HEINRICH HEINE: 8 Jahre im Bett! Die qualvolle Wahrheit über Deutschlands größten Dichter Hinter den Kulissen der Klassik https://www.youtube.com/watch?v=ELe8vQmUjZM Transkript (automatisch erstellt) 0:04 Paris, März 1848. Auf den Straßen brennen Barrikaden, Schüsse hallen durch die Gassen und der 0:11 Geruch von Schießpulver vermischt sich mit dem Duft des frühen Frühlings. Die Revolution hat die Stadt erfasst, doch 0:18 ein Mann kämpft an diesem Tag um einen ganz anderen Kampf. Heinrich Heine, 50 Jahre alt, verlässt sein Haus zum 0:25 letzten Mal. Seine Beine gehorchen kaum noch. Er muss sich an den Hauswänden festhalten, um nicht zu stürzen. Das 0:31 linke Augenlied hängt herab, gelehmt und er muss es mit zitternden Fingern anheben, um überhaupt etwas erkennen zu 0:38 können. Sein Körper gibt auf, das weiß er, aber er braucht diesen letzten Gang nicht zu Menschen will er, zur 0:45 Schönheit. Der Luvre ist fast leer an diesen chaotischen Tag. Wer denkt schon an Kunst, wenn draußen die Geschichte 0:52 umgeschrieben wird? Der Poet schleppt sich durch die Seele vorbei an Gemälden, die er so oft bewundert hat, bis er vor 0:59 ihr steht. Der Venus von Milo, der armlosen Göttin. Er fällt auf die Knie und weint. Die Tränen laufen über sein 1:07 eingefallenes Gesicht, Tropfen auf den kalten Marmorboden. Ein Werter beobachtet ihn aus der Ferne, wagt aber 1:14 nicht sich zu nähern. Was soll man auch sagen zu einem Mann, der vor einer Statue kniet und schluchzt wie ein Kind? 1:20 Später wird der Lyriker diese Szene beschreiben. Ich lag zu ihren Füßen und schluchzte so leidenschaftlich, daß 1:27 selbst ein Stein hätte Mitleid empfinden müssen. Die Göttin blickte auf mich herab, doch so teilnahmenslos, so 1:33 seelenlos. "Siehst du nicht, dass ich keine Arme habe, um dir zu helfen?", schien sie zu sagen. "Eine Göttin ohne 1:40 Arme. Eine Heimat, die ihren größten Poeten nach Gote verstoßen hatte. Ein Körper, der den genialen Geist verriet, 1:48 konnte Menschen zum Lachen bringen. Mit 13ehn Jahren entwickelte er eine merkwürdige Angewohnheit. Wenn ihm die 1:54 Welt zu viel wurde, wenn die Lehrer schimpften oder die anderen Jungen ihn hänselten, verschwand er nicht weit, nur 2:01 in den Hühnerstall des Nachbarn Müller. Dort hockte er zwischen den Hennen und begann zu kränhen. Nicht wie ein Huhn, 2:08 wie ein Hahn. Laut, schrill, völlig absurd. Die Nachbarn liefen zusammen. Was ist das für ein Lärm? Ist der Hahn 2:16 verrückt geworden? Und dann sahen sie ihn, den Sohn des Kaufmanns Heine, der zwischen dem Federfieh hockte und 2:22 krähte, als ginge ihn die Welt nichts an. Erst starrten sie, dann lachten sie und Harry lachte mit. Das war sein 2:30 erster Publikumserfolg. Später, viel später, als er der berühmteste Spötter Deutschlands war, 2:36 erinnerte er sich an diesen Moment, an das Lachen der Nachbarn, an die Macht, Menschen zum Lachen zu bringen, an die 2:42 Maske, hinter der man sich verstecken konnte. "Ich bin als Hahn geboren", scherzte er einmal gegenüber einem 2:48 Freund. "Ich krä, also bin ich." Sein Französischlehrer war ein Trommler aus Napoleons Armee, ein Mann namens Le 2:56 Grand. Er brachte dem Jungen nicht nur die Sprache bei, sondern auch die Liebe zu Frankreich. Die beiden wurden 3:01 Freunde, so unterschiedlich sie auch waren. Als Leige Jahre später im Russlandfeldzug fiel, weinte Harry 3:08 tagelang. Es war sein erster großer Verlust, der erste von vielen. Aber der größte Verlust stand noch bevor. Sommer 3:16 1815. In Wat war Napoleon besiegt worden. Die Trikoloren verschwanden von Düsseldorfs Dächern. Deutsche Ordnung 3:24 kehrte zurück und mit ihr die Gesetze gegen die Juden. Samson Heine kam an einem Juni Abend nach Hause, bleich und 3:31 verstört. Er warf seinen Hut auf den Tisch. Salomon ruft uns nach Hamburg. Salomons Name wirkte wie ein Schatten 3:38 über dem Esstisch. Salomon Heine war Samsons älterer Bruder, ein Bankier, ein Millionär. Vor ihm fühlte sich Samson 3:45 immer wie ein Versager. Betty pres die Lippen zusammen. Wir sind keine Bettler, wir sind Bankrott. Samsons Stimme brach. 3:53 Die Kontinentalsperre hat alles vernichtet. Alles, was ich in den englischen Handel investiert hatte, ist 3:59 verloren. Harry hörte dieses Gespräch durch die Tür. Er war 18 Jahre alt und er begriff in diesem Moment etwas 4:05 Wesentliches. Es gab nur zwei Arten von Menschen. Diejenigen, die Onkel Salomons Geld hatten und diejenigen, die davon 4:12 abhingen. Der Unzug nach Hamburg wurde zur Demütigung. Die Familie Samson Heine zog in eine bescheidene Wohnung, während 4:19 Salomon in einem Palais residierte. Der Bankier empfing seinen Bruder mit kaum verhüllter Verachtung. "Ich habe es dir 4:26 gesagt, Samson. Ich habe es dir vor Jahren gesagt, aber du wolltest nicht hören." Samson senkte den Blick. Betty 4:32 stand star neben ihm, die Hände zu Fäusten geballt. Für Harry war es noch schlimmer. Bei den Familienessen mußte 4:39 er manchmal in der Ecke stehen, während die anderen aßen. Onkel Salomon hielt nichts von seinem Neffen, diesem 4:45 verträumten Burschen, der Gedichte schrieb, statt zu arbeiten. "Aus Harry wird nichts Gescheites", hörte der junge 4:51 Mann einmal seinen Onkel zu dessen Frau sagen. Sie dachten, er sei außer Hörweite, er war es nicht. Diese Worte 4:57 brannten sich in sein Gedächtnis ein wie ein Brandmal. Salomon versuchte aus dem Neffen einen Kaufmann zu machen. Ergab 5:04 ihm eine kleine Tuchhandlung zu führen. Harry und Co. So nannte er das Geschäft, großspurig. Das Ergebnis war 5:11 katastrophal. Innerhalb von sech Monaten hatte Harry das Geschäft ruiniert. Er vergaß Bestellungen, verwechselte 5:17 Preise, verprte Kunden. Die Bücher waren ein Chaos. Zahlen interessierten ihn nicht. Worte interessierten ihn. "Du 5:25 bist ein Versager", sagte Salomon. Genau wie dein Vater. Harry schwieg, aber in seinem Inneren schwor er sich etwas. 5:32 Eines Tages würde er dem Onkel beweisen, daß er sich irrte. Eines Tages würde der Name Heine für etwas Größeres stehen als 5:39 Bankgeschäfte. In jenen Hamburger Tagen entdeckte Harry noch etwas anderes. Etwas, das seinen Onkel verwundbar 5:46 machte. Bei einem Empfang beobachtete er Salomon genauer. Der Bankier sprach lange mit einer Bediensteten, länger als 5:52 angemessen. Ihre Blicke waren vertraut, zu vertraut für Herr und Dienerin. Harry begann nachzuforschen, vorsichtig, 6:00 unauffällig, und er entdeckte ein Familiengeheimnis. Salomon hatte eine Geliebte unter den Angestellten, 6:06 möglicherweise sogar ein unehelliges Kind. Der Neffe speicherte diese Information ab. Vielleicht würde sie 6:12 eines Tages nützlich sein, vielleicht auch nicht, aber es war gut zu wissen, dass der mächtige Onkel auch Schwächen 6:18 hatte. Doch zunächst hatte Harry andere Sorgen. Er hatte sich verliebt, hoffnungslos in die falsche Frau. 6:25 Hamburg, Sommer 1816. In Salomons Stadtpalais fand ein großes Fest. Laternen erleuchteten den Garten. 6:33 Musik spielte, die feine Gesellschaft der Hansestadt war versammelt. Harry stand am Rand wie immer ein Glas in der 6:39 Hand, als er sie zum ersten Mal richtig wahrnahm. Amalie, Salomons Tochter, seine Cousine. Sie war 17 Jahre alt und 6:47 lachte gerade über etwas, das eine Freundin gesagt hatte. Die Abendsonne lag in ihren kastanienbraunen Haar. Sie 6:53 trug ein helles Kleid, das ihre schlanke Figur betonte. Sie war schön, kühl, unerreichbar. Harry verliebte sich 7:00 augenblicklich, rettungslos. In den folgenden Monaten versuchte er ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er schrieb 7:07 Gedichte für sie, Dutzende, Hunderte vielleicht. Nacht für Nacht saß er in seiner kleinen Kammer und verwandelte 7:13 seine Sehnsucht in Ferse. Eines Abends fasste er Mut. Amalie saß am Klavier und spielte eine Melodie von Mozart, als er 7:20 den Salon betrat. In seinen Händen hielt er zusammengerollte Blätter, seine neuesten Ferse. "Ich habe dir ein 7:26 Gedicht geschrieben. Schon wieder." Sie drehte sich nicht einmal um. Ihre Finger glitten weiter über die Tasten. "Du bist 7:33 bereits der Dritte diese Woche, der mir Verse bringt, aber diese sind besonders. Hör zu." Er räusperte sich. "Du bist wie 7:39 eine Blume, so hold und schön und rein. Ich schau dich an und Wehut schleicht mir ins Herz hinein. Hübsch. Ihre Stimme 7:46 war gleichgültig. Leg sie auf den Tisch." Dann beiläufig, ohne aufzusehen. Papa sagt, du hast die Handelsprüfung 7:54 nicht bestanden. Der Handel ist nicht meine Berufung. "Und ist deine Berufung?" Gedichte. Endlich drehte sie 8:01 sich um, aber ihr Blick war kühl, abschätzend. Mit Gedichten kauft man kein Haus, Kuser. Harry legte die 8:08 Blätter auf den Tisch, langsam, bedächtig. In diesem Moment verstand er die Wahrheit. Für Amelie war er der arme 8:16 Verwandte, ein Niemand, ein Träumer ohne Zukunft. Aber er schrieb weiter: "Jede Nacht. Der Schmerz wurde zum Brennstoff 8:25 für seine Kunst." 1821 kam die Nachricht, die ihn endgültig zerstörte. Emelie würde heiraten, nicht ihn, 8:33 natürlich nicht, einen preußischen Gutsbesitzer namens Friedländer. Ein Mann mit Geld, mit Stand, mit Zukunft. 8:42 Die Hochzeit fand im Herbst statt. Harry wurde nicht eingeladen. Manche Biographen vermuten, daß Emelie seine 8:48 Gefühle erwidert haben könnte, dass Onkel Salomon die Verbindung unter Androhung der Entbung verboten habe. Ob 8:55 es geheime Briefe gab, heimliche Treffen, flüchtige Küsse im Garten, weiß niemand. Die Wahrheit liegt begraben mit 9:03 denen, die sie kannten. Was bleibt, ist das Werk. Aus Harris Herzschmerz entstand die Sammlung Buch der Lieder, 9:10 die bald in ganz Deutschland gesungen werden sollte. Die unglückliche Liebe zu Emelie wurde zum Treibstoff für 9:17 unsterbliche Poesie. "Ich werde aus meinem Leid Kunst machen", sagte er zu einem Freund. "Das ist alles, was mir 9:24 bleibt." Emelie hatte ihn zurückgewiesen. Die Wunde würde nie ganz heilen. Aber aus dieser Wunde floss 9:30 etwas kostbares. Verse, die Millionen Menschen berühren sollten. Der Preis für Genialität war ein gebrochenes Herz und 9:39 das war erst die erste Zahlung. Die Jahre nach Emelias Hochzeit waren Jahre der Wanderschaft. Heinrich Heine, wie er 9:46 sich nun nannte, zog von Universität zu Universität, Bonn, Göttingen, Berlin. Überall studierte er Jura, weil Onkel 9:55 Salomon darauf bestand. Überall hasste er jede Minute davon. In Bonn las er romantische Poeten, statt in den 10:02 Pandekten zu studieren. In Berlin hörte er Hegels Vorlesungen und war erschüttert von der Kraft 10:07 philosophischen Denkens. Heimlich schrieb er Verse, heimlich veröffentlichte er erste Werke. Der Ruhm 10:14 kam schneller, als irgendjemand erwartet hatte, aber mit dem Ruh kamen die Feinde. In Göttingen 1820 eskalierte die 10:22 Situation. Eine verrauchte Studentenkneipe, späte Nacht zu viel Bier. "Hey Heine!" rief jemand durch den 10:29 Raum. "Stimmt es, dass dein Großvater Rabiner war oder bloß ein Gauner?" Die Kneipe wurde still. Alle Blicke 10:36 richteten sich auf den Angegriffenen. Heinrich stand langsam auf. Sein Gesicht war ruhig, aber seine Augen brannten. 10:43 Wiederhole das lauter, damit alle hören, wie mutig du bist, wenn du betrunken bist. Das Duell fand am nächsten Morgen 10:50 statt. Heinrich gewann, aber die Strafe traf nur ihn. Er wurde von der Universität ausgeschlossen, sein Gegner 10:57 nicht. Das war die Realität für Juden in Deutschland. Selbst wenn man die Regeln befolgte, selbst wenn man siegte, verlor 11:05 man am Ende. Es gab noch eine andere Demütigung. Heinrich versuchte einer Burschenschaft beizutreten, jenen 11:11 Studentenverbindungen, die für deutsche Einheit und Freiheit kämpften. Er wurde abgelehnt wegen seines Judentums. Die 11:19 gleichen Studenten, die von Gleichheit und Brüderlichkeit sprachen, wollten keinen Juden unter sich. Der junge Poet 11:25 lernte früh, was Deutschland für seines Gleichen berei hielt. Onkel Salomon stellte ein Ultimatum. Wenn Heinrich 11:32 eine Karriere als Anwalt anstrebte, wenn er jemals unabhängig werden wollte, dann musste er eines tun. Er musste Christ 11:40 werden. Ein getaufter Jude konnte in Deutschland Ämter bekleiden, vor Gericht auftreten, Professor werden. Ein 11:46 ungetaufter Jude blieb ein Außenseiter, egal wie begabt er war. Heinrich rang mit dieser Entscheidung wochenlang. Er 11:54 wußte, was sie bedeutete. Er wußte, dass er damit einen Teil von sich selbst verraten würde, aber er sah keinen 12:00 anderen Weg. Der 28. Juni 1825. Ein Tag wie jeder andere. Sonne, Wolen, der Geruch von Sommerregen in der Luft. 12:10 Heimrich Heine stand vor einer kleinen Kirche in Heiligenstadt. Er hatte diesen Ort gewählt, weil ihn hier niemand 12:15 kannte. Keine Zeugen, keine Familie, keine Freunde, die fragen könnten, warum. Er trat ein. Die Kirche war kühl 12:23 und still. Ein Pfarrer wartete am Altar. Ein älterer Mann mit müdem Gesicht. Er hatte schon viele Taufen vollzogen. 12:30 Diese würde ihm nicht in Erinnerung bleiben. "Sie wissen, was sie tun?", fragte der Pfarrer. "Ja, sie tun es aus 12:36 freiem Willen. Eine Pause. Was war freier Wille, wenn die Alternative Armut und Ausgrenzung hieß? Was war freie 12:44 Entscheidung, wenn nur ein Weg offenstand?" "Ja", sagte Heinrich. "Die Zeremonie dauerte nicht lang. Ein paar 12:50 lateinische Formeln, etwas Weihwasser, eine Unterschrift im Kirchenbuch. Christian Johann Heinrich Heine, so hieß 12:57 er jetzt, ein dreifacher Name für einen dreifachen Verrat. Als er die Kirche verließ, blieb er auf den Stufen stehen. 13:04 Die Sonne blendete ihn, sein Magen krampfte sich zusammen. Er beugte sich vor und übergab sich direkt auf die 13:10 Kirchenstufen. Eine alte Frau, die vorbeikam, bekreuzigte sich erschrocken. Heinrich wischte sich den Mund mit dem 13:17 Ärmel ab, stand auf, ging weiter. Ein Entrebilett zur europäischen Kultur würde er die Taufe später nennen. Aber 13:25 in diesem Moment auf den Knien vor der Kirche mit dem Geschmack von Galle im Mund fühlte es sich nicht wie ein 13:30 Eintritt an. Es fühlte sich an wie ein Ende. Seltsamerweise weigerte sich Heinrich kurz nach der Taufe die 13:37 Anwaltskarriere anzutreten, für die er sich hatte taufen lassen. Onkel Salomon tobte. Das Geld für das Studium 13:44 weggeworfen. Die Demütigung der Taufe umsonst. Was war geschehen? Niemand weiß es genau. Vielleicht ein 13:51 Nervenzusammenbruch. Vielleicht die Erkenntnis, dass kein Amt der Welt den Verlust seiner Identität wert war. 13:57 Vielleicht einfach die Weigerung noch einmal zu gehorchen. Die Taufe hatte keine Türen geöffnet. Sie hatte einen 14:03 Abgrund aufgerissen, der nie wieder zugeschüttet werden sollte. Aber aus diesem Abgrund sollte etwas gewaltiges 14:09 entstehen, etwas, das Deutschland erschüttern würde. 1827 wurde das Jahr, das alles veränderte. In 14:17 einem Hamburger Verlag erschien ein schmaler Band mit dem Titel Buch der Lieder, der Autor Heinrich Heine. Die 14:24 Wirkung war überwältigend. Innerhalb weniger Wochen waren drei Auflagen verkauft. Auf den Straßen Berlins, 14:31 Hamburgs und Münchens summten Menschen seine Ferse. Die Lorelei wurde zum Volkslied. Jene wehmütige Ballade von 14:38 der Nixse am Rheinfelsen die Schiffer ins Verderben lockt. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig 14:44 bin? Ein Märchen aus uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn. Der Schmerz um Amalie hatte sich in Gold 14:52 verwandelt, nicht in klingendes Gold, denn reich wurde der Poet von seinen Versen nicht, aber in etwas 14:58 Wertvolleres, Unsterblichkeit. Zur gleichen Zeit erschienen seine Reisebilder und Deutschland hielt den 15:05 Atem an. Das war keine Liebeslyrik mehr, das war Dynamit. Heinrich verspottete die Kirche, die Aristokratie, das 15:13 deutsche Kleinbürgertum, die hohlen Patrioten. Niemand war vor seiner Feder sicher. In seiner Harzreise beschrieb er 15:20 einen Göttinger Professor mit den Worten sein Gesicht glich einem Lehrbuch der Langeweile, gebunden in schlechtem 15:27 Einband. Der Professor las. Er war nicht erfreut. In einem anderen Band ließ der Verfasser leere Seiten drucken. Darunter 15:35 stand nur ein Wort: Deutsche Zensoren. Und ganz klein als Fußnote: Idioten. Die Zensoren lasen es ebenfalls. Sie waren 15:44 noch weniger erfreut. Doch der schlimmste Skandal dieser Jahre betraf keinen Professor und keinen Zensor. Er 15:51 betraf einen anderen Poeten. Graf August von Platen war ein Mann von Talent und tragischem Schicksal. Ein Lyriker von 15:59 Rang, ein Aristokrat mit markellosen Manieren und ein Homosexueller in einer Zeit, als dies den gesellschaftlichen 16:06 Tod bedeutete. Platen hatte Feinde. Er machte sich welche, wo er ging. Im Jahr 1829 machte er sich den falschen Feind. 16:15 In seiner Komödie, der romantische Ödipus griff Platen den jüdischen Emporkömmling Heine an. Er nannte ihn 16:21 einen Petrag des Laubhüttenfestes, verspottete seine Herkunft, verhöhnte sein Werk. Die antisemitischen 16:28 Anspielungen waren kaum verhüllt. Heinrich las Stück in einer Münchenner Buchhandlung. Seine Hände zitterten vor 16:34 Wut, als er die Seiten umblätterte. Dann legte er das Buch beiseite und lächelte. Ein kaltes, gefährliches Lächeln. Gut, 16:42 murmelte er. Sehr gut. Jetzt bin ich an der Reihe. Die Rache kam in den Reisebildern und sie war vernichtend. 16:49 Graf Platon, obwohl nicht Platon, ist der griechischen Liebe nicht abgeneigt, schrieb der Angegriffene zurück. 16:56 Deutschland verstand sofort, was gemeint war. Die griechische Liebe. Die Liebe, die nicht ihren Namen nennen durfte. Es 17:03 war das erste unfreiwillige Outing in der europäischen Literaturgeschichte, ein Akt der Grausamkeit der Platens 17:10 Leben zerstörte. Der Graf floh nach Italien, wo er wenige Jahre später einsam starb. Sein Ruf war ruiniert, 17:17 seine Karriere beendet, sein Leben zerbrochen. Heinrich hatte gesiegt. Aber zu welchem Preis? Später versuchte er 17:24 sich durch Mittelsmänner mit Platen zu versöhnen. Die Briefe blieben unbeantwortet, die Wunde war zu tief. 17:31 "Ich hätte schweigen sollen", gestand der Sieger Jahre danach einem Freund. "aber wenn man mich als Juden angreift, 17:37 vergesse ich alle Mäßigung." Die Frage bleibt: War das eine Erklärung oder eine Entschuldigung? Und gibt es einen 17:44 Unterschied? 1835 schlug das Schicksal zu. Die deutschen Behörden verboten nicht nur Heines Bücher, sondern die 17:51 gesamte literarische Bewegung, der er angehörte, das junge Deutschland. Ein Kritiker namens Wolfgang Menzel führte 17:58 die Kampagne an. Seine Angriffe waren giftig, persönlich, antisemitisch. Er nannte den Verbanden einen Zersetzer des 18:06 Deutschen Geistes, einen wurzellosen Kosmopoliten. Bücher wurden öffentlich verbrannt. Heines Name stand auf den 18:13 Pfandungslisten. Wenn er nach Deutschland zurückkehrte, drohte ihm Verhaftung. Aber da war der Poet bereits 18:19 fort. Es gab ein Land, das Flüchtlinge aufnahm, ein Land, das gerade eine Revolution hinter sich hatte. Paris 18:26 rief. Im Mai 1831 überquerte Heinrich Heine die französische Grenze. Er blickte ein letztes Mal zurück auf 18:34 Deutschland. Dann ging er weiter. Er würde nie zurückkehren. "Als ich französischen Boden betrat, küsste ich 18:41 den ersten Stein, der mir begegnete", schrieb er später. Die Juli Revolution von 1830 hatte Frankreich verändert. Der 18:48 reaktionäre König war gestürzt, eine konstitutionelle Monarchie errichtet worden. Paris war zum Magneten für 18:55 Freidenker, Künstler und politische Flüchtlinge aus ganz Europa geworden. Für den deutschen Immigranten bedeutete 19:02 die Stadt alles Freiheit von Zensur, Anerkennung als Künstler, ein neues Leben. Innerhalb weniger Monate war er 19:09 Teil der intellektuellen Elite. Er traf Onored de Balsack, den er bewunderte und mit dem er rivalisierte. Er lernte 19:16 George Sand kennen, die exzentrische Schriftstellerin, die Männerkleider trug und Zigarren rauchte. Franz List wurde 19:23 sein Freund Frederik Schupper, sein Nachbar, Hektor Berliot, ein Bewunderer seiner Musikkritiken. Und dann war da 19:30 Karl Marx. Die beiden Männer begegneten sich 1843 zum ersten Mal persönlich. Marx war damals ein junger, feuriger, 19:38 Radikaler mit wildem Bart und noch wilderen Ideen. Was wenige wussten, die beiden waren Cousins dritten Grades. 19:45 Ihre Mütter stammten aus Verwandten jüdischen Familien. Sie arbeiteten zusammen an der Zeitschrift vorwärts, 19:51 einem radikalen Blatt, das bald die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zog. "Heinrich, ihre Gedichte sind 19:57 wunderbar", sagte Marx bei einem ihrer Treffen eine Handschrift schwenkend. Aber die Welt braucht keine Serenaden, 20:04 sie braucht eine Peitsche. Lieber Karl, antwortete der ältere Poet mit seinem charakteristischen Lächeln, eine 20:11 Peitsche hinterlässt Striemen. Gedichte hinterlassen Wunden. Was schmerzt länger? Marx fand keine Antwort, aber er 20:19 vergaß die Frage nie. In Paris fand der Immigrant die Freiheit, aber die Liebe wartete an einem unerwarteten Ort. 20:26 Oktober 1834. Ein Schuhgeschäft in der Rüde Rivoli. Die Herbstsonne fiel durch das 20:32 Schaufenster auf Regale voller eleganter Damenschuhe. Heinrich betrat den Laden, um ein paar Stiefel zu kaufen. Er war 37 20:40 Jahre alt, berühmt, gefürchtet, einsam. Hinter dem Ladentisch stand eine junge Frau, 19 Jahre alt, dunkles Haar, 20:48 lebhafte Augen, ein schnelles Lächeln. Sie hieß Crissance Genie Mira. Sie konnte nicht lesen. Sie wusste nicht, 20:55 wer der Herr vor ihr war. Sie lachte über seinen deutschen Akzent. "Sie sind Deutscher", fragte sie und musterte ihn 21:02 mit unverhoener Neugier. "Ich bin Dichter. Ist das ein Beruf?" Man sagt ja. Und was schreiben Sie? Gedichte über 21:09 die Liebe, über den Schmerz, über die Schönheit. Sie verzog das Gesicht. Klingt langweilig. Ich mag Vögel. Zu 21:17 Hause habe ich einen Papagei. Der ist klüger als die meisten Männer, die ich kenne. Heinrich lachte. Es war ein 21:23 echtes Lachen, nicht das höfliche Lächeln, das er in den Pariser Salons aufsetzte. Hier war jemand, der nichts 21:29 von seinem Ruhm wusste, nichts von seinen Skandalen, jemand, der ihn nur als Mann sah. Eine Woche später zog er 21:37 zu ihr. Er nannte sie Matild, weil ihm der Name besser gefiel als ihr Wirklicher. Sie ließ es geschehen. Sie 21:43 verstand nicht, womit er seine Tage verbrachte. Diese endlosen Stunden am Schreibtisch, die Besucher, die kamen 21:49 und gingen, die dicken Bücher. Aber sie liebte ihn auf ihre Art. Matilde war das genaue Gegenteil von Amalie. Ungebildet, 21:57 wo jene kultiviert war, laut und temperamentvoll, wo jene kühl und zurückhaltend gewesen war. Sie 22:04 interessierte sich nicht für Poesie, nicht für Politik, nicht für die großen Fragen. Sie interessierte sich für 22:11 Kleider, für Schmuck und vor allem für Vögel. In ihrer gemeinsamen Wohnung hielt sie bis zu 40z Papageien. Das 22:19 Geschrei der Tiere triebeten manchmal an den Rand des Wahnsinns. Aber er ertrug es. Er ertrug ihre Wutanfälle, wenn sie 22:27 Geschirr zerschlug. Er ertrug ihre Ausgaben für Kleider, die sie nicht brauchte. Er ertrug die Szenen, bei 22:34 denen die Nachbarn die Polizei riefen. Warum? Vielleicht, weil Matilde ihm etwas gab, das keine gebildete Frau ihm 22:41 geben konnte. Sie konnte ihn nicht intellektuell verstehen, also konnte sie ihn auch nicht intellektuell verraten. 22:48 Sie war treu auf eine ursprüngliche, fast animalische Weise. "Ich liebe sie nicht, weil sie gut ist", schrieb er 22:55 einmal an einen Freund, "sondern weil ich sie liebe. Das ist alles." Sieben Jahre lebten sie zusammen, ohne zu 23:02 heiraten. Ein Skandal für die bürgerliche Gesellschaft. Aber wann hatte sich Heinrich Heine je um 23:09 bürgerliche Gesellschaft geschrt? Die Ehe kam 1841, kurz vor einem Duell. Er wollte 23:16 sicherstellen, dass Matilde als seine Witwe versorgt sein würde, falls er fiel. Im Testament setzte er eine 23:22 merkwürdige Bedingung. Matilde sollte alles erben, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie wieder 23:28 heiratete. "Warum?", fragte sie verständnislos, "damit wenigstens ein Mann meinen Tod beweint", antwortete er 23:36 mit schiefem Lächeln. "Sie verstand den Witz nicht. Sie verstand seine Witze nie, aber sie lachte trotzdem, weil er 23:43 lachte. Das Jahr 1836 brachte eine Veränderung, die später zum Verhängnis werden sollte. In einem Büro 23:51 des französischen Außenministeriums saß der deutsche Immigrant einen Beamten gegenüber. Der Mann schob Papiere über 23:58 den Tisch. 4800 Franc jährlich. Aus einem diskreten Fond. Wofür? Für die Förderung des kulturellen Austausch 24:06 zwischen Deutschland und Frankreich. Heinrich wußte, was das bedeutete. Er sollte wohlwollend über Frankreich 24:12 schreiben für sein deutsches Publikum. Er sollte Propaganda machen, auch wenn man es nicht so nannte. Er zögerte. Dann 24:20 unterschrieb er: 12 Jahre lang flossen die Zahlungen. 12 Jahre lang wusste niemand davon. Dann kam 1848, 24:28 die Revolution. Die Archive wurden geöffnet. Die Liste der Empfänger geheimer Pension wurde veröffentlicht. 24:35 Sein Name stand darauf. Der Skandal war verheerend. Käuflicher Schriftsteller, nannten sie ihn, Verräter an der 24:42 deutschen Sache. Seine Feinde triumphierten, seine Freunde schwiegen beschämt. "Ich habe das Geld genommen", 24:48 verteidigte er sich, "aber ich habe nie etwas geschrieben, woran ich nicht glaubte, nicht eine Zeile." Ob das 24:55 stimmte, die Historiker streiten bis heute. Was feststeht, sein Ruf war beschädigt für immer. Es gab noch andere 25:02 Vorwürfe in jenen Jahren. Dunklere Gerüchte. Franz List, der große Pianist, war jahrelang ein enger Freund gewesen, 25:10 dann kam es zum Bruch. Die Umstände blieben lange unklar. Später sickerte die Geschichte durch. Der deutsche Poet 25:17 hatte angedeutet, er könnte eine ungünstige Kritik über Lists Konzerte schreiben, falls nicht eine gewisse 25:23 Summe für eine Bewertung fließen würde. List war empört. Die Freundschaft endete. Jomo Meerabär, der erfolgreiche 25:31 Opernkomponist, machte eine ähnliche Erfahrung. Er lehnte ab, dem Schriftsteller Franc zu leihen. Kurz 25:37 darauf erschien ein Artikel, indem dieser den Komponisten als Verderber der Musik bezeichnete. Waren diese Vorfälle 25:45 Erpressung oder nur die übliche Münze des literarischen Geschäfts? Die Quellen widersprechen sich. Was feststeht, der 25:52 berühmte Autor war nicht nur ein Genie, er war auch ein Mensch mit Fehlern, Schwächen und dunklen Seiten. Der 25:59 schlimmste Konflikt dieser Pariser Jahre betraf keinen Lebenden, er betraf einen Toten. Ludwig Bner war der Anführer der 26:06 deutschen Immigration gewesen, ein radikaler Republikaner, ein leidenschaftlicher Kämpfer für Freiheit. 26:12 Zwischen ihm und seinem Landsmann hatte es zunächst Freundschaft gegeben, dann Rivalität, schließlich offene 26:18 Feindschaft. Bner starb 1837. Dre Jahre später erschien ein Buch Ludwig Bner, eine Denkschrift. Es war 26:26 keine Homage, es war eine Abrechnung. Der Verfasser zeichnete den Verstorbenen als beschränkten Fanatiker, als 26:33 neidischen Rivalen. Schlimmer noch, er beschrieb BES Verhältnis zu einer verheirateten Frau namens Jeanette Wohl 26:40 mit allen skandalösen Details. Die Reaktion kam prompt. Salomon Strauß, der Ehemann jener Frau, deren Ehre 26:47 beschmutzt worden war, forderte genug. Ein Duell wurde vereinbart. Der Morgen des Duells war grau und feucht. Nebel 26:54 hing zwischen den Bäumen eines kleinen Wäldchens außerhalb von Paris. Zwei Männer standen sich gegenüber, Pistolen 27:00 in den Händen. "Sie hätten schweigen können", sagte Strauß. Seine Stimme zitterte vor Wut oder vor Angst. "Ich 27:07 habe nie geschwiegen", antwortete sein Gegner. "Das ist mein Fluch und mein Talent. Die Sekundanten gaben das 27:14 Zeichen, die Pistolen wurden gehoben. Heinrich dachte an Matilde, die zu Hause wartete, an die Gedichte, die er noch 27:21 schreiben wollte, an den Tod, der plötzlich sehr nah schien. Der Schuss krachte, ein brennender Schmerz im 27:27 Oberschenkel. Er taumelte, viel aber nicht. Blut sickerte durch den Stoff seiner Hose, tropfte auf das feuchte 27:34 Gras. "Sind Sie zufrieden?", fragte sein Sekundant den Gegner. Strauß nickte steif. Ehre war wiederhergestellt, was 27:41 auch immer das bedeutete. Der Verwundete humpelte vom Feld, die Wunde würde heilen, aber die Feindschaft nicht. Die 27:48 deutsche Immigration war gespalten. Eine Hasskampagne begann. War es das Wert gewesen? Das Buch, die Enthüllungen, die 27:56 Wahrheiten, die niemand hören wollte? Er wusste keine Antwort. Er wusste nur, dass er nicht anders konnte. In jenem 28:02 Jahr 1840 begannen auch die ersten Zeichen einer anderen Bedrohung. einer Bedrohung, die schlimmer war als jeder 28:09 Feind, jeder Skandal, jedes Duell. Eines Morgens wachte der Poet auf und spürte, daß seine linke Hand taub war. Er dachte 28:18 sich nichts dabei. Wahrscheinlich hatte er darauf gelegen. Eine Woche später waren die Zehen an beiden Füßen 28:24 gefühllos. Dann kamen Kopfschmerzen, so heftig, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Die Ärzte zuckten die Schultern. 28:31 Sie nannten es Nervenschwäche. Sie verschrieben Quecksilber und Ruhe, aber die Taubheit breitete sich aus. Die 28:39 Schmerzen wurden schlimmer. Etwas frß an seinem Körper, langsam und unerbittlich. Der Mann, der mit Worten Welten 28:46 erschaffen konnte, war dabei, seinen eigenen Körper zu verlieren. Die Krankheit kam schleichend wie ein Dieb 28:52 in der Nacht. Erst die Taubheit in den Fingern, dann in den Zehen, dann die Kopfschmerzen, die ihn tagelang ans Bett 28:59 fesselten, dann die Lähmungen, die sich ausbreiteten wie Eis auf einem Teich. Die Ärzte kamen und gingen mit ihren 29:06 lateinischen Diagnosen und ihren nutzlosen Tinkturen. Sie nannten es Rückenmarkschwindsucht. 29:13 Sie verschrieben Quecksilber, das damals als Wundermittel galt. Sie verschrieben Ruhe, Bäder, Diäten. Nichts half. Viele 29:20 Jahrzehnte später im Jahr 1997 untersuchten Wissenschaftler eine Haarprobe des längst verstorbenen 29:27 Dichters. Das Ergebnis überraschte die Fachwelt. Chronische Bleivergiftung. Das Gift stammte wahrscheinlich aus den 29:34 Medikamenten, die er jahrelang eingenommen hatte. Die lange vermutete Syphilis konnte ausgeschlossen werden. 29:41 Aber war die Vergiftung nur ein tragischer Zufall oder hatte jemand nachgeholfen? In seinen letzten Jahren 29:47 deutete der Kranke selbst auf Gift hin. Er machte dunkle Andeutungen über Feinde, die ihn aus dem Weg räumen 29:53 wollten. Preußische Agenten vielleicht, ein eifersüchtiger Rivale. Die Gerüchte wucherten, aber Beweise gab es keine. 30:01 Was feststeht, sein Körper zerfiel und sein Geist musste zusehen. Dezember 1844 30:09 Ein Brief aus Hamburg. Onkel Salomon war gestorben. Das Vermögen, das er hinterließ, betrug Millionen Mark. Eine 30:17 unvorstellbare Summe. Heinrich öffnete den Umschlag mit dem Testament. Seine Hände zitterten nicht nur von der 30:23 Krankheit. Endlich, dachte er, endlich Gerechtigkeit, endlich Anerkennung für den Mann, der den Namen Heine 30:31 unsterblich gemacht hatte. Er las noch einmal, dann schleuderte er die Papiere zu Boden. Matilde kam aus dem 30:39 Nebenzimmer gelaufen, erschrocken von dem Lärm. Was ist geschehen? 8000 Franc im Jahr. Seine Stimme war heiser vor 30:47 Wut. 8000 unter der Bedingung, dass ich nie etwas über die Familie schreibe. Das ist doch viel Geld, oder nicht? Das ist 30:55 ein Almosen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Ich habe den Namen Heine in die Weltliteratur eingeschrieben und er 31:02 gibt mir Brotkrumen und nach meinem Tod bekommst du fast nichts. Er war dein Onkel, er hätte überhaupt nicht, hätte 31:10 er nicht, nach allem, was ich ertragen habe, nach den Jahren der Demütigung, nach dem Stehen in der Ecke, während die 31:16 anderen aßen. Matilde verstand seinen Zorn nicht ganz. Sie verstand vieles nicht, aber sie sah den Schmerz in 31:23 seinen Augen und schwieg. Das Testament enthielt noch eine andere Klausel. Cousin Karl, Salomons Sohn und Haupterbe 31:31 konnte die Rente nach eigenem Ermessen streichen. Der kranke Dichter war der Willkür seines Väters ausgeliefert. Was 31:38 folgte, war ein jahrelanger Krieg. Briefe voller Beschimpfungen flogen hin und her. Anwälte wurden eingeschaltet, 31:45 Drohungen ausgesprochen. "Ich werde Memoiren schreiben", drohte der Entbte. "Ich werde alles enthöhen, jedes 31:52 schmutzige Geheimnis dieser Familie." Karl drohte zurück. Er würde die Rente streichen. Sofort ohne Vorwarnung. Die 32:00 Zeitungen bekamen Wind von dem Streit. Sie druckten die saftigsten Passagen aus den Briefen. Ein weiterer Skandal für 32:07 den Skandal umwitter Poeten. Doch am Ende kam die Versöhnung. Kurz vor dem Tod des Dichters reiste Karl nach Paris. 32:14 Die beiden Männer, die sich jahrelang gehasst hatten, umarmten sich am Krankenbett. Was sie einander sagten, 32:19 ist nicht überliefert. Manche Geheimnisse sterben mit denen, die sie kennen. Die bittere Ironie dieser 32:25 Geschichte: Ein gelähmter, sterbender Mann kämpfte jahrelang um Geld, dass er nicht mehr würde ausgeben können. Wofür? 32:33 Für Matilde? Für das Prinzip oder aus reinem Hass auf die Familie, die ihn nie als gleichwertig angesehen hatte. 32:41 Wahrscheinlich von allem etwas. Mai 1848 Auf den Straßen von Paris tobte die 32:47 Revolution. Barrikaden brannten, Schüsse fielen, das Königtum wankte. An diesem Tag verließ Heinrich Heine sein Haus zum 32:55 letzten Mal. Er schleppte sich durch die Straßen, vorbei an den Aufständischen, vorbei an den Soldaten. Sein Ziel war 33:02 der Luvre. Die Venus von Milo wartete auf ihn. Er kniete vor der Statue nieder und weinte, wie wir am Anfang dieser 33:09 Geschichte gehört haben. Die Göttin ohne Arme, die Schönheit, die nicht trösten kann. Der Abschied von allem, was er 33:16 geliebt hatte. Als er nach Hause zurückkehrte, wußte er, das war das Ende seiner Bewegungsfreiheit. Von nun an 33:23 würde sein Bett sein Gefängnis sein, acht Jahre lang. Die Wohnung in der Rüdamsterdam wurde zu seiner Welt. Drei 33:30 Matratzen übereinander gestapelt, bildeten sein Lager. Die Ärzte nannten es praktisch. Er nannte es seine 33:36 Matratzengruft. Das linke Augenlied war gelähmt. Er musste es mit der Hand anheben, um zu sehen. Erst versagten die 33:44 Beine, dann die Arme, dann fast alles andere. Die Schmerzen waren unerträglich. Opium wurde sein ständiger 33:51 Begleiter. Es linderte die Qualen, aber es brachte auch Albträume. Manchmal wusste er nicht mehr, ob er wachte oder 33:58 träumte. Gestalten erschienen ihm, Geister aus der Vergangenheit, Dämonen aus seiner Fantasie. Krämpfe schüttelten 34:05 seinen ausgemergelten Körper. Das Schlucken fiel ihm schwer. Die Ärzte kamen und gingen ratlos, hilflos. Aber 34:12 sein Geist blieb wach, wacher vielleicht als je zuvor. Er empfing Besucher in seinem Bett. Er diktierte Gedichte, weil 34:19 seine Hände den Stift nicht mehr halten konnten. Er machte Witze über seinen Zustand, flirtete mit den 34:25 Krankenschwestern, stritt mit seinen Gästen über Politik und Philosophie. Die Matratzengruft wurde zu einem Salon der 34:31 besonderen Art. Schriftsteller, Künstler und Bewunderer aus ganz Europa kamen, um den sterbenden Genius zu sehen. Manche 34:39 aus echter Verehrung, andere aus Neugier. Alle gingen verändert wieder fort. Karl Marx kam manchmal vorbei mit 34:45 Pampfleten unter dem Arm und revolutionärem Feuer in den Augen. Bei einem dieser Besuche trugen die 34:51 Pflegerinnen den Kranken auf einem Laken in ein anderes Zimmer, um das Bett frisch zu beziehen. "Sehen Sie lieber 34:57 Marx", sagte der Gelämte mit schwacher Stimme, aber lachenden Augen. "Die Damen tragen mich noch immer auf Händen." Marx 35:04 stand da und wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Gerade Wal kam oft. Der französische Poet, selbst vom 35:11 Wahnsinn bedroht, fand bei dem deutschen Kollegen einen Verwandten im Geiste. Die beiden sprachen über Träume und 35:18 Visionen, über die dünne Grenze zwischen Vernunft und Irrsinn. "Wir sind alle verrückt", sagte der Kranker einmal zu 35:24 seinem Besucher. "Der Unterschied ist nur, dass manche von uns es wissen." Nerval nickte. Er wusste es. Wenige 35:31 Jahre später erhängte er sich in einer Pariser Gasse. Als die Nachricht kam, weinte sein Freund in der 35:37 Matratzengruft. Theophil Gautier brachte Klatsch aus den Salons, Geschichten von Affären und Intrigen, von neuen Büchern 35:44 und alten Feindschaften. Der Kranke sogurstender das Wasser. "Erzählen Sie mehr", bat er 35:51 immer wieder. "Erzählen Sie mir von der Welt, aus der ich verbannt bin." Und dann eines Tages kam eine junge Frau, 35:57 die alles verändern sollte. Das Jahr 1855 In das Krankenzimmer trat eine Deutsche 36:03 von 33 Jahren. Sie hatte ernste Augen und eine ruhige Art. Sie war keine Schönheit im konventionellen Sinne, aber 36:11 etwas an ihr zog den Blick an. Ihr Name war Elise Krenitz. Sie war Schriftstellerin, eine Bewunderin seiner 36:18 Werke. Als sie von seiner Krankheit erfahren hatte, war sie nach Paris gereist, um ihn zu besuchen. Der 36:24 Sterbende hob mit der Hand sein gelähmtes Augenlied, musterte sie schweigend. Wie heißen Sie?", fragte er 36:30 schließlich. "Elise?" Nein. Ein schwaches Lächeln huschte über sein eingefallenes Gesicht. "Sie sind die 36:37 Musch, die Fliege, weil sie klein sind und bestimmt lästig werden." Sie lachte und sie blieb. Von diesem Tag an kam sie 36:45 jeden Nachmittag. Sie las ihm vor, aus Büchern, aus Zeitungen, aus ihren eigenen Versuchen. Sie schrieb nach 36:52 seinem Diktat, wenn seine Hände versagten. Sie hörte zu, wenn er redete, und sie schwieg, wenn er schweigen 36:59 wollte. Was zwischen ihnen war, lässt sich schwer benennen. Liebe, Freundschaft, Bewunderung, vielleicht 37:05 von allem etwas, vielleicht etwas, das keinen Namen hat. Matilde beobachtete diese Entwicklung mit wachsendem 37:12 Arkwohn. Sie verstand nicht, was die beiden verband, aber sie spürte die Gefahr. Die Eifersuchtszen wurden 37:19 häufiger. Geschreihalte durch die Wohnung, Türen knallten, Gegenstände flogen. Drei Menschen in einer Wohnung, 37:26 der sterbende Ehemann, die eifersüchtige Gattin, die junge Verehrerin. Ein Drama, das sich täglich abspielte. "Sie müssen 37:34 gehen", schrie Matilde eines Tages. "Sie haben hier nichts verloren." Elise wandte sich an den Kranken. "Soll ich 37:41 gehen?" Er schüttelte den Kopf, so gut er es noch konnte. "Bleiben Sie, ich brauche Sie beide" auf verschiedene 37:47 Weise. Matilde verstand nicht, sie verstand nie, aber sie akzeptierte es schließlich, weil sie ihn liebte und 37:54 weil sie sah, wie wenig Zeit ihm blieb. Der Poet schrieb Liebesgedichte für die Musch, die letzten Liebesgedichte seines 38:01 Lebens. Sie waren von einer Zärtlichkeit, die überrascht über einen Mann, der für seine Bissigkeit bekannt 38:06 war. Dein Angesicht so lieb und schön, das habe ich jüngst im Traum gesehen. Es ist so mild und engelgleich und doch so 38:14 bleich, so schmerzensbleich. War es echte Liebe oder die Sehnsucht eines Sterbenden nach dem Leben, das ihm 38:21 entglitt? Die Biografen streiten bis heute. Die Wahrheit kennt niemand außer den beiden und sie haben sie mit ins 38:27 Grab genommen. Die religiöse Wende in seinen letzten Jahren überraschte alle, die ihn kannten. Der Mann, der die 38:34 Kirche verspottet hatte, der Gott einen himmlischen Aristokraten nannte, der die Bibel als Märchenbuch abtat. Dieser Mann 38:41 sprach plötzlich von Glauben und Erlösung. Es begann schleichend. In seinen späten Gedichten tauchten 38:47 religiöse Motive auf, die früher undenkbar gewesen wären. Er schrieb über Lazarus den Auferstandenen, mit dem er 38:54 sich offensichtlich identifizierte. Er schrieb über Hiob den Durder, dessen Leiden sinnlos schien. Dann kam das 39:01 Vorwort, das die Welt erschütterte. 1850 Er arbeitete an einer Neuausgabe seiner 39:07 gesammelten Werke. Der Sekretär saß am Bett und wartete auf das Diktat. Schreiben Sie", sagte der Kranke, "was 39:14 meine eigene Person betrifft, so kann ich mich nicht rühmen, daß an meinem Gemüte seit langer Zeit eine besondere 39:20 Ehrfurcht für das Christentum herrschte." Der Sekretär schrieb: "Aber man soll die Wahrheit gestehen. Ich bin 39:26 zurückgekehrt zu Gott wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet. Der 39:32 Sekretär hielt inne: "Ist das wahr? Schreiben Sie, was ich diktiere. Aber sie haben immer gesagt, Gott sei eine 39:39 Erfindung der Schwachen. Wenn der Körper zerstört ist, klammert sich die Seele an etwas, schreiben sie. Die Nachricht von 39:46 seiner Bekehrung verbreitete sich schnell. Die Reaktionen waren heftig. Die Radikalen, mit denen er 39:52 jahrzehntelang sympathisiert hatte, fühlten sich verraten. "Er hat die Sache aufgegeben", schrien sie. Die 39:57 Kirchenleute glaubten ihm nicht. "Er heuchelt für die Öffentlichkeit", höhnten sie. Marx war enttäuscht. 40:04 Bürgerliche Sentimentalität eines Sterbenden nannte er es. Aber was glaubte der Bekrlich? Es war keine 40:10 Rückkehr zum Judentum. Es war kein Übertritt zum Christentum. Was er fand, war etwas anderes, etwas Persönliches. 40:18 Ein Gott jenseits der Konfessionen, jenseits der Dogmen. "Ich brauche keinen Priester als Vermittler", sagte er zu 40:25 einem Besucher. "Gott und ich können unsere Angelegenheiten unter vier Augen regeln. War es die Angst vor dem Tod 40:31 oder eine echte Erleuchtung? geboren aus Jahren des Leidens, wahrscheinlich beides oder keines oder etwas, das sich 40:38 mit Worten nicht fassen lästt. Die Ironie war bitter, selbst seine Religiosität wurde zum Skandal. Die 40:45 Gedichte seiner letzten Jahre gehören zu den Besten, die er je geschrieben hat, über den Tod, über Gott, über die 40:51 Ungerechtigkeit der Welt mit einem Lächeln, hinter dem der Abgrund lauerte. Im Zyklus Lazarus schrieb er: "Lass die 40:58 heiligen Parabolen, lass die frommen Hypothesen. Suche die verdammten Fragen ohne Umschweif uns zu lösen." Das war 41:06 kein frommer Glaube. Es war ein Ringen, ein Kämpfen, ein Hadern mit dem Himmel. Warum schleppt sich blutend, elend unter 41:13 Kreuzlast der Gerechte, während Hoch zu Ross der Schlechte mit dem Siegerkranze punkt? Hiob, der mit Gott stritt, war 41:20 sein Vorbild geworden. Ein Glaube, der keine Antworten akzeptierte. Ein Glaube, der fragte, klagte, anklagte. Über sich 41:28 selbst verfaßte er Grabschriften, die beißend und zärtlich zugleich waren. Hier liegt ein deutscher Dichter, 41:35 bekannt für seine Witze. Wenn er tot ist, verletzen sie nicht mehr. Er scherzte über den Tod. Jeden Tag, jede 41:41 Stunde, aber hinter jedem Scherz hörte man die Dunkelheit. In einem anderen Gedicht schrieb er: "Lass im Grabe mich 41:48 modern, lass die Würmer jubeln, tanzen. Ich beneid sie. Sie bewegen wenigstens sich noch. Das war schwarzer Humor in 41:56 seiner reinsten Form. Das Lachen eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte. Die letzten Monate waren 42:03 qualvoll. Die Lehmung hatte fast den ganzen Körper erfasst. Das Schlucken war zur Tortur geworden. Die Schmerzen 42:10 ließen sich auch mit Opium nicht mehr betäuben. Aber er diktierte weiter, kämpfte weiter, schuf weiter. "Solange 42:18 ich denken kann, bin ich nicht tot", sagte er zur Musch. und solange ich dichten kann, lebe ich." Sie schrieb 42:24 seine Worte auf und weinte dabei. Eines seiner allerletzten Gedichte handelte von einem deutschen Poeten, der in der 42:31 Fremde stirbt. Denke ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Diese Zeilen, Jahre zuvor 42:39 geschrieben, bekamen in seinen letzten Tagen eine neue Bedeutung. Deutschland, das Land, das ihn verstoßen hatte, das 42:47 Land, dessen Sprache er wie kein anderer beherrschte. das Land, in das er nie zurückkehren würde. Er dachte oft daran, 42:55 besonders nachts, wenn der Schmerz am schlimmsten war, die Rheinlandschaft seiner Kindheit, die Straßen 43:00 Düsseldorfs, das Haus des Onkels in Hamburg, wo er Amalie zum ersten Mal gesehen hatte. Alles so weit weg, alles 43:09 unwiderbringlich. "Ich habe Deutschland mehr geliebt, als es mich verdient hat", flüsterte er 43:14 einmal, "ndat mich dafür bestraft." Niemand antwortete. Was hätte man auch sagen sollen. In der Nacht vor seinem 43:22 Tod war er unruhig. Matilde saß an seinem Bett und hielt seine Hand. Diese Hand, die nicht mehr schreiben konnte, 43:29 die kaum noch zucken konnte. Elise wartete im Nebenzimmer für alle Fälle. Draußen lag Paris im Winterschlaf. Keine 43:37 Barrikaden mehr, keine Revolutionen, nur die Stille einer Februarnacht. Der Morgen dämmerte grau. Es war der 17. 43:46 Februar 1856, ein gewöhnlicher Wintertag. Nichts deutete darauf hin, dass er anders sein 43:53 würde als die Tage zuvor. Heinrich Heine öffnete die Augen. Das linke Lied hing herab wie immer, aber das rechte Auge 44:00 war klar. Er sah Matilde an, die neben ihm eingenickt war. Er sah das fahle Licht, das durch die Vorhänge sickerte. 44:07 Er sah sein Leben, das zu Ende ging. Mit der letzten Kraft, die ihm geblieben war, bat er um Papier und Bleistift. Ich 44:15 will noch etwas aufschreiben", flüsterte er. "Ein letztes Mal." Matilde fuhr hoch, ihre Augen waren rot vom Weinen 44:22 und vom Wachen. Sie legte ihm den Bleistift in die Hand, die Finger schlossen sich darum, zitterten, 44:28 versuchten, sich zu bewegen, versagten. Der Bleistift rollte auf den Boden. "Es macht nichts", sagte er leise. 44:36 "erelleicht sagte er es nicht, vielleicht dachte er es nur." Gegen Mittag wurde sein Atem flacher. Elise 44:42 war jetzt auch im Zimmer, stand in der Ecke, wagte nicht näher zu kommen. Matilde hielt noch immer seine Hand. Die 44:49 Papageien im Nebenzimmer waren still, als wüssten sie es. Er murmelte etwas. Matilde beugte sich zu ihm hinunter. 44:56 "Was hast du gesagt, mein Lieber?" Seine Lippen bewegten sich noch einmal. Diesmal verstand sie es. Die me 45:03 pardonnera sonier. Gott wird mir verzeihen. Das ist sein Beruf. Selbst im Sterben konnte er das Spotten nicht 45:11 lassen. Gegen sieben Uhr abends hörte sein Atem auf. Kein dramatischer Abschied, kein letzter großer Auftritt. 45:18 Nur ein Atem, der nicht wiederkam. Ein Herz, das nicht mehr schlug. Eine Stille, die das Zimmer füllte. Matilde 45:25 weinte. Elise weinte. Die Papageien im Nebenzimmer begannen plötzlich zu krächzen, als hätten sie verstanden, 45:32 dass etwas Unwiderrufliches geschehen war. Draußen ging das Leben weiter. Paris kümmerte sich nicht um den Tod 45:38 eines deutschen Poeten. Die Menschen gingen ihren Geschäften nach, lachten, stritten, liebten. Für sie hatte sich 45:45 nichts verändert. Aber für die Literaturgeschichte hatte sich alles verändert. Eine Stimme war verstummt, 45:51 die nie wieder erklingen würde. Die Nachricht verbreitete sich schnell. In Paris erschienen Nachrufe in allen 45:57 großen Zeitungen. "Der größte deutsche Dichter seit Gote", schrieben manche. "Ein Verlust für die europäische 46:03 Kultur", schrieben andere. In Deutschland war die Reaktion gemischter. Manche trauerten aufrichtig, andere 46:10 freuten sich, dass der Unruhestifter endlich Ruhe gab. Die Zeitungen, die ihn zu Lebzeiten bekämpft hatten, fanden 46:17 auch im Tod keine versen Worte. Die Beerdigung fand am 21. Februar statt, ein grauer kalter Tag, wie es sie im 46:25 Februar oft gibt. Der Leichenzug bewegte sich langsam durch die Straßen zum Friedhof Monmatre. Es kamen weniger 46:32 Menschen, als man hätte erwarten können, etwa 100, vielleicht etwas mehr. Die große Welt hatte besseres zu tun, aber 46:38 die, die kamen, waren aufrichtig in ihrer Trauer. Alexandre Dü hielt die Grabrede. Er stand am offenen Grab, den 46:46 Mantel gegen den Wind gezogen und sprach von dem Mann, der dort lag. Er war ein Dichter", sagte Düm. "Das ist das Erste 46:53 und das letzte, was man über ihn sagen kann. Er hat mit Worten gezaubert, wie andere mit Farben oder mit Tönen. Er hat 47:00 uns zum Lachen gebracht und zum Weinen. Er hat uns die Wahrheit gesagt, auch wenn wir sie nicht hören wollten." 47:07 Theophil Gottier stand stumm am Grab, Tränen in den Augen. Er hatte seinen Freund verloren, seinen Rivalen, seinen 47:14 Gesprächspartner. Matilde in schwarz, das Gesicht hinter einem Schleier verborgen. Sie verstand die Worte nicht, 47:20 die über ihrem Mann gesprochen wurden, weil sie auf Deutsch waren. Aber sie verstand den Ton, den Respekt, die 47:27 Trauer. Elise war nicht unter den Trauergästen oder wenn sie da war, hielt sie sich im Hintergrund. Manche Dinge 47:33 gehören nicht an die Öffentlichkeit. Das Grab liegt noch heute auf dem Friedhof Montmre. Ein weißer Marmorsockel, darauf 47:41 sein Name und seine Daten. Heinrich Heine. 1897 bis 1856. 47:47 Die katholischen Priester hatten sich geweigert, den Ketzer zu segnen. Die Rabiner hatten sich ebenfalls geweigert, 47:54 den Abtrünnigen zu betrauern. So wurde es eine weltliche Zeremonie ohne Gebet, ohne Ritual, so wie er es wahrscheinlich 48:02 gewollt hätte. Matilde lebte noch 27 Jahre nach seinem Tod. 27 Jahre in einer Wohnung voller Erinnerungen. Sie 48:10 verkaufte die Papageien nicht, obwohl das Geld knapp wurde. Sie lernte nie Deutsch, las nie ein Gedicht ihres 48:17 Mannes. Aber sie hütete sein Andenken. Sie bewahrte seine Manuskripte auf. Sie empfing die Besucher, die über ihn 48:24 sprechen wollten. Am 17. Februar 1883, genau 27 Jahre nach seinem Tod schloss auch sie die Augen. Der Jahrestag war 48:34 kein Zufall. Manche Seelen wissen, wann es Zeit ist zu gehen. Sie wurde neben ihm begraben. Zwei Namen auf einem 48:41 Stein, zwei Leben, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und doch verbunden bis zum Ende und darüber 48:48 hinaus. Elise Kenitz verschwand aus den Analen der Geschichte. Sie kehrte nach Deutschland zurück, veröffentlichte 48:55 einige Bücher, die niemand las und starb in Vergessenheit. Die Briefe, die sie mit dem Sterbenden gewechselt hatte, 49:02 vernichtete sie zum Teil selbst. Was übrig blieb, wurde von Erben versteckt und gehütet. Die Wahrheit über die Musch 49:09 bleibt im Dunkeln. Vielleicht ist das auch gut so. Die Jahrzehnte nach seinem Tod brachten, was er zu Lebzeiten nie 49:16 erfahren hatte. Uneingeschränkte Anerkennung. Die Komponisten stürzten sich auf seine Ferse. Robert Schumann, 49:23 Franz Schubert, Johannes Brahams, Hugo Wolf, Richard Strauß. Die Lorelei allein inspirierte über 400 verschiedene 49:31 Vertonungen. Seine Bücher wurden neu aufgelegt, seine Gedichte in allen Schulen gelesen, seine Lieder in allen 49:38 Konzertsälen gesungen. Aber mit dem Aufstieg des Nationalismus kehrte sich das Blatt. Die Patrioten, die ein 49:45 starkes, geeintes Deutschland wollten, hatten für den kosmopolitischen Spötter nichts übrig. Sie warfen ihm vor, 49:51 undeutsch zu sein, wurzellos, zersetzend. Das Wort Jude immer öfter. Erst versteckt, dann offen. In den 80er 49:59 Jahren des 19. Jahrhunderts begann die erste Kampagne gegen sein Andenken. Konservative Kritiker forderten seine 50:06 Werke aus den Schulbüchern zu streichen. Völkische Agitatoren nannten ihn einen Fremdkörper im deutschen Geistesleben. 50:13 Der Antisemitismus, den er sein Leben lang bekämpft hatte, holte ihn nach dem Tod ein. Die Ironie war bitter. Der 50:20 Mann, der sich hatte taufen lassen, um dazu zu gehören, wurde postthum zum Beweis dafür erklärt, dass Juden niemals 50:27 dazu gehören könnten. Aber das Schlimmste stand noch bevor. Im Jahr 1821 50:33 in seiner Tragödie Almansor hatte Heinrich Heine Szene geschrieben, die damals kaum jemand beachtete. Es ging um 50:40 die Verbrennung des Korans durch christliche Fanatiker im mittelalterlichen Spanien. Ein Charakter 50:45 sagte, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. 113 Jahre später wurde diese Prophezeiung 50:53 wahr. Das Jahr 1933. Die Nationalsozialisten kamen an die Macht. Eine ihrer ersten Aktionen war 51:01 die Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz. Am 10. Mai, einem warmen Frühlingsabend, loderten die Flammen. 51:08 Studenten in Uniformen warfen Bücher ins Feuer, begleitet von Sprechkören und Marschmusik. Die Werke von Marx 51:15 brannten, die Werke von Freud brannten, die Werke von Thomas und Heinrich Mann brannten und die Werke von Heinrich 51:22 Heine brannten. Der Satz, den er über ein Jahrhundert zuvor geschrieben hatte, hing in der Luft wie ein Fluch, der sich 51:28 erfüllte. Die Nazis kannten das Zitat. Es war zu berühmt, um es zu ignorieren. Sie verboten, es zu zitieren. Sie 51:36 versuchten, es aus dem Gedächtnis zu tilgen. Aber Worte lassen sich nicht so leicht verbrennen. Sie überleben in den 51:42 Köpfen derer, die sie gelesen haben. Sie wandern von Mund zu Mund. Sie warten, bis ihre Zeit wiederkommt. Mit der 51:50 Lorelei hatten die Machthaber ein besonderes Problem. Das Lied war zu populär, zu tief verwurzelt in deutschen 51:57 Volksbewußtsein. Es zu verbieten hätte Fragen aufgeworfen, die niemand stellen sollte. Die Lösung, die sie fanden, war 52:04 absurd und bezeichnend zugleich. Das Gedicht blieb in den Schulbüchern, aber unter dem Text stand nicht mehr der Name 52:11 Heinrich Heine. Dort stand: "Dichter, unbekannt." Millionen Deutscher Kinder lernten die Verse auswendig, ohne zu 52:18 wissen, wer sie geschrieben hatte. Millionen Deutsche sangen das Lied ohne den Namen des Juden auszusprechen. Es 52:25 war vielleicht der größte Triumph des toten Poeten. Seine Worte waren so stark, dass selbst die mächtigsten sie 52:32 nicht auslöschen konnten. Sie konnten seinen Namen tilgen, aber nicht seine Stimme zum Schweigen bringen. Die 52:38 Lorelei sang weiter, auch wenn niemand wissen durfte, woher sie kam. Die Jahre des Terrors vergingen. Die 52:47 Bücher brannten, dann brannten die Menschen, dann brannte Deutschland selbst. Als der Rauch sich verzogen 52:53 hatte, lag das Land in Trümmern und mit den Trümmern wurde auch die Erinnerung ausgegraben. Heinrich Heine wurde 53:00 rehabilitiert. Sein Name kehrte in die Schulbücher zurück, seine Werke in die Bibliotheken. Straßen wurden nach ihm 53:07 benannt, Schulen, Universitäten. Die Heinrichheine Universität in Düsseldorf trägt seinen Namen in der Stadt, in der 53:15 er geboren wurde und die ihn einst nicht haben wollte. Denkmähläller entstanden, wo früher keine stehen durften, 53:22 Gedenktafeln an den Häusern, in denen er gelebt hatte. Es war eine späte Wiedergutmachung, zu spät für den Mann, 53:29 der sie verdient hätte, aber vielleicht nicht zu spät für die Nachwelt. Und doch blieb er unbequem, auch nach der 53:36 Rehabilitation. Für die einen zu jüdisch, für die anderen nicht jüdisch genug. Für die einen zu links, für die 53:43 anderen zu unpolitisch. Für die einen zu Deutsch, für die anderen zu kosmopolitisch. Er passte in keine 53:50 Schublade. Das war zu Lebzeiten so gewesen und es blieb so nach seinem Tod. Vielleicht ist das sein größtes 53:56 Vermächtnis. Nicht die Gedichte allein, so unvergesslich sie sind, sondern diese hartnäckige Weigerung 54:02 irgendwohinzugehören. Diese Freiheit des Geistes, die sich keiner Partei, keiner Kirche, keiner 54:09 Nation unterwirft. In einer Welt, die immer neue Schubladen erfindet, immer neue Etiketten klebt, ist das eine 54:15 radikale Position. Er war sein eigener Mensch mit all seinen Fehlern und Schwächen. Er verlangte von niemandem 54:22 ihn zu mögen. Er verlangte nur gehört zu werden. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. 54:30 Dieser Satz ist heute aktueller denn je. In einer Zeit, in der Widerstimmen zum Schweigen gebracht werden, in der wieder 54:36 das Fremde zum Feind erklärt wird, in der wieder die Angst regiert. Heines Warnung klingt durch die Jahrhunderte 54:43 für alle, die hören wollen. Auf dem Friedhof Montmatre unter alten Bäumen liegt sein Grab. Der Marmor ist 54:50 verwittert, die Inschrift verblasst mit den Jahren. Touristen kommen manchmal vorbei, machen ein Foto, gehen weiter. 54:57 Die meisten wissen nicht genau, wen sie da fotografiert haben, aber jeden Tag legt jemand frische Blumen nieder. Jeden 55:03 Tag bleibt jemand stehen und liest die Worte auf dem Stein. Jeden Tag erinnert sich jemand. Nicht weit von diesem 55:10 Friedhof steht der Luvre. Und in einem seiner Seele steht noch immer die Venus von Milo, die Göttin ohne Arme, die 55:17 Schönheit, die nicht trösten kann. Manchmal, wenn das Licht richtig fällt und die Hallen still sind, könnte man 55:23 meinen, der Marmor erinnere sich an den Mann, der kam, um sich zu verabschieden, an die Tränen, die auf den kalten Boden 55:31 fielen. An die Worte, die er später schrieb. Sie blickte auf mich herab, aber so teilnahmenslos, so seelenlos. 55:38 Siehst du nicht, daß ich keine Arme habe, um dir zu helfen? Die Venus hat keine Arme. Deutschland hatte lange kein 55:45 Herz für seinen größten Dichter seit Gote, aber seine Worte brauchen weder Arme noch Herzen. Sie leben aus sich 55:51 selbst. Sie werden immer leben. Das ist sein Sieg. Das ist sein Trost. Das ist sein Vermächtnis. Heinrich Heine wurde 55:59 geboren als Sohn eines gescheiterten Kaufmanns in einer Provinzstadt am Rhein. Er wuchs auf im Schatten 56:04 Napoleons und im Schatten eines reichen Onkels. Er liebte eine Frau, die ihn verschmähte und heiratete eine, die ihn 56:11 nicht verstand. Er wurde berühmt für seine Gedichte und berüchtigt für seine Skandale. Er ging ins Exil und kehrte 56:17 nie zurück. Er erkrankte und schrieb seine besten Werke in einem Bett, das er Matratzengruft nannte. Er starb arm an 56:24 Jahren und reich an Worten. Widersprüche, wohin man sieht. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Ein 56:31 Mensch ist kein Monument. Ein Genie ist kein Heiliger. Ein Leben passt nicht in einen Satz. Er war Heim, der jüdische 56:38 Junge, der im Hühnerstall kräte. Er war Harry, der unglücklich verliebte. Er war Heinrich, der gefürchtete Satiriker. Er 56:46 war Christian Johann Heinrich, der getaufte Verräter. Er war der Exilant, der Kranke, der Sterbende, der 56:52 Unsterbliche. All das war er, all das ist er noch immer. Irgendwo in Deutschland in diesem Moment summt 56:59 jemand die Lorelei. Vielleicht ohne zu wissen, wer sie geschrieben hat. Vielleicht, indem er so tut, als wisse 57:05 er es nicht. Es spielt keine Rolle. Das Lied lebt, die Worte leben, die Wahrheiten leben. Das ist die Macht der 57:12 Dichtung. Sie überdauert die, die sie schreiben. Sie überlebt die, die sie verbrennen. Sie wandert durch die Zeit 57:18 und findet immer wieder Herzen, in denen sie zu Hause ist. Heinrich Heines Worte haben ihr zu Hause gefunden, in der 57:25 deutschen Sprache, die er wie wenige andere beherrschte, in der Weltliteratur, zu der er gehört, in den 57:31 Seelen aller, die noch fähig sind, sich von Schönheit berühren und von Wahrheit erschüttern zu lassen. Er war ein 57:37 schwieriger Mensch. Er konnte grausam sein, wie sein Angriff auf Platen zeigt. Er konnte kolflich wirken, wie die 57:43 geheime Pension beweist. Er konnte rachsüchtig sein, wie sein Buch über Bne demonstriert. Aber er war auch mutig. Er 57:51 sagte, was andere nur dachten. Er schrieb, was andere nicht wagten. Er zahlte den Preis dafür, ohne zu klagen. 57:58 In einer Zeit der Konformität war er ein Nonkonformist. In einer Zeit der Zensur war er ein Freigeist. In einer Zeit der 58:05 Ideologien war er ein Individualist. Das machte ihn unbequem. Das macht ihn noch immer unbequem. Unbequeme Menschen sind 58:14 wichtig. Sie stören den Frieden der Selbstzufriedenen. Sie rütteln an den Gewissheiten. Sie erinnern uns daran, 58:20 dass Freiheit jeden Tag neu erkämpft werden muss. Heinrich Heine war so ein Mensch. Er störte, er rüttelte, er 58:28 erinnerte. Und seine Stimme klingt noch immer für alle, die hören wollen. Am Ende bleibt ein Bild. Ein Mann, der vor 58:35 einer Statue kniet. Eine Göttin ohne Arme, Tränen auf kaltem Marmor und die Frage, die nie beantwortet wurde: siehst 58:43 du nicht, dass ich keine Arme habe, um dir zu helfen? Die Schönheit kann nicht trösten, die Heimat kann nicht umarmen, 58:51 der Körper kann nicht gehorchen. Aber die Worte bleiben immer die Worte. Heinrich Heine 1897 58:59 bis 1856 Dichter Spötter Prophet tot seit über 170 Jahren. lebendiger als die meisten 59:08 lebenden.