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HEINRICH HEINE: 8 Jahre im Bett! Die qualvolle Wahrheit über Deutschlands größten Dichter
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Transkriptautomatisch erstellt · 509 Zeilen
- Paris, März 1848. Auf den Straßen brennen Barrikaden, Schüsse hallen durch die Gassen und der
- Geruch von Schießpulver vermischt sich mit dem Duft des frühen Frühlings. Die Revolution hat die Stadt erfasst, doch
- ein Mann kämpft an diesem Tag um einen ganz anderen Kampf. Heinrich Heine, 50 Jahre alt, verlässt sein Haus zum
- letzten Mal. Seine Beine gehorchen kaum noch. Er muss sich an den Hauswänden festhalten, um nicht zu stürzen. Das
- linke Augenlied hängt herab, gelehmt und er muss es mit zitternden Fingern anheben, um überhaupt etwas erkennen zu
- können. Sein Körper gibt auf, das weiß er, aber er braucht diesen letzten Gang nicht zu Menschen will er, zur
- Schönheit. Der Luvre ist fast leer an diesen chaotischen Tag. Wer denkt schon an Kunst, wenn draußen die Geschichte
- umgeschrieben wird? Der Poet schleppt sich durch die Seele vorbei an Gemälden, die er so oft bewundert hat, bis er vor
- ihr steht. Der Venus von Milo, der armlosen Göttin. Er fällt auf die Knie und weint. Die Tränen laufen über sein
- eingefallenes Gesicht, Tropfen auf den kalten Marmorboden. Ein Werter beobachtet ihn aus der Ferne, wagt aber
- nicht sich zu nähern. Was soll man auch sagen zu einem Mann, der vor einer Statue kniet und schluchzt wie ein Kind?
- Später wird der Lyriker diese Szene beschreiben. Ich lag zu ihren Füßen und schluchzte so leidenschaftlich, daß
- selbst ein Stein hätte Mitleid empfinden müssen. Die Göttin blickte auf mich herab, doch so teilnahmenslos, so
- seelenlos. "Siehst du nicht, dass ich keine Arme habe, um dir zu helfen?", schien sie zu sagen. "Eine Göttin ohne
- Arme. Eine Heimat, die ihren größten Poeten nach Gote verstoßen hatte. Ein Körper, der den genialen Geist verriet,
- konnte Menschen zum Lachen bringen. Mit 13ehn Jahren entwickelte er eine merkwürdige Angewohnheit. Wenn ihm die
- Welt zu viel wurde, wenn die Lehrer schimpften oder die anderen Jungen ihn hänselten, verschwand er nicht weit, nur
- in den Hühnerstall des Nachbarn Müller. Dort hockte er zwischen den Hennen und begann zu kränhen. Nicht wie ein Huhn,
- wie ein Hahn. Laut, schrill, völlig absurd. Die Nachbarn liefen zusammen. Was ist das für ein Lärm? Ist der Hahn
- verrückt geworden? Und dann sahen sie ihn, den Sohn des Kaufmanns Heine, der zwischen dem Federfieh hockte und
- krähte, als ginge ihn die Welt nichts an. Erst starrten sie, dann lachten sie und Harry lachte mit. Das war sein
- erster Publikumserfolg. Später, viel später, als er der berühmteste Spötter Deutschlands war,
- erinnerte er sich an diesen Moment, an das Lachen der Nachbarn, an die Macht, Menschen zum Lachen zu bringen, an die
- Maske, hinter der man sich verstecken konnte. "Ich bin als Hahn geboren", scherzte er einmal gegenüber einem
- Freund. "Ich krä, also bin ich." Sein Französischlehrer war ein Trommler aus Napoleons Armee, ein Mann namens Le
- Grand. Er brachte dem Jungen nicht nur die Sprache bei, sondern auch die Liebe zu Frankreich. Die beiden wurden
- Freunde, so unterschiedlich sie auch waren. Als Leige Jahre später im Russlandfeldzug fiel, weinte Harry
- tagelang. Es war sein erster großer Verlust, der erste von vielen. Aber der größte Verlust stand noch bevor. Sommer
- 1815. In Wat war Napoleon besiegt worden. Die Trikoloren verschwanden von Düsseldorfs Dächern. Deutsche Ordnung
- kehrte zurück und mit ihr die Gesetze gegen die Juden. Samson Heine kam an einem Juni Abend nach Hause, bleich und
- verstört. Er warf seinen Hut auf den Tisch. Salomon ruft uns nach Hamburg. Salomons Name wirkte wie ein Schatten
- über dem Esstisch. Salomon Heine war Samsons älterer Bruder, ein Bankier, ein Millionär. Vor ihm fühlte sich Samson
- immer wie ein Versager. Betty pres die Lippen zusammen. Wir sind keine Bettler, wir sind Bankrott. Samsons Stimme brach.
- Die Kontinentalsperre hat alles vernichtet. Alles, was ich in den englischen Handel investiert hatte, ist
- verloren. Harry hörte dieses Gespräch durch die Tür. Er war 18 Jahre alt und er begriff in diesem Moment etwas
- Wesentliches. Es gab nur zwei Arten von Menschen. Diejenigen, die Onkel Salomons Geld hatten und diejenigen, die davon
- abhingen. Der Unzug nach Hamburg wurde zur Demütigung. Die Familie Samson Heine zog in eine bescheidene Wohnung, während
- Salomon in einem Palais residierte. Der Bankier empfing seinen Bruder mit kaum verhüllter Verachtung. "Ich habe es dir
- gesagt, Samson. Ich habe es dir vor Jahren gesagt, aber du wolltest nicht hören." Samson senkte den Blick. Betty
- stand star neben ihm, die Hände zu Fäusten geballt. Für Harry war es noch schlimmer. Bei den Familienessen mußte
- er manchmal in der Ecke stehen, während die anderen aßen. Onkel Salomon hielt nichts von seinem Neffen, diesem
- verträumten Burschen, der Gedichte schrieb, statt zu arbeiten. "Aus Harry wird nichts Gescheites", hörte der junge
- Mann einmal seinen Onkel zu dessen Frau sagen. Sie dachten, er sei außer Hörweite, er war es nicht. Diese Worte
- brannten sich in sein Gedächtnis ein wie ein Brandmal. Salomon versuchte aus dem Neffen einen Kaufmann zu machen. Ergab
- ihm eine kleine Tuchhandlung zu führen. Harry und Co. So nannte er das Geschäft, großspurig. Das Ergebnis war
- katastrophal. Innerhalb von sech Monaten hatte Harry das Geschäft ruiniert. Er vergaß Bestellungen, verwechselte
- Preise, verprte Kunden. Die Bücher waren ein Chaos. Zahlen interessierten ihn nicht. Worte interessierten ihn. "Du
- bist ein Versager", sagte Salomon. Genau wie dein Vater. Harry schwieg, aber in seinem Inneren schwor er sich etwas.
- Eines Tages würde er dem Onkel beweisen, daß er sich irrte. Eines Tages würde der Name Heine für etwas Größeres stehen als
- Bankgeschäfte. In jenen Hamburger Tagen entdeckte Harry noch etwas anderes. Etwas, das seinen Onkel verwundbar
- machte. Bei einem Empfang beobachtete er Salomon genauer. Der Bankier sprach lange mit einer Bediensteten, länger als
- angemessen. Ihre Blicke waren vertraut, zu vertraut für Herr und Dienerin. Harry begann nachzuforschen, vorsichtig,
- unauffällig, und er entdeckte ein Familiengeheimnis. Salomon hatte eine Geliebte unter den Angestellten,
- möglicherweise sogar ein unehelliges Kind. Der Neffe speicherte diese Information ab. Vielleicht würde sie
- eines Tages nützlich sein, vielleicht auch nicht, aber es war gut zu wissen, dass der mächtige Onkel auch Schwächen
- hatte. Doch zunächst hatte Harry andere Sorgen. Er hatte sich verliebt, hoffnungslos in die falsche Frau.
- Hamburg, Sommer 1816. In Salomons Stadtpalais fand ein großes Fest. Laternen erleuchteten den Garten.
- Musik spielte, die feine Gesellschaft der Hansestadt war versammelt. Harry stand am Rand wie immer ein Glas in der
- Hand, als er sie zum ersten Mal richtig wahrnahm. Amalie, Salomons Tochter, seine Cousine. Sie war 17 Jahre alt und
- lachte gerade über etwas, das eine Freundin gesagt hatte. Die Abendsonne lag in ihren kastanienbraunen Haar. Sie
- trug ein helles Kleid, das ihre schlanke Figur betonte. Sie war schön, kühl, unerreichbar. Harry verliebte sich
- augenblicklich, rettungslos. In den folgenden Monaten versuchte er ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er schrieb
- Gedichte für sie, Dutzende, Hunderte vielleicht. Nacht für Nacht saß er in seiner kleinen Kammer und verwandelte
- seine Sehnsucht in Ferse. Eines Abends fasste er Mut. Amalie saß am Klavier und spielte eine Melodie von Mozart, als er
- den Salon betrat. In seinen Händen hielt er zusammengerollte Blätter, seine neuesten Ferse. "Ich habe dir ein
- Gedicht geschrieben. Schon wieder." Sie drehte sich nicht einmal um. Ihre Finger glitten weiter über die Tasten. "Du bist
- bereits der Dritte diese Woche, der mir Verse bringt, aber diese sind besonders. Hör zu." Er räusperte sich. "Du bist wie
- eine Blume, so hold und schön und rein. Ich schau dich an und Wehut schleicht mir ins Herz hinein. Hübsch. Ihre Stimme
- war gleichgültig. Leg sie auf den Tisch." Dann beiläufig, ohne aufzusehen. Papa sagt, du hast die Handelsprüfung
- nicht bestanden. Der Handel ist nicht meine Berufung. "Und ist deine Berufung?" Gedichte. Endlich drehte sie
- sich um, aber ihr Blick war kühl, abschätzend. Mit Gedichten kauft man kein Haus, Kuser. Harry legte die
- Blätter auf den Tisch, langsam, bedächtig. In diesem Moment verstand er die Wahrheit. Für Amelie war er der arme
- Verwandte, ein Niemand, ein Träumer ohne Zukunft. Aber er schrieb weiter: "Jede Nacht. Der Schmerz wurde zum Brennstoff
- für seine Kunst." 1821 kam die Nachricht, die ihn endgültig zerstörte. Emelie würde heiraten, nicht ihn,
- natürlich nicht, einen preußischen Gutsbesitzer namens Friedländer. Ein Mann mit Geld, mit Stand, mit Zukunft.
- Die Hochzeit fand im Herbst statt. Harry wurde nicht eingeladen. Manche Biographen vermuten, daß Emelie seine
- Gefühle erwidert haben könnte, dass Onkel Salomon die Verbindung unter Androhung der Entbung verboten habe. Ob
- es geheime Briefe gab, heimliche Treffen, flüchtige Küsse im Garten, weiß niemand. Die Wahrheit liegt begraben mit
- denen, die sie kannten. Was bleibt, ist das Werk. Aus Harris Herzschmerz entstand die Sammlung Buch der Lieder,
- die bald in ganz Deutschland gesungen werden sollte. Die unglückliche Liebe zu Emelie wurde zum Treibstoff für
- unsterbliche Poesie. "Ich werde aus meinem Leid Kunst machen", sagte er zu einem Freund. "Das ist alles, was mir
- bleibt." Emelie hatte ihn zurückgewiesen. Die Wunde würde nie ganz heilen. Aber aus dieser Wunde floss
- etwas kostbares. Verse, die Millionen Menschen berühren sollten. Der Preis für Genialität war ein gebrochenes Herz und
- das war erst die erste Zahlung. Die Jahre nach Emelias Hochzeit waren Jahre der Wanderschaft. Heinrich Heine, wie er
- sich nun nannte, zog von Universität zu Universität, Bonn, Göttingen, Berlin. Überall studierte er Jura, weil Onkel
- Salomon darauf bestand. Überall hasste er jede Minute davon. In Bonn las er romantische Poeten, statt in den
- Pandekten zu studieren. In Berlin hörte er Hegels Vorlesungen und war erschüttert von der Kraft
- philosophischen Denkens. Heimlich schrieb er Verse, heimlich veröffentlichte er erste Werke. Der Ruhm
- kam schneller, als irgendjemand erwartet hatte, aber mit dem Ruh kamen die Feinde. In Göttingen 1820 eskalierte die
- Situation. Eine verrauchte Studentenkneipe, späte Nacht zu viel Bier. "Hey Heine!" rief jemand durch den
- Raum. "Stimmt es, dass dein Großvater Rabiner war oder bloß ein Gauner?" Die Kneipe wurde still. Alle Blicke
- richteten sich auf den Angegriffenen. Heinrich stand langsam auf. Sein Gesicht war ruhig, aber seine Augen brannten.
- Wiederhole das lauter, damit alle hören, wie mutig du bist, wenn du betrunken bist. Das Duell fand am nächsten Morgen
- statt. Heinrich gewann, aber die Strafe traf nur ihn. Er wurde von der Universität ausgeschlossen, sein Gegner
- nicht. Das war die Realität für Juden in Deutschland. Selbst wenn man die Regeln befolgte, selbst wenn man siegte, verlor
- man am Ende. Es gab noch eine andere Demütigung. Heinrich versuchte einer Burschenschaft beizutreten, jenen
- Studentenverbindungen, die für deutsche Einheit und Freiheit kämpften. Er wurde abgelehnt wegen seines Judentums. Die
- gleichen Studenten, die von Gleichheit und Brüderlichkeit sprachen, wollten keinen Juden unter sich. Der junge Poet
- lernte früh, was Deutschland für seines Gleichen berei hielt. Onkel Salomon stellte ein Ultimatum. Wenn Heinrich
- eine Karriere als Anwalt anstrebte, wenn er jemals unabhängig werden wollte, dann musste er eines tun. Er musste Christ
- werden. Ein getaufter Jude konnte in Deutschland Ämter bekleiden, vor Gericht auftreten, Professor werden. Ein
- ungetaufter Jude blieb ein Außenseiter, egal wie begabt er war. Heinrich rang mit dieser Entscheidung wochenlang. Er
- wußte, was sie bedeutete. Er wußte, dass er damit einen Teil von sich selbst verraten würde, aber er sah keinen
- anderen Weg. Der 28. Juni 1825. Ein Tag wie jeder andere. Sonne, Wolen, der Geruch von Sommerregen in der Luft.
- Heimrich Heine stand vor einer kleinen Kirche in Heiligenstadt. Er hatte diesen Ort gewählt, weil ihn hier niemand
- kannte. Keine Zeugen, keine Familie, keine Freunde, die fragen könnten, warum. Er trat ein. Die Kirche war kühl
- und still. Ein Pfarrer wartete am Altar. Ein älterer Mann mit müdem Gesicht. Er hatte schon viele Taufen vollzogen.
- Diese würde ihm nicht in Erinnerung bleiben. "Sie wissen, was sie tun?", fragte der Pfarrer. "Ja, sie tun es aus
- freiem Willen. Eine Pause. Was war freier Wille, wenn die Alternative Armut und Ausgrenzung hieß? Was war freie
- Entscheidung, wenn nur ein Weg offenstand?" "Ja", sagte Heinrich. "Die Zeremonie dauerte nicht lang. Ein paar
- lateinische Formeln, etwas Weihwasser, eine Unterschrift im Kirchenbuch. Christian Johann Heinrich Heine, so hieß
- er jetzt, ein dreifacher Name für einen dreifachen Verrat. Als er die Kirche verließ, blieb er auf den Stufen stehen.
- Die Sonne blendete ihn, sein Magen krampfte sich zusammen. Er beugte sich vor und übergab sich direkt auf die
- Kirchenstufen. Eine alte Frau, die vorbeikam, bekreuzigte sich erschrocken. Heinrich wischte sich den Mund mit dem
- Ärmel ab, stand auf, ging weiter. Ein Entrebilett zur europäischen Kultur würde er die Taufe später nennen. Aber
- in diesem Moment auf den Knien vor der Kirche mit dem Geschmack von Galle im Mund fühlte es sich nicht wie ein
- Eintritt an. Es fühlte sich an wie ein Ende. Seltsamerweise weigerte sich Heinrich kurz nach der Taufe die
- Anwaltskarriere anzutreten, für die er sich hatte taufen lassen. Onkel Salomon tobte. Das Geld für das Studium
- weggeworfen. Die Demütigung der Taufe umsonst. Was war geschehen? Niemand weiß es genau. Vielleicht ein
- Nervenzusammenbruch. Vielleicht die Erkenntnis, dass kein Amt der Welt den Verlust seiner Identität wert war.
- Vielleicht einfach die Weigerung noch einmal zu gehorchen. Die Taufe hatte keine Türen geöffnet. Sie hatte einen
- Abgrund aufgerissen, der nie wieder zugeschüttet werden sollte. Aber aus diesem Abgrund sollte etwas gewaltiges
- entstehen, etwas, das Deutschland erschüttern würde. 1827 wurde das Jahr, das alles veränderte. In
- einem Hamburger Verlag erschien ein schmaler Band mit dem Titel Buch der Lieder, der Autor Heinrich Heine. Die
- Wirkung war überwältigend. Innerhalb weniger Wochen waren drei Auflagen verkauft. Auf den Straßen Berlins,
- Hamburgs und Münchens summten Menschen seine Ferse. Die Lorelei wurde zum Volkslied. Jene wehmütige Ballade von
- der Nixse am Rheinfelsen die Schiffer ins Verderben lockt. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig
- bin? Ein Märchen aus uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn. Der Schmerz um Amalie hatte sich in Gold
- verwandelt, nicht in klingendes Gold, denn reich wurde der Poet von seinen Versen nicht, aber in etwas
- Wertvolleres, Unsterblichkeit. Zur gleichen Zeit erschienen seine Reisebilder und Deutschland hielt den
- Atem an. Das war keine Liebeslyrik mehr, das war Dynamit. Heinrich verspottete die Kirche, die Aristokratie, das
- deutsche Kleinbürgertum, die hohlen Patrioten. Niemand war vor seiner Feder sicher. In seiner Harzreise beschrieb er
- einen Göttinger Professor mit den Worten sein Gesicht glich einem Lehrbuch der Langeweile, gebunden in schlechtem
- Einband. Der Professor las. Er war nicht erfreut. In einem anderen Band ließ der Verfasser leere Seiten drucken. Darunter
- stand nur ein Wort: Deutsche Zensoren. Und ganz klein als Fußnote: Idioten. Die Zensoren lasen es ebenfalls. Sie waren
- noch weniger erfreut. Doch der schlimmste Skandal dieser Jahre betraf keinen Professor und keinen Zensor. Er
- betraf einen anderen Poeten. Graf August von Platen war ein Mann von Talent und tragischem Schicksal. Ein Lyriker von
- Rang, ein Aristokrat mit markellosen Manieren und ein Homosexueller in einer Zeit, als dies den gesellschaftlichen
- Tod bedeutete. Platen hatte Feinde. Er machte sich welche, wo er ging. Im Jahr 1829 machte er sich den falschen Feind.
- In seiner Komödie, der romantische Ödipus griff Platen den jüdischen Emporkömmling Heine an. Er nannte ihn
- einen Petrag des Laubhüttenfestes, verspottete seine Herkunft, verhöhnte sein Werk. Die antisemitischen
- Anspielungen waren kaum verhüllt. Heinrich las Stück in einer Münchenner Buchhandlung. Seine Hände zitterten vor
- Wut, als er die Seiten umblätterte. Dann legte er das Buch beiseite und lächelte. Ein kaltes, gefährliches Lächeln. Gut,
- murmelte er. Sehr gut. Jetzt bin ich an der Reihe. Die Rache kam in den Reisebildern und sie war vernichtend.
- Graf Platon, obwohl nicht Platon, ist der griechischen Liebe nicht abgeneigt, schrieb der Angegriffene zurück.
- Deutschland verstand sofort, was gemeint war. Die griechische Liebe. Die Liebe, die nicht ihren Namen nennen durfte. Es
- war das erste unfreiwillige Outing in der europäischen Literaturgeschichte, ein Akt der Grausamkeit der Platens
- Leben zerstörte. Der Graf floh nach Italien, wo er wenige Jahre später einsam starb. Sein Ruf war ruiniert,
- seine Karriere beendet, sein Leben zerbrochen. Heinrich hatte gesiegt. Aber zu welchem Preis? Später versuchte er
- sich durch Mittelsmänner mit Platen zu versöhnen. Die Briefe blieben unbeantwortet, die Wunde war zu tief.
- "Ich hätte schweigen sollen", gestand der Sieger Jahre danach einem Freund. "aber wenn man mich als Juden angreift,
- vergesse ich alle Mäßigung." Die Frage bleibt: War das eine Erklärung oder eine Entschuldigung? Und gibt es einen
- Unterschied? 1835 schlug das Schicksal zu. Die deutschen Behörden verboten nicht nur Heines Bücher, sondern die
- gesamte literarische Bewegung, der er angehörte, das junge Deutschland. Ein Kritiker namens Wolfgang Menzel führte
- die Kampagne an. Seine Angriffe waren giftig, persönlich, antisemitisch. Er nannte den Verbanden einen Zersetzer des
- Deutschen Geistes, einen wurzellosen Kosmopoliten. Bücher wurden öffentlich verbrannt. Heines Name stand auf den
- Pfandungslisten. Wenn er nach Deutschland zurückkehrte, drohte ihm Verhaftung. Aber da war der Poet bereits
- fort. Es gab ein Land, das Flüchtlinge aufnahm, ein Land, das gerade eine Revolution hinter sich hatte. Paris
- rief. Im Mai 1831 überquerte Heinrich Heine die französische Grenze. Er blickte ein letztes Mal zurück auf
- Deutschland. Dann ging er weiter. Er würde nie zurückkehren. "Als ich französischen Boden betrat, küsste ich
- den ersten Stein, der mir begegnete", schrieb er später. Die Juli Revolution von 1830 hatte Frankreich verändert. Der
- reaktionäre König war gestürzt, eine konstitutionelle Monarchie errichtet worden. Paris war zum Magneten für
- Freidenker, Künstler und politische Flüchtlinge aus ganz Europa geworden. Für den deutschen Immigranten bedeutete
- die Stadt alles Freiheit von Zensur, Anerkennung als Künstler, ein neues Leben. Innerhalb weniger Monate war er
- Teil der intellektuellen Elite. Er traf Onored de Balsack, den er bewunderte und mit dem er rivalisierte. Er lernte
- George Sand kennen, die exzentrische Schriftstellerin, die Männerkleider trug und Zigarren rauchte. Franz List wurde
- sein Freund Frederik Schupper, sein Nachbar, Hektor Berliot, ein Bewunderer seiner Musikkritiken. Und dann war da
- Karl Marx. Die beiden Männer begegneten sich 1843 zum ersten Mal persönlich. Marx war damals ein junger, feuriger,
- Radikaler mit wildem Bart und noch wilderen Ideen. Was wenige wussten, die beiden waren Cousins dritten Grades.
- Ihre Mütter stammten aus Verwandten jüdischen Familien. Sie arbeiteten zusammen an der Zeitschrift vorwärts,
- einem radikalen Blatt, das bald die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zog. "Heinrich, ihre Gedichte sind
- wunderbar", sagte Marx bei einem ihrer Treffen eine Handschrift schwenkend. Aber die Welt braucht keine Serenaden,
- sie braucht eine Peitsche. Lieber Karl, antwortete der ältere Poet mit seinem charakteristischen Lächeln, eine
- Peitsche hinterlässt Striemen. Gedichte hinterlassen Wunden. Was schmerzt länger? Marx fand keine Antwort, aber er
- vergaß die Frage nie. In Paris fand der Immigrant die Freiheit, aber die Liebe wartete an einem unerwarteten Ort.
- Oktober 1834. Ein Schuhgeschäft in der Rüde Rivoli. Die Herbstsonne fiel durch das
- Schaufenster auf Regale voller eleganter Damenschuhe. Heinrich betrat den Laden, um ein paar Stiefel zu kaufen. Er war 37
- Jahre alt, berühmt, gefürchtet, einsam. Hinter dem Ladentisch stand eine junge Frau, 19 Jahre alt, dunkles Haar,
- lebhafte Augen, ein schnelles Lächeln. Sie hieß Crissance Genie Mira. Sie konnte nicht lesen. Sie wusste nicht,
- wer der Herr vor ihr war. Sie lachte über seinen deutschen Akzent. "Sie sind Deutscher", fragte sie und musterte ihn
- mit unverhoener Neugier. "Ich bin Dichter. Ist das ein Beruf?" Man sagt ja. Und was schreiben Sie? Gedichte über
- die Liebe, über den Schmerz, über die Schönheit. Sie verzog das Gesicht. Klingt langweilig. Ich mag Vögel. Zu
- Hause habe ich einen Papagei. Der ist klüger als die meisten Männer, die ich kenne. Heinrich lachte. Es war ein
- echtes Lachen, nicht das höfliche Lächeln, das er in den Pariser Salons aufsetzte. Hier war jemand, der nichts
- von seinem Ruhm wusste, nichts von seinen Skandalen, jemand, der ihn nur als Mann sah. Eine Woche später zog er
- zu ihr. Er nannte sie Matild, weil ihm der Name besser gefiel als ihr Wirklicher. Sie ließ es geschehen. Sie
- verstand nicht, womit er seine Tage verbrachte. Diese endlosen Stunden am Schreibtisch, die Besucher, die kamen
- und gingen, die dicken Bücher. Aber sie liebte ihn auf ihre Art. Matilde war das genaue Gegenteil von Amalie. Ungebildet,
- wo jene kultiviert war, laut und temperamentvoll, wo jene kühl und zurückhaltend gewesen war. Sie
- interessierte sich nicht für Poesie, nicht für Politik, nicht für die großen Fragen. Sie interessierte sich für
- Kleider, für Schmuck und vor allem für Vögel. In ihrer gemeinsamen Wohnung hielt sie bis zu 40z Papageien. Das
- Geschrei der Tiere triebeten manchmal an den Rand des Wahnsinns. Aber er ertrug es. Er ertrug ihre Wutanfälle, wenn sie
- Geschirr zerschlug. Er ertrug ihre Ausgaben für Kleider, die sie nicht brauchte. Er ertrug die Szenen, bei
- denen die Nachbarn die Polizei riefen. Warum? Vielleicht, weil Matilde ihm etwas gab, das keine gebildete Frau ihm
- geben konnte. Sie konnte ihn nicht intellektuell verstehen, also konnte sie ihn auch nicht intellektuell verraten.
- Sie war treu auf eine ursprüngliche, fast animalische Weise. "Ich liebe sie nicht, weil sie gut ist", schrieb er
- einmal an einen Freund, "sondern weil ich sie liebe. Das ist alles." Sieben Jahre lebten sie zusammen, ohne zu
- heiraten. Ein Skandal für die bürgerliche Gesellschaft. Aber wann hatte sich Heinrich Heine je um
- bürgerliche Gesellschaft geschrt? Die Ehe kam 1841, kurz vor einem Duell. Er wollte
- sicherstellen, dass Matilde als seine Witwe versorgt sein würde, falls er fiel. Im Testament setzte er eine
- merkwürdige Bedingung. Matilde sollte alles erben, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie wieder
- heiratete. "Warum?", fragte sie verständnislos, "damit wenigstens ein Mann meinen Tod beweint", antwortete er
- mit schiefem Lächeln. "Sie verstand den Witz nicht. Sie verstand seine Witze nie, aber sie lachte trotzdem, weil er
- lachte. Das Jahr 1836 brachte eine Veränderung, die später zum Verhängnis werden sollte. In einem Büro
- des französischen Außenministeriums saß der deutsche Immigrant einen Beamten gegenüber. Der Mann schob Papiere über
- den Tisch. 4800 Franc jährlich. Aus einem diskreten Fond. Wofür? Für die Förderung des kulturellen Austausch
- zwischen Deutschland und Frankreich. Heinrich wußte, was das bedeutete. Er sollte wohlwollend über Frankreich
- schreiben für sein deutsches Publikum. Er sollte Propaganda machen, auch wenn man es nicht so nannte. Er zögerte. Dann
- unterschrieb er: 12 Jahre lang flossen die Zahlungen. 12 Jahre lang wusste niemand davon. Dann kam 1848,
- die Revolution. Die Archive wurden geöffnet. Die Liste der Empfänger geheimer Pension wurde veröffentlicht.
- Sein Name stand darauf. Der Skandal war verheerend. Käuflicher Schriftsteller, nannten sie ihn, Verräter an der
- deutschen Sache. Seine Feinde triumphierten, seine Freunde schwiegen beschämt. "Ich habe das Geld genommen",
- verteidigte er sich, "aber ich habe nie etwas geschrieben, woran ich nicht glaubte, nicht eine Zeile." Ob das
- stimmte, die Historiker streiten bis heute. Was feststeht, sein Ruf war beschädigt für immer. Es gab noch andere
- Vorwürfe in jenen Jahren. Dunklere Gerüchte. Franz List, der große Pianist, war jahrelang ein enger Freund gewesen,
- dann kam es zum Bruch. Die Umstände blieben lange unklar. Später sickerte die Geschichte durch. Der deutsche Poet
- hatte angedeutet, er könnte eine ungünstige Kritik über Lists Konzerte schreiben, falls nicht eine gewisse
- Summe für eine Bewertung fließen würde. List war empört. Die Freundschaft endete. Jomo Meerabär, der erfolgreiche
- Opernkomponist, machte eine ähnliche Erfahrung. Er lehnte ab, dem Schriftsteller Franc zu leihen. Kurz
- darauf erschien ein Artikel, indem dieser den Komponisten als Verderber der Musik bezeichnete. Waren diese Vorfälle
- Erpressung oder nur die übliche Münze des literarischen Geschäfts? Die Quellen widersprechen sich. Was feststeht, der
- berühmte Autor war nicht nur ein Genie, er war auch ein Mensch mit Fehlern, Schwächen und dunklen Seiten. Der
- schlimmste Konflikt dieser Pariser Jahre betraf keinen Lebenden, er betraf einen Toten. Ludwig Bner war der Anführer der
- deutschen Immigration gewesen, ein radikaler Republikaner, ein leidenschaftlicher Kämpfer für Freiheit.
- Zwischen ihm und seinem Landsmann hatte es zunächst Freundschaft gegeben, dann Rivalität, schließlich offene
- Feindschaft. Bner starb 1837. Dre Jahre später erschien ein Buch Ludwig Bner, eine Denkschrift. Es war
- keine Homage, es war eine Abrechnung. Der Verfasser zeichnete den Verstorbenen als beschränkten Fanatiker, als
- neidischen Rivalen. Schlimmer noch, er beschrieb BES Verhältnis zu einer verheirateten Frau namens Jeanette Wohl
- mit allen skandalösen Details. Die Reaktion kam prompt. Salomon Strauß, der Ehemann jener Frau, deren Ehre
- beschmutzt worden war, forderte genug. Ein Duell wurde vereinbart. Der Morgen des Duells war grau und feucht. Nebel
- hing zwischen den Bäumen eines kleinen Wäldchens außerhalb von Paris. Zwei Männer standen sich gegenüber, Pistolen
- in den Händen. "Sie hätten schweigen können", sagte Strauß. Seine Stimme zitterte vor Wut oder vor Angst. "Ich
- habe nie geschwiegen", antwortete sein Gegner. "Das ist mein Fluch und mein Talent. Die Sekundanten gaben das
- Zeichen, die Pistolen wurden gehoben. Heinrich dachte an Matilde, die zu Hause wartete, an die Gedichte, die er noch
- schreiben wollte, an den Tod, der plötzlich sehr nah schien. Der Schuss krachte, ein brennender Schmerz im
- Oberschenkel. Er taumelte, viel aber nicht. Blut sickerte durch den Stoff seiner Hose, tropfte auf das feuchte
- Gras. "Sind Sie zufrieden?", fragte sein Sekundant den Gegner. Strauß nickte steif. Ehre war wiederhergestellt, was
- auch immer das bedeutete. Der Verwundete humpelte vom Feld, die Wunde würde heilen, aber die Feindschaft nicht. Die
- deutsche Immigration war gespalten. Eine Hasskampagne begann. War es das Wert gewesen? Das Buch, die Enthüllungen, die
- Wahrheiten, die niemand hören wollte? Er wusste keine Antwort. Er wusste nur, dass er nicht anders konnte. In jenem
- Jahr 1840 begannen auch die ersten Zeichen einer anderen Bedrohung. einer Bedrohung, die schlimmer war als jeder
- Feind, jeder Skandal, jedes Duell. Eines Morgens wachte der Poet auf und spürte, daß seine linke Hand taub war. Er dachte
- sich nichts dabei. Wahrscheinlich hatte er darauf gelegen. Eine Woche später waren die Zehen an beiden Füßen
- gefühllos. Dann kamen Kopfschmerzen, so heftig, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Die Ärzte zuckten die Schultern.
- Sie nannten es Nervenschwäche. Sie verschrieben Quecksilber und Ruhe, aber die Taubheit breitete sich aus. Die
- Schmerzen wurden schlimmer. Etwas frß an seinem Körper, langsam und unerbittlich. Der Mann, der mit Worten Welten
- erschaffen konnte, war dabei, seinen eigenen Körper zu verlieren. Die Krankheit kam schleichend wie ein Dieb
- in der Nacht. Erst die Taubheit in den Fingern, dann in den Zehen, dann die Kopfschmerzen, die ihn tagelang ans Bett
- fesselten, dann die Lähmungen, die sich ausbreiteten wie Eis auf einem Teich. Die Ärzte kamen und gingen mit ihren
- lateinischen Diagnosen und ihren nutzlosen Tinkturen. Sie nannten es Rückenmarkschwindsucht.
- Sie verschrieben Quecksilber, das damals als Wundermittel galt. Sie verschrieben Ruhe, Bäder, Diäten. Nichts half. Viele
- Jahrzehnte später im Jahr 1997 untersuchten Wissenschaftler eine Haarprobe des längst verstorbenen
- Dichters. Das Ergebnis überraschte die Fachwelt. Chronische Bleivergiftung. Das Gift stammte wahrscheinlich aus den
- Medikamenten, die er jahrelang eingenommen hatte. Die lange vermutete Syphilis konnte ausgeschlossen werden.
- Aber war die Vergiftung nur ein tragischer Zufall oder hatte jemand nachgeholfen? In seinen letzten Jahren
- deutete der Kranke selbst auf Gift hin. Er machte dunkle Andeutungen über Feinde, die ihn aus dem Weg räumen
- wollten. Preußische Agenten vielleicht, ein eifersüchtiger Rivale. Die Gerüchte wucherten, aber Beweise gab es keine.
- Was feststeht, sein Körper zerfiel und sein Geist musste zusehen. Dezember 1844
- Ein Brief aus Hamburg. Onkel Salomon war gestorben. Das Vermögen, das er hinterließ, betrug Millionen Mark. Eine
- unvorstellbare Summe. Heinrich öffnete den Umschlag mit dem Testament. Seine Hände zitterten nicht nur von der
- Krankheit. Endlich, dachte er, endlich Gerechtigkeit, endlich Anerkennung für den Mann, der den Namen Heine
- unsterblich gemacht hatte. Er las noch einmal, dann schleuderte er die Papiere zu Boden. Matilde kam aus dem
- Nebenzimmer gelaufen, erschrocken von dem Lärm. Was ist geschehen? 8000 Franc im Jahr. Seine Stimme war heiser vor
- Wut. 8000 unter der Bedingung, dass ich nie etwas über die Familie schreibe. Das ist doch viel Geld, oder nicht? Das ist
- ein Almosen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Ich habe den Namen Heine in die Weltliteratur eingeschrieben und er
- gibt mir Brotkrumen und nach meinem Tod bekommst du fast nichts. Er war dein Onkel, er hätte überhaupt nicht, hätte
- er nicht, nach allem, was ich ertragen habe, nach den Jahren der Demütigung, nach dem Stehen in der Ecke, während die
- anderen aßen. Matilde verstand seinen Zorn nicht ganz. Sie verstand vieles nicht, aber sie sah den Schmerz in
- seinen Augen und schwieg. Das Testament enthielt noch eine andere Klausel. Cousin Karl, Salomons Sohn und Haupterbe
- konnte die Rente nach eigenem Ermessen streichen. Der kranke Dichter war der Willkür seines Väters ausgeliefert. Was
- folgte, war ein jahrelanger Krieg. Briefe voller Beschimpfungen flogen hin und her. Anwälte wurden eingeschaltet,
- Drohungen ausgesprochen. "Ich werde Memoiren schreiben", drohte der Entbte. "Ich werde alles enthöhen, jedes
- schmutzige Geheimnis dieser Familie." Karl drohte zurück. Er würde die Rente streichen. Sofort ohne Vorwarnung. Die
- Zeitungen bekamen Wind von dem Streit. Sie druckten die saftigsten Passagen aus den Briefen. Ein weiterer Skandal für
- den Skandal umwitter Poeten. Doch am Ende kam die Versöhnung. Kurz vor dem Tod des Dichters reiste Karl nach Paris.
- Die beiden Männer, die sich jahrelang gehasst hatten, umarmten sich am Krankenbett. Was sie einander sagten,
- ist nicht überliefert. Manche Geheimnisse sterben mit denen, die sie kennen. Die bittere Ironie dieser
- Geschichte: Ein gelähmter, sterbender Mann kämpfte jahrelang um Geld, dass er nicht mehr würde ausgeben können. Wofür?
- Für Matilde? Für das Prinzip oder aus reinem Hass auf die Familie, die ihn nie als gleichwertig angesehen hatte.
- Wahrscheinlich von allem etwas. Mai 1848 Auf den Straßen von Paris tobte die
- Revolution. Barrikaden brannten, Schüsse fielen, das Königtum wankte. An diesem Tag verließ Heinrich Heine sein Haus zum
- letzten Mal. Er schleppte sich durch die Straßen, vorbei an den Aufständischen, vorbei an den Soldaten. Sein Ziel war
- der Luvre. Die Venus von Milo wartete auf ihn. Er kniete vor der Statue nieder und weinte, wie wir am Anfang dieser
- Geschichte gehört haben. Die Göttin ohne Arme, die Schönheit, die nicht trösten kann. Der Abschied von allem, was er
- geliebt hatte. Als er nach Hause zurückkehrte, wußte er, das war das Ende seiner Bewegungsfreiheit. Von nun an
- würde sein Bett sein Gefängnis sein, acht Jahre lang. Die Wohnung in der Rüdamsterdam wurde zu seiner Welt. Drei
- Matratzen übereinander gestapelt, bildeten sein Lager. Die Ärzte nannten es praktisch. Er nannte es seine
- Matratzengruft. Das linke Augenlied war gelähmt. Er musste es mit der Hand anheben, um zu sehen. Erst versagten die
- Beine, dann die Arme, dann fast alles andere. Die Schmerzen waren unerträglich. Opium wurde sein ständiger
- Begleiter. Es linderte die Qualen, aber es brachte auch Albträume. Manchmal wusste er nicht mehr, ob er wachte oder
- träumte. Gestalten erschienen ihm, Geister aus der Vergangenheit, Dämonen aus seiner Fantasie. Krämpfe schüttelten
- seinen ausgemergelten Körper. Das Schlucken fiel ihm schwer. Die Ärzte kamen und gingen ratlos, hilflos. Aber
- sein Geist blieb wach, wacher vielleicht als je zuvor. Er empfing Besucher in seinem Bett. Er diktierte Gedichte, weil
- seine Hände den Stift nicht mehr halten konnten. Er machte Witze über seinen Zustand, flirtete mit den
- Krankenschwestern, stritt mit seinen Gästen über Politik und Philosophie. Die Matratzengruft wurde zu einem Salon der
- besonderen Art. Schriftsteller, Künstler und Bewunderer aus ganz Europa kamen, um den sterbenden Genius zu sehen. Manche
- aus echter Verehrung, andere aus Neugier. Alle gingen verändert wieder fort. Karl Marx kam manchmal vorbei mit
- Pampfleten unter dem Arm und revolutionärem Feuer in den Augen. Bei einem dieser Besuche trugen die
- Pflegerinnen den Kranken auf einem Laken in ein anderes Zimmer, um das Bett frisch zu beziehen. "Sehen Sie lieber
- Marx", sagte der Gelämte mit schwacher Stimme, aber lachenden Augen. "Die Damen tragen mich noch immer auf Händen." Marx
- stand da und wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Gerade Wal kam oft. Der französische Poet, selbst vom
- Wahnsinn bedroht, fand bei dem deutschen Kollegen einen Verwandten im Geiste. Die beiden sprachen über Träume und
- Visionen, über die dünne Grenze zwischen Vernunft und Irrsinn. "Wir sind alle verrückt", sagte der Kranker einmal zu
- seinem Besucher. "Der Unterschied ist nur, dass manche von uns es wissen." Nerval nickte. Er wusste es. Wenige
- Jahre später erhängte er sich in einer Pariser Gasse. Als die Nachricht kam, weinte sein Freund in der
- Matratzengruft. Theophil Gautier brachte Klatsch aus den Salons, Geschichten von Affären und Intrigen, von neuen Büchern
- und alten Feindschaften. Der Kranke sogurstender das Wasser. "Erzählen Sie mehr", bat er
- immer wieder. "Erzählen Sie mir von der Welt, aus der ich verbannt bin." Und dann eines Tages kam eine junge Frau,
- die alles verändern sollte. Das Jahr 1855 In das Krankenzimmer trat eine Deutsche
- von 33 Jahren. Sie hatte ernste Augen und eine ruhige Art. Sie war keine Schönheit im konventionellen Sinne, aber
- etwas an ihr zog den Blick an. Ihr Name war Elise Krenitz. Sie war Schriftstellerin, eine Bewunderin seiner
- Werke. Als sie von seiner Krankheit erfahren hatte, war sie nach Paris gereist, um ihn zu besuchen. Der
- Sterbende hob mit der Hand sein gelähmtes Augenlied, musterte sie schweigend. Wie heißen Sie?", fragte er
- schließlich. "Elise?" Nein. Ein schwaches Lächeln huschte über sein eingefallenes Gesicht. "Sie sind die
- Musch, die Fliege, weil sie klein sind und bestimmt lästig werden." Sie lachte und sie blieb. Von diesem Tag an kam sie
- jeden Nachmittag. Sie las ihm vor, aus Büchern, aus Zeitungen, aus ihren eigenen Versuchen. Sie schrieb nach
- seinem Diktat, wenn seine Hände versagten. Sie hörte zu, wenn er redete, und sie schwieg, wenn er schweigen
- wollte. Was zwischen ihnen war, lässt sich schwer benennen. Liebe, Freundschaft, Bewunderung, vielleicht
- von allem etwas, vielleicht etwas, das keinen Namen hat. Matilde beobachtete diese Entwicklung mit wachsendem
- Arkwohn. Sie verstand nicht, was die beiden verband, aber sie spürte die Gefahr. Die Eifersuchtszen wurden
- häufiger. Geschreihalte durch die Wohnung, Türen knallten, Gegenstände flogen. Drei Menschen in einer Wohnung,
- der sterbende Ehemann, die eifersüchtige Gattin, die junge Verehrerin. Ein Drama, das sich täglich abspielte. "Sie müssen
- gehen", schrie Matilde eines Tages. "Sie haben hier nichts verloren." Elise wandte sich an den Kranken. "Soll ich
- gehen?" Er schüttelte den Kopf, so gut er es noch konnte. "Bleiben Sie, ich brauche Sie beide" auf verschiedene
- Weise. Matilde verstand nicht, sie verstand nie, aber sie akzeptierte es schließlich, weil sie ihn liebte und
- weil sie sah, wie wenig Zeit ihm blieb. Der Poet schrieb Liebesgedichte für die Musch, die letzten Liebesgedichte seines
- Lebens. Sie waren von einer Zärtlichkeit, die überrascht über einen Mann, der für seine Bissigkeit bekannt
- war. Dein Angesicht so lieb und schön, das habe ich jüngst im Traum gesehen. Es ist so mild und engelgleich und doch so
- bleich, so schmerzensbleich. War es echte Liebe oder die Sehnsucht eines Sterbenden nach dem Leben, das ihm
- entglitt? Die Biografen streiten bis heute. Die Wahrheit kennt niemand außer den beiden und sie haben sie mit ins
- Grab genommen. Die religiöse Wende in seinen letzten Jahren überraschte alle, die ihn kannten. Der Mann, der die
- Kirche verspottet hatte, der Gott einen himmlischen Aristokraten nannte, der die Bibel als Märchenbuch abtat. Dieser Mann
- sprach plötzlich von Glauben und Erlösung. Es begann schleichend. In seinen späten Gedichten tauchten
- religiöse Motive auf, die früher undenkbar gewesen wären. Er schrieb über Lazarus den Auferstandenen, mit dem er
- sich offensichtlich identifizierte. Er schrieb über Hiob den Durder, dessen Leiden sinnlos schien. Dann kam das
- Vorwort, das die Welt erschütterte. 1850 Er arbeitete an einer Neuausgabe seiner
- gesammelten Werke. Der Sekretär saß am Bett und wartete auf das Diktat. Schreiben Sie", sagte der Kranke, "was
- meine eigene Person betrifft, so kann ich mich nicht rühmen, daß an meinem Gemüte seit langer Zeit eine besondere
- Ehrfurcht für das Christentum herrschte." Der Sekretär schrieb: "Aber man soll die Wahrheit gestehen. Ich bin
- zurückgekehrt zu Gott wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet. Der
- Sekretär hielt inne: "Ist das wahr? Schreiben Sie, was ich diktiere. Aber sie haben immer gesagt, Gott sei eine
- Erfindung der Schwachen. Wenn der Körper zerstört ist, klammert sich die Seele an etwas, schreiben sie. Die Nachricht von
- seiner Bekehrung verbreitete sich schnell. Die Reaktionen waren heftig. Die Radikalen, mit denen er
- jahrzehntelang sympathisiert hatte, fühlten sich verraten. "Er hat die Sache aufgegeben", schrien sie. Die
- Kirchenleute glaubten ihm nicht. "Er heuchelt für die Öffentlichkeit", höhnten sie. Marx war enttäuscht.
- Bürgerliche Sentimentalität eines Sterbenden nannte er es. Aber was glaubte der Bekrlich? Es war keine
- Rückkehr zum Judentum. Es war kein Übertritt zum Christentum. Was er fand, war etwas anderes, etwas Persönliches.
- Ein Gott jenseits der Konfessionen, jenseits der Dogmen. "Ich brauche keinen Priester als Vermittler", sagte er zu
- einem Besucher. "Gott und ich können unsere Angelegenheiten unter vier Augen regeln. War es die Angst vor dem Tod
- oder eine echte Erleuchtung? geboren aus Jahren des Leidens, wahrscheinlich beides oder keines oder etwas, das sich
- mit Worten nicht fassen lästt. Die Ironie war bitter, selbst seine Religiosität wurde zum Skandal. Die
- Gedichte seiner letzten Jahre gehören zu den Besten, die er je geschrieben hat, über den Tod, über Gott, über die
- Ungerechtigkeit der Welt mit einem Lächeln, hinter dem der Abgrund lauerte. Im Zyklus Lazarus schrieb er: "Lass die
- heiligen Parabolen, lass die frommen Hypothesen. Suche die verdammten Fragen ohne Umschweif uns zu lösen." Das war
- kein frommer Glaube. Es war ein Ringen, ein Kämpfen, ein Hadern mit dem Himmel. Warum schleppt sich blutend, elend unter
- Kreuzlast der Gerechte, während Hoch zu Ross der Schlechte mit dem Siegerkranze punkt? Hiob, der mit Gott stritt, war
- sein Vorbild geworden. Ein Glaube, der keine Antworten akzeptierte. Ein Glaube, der fragte, klagte, anklagte. Über sich
- selbst verfaßte er Grabschriften, die beißend und zärtlich zugleich waren. Hier liegt ein deutscher Dichter,
- bekannt für seine Witze. Wenn er tot ist, verletzen sie nicht mehr. Er scherzte über den Tod. Jeden Tag, jede
- Stunde, aber hinter jedem Scherz hörte man die Dunkelheit. In einem anderen Gedicht schrieb er: "Lass im Grabe mich
- modern, lass die Würmer jubeln, tanzen. Ich beneid sie. Sie bewegen wenigstens sich noch. Das war schwarzer Humor in
- seiner reinsten Form. Das Lachen eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte. Die letzten Monate waren
- qualvoll. Die Lehmung hatte fast den ganzen Körper erfasst. Das Schlucken war zur Tortur geworden. Die Schmerzen
- ließen sich auch mit Opium nicht mehr betäuben. Aber er diktierte weiter, kämpfte weiter, schuf weiter. "Solange
- ich denken kann, bin ich nicht tot", sagte er zur Musch. und solange ich dichten kann, lebe ich." Sie schrieb
- seine Worte auf und weinte dabei. Eines seiner allerletzten Gedichte handelte von einem deutschen Poeten, der in der
- Fremde stirbt. Denke ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Diese Zeilen, Jahre zuvor
- geschrieben, bekamen in seinen letzten Tagen eine neue Bedeutung. Deutschland, das Land, das ihn verstoßen hatte, das
- Land, dessen Sprache er wie kein anderer beherrschte. das Land, in das er nie zurückkehren würde. Er dachte oft daran,
- besonders nachts, wenn der Schmerz am schlimmsten war, die Rheinlandschaft seiner Kindheit, die Straßen
- Düsseldorfs, das Haus des Onkels in Hamburg, wo er Amalie zum ersten Mal gesehen hatte. Alles so weit weg, alles
- unwiderbringlich. "Ich habe Deutschland mehr geliebt, als es mich verdient hat", flüsterte er
- einmal, "ndat mich dafür bestraft." Niemand antwortete. Was hätte man auch sagen sollen. In der Nacht vor seinem
- Tod war er unruhig. Matilde saß an seinem Bett und hielt seine Hand. Diese Hand, die nicht mehr schreiben konnte,
- die kaum noch zucken konnte. Elise wartete im Nebenzimmer für alle Fälle. Draußen lag Paris im Winterschlaf. Keine
- Barrikaden mehr, keine Revolutionen, nur die Stille einer Februarnacht. Der Morgen dämmerte grau. Es war der 17.
- Februar 1856, ein gewöhnlicher Wintertag. Nichts deutete darauf hin, dass er anders sein
- würde als die Tage zuvor. Heinrich Heine öffnete die Augen. Das linke Lied hing herab wie immer, aber das rechte Auge
- war klar. Er sah Matilde an, die neben ihm eingenickt war. Er sah das fahle Licht, das durch die Vorhänge sickerte.
- Er sah sein Leben, das zu Ende ging. Mit der letzten Kraft, die ihm geblieben war, bat er um Papier und Bleistift. Ich
- will noch etwas aufschreiben", flüsterte er. "Ein letztes Mal." Matilde fuhr hoch, ihre Augen waren rot vom Weinen
- und vom Wachen. Sie legte ihm den Bleistift in die Hand, die Finger schlossen sich darum, zitterten,
- versuchten, sich zu bewegen, versagten. Der Bleistift rollte auf den Boden. "Es macht nichts", sagte er leise.
- "erelleicht sagte er es nicht, vielleicht dachte er es nur." Gegen Mittag wurde sein Atem flacher. Elise
- war jetzt auch im Zimmer, stand in der Ecke, wagte nicht näher zu kommen. Matilde hielt noch immer seine Hand. Die
- Papageien im Nebenzimmer waren still, als wüssten sie es. Er murmelte etwas. Matilde beugte sich zu ihm hinunter.
- "Was hast du gesagt, mein Lieber?" Seine Lippen bewegten sich noch einmal. Diesmal verstand sie es. Die me
- pardonnera sonier. Gott wird mir verzeihen. Das ist sein Beruf. Selbst im Sterben konnte er das Spotten nicht
- lassen. Gegen sieben Uhr abends hörte sein Atem auf. Kein dramatischer Abschied, kein letzter großer Auftritt.
- Nur ein Atem, der nicht wiederkam. Ein Herz, das nicht mehr schlug. Eine Stille, die das Zimmer füllte. Matilde
- weinte. Elise weinte. Die Papageien im Nebenzimmer begannen plötzlich zu krächzen, als hätten sie verstanden,
- dass etwas Unwiderrufliches geschehen war. Draußen ging das Leben weiter. Paris kümmerte sich nicht um den Tod
- eines deutschen Poeten. Die Menschen gingen ihren Geschäften nach, lachten, stritten, liebten. Für sie hatte sich
- nichts verändert. Aber für die Literaturgeschichte hatte sich alles verändert. Eine Stimme war verstummt,
- die nie wieder erklingen würde. Die Nachricht verbreitete sich schnell. In Paris erschienen Nachrufe in allen
- großen Zeitungen. "Der größte deutsche Dichter seit Gote", schrieben manche. "Ein Verlust für die europäische
- Kultur", schrieben andere. In Deutschland war die Reaktion gemischter. Manche trauerten aufrichtig, andere
- freuten sich, dass der Unruhestifter endlich Ruhe gab. Die Zeitungen, die ihn zu Lebzeiten bekämpft hatten, fanden
- auch im Tod keine versen Worte. Die Beerdigung fand am 21. Februar statt, ein grauer kalter Tag, wie es sie im
- Februar oft gibt. Der Leichenzug bewegte sich langsam durch die Straßen zum Friedhof Monmatre. Es kamen weniger
- Menschen, als man hätte erwarten können, etwa 100, vielleicht etwas mehr. Die große Welt hatte besseres zu tun, aber
- die, die kamen, waren aufrichtig in ihrer Trauer. Alexandre Dü hielt die Grabrede. Er stand am offenen Grab, den
- Mantel gegen den Wind gezogen und sprach von dem Mann, der dort lag. Er war ein Dichter", sagte Düm. "Das ist das Erste
- und das letzte, was man über ihn sagen kann. Er hat mit Worten gezaubert, wie andere mit Farben oder mit Tönen. Er hat
- uns zum Lachen gebracht und zum Weinen. Er hat uns die Wahrheit gesagt, auch wenn wir sie nicht hören wollten."
- Theophil Gottier stand stumm am Grab, Tränen in den Augen. Er hatte seinen Freund verloren, seinen Rivalen, seinen
- Gesprächspartner. Matilde in schwarz, das Gesicht hinter einem Schleier verborgen. Sie verstand die Worte nicht,
- die über ihrem Mann gesprochen wurden, weil sie auf Deutsch waren. Aber sie verstand den Ton, den Respekt, die
- Trauer. Elise war nicht unter den Trauergästen oder wenn sie da war, hielt sie sich im Hintergrund. Manche Dinge
- gehören nicht an die Öffentlichkeit. Das Grab liegt noch heute auf dem Friedhof Montmre. Ein weißer Marmorsockel, darauf
- sein Name und seine Daten. Heinrich Heine. 1897 bis 1856.
- Die katholischen Priester hatten sich geweigert, den Ketzer zu segnen. Die Rabiner hatten sich ebenfalls geweigert,
- den Abtrünnigen zu betrauern. So wurde es eine weltliche Zeremonie ohne Gebet, ohne Ritual, so wie er es wahrscheinlich
- gewollt hätte. Matilde lebte noch 27 Jahre nach seinem Tod. 27 Jahre in einer Wohnung voller Erinnerungen. Sie
- verkaufte die Papageien nicht, obwohl das Geld knapp wurde. Sie lernte nie Deutsch, las nie ein Gedicht ihres
- Mannes. Aber sie hütete sein Andenken. Sie bewahrte seine Manuskripte auf. Sie empfing die Besucher, die über ihn
- sprechen wollten. Am 17. Februar 1883, genau 27 Jahre nach seinem Tod schloss auch sie die Augen. Der Jahrestag war
- kein Zufall. Manche Seelen wissen, wann es Zeit ist zu gehen. Sie wurde neben ihm begraben. Zwei Namen auf einem
- Stein, zwei Leben, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und doch verbunden bis zum Ende und darüber
- hinaus. Elise Kenitz verschwand aus den Analen der Geschichte. Sie kehrte nach Deutschland zurück, veröffentlichte
- einige Bücher, die niemand las und starb in Vergessenheit. Die Briefe, die sie mit dem Sterbenden gewechselt hatte,
- vernichtete sie zum Teil selbst. Was übrig blieb, wurde von Erben versteckt und gehütet. Die Wahrheit über die Musch
- bleibt im Dunkeln. Vielleicht ist das auch gut so. Die Jahrzehnte nach seinem Tod brachten, was er zu Lebzeiten nie
- erfahren hatte. Uneingeschränkte Anerkennung. Die Komponisten stürzten sich auf seine Ferse. Robert Schumann,
- Franz Schubert, Johannes Brahams, Hugo Wolf, Richard Strauß. Die Lorelei allein inspirierte über 400 verschiedene
- Vertonungen. Seine Bücher wurden neu aufgelegt, seine Gedichte in allen Schulen gelesen, seine Lieder in allen
- Konzertsälen gesungen. Aber mit dem Aufstieg des Nationalismus kehrte sich das Blatt. Die Patrioten, die ein
- starkes, geeintes Deutschland wollten, hatten für den kosmopolitischen Spötter nichts übrig. Sie warfen ihm vor,
- undeutsch zu sein, wurzellos, zersetzend. Das Wort Jude immer öfter. Erst versteckt, dann offen. In den 80er
- Jahren des 19. Jahrhunderts begann die erste Kampagne gegen sein Andenken. Konservative Kritiker forderten seine
- Werke aus den Schulbüchern zu streichen. Völkische Agitatoren nannten ihn einen Fremdkörper im deutschen Geistesleben.
- Der Antisemitismus, den er sein Leben lang bekämpft hatte, holte ihn nach dem Tod ein. Die Ironie war bitter. Der
- Mann, der sich hatte taufen lassen, um dazu zu gehören, wurde postthum zum Beweis dafür erklärt, dass Juden niemals
- dazu gehören könnten. Aber das Schlimmste stand noch bevor. Im Jahr 1821
- in seiner Tragödie Almansor hatte Heinrich Heine Szene geschrieben, die damals kaum jemand beachtete. Es ging um
- die Verbrennung des Korans durch christliche Fanatiker im mittelalterlichen Spanien. Ein Charakter
- sagte, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. 113 Jahre später wurde diese Prophezeiung
- wahr. Das Jahr 1933. Die Nationalsozialisten kamen an die Macht. Eine ihrer ersten Aktionen war
- die Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz. Am 10. Mai, einem warmen Frühlingsabend, loderten die Flammen.
- Studenten in Uniformen warfen Bücher ins Feuer, begleitet von Sprechkören und Marschmusik. Die Werke von Marx
- brannten, die Werke von Freud brannten, die Werke von Thomas und Heinrich Mann brannten und die Werke von Heinrich
- Heine brannten. Der Satz, den er über ein Jahrhundert zuvor geschrieben hatte, hing in der Luft wie ein Fluch, der sich
- erfüllte. Die Nazis kannten das Zitat. Es war zu berühmt, um es zu ignorieren. Sie verboten, es zu zitieren. Sie
- versuchten, es aus dem Gedächtnis zu tilgen. Aber Worte lassen sich nicht so leicht verbrennen. Sie überleben in den
- Köpfen derer, die sie gelesen haben. Sie wandern von Mund zu Mund. Sie warten, bis ihre Zeit wiederkommt. Mit der
- Lorelei hatten die Machthaber ein besonderes Problem. Das Lied war zu populär, zu tief verwurzelt in deutschen
- Volksbewußtsein. Es zu verbieten hätte Fragen aufgeworfen, die niemand stellen sollte. Die Lösung, die sie fanden, war
- absurd und bezeichnend zugleich. Das Gedicht blieb in den Schulbüchern, aber unter dem Text stand nicht mehr der Name
- Heinrich Heine. Dort stand: "Dichter, unbekannt." Millionen Deutscher Kinder lernten die Verse auswendig, ohne zu
- wissen, wer sie geschrieben hatte. Millionen Deutsche sangen das Lied ohne den Namen des Juden auszusprechen. Es
- war vielleicht der größte Triumph des toten Poeten. Seine Worte waren so stark, dass selbst die mächtigsten sie
- nicht auslöschen konnten. Sie konnten seinen Namen tilgen, aber nicht seine Stimme zum Schweigen bringen. Die
- Lorelei sang weiter, auch wenn niemand wissen durfte, woher sie kam. Die Jahre des Terrors vergingen. Die
- Bücher brannten, dann brannten die Menschen, dann brannte Deutschland selbst. Als der Rauch sich verzogen
- hatte, lag das Land in Trümmern und mit den Trümmern wurde auch die Erinnerung ausgegraben. Heinrich Heine wurde
- rehabilitiert. Sein Name kehrte in die Schulbücher zurück, seine Werke in die Bibliotheken. Straßen wurden nach ihm
- benannt, Schulen, Universitäten. Die Heinrichheine Universität in Düsseldorf trägt seinen Namen in der Stadt, in der
- er geboren wurde und die ihn einst nicht haben wollte. Denkmähläller entstanden, wo früher keine stehen durften,
- Gedenktafeln an den Häusern, in denen er gelebt hatte. Es war eine späte Wiedergutmachung, zu spät für den Mann,
- der sie verdient hätte, aber vielleicht nicht zu spät für die Nachwelt. Und doch blieb er unbequem, auch nach der
- Rehabilitation. Für die einen zu jüdisch, für die anderen nicht jüdisch genug. Für die einen zu links, für die
- anderen zu unpolitisch. Für die einen zu Deutsch, für die anderen zu kosmopolitisch. Er passte in keine
- Schublade. Das war zu Lebzeiten so gewesen und es blieb so nach seinem Tod. Vielleicht ist das sein größtes
- Vermächtnis. Nicht die Gedichte allein, so unvergesslich sie sind, sondern diese hartnäckige Weigerung
- irgendwohinzugehören. Diese Freiheit des Geistes, die sich keiner Partei, keiner Kirche, keiner
- Nation unterwirft. In einer Welt, die immer neue Schubladen erfindet, immer neue Etiketten klebt, ist das eine
- radikale Position. Er war sein eigener Mensch mit all seinen Fehlern und Schwächen. Er verlangte von niemandem
- ihn zu mögen. Er verlangte nur gehört zu werden. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.
- Dieser Satz ist heute aktueller denn je. In einer Zeit, in der Widerstimmen zum Schweigen gebracht werden, in der wieder
- das Fremde zum Feind erklärt wird, in der wieder die Angst regiert. Heines Warnung klingt durch die Jahrhunderte
- für alle, die hören wollen. Auf dem Friedhof Montmatre unter alten Bäumen liegt sein Grab. Der Marmor ist
- verwittert, die Inschrift verblasst mit den Jahren. Touristen kommen manchmal vorbei, machen ein Foto, gehen weiter.
- Die meisten wissen nicht genau, wen sie da fotografiert haben, aber jeden Tag legt jemand frische Blumen nieder. Jeden
- Tag bleibt jemand stehen und liest die Worte auf dem Stein. Jeden Tag erinnert sich jemand. Nicht weit von diesem
- Friedhof steht der Luvre. Und in einem seiner Seele steht noch immer die Venus von Milo, die Göttin ohne Arme, die
- Schönheit, die nicht trösten kann. Manchmal, wenn das Licht richtig fällt und die Hallen still sind, könnte man
- meinen, der Marmor erinnere sich an den Mann, der kam, um sich zu verabschieden, an die Tränen, die auf den kalten Boden
- fielen. An die Worte, die er später schrieb. Sie blickte auf mich herab, aber so teilnahmenslos, so seelenlos.
- Siehst du nicht, daß ich keine Arme habe, um dir zu helfen? Die Venus hat keine Arme. Deutschland hatte lange kein
- Herz für seinen größten Dichter seit Gote, aber seine Worte brauchen weder Arme noch Herzen. Sie leben aus sich
- selbst. Sie werden immer leben. Das ist sein Sieg. Das ist sein Trost. Das ist sein Vermächtnis. Heinrich Heine wurde
- geboren als Sohn eines gescheiterten Kaufmanns in einer Provinzstadt am Rhein. Er wuchs auf im Schatten
- Napoleons und im Schatten eines reichen Onkels. Er liebte eine Frau, die ihn verschmähte und heiratete eine, die ihn
- nicht verstand. Er wurde berühmt für seine Gedichte und berüchtigt für seine Skandale. Er ging ins Exil und kehrte
- nie zurück. Er erkrankte und schrieb seine besten Werke in einem Bett, das er Matratzengruft nannte. Er starb arm an
- Jahren und reich an Worten. Widersprüche, wohin man sieht. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Ein
- Mensch ist kein Monument. Ein Genie ist kein Heiliger. Ein Leben passt nicht in einen Satz. Er war Heim, der jüdische
- Junge, der im Hühnerstall kräte. Er war Harry, der unglücklich verliebte. Er war Heinrich, der gefürchtete Satiriker. Er
- war Christian Johann Heinrich, der getaufte Verräter. Er war der Exilant, der Kranke, der Sterbende, der
- Unsterbliche. All das war er, all das ist er noch immer. Irgendwo in Deutschland in diesem Moment summt
- jemand die Lorelei. Vielleicht ohne zu wissen, wer sie geschrieben hat. Vielleicht, indem er so tut, als wisse
- er es nicht. Es spielt keine Rolle. Das Lied lebt, die Worte leben, die Wahrheiten leben. Das ist die Macht der
- Dichtung. Sie überdauert die, die sie schreiben. Sie überlebt die, die sie verbrennen. Sie wandert durch die Zeit
- und findet immer wieder Herzen, in denen sie zu Hause ist. Heinrich Heines Worte haben ihr zu Hause gefunden, in der
- deutschen Sprache, die er wie wenige andere beherrschte, in der Weltliteratur, zu der er gehört, in den
- Seelen aller, die noch fähig sind, sich von Schönheit berühren und von Wahrheit erschüttern zu lassen. Er war ein
- schwieriger Mensch. Er konnte grausam sein, wie sein Angriff auf Platen zeigt. Er konnte kolflich wirken, wie die
- geheime Pension beweist. Er konnte rachsüchtig sein, wie sein Buch über Bne demonstriert. Aber er war auch mutig. Er
- sagte, was andere nur dachten. Er schrieb, was andere nicht wagten. Er zahlte den Preis dafür, ohne zu klagen.
- In einer Zeit der Konformität war er ein Nonkonformist. In einer Zeit der Zensur war er ein Freigeist. In einer Zeit der
- Ideologien war er ein Individualist. Das machte ihn unbequem. Das macht ihn noch immer unbequem. Unbequeme Menschen sind
- wichtig. Sie stören den Frieden der Selbstzufriedenen. Sie rütteln an den Gewissheiten. Sie erinnern uns daran,
- dass Freiheit jeden Tag neu erkämpft werden muss. Heinrich Heine war so ein Mensch. Er störte, er rüttelte, er
- erinnerte. Und seine Stimme klingt noch immer für alle, die hören wollen. Am Ende bleibt ein Bild. Ein Mann, der vor
- einer Statue kniet. Eine Göttin ohne Arme, Tränen auf kaltem Marmor und die Frage, die nie beantwortet wurde: siehst
- du nicht, dass ich keine Arme habe, um dir zu helfen? Die Schönheit kann nicht trösten, die Heimat kann nicht umarmen,
- der Körper kann nicht gehorchen. Aber die Worte bleiben immer die Worte. Heinrich Heine 1897
- bis 1856 Dichter Spötter Prophet tot seit über 170 Jahren. lebendiger als die meisten
- lebenden.
Zum Nachlesen
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RomanzeroDen größten Teil der Gedichte des Romanzero schrieb Heine zwischen 1848 und 1851. Zu dieser Zeit war Heine bereits sehr krank; seine letzten Lebensjahre …
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