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HEINRICH HEINE: 8 Jahre im Bett! Die qualvolle Wahrheit über Deutschlands größten Dichter

Hinter den Kulissen der Klassik59:13 32.786 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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Transkriptautomatisch erstellt · 509 Zeilen
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  1. Paris, März 1848. Auf den Straßen brennen Barrikaden, Schüsse hallen durch die Gassen und der
  2. Geruch von Schießpulver vermischt sich mit dem Duft des frühen Frühlings. Die Revolution hat die Stadt erfasst, doch
  3. ein Mann kämpft an diesem Tag um einen ganz anderen Kampf. Heinrich Heine, 50 Jahre alt, verlässt sein Haus zum
  4. letzten Mal. Seine Beine gehorchen kaum noch. Er muss sich an den Hauswänden festhalten, um nicht zu stürzen. Das
  5. linke Augenlied hängt herab, gelehmt und er muss es mit zitternden Fingern anheben, um überhaupt etwas erkennen zu
  6. können. Sein Körper gibt auf, das weiß er, aber er braucht diesen letzten Gang nicht zu Menschen will er, zur
  7. Schönheit. Der Luvre ist fast leer an diesen chaotischen Tag. Wer denkt schon an Kunst, wenn draußen die Geschichte
  8. umgeschrieben wird? Der Poet schleppt sich durch die Seele vorbei an Gemälden, die er so oft bewundert hat, bis er vor
  9. ihr steht. Der Venus von Milo, der armlosen Göttin. Er fällt auf die Knie und weint. Die Tränen laufen über sein
  10. eingefallenes Gesicht, Tropfen auf den kalten Marmorboden. Ein Werter beobachtet ihn aus der Ferne, wagt aber
  11. nicht sich zu nähern. Was soll man auch sagen zu einem Mann, der vor einer Statue kniet und schluchzt wie ein Kind?
  12. Später wird der Lyriker diese Szene beschreiben. Ich lag zu ihren Füßen und schluchzte so leidenschaftlich, daß
  13. selbst ein Stein hätte Mitleid empfinden müssen. Die Göttin blickte auf mich herab, doch so teilnahmenslos, so
  14. seelenlos. "Siehst du nicht, dass ich keine Arme habe, um dir zu helfen?", schien sie zu sagen. "Eine Göttin ohne
  15. Arme. Eine Heimat, die ihren größten Poeten nach Gote verstoßen hatte. Ein Körper, der den genialen Geist verriet,
  16. konnte Menschen zum Lachen bringen. Mit 13ehn Jahren entwickelte er eine merkwürdige Angewohnheit. Wenn ihm die
  17. Welt zu viel wurde, wenn die Lehrer schimpften oder die anderen Jungen ihn hänselten, verschwand er nicht weit, nur
  18. in den Hühnerstall des Nachbarn Müller. Dort hockte er zwischen den Hennen und begann zu kränhen. Nicht wie ein Huhn,
  19. wie ein Hahn. Laut, schrill, völlig absurd. Die Nachbarn liefen zusammen. Was ist das für ein Lärm? Ist der Hahn
  20. verrückt geworden? Und dann sahen sie ihn, den Sohn des Kaufmanns Heine, der zwischen dem Federfieh hockte und
  21. krähte, als ginge ihn die Welt nichts an. Erst starrten sie, dann lachten sie und Harry lachte mit. Das war sein
  22. erster Publikumserfolg. Später, viel später, als er der berühmteste Spötter Deutschlands war,
  23. erinnerte er sich an diesen Moment, an das Lachen der Nachbarn, an die Macht, Menschen zum Lachen zu bringen, an die
  24. Maske, hinter der man sich verstecken konnte. "Ich bin als Hahn geboren", scherzte er einmal gegenüber einem
  25. Freund. "Ich krä, also bin ich." Sein Französischlehrer war ein Trommler aus Napoleons Armee, ein Mann namens Le
  26. Grand. Er brachte dem Jungen nicht nur die Sprache bei, sondern auch die Liebe zu Frankreich. Die beiden wurden
  27. Freunde, so unterschiedlich sie auch waren. Als Leige Jahre später im Russlandfeldzug fiel, weinte Harry
  28. tagelang. Es war sein erster großer Verlust, der erste von vielen. Aber der größte Verlust stand noch bevor. Sommer
  29. 1815. In Wat war Napoleon besiegt worden. Die Trikoloren verschwanden von Düsseldorfs Dächern. Deutsche Ordnung
  30. kehrte zurück und mit ihr die Gesetze gegen die Juden. Samson Heine kam an einem Juni Abend nach Hause, bleich und
  31. verstört. Er warf seinen Hut auf den Tisch. Salomon ruft uns nach Hamburg. Salomons Name wirkte wie ein Schatten
  32. über dem Esstisch. Salomon Heine war Samsons älterer Bruder, ein Bankier, ein Millionär. Vor ihm fühlte sich Samson
  33. immer wie ein Versager. Betty pres die Lippen zusammen. Wir sind keine Bettler, wir sind Bankrott. Samsons Stimme brach.
  34. Die Kontinentalsperre hat alles vernichtet. Alles, was ich in den englischen Handel investiert hatte, ist
  35. verloren. Harry hörte dieses Gespräch durch die Tür. Er war 18 Jahre alt und er begriff in diesem Moment etwas
  36. Wesentliches. Es gab nur zwei Arten von Menschen. Diejenigen, die Onkel Salomons Geld hatten und diejenigen, die davon
  37. abhingen. Der Unzug nach Hamburg wurde zur Demütigung. Die Familie Samson Heine zog in eine bescheidene Wohnung, während
  38. Salomon in einem Palais residierte. Der Bankier empfing seinen Bruder mit kaum verhüllter Verachtung. "Ich habe es dir
  39. gesagt, Samson. Ich habe es dir vor Jahren gesagt, aber du wolltest nicht hören." Samson senkte den Blick. Betty
  40. stand star neben ihm, die Hände zu Fäusten geballt. Für Harry war es noch schlimmer. Bei den Familienessen mußte
  41. er manchmal in der Ecke stehen, während die anderen aßen. Onkel Salomon hielt nichts von seinem Neffen, diesem
  42. verträumten Burschen, der Gedichte schrieb, statt zu arbeiten. "Aus Harry wird nichts Gescheites", hörte der junge
  43. Mann einmal seinen Onkel zu dessen Frau sagen. Sie dachten, er sei außer Hörweite, er war es nicht. Diese Worte
  44. brannten sich in sein Gedächtnis ein wie ein Brandmal. Salomon versuchte aus dem Neffen einen Kaufmann zu machen. Ergab
  45. ihm eine kleine Tuchhandlung zu führen. Harry und Co. So nannte er das Geschäft, großspurig. Das Ergebnis war
  46. katastrophal. Innerhalb von sech Monaten hatte Harry das Geschäft ruiniert. Er vergaß Bestellungen, verwechselte
  47. Preise, verprte Kunden. Die Bücher waren ein Chaos. Zahlen interessierten ihn nicht. Worte interessierten ihn. "Du
  48. bist ein Versager", sagte Salomon. Genau wie dein Vater. Harry schwieg, aber in seinem Inneren schwor er sich etwas.
  49. Eines Tages würde er dem Onkel beweisen, daß er sich irrte. Eines Tages würde der Name Heine für etwas Größeres stehen als
  50. Bankgeschäfte. In jenen Hamburger Tagen entdeckte Harry noch etwas anderes. Etwas, das seinen Onkel verwundbar
  51. machte. Bei einem Empfang beobachtete er Salomon genauer. Der Bankier sprach lange mit einer Bediensteten, länger als
  52. angemessen. Ihre Blicke waren vertraut, zu vertraut für Herr und Dienerin. Harry begann nachzuforschen, vorsichtig,
  53. unauffällig, und er entdeckte ein Familiengeheimnis. Salomon hatte eine Geliebte unter den Angestellten,
  54. möglicherweise sogar ein unehelliges Kind. Der Neffe speicherte diese Information ab. Vielleicht würde sie
  55. eines Tages nützlich sein, vielleicht auch nicht, aber es war gut zu wissen, dass der mächtige Onkel auch Schwächen
  56. hatte. Doch zunächst hatte Harry andere Sorgen. Er hatte sich verliebt, hoffnungslos in die falsche Frau.
  57. Hamburg, Sommer 1816. In Salomons Stadtpalais fand ein großes Fest. Laternen erleuchteten den Garten.
  58. Musik spielte, die feine Gesellschaft der Hansestadt war versammelt. Harry stand am Rand wie immer ein Glas in der
  59. Hand, als er sie zum ersten Mal richtig wahrnahm. Amalie, Salomons Tochter, seine Cousine. Sie war 17 Jahre alt und
  60. lachte gerade über etwas, das eine Freundin gesagt hatte. Die Abendsonne lag in ihren kastanienbraunen Haar. Sie
  61. trug ein helles Kleid, das ihre schlanke Figur betonte. Sie war schön, kühl, unerreichbar. Harry verliebte sich
  62. augenblicklich, rettungslos. In den folgenden Monaten versuchte er ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er schrieb
  63. Gedichte für sie, Dutzende, Hunderte vielleicht. Nacht für Nacht saß er in seiner kleinen Kammer und verwandelte
  64. seine Sehnsucht in Ferse. Eines Abends fasste er Mut. Amalie saß am Klavier und spielte eine Melodie von Mozart, als er
  65. den Salon betrat. In seinen Händen hielt er zusammengerollte Blätter, seine neuesten Ferse. "Ich habe dir ein
  66. Gedicht geschrieben. Schon wieder." Sie drehte sich nicht einmal um. Ihre Finger glitten weiter über die Tasten. "Du bist
  67. bereits der Dritte diese Woche, der mir Verse bringt, aber diese sind besonders. Hör zu." Er räusperte sich. "Du bist wie
  68. eine Blume, so hold und schön und rein. Ich schau dich an und Wehut schleicht mir ins Herz hinein. Hübsch. Ihre Stimme
  69. war gleichgültig. Leg sie auf den Tisch." Dann beiläufig, ohne aufzusehen. Papa sagt, du hast die Handelsprüfung
  70. nicht bestanden. Der Handel ist nicht meine Berufung. "Und ist deine Berufung?" Gedichte. Endlich drehte sie
  71. sich um, aber ihr Blick war kühl, abschätzend. Mit Gedichten kauft man kein Haus, Kuser. Harry legte die
  72. Blätter auf den Tisch, langsam, bedächtig. In diesem Moment verstand er die Wahrheit. Für Amelie war er der arme
  73. Verwandte, ein Niemand, ein Träumer ohne Zukunft. Aber er schrieb weiter: "Jede Nacht. Der Schmerz wurde zum Brennstoff
  74. für seine Kunst." 1821 kam die Nachricht, die ihn endgültig zerstörte. Emelie würde heiraten, nicht ihn,
  75. natürlich nicht, einen preußischen Gutsbesitzer namens Friedländer. Ein Mann mit Geld, mit Stand, mit Zukunft.
  76. Die Hochzeit fand im Herbst statt. Harry wurde nicht eingeladen. Manche Biographen vermuten, daß Emelie seine
  77. Gefühle erwidert haben könnte, dass Onkel Salomon die Verbindung unter Androhung der Entbung verboten habe. Ob
  78. es geheime Briefe gab, heimliche Treffen, flüchtige Küsse im Garten, weiß niemand. Die Wahrheit liegt begraben mit
  79. denen, die sie kannten. Was bleibt, ist das Werk. Aus Harris Herzschmerz entstand die Sammlung Buch der Lieder,
  80. die bald in ganz Deutschland gesungen werden sollte. Die unglückliche Liebe zu Emelie wurde zum Treibstoff für
  81. unsterbliche Poesie. "Ich werde aus meinem Leid Kunst machen", sagte er zu einem Freund. "Das ist alles, was mir
  82. bleibt." Emelie hatte ihn zurückgewiesen. Die Wunde würde nie ganz heilen. Aber aus dieser Wunde floss
  83. etwas kostbares. Verse, die Millionen Menschen berühren sollten. Der Preis für Genialität war ein gebrochenes Herz und
  84. das war erst die erste Zahlung. Die Jahre nach Emelias Hochzeit waren Jahre der Wanderschaft. Heinrich Heine, wie er
  85. sich nun nannte, zog von Universität zu Universität, Bonn, Göttingen, Berlin. Überall studierte er Jura, weil Onkel
  86. Salomon darauf bestand. Überall hasste er jede Minute davon. In Bonn las er romantische Poeten, statt in den
  87. Pandekten zu studieren. In Berlin hörte er Hegels Vorlesungen und war erschüttert von der Kraft
  88. philosophischen Denkens. Heimlich schrieb er Verse, heimlich veröffentlichte er erste Werke. Der Ruhm
  89. kam schneller, als irgendjemand erwartet hatte, aber mit dem Ruh kamen die Feinde. In Göttingen 1820 eskalierte die
  90. Situation. Eine verrauchte Studentenkneipe, späte Nacht zu viel Bier. "Hey Heine!" rief jemand durch den
  91. Raum. "Stimmt es, dass dein Großvater Rabiner war oder bloß ein Gauner?" Die Kneipe wurde still. Alle Blicke
  92. richteten sich auf den Angegriffenen. Heinrich stand langsam auf. Sein Gesicht war ruhig, aber seine Augen brannten.
  93. Wiederhole das lauter, damit alle hören, wie mutig du bist, wenn du betrunken bist. Das Duell fand am nächsten Morgen
  94. statt. Heinrich gewann, aber die Strafe traf nur ihn. Er wurde von der Universität ausgeschlossen, sein Gegner
  95. nicht. Das war die Realität für Juden in Deutschland. Selbst wenn man die Regeln befolgte, selbst wenn man siegte, verlor
  96. man am Ende. Es gab noch eine andere Demütigung. Heinrich versuchte einer Burschenschaft beizutreten, jenen
  97. Studentenverbindungen, die für deutsche Einheit und Freiheit kämpften. Er wurde abgelehnt wegen seines Judentums. Die
  98. gleichen Studenten, die von Gleichheit und Brüderlichkeit sprachen, wollten keinen Juden unter sich. Der junge Poet
  99. lernte früh, was Deutschland für seines Gleichen berei hielt. Onkel Salomon stellte ein Ultimatum. Wenn Heinrich
  100. eine Karriere als Anwalt anstrebte, wenn er jemals unabhängig werden wollte, dann musste er eines tun. Er musste Christ
  101. werden. Ein getaufter Jude konnte in Deutschland Ämter bekleiden, vor Gericht auftreten, Professor werden. Ein
  102. ungetaufter Jude blieb ein Außenseiter, egal wie begabt er war. Heinrich rang mit dieser Entscheidung wochenlang. Er
  103. wußte, was sie bedeutete. Er wußte, dass er damit einen Teil von sich selbst verraten würde, aber er sah keinen
  104. anderen Weg. Der 28. Juni 1825. Ein Tag wie jeder andere. Sonne, Wolen, der Geruch von Sommerregen in der Luft.
  105. Heimrich Heine stand vor einer kleinen Kirche in Heiligenstadt. Er hatte diesen Ort gewählt, weil ihn hier niemand
  106. kannte. Keine Zeugen, keine Familie, keine Freunde, die fragen könnten, warum. Er trat ein. Die Kirche war kühl
  107. und still. Ein Pfarrer wartete am Altar. Ein älterer Mann mit müdem Gesicht. Er hatte schon viele Taufen vollzogen.
  108. Diese würde ihm nicht in Erinnerung bleiben. "Sie wissen, was sie tun?", fragte der Pfarrer. "Ja, sie tun es aus
  109. freiem Willen. Eine Pause. Was war freier Wille, wenn die Alternative Armut und Ausgrenzung hieß? Was war freie
  110. Entscheidung, wenn nur ein Weg offenstand?" "Ja", sagte Heinrich. "Die Zeremonie dauerte nicht lang. Ein paar
  111. lateinische Formeln, etwas Weihwasser, eine Unterschrift im Kirchenbuch. Christian Johann Heinrich Heine, so hieß
  112. er jetzt, ein dreifacher Name für einen dreifachen Verrat. Als er die Kirche verließ, blieb er auf den Stufen stehen.
  113. Die Sonne blendete ihn, sein Magen krampfte sich zusammen. Er beugte sich vor und übergab sich direkt auf die
  114. Kirchenstufen. Eine alte Frau, die vorbeikam, bekreuzigte sich erschrocken. Heinrich wischte sich den Mund mit dem
  115. Ärmel ab, stand auf, ging weiter. Ein Entrebilett zur europäischen Kultur würde er die Taufe später nennen. Aber
  116. in diesem Moment auf den Knien vor der Kirche mit dem Geschmack von Galle im Mund fühlte es sich nicht wie ein
  117. Eintritt an. Es fühlte sich an wie ein Ende. Seltsamerweise weigerte sich Heinrich kurz nach der Taufe die
  118. Anwaltskarriere anzutreten, für die er sich hatte taufen lassen. Onkel Salomon tobte. Das Geld für das Studium
  119. weggeworfen. Die Demütigung der Taufe umsonst. Was war geschehen? Niemand weiß es genau. Vielleicht ein
  120. Nervenzusammenbruch. Vielleicht die Erkenntnis, dass kein Amt der Welt den Verlust seiner Identität wert war.
  121. Vielleicht einfach die Weigerung noch einmal zu gehorchen. Die Taufe hatte keine Türen geöffnet. Sie hatte einen
  122. Abgrund aufgerissen, der nie wieder zugeschüttet werden sollte. Aber aus diesem Abgrund sollte etwas gewaltiges
  123. entstehen, etwas, das Deutschland erschüttern würde. 1827 wurde das Jahr, das alles veränderte. In
  124. einem Hamburger Verlag erschien ein schmaler Band mit dem Titel Buch der Lieder, der Autor Heinrich Heine. Die
  125. Wirkung war überwältigend. Innerhalb weniger Wochen waren drei Auflagen verkauft. Auf den Straßen Berlins,
  126. Hamburgs und Münchens summten Menschen seine Ferse. Die Lorelei wurde zum Volkslied. Jene wehmütige Ballade von
  127. der Nixse am Rheinfelsen die Schiffer ins Verderben lockt. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig
  128. bin? Ein Märchen aus uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn. Der Schmerz um Amalie hatte sich in Gold
  129. verwandelt, nicht in klingendes Gold, denn reich wurde der Poet von seinen Versen nicht, aber in etwas
  130. Wertvolleres, Unsterblichkeit. Zur gleichen Zeit erschienen seine Reisebilder und Deutschland hielt den
  131. Atem an. Das war keine Liebeslyrik mehr, das war Dynamit. Heinrich verspottete die Kirche, die Aristokratie, das
  132. deutsche Kleinbürgertum, die hohlen Patrioten. Niemand war vor seiner Feder sicher. In seiner Harzreise beschrieb er
  133. einen Göttinger Professor mit den Worten sein Gesicht glich einem Lehrbuch der Langeweile, gebunden in schlechtem
  134. Einband. Der Professor las. Er war nicht erfreut. In einem anderen Band ließ der Verfasser leere Seiten drucken. Darunter
  135. stand nur ein Wort: Deutsche Zensoren. Und ganz klein als Fußnote: Idioten. Die Zensoren lasen es ebenfalls. Sie waren
  136. noch weniger erfreut. Doch der schlimmste Skandal dieser Jahre betraf keinen Professor und keinen Zensor. Er
  137. betraf einen anderen Poeten. Graf August von Platen war ein Mann von Talent und tragischem Schicksal. Ein Lyriker von
  138. Rang, ein Aristokrat mit markellosen Manieren und ein Homosexueller in einer Zeit, als dies den gesellschaftlichen
  139. Tod bedeutete. Platen hatte Feinde. Er machte sich welche, wo er ging. Im Jahr 1829 machte er sich den falschen Feind.
  140. In seiner Komödie, der romantische Ödipus griff Platen den jüdischen Emporkömmling Heine an. Er nannte ihn
  141. einen Petrag des Laubhüttenfestes, verspottete seine Herkunft, verhöhnte sein Werk. Die antisemitischen
  142. Anspielungen waren kaum verhüllt. Heinrich las Stück in einer Münchenner Buchhandlung. Seine Hände zitterten vor
  143. Wut, als er die Seiten umblätterte. Dann legte er das Buch beiseite und lächelte. Ein kaltes, gefährliches Lächeln. Gut,
  144. murmelte er. Sehr gut. Jetzt bin ich an der Reihe. Die Rache kam in den Reisebildern und sie war vernichtend.
  145. Graf Platon, obwohl nicht Platon, ist der griechischen Liebe nicht abgeneigt, schrieb der Angegriffene zurück.
  146. Deutschland verstand sofort, was gemeint war. Die griechische Liebe. Die Liebe, die nicht ihren Namen nennen durfte. Es
  147. war das erste unfreiwillige Outing in der europäischen Literaturgeschichte, ein Akt der Grausamkeit der Platens
  148. Leben zerstörte. Der Graf floh nach Italien, wo er wenige Jahre später einsam starb. Sein Ruf war ruiniert,
  149. seine Karriere beendet, sein Leben zerbrochen. Heinrich hatte gesiegt. Aber zu welchem Preis? Später versuchte er
  150. sich durch Mittelsmänner mit Platen zu versöhnen. Die Briefe blieben unbeantwortet, die Wunde war zu tief.
  151. "Ich hätte schweigen sollen", gestand der Sieger Jahre danach einem Freund. "aber wenn man mich als Juden angreift,
  152. vergesse ich alle Mäßigung." Die Frage bleibt: War das eine Erklärung oder eine Entschuldigung? Und gibt es einen
  153. Unterschied? 1835 schlug das Schicksal zu. Die deutschen Behörden verboten nicht nur Heines Bücher, sondern die
  154. gesamte literarische Bewegung, der er angehörte, das junge Deutschland. Ein Kritiker namens Wolfgang Menzel führte
  155. die Kampagne an. Seine Angriffe waren giftig, persönlich, antisemitisch. Er nannte den Verbanden einen Zersetzer des
  156. Deutschen Geistes, einen wurzellosen Kosmopoliten. Bücher wurden öffentlich verbrannt. Heines Name stand auf den
  157. Pfandungslisten. Wenn er nach Deutschland zurückkehrte, drohte ihm Verhaftung. Aber da war der Poet bereits
  158. fort. Es gab ein Land, das Flüchtlinge aufnahm, ein Land, das gerade eine Revolution hinter sich hatte. Paris
  159. rief. Im Mai 1831 überquerte Heinrich Heine die französische Grenze. Er blickte ein letztes Mal zurück auf
  160. Deutschland. Dann ging er weiter. Er würde nie zurückkehren. "Als ich französischen Boden betrat, küsste ich
  161. den ersten Stein, der mir begegnete", schrieb er später. Die Juli Revolution von 1830 hatte Frankreich verändert. Der
  162. reaktionäre König war gestürzt, eine konstitutionelle Monarchie errichtet worden. Paris war zum Magneten für
  163. Freidenker, Künstler und politische Flüchtlinge aus ganz Europa geworden. Für den deutschen Immigranten bedeutete
  164. die Stadt alles Freiheit von Zensur, Anerkennung als Künstler, ein neues Leben. Innerhalb weniger Monate war er
  165. Teil der intellektuellen Elite. Er traf Onored de Balsack, den er bewunderte und mit dem er rivalisierte. Er lernte
  166. George Sand kennen, die exzentrische Schriftstellerin, die Männerkleider trug und Zigarren rauchte. Franz List wurde
  167. sein Freund Frederik Schupper, sein Nachbar, Hektor Berliot, ein Bewunderer seiner Musikkritiken. Und dann war da
  168. Karl Marx. Die beiden Männer begegneten sich 1843 zum ersten Mal persönlich. Marx war damals ein junger, feuriger,
  169. Radikaler mit wildem Bart und noch wilderen Ideen. Was wenige wussten, die beiden waren Cousins dritten Grades.
  170. Ihre Mütter stammten aus Verwandten jüdischen Familien. Sie arbeiteten zusammen an der Zeitschrift vorwärts,
  171. einem radikalen Blatt, das bald die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zog. "Heinrich, ihre Gedichte sind
  172. wunderbar", sagte Marx bei einem ihrer Treffen eine Handschrift schwenkend. Aber die Welt braucht keine Serenaden,
  173. sie braucht eine Peitsche. Lieber Karl, antwortete der ältere Poet mit seinem charakteristischen Lächeln, eine
  174. Peitsche hinterlässt Striemen. Gedichte hinterlassen Wunden. Was schmerzt länger? Marx fand keine Antwort, aber er
  175. vergaß die Frage nie. In Paris fand der Immigrant die Freiheit, aber die Liebe wartete an einem unerwarteten Ort.
  176. Oktober 1834. Ein Schuhgeschäft in der Rüde Rivoli. Die Herbstsonne fiel durch das
  177. Schaufenster auf Regale voller eleganter Damenschuhe. Heinrich betrat den Laden, um ein paar Stiefel zu kaufen. Er war 37
  178. Jahre alt, berühmt, gefürchtet, einsam. Hinter dem Ladentisch stand eine junge Frau, 19 Jahre alt, dunkles Haar,
  179. lebhafte Augen, ein schnelles Lächeln. Sie hieß Crissance Genie Mira. Sie konnte nicht lesen. Sie wusste nicht,
  180. wer der Herr vor ihr war. Sie lachte über seinen deutschen Akzent. "Sie sind Deutscher", fragte sie und musterte ihn
  181. mit unverhoener Neugier. "Ich bin Dichter. Ist das ein Beruf?" Man sagt ja. Und was schreiben Sie? Gedichte über
  182. die Liebe, über den Schmerz, über die Schönheit. Sie verzog das Gesicht. Klingt langweilig. Ich mag Vögel. Zu
  183. Hause habe ich einen Papagei. Der ist klüger als die meisten Männer, die ich kenne. Heinrich lachte. Es war ein
  184. echtes Lachen, nicht das höfliche Lächeln, das er in den Pariser Salons aufsetzte. Hier war jemand, der nichts
  185. von seinem Ruhm wusste, nichts von seinen Skandalen, jemand, der ihn nur als Mann sah. Eine Woche später zog er
  186. zu ihr. Er nannte sie Matild, weil ihm der Name besser gefiel als ihr Wirklicher. Sie ließ es geschehen. Sie
  187. verstand nicht, womit er seine Tage verbrachte. Diese endlosen Stunden am Schreibtisch, die Besucher, die kamen
  188. und gingen, die dicken Bücher. Aber sie liebte ihn auf ihre Art. Matilde war das genaue Gegenteil von Amalie. Ungebildet,
  189. wo jene kultiviert war, laut und temperamentvoll, wo jene kühl und zurückhaltend gewesen war. Sie
  190. interessierte sich nicht für Poesie, nicht für Politik, nicht für die großen Fragen. Sie interessierte sich für
  191. Kleider, für Schmuck und vor allem für Vögel. In ihrer gemeinsamen Wohnung hielt sie bis zu 40z Papageien. Das
  192. Geschrei der Tiere triebeten manchmal an den Rand des Wahnsinns. Aber er ertrug es. Er ertrug ihre Wutanfälle, wenn sie
  193. Geschirr zerschlug. Er ertrug ihre Ausgaben für Kleider, die sie nicht brauchte. Er ertrug die Szenen, bei
  194. denen die Nachbarn die Polizei riefen. Warum? Vielleicht, weil Matilde ihm etwas gab, das keine gebildete Frau ihm
  195. geben konnte. Sie konnte ihn nicht intellektuell verstehen, also konnte sie ihn auch nicht intellektuell verraten.
  196. Sie war treu auf eine ursprüngliche, fast animalische Weise. "Ich liebe sie nicht, weil sie gut ist", schrieb er
  197. einmal an einen Freund, "sondern weil ich sie liebe. Das ist alles." Sieben Jahre lebten sie zusammen, ohne zu
  198. heiraten. Ein Skandal für die bürgerliche Gesellschaft. Aber wann hatte sich Heinrich Heine je um
  199. bürgerliche Gesellschaft geschrt? Die Ehe kam 1841, kurz vor einem Duell. Er wollte
  200. sicherstellen, dass Matilde als seine Witwe versorgt sein würde, falls er fiel. Im Testament setzte er eine
  201. merkwürdige Bedingung. Matilde sollte alles erben, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie wieder
  202. heiratete. "Warum?", fragte sie verständnislos, "damit wenigstens ein Mann meinen Tod beweint", antwortete er
  203. mit schiefem Lächeln. "Sie verstand den Witz nicht. Sie verstand seine Witze nie, aber sie lachte trotzdem, weil er
  204. lachte. Das Jahr 1836 brachte eine Veränderung, die später zum Verhängnis werden sollte. In einem Büro
  205. des französischen Außenministeriums saß der deutsche Immigrant einen Beamten gegenüber. Der Mann schob Papiere über
  206. den Tisch. 4800 Franc jährlich. Aus einem diskreten Fond. Wofür? Für die Förderung des kulturellen Austausch
  207. zwischen Deutschland und Frankreich. Heinrich wußte, was das bedeutete. Er sollte wohlwollend über Frankreich
  208. schreiben für sein deutsches Publikum. Er sollte Propaganda machen, auch wenn man es nicht so nannte. Er zögerte. Dann
  209. unterschrieb er: 12 Jahre lang flossen die Zahlungen. 12 Jahre lang wusste niemand davon. Dann kam 1848,
  210. die Revolution. Die Archive wurden geöffnet. Die Liste der Empfänger geheimer Pension wurde veröffentlicht.
  211. Sein Name stand darauf. Der Skandal war verheerend. Käuflicher Schriftsteller, nannten sie ihn, Verräter an der
  212. deutschen Sache. Seine Feinde triumphierten, seine Freunde schwiegen beschämt. "Ich habe das Geld genommen",
  213. verteidigte er sich, "aber ich habe nie etwas geschrieben, woran ich nicht glaubte, nicht eine Zeile." Ob das
  214. stimmte, die Historiker streiten bis heute. Was feststeht, sein Ruf war beschädigt für immer. Es gab noch andere
  215. Vorwürfe in jenen Jahren. Dunklere Gerüchte. Franz List, der große Pianist, war jahrelang ein enger Freund gewesen,
  216. dann kam es zum Bruch. Die Umstände blieben lange unklar. Später sickerte die Geschichte durch. Der deutsche Poet
  217. hatte angedeutet, er könnte eine ungünstige Kritik über Lists Konzerte schreiben, falls nicht eine gewisse
  218. Summe für eine Bewertung fließen würde. List war empört. Die Freundschaft endete. Jomo Meerabär, der erfolgreiche
  219. Opernkomponist, machte eine ähnliche Erfahrung. Er lehnte ab, dem Schriftsteller Franc zu leihen. Kurz
  220. darauf erschien ein Artikel, indem dieser den Komponisten als Verderber der Musik bezeichnete. Waren diese Vorfälle
  221. Erpressung oder nur die übliche Münze des literarischen Geschäfts? Die Quellen widersprechen sich. Was feststeht, der
  222. berühmte Autor war nicht nur ein Genie, er war auch ein Mensch mit Fehlern, Schwächen und dunklen Seiten. Der
  223. schlimmste Konflikt dieser Pariser Jahre betraf keinen Lebenden, er betraf einen Toten. Ludwig Bner war der Anführer der
  224. deutschen Immigration gewesen, ein radikaler Republikaner, ein leidenschaftlicher Kämpfer für Freiheit.
  225. Zwischen ihm und seinem Landsmann hatte es zunächst Freundschaft gegeben, dann Rivalität, schließlich offene
  226. Feindschaft. Bner starb 1837. Dre Jahre später erschien ein Buch Ludwig Bner, eine Denkschrift. Es war
  227. keine Homage, es war eine Abrechnung. Der Verfasser zeichnete den Verstorbenen als beschränkten Fanatiker, als
  228. neidischen Rivalen. Schlimmer noch, er beschrieb BES Verhältnis zu einer verheirateten Frau namens Jeanette Wohl
  229. mit allen skandalösen Details. Die Reaktion kam prompt. Salomon Strauß, der Ehemann jener Frau, deren Ehre
  230. beschmutzt worden war, forderte genug. Ein Duell wurde vereinbart. Der Morgen des Duells war grau und feucht. Nebel
  231. hing zwischen den Bäumen eines kleinen Wäldchens außerhalb von Paris. Zwei Männer standen sich gegenüber, Pistolen
  232. in den Händen. "Sie hätten schweigen können", sagte Strauß. Seine Stimme zitterte vor Wut oder vor Angst. "Ich
  233. habe nie geschwiegen", antwortete sein Gegner. "Das ist mein Fluch und mein Talent. Die Sekundanten gaben das
  234. Zeichen, die Pistolen wurden gehoben. Heinrich dachte an Matilde, die zu Hause wartete, an die Gedichte, die er noch
  235. schreiben wollte, an den Tod, der plötzlich sehr nah schien. Der Schuss krachte, ein brennender Schmerz im
  236. Oberschenkel. Er taumelte, viel aber nicht. Blut sickerte durch den Stoff seiner Hose, tropfte auf das feuchte
  237. Gras. "Sind Sie zufrieden?", fragte sein Sekundant den Gegner. Strauß nickte steif. Ehre war wiederhergestellt, was
  238. auch immer das bedeutete. Der Verwundete humpelte vom Feld, die Wunde würde heilen, aber die Feindschaft nicht. Die
  239. deutsche Immigration war gespalten. Eine Hasskampagne begann. War es das Wert gewesen? Das Buch, die Enthüllungen, die
  240. Wahrheiten, die niemand hören wollte? Er wusste keine Antwort. Er wusste nur, dass er nicht anders konnte. In jenem
  241. Jahr 1840 begannen auch die ersten Zeichen einer anderen Bedrohung. einer Bedrohung, die schlimmer war als jeder
  242. Feind, jeder Skandal, jedes Duell. Eines Morgens wachte der Poet auf und spürte, daß seine linke Hand taub war. Er dachte
  243. sich nichts dabei. Wahrscheinlich hatte er darauf gelegen. Eine Woche später waren die Zehen an beiden Füßen
  244. gefühllos. Dann kamen Kopfschmerzen, so heftig, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Die Ärzte zuckten die Schultern.
  245. Sie nannten es Nervenschwäche. Sie verschrieben Quecksilber und Ruhe, aber die Taubheit breitete sich aus. Die
  246. Schmerzen wurden schlimmer. Etwas frß an seinem Körper, langsam und unerbittlich. Der Mann, der mit Worten Welten
  247. erschaffen konnte, war dabei, seinen eigenen Körper zu verlieren. Die Krankheit kam schleichend wie ein Dieb
  248. in der Nacht. Erst die Taubheit in den Fingern, dann in den Zehen, dann die Kopfschmerzen, die ihn tagelang ans Bett
  249. fesselten, dann die Lähmungen, die sich ausbreiteten wie Eis auf einem Teich. Die Ärzte kamen und gingen mit ihren
  250. lateinischen Diagnosen und ihren nutzlosen Tinkturen. Sie nannten es Rückenmarkschwindsucht.
  251. Sie verschrieben Quecksilber, das damals als Wundermittel galt. Sie verschrieben Ruhe, Bäder, Diäten. Nichts half. Viele
  252. Jahrzehnte später im Jahr 1997 untersuchten Wissenschaftler eine Haarprobe des längst verstorbenen
  253. Dichters. Das Ergebnis überraschte die Fachwelt. Chronische Bleivergiftung. Das Gift stammte wahrscheinlich aus den
  254. Medikamenten, die er jahrelang eingenommen hatte. Die lange vermutete Syphilis konnte ausgeschlossen werden.
  255. Aber war die Vergiftung nur ein tragischer Zufall oder hatte jemand nachgeholfen? In seinen letzten Jahren
  256. deutete der Kranke selbst auf Gift hin. Er machte dunkle Andeutungen über Feinde, die ihn aus dem Weg räumen
  257. wollten. Preußische Agenten vielleicht, ein eifersüchtiger Rivale. Die Gerüchte wucherten, aber Beweise gab es keine.
  258. Was feststeht, sein Körper zerfiel und sein Geist musste zusehen. Dezember 1844
  259. Ein Brief aus Hamburg. Onkel Salomon war gestorben. Das Vermögen, das er hinterließ, betrug Millionen Mark. Eine
  260. unvorstellbare Summe. Heinrich öffnete den Umschlag mit dem Testament. Seine Hände zitterten nicht nur von der
  261. Krankheit. Endlich, dachte er, endlich Gerechtigkeit, endlich Anerkennung für den Mann, der den Namen Heine
  262. unsterblich gemacht hatte. Er las noch einmal, dann schleuderte er die Papiere zu Boden. Matilde kam aus dem
  263. Nebenzimmer gelaufen, erschrocken von dem Lärm. Was ist geschehen? 8000 Franc im Jahr. Seine Stimme war heiser vor
  264. Wut. 8000 unter der Bedingung, dass ich nie etwas über die Familie schreibe. Das ist doch viel Geld, oder nicht? Das ist
  265. ein Almosen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Ich habe den Namen Heine in die Weltliteratur eingeschrieben und er
  266. gibt mir Brotkrumen und nach meinem Tod bekommst du fast nichts. Er war dein Onkel, er hätte überhaupt nicht, hätte
  267. er nicht, nach allem, was ich ertragen habe, nach den Jahren der Demütigung, nach dem Stehen in der Ecke, während die
  268. anderen aßen. Matilde verstand seinen Zorn nicht ganz. Sie verstand vieles nicht, aber sie sah den Schmerz in
  269. seinen Augen und schwieg. Das Testament enthielt noch eine andere Klausel. Cousin Karl, Salomons Sohn und Haupterbe
  270. konnte die Rente nach eigenem Ermessen streichen. Der kranke Dichter war der Willkür seines Väters ausgeliefert. Was
  271. folgte, war ein jahrelanger Krieg. Briefe voller Beschimpfungen flogen hin und her. Anwälte wurden eingeschaltet,
  272. Drohungen ausgesprochen. "Ich werde Memoiren schreiben", drohte der Entbte. "Ich werde alles enthöhen, jedes
  273. schmutzige Geheimnis dieser Familie." Karl drohte zurück. Er würde die Rente streichen. Sofort ohne Vorwarnung. Die
  274. Zeitungen bekamen Wind von dem Streit. Sie druckten die saftigsten Passagen aus den Briefen. Ein weiterer Skandal für
  275. den Skandal umwitter Poeten. Doch am Ende kam die Versöhnung. Kurz vor dem Tod des Dichters reiste Karl nach Paris.
  276. Die beiden Männer, die sich jahrelang gehasst hatten, umarmten sich am Krankenbett. Was sie einander sagten,
  277. ist nicht überliefert. Manche Geheimnisse sterben mit denen, die sie kennen. Die bittere Ironie dieser
  278. Geschichte: Ein gelähmter, sterbender Mann kämpfte jahrelang um Geld, dass er nicht mehr würde ausgeben können. Wofür?
  279. Für Matilde? Für das Prinzip oder aus reinem Hass auf die Familie, die ihn nie als gleichwertig angesehen hatte.
  280. Wahrscheinlich von allem etwas. Mai 1848 Auf den Straßen von Paris tobte die
  281. Revolution. Barrikaden brannten, Schüsse fielen, das Königtum wankte. An diesem Tag verließ Heinrich Heine sein Haus zum
  282. letzten Mal. Er schleppte sich durch die Straßen, vorbei an den Aufständischen, vorbei an den Soldaten. Sein Ziel war
  283. der Luvre. Die Venus von Milo wartete auf ihn. Er kniete vor der Statue nieder und weinte, wie wir am Anfang dieser
  284. Geschichte gehört haben. Die Göttin ohne Arme, die Schönheit, die nicht trösten kann. Der Abschied von allem, was er
  285. geliebt hatte. Als er nach Hause zurückkehrte, wußte er, das war das Ende seiner Bewegungsfreiheit. Von nun an
  286. würde sein Bett sein Gefängnis sein, acht Jahre lang. Die Wohnung in der Rüdamsterdam wurde zu seiner Welt. Drei
  287. Matratzen übereinander gestapelt, bildeten sein Lager. Die Ärzte nannten es praktisch. Er nannte es seine
  288. Matratzengruft. Das linke Augenlied war gelähmt. Er musste es mit der Hand anheben, um zu sehen. Erst versagten die
  289. Beine, dann die Arme, dann fast alles andere. Die Schmerzen waren unerträglich. Opium wurde sein ständiger
  290. Begleiter. Es linderte die Qualen, aber es brachte auch Albträume. Manchmal wusste er nicht mehr, ob er wachte oder
  291. träumte. Gestalten erschienen ihm, Geister aus der Vergangenheit, Dämonen aus seiner Fantasie. Krämpfe schüttelten
  292. seinen ausgemergelten Körper. Das Schlucken fiel ihm schwer. Die Ärzte kamen und gingen ratlos, hilflos. Aber
  293. sein Geist blieb wach, wacher vielleicht als je zuvor. Er empfing Besucher in seinem Bett. Er diktierte Gedichte, weil
  294. seine Hände den Stift nicht mehr halten konnten. Er machte Witze über seinen Zustand, flirtete mit den
  295. Krankenschwestern, stritt mit seinen Gästen über Politik und Philosophie. Die Matratzengruft wurde zu einem Salon der
  296. besonderen Art. Schriftsteller, Künstler und Bewunderer aus ganz Europa kamen, um den sterbenden Genius zu sehen. Manche
  297. aus echter Verehrung, andere aus Neugier. Alle gingen verändert wieder fort. Karl Marx kam manchmal vorbei mit
  298. Pampfleten unter dem Arm und revolutionärem Feuer in den Augen. Bei einem dieser Besuche trugen die
  299. Pflegerinnen den Kranken auf einem Laken in ein anderes Zimmer, um das Bett frisch zu beziehen. "Sehen Sie lieber
  300. Marx", sagte der Gelämte mit schwacher Stimme, aber lachenden Augen. "Die Damen tragen mich noch immer auf Händen." Marx
  301. stand da und wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Gerade Wal kam oft. Der französische Poet, selbst vom
  302. Wahnsinn bedroht, fand bei dem deutschen Kollegen einen Verwandten im Geiste. Die beiden sprachen über Träume und
  303. Visionen, über die dünne Grenze zwischen Vernunft und Irrsinn. "Wir sind alle verrückt", sagte der Kranker einmal zu
  304. seinem Besucher. "Der Unterschied ist nur, dass manche von uns es wissen." Nerval nickte. Er wusste es. Wenige
  305. Jahre später erhängte er sich in einer Pariser Gasse. Als die Nachricht kam, weinte sein Freund in der
  306. Matratzengruft. Theophil Gautier brachte Klatsch aus den Salons, Geschichten von Affären und Intrigen, von neuen Büchern
  307. und alten Feindschaften. Der Kranke sogurstender das Wasser. "Erzählen Sie mehr", bat er
  308. immer wieder. "Erzählen Sie mir von der Welt, aus der ich verbannt bin." Und dann eines Tages kam eine junge Frau,
  309. die alles verändern sollte. Das Jahr 1855 In das Krankenzimmer trat eine Deutsche
  310. von 33 Jahren. Sie hatte ernste Augen und eine ruhige Art. Sie war keine Schönheit im konventionellen Sinne, aber
  311. etwas an ihr zog den Blick an. Ihr Name war Elise Krenitz. Sie war Schriftstellerin, eine Bewunderin seiner
  312. Werke. Als sie von seiner Krankheit erfahren hatte, war sie nach Paris gereist, um ihn zu besuchen. Der
  313. Sterbende hob mit der Hand sein gelähmtes Augenlied, musterte sie schweigend. Wie heißen Sie?", fragte er
  314. schließlich. "Elise?" Nein. Ein schwaches Lächeln huschte über sein eingefallenes Gesicht. "Sie sind die
  315. Musch, die Fliege, weil sie klein sind und bestimmt lästig werden." Sie lachte und sie blieb. Von diesem Tag an kam sie
  316. jeden Nachmittag. Sie las ihm vor, aus Büchern, aus Zeitungen, aus ihren eigenen Versuchen. Sie schrieb nach
  317. seinem Diktat, wenn seine Hände versagten. Sie hörte zu, wenn er redete, und sie schwieg, wenn er schweigen
  318. wollte. Was zwischen ihnen war, lässt sich schwer benennen. Liebe, Freundschaft, Bewunderung, vielleicht
  319. von allem etwas, vielleicht etwas, das keinen Namen hat. Matilde beobachtete diese Entwicklung mit wachsendem
  320. Arkwohn. Sie verstand nicht, was die beiden verband, aber sie spürte die Gefahr. Die Eifersuchtszen wurden
  321. häufiger. Geschreihalte durch die Wohnung, Türen knallten, Gegenstände flogen. Drei Menschen in einer Wohnung,
  322. der sterbende Ehemann, die eifersüchtige Gattin, die junge Verehrerin. Ein Drama, das sich täglich abspielte. "Sie müssen
  323. gehen", schrie Matilde eines Tages. "Sie haben hier nichts verloren." Elise wandte sich an den Kranken. "Soll ich
  324. gehen?" Er schüttelte den Kopf, so gut er es noch konnte. "Bleiben Sie, ich brauche Sie beide" auf verschiedene
  325. Weise. Matilde verstand nicht, sie verstand nie, aber sie akzeptierte es schließlich, weil sie ihn liebte und
  326. weil sie sah, wie wenig Zeit ihm blieb. Der Poet schrieb Liebesgedichte für die Musch, die letzten Liebesgedichte seines
  327. Lebens. Sie waren von einer Zärtlichkeit, die überrascht über einen Mann, der für seine Bissigkeit bekannt
  328. war. Dein Angesicht so lieb und schön, das habe ich jüngst im Traum gesehen. Es ist so mild und engelgleich und doch so
  329. bleich, so schmerzensbleich. War es echte Liebe oder die Sehnsucht eines Sterbenden nach dem Leben, das ihm
  330. entglitt? Die Biografen streiten bis heute. Die Wahrheit kennt niemand außer den beiden und sie haben sie mit ins
  331. Grab genommen. Die religiöse Wende in seinen letzten Jahren überraschte alle, die ihn kannten. Der Mann, der die
  332. Kirche verspottet hatte, der Gott einen himmlischen Aristokraten nannte, der die Bibel als Märchenbuch abtat. Dieser Mann
  333. sprach plötzlich von Glauben und Erlösung. Es begann schleichend. In seinen späten Gedichten tauchten
  334. religiöse Motive auf, die früher undenkbar gewesen wären. Er schrieb über Lazarus den Auferstandenen, mit dem er
  335. sich offensichtlich identifizierte. Er schrieb über Hiob den Durder, dessen Leiden sinnlos schien. Dann kam das
  336. Vorwort, das die Welt erschütterte. 1850 Er arbeitete an einer Neuausgabe seiner
  337. gesammelten Werke. Der Sekretär saß am Bett und wartete auf das Diktat. Schreiben Sie", sagte der Kranke, "was
  338. meine eigene Person betrifft, so kann ich mich nicht rühmen, daß an meinem Gemüte seit langer Zeit eine besondere
  339. Ehrfurcht für das Christentum herrschte." Der Sekretär schrieb: "Aber man soll die Wahrheit gestehen. Ich bin
  340. zurückgekehrt zu Gott wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet. Der
  341. Sekretär hielt inne: "Ist das wahr? Schreiben Sie, was ich diktiere. Aber sie haben immer gesagt, Gott sei eine
  342. Erfindung der Schwachen. Wenn der Körper zerstört ist, klammert sich die Seele an etwas, schreiben sie. Die Nachricht von
  343. seiner Bekehrung verbreitete sich schnell. Die Reaktionen waren heftig. Die Radikalen, mit denen er
  344. jahrzehntelang sympathisiert hatte, fühlten sich verraten. "Er hat die Sache aufgegeben", schrien sie. Die
  345. Kirchenleute glaubten ihm nicht. "Er heuchelt für die Öffentlichkeit", höhnten sie. Marx war enttäuscht.
  346. Bürgerliche Sentimentalität eines Sterbenden nannte er es. Aber was glaubte der Bekrlich? Es war keine
  347. Rückkehr zum Judentum. Es war kein Übertritt zum Christentum. Was er fand, war etwas anderes, etwas Persönliches.
  348. Ein Gott jenseits der Konfessionen, jenseits der Dogmen. "Ich brauche keinen Priester als Vermittler", sagte er zu
  349. einem Besucher. "Gott und ich können unsere Angelegenheiten unter vier Augen regeln. War es die Angst vor dem Tod
  350. oder eine echte Erleuchtung? geboren aus Jahren des Leidens, wahrscheinlich beides oder keines oder etwas, das sich
  351. mit Worten nicht fassen lästt. Die Ironie war bitter, selbst seine Religiosität wurde zum Skandal. Die
  352. Gedichte seiner letzten Jahre gehören zu den Besten, die er je geschrieben hat, über den Tod, über Gott, über die
  353. Ungerechtigkeit der Welt mit einem Lächeln, hinter dem der Abgrund lauerte. Im Zyklus Lazarus schrieb er: "Lass die
  354. heiligen Parabolen, lass die frommen Hypothesen. Suche die verdammten Fragen ohne Umschweif uns zu lösen." Das war
  355. kein frommer Glaube. Es war ein Ringen, ein Kämpfen, ein Hadern mit dem Himmel. Warum schleppt sich blutend, elend unter
  356. Kreuzlast der Gerechte, während Hoch zu Ross der Schlechte mit dem Siegerkranze punkt? Hiob, der mit Gott stritt, war
  357. sein Vorbild geworden. Ein Glaube, der keine Antworten akzeptierte. Ein Glaube, der fragte, klagte, anklagte. Über sich
  358. selbst verfaßte er Grabschriften, die beißend und zärtlich zugleich waren. Hier liegt ein deutscher Dichter,
  359. bekannt für seine Witze. Wenn er tot ist, verletzen sie nicht mehr. Er scherzte über den Tod. Jeden Tag, jede
  360. Stunde, aber hinter jedem Scherz hörte man die Dunkelheit. In einem anderen Gedicht schrieb er: "Lass im Grabe mich
  361. modern, lass die Würmer jubeln, tanzen. Ich beneid sie. Sie bewegen wenigstens sich noch. Das war schwarzer Humor in
  362. seiner reinsten Form. Das Lachen eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte. Die letzten Monate waren
  363. qualvoll. Die Lehmung hatte fast den ganzen Körper erfasst. Das Schlucken war zur Tortur geworden. Die Schmerzen
  364. ließen sich auch mit Opium nicht mehr betäuben. Aber er diktierte weiter, kämpfte weiter, schuf weiter. "Solange
  365. ich denken kann, bin ich nicht tot", sagte er zur Musch. und solange ich dichten kann, lebe ich." Sie schrieb
  366. seine Worte auf und weinte dabei. Eines seiner allerletzten Gedichte handelte von einem deutschen Poeten, der in der
  367. Fremde stirbt. Denke ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Diese Zeilen, Jahre zuvor
  368. geschrieben, bekamen in seinen letzten Tagen eine neue Bedeutung. Deutschland, das Land, das ihn verstoßen hatte, das
  369. Land, dessen Sprache er wie kein anderer beherrschte. das Land, in das er nie zurückkehren würde. Er dachte oft daran,
  370. besonders nachts, wenn der Schmerz am schlimmsten war, die Rheinlandschaft seiner Kindheit, die Straßen
  371. Düsseldorfs, das Haus des Onkels in Hamburg, wo er Amalie zum ersten Mal gesehen hatte. Alles so weit weg, alles
  372. unwiderbringlich. "Ich habe Deutschland mehr geliebt, als es mich verdient hat", flüsterte er
  373. einmal, "ndat mich dafür bestraft." Niemand antwortete. Was hätte man auch sagen sollen. In der Nacht vor seinem
  374. Tod war er unruhig. Matilde saß an seinem Bett und hielt seine Hand. Diese Hand, die nicht mehr schreiben konnte,
  375. die kaum noch zucken konnte. Elise wartete im Nebenzimmer für alle Fälle. Draußen lag Paris im Winterschlaf. Keine
  376. Barrikaden mehr, keine Revolutionen, nur die Stille einer Februarnacht. Der Morgen dämmerte grau. Es war der 17.
  377. Februar 1856, ein gewöhnlicher Wintertag. Nichts deutete darauf hin, dass er anders sein
  378. würde als die Tage zuvor. Heinrich Heine öffnete die Augen. Das linke Lied hing herab wie immer, aber das rechte Auge
  379. war klar. Er sah Matilde an, die neben ihm eingenickt war. Er sah das fahle Licht, das durch die Vorhänge sickerte.
  380. Er sah sein Leben, das zu Ende ging. Mit der letzten Kraft, die ihm geblieben war, bat er um Papier und Bleistift. Ich
  381. will noch etwas aufschreiben", flüsterte er. "Ein letztes Mal." Matilde fuhr hoch, ihre Augen waren rot vom Weinen
  382. und vom Wachen. Sie legte ihm den Bleistift in die Hand, die Finger schlossen sich darum, zitterten,
  383. versuchten, sich zu bewegen, versagten. Der Bleistift rollte auf den Boden. "Es macht nichts", sagte er leise.
  384. "erelleicht sagte er es nicht, vielleicht dachte er es nur." Gegen Mittag wurde sein Atem flacher. Elise
  385. war jetzt auch im Zimmer, stand in der Ecke, wagte nicht näher zu kommen. Matilde hielt noch immer seine Hand. Die
  386. Papageien im Nebenzimmer waren still, als wüssten sie es. Er murmelte etwas. Matilde beugte sich zu ihm hinunter.
  387. "Was hast du gesagt, mein Lieber?" Seine Lippen bewegten sich noch einmal. Diesmal verstand sie es. Die me
  388. pardonnera sonier. Gott wird mir verzeihen. Das ist sein Beruf. Selbst im Sterben konnte er das Spotten nicht
  389. lassen. Gegen sieben Uhr abends hörte sein Atem auf. Kein dramatischer Abschied, kein letzter großer Auftritt.
  390. Nur ein Atem, der nicht wiederkam. Ein Herz, das nicht mehr schlug. Eine Stille, die das Zimmer füllte. Matilde
  391. weinte. Elise weinte. Die Papageien im Nebenzimmer begannen plötzlich zu krächzen, als hätten sie verstanden,
  392. dass etwas Unwiderrufliches geschehen war. Draußen ging das Leben weiter. Paris kümmerte sich nicht um den Tod
  393. eines deutschen Poeten. Die Menschen gingen ihren Geschäften nach, lachten, stritten, liebten. Für sie hatte sich
  394. nichts verändert. Aber für die Literaturgeschichte hatte sich alles verändert. Eine Stimme war verstummt,
  395. die nie wieder erklingen würde. Die Nachricht verbreitete sich schnell. In Paris erschienen Nachrufe in allen
  396. großen Zeitungen. "Der größte deutsche Dichter seit Gote", schrieben manche. "Ein Verlust für die europäische
  397. Kultur", schrieben andere. In Deutschland war die Reaktion gemischter. Manche trauerten aufrichtig, andere
  398. freuten sich, dass der Unruhestifter endlich Ruhe gab. Die Zeitungen, die ihn zu Lebzeiten bekämpft hatten, fanden
  399. auch im Tod keine versen Worte. Die Beerdigung fand am 21. Februar statt, ein grauer kalter Tag, wie es sie im
  400. Februar oft gibt. Der Leichenzug bewegte sich langsam durch die Straßen zum Friedhof Monmatre. Es kamen weniger
  401. Menschen, als man hätte erwarten können, etwa 100, vielleicht etwas mehr. Die große Welt hatte besseres zu tun, aber
  402. die, die kamen, waren aufrichtig in ihrer Trauer. Alexandre Dü hielt die Grabrede. Er stand am offenen Grab, den
  403. Mantel gegen den Wind gezogen und sprach von dem Mann, der dort lag. Er war ein Dichter", sagte Düm. "Das ist das Erste
  404. und das letzte, was man über ihn sagen kann. Er hat mit Worten gezaubert, wie andere mit Farben oder mit Tönen. Er hat
  405. uns zum Lachen gebracht und zum Weinen. Er hat uns die Wahrheit gesagt, auch wenn wir sie nicht hören wollten."
  406. Theophil Gottier stand stumm am Grab, Tränen in den Augen. Er hatte seinen Freund verloren, seinen Rivalen, seinen
  407. Gesprächspartner. Matilde in schwarz, das Gesicht hinter einem Schleier verborgen. Sie verstand die Worte nicht,
  408. die über ihrem Mann gesprochen wurden, weil sie auf Deutsch waren. Aber sie verstand den Ton, den Respekt, die
  409. Trauer. Elise war nicht unter den Trauergästen oder wenn sie da war, hielt sie sich im Hintergrund. Manche Dinge
  410. gehören nicht an die Öffentlichkeit. Das Grab liegt noch heute auf dem Friedhof Montmre. Ein weißer Marmorsockel, darauf
  411. sein Name und seine Daten. Heinrich Heine. 1897 bis 1856.
  412. Die katholischen Priester hatten sich geweigert, den Ketzer zu segnen. Die Rabiner hatten sich ebenfalls geweigert,
  413. den Abtrünnigen zu betrauern. So wurde es eine weltliche Zeremonie ohne Gebet, ohne Ritual, so wie er es wahrscheinlich
  414. gewollt hätte. Matilde lebte noch 27 Jahre nach seinem Tod. 27 Jahre in einer Wohnung voller Erinnerungen. Sie
  415. verkaufte die Papageien nicht, obwohl das Geld knapp wurde. Sie lernte nie Deutsch, las nie ein Gedicht ihres
  416. Mannes. Aber sie hütete sein Andenken. Sie bewahrte seine Manuskripte auf. Sie empfing die Besucher, die über ihn
  417. sprechen wollten. Am 17. Februar 1883, genau 27 Jahre nach seinem Tod schloss auch sie die Augen. Der Jahrestag war
  418. kein Zufall. Manche Seelen wissen, wann es Zeit ist zu gehen. Sie wurde neben ihm begraben. Zwei Namen auf einem
  419. Stein, zwei Leben, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und doch verbunden bis zum Ende und darüber
  420. hinaus. Elise Kenitz verschwand aus den Analen der Geschichte. Sie kehrte nach Deutschland zurück, veröffentlichte
  421. einige Bücher, die niemand las und starb in Vergessenheit. Die Briefe, die sie mit dem Sterbenden gewechselt hatte,
  422. vernichtete sie zum Teil selbst. Was übrig blieb, wurde von Erben versteckt und gehütet. Die Wahrheit über die Musch
  423. bleibt im Dunkeln. Vielleicht ist das auch gut so. Die Jahrzehnte nach seinem Tod brachten, was er zu Lebzeiten nie
  424. erfahren hatte. Uneingeschränkte Anerkennung. Die Komponisten stürzten sich auf seine Ferse. Robert Schumann,
  425. Franz Schubert, Johannes Brahams, Hugo Wolf, Richard Strauß. Die Lorelei allein inspirierte über 400 verschiedene
  426. Vertonungen. Seine Bücher wurden neu aufgelegt, seine Gedichte in allen Schulen gelesen, seine Lieder in allen
  427. Konzertsälen gesungen. Aber mit dem Aufstieg des Nationalismus kehrte sich das Blatt. Die Patrioten, die ein
  428. starkes, geeintes Deutschland wollten, hatten für den kosmopolitischen Spötter nichts übrig. Sie warfen ihm vor,
  429. undeutsch zu sein, wurzellos, zersetzend. Das Wort Jude immer öfter. Erst versteckt, dann offen. In den 80er
  430. Jahren des 19. Jahrhunderts begann die erste Kampagne gegen sein Andenken. Konservative Kritiker forderten seine
  431. Werke aus den Schulbüchern zu streichen. Völkische Agitatoren nannten ihn einen Fremdkörper im deutschen Geistesleben.
  432. Der Antisemitismus, den er sein Leben lang bekämpft hatte, holte ihn nach dem Tod ein. Die Ironie war bitter. Der
  433. Mann, der sich hatte taufen lassen, um dazu zu gehören, wurde postthum zum Beweis dafür erklärt, dass Juden niemals
  434. dazu gehören könnten. Aber das Schlimmste stand noch bevor. Im Jahr 1821
  435. in seiner Tragödie Almansor hatte Heinrich Heine Szene geschrieben, die damals kaum jemand beachtete. Es ging um
  436. die Verbrennung des Korans durch christliche Fanatiker im mittelalterlichen Spanien. Ein Charakter
  437. sagte, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. 113 Jahre später wurde diese Prophezeiung
  438. wahr. Das Jahr 1933. Die Nationalsozialisten kamen an die Macht. Eine ihrer ersten Aktionen war
  439. die Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz. Am 10. Mai, einem warmen Frühlingsabend, loderten die Flammen.
  440. Studenten in Uniformen warfen Bücher ins Feuer, begleitet von Sprechkören und Marschmusik. Die Werke von Marx
  441. brannten, die Werke von Freud brannten, die Werke von Thomas und Heinrich Mann brannten und die Werke von Heinrich
  442. Heine brannten. Der Satz, den er über ein Jahrhundert zuvor geschrieben hatte, hing in der Luft wie ein Fluch, der sich
  443. erfüllte. Die Nazis kannten das Zitat. Es war zu berühmt, um es zu ignorieren. Sie verboten, es zu zitieren. Sie
  444. versuchten, es aus dem Gedächtnis zu tilgen. Aber Worte lassen sich nicht so leicht verbrennen. Sie überleben in den
  445. Köpfen derer, die sie gelesen haben. Sie wandern von Mund zu Mund. Sie warten, bis ihre Zeit wiederkommt. Mit der
  446. Lorelei hatten die Machthaber ein besonderes Problem. Das Lied war zu populär, zu tief verwurzelt in deutschen
  447. Volksbewußtsein. Es zu verbieten hätte Fragen aufgeworfen, die niemand stellen sollte. Die Lösung, die sie fanden, war
  448. absurd und bezeichnend zugleich. Das Gedicht blieb in den Schulbüchern, aber unter dem Text stand nicht mehr der Name
  449. Heinrich Heine. Dort stand: "Dichter, unbekannt." Millionen Deutscher Kinder lernten die Verse auswendig, ohne zu
  450. wissen, wer sie geschrieben hatte. Millionen Deutsche sangen das Lied ohne den Namen des Juden auszusprechen. Es
  451. war vielleicht der größte Triumph des toten Poeten. Seine Worte waren so stark, dass selbst die mächtigsten sie
  452. nicht auslöschen konnten. Sie konnten seinen Namen tilgen, aber nicht seine Stimme zum Schweigen bringen. Die
  453. Lorelei sang weiter, auch wenn niemand wissen durfte, woher sie kam. Die Jahre des Terrors vergingen. Die
  454. Bücher brannten, dann brannten die Menschen, dann brannte Deutschland selbst. Als der Rauch sich verzogen
  455. hatte, lag das Land in Trümmern und mit den Trümmern wurde auch die Erinnerung ausgegraben. Heinrich Heine wurde
  456. rehabilitiert. Sein Name kehrte in die Schulbücher zurück, seine Werke in die Bibliotheken. Straßen wurden nach ihm
  457. benannt, Schulen, Universitäten. Die Heinrichheine Universität in Düsseldorf trägt seinen Namen in der Stadt, in der
  458. er geboren wurde und die ihn einst nicht haben wollte. Denkmähläller entstanden, wo früher keine stehen durften,
  459. Gedenktafeln an den Häusern, in denen er gelebt hatte. Es war eine späte Wiedergutmachung, zu spät für den Mann,
  460. der sie verdient hätte, aber vielleicht nicht zu spät für die Nachwelt. Und doch blieb er unbequem, auch nach der
  461. Rehabilitation. Für die einen zu jüdisch, für die anderen nicht jüdisch genug. Für die einen zu links, für die
  462. anderen zu unpolitisch. Für die einen zu Deutsch, für die anderen zu kosmopolitisch. Er passte in keine
  463. Schublade. Das war zu Lebzeiten so gewesen und es blieb so nach seinem Tod. Vielleicht ist das sein größtes
  464. Vermächtnis. Nicht die Gedichte allein, so unvergesslich sie sind, sondern diese hartnäckige Weigerung
  465. irgendwohinzugehören. Diese Freiheit des Geistes, die sich keiner Partei, keiner Kirche, keiner
  466. Nation unterwirft. In einer Welt, die immer neue Schubladen erfindet, immer neue Etiketten klebt, ist das eine
  467. radikale Position. Er war sein eigener Mensch mit all seinen Fehlern und Schwächen. Er verlangte von niemandem
  468. ihn zu mögen. Er verlangte nur gehört zu werden. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.
  469. Dieser Satz ist heute aktueller denn je. In einer Zeit, in der Widerstimmen zum Schweigen gebracht werden, in der wieder
  470. das Fremde zum Feind erklärt wird, in der wieder die Angst regiert. Heines Warnung klingt durch die Jahrhunderte
  471. für alle, die hören wollen. Auf dem Friedhof Montmatre unter alten Bäumen liegt sein Grab. Der Marmor ist
  472. verwittert, die Inschrift verblasst mit den Jahren. Touristen kommen manchmal vorbei, machen ein Foto, gehen weiter.
  473. Die meisten wissen nicht genau, wen sie da fotografiert haben, aber jeden Tag legt jemand frische Blumen nieder. Jeden
  474. Tag bleibt jemand stehen und liest die Worte auf dem Stein. Jeden Tag erinnert sich jemand. Nicht weit von diesem
  475. Friedhof steht der Luvre. Und in einem seiner Seele steht noch immer die Venus von Milo, die Göttin ohne Arme, die
  476. Schönheit, die nicht trösten kann. Manchmal, wenn das Licht richtig fällt und die Hallen still sind, könnte man
  477. meinen, der Marmor erinnere sich an den Mann, der kam, um sich zu verabschieden, an die Tränen, die auf den kalten Boden
  478. fielen. An die Worte, die er später schrieb. Sie blickte auf mich herab, aber so teilnahmenslos, so seelenlos.
  479. Siehst du nicht, daß ich keine Arme habe, um dir zu helfen? Die Venus hat keine Arme. Deutschland hatte lange kein
  480. Herz für seinen größten Dichter seit Gote, aber seine Worte brauchen weder Arme noch Herzen. Sie leben aus sich
  481. selbst. Sie werden immer leben. Das ist sein Sieg. Das ist sein Trost. Das ist sein Vermächtnis. Heinrich Heine wurde
  482. geboren als Sohn eines gescheiterten Kaufmanns in einer Provinzstadt am Rhein. Er wuchs auf im Schatten
  483. Napoleons und im Schatten eines reichen Onkels. Er liebte eine Frau, die ihn verschmähte und heiratete eine, die ihn
  484. nicht verstand. Er wurde berühmt für seine Gedichte und berüchtigt für seine Skandale. Er ging ins Exil und kehrte
  485. nie zurück. Er erkrankte und schrieb seine besten Werke in einem Bett, das er Matratzengruft nannte. Er starb arm an
  486. Jahren und reich an Worten. Widersprüche, wohin man sieht. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Ein
  487. Mensch ist kein Monument. Ein Genie ist kein Heiliger. Ein Leben passt nicht in einen Satz. Er war Heim, der jüdische
  488. Junge, der im Hühnerstall kräte. Er war Harry, der unglücklich verliebte. Er war Heinrich, der gefürchtete Satiriker. Er
  489. war Christian Johann Heinrich, der getaufte Verräter. Er war der Exilant, der Kranke, der Sterbende, der
  490. Unsterbliche. All das war er, all das ist er noch immer. Irgendwo in Deutschland in diesem Moment summt
  491. jemand die Lorelei. Vielleicht ohne zu wissen, wer sie geschrieben hat. Vielleicht, indem er so tut, als wisse
  492. er es nicht. Es spielt keine Rolle. Das Lied lebt, die Worte leben, die Wahrheiten leben. Das ist die Macht der
  493. Dichtung. Sie überdauert die, die sie schreiben. Sie überlebt die, die sie verbrennen. Sie wandert durch die Zeit
  494. und findet immer wieder Herzen, in denen sie zu Hause ist. Heinrich Heines Worte haben ihr zu Hause gefunden, in der
  495. deutschen Sprache, die er wie wenige andere beherrschte, in der Weltliteratur, zu der er gehört, in den
  496. Seelen aller, die noch fähig sind, sich von Schönheit berühren und von Wahrheit erschüttern zu lassen. Er war ein
  497. schwieriger Mensch. Er konnte grausam sein, wie sein Angriff auf Platen zeigt. Er konnte kolflich wirken, wie die
  498. geheime Pension beweist. Er konnte rachsüchtig sein, wie sein Buch über Bne demonstriert. Aber er war auch mutig. Er
  499. sagte, was andere nur dachten. Er schrieb, was andere nicht wagten. Er zahlte den Preis dafür, ohne zu klagen.
  500. In einer Zeit der Konformität war er ein Nonkonformist. In einer Zeit der Zensur war er ein Freigeist. In einer Zeit der
  501. Ideologien war er ein Individualist. Das machte ihn unbequem. Das macht ihn noch immer unbequem. Unbequeme Menschen sind
  502. wichtig. Sie stören den Frieden der Selbstzufriedenen. Sie rütteln an den Gewissheiten. Sie erinnern uns daran,
  503. dass Freiheit jeden Tag neu erkämpft werden muss. Heinrich Heine war so ein Mensch. Er störte, er rüttelte, er
  504. erinnerte. Und seine Stimme klingt noch immer für alle, die hören wollen. Am Ende bleibt ein Bild. Ein Mann, der vor
  505. einer Statue kniet. Eine Göttin ohne Arme, Tränen auf kaltem Marmor und die Frage, die nie beantwortet wurde: siehst
  506. du nicht, dass ich keine Arme habe, um dir zu helfen? Die Schönheit kann nicht trösten, die Heimat kann nicht umarmen,
  507. der Körper kann nicht gehorchen. Aber die Worte bleiben immer die Worte. Heinrich Heine 1897
  508. bis 1856 Dichter Spötter Prophet tot seit über 170 Jahren. lebendiger als die meisten
  509. lebenden.

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