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Bist du links? Oder rechts? | Politische Einstellungen erklärt
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 143 Zeilen
- Jeden Tag bekomme ich von euch Dutzende Fragen gestellt. Was isst du am liebsten, wer wird Bundeskanzler,
- wie gewinne ich im Lotto, und so weiter. Aber die mit Abstand am häufigsten auftauchenden Fragen sind andere.
- Nämlich: Wen wählst du eigentlich? Oder auch: Wo würdest du dich politisch einordnen?
- Bist du links, bist du rechts? Abgesehen davon, dass ich euch nicht beeinflussen will
- und mich deshalb da zurückhalte und nicht antworte, muss ich zugeben, was sich auf die letzte Frage antworten sollte,
- wüsste ich gar nicht so genau. Im Prinzip hat man da in einer Demokratie drei Richtungen parat.
- Dazu dann noch diverse Unterformen. Aber was bedeutet das überhaupt, links zu sein oder rechts,
- und woher kommen die Begriffe? Lassen sie sich heute überhaupt noch anwenden?
- Genau darum geht's jetzt. (Dynamische Musik)
- Zum Start müssen wir mal eine kleine Zeitreise machen. Und zwar ungefähr 200 Jahre zurück, in das Jahr 1789.
- Wir befinden uns mitten in der Französischen Revolution. Das Volk hat genug, was der Adel treibt, und bläst zum Angriff.
- Und der symbolische Beginn für den Angriff ist der Sturm auf die Bastille in Paris.
- Über dieses Ereignis und alles, was damit zusammenhängt, könnte man Tausende Videos machen,
- aber ich habe schon mal sehr viel dazu gesagt. Das Video findet ihr auf dem Kanal "MrWissen2go - Geschichte".
- Für uns ist in diesem Zusammenhang etwas anderes wichtig: Um die Verhältnisse in Frankreich neu zu ordnen,
- bildet sich eine sogenannte Nationalversammlung. Und die soll eine Verfassung ausarbeiten.
- Eine Verfassung, die den Idealen der französischen Revolution entspricht. Auf diesem Bild könnt ihr sehen, wie es damals zugegangen ist.
- Wie früher im Alten Rom im Senat ordnen sich die Mitglieder der Nationalversammlung
- um das Präsidium herum an. Am Anfang zufällig, schon nach kurzer Zeit aber nach einem festen Muster.
- Und da wird es für uns besonders interessant. Links vom Präsidenten sitzen Leute, die eine große Veränderung wollen.
- Also die Vollendung der Revolution. Rechts dagegen das komplette Gegenteil.
- Die alte Ordnung so weit wie möglich beibehalten. Als "le côté droite" wird das auf Französisch bezeichnet.
- Übersetzt: die rechte Seite. Und links dann "le côté gauche".
- Dazwischen gibt es eine Mitte, die weder das eine noch das andere will. Irgendwie ja auch logisch.
- So sind die Lager klar, und so wird auch diskutiert. Zumindest eine Weile lang.
- Dann bricht wieder Gewalt aus und Frankreich versinkt in blutigen Unruhe.
- Erst 1814 gibt es ein Revival der Nationalversammlung. Aber, und das wisst ihr wohl,
- Frankreich ist damals nicht irgendein Land, Frankreich ist in dieser Zeit das,
- was die USA für den Westen heute oft sind, das Land mit dem größten politischen und gesellschaftlichen Einfluss.
- Nachdem es Anfang der 1840er-Jahre in Frankreich mal wieder brodelt, schwappt die Revolution schließlich nach Deutschland über.
- Und auch hier bildet sich eine Nationalversammlung, um eine Verfassung auszuarbeiten.
- Der Treffpunkt der Nationalversammlung, die übrigens gewählt wurde, ist die Paulskirche in Frankfurt.
- Auch hier gibt es die bekannte Sitzordnung: ein Halbkreis um das Präsidium herum.
- Links die, die alles umkrempeln wollen, rechts die, die das meiste bewahren wollen.
- Aber in Deutschland geht es erst mal schief. Die Revolution scheitert 1849.
- Einen deutschen Nationalstaat mit einer einheitlichen Verfassung gibt es erst 20 Jahre später unter Wilhelm I.
- und Otto von Bismarck mit dem deutschen Kaiserreich. Was bleibt, ist die Sitzordnung in den Parlamenten.
- Links: Wandel, rechts: Alles bleibt, wie es ist. Ein Muster, bei dem sich die Menschen schnell einordnen konnten.
- Je nachdem, wie man gedacht hat, war man eher links oder eher rechts. Ziemlich einfach, könnte man meinen.
- Aber natürlich ist es schon Mitte des 19. Jahrhunderts nicht so entspannt gewesen,
- dass man Politiker in eine Schublade stecken konnte, sondern es gab fließende Grenzen.
- Der Historiker und ehemalige Bundesminister Gerhard Stoltenberg schreibt dazu, schon ein paar Jahre her, aber interessant:
- Genau hier sieht man zum ersten Mal, wie schwierig es ist, in solchen groben Kategorien zu denken.
- Wir kommen dazu gleich noch genauer. Links waren bis zum Aufkommen der Arbeiterbewegung
- vor allem die Liberalen. Menschen, die einen deutschen Nationalstaat wollten
- und gleiche Rechte für alle. Dann kamen aber plötzlich die Arbeiter.
- Denen war der Nationalstaat eher egal, die gleichen Rechte für alle aber umso wichtiger.
- Waren die jetzt eher links? Oder waren die rechts? Aus heutiger Sicht würde man sagen, ganz klar links,
- aber damals war das nicht eindeutig und musste sich erst etablieren. Damit das funktionieren konnte, brauchte man Definitionen.
- Definitionen, die ein bisschen weiter gehen als das, worüber wir bisher gesprochen haben.
- Genau die schauen wir uns jetzt genauer an. Wir starten mit der Definition des Wortes "Links".
- Historisch gesehen, wollen Menschen, die links orientiert sind, große gesellschaftliche Veränderung.
- Diese Idee gibt's bei Linken auch heute noch, allerdings stehen andere Dinge im Mittelpunkt.
- Der zentrale Begriff dabei ist Gleichheit. Oder, angelehnt an den französischen Begriff "egalité", Egalität.
- Die Idee dahinter ist, eine Gesellschaft kann nur dann gerecht sein, wenn alle gleich sind.
- Wenn es keine Unterschiede mehr zwischen den Klassen gibt. Geht's um das Thema Migration, ist die linke Haltung dazu:
- Wir müssen anderen helfen und sie bei uns aufnehmen. Schließlich sind wir alle gleich.
- Solidarität spielt dabei eine wichtige Rolle. Ähnlich sieht es bei Steuern aus.
- Die, die mehr haben, müssen aus linker Sicht auch mehr bezahlen, damit es im Verhältnis fair bleibt.
- Wichtig dabei ist, die Gleichheit steht für Linke im Zweifelsfall vor individueller Freiheit.
- Zum Beispiel wenn es um Wohnraum geht. Da ist 'ne linke Position:
- Wo Wohnraum knapp ist, muss es möglich sein, Vermieter, also Eigentümer, zu enteignen,
- damit sich alle 'ne Wohnung leisten können. Damit wieder alle gleich sind.
- Wenn es sein muss, soll der Staat eingreifen und für Gleichheit oder Gleichbehandlung sorgen.
- Zur Gleichheit gehört auch die, wie schon gesagt, Gleichbehandlung. Minderheiten oder andere gesellschaftliche Gruppen
- dürfen wir Linke nicht diskriminiert werden. Im Gegenteil, Staat und Gesellschaft müssen dazu beitragen,
- dass Diskriminierung definitiv verhindert wird. Dazu gehören neben gesellschaftlicher Gleichstellung auch Sprachregelungen.
- Wie etwa, da habt ihr bestimmt gleich daran gedacht, das Gendersternchen, bei dem Frauen besonders mitberücksichtigt werden sollen.
- Also etwa Lehrer*innen. Das Ziel für Linke ist eine Gesellschaft,
- in der alle gleiche Chancen haben und niemand vor dem anderen steht. Das klingt ein bisschen nach Kommunismus,
- also dem Zustand, in dem alle Menschen komplett gleich sind. Das stimmt und stimmt auch nicht,
- denn Kommunismus ist eine extreme Form linker Politik. Dazu kommen wir noch genauer.
- Jetzt erst mal zur zweiten Definition. Nummer zwei wäre "Rechts".
- Wer oder was ist rechts? Erst mal die Bitte:
- Vergesst das, was euch direkt einfällt, wenn ihr an rechte Politik oder Politiker denkt,
- und erinnert euch daran, was wir besprochen hatten. Rechts saßen damals in den Nationalversammlung diejenigen,
- die die alte Ordnung bewahren wollten, also keine großen Veränderungen,
- und denen das Prinzip der Freiheit besonders wichtig war. Genau das sind die beiden zentralen Motive bei Rechten.
- Während für Linke die Freiheit des Einzelnen im Zweifel zurücktreten muss, steht sie für Rechte über allem anderen.
- Der Staat soll auf gar keinen Fall versuchen, in die Gesellschaft einzugreifen,
- sondern die Ordnung findet sich irgendwie von allein. Menschen, die mehr haben, einflussreich sind, muss es geben.
- Also eine erzwungene Gleichheit lehnen Rechte ab. Eliten, die sind eine logische Folge.
- Sie sagen, es ist von Natur aus so, dass manche mehr haben als andere, und wer sich richtig anstrengt, kann weiter nach oben steigen.
- Mehr Steuern für Reiche: nee. Unbegrenzt Menschen aus anderen Ländern aufnehmen: nein.
- Nur wenn sie dem Staat was bringen. Da soll sich der Staat also aushalten.
- Bei einem anderen Punkt musste er aus rechter Sicht umso aktiver sein. Wenn es um die Sicherheit geht, die innere und äußere Sicherheit.
- Dabei spielt noch eine Sache eine wichtige Rolle: die Grenzen. Rechte Politik ist vor allem nationale Politik.
- Und dann natürlich noch die alte Ordnung. Wer rechts ist, ist nicht gleich gegen Progressivität,
- also Fortschritt, aber sie oder er ist zurückhaltender, was neue Entwicklungen angeht.
- Da bewahrt man lieber das, was man hat. Man ist konservativ, kann man dazu auch sagen.
- Beispiele können das klassische Familienbild sein von Frau und Mann, die Wehrpflicht oder auch neue Antriebsformen beim Auto.
- Da merkt ihr schon, das sind bei beiden politischen Richtungen nicht nur Dinge, die man gut finden muss,
- aber sie sind absolut vereinbar mit unserer Verfassung. Und nicht nur das, sowohl linke als auch rechte Politik
- gehören zu unserer Demokratie dazu. Ansonsten wären alle in der Mitte,
- und es würde keinen Wettkampf um die besten Ideen geben, alles wäre ein Einheitsbrei.
- Allerdings muss man sagen, gerade in den vergangenen Jahren haben sich die Wörter "links" und "rechts" zum Kampfbegriff verändert.
- Links gerne noch verbunden mit "grün versifft". Links-grün versifft ist eine Beleidigung für Menschen,
- die sich für Migranten einsetzen oder dafür, eine Maske zu tragen. Und rechts wird als Synonym für Menschen benutzt,
- die sich demokratie- oder fremdenfeindlich äußern. Kaum ein im eigentlichen Wortsinn rechter Politiker
- würde sich deshalb noch als rechts bezeichnen. Die meisten verwenden Begriffe wie bürgerlich oder konservativ.
- Genau das ist das Problem bei dem Schema von vor 200 Jahren. Es passt einfach nicht in unserer Zeit.
- Es gibt keine mächtigen Könige mehr und keine Grundsatzdiskussionen über neue Verfassungen.
- Oder eher selten. Wir haben Dutzende Parteien mit ganz unterschiedlichen Ausrichtungen,
- und oft kann man die alte Schablone nicht mehr anlegen. Nehmen wir mal, und das wird euch vielleicht überraschen, die Grünen.
- In vielen Punkten eine klassisch linke Partei. Aber eben nicht nur.
- Die Grünen wollen die Natur erhalten. Also etwas bewahren. Strenggenommen ist das konservativ, also recht.
- Außerdem kritisieren Grüne immer wieder die Globalisierung und wollen mehr nationales Wirtschaften.
- Auch das rechts. Winfried Kretschmann etwa ist eher ein rechter Politiker.
- Ähnlich sieht es bei der CDU aus. Von der Definition her eine rechte Partei,
- aber unter Angela Merkel hat Deutschland den Atomausstieg beschlossen,
- die Wehrpflicht ausgesetzt, die Ehe für alle eingeführt. Alles linke Themen.
- Also, die Grenzen zwischen den Parteien werden immer fließender. Klassisch linke und rechte Parteien gibt es kaum noch.
- Klar, Die Linke hat das schon im Namen, wobei es auch hier rechte Tendenzen gibt, Stichwort Sahra Wagenknecht.
- Mehr dazu in der Infobox. Die AfD auf der anderen Seite.
- Insgesamt ist alles heterogener als vor einigen Jahrzehnten. Aber auch schon Anfang der 1960er-Jahre war das alles absehbar.
- Damals hat der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt für die Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" geschrieben:
- Interessanterweise gelten einige Positionen von Helmut Schmidt damals heute als rechts, obwohl er für die eher linke SPD unterwegs war.
- Ganz klar ist aber auch: Egal ob sich alles immer mehr vermischt, es gibt Grenzen.
- Da sind wir bei einem kleinen Wort, das viel verändern kann: das Wort "Extrem".
- Wer linksextrem ist, will nicht nur Gleichheit für alle, er will eine Umwälzung des Systems, wenn nötig mit Gewalt.
- Ziel ist eine herrschaftsfreie Gesellschaft, in der das Individuum nichts und das Kollektiv alles ist.
- Im Gegensatz zum Rechtsextremismus. Gleichheit soll abgeschafft werden, zählen tut das Volk.
- Demokratie und ihre Werte sind überflüssig, stattdessen soll eine starke Gruppe oder Person anschaffen.
- Das war beides nur verkürzt dargestellt, aber ich denke, die Richtung ist klar.
- Mehr dazu findet ihr in der Infobox. Für linke oder rechte Politiker ist es ganz wichtig,
- sich von Extremisten abzugrenzen und ihre Forderungen und Ideen nicht zu unterstützen.
- Das schadet den Begriffen "links" und "rechts", wie man sieht. Darüber haben wir schon gesprochen.
- Und wenn es um rechte Politik geht, gibt's eine historische Vorbelastung. Die Nazis haben sich zwar so gut wie nie als rechts bezeichnet,
- aber nach der politischen Definition waren sie es, ganz klar. Genauer gesagt waren sie rechtsextrem.
- Daran ändert auch der Begriff "sozialistisch" im Parteinamen der NSDAP nix.
- Die Nazis wollten Gleichheit, allerdings nur für alle, die sie zur sogenannten Volksgemeinschaft gezählt haben.
- Und das waren eben nicht alle in der Gesellschaft. Das heißt, die Begriffe "links" und "rechts"
- haben eine lange Geschichte und sind zu veraltet, um sie noch anzuwenden.
- Das Problem ist nur, es gibt kaum Alternativen. Stattdessen helfen vielleicht Modelle wie das von Bryson und McDill.
- Ich hab in der Infobox etwas verlinkt. Aber auch da gibt es Schwächen.
- So richtig kann man nicht sagen, was die beste Lösung ist. Vielleicht habt ihr eine Idee.
- Brauchen wir einen Neuanfang? Wie konnte der aussehen? Schreibt's gerne in die Kommentare und auch,
- was ihr verbindet mit links und rechts. Da hat ja jeder auch irgendwie sein eigenes Bild.
- Hier findet ihr ein Video zum Thema Kommunismus, Sozialismus. Hab ich ja schon ganz kurz angedeutet.
- Eben dann, wenn alle gleich sind und es keine Herrschaft mehr gibt. Zumindest theoretisch.
- Darunter ein Video über den Nationalsozialismus. Damit hätten wir die extremen Formen von linker und rechter Politik.
- In der Infobox ist etwas zum Thema Liberalismus, der kam gar nicht zur Sprache, aber vielleicht ein andermal.
- Danke fürs Zuschauen, bis zum nächsten Mal.
Zum Nachlesen
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