Bist du links? Oder rechts? | Politische Einstellungen erklärt MrWissen2go https://www.youtube.com/watch?v=Fh5U7l7CXho Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Jeden Tag bekomme ich von euch Dutzende Fragen gestellt. Was isst du am liebsten, wer wird Bundeskanzler, 0:05 wie gewinne ich im Lotto, und so weiter. Aber die mit Abstand am häufigsten auftauchenden Fragen sind andere. 0:12 Nämlich: Wen wählst du eigentlich? Oder auch: Wo würdest du dich politisch einordnen? 0:17 Bist du links, bist du rechts? Abgesehen davon, dass ich euch nicht beeinflussen will 0:22 und mich deshalb da zurückhalte und nicht antworte, muss ich zugeben, was sich auf die letzte Frage antworten sollte, 0:28 wüsste ich gar nicht so genau. Im Prinzip hat man da in einer Demokratie drei Richtungen parat. 0:36 Dazu dann noch diverse Unterformen. Aber was bedeutet das überhaupt, links zu sein oder rechts, 0:42 und woher kommen die Begriffe? Lassen sie sich heute überhaupt noch anwenden? 0:46 Genau darum geht's jetzt. (Dynamische Musik) 0:53 Zum Start müssen wir mal eine kleine Zeitreise machen. Und zwar ungefähr 200 Jahre zurück, in das Jahr 1789. 1:00 Wir befinden uns mitten in der Französischen Revolution. Das Volk hat genug, was der Adel treibt, und bläst zum Angriff. 1:07 Und der symbolische Beginn für den Angriff ist der Sturm auf die Bastille in Paris. 1:12 Über dieses Ereignis und alles, was damit zusammenhängt, könnte man Tausende Videos machen, 1:17 aber ich habe schon mal sehr viel dazu gesagt. Das Video findet ihr auf dem Kanal "MrWissen2go - Geschichte". 1:23 Für uns ist in diesem Zusammenhang etwas anderes wichtig: Um die Verhältnisse in Frankreich neu zu ordnen, 1:29 bildet sich eine sogenannte Nationalversammlung. Und die soll eine Verfassung ausarbeiten. 1:34 Eine Verfassung, die den Idealen der französischen Revolution entspricht. Auf diesem Bild könnt ihr sehen, wie es damals zugegangen ist. 1:44 Wie früher im Alten Rom im Senat ordnen sich die Mitglieder der Nationalversammlung 1:48 um das Präsidium herum an. Am Anfang zufällig, schon nach kurzer Zeit aber nach einem festen Muster. 1:54 Und da wird es für uns besonders interessant. Links vom Präsidenten sitzen Leute, die eine große Veränderung wollen. 2:01 Also die Vollendung der Revolution. Rechts dagegen das komplette Gegenteil. 2:06 Die alte Ordnung so weit wie möglich beibehalten. Als "le côté droite" wird das auf Französisch bezeichnet. 2:14 Übersetzt: die rechte Seite. Und links dann "le côté gauche". 2:19 Dazwischen gibt es eine Mitte, die weder das eine noch das andere will. Irgendwie ja auch logisch. 2:24 So sind die Lager klar, und so wird auch diskutiert. Zumindest eine Weile lang. 2:28 Dann bricht wieder Gewalt aus und Frankreich versinkt in blutigen Unruhe. 2:33 Erst 1814 gibt es ein Revival der Nationalversammlung. Aber, und das wisst ihr wohl, 2:38 Frankreich ist damals nicht irgendein Land, Frankreich ist in dieser Zeit das, 2:42 was die USA für den Westen heute oft sind, das Land mit dem größten politischen und gesellschaftlichen Einfluss. 2:48 Nachdem es Anfang der 1840er-Jahre in Frankreich mal wieder brodelt, schwappt die Revolution schließlich nach Deutschland über. 2:55 Und auch hier bildet sich eine Nationalversammlung, um eine Verfassung auszuarbeiten. 3:00 Der Treffpunkt der Nationalversammlung, die übrigens gewählt wurde, ist die Paulskirche in Frankfurt. 3:06 Auch hier gibt es die bekannte Sitzordnung: ein Halbkreis um das Präsidium herum. 3:10 Links die, die alles umkrempeln wollen, rechts die, die das meiste bewahren wollen. 3:15 Aber in Deutschland geht es erst mal schief. Die Revolution scheitert 1849. 3:20 Einen deutschen Nationalstaat mit einer einheitlichen Verfassung gibt es erst 20 Jahre später unter Wilhelm I. 3:26 und Otto von Bismarck mit dem deutschen Kaiserreich. Was bleibt, ist die Sitzordnung in den Parlamenten. 3:32 Links: Wandel, rechts: Alles bleibt, wie es ist. Ein Muster, bei dem sich die Menschen schnell einordnen konnten. 3:39 Je nachdem, wie man gedacht hat, war man eher links oder eher rechts. Ziemlich einfach, könnte man meinen. 3:45 Aber natürlich ist es schon Mitte des 19. Jahrhunderts nicht so entspannt gewesen, 3:49 dass man Politiker in eine Schublade stecken konnte, sondern es gab fließende Grenzen. 3:54 Der Historiker und ehemalige Bundesminister Gerhard Stoltenberg schreibt dazu, schon ein paar Jahre her, aber interessant: 4:19 Genau hier sieht man zum ersten Mal, wie schwierig es ist, in solchen groben Kategorien zu denken. 4:25 Wir kommen dazu gleich noch genauer. Links waren bis zum Aufkommen der Arbeiterbewegung 4:30 vor allem die Liberalen. Menschen, die einen deutschen Nationalstaat wollten 4:34 und gleiche Rechte für alle. Dann kamen aber plötzlich die Arbeiter. 4:38 Denen war der Nationalstaat eher egal, die gleichen Rechte für alle aber umso wichtiger. 4:43 Waren die jetzt eher links? Oder waren die rechts? Aus heutiger Sicht würde man sagen, ganz klar links, 4:49 aber damals war das nicht eindeutig und musste sich erst etablieren. Damit das funktionieren konnte, brauchte man Definitionen. 4:56 Definitionen, die ein bisschen weiter gehen als das, worüber wir bisher gesprochen haben. 5:01 Genau die schauen wir uns jetzt genauer an. Wir starten mit der Definition des Wortes "Links". 5:08 Historisch gesehen, wollen Menschen, die links orientiert sind, große gesellschaftliche Veränderung. 5:13 Diese Idee gibt's bei Linken auch heute noch, allerdings stehen andere Dinge im Mittelpunkt. 5:18 Der zentrale Begriff dabei ist Gleichheit. Oder, angelehnt an den französischen Begriff "egalité", Egalität. 5:25 Die Idee dahinter ist, eine Gesellschaft kann nur dann gerecht sein, wenn alle gleich sind. 5:30 Wenn es keine Unterschiede mehr zwischen den Klassen gibt. Geht's um das Thema Migration, ist die linke Haltung dazu: 5:37 Wir müssen anderen helfen und sie bei uns aufnehmen. Schließlich sind wir alle gleich. 5:42 Solidarität spielt dabei eine wichtige Rolle. Ähnlich sieht es bei Steuern aus. 5:46 Die, die mehr haben, müssen aus linker Sicht auch mehr bezahlen, damit es im Verhältnis fair bleibt. 5:52 Wichtig dabei ist, die Gleichheit steht für Linke im Zweifelsfall vor individueller Freiheit. 5:58 Zum Beispiel wenn es um Wohnraum geht. Da ist 'ne linke Position: 6:01 Wo Wohnraum knapp ist, muss es möglich sein, Vermieter, also Eigentümer, zu enteignen, 6:06 damit sich alle 'ne Wohnung leisten können. Damit wieder alle gleich sind. 6:11 Wenn es sein muss, soll der Staat eingreifen und für Gleichheit oder Gleichbehandlung sorgen. 6:16 Zur Gleichheit gehört auch die, wie schon gesagt, Gleichbehandlung. Minderheiten oder andere gesellschaftliche Gruppen 6:22 dürfen wir Linke nicht diskriminiert werden. Im Gegenteil, Staat und Gesellschaft müssen dazu beitragen, 6:28 dass Diskriminierung definitiv verhindert wird. Dazu gehören neben gesellschaftlicher Gleichstellung auch Sprachregelungen. 6:36 Wie etwa, da habt ihr bestimmt gleich daran gedacht, das Gendersternchen, bei dem Frauen besonders mitberücksichtigt werden sollen. 6:43 Also etwa Lehrer*innen. Das Ziel für Linke ist eine Gesellschaft, 6:47 in der alle gleiche Chancen haben und niemand vor dem anderen steht. Das klingt ein bisschen nach Kommunismus, 6:53 also dem Zustand, in dem alle Menschen komplett gleich sind. Das stimmt und stimmt auch nicht, 6:58 denn Kommunismus ist eine extreme Form linker Politik. Dazu kommen wir noch genauer. 7:03 Jetzt erst mal zur zweiten Definition. Nummer zwei wäre "Rechts". 7:09 Wer oder was ist rechts? Erst mal die Bitte: 7:12 Vergesst das, was euch direkt einfällt, wenn ihr an rechte Politik oder Politiker denkt, 7:17 und erinnert euch daran, was wir besprochen hatten. Rechts saßen damals in den Nationalversammlung diejenigen, 7:23 die die alte Ordnung bewahren wollten, also keine großen Veränderungen, 7:27 und denen das Prinzip der Freiheit besonders wichtig war. Genau das sind die beiden zentralen Motive bei Rechten. 7:36 Während für Linke die Freiheit des Einzelnen im Zweifel zurücktreten muss, steht sie für Rechte über allem anderen. 7:42 Der Staat soll auf gar keinen Fall versuchen, in die Gesellschaft einzugreifen, 7:46 sondern die Ordnung findet sich irgendwie von allein. Menschen, die mehr haben, einflussreich sind, muss es geben. 7:53 Also eine erzwungene Gleichheit lehnen Rechte ab. Eliten, die sind eine logische Folge. 7:58 Sie sagen, es ist von Natur aus so, dass manche mehr haben als andere, und wer sich richtig anstrengt, kann weiter nach oben steigen. 8:06 Mehr Steuern für Reiche: nee. Unbegrenzt Menschen aus anderen Ländern aufnehmen: nein. 8:11 Nur wenn sie dem Staat was bringen. Da soll sich der Staat also aushalten. 8:16 Bei einem anderen Punkt musste er aus rechter Sicht umso aktiver sein. Wenn es um die Sicherheit geht, die innere und äußere Sicherheit. 8:23 Dabei spielt noch eine Sache eine wichtige Rolle: die Grenzen. Rechte Politik ist vor allem nationale Politik. 8:30 Und dann natürlich noch die alte Ordnung. Wer rechts ist, ist nicht gleich gegen Progressivität, 8:35 also Fortschritt, aber sie oder er ist zurückhaltender, was neue Entwicklungen angeht. 8:40 Da bewahrt man lieber das, was man hat. Man ist konservativ, kann man dazu auch sagen. 8:45 Beispiele können das klassische Familienbild sein von Frau und Mann, die Wehrpflicht oder auch neue Antriebsformen beim Auto. 8:52 Da merkt ihr schon, das sind bei beiden politischen Richtungen nicht nur Dinge, die man gut finden muss, 8:58 aber sie sind absolut vereinbar mit unserer Verfassung. Und nicht nur das, sowohl linke als auch rechte Politik 9:04 gehören zu unserer Demokratie dazu. Ansonsten wären alle in der Mitte, 9:09 und es würde keinen Wettkampf um die besten Ideen geben, alles wäre ein Einheitsbrei. 9:13 Allerdings muss man sagen, gerade in den vergangenen Jahren haben sich die Wörter "links" und "rechts" zum Kampfbegriff verändert. 9:21 Links gerne noch verbunden mit "grün versifft". Links-grün versifft ist eine Beleidigung für Menschen, 9:26 die sich für Migranten einsetzen oder dafür, eine Maske zu tragen. Und rechts wird als Synonym für Menschen benutzt, 9:33 die sich demokratie- oder fremdenfeindlich äußern. Kaum ein im eigentlichen Wortsinn rechter Politiker 9:38 würde sich deshalb noch als rechts bezeichnen. Die meisten verwenden Begriffe wie bürgerlich oder konservativ. 9:44 Genau das ist das Problem bei dem Schema von vor 200 Jahren. Es passt einfach nicht in unserer Zeit. 9:51 Es gibt keine mächtigen Könige mehr und keine Grundsatzdiskussionen über neue Verfassungen. 9:56 Oder eher selten. Wir haben Dutzende Parteien mit ganz unterschiedlichen Ausrichtungen, 10:01 und oft kann man die alte Schablone nicht mehr anlegen. Nehmen wir mal, und das wird euch vielleicht überraschen, die Grünen. 10:08 In vielen Punkten eine klassisch linke Partei. Aber eben nicht nur. 10:12 Die Grünen wollen die Natur erhalten. Also etwas bewahren. Strenggenommen ist das konservativ, also recht. 10:18 Außerdem kritisieren Grüne immer wieder die Globalisierung und wollen mehr nationales Wirtschaften. 10:24 Auch das rechts. Winfried Kretschmann etwa ist eher ein rechter Politiker. 10:28 Ähnlich sieht es bei der CDU aus. Von der Definition her eine rechte Partei, 10:33 aber unter Angela Merkel hat Deutschland den Atomausstieg beschlossen, 10:37 die Wehrpflicht ausgesetzt, die Ehe für alle eingeführt. Alles linke Themen. 10:41 Also, die Grenzen zwischen den Parteien werden immer fließender. Klassisch linke und rechte Parteien gibt es kaum noch. 10:48 Klar, Die Linke hat das schon im Namen, wobei es auch hier rechte Tendenzen gibt, Stichwort Sahra Wagenknecht. 10:55 Mehr dazu in der Infobox. Die AfD auf der anderen Seite. 10:58 Insgesamt ist alles heterogener als vor einigen Jahrzehnten. Aber auch schon Anfang der 1960er-Jahre war das alles absehbar. 11:06 Damals hat der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt für die Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" geschrieben: 11:23 Interessanterweise gelten einige Positionen von Helmut Schmidt damals heute als rechts, obwohl er für die eher linke SPD unterwegs war. 11:32 Ganz klar ist aber auch: Egal ob sich alles immer mehr vermischt, es gibt Grenzen. 11:36 Da sind wir bei einem kleinen Wort, das viel verändern kann: das Wort "Extrem". 11:41 Wer linksextrem ist, will nicht nur Gleichheit für alle, er will eine Umwälzung des Systems, wenn nötig mit Gewalt. 11:47 Ziel ist eine herrschaftsfreie Gesellschaft, in der das Individuum nichts und das Kollektiv alles ist. 11:52 Im Gegensatz zum Rechtsextremismus. Gleichheit soll abgeschafft werden, zählen tut das Volk. 11:57 Demokratie und ihre Werte sind überflüssig, stattdessen soll eine starke Gruppe oder Person anschaffen. 12:03 Das war beides nur verkürzt dargestellt, aber ich denke, die Richtung ist klar. 12:07 Mehr dazu findet ihr in der Infobox. Für linke oder rechte Politiker ist es ganz wichtig, 12:12 sich von Extremisten abzugrenzen und ihre Forderungen und Ideen nicht zu unterstützen. 12:17 Das schadet den Begriffen "links" und "rechts", wie man sieht. Darüber haben wir schon gesprochen. 12:23 Und wenn es um rechte Politik geht, gibt's eine historische Vorbelastung. Die Nazis haben sich zwar so gut wie nie als rechts bezeichnet, 12:30 aber nach der politischen Definition waren sie es, ganz klar. Genauer gesagt waren sie rechtsextrem. 12:36 Daran ändert auch der Begriff "sozialistisch" im Parteinamen der NSDAP nix. 12:40 Die Nazis wollten Gleichheit, allerdings nur für alle, die sie zur sogenannten Volksgemeinschaft gezählt haben. 12:46 Und das waren eben nicht alle in der Gesellschaft. Das heißt, die Begriffe "links" und "rechts" 12:52 haben eine lange Geschichte und sind zu veraltet, um sie noch anzuwenden. 12:56 Das Problem ist nur, es gibt kaum Alternativen. Stattdessen helfen vielleicht Modelle wie das von Bryson und McDill. 13:03 Ich hab in der Infobox etwas verlinkt. Aber auch da gibt es Schwächen. 13:06 So richtig kann man nicht sagen, was die beste Lösung ist. Vielleicht habt ihr eine Idee. 13:11 Brauchen wir einen Neuanfang? Wie konnte der aussehen? Schreibt's gerne in die Kommentare und auch, 13:17 was ihr verbindet mit links und rechts. Da hat ja jeder auch irgendwie sein eigenes Bild. 13:22 Hier findet ihr ein Video zum Thema Kommunismus, Sozialismus. Hab ich ja schon ganz kurz angedeutet. 13:28 Eben dann, wenn alle gleich sind und es keine Herrschaft mehr gibt. Zumindest theoretisch. 13:33 Darunter ein Video über den Nationalsozialismus. Damit hätten wir die extremen Formen von linker und rechter Politik. 13:39 In der Infobox ist etwas zum Thema Liberalismus, der kam gar nicht zur Sprache, aber vielleicht ein andermal. 13:45 Danke fürs Zuschauen, bis zum nächsten Mal.