu-Nationalismus 48:28 und veröffentlichte 1939 A Warning to the Hindus, in der sie den Islam als semitisch Fremdes attackierte, 48:36 das in Indien wie das Judentum in Europa vernichtet werden müsse. Ich zeige Ihnen dieses Beispiel, weil Evola und Savitri Devi 48:46 zu den am meisten verbreiteten populären Versatzstücken gegenwärtiger rechtsextremistischer Subkulturen zählen, 48:54 nicht zuletzt in den Untiefen der Onlinewelt. Dieser enorme Erfolg ist nicht nur dem extremen Strang geschuldet, 49:02 den ich hier herausgegriffen habe - also vielleicht den besonders extremen Strang, sollte ich sagen - 49:07 sondern vor allem auch Evolas zentraler Rolle für die Entwicklung der internationalen sogenannten "Neuen Rechten". 49:15 Hier müssen Sie nochmal ein bisschen stark bleiben. Evola war in die Entstehung, war in die Entstehung 49:23 oder Weiterentwicklung rechtsradikaler und extremistischer Netzwerke nach 1945 unmittelbar involviert. 1951 schrieb er zum Beispiel 49:33 in der einschlägigen Zeitschrift Nation Europa, dass es nun nach dem Krieg des Anschlusses an eine genaue positive 49:42 und normative geistige Autorität bedarf. Die übernationale europäische Einheit sollte vorläufig heroisch bestimmt 49:53 sein von Eliten ungebrochener Männer. Dann, schrieb er, würde wirklich aus den Trümmern nicht so sehr die "Nation Europa" 50:01 als das "Reich Europa" entstehen und die drohende Gefahr der endgültigen Zersetzung und Versklavung unserer Völker abwenden. 50:11 Seit den 1960ern waren Evolas Gedanken, darunter nicht zuletzt derjenige des europäischen Supranationalismus, weitgehend für die 50:20 französische Nouvelle Droite einflussreich, deren wohl prominentester Vertreter bis heute Alain de Benoist ist. 50:32 Ausgehend des von ihm gegründeten Groupement de Recherche et d'Études pour la Civilisation Européenne, kurz GRECE, wurden enge europäische 50:41 Partnerschaften und Netzwerke gegründet. Die französische Zeitschrift Éléments zum Beispiel hatte einen deutschen Ableger namens Elemente, 50:49 einen italienischen Namens Elementi usw. Diese Szene war fluide und heterogen. Immer wieder gab es Streitigkeiten und Konkurenzverhältnisse, 51:00 wie etwa zu den sogenannten Synérgies européennes, ebenfalls mit nationalen Ablegern. Trotz Differenzen 51:07 zog man allerdings immer wieder am selben Strang. Evola wurde in Frankreich vor allem seit den 1970ern wiederentdeckt, 51:15 stimuliert durch Monographien und Sonderausgaben. Ich habe bereits angedeutet, welch wichtige Rolle Evola 51:23 im Umfeld des MSI und Ordine Nuovo zukam, aber auch einer ganzen Reihe weiterer Paletten 51:31 an radikalen und extremistischen Gruppierungen. Als zentrale Plattform für die Synérgies européennes 51:38 fungierte in Italien die Zeitschrift Orion, deren Beitragende sich sehr häufig auf Evola bezogen 51:45 und die ihm ganze Sonderausgaben widmeten. Hier von 2002, aber auch zum Beispiel von 1998. Interessant ist nun, 51:54 dass 1992 eine Delegation von Orion und weiterer Akteure, vor allem von Seiten der französischen Synérgies européennes, 52:02 nach Moskau reiste, um dort Kontakte unter anderem zu Alexandr Dugin und weiteren Extremisten zu knüpfen 52:10 bzw. zu festigen. 1994 folgte dann eine Reise in den Iran, was eine weitere, hier nicht weiter verfolgte 52:19 globale Verbindung markiert, die es noch eingehender zu erforschen gälte. Die führenden Zeitschriften der deutschen Neuen Rechten, Criticón, 52:31 Junge Freiheit und Sezession, setzen sich immer wieder prominent mit Evola auseinander. Dies hängt vor allem mit den Erst- 52:39 und Neuübersetzungen zentraler Bücher Evolas zusammen, die in den 1990er Jahren konzentriert erschienen. 52:47 Caspar von Schrenck-Notzing, neben Armin Mohler die damalige Führungsgestalt der "Neuen Rechten", schrieb zur Übersetzung von Menschen 52:54 inmitten von Ruinen in Criticón im Jahre 1992: Mit der deutschen Übersetzung ist nunmehr ein wichtiges Werk 53:02 der Metapolitik leicht erreichbar. In Rom, berichtet Schrenck-Notzing, sei Evola nach dem Krieg auf einige, vor allem junge Leute gestoßen, 53:12 die inmitten der Ruinen aufrecht standen. Für sie schuf er mit dem besprochenen Band eine Art von traditionalem Handbuch für die Voraussetzungen 53:23 politischen Handelns. Der Übersetzer Evolas, H.T. Hansen, eigentlich Hans Thomas Hakl, 53:30 beschrieb das Werk Evolas in der extremistischen, beim Grabert Verlag erschienenen Zeitschrift Deutschland 53:36 in Geschichte und Gegenwart als einen Versuch, zwischen dem gesichtslosen sowjetischen Kommunismus 53:42 und dem bloß maskentragenden, unbeschränkten, in Anführungszeichen "amerikanischen" Liberalismus 53:49 einen dritten Weg auf spiritueller Grundlage zu schaffen. Ein Monument, an dem sich die Geister scheiden, 53:56 und es ist fast unmöglich, an Evola vorbeizukommen. Sucht man tatsächlich nach dem viel zitierten "Dritten Weg". 54:05 Karlheinz Weißmann steuerte wohlgemerkt, anscheinend einmal mehr über religiöse Differenzen hinweg, eine Bibliographie 54:13 zu dieser Übersetzung hinzu und äußerte sich zum Beispiel in den Nouvelles Synérgies Européennes von 1997 positiv über ein "Erwachen 54:23 des Traditionalismus in Deutschland". Evola wurde zu dieser Zeit immer näher an das Konstrukt der sogenannten "Konservativen Revolution" angenähert 54:34 und wurde somit endgültig zu einem Heroen auch der deutschen Neuen Rechten. Hier eine Sonderausgabe von Criticón von 1998 mit einem Porträt Evolas. 54:45 Entgegen allen historischen Tatsachen sollte Evola damit, ähnlich wie die anderen angeblichen oder manche anderen angeblichen Akteure 54:53 der "Konservativen Revolution", von NS und Faschismus distanziert werden. Die Prominenz dieser Strategie wird durch mehrere Versionen 55:02 und Übersetzungen deutlich: in den Studi Evoliani, interessanterweise in derselben eingangs zitierten, gezeigten Ausgabe, 55:10 zu der auch Alessandro Giuli beitrug, in Frankreich mit einer Rahmung durch Benoist und den bekannten Extremisten Philippe 55:18 Baillet; und noch 2013 in einem von Weißmann herausgegebenen Sammelband. Weniger subtil gingen andere Akteure in der Sphäre der "Neuen Rechten" vor, 55:30 nicht zuletzt der Deutsch-Franzose Pierre Krebs, der den deutschen Ableger leitete, das 1981 gegründete Thule-Seminar. 55:40 Hier wirkten unter anderem wie Wigbert Grabert mit, Leiter des von seinem Vater Herbert gegründeten Grabert Verlages 55:46 sowie Hans Michael Fiedler, eine Führungspersönlichkeit der NPD. Die deutschen Elemente zeichneten sich durch einen deutlicheren Extremismus aus 55:59 und sind neben anderen Aktivitäten des Seminars bedeutend für die Verbreitung der nun mit dem Symbol aus der Wewelsburg identifizierten 56:08 Schwarzen Sonne verantwortlich. Rasant wurde dieses Symbol zu dem globalen Identifikationsmarker, der es heute ist. 56:17 Hier zu sehen bei der berüchtigten "Unite the Right"-Rally von 2017 in Charlottesville; oder als ehemaliges Symbol 56:27 des ukrainischen Asow-Bataillons. Um hier aber nicht den Eindruck zu erwecken, die Ukraine bedürfe 56:33 einer Entnazifizierung, sei auch auf die Prominenz des Symbols unter russischen Neonazis verwiesen. Und auch in Deutschland 56:41 ist das Symbol heute nahezu allgegenwärtig. Es wurde unter anderem vom Täter verwendet, 56:49 der 2019 den Anschlag auf die Synagoge in Halle ausübte. Und auch der Täter von Christchurch, der im Jahr 2019 56:58 ein Massaker in zwei Moscheen verübte, verwendete das Symbol auf seiner Ausrüstung in seinem sogenannten "Manifest". 57:06 Gleiches gilt für den Täter in Buffalo 2022, der als selbstreferentieller Ethno- Nationalist und "Kämpfer 57:15 gegen den Großen Austausch" afroamerikanische Menschen ermordete. Die Opfer dieser Verbrechen führen uns vor Augen, 57:23 dass wir die hier diskutierte Thematik intersektional untersuchen und dementsprechend 57:29 über Lösungsansätze nachdenken müssen. Längst ist die Schwarze Sonne, nicht selten in Verbindung mit Evola und anderen, zu einem Bestandteil 57:38 rechtsextremer Popkultur geworden, wie dieses Musikprojekt illustrieren kann. Es handelt sich dabei um ein Genre namens Fash Wave, 57:46 also Fascist Wave, das halb ironisch mit 80er-Jahre-Nostalgie spielt. Wir sehen hier Evola, Codreanu, Joseph de Maistre, 57:54 mit dem ich mich in meiner Dissertation auseinandergesetzt habe, und den italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti. 58:03 Weitere Beispiele verdeutlichen die vielsagende Verbindung verschiedener Elemente, hier mit den Identitären. 58:11 Und all das wird auch explizit mit MAGA in Verbindung gebracht. Vielleicht ist jemandem aufgefallen, dass sich auch 58:18 dieses Handbook for Right-Wing Youth derselben Ästhetik bedient. Es geht auch ein bisschen um subkulturelle Codes, 58:25 eine gewisse Ästhetik, die aufgebaut wird. Wir sehen also, wie die drei von mir herausgegriffenen Stränge untrennbar 58:34 miteinander verflochten sind und gegenwärtige Entwicklungen aus verschiedenen Perspektiven erklären können. 58:40 Dabei möchte ich nochmals betonen: Ich möchte nicht suggerieren, dass alles durch Evola erklärt werden kann. 58:47 Wir können die Handlungen eines Bannon oder Musk zum Beispiel nicht endlich begreifen, weil diese angeblich daheim saßen 58:52 und Evola gelesen haben. Das ist nicht der Punkt. Auch möchte ich die hier vorgestellten Persönlichkeiten, 59:00 Gruppierungen, Institutionen und Bewegungen wie gesagt nicht miteinander gleichsetzen. Die Unterschiede sind teils enorm, 59:07 aber dennoch sind sie evidenterweise Teil desselben komplexen Geflecht, das einen bedeutenden Anteil an der Herbeiführung 59:15 unserer jetzigen Lage hat. Dies wurde nicht zuletzt durch Niedergangsnarrative möglich, die Rede 59:22 von Zersetzung, Krankheitsrhetorik über Tumore und Viren, die es endlich auszumerzen gelte. Unterschiedliche Positionen 59:32 können durch solche Narrative und Rhetoriken ebenso verbunden werden wie durch Neugestaltungen von Rassismus, Antisemitismus, 59:39 Muslimfeindlichkeit, im Rahmen des Großen Austauschs, des Ethnopluralismus, des Globalismus. Was wir hier in weiten Teilen 59:48 beobachten konnten, ist Diskursverschiebung, Resignifikation, politische Mimikry. Was kann Religionswissenschaft 59:59 also in dieser Situation gesellschaftlich leisten? Wie ich bereits angedeutet habe, ist ein Wirrwarr wie dasjenige, 1:00:08 mit dem ich sie nun malträtiert habe, der ideale Untersuchungsgegenstand einer globalen Religionsgeschichte, die keine glatten Narrative schreibt, 1:00:19 die Brüche und Kontinuitäten herausarbeitet, Nuancen, Ambivalenzen und Widersprüche. Ihre methodologische Selbstreflexion 1:00:27 und ihre Theoretisierung der Umstrittenheit von Bedeutung stehen nicht für postmoderne Beliebigkeit, sondern decken sich 1:00:34 mit den Aushandlungsprozessen einer freiheitlich demokratischen und pluralistischen Gesellschaft, 1:00:40 die sich immer wieder selbst herausfordert und hinterfragt. Dies ist kein akademischer Selbstzweck, sondern Teilhabe an Demokratie 1:00:49 und ein Eintreten für wissenschaftliche wie gesellschaftliche Freiheit. Wissenschaftliche Kritik wirkt nicht "zersetzend", 1:00:58 sondern sie festigt demokratische Werte gerade auch durch eine fundierte und sachliche Debattenkultur. 1:01:06 Ziel dessen darf nicht eine polarisierende Identitätspolitik sein, sondern eine Ausbildung und Übung im Problematisieren, 1:01:14 im Verkomplizieren, im Unbequem sein. Demokratie wie Wissenschaft sollen unbequem sein. Auch dies macht sie zu gemeinsamen Feinden 1:01:26 von Akteuren, die sich unumstößliche, unhinterfragbare organische Strukturen herbeisehnen. Die Religionswissenschaft 1:01:35 verfügt aufgrund ihrer Geschichte und ihrer besonderen Reflexionskultur über ein spezifisches Repertoire. Um diesen Herausforderungen zu begegnen. 1:01:45 Es ist höchste Zeit, dieses bewusster und Aktiver in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Für die Zukunft 1:01:53 möchte ich gemeinsam auf eine multidisziplinäre und multiperspektivische Religionsforschung hinarbeiten, 1:01:59 in der sich Fächergrenzen, diverse Weltanschauungen, Ansätze und Streitigkeiten nicht auflösen, sondern sich gegenseitig herausfordern 1:02:08 und konstruktiv ergänzen. In Göttingen ist die Religionswissenschaft durch ihre Verankerung in drei Fakultäten und ihre Anbindung an die Theologie, 1:02:17 gerade auch die interkulturelle Theologie, in einzigartiger, exzellenter Weise positioniert. Ich wünsche mir für die Zukunft 1:02:25 keine Homogenisierung, sondern Vielfalt. Entscheidend dafür ist, dass wir für wissenschaftliche wie demokratische Prinzipien 1:02:34 an einem Strang ziehen, Vielfalt verteidigen, wissenschaftlich wie gesellschaftlich. Dies scheint mir 1:02:42 einem ehrlichen Verständnis von Freiheit zu entsprechen. Ich danke Ihnen nun für Ihre Geduld, für Ihr Durchhaltevermögen 1:02:51 und freue mich auf unseren weiteren Austausch. Lassen Sie uns das Buffet stürmen. Vielen Dank.