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Das Rätsel Zeit - Die Entdeckung der Zeit | Harald Lesch | Terra X

Terra X History43:58 1,9 Mio. Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 346 Zeilen
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  1. Was ist Zeit? Einige sagen, es ist die Abfolge von Augenblicken.
  2. Und wie bei einem Schuss oder fließendem Wasser gibt es nur eine Richtung.
  3. Aber was wäre, wenn die Zeit wie Wasser manchmal stillstehen oder sogar die Richtung ändern könnte?
  4. Vom Tod zum Leben, schön wär's. Aber die Zeit kennt nur eine Richtung:
  5. vom Leben zum Tod. Dabei weiß niemand, was Zeit eigentlich ist.
  6. Und das geht nicht nur uns heute so. Schon Augustinus von Hippo, einer der frühen Kirchenväter,
  7. hat im 5. Jahrhundert als einer der Ersten auf das Mysterium der Zeit hingewiesen.
  8. "Was ist Zeit?", fragt er. Und er hat sich zugleich die Antwort selbst gegeben:
  9. "Wenn mich niemand danach fragt, dann weiß ich's. Aber wenn ich's einem Fragenden erklären soll,
  10. dann weiß ich's nicht." Ich weiß es leider auch nicht.
  11. Fangen wir doch mal ganz von vorne an. * Mysteriöse Musik *
  12. Der Beginn eines neuen Lebens. Eine ganze Welt wartet darauf, entdeckt zu werden.
  13. Der Fluss der Zeit ordnet unser Leben. Denn die Dinge geschehen nacheinander,
  14. nicht gleichzeitig. Aber die Zeit fließt nicht immer gleich schnell.
  15. Denn wie wir sie empfinden, hängt auch von unserem Alter ab. Ab dem Augenblick, in dem wir unsere Augen öffnen,
  16. nehmen wir unzählige Eindrücke wahr und zugleich läuft unsere Lebenszeit unerbittlich los.
  17. Am Anfang gefühlt unendlich langsam und je älter wir werden scheinbar umso schneller.
  18. Wie kann das sein? * Die Uhr tickt. *
  19. Ein Jahr ist doch immer gleich lang. Daran ändert sich doch nichts, ganz egal, ob ich fünf bin oder 50.
  20. Und trotzdem stimmt es, wenn ich Ihnen sage, dass wir mit 18 bereits das meiste wahrgenommen haben.
  21. Klingt seltsam, ist aber logisch. "Wieso?", werden Sie jetzt fragen.
  22. Um das zu verstehen, machen wir eine kleine Zeitreise. Die Erklärung für dieses Phänomen
  23. verdanken wir einem französischen Philosophen: Paul Janet.
  24. Guten Morgen. Beginnen wir. Unser heutiges Thema behandelt die Zeit.
  25. Irgendwelche Fragen dazu? Paris, 1897.
  26. Nein? Dachte ich mir. Paradoxa sind Janets Leidenschaft.
  27. Und die Zeit ist für ihn ein solches. Wie er mathematisch nachweist.
  28. Wenn er "1 = 100%" aufschreibt, bedeutet das nichts anderes, als dass für uns im ersten Lebensjahr alles neu ist.
  29. Und je älter wir werden, desto geringer wird der Wahrnehmungsgewinn
  30. und die Erinnerung an das, was passiert. Wie Sie hier sehen können,
  31. empfinden wir unsere Zeit unterschiedlich. Wenn wir etwas zum ersten Mal erleben,
  32. gräbt sich das direkt ins Gehirn ein und hinterlässt dort tatsächlich spürbare Auswirkungen oder Spuren.
  33. Die führen dazu, dass uns ein solcher Zeitraum als lange erscheint.
  34. Deshalb haben Menschen das Gefühl, jedes Jahr vergeht schneller, weil wir immer das Gleiche tun und haben später keine Erinnerung.
  35. Deshalb ist Zeitwahrnehmung im Blick auf das Alter aus einer ganzen Reihe von Gründen relativ.
  36. Zeit ist relativ, hat schon Albert Einstein gesagt. Sie vergeht in Anwesenheit einer schönen Frau
  37. viel schneller als beim Zahnarzt. Oder auch in einer Vorlesung.
  38. Zeit, mit anderen Worten, vergeht für jeden von uns anders. Sag mal, wollen wir nachher mal eine Runde spazieren gehen?
  39. Der geniale Einstein, der hat nicht nur berechnet, er hat es an sich selber erfahren, dass die Zeit relativ ist.
  40. Je älter wir werden, umso schneller scheint die Zeit zu vergehen. Das ist nicht sehr beruhigend.
  41. Aber wenn die Zeit so unterschiedlich vergeht, was ist denn dann die Gegenwart?
  42. Die Forschung sagt, es sind drei Sekunden. Eins, zwei, drei. Das ist so gut wie nichts.
  43. Oder ist das so, weil die Welt sich immer schneller um sich selber dreht oder weil Millionen Reize auf uns einprasseln?
  44. Aber wie war es denn früher? Ich meine - viel früher.
  45. War da die Gegenwart länger? So wie unser eigenes Leben ist auch unser Planet ständigen,
  46. aber scheinbar unendlich langsamen Veränderungen unterworfen. Das Leben unserer Vorfahren wird von natürlichen Zyklen geprägt:
  47. dem Wechsel von der kalten zur warmen Jahreszeit, von Tag und Nacht.
  48. Damit untrennbar verbunden sind Aussaat und Ernte, die bestimmenden Faktoren im Alltag bäuerlicher Gesellschaften.
  49. Uhren spielen keine Rolle. Jahrtausende ändert sich das kaum.
  50. Erst im 3. Jahrhundert vor Christus kommt es zu einer wahren Zäsur in der Geschichte der Zeitmessung.
  51. Es ist Konsul Messalla, der seinen Sieg über den Erzfeind Karthago
  52. in einem Triumphzug durch Rom feiern lässt. Er bringt im Jahr 263 die erste Sonnenuhr nach Rom
  53. und lässt sie im Comitium aufstellen, dort, wo sich die Römer versammeln.
  54. Mehr und mehr finden jetzt Sonnen- und Wasseruhren ihren Weg aus Ägypten und der griechischen Welt nach Rom.
  55. (Stimme) Erinnere dich daran, dass du nur ein Mensch bist. Damals wechselt die Länge des Jahres
  56. regelmäßig zwischen 355, 377 und 378 Tagen. Da kann man beim Stecken des Kalenders
  57. schon mal durcheinanderkommen. Dabei ist das genaue Bestimmen des Tages
  58. im alten Rom unendlich wichtig. Denn wie in allen alten Kulturen
  59. gibt es im Volksglauben gute und schlechte Tage. Und an diesen sollte man tunlichst jedes Risiko vermeiden.
  60. Wohl auch deshalb kommt es im Jahr 46 vor Christus unter Julius Cäsar zu einer großen Kalenderreform.
  61. Der komplizierte römische Mondkalender wird durch den ägyptischen Sonnenkalender ersetzt.
  62. Es handelt sich um eine außergewöhnliche Reform von großer Innovationskraft.
  63. Und darin liegt die große Bedeutung des Werks von Julius Cäsar. Erstens, man benötigte ein einheitliches System
  64. für ganz Rom und die eroberten Städte. Der zweite Grund ist, wie wir heute sagen würden,
  65. ein steuerlich-administrativer. Denn die Zeitmessung erlaubte jetzt,
  66. die Arbeitszeiten der Arbeiter und Angestellten zu zählen. Julius Cäsar tritt mit seiner Kalenderreform
  67. ganz unbescheiden in die Fußstapfen des legendären Rom-Gründers Romulus, der den ersten römischen Kalender erfunden haben soll.
  68. Zusammen mit dem Aufstellen von Sonnenuhren verbreiten sich so von Rom aus Kalenderreform und Zeitmessung
  69. über das ganze Imperium. Zuvor muss Cäsar noch eine Kleinigkeit richten,
  70. bis alles reibungslos läuft. Da die Römer vor der julianischen Kalenderreform
  71. den alten Kalender benutzten, ist der im Jahr 46 nicht mehr im Gleichklang mit den Jahreszeiten.
  72. So zeigt er zum Beispiel Juni, obwohl es in der Natur erst Ende März ist.
  73. Damit aber auch im neuen Kalender Bäume und Blumen in der richtigen Zeit blühen,
  74. lässt Cäsar im Jahr 46 einfach 90 Tage anhängen. Und so ist dieses Jahr mit 445 Tagen
  75. als das längste Jahr in der Geschichte der Menschheit in die Annalen eingegangen.
  76. Und dieser Kalender gilt dann 1600 Jahre. Gemeinsam ordnen der neue julianische Kalender
  77. und die aufgestellten Sonnenuhren immer stärker den Alltag der Römer. Und auch wenn wir nicht genau wissen,
  78. ob und inwieweit sich die Römer nach der neuen Uhrzeit richteten, gibt es Hinweise, dass viele nicht glücklich damit waren.
  79. So klagt der Komödienschreiber Plautus, dass früher nicht die Sonnenuhr einem diktierte,
  80. wenn man Hunger zu haben hat, sondern es allein der Magen bestimmte.
  81. Zumal die Stunden, die die Sonnenuhren anzeigen, im Laufe des Jahres ganz unterschiedlich lang sind.
  82. Weil es im Sommer viel länger hell ist, dauert jede der zwölf Tagesstunden im alten Rom bis zu 75 Minuten.
  83. Im Winter hingegen, wegen der viel kürzeren Tage, nur 45. Neben Plautus kritisiert auch
  84. der berühmte konservative Politiker Cato die Sonnenuhr. Er meint, dass es dem römischen Bürger,
  85. als Krieger und Bauer geboren, genüge, sich der Sonne zuzuwenden und die Götter zu grüßen, um das Maß der Zeit zu haben.
  86. Heute sind moderne Zeitmesser das Maß aller Dinge und selbst aus der Landwirtschaft nicht mehr wegzudenken.
  87. Satelliten machen dank Atomuhren GPS-gesteuerte Feldbestellung exakt auf den Zentimeter möglich.
  88. Auch von den Jahreszeiten haben wir uns unabhängiger gemacht. Beim sogenannten "Vertical Farming" inmitten unserer Städte
  89. lassen sich höhere Erträge erzielen als in herkömmlichen Treibhäusern. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.
  90. Der Einsatz von Technik überlistet zwar die natürliche Zeit, aber verbraucht mehr und mehr Energie.
  91. Die Konsequenzen sehen wir im Klimawandel und steigenden Temperaturen.
  92. Energie, die in Form von Kohle und Öl über Millionen Jahre entstanden ist, verbrauchen wir in Rekordzeit.
  93. In Menschenzeit. Unser Einfluss ist seit Jahrzehnten unumstritten.
  94. Und dennoch handeln wir nur langsam. Als würde Zeit keine Rolle spielen.
  95. Vielleicht auch, weil wir glauben, dass das Schlimmste außerhalb unserer eigenen Lebenszeit liegt.
  96. Es fällt uns schwer, unser Tun anzupassen, obwohl der Planet im wahrsten Sinne des Wortes heiß gelaufen ist.
  97. Heiß gelaufen, das ist ein gutes Stichwort. Wobei, die Wärme muss ja nicht von außen kommen,
  98. sie kann auch von innen kommen. Und so verrückt das auch klingt, das ändert unsere Zeitwahrnehmung.
  99. Und diese Erkenntnis verdanken wir einem treusorgenden Ehemann. Anna Hoagland ist seit Tagen krank, liegt mit Fieber im Bett.
  100. Ich bin gleich wieder da. Ihr Mann, der selbst Arzt ist, kümmert sich rührend um sie.
  101. Als er nur kurz eine Tablette holen geht, beschwert sie sich bei seiner Rückkehr bitter.
  102. Ewig sei er weg gewesen. Wo warst du denn so lange?
  103. Aber nein, ich habe nur schnell deine Pillen geholt. Hudson Hoagland beginnt sich mehrfach am Tage Notizen zu machen
  104. und stellt fest, dass die innere Uhr seiner Frau viel schneller tickt als die messbare Zeit.
  105. * Sie zählt die Sekunden. * Und je höher ihre Körpertemperatur steigt,
  106. und je schneller ihre innere Uhr tickt, desto länger erscheint ihr die reale Zeit.
  107. Zeit, so Hoaglands Erkenntnis, verhält sich umgekehrt zur Körpertemperatur.
  108. Für dich vergeht die Zeit langsamer, wie es scheint. Wenn Hoaglands Beobachtung
  109. vom Anfang der 1930er Jahre richtig ist, dann müsste sich die Wahrnehmung der Zeit auch bei Kälte ändern.
  110. Eine Übung mit Schweizer Profitauchern soll weitere Klarheit darüber bringen.
  111. Da bei Fieber die innere Uhr schneller tickt, müsste sie bei großer Kälte langsamer laufen.
  112. Um das zu überprüfen, soll es ins Eiswasser gehen. Der Kameramann, der alles dokumentieren wird,
  113. trägt einen Trockentaucheranzug. Damit kann er stundenlang gefahrlos unter Wasser bleiben.
  114. Lars, der Proband, trägt einen ganz normalen Neoprenanzug. Er wird sofort nass und damit kalt werden.
  115. Er weiß als einziger nicht, um was es bei der Übung eigentlich geht.
  116. Mehrfach gesichert taucht er ins Eiswasser ab. Das Wasser hat nur drei Grad.
  117. Am Anfang, erzählt Lars später, habe er seine Gliedmaßen vor Kälte kaum gespürt.
  118. Er hat über 1000 Tauchstunden absolviert und ist Vollprofi. Die Zeit vergeht.
  119. Erst nach 31 Minuten kommt Lars wieder nach oben und der für die Zeitwahrnehmung entscheidende Teil kann beginnen.
  120. Ich hätte gerne, dass du jetzt auf drei Minuten zählst, laut. Okay?
  121. (Lars) Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs... Schon nach wenigen Sekunden wird klar:
  122. Die Kälte lässt Lars' innere Uhr langsamer gehen als den Sekundenzeiger auf der Stoppuhr.
  123. ... 54, 55, 56, 57, 58, 59, 60. * Er zählt weiter. *
  124. ... 55, 56, 57, 58, 58, 59, 60. Lars, du hast jetzt drei Minuten gezählt,
  125. aber in Wahrheit sind es drei Minuten 43. Okay.
  126. Das ist doch irre. Körpertemperatur und Zeitwahrnehmung -
  127. ein weiterer Beleg dafür, dass die Zeit eben nicht absolut ist, sondern relativ.
  128. Für uns vergeht gefühlt die Zeit nicht immer gleich schnell. Deshalb hat Albert Einstein auch gesagt:
  129. Zeit ist das, was man auf der Uhr abliest. Aber unsere Wahrnehmung von Zeit
  130. hat mit der Uhrzeit oft gar nichts zu tun. Da müssen viele Dinge und Umstände zusammenkommen.
  131. Aber bevor wir darauf eingehen, müssen wir noch was ganz anderes klären.
  132. Denn wenn Zeitwahrnehmung relativ ist, stellt sich wieder die Frage,
  133. was Zeit eigentlich ist und wie wir uns in der Zeit verorten. Können wir daher überhaupt sicher sein,
  134. im Jahr 2024 zu leben? Um das rauszufinden, fahre ich nach Salzburg.
  135. Denn in der Stiftsbibliothek von St. Peter liegt ein kleiner Schatz der Zeitberechnung.
  136. Für eine sehr lange Zeit gab es sehr viele verschiedene Ordnungen der Zeit.
  137. Die Frage, in welchem Jahr wir eigentlich leben, ist gar nicht so einfach zu beantworten,
  138. wie es auf den ersten Blick aussieht. Zu dem Thema sind viele Bücher und Abhandlungen geschrieben worden.
  139. Nehmen wir mal das Jahr 2000 nach christlicher Zeitrechnung. Für die Buddhisten ist es das Jahr 2543,
  140. denn im Jahr 543 vor unserer Zeitrechnung ist Buddha gestorben.
  141. Da beginnt ihre Zeitrechnung. Für den Islam ist es das Jahr 1420.
  142. Denn nach islamischer Vorstellung beginnt die Zeitrechnung im Jahr 622 nach unserer Zeitrechnung,
  143. als nämlich der Prophet Mohammed mit seinem Gefolge von Mekka nach Medina geflohen ist.
  144. Und nach jüdischer Auffassung ist unser Jahr 2000 das Jahr 5761. Weil nämlich, nach jüdischer Auffassung,
  145. die Welt entstand im Jahr 3761 vor unserer Zeitrechnung. Man sieht, das Jahr 2000 gibt es per se gar nicht.
  146. Das gibt es nur, wenn man sich am christlichen Glauben orientiert. Und auch da hat es ziemlich lange gedauert,
  147. und es musste so mancher Irrweg begangen werden, bis man da endlich angekommen ist.
  148. Der Mönch Dionysius Exiguus soll im 6. Jahrhundert im Auftrag des Papstes Ordnung in das Kirchenjahr bringen
  149. und den allgemein gültigen Zeitpunkt für das Osterfest berechnen. Seine wichtigste Referenz ist der erste Vollmond im Frühjahr.
  150. Denn nach jüdischer Überlieferung fand zu diesem Zeitpunkt die Hinrichtung von Jesus statt,
  151. dessen Auferstehung Christen an Ostern feiern, was es zum wichtigsten Fest der Christenheit macht.
  152. In endlosen Nächten gleicht der Mönch Kalender mit Mondphasen ab
  153. und legt Ostern schließlich für die nächsten 100 Jahre fest. Doch das ist nicht alles.
  154. Nach dem Studium vieler Quellen errechnet Dionysius auch das Jahr der Geburt Jesu
  155. und legt es als Jahr 1 der christlichen Zeitrechnung fest. So bestimmt Dionysius nicht nur zukünftige Osterfeiern,
  156. sondern ordnet auch die Vergangenheit neu, indem er die heute allgemein übliche Jahreszählung vorgibt.
  157. Das ist wirklich beachtlich. - Ich danke euch aufrichtig. Ich habe zu danken.
  158. So sahen die Listen im Großen und Ganzen aus. Die hier zum Beispiel stammt aus Passau.
  159. Im Grunde geht es immer um die Berechnung des Osterfestes. Trotzdem sind sie der Beginn der Zeitenrechnung,
  160. wie sie nicht nur von den Christen, sondern nach und nach von der ganzen Welt übernommen wird.
  161. Das ist die Entdeckung der Zeit, die zum ersten Mal, zumindest in Europa,
  162. eine länderübergreifende Ordnung erhält. Exiguus verwendet für seine neue Zeitrechnung
  163. übrigens das Kürzel "AD", "Anno Domini", im Jahre des Herrn. Die Komputisten, die Zeitberechner, wie auch Dionysius einer ist,
  164. ermitteln über die nächsten Jahrhunderte auch weiterhin das Datum des Osterfestes.
  165. Dafür gleichen sie viele Quellen aus aller Herren Länder miteinander ab. Und so entsteht nicht nur
  166. eine mit Jahresdaten versehene Chronik der Weltgeschichte, sondern auch die moderne Form des Kalenders.
  167. Der auch kosmische Daten mit einbezieht, wie Vollmonde und Kometensichtungen oder Sonnenfinsternisse.
  168. Durch die Arbeit der Komputisten endet die Art und Weise, wie Geschichte früher aufgeschrieben wurde.
  169. So hätte zum Beispiel ein römischer Soldat immer gesagt, er lebe im 32. Regierungsjahr des Kaisers Augustus
  170. und nicht im Jahr 5 AD - wenn es das damals schon gegeben hätte.
  171. Aber der Kalender ist nicht das einzige, was an die Zeitberechner erinnert.
  172. * Computer-Geräusche * Die Komputisten, die Zeitberechner, die wurden später der Namenspate
  173. für ein Ding, das heute unser Leben durchdringt, oder besser bestimmt:
  174. der Computer. Eigentlich zunächst nur ein Rechenapparat,
  175. nutzen wir ihn heute doch für viel mehr als nur für Rechenaufgaben.
  176. Einen Rechenapparat hat dieser Mann für seine Arbeit nicht. Obwohl er mit erstaunlich großen Zahlen hantiert.
  177. Um 1650 treibt den irischen Theologen James Ussher die Frage um, wann genau Gott Himmel und Erde erschuf,
  178. wie alt also die Welt ist. Die Antwort sucht er in der Heiligen Schrift.
  179. Denn tatsächlich werden im ersten Buch der Bibel die Lebensalter der ersten Menschen aufgezählt.
  180. Adam 950 Jahre, Noah 930 und Methusalem sogar 969 Jahre. Ussher addiert einfach die Zahlen
  181. und kommt so auf den 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt als Tag der Schöpfung.
  182. Aber kann das wirklich stimmen, fragen sich viele Wissenschaftler schon damals
  183. hinter vorgehaltener Hand. Nur ein paar Jahre nach Ussher
  184. bringt Salz einen Wissenschaftler auf eine Idee. Denn da Salze fortwährend durch Flüsse ins Meer gelangen,
  185. müsste man anhand der Veränderung des Salzgehalts innerhalb eines gewissen Zeitraums
  186. auf das Alter der Erde hochrechnen können. Panta rhei, alles fließt, wie die Zeit.
  187. Dem englischen Astronom Edmond Halley gebührt der Ruhm des ersten wissenschaftlichen Versuchs
  188. zur Bestimmung des Alters der Erde. Ihm bekannte Forscher schicken ihm Wasserproben
  189. aus unterschiedlichsten Meeren und Flüssen zu. Und Halley berechnet dann,
  190. wie viel Salz bei der Verdunstung jeweils zurückbleibt. Dabei wird ihm schnell klar,
  191. dass die Veränderungen kaum messbar sind und ein Menschenleben längst nicht reicht,
  192. um auch nur ein annäherndes Ergebnis zu erzielen. So, hier ist eine Probe angekommen, aus Afrika.
  193. Danke, James, stell es doch bitte dort ab. Er ist aber fest davon überzeugt,
  194. dass unsere Erde sehr viel älter sein muss als die Kirche behauptet. Nur, wie alt ist sie wirklich?
  195. Auch in den kommenden Jahrzehnten lässt diese Frage viele Wissenschaftler nicht ruhen.
  196. So lautet damals eine weitere Vermutung, die Erde sei aus einer Kollision von Asteroiden entstanden.
  197. Danach, so glaubt man, hätte sie mindestens 50.000 Jahre abkühlen müssen.
  198. Es ist ein heikles Unterfangen, ein kirchliches Dogma öffentlich anzuzweifeln.
  199. Deshalb hängt der Comte de Buffon, ein französischer Naturforscher, seine Versuche im Jahr 1774 nicht an die große Glocke.
  200. Wenn wir annehmen, dass dies die tausendfache Verkleinerung unseres Planeten ist,
  201. und wir den Durchmesser in Relation zu den anderen Kugeln und deren Abkühlung setzen, sollte es uns möglich sein,
  202. das Alter unserer Erde zu berechnen. Er misst die Zeit, die es dauert,
  203. bis die unterschiedlich großen Kugeln auf Zimmertemperatur abgekühlt sind und rechnet das Ergebnis im Verhältnis zum Radius der Erde hoch.
  204. So kommt er auf ein Alter der Erde von genau 96.670 Jahren. Diese Zahl wäre für die Kirche aber so ungeheuerlich,
  205. dass es der Comte nicht wagt, sie zu Lebzeiten zu veröffentlichen. Selbst, wenn die knapp 100.000 Jahre nicht mal ansatzweise richtig sind.
  206. Bleibt abzuwarten, wie lange unsere größte Kugel benötigt, um dieselbe Temperatur zu erreichen.
  207. Auch aus der Beobachtung der Gestirne versuchen Menschen seit jeher, das Alter der Erde abzuleiten.
  208. Der Physiker Hermann von Helmholtz kommt um das Jahr 1850, nachdem er mehr als ein Jahrzehnt die Sonne beobachtet hat,
  209. zu der falschen Schlussfolgerung, dass Sonne und Erde um die 22 Millionen Jahre alt sind.
  210. So haben wir Menschen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Theorien und Methoden entwickelt,
  211. um am Ende dem Alter des Planeten doch noch auf die Spur zu kommen. Natürlich lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse
  212. nicht auf Dauer unterdrücken. Und jedes Mal ist eine neue Erkenntnis
  213. immer nur eines von vielen Kettengliedern, die sich nebeneinander einreihen.
  214. Dank solcher Observatorien wie diesen erweitert sich unser Wissensschatz immer mehr und mehr.
  215. Und in der Wissenschaft baut alles aufeinander auf. Und das wusste schon der Philosoph Bernhard von Chartres,
  216. als er um 1120 sinngemäß sagte: Dass ich weiter blicken kann, liegt nur daran,
  217. weil ich als winziger Zwerg auf den Schultern von Riesen stehe. Deshalb kann ich weiter sehen als diese Riesen.
  218. Eine wunderschöne Metapher für das, was Wissenschaft ausmacht: Erkenntnisse.
  219. So ist das auch bei Arthur Holmes, einem Mann, den außerhalb der Wissenschaft wohl nur noch wenige kennen.
  220. Er hat sorgfältig alte Theorien und Abhandlungen zum Alter der Erde studiert.
  221. Und er ersinnt eine geniale Idee. Als erster Wissenschaftler überhaupt
  222. wendet er die Zerfallsreihe von Uran zu Blei bei der Altersberechnung geologischer Schichten an.
  223. Mit einem komplizierten chemischen Verfahren kommt er 1927 langsam dem wahren Alter der Erde auf die Spur
  224. und schätzt es auf zwischen 1,6 und 3 Milliarden Jahre. Damit erhält die Zeit eine völlig neue Dimension.
  225. Und das da oben ist sogar noch viel älter. Eigentlich ist es unfassbar.
  226. Im 18. Jahrhundert, weniger als 200 Jahre vor Holmes, dachte man, die Erde sei ein paar tausend Jahre alt.
  227. Im 19. Jahrhundert vergrößerte man das Alter um den Faktor 1000, also auf immerhin einige Millionen Jahre.
  228. Aber erst im 20. Jahrhundert stellten wir fest: Es geht um mehrere Milliarden Jahre.
  229. Die Entdeckung der Zeit hat unser Bild vom Kosmos und vor allem auch unsere Stellung in ihm
  230. in weniger als drei Jahrhunderten völlig auf den Kopf gestellt. Erst durch die Apollo-Flüge zum Mond erhalten wir in den 1970er-Jahren
  231. letzte Gewissheit, was das Alter unseres Planeten angeht. Denn damals gelingt es Wissenschaftlern der NASA,
  232. im Mondgestein Teile der Erdkruste zu finden. Und so das definitive Alter der Erde zu bestimmen: 4,5 Milliarden Jahre.
  233. Und seit dem Jahr 2010 kennen wir sogar das Alter des Kosmos. 13,8 Milliarden Jahre.
  234. Hör- und sichtbar im Rauschen des Fernsehers. Ein bis drei Prozent davon, so vermuten Forscher,
  235. stammt von der kosmischen Hintergrundstrahlung des Urknalls. Zumindest beim guten alten analogen Fernsehen mit terrestrischer Antenne
  236. war das der Moment, wo Vater einschlief. Weil es dann so schön eintönig und langweilig dahinflimmerte.
  237. Apropos Langeweile. Die hängt ja auch mit unserer Zeitwahrnehmung zusammen.
  238. Und unsere Zeitreise, die führt uns diesmal in die 60er-Jahre,
  239. in die Stadt, die niemals schläft. Die kannten wohl damals schon kein Grundrauschen.
  240. Experimente in den 1960er-Jahren belegen den Zusammenhang zwischen Langeweile und unserem Empfinden für die Zeit.
  241. Der Psychologe Robert Ornstein hat Probanden in zwei Gruppen eingeteilt,
  242. die nur durch eine einfache Wand voneinander getrennt sind. * Fahrstuhlmusik *
  243. Während die erste Gruppe komplexe Gemälde mit vielen Farben und Strukturen betrachtet,
  244. werden der zweiten Gruppe lediglich einfachste Schwarz-Weiß-Zeichnungen vorgeführt.
  245. Die Bilder sind in beiden Gruppen jeweils gleich lang zu sehen. Insgesamt dauert die Vorführung etwa eine Stunde.
  246. In der anschließenden Auswertung zeigt sich schnell... Nun, es fühlte sich eher langweilig an.
  247. Die Probanden, die die einfachen Schwarz-Weiß-Bilder anschauen mussten,
  248. empfanden die vergangene Zeit als sehr lang. Wie schnell verging die Zeit beim Anschauen der Bilder?
  249. Für die Probanden der Gruppe mit den farbigen und komplexen Bildern hingegen verging die Zeit wie im Flug.
  250. Ein interessantes Experiment. Der Test dauerte 60 Minuten. Sie waren ein wichtiger Teil davon.
  251. Je mehr äußere Signale ich verarbeiten muss, desto schneller scheint mir die Zeit zu vergehen.
  252. Umgekehrt, wenn es nur weniger äußere Reize gibt, wenn ich eine Art ewiges Vogelgezwitscher höre,
  253. nehmen diese Außensignale ab und ich habe den Eindruck, dass sich die Zeit verlängert.
  254. Und dann gibt es Situationen, die unsere Zeitempfinden völlig aus der Bahn werfen können.
  255. * Dramatische Musik * Philosophisch gesehen
  256. nimmt der Mensch die Zeit nur als Zeit wahr, wenn es langweilig ist.
  257. Was beim Bungee-Jumping garantiert nicht der Fall ist. Im Durchschnitt dauern die Sprünge nur zweieinhalb Sekunden,
  258. bis sich das Seil strafft. Doch fast alle überschätzen die Zeitdauer.
  259. Manche um mehr als das Doppelte. Drei, vier Sekunden und dann geht's ein paarmal hoch und runter.
  260. Der Sprung, ich weiß nicht, ich würde sagen, drei, sechs Sekunden?
  261. Das ist sehr kurz in der Luft, vielleicht fünf bis zehn Sekunden. Für mich waren das so fünf bis zehn Sekunden.
  262. Je mehr Adrenalin ausgeschüttet wird, umso länger erscheint der Sprung. Aber die Echtzeit vergeht wie im Flug.
  263. Die Erfahrung, dass die gefühlte nicht mit der realen Zeit übereinstimmt,
  264. machen wir in unserem Leben öfter. Wir kennen ihn doch alle.
  265. Den Moment, in dem die Zeit stillsteht. Zumindest in Erinnerung.
  266. Der erste Kuss dauerte unendlich lang. Der erste Urlaub als 15-Jähriger am Badesee mit Freunden.
  267. Damals verflog die Zeit wie im Fluge. Und wenn wir uns heute erinnern, es dauerte eine Ewigkeit.
  268. Die Wissenschaft nennt das Zeitparadoxon. Und was nach Matrix und Star Wars klingt,
  269. hat einfach damit zu tun, dass wir Ereignisse, die mit unseren Gefühlen zusammenhängen,
  270. besser erinnern als alltägliche Dinge. Apropos Star Trek und Matrix.
  271. Wo nehmen wir heute fast mehr Emotionen wahr als im richtigen Leben?
  272. Richtig, im Film. Der Film gestattet uns, Situationen zu erleben,
  273. ohne sie selbst erfahren zu müssen. Und ein Filmpionier,
  274. der hat wirklich ein hollywoodreifes Leben geführt. Es ist die Nacht des 17. Oktober 1874.
  275. Calistoga, ein kleines Kaff nördlich von San Francisco. Ein Mann namens Harry Larkyns vergnügt sich beim Pokerspiel.
  276. Als plötzlich ein anderer Mann erscheint. Larkyns erkennt ihn nicht.
  277. Eadweard Muybridge ist sein Name, ein leidlich bekannter Landschaftsfotograf.
  278. Wo ist das Schwein, das meiner Frau einen Bastard angehängt hat? Wer will das wissen?
  279. Dafür weiß Muybridge genau, wer sein Gegenüber ist. Der Liebhaber seiner Frau und der Vater ihres Kindes.
  280. Rein wissenschaftlich gesehen zieht sich der Augenblick sowohl für Muybridge als auch für Larkyns.
  281. Für Larkyns ist es wohl der längste Augenblick seines Lebens. Leider auch sein letzter.
  282. Muybridge wird für diesen Mord nie verurteilt. Nur deshalb kann er
  283. dem Eisenbahnunternehmer Leland Stanford wenige Jahre später beim Gewinnen einer Wette helfen.
  284. Ich habe eine Wette laufen mit einem Freund. 25.000 Dollar.
  285. Ich glaube, dass es während des Galopps einen Moment gibt, in dem keiner seiner Hufe den Boden berührt.
  286. Und Sie, mein Freund, werden das mit Ihren Kameras beweisen. Schaffen Sie das?
  287. Ja, Sir. Ich denke, das kann ich. Es ist der Beginn eines neuen Zeitalters.
  288. Muybridge installiert 24 Kameras in einer Reihe hintereinander, deren Auslöser mit dünnen Drähten miteinander verbunden sind.
  289. Galoppiert ein Pferd vorbei, löst es sie nacheinander aus. Erst im Labor zeigt sich,
  290. ob Muybridge den Beweis erbringen kann. Und tatsächlich hat eine der Kameras das entscheidende Bild eingefangen.
  291. Ein Journalist schreibt drei Tage später: Nur die Erfindung des Telefons und des Phonografen
  292. würden die Leistung Muybridges überragen. So schreibt Muybridge Geschichte -
  293. als einer derjenigen, die es schaffen, gewissermaßen den Fluss der Zeit zu unterbrechen
  294. und den Moment zu verewigen. Wenn Muybridge seine Fotos wie im Daumenkino ablaufen lässt,
  295. dann erhält er eine Art Film. Und so lehrt er im wahrsten Sinne des Wortes den Bildern das Laufen.
  296. Und er verändert damit die Welt. Er eröffnet ein neues Zeitalter,
  297. in dem die Bilder die Erinnerungen der Menschen prägen werden. Bilder, die nicht nur die Zeit einfrieren,
  298. sondern den Augenblick festhalten und uns sogar gestatten, gleichzeitig in vielen Welten zu sein.
  299. Dabei fühlen wir, dass die Welt sich beschleunigt. Und dass sie aber auch viel mehr Möglichkeiten hat als früher.
  300. Männern wie Muybridge ist es zu verdanken, dass wir seit dem späten 19. Jahrhundert
  301. an jedem Tag kleine Zeitreisen unternehmen können. Durch sie werden wir Zeuge von Geschehnissen in der Vergangenheit
  302. oder an Orten, die wir nie besucht haben oder je besuchen werden.
  303. Naturgemäß ist alles, was wir auf Bildern sehen, bereits vergangen.
  304. Und dennoch können sie unsere Zukunft beeinflussen. Wie ein Experiment in Genf eindrucksvoll zeigt.
  305. Hund, Katze, Pferd. Wal, Stier, Giraffe, Rhinozeros.
  306. Studenten sollen eine Minute lang Tiernamen aufzählen. Alligator, Krokodil, Schlange, Ameise.
  307. Pangolin. Während eine zweite Gruppe von Dingen erzählt,
  308. die sie in der Zukunft unternehmen wollen. Ich weiß nicht, vielleicht werde ich reisen.
  309. Oder mich um den Klimawandel kümmern. Solche Sachen.
  310. Keiner der Teilnehmer weiß, dass es bei dem Versuch um die Wirkung von mentalen Zeitreisen geht.
  311. Nach Laos und nach Thailand. In unserer Forschung zu Frieden und Konflikten
  312. oder zu Friedensförderung und Konfliktlösung arbeiten wir oft mit Mediatoren zusammen.
  313. Und die erzählen uns immer wieder, dass eine der Techniken, die dazu führt, dass Parteien sich einigen,
  314. ist, dass man die Parteien fragt: "Denken Sie doch mal an die Zukunft".
  315. "Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?" Und diese Technik historisch geht zurück auf das Camp-David-Abkommen.
  316. Das 1978 Frieden zwischen Ägypten und Israel bringt. Abgeschlossen zwischen dem israelischen Premierminister
  317. und dem ägyptischen Präsidenten. Die Gespräche sind damals zunächst festgefahren.
  318. Der Durchbruch gelingt erst, als ein Mediator den beiden Staatschefs
  319. Bilder ihrer Kinder und Enkel zeigt, über deren Zukunft bei diesem Treffen schließlich entschieden wird.
  320. Und das bringt die beiden Politiker zurück an den Verhandlungstisch und zum historischen Friedensschluss.
  321. Für die Studierenden erfolgt jetzt der zweite Teil des Experiments. Er verläuft sowohl für die, die Tiernamen aufgezählt,
  322. als auch für diejenigen, die von ihren Zukunftsplänen erzählt haben, identisch ab.
  323. Wir haben uns damals überlegt, wie können wir prosoziales Verhalten von unseren Proband*innen messen, ohne dass die das merken?
  324. Wir haben also dann ein Computerspiel entwickelt, bei dem Probanden durch ein Labyrinth
  325. einen Charakter bewegen und einen Schatz jagen. Die beiden Figuren laufen in einem jeweils eigenen Labyrinth.
  326. In bestimmten Situationen ist ein Schlüssel erforderlich, damit die Figur weiter vorrücken kann.
  327. Einige Spieler helfen dabei nicht nur ihrem eigenen Smiley, sondern auch dem im anderen Labyrinth,
  328. sodass beide Smileys an ihr Ziel kommen. Wir haben gesehen, dass tatsächlich die Proband*innen,
  329. die eine Minute lang an die Zukunft dachten, viel prosozialer waren
  330. als diejenigen, die Tiere aufgezählt haben. Und die Effektstärke, die misst in der Psychologie immer,
  331. wie gut man ein Ergebnis auf das reale Leben übertragen kann. Und die Effektstärke ist sehr stark.
  332. Das heißt, wir können mit relativ großer Sicherheit sagen, dass das ein Ergebnis ist, was relevant ist für unseren Alltag.
  333. Mental Time Travel, gedankliche Zeitreisen, können die Zukunft zum Besseren verändern.
  334. Dafür müssen wir uns aber der Gegenwart ganz bewusst sein. (Lesch) Da fällt mir immer die Geschichte ein
  335. von einer Gruppe von Menschen, die einen Zen-Meister besucht, um ihn zu fragen, warum er so zufrieden sei.
  336. Und er antwortet: "Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich.
  337. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Und wenn ich esse, dann esse ich. Und wenn ich spreche, dann spreche ich."
  338. Die Gruppe war mit der Antwort unzufrieden, fragt ihn noch mal. Er antwortet genau das Gleiche.
  339. Und die Gruppe sagt, das machen wir doch auch alles, dann müssten wir doch genauso weise und glücklich sein wie du.
  340. "Oh, nein", sagte da der Zen-Meister, "Wenn ihr sitzt, dann denkt ihr schon ans Aufstehen.
  341. Wenn ihr steht, dann denkt ihr schon ans Gehen. Und wenn ihr geht, dann denkt ihr ans Essen.
  342. Und wenn ihr esst, dann telefoniert ihr nebenbei. Also, ihr seid nie wirklich da, wo ihr eigentlich seid.
  343. Und das ist der Grund für euer Leid." Da ist viel Wahres dran.
  344. Vielleicht wollen wir einfach zu viel. Vielleicht wäre es wichtig, sich mal wieder klarzumachen,
  345. wie kurz wir nur auf dieser Welt sind. * Sanfte Musik *
  346. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2024

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