Das Rätsel Zeit - Die Entdeckung der Zeit | Harald Lesch | Terra X Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=E98Ni7jh9wY Transkript (automatisch erstellt) 0:07 Was ist Zeit? Einige sagen, es ist die Abfolge von Augenblicken. 0:15 Und wie bei einem Schuss oder fließendem Wasser gibt es nur eine Richtung. 0:24 Aber was wäre, wenn die Zeit wie Wasser manchmal stillstehen oder sogar die Richtung ändern könnte? 0:34 Vom Tod zum Leben, schön wär's. Aber die Zeit kennt nur eine Richtung: 0:39 vom Leben zum Tod. Dabei weiß niemand, was Zeit eigentlich ist. 0:44 Und das geht nicht nur uns heute so. Schon Augustinus von Hippo, einer der frühen Kirchenväter, 0:51 hat im 5. Jahrhundert als einer der Ersten auf das Mysterium der Zeit hingewiesen. 0:56 "Was ist Zeit?", fragt er. Und er hat sich zugleich die Antwort selbst gegeben: 1:01 "Wenn mich niemand danach fragt, dann weiß ich's. Aber wenn ich's einem Fragenden erklären soll, 1:06 dann weiß ich's nicht." Ich weiß es leider auch nicht. 1:09 Fangen wir doch mal ganz von vorne an. * Mysteriöse Musik * 1:47 Der Beginn eines neuen Lebens. Eine ganze Welt wartet darauf, entdeckt zu werden. 1:56 Der Fluss der Zeit ordnet unser Leben. Denn die Dinge geschehen nacheinander, 2:01 nicht gleichzeitig. Aber die Zeit fließt nicht immer gleich schnell. 2:08 Denn wie wir sie empfinden, hängt auch von unserem Alter ab. Ab dem Augenblick, in dem wir unsere Augen öffnen, 2:23 nehmen wir unzählige Eindrücke wahr und zugleich läuft unsere Lebenszeit unerbittlich los. 2:30 Am Anfang gefühlt unendlich langsam und je älter wir werden scheinbar umso schneller. 2:35 Wie kann das sein? * Die Uhr tickt. * 2:40 Ein Jahr ist doch immer gleich lang. Daran ändert sich doch nichts, ganz egal, ob ich fünf bin oder 50. 2:47 Und trotzdem stimmt es, wenn ich Ihnen sage, dass wir mit 18 bereits das meiste wahrgenommen haben. 2:53 Klingt seltsam, ist aber logisch. "Wieso?", werden Sie jetzt fragen. 2:58 Um das zu verstehen, machen wir eine kleine Zeitreise. Die Erklärung für dieses Phänomen 3:04 verdanken wir einem französischen Philosophen: Paul Janet. 3:08 Guten Morgen. Beginnen wir. Unser heutiges Thema behandelt die Zeit. 3:13 Irgendwelche Fragen dazu? Paris, 1897. 3:16 Nein? Dachte ich mir. Paradoxa sind Janets Leidenschaft. 3:21 Und die Zeit ist für ihn ein solches. Wie er mathematisch nachweist. 3:26 Wenn er "1 = 100%" aufschreibt, bedeutet das nichts anderes, als dass für uns im ersten Lebensjahr alles neu ist. 3:34 Und je älter wir werden, desto geringer wird der Wahrnehmungsgewinn 3:38 und die Erinnerung an das, was passiert. Wie Sie hier sehen können, 3:43 empfinden wir unsere Zeit unterschiedlich. Wenn wir etwas zum ersten Mal erleben, 3:49 gräbt sich das direkt ins Gehirn ein und hinterlässt dort tatsächlich spürbare Auswirkungen oder Spuren. 3:54 Die führen dazu, dass uns ein solcher Zeitraum als lange erscheint. 3:58 Deshalb haben Menschen das Gefühl, jedes Jahr vergeht schneller, weil wir immer das Gleiche tun und haben später keine Erinnerung. 4:06 Deshalb ist Zeitwahrnehmung im Blick auf das Alter aus einer ganzen Reihe von Gründen relativ. 4:13 Zeit ist relativ, hat schon Albert Einstein gesagt. Sie vergeht in Anwesenheit einer schönen Frau 4:19 viel schneller als beim Zahnarzt. Oder auch in einer Vorlesung. 4:27 Zeit, mit anderen Worten, vergeht für jeden von uns anders. Sag mal, wollen wir nachher mal eine Runde spazieren gehen? 4:42 Der geniale Einstein, der hat nicht nur berechnet, er hat es an sich selber erfahren, dass die Zeit relativ ist. 4:49 Je älter wir werden, umso schneller scheint die Zeit zu vergehen. Das ist nicht sehr beruhigend. 4:55 Aber wenn die Zeit so unterschiedlich vergeht, was ist denn dann die Gegenwart? 5:00 Die Forschung sagt, es sind drei Sekunden. Eins, zwei, drei. Das ist so gut wie nichts. 5:04 Oder ist das so, weil die Welt sich immer schneller um sich selber dreht oder weil Millionen Reize auf uns einprasseln? 5:11 Aber wie war es denn früher? Ich meine - viel früher. 5:17 War da die Gegenwart länger? So wie unser eigenes Leben ist auch unser Planet ständigen, 5:26 aber scheinbar unendlich langsamen Veränderungen unterworfen. Das Leben unserer Vorfahren wird von natürlichen Zyklen geprägt: 5:37 dem Wechsel von der kalten zur warmen Jahreszeit, von Tag und Nacht. 5:44 Damit untrennbar verbunden sind Aussaat und Ernte, die bestimmenden Faktoren im Alltag bäuerlicher Gesellschaften. 5:51 Uhren spielen keine Rolle. Jahrtausende ändert sich das kaum. 5:58 Erst im 3. Jahrhundert vor Christus kommt es zu einer wahren Zäsur in der Geschichte der Zeitmessung. 6:07 Es ist Konsul Messalla, der seinen Sieg über den Erzfeind Karthago 6:11 in einem Triumphzug durch Rom feiern lässt. Er bringt im Jahr 263 die erste Sonnenuhr nach Rom 6:19 und lässt sie im Comitium aufstellen, dort, wo sich die Römer versammeln. 6:24 Mehr und mehr finden jetzt Sonnen- und Wasseruhren ihren Weg aus Ägypten und der griechischen Welt nach Rom. 6:31 (Stimme) Erinnere dich daran, dass du nur ein Mensch bist. Damals wechselt die Länge des Jahres 6:40 regelmäßig zwischen 355, 377 und 378 Tagen. Da kann man beim Stecken des Kalenders 6:52 schon mal durcheinanderkommen. Dabei ist das genaue Bestimmen des Tages 7:00 im alten Rom unendlich wichtig. Denn wie in allen alten Kulturen 7:04 gibt es im Volksglauben gute und schlechte Tage. Und an diesen sollte man tunlichst jedes Risiko vermeiden. 7:10 Wohl auch deshalb kommt es im Jahr 46 vor Christus unter Julius Cäsar zu einer großen Kalenderreform. 7:17 Der komplizierte römische Mondkalender wird durch den ägyptischen Sonnenkalender ersetzt. 7:24 Es handelt sich um eine außergewöhnliche Reform von großer Innovationskraft. 7:30 Und darin liegt die große Bedeutung des Werks von Julius Cäsar. Erstens, man benötigte ein einheitliches System 7:39 für ganz Rom und die eroberten Städte. Der zweite Grund ist, wie wir heute sagen würden, 7:46 ein steuerlich-administrativer. Denn die Zeitmessung erlaubte jetzt, 7:51 die Arbeitszeiten der Arbeiter und Angestellten zu zählen. Julius Cäsar tritt mit seiner Kalenderreform 8:01 ganz unbescheiden in die Fußstapfen des legendären Rom-Gründers Romulus, der den ersten römischen Kalender erfunden haben soll. 8:09 Zusammen mit dem Aufstellen von Sonnenuhren verbreiten sich so von Rom aus Kalenderreform und Zeitmessung 8:16 über das ganze Imperium. Zuvor muss Cäsar noch eine Kleinigkeit richten, 8:22 bis alles reibungslos läuft. Da die Römer vor der julianischen Kalenderreform 8:26 den alten Kalender benutzten, ist der im Jahr 46 nicht mehr im Gleichklang mit den Jahreszeiten. 8:32 So zeigt er zum Beispiel Juni, obwohl es in der Natur erst Ende März ist. 8:36 Damit aber auch im neuen Kalender Bäume und Blumen in der richtigen Zeit blühen, 8:41 lässt Cäsar im Jahr 46 einfach 90 Tage anhängen. Und so ist dieses Jahr mit 445 Tagen 8:49 als das längste Jahr in der Geschichte der Menschheit in die Annalen eingegangen. 8:54 Und dieser Kalender gilt dann 1600 Jahre. Gemeinsam ordnen der neue julianische Kalender 9:05 und die aufgestellten Sonnenuhren immer stärker den Alltag der Römer. Und auch wenn wir nicht genau wissen, 9:13 ob und inwieweit sich die Römer nach der neuen Uhrzeit richteten, gibt es Hinweise, dass viele nicht glücklich damit waren. 9:22 So klagt der Komödienschreiber Plautus, dass früher nicht die Sonnenuhr einem diktierte, 9:28 wenn man Hunger zu haben hat, sondern es allein der Magen bestimmte. 9:33 Zumal die Stunden, die die Sonnenuhren anzeigen, im Laufe des Jahres ganz unterschiedlich lang sind. 9:39 Weil es im Sommer viel länger hell ist, dauert jede der zwölf Tagesstunden im alten Rom bis zu 75 Minuten. 9:45 Im Winter hingegen, wegen der viel kürzeren Tage, nur 45. Neben Plautus kritisiert auch 9:55 der berühmte konservative Politiker Cato die Sonnenuhr. Er meint, dass es dem römischen Bürger, 10:01 als Krieger und Bauer geboren, genüge, sich der Sonne zuzuwenden und die Götter zu grüßen, um das Maß der Zeit zu haben. 10:12 Heute sind moderne Zeitmesser das Maß aller Dinge und selbst aus der Landwirtschaft nicht mehr wegzudenken. 10:21 Satelliten machen dank Atomuhren GPS-gesteuerte Feldbestellung exakt auf den Zentimeter möglich. 10:30 Auch von den Jahreszeiten haben wir uns unabhängiger gemacht. Beim sogenannten "Vertical Farming" inmitten unserer Städte 10:38 lassen sich höhere Erträge erzielen als in herkömmlichen Treibhäusern. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. 10:45 Der Einsatz von Technik überlistet zwar die natürliche Zeit, aber verbraucht mehr und mehr Energie. 10:54 Die Konsequenzen sehen wir im Klimawandel und steigenden Temperaturen. 11:00 Energie, die in Form von Kohle und Öl über Millionen Jahre entstanden ist, verbrauchen wir in Rekordzeit. 11:07 In Menschenzeit. Unser Einfluss ist seit Jahrzehnten unumstritten. 11:14 Und dennoch handeln wir nur langsam. Als würde Zeit keine Rolle spielen. 11:19 Vielleicht auch, weil wir glauben, dass das Schlimmste außerhalb unserer eigenen Lebenszeit liegt. 11:24 Es fällt uns schwer, unser Tun anzupassen, obwohl der Planet im wahrsten Sinne des Wortes heiß gelaufen ist. 11:31 Heiß gelaufen, das ist ein gutes Stichwort. Wobei, die Wärme muss ja nicht von außen kommen, 11:37 sie kann auch von innen kommen. Und so verrückt das auch klingt, das ändert unsere Zeitwahrnehmung. 11:43 Und diese Erkenntnis verdanken wir einem treusorgenden Ehemann. Anna Hoagland ist seit Tagen krank, liegt mit Fieber im Bett. 11:55 Ich bin gleich wieder da. Ihr Mann, der selbst Arzt ist, kümmert sich rührend um sie. 12:02 Als er nur kurz eine Tablette holen geht, beschwert sie sich bei seiner Rückkehr bitter. 12:08 Ewig sei er weg gewesen. Wo warst du denn so lange? 12:12 Aber nein, ich habe nur schnell deine Pillen geholt. Hudson Hoagland beginnt sich mehrfach am Tage Notizen zu machen 12:20 und stellt fest, dass die innere Uhr seiner Frau viel schneller tickt als die messbare Zeit. 12:25 * Sie zählt die Sekunden. * Und je höher ihre Körpertemperatur steigt, 12:30 und je schneller ihre innere Uhr tickt, desto länger erscheint ihr die reale Zeit. 12:35 Zeit, so Hoaglands Erkenntnis, verhält sich umgekehrt zur Körpertemperatur. 12:44 Für dich vergeht die Zeit langsamer, wie es scheint. Wenn Hoaglands Beobachtung 12:51 vom Anfang der 1930er Jahre richtig ist, dann müsste sich die Wahrnehmung der Zeit auch bei Kälte ändern. 13:04 Eine Übung mit Schweizer Profitauchern soll weitere Klarheit darüber bringen. 13:11 Da bei Fieber die innere Uhr schneller tickt, müsste sie bei großer Kälte langsamer laufen. 13:18 Um das zu überprüfen, soll es ins Eiswasser gehen. Der Kameramann, der alles dokumentieren wird, 13:31 trägt einen Trockentaucheranzug. Damit kann er stundenlang gefahrlos unter Wasser bleiben. 13:46 Lars, der Proband, trägt einen ganz normalen Neoprenanzug. Er wird sofort nass und damit kalt werden. 13:53 Er weiß als einziger nicht, um was es bei der Übung eigentlich geht. 14:05 Mehrfach gesichert taucht er ins Eiswasser ab. Das Wasser hat nur drei Grad. 14:16 Am Anfang, erzählt Lars später, habe er seine Gliedmaßen vor Kälte kaum gespürt. 14:22 Er hat über 1000 Tauchstunden absolviert und ist Vollprofi. Die Zeit vergeht. 14:43 Erst nach 31 Minuten kommt Lars wieder nach oben und der für die Zeitwahrnehmung entscheidende Teil kann beginnen. 14:57 Ich hätte gerne, dass du jetzt auf drei Minuten zählst, laut. Okay? 15:05 (Lars) Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs... Schon nach wenigen Sekunden wird klar: 15:18 Die Kälte lässt Lars' innere Uhr langsamer gehen als den Sekundenzeiger auf der Stoppuhr. 15:23 ... 54, 55, 56, 57, 58, 59, 60. * Er zählt weiter. * 15:47 ... 55, 56, 57, 58, 58, 59, 60. Lars, du hast jetzt drei Minuten gezählt, 15:55 aber in Wahrheit sind es drei Minuten 43. Okay. 16:01 Das ist doch irre. Körpertemperatur und Zeitwahrnehmung - 16:05 ein weiterer Beleg dafür, dass die Zeit eben nicht absolut ist, sondern relativ. 16:10 Für uns vergeht gefühlt die Zeit nicht immer gleich schnell. Deshalb hat Albert Einstein auch gesagt: 16:17 Zeit ist das, was man auf der Uhr abliest. Aber unsere Wahrnehmung von Zeit 16:22 hat mit der Uhrzeit oft gar nichts zu tun. Da müssen viele Dinge und Umstände zusammenkommen. 16:28 Aber bevor wir darauf eingehen, müssen wir noch was ganz anderes klären. 16:34 Denn wenn Zeitwahrnehmung relativ ist, stellt sich wieder die Frage, 16:38 was Zeit eigentlich ist und wie wir uns in der Zeit verorten. Können wir daher überhaupt sicher sein, 16:44 im Jahr 2024 zu leben? Um das rauszufinden, fahre ich nach Salzburg. 16:50 Denn in der Stiftsbibliothek von St. Peter liegt ein kleiner Schatz der Zeitberechnung. 16:55 Für eine sehr lange Zeit gab es sehr viele verschiedene Ordnungen der Zeit. 17:00 Die Frage, in welchem Jahr wir eigentlich leben, ist gar nicht so einfach zu beantworten, 17:05 wie es auf den ersten Blick aussieht. Zu dem Thema sind viele Bücher und Abhandlungen geschrieben worden. 17:11 Nehmen wir mal das Jahr 2000 nach christlicher Zeitrechnung. Für die Buddhisten ist es das Jahr 2543, 17:19 denn im Jahr 543 vor unserer Zeitrechnung ist Buddha gestorben. 17:23 Da beginnt ihre Zeitrechnung. Für den Islam ist es das Jahr 1420. 17:29 Denn nach islamischer Vorstellung beginnt die Zeitrechnung im Jahr 622 nach unserer Zeitrechnung, 17:36 als nämlich der Prophet Mohammed mit seinem Gefolge von Mekka nach Medina geflohen ist. 17:40 Und nach jüdischer Auffassung ist unser Jahr 2000 das Jahr 5761. Weil nämlich, nach jüdischer Auffassung, 17:48 die Welt entstand im Jahr 3761 vor unserer Zeitrechnung. Man sieht, das Jahr 2000 gibt es per se gar nicht. 17:56 Das gibt es nur, wenn man sich am christlichen Glauben orientiert. Und auch da hat es ziemlich lange gedauert, 18:02 und es musste so mancher Irrweg begangen werden, bis man da endlich angekommen ist. 18:09 Der Mönch Dionysius Exiguus soll im 6. Jahrhundert im Auftrag des Papstes Ordnung in das Kirchenjahr bringen 18:17 und den allgemein gültigen Zeitpunkt für das Osterfest berechnen. Seine wichtigste Referenz ist der erste Vollmond im Frühjahr. 18:25 Denn nach jüdischer Überlieferung fand zu diesem Zeitpunkt die Hinrichtung von Jesus statt, 18:31 dessen Auferstehung Christen an Ostern feiern, was es zum wichtigsten Fest der Christenheit macht. 18:37 In endlosen Nächten gleicht der Mönch Kalender mit Mondphasen ab 18:41 und legt Ostern schließlich für die nächsten 100 Jahre fest. Doch das ist nicht alles. 18:49 Nach dem Studium vieler Quellen errechnet Dionysius auch das Jahr der Geburt Jesu 18:55 und legt es als Jahr 1 der christlichen Zeitrechnung fest. So bestimmt Dionysius nicht nur zukünftige Osterfeiern, 19:05 sondern ordnet auch die Vergangenheit neu, indem er die heute allgemein übliche Jahreszählung vorgibt. 19:12 Das ist wirklich beachtlich. - Ich danke euch aufrichtig. Ich habe zu danken. 19:18 So sahen die Listen im Großen und Ganzen aus. Die hier zum Beispiel stammt aus Passau. 19:24 Im Grunde geht es immer um die Berechnung des Osterfestes. Trotzdem sind sie der Beginn der Zeitenrechnung, 19:30 wie sie nicht nur von den Christen, sondern nach und nach von der ganzen Welt übernommen wird. 19:35 Das ist die Entdeckung der Zeit, die zum ersten Mal, zumindest in Europa, 19:40 eine länderübergreifende Ordnung erhält. Exiguus verwendet für seine neue Zeitrechnung 19:49 übrigens das Kürzel "AD", "Anno Domini", im Jahre des Herrn. Die Komputisten, die Zeitberechner, wie auch Dionysius einer ist, 20:02 ermitteln über die nächsten Jahrhunderte auch weiterhin das Datum des Osterfestes. 20:06 Dafür gleichen sie viele Quellen aus aller Herren Länder miteinander ab. Und so entsteht nicht nur 20:12 eine mit Jahresdaten versehene Chronik der Weltgeschichte, sondern auch die moderne Form des Kalenders. 20:20 Der auch kosmische Daten mit einbezieht, wie Vollmonde und Kometensichtungen oder Sonnenfinsternisse. 20:28 Durch die Arbeit der Komputisten endet die Art und Weise, wie Geschichte früher aufgeschrieben wurde. 20:34 So hätte zum Beispiel ein römischer Soldat immer gesagt, er lebe im 32. Regierungsjahr des Kaisers Augustus 20:41 und nicht im Jahr 5 AD - wenn es das damals schon gegeben hätte. 20:50 Aber der Kalender ist nicht das einzige, was an die Zeitberechner erinnert. 20:57 * Computer-Geräusche * Die Komputisten, die Zeitberechner, die wurden später der Namenspate 21:10 für ein Ding, das heute unser Leben durchdringt, oder besser bestimmt: 21:15 der Computer. Eigentlich zunächst nur ein Rechenapparat, 21:19 nutzen wir ihn heute doch für viel mehr als nur für Rechenaufgaben. 21:28 Einen Rechenapparat hat dieser Mann für seine Arbeit nicht. Obwohl er mit erstaunlich großen Zahlen hantiert. 21:37 Um 1650 treibt den irischen Theologen James Ussher die Frage um, wann genau Gott Himmel und Erde erschuf, 21:46 wie alt also die Welt ist. Die Antwort sucht er in der Heiligen Schrift. 21:52 Denn tatsächlich werden im ersten Buch der Bibel die Lebensalter der ersten Menschen aufgezählt. 21:58 Adam 950 Jahre, Noah 930 und Methusalem sogar 969 Jahre. Ussher addiert einfach die Zahlen 22:06 und kommt so auf den 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt als Tag der Schöpfung. 22:16 Aber kann das wirklich stimmen, fragen sich viele Wissenschaftler schon damals 22:20 hinter vorgehaltener Hand. Nur ein paar Jahre nach Ussher 22:24 bringt Salz einen Wissenschaftler auf eine Idee. Denn da Salze fortwährend durch Flüsse ins Meer gelangen, 22:33 müsste man anhand der Veränderung des Salzgehalts innerhalb eines gewissen Zeitraums 22:39 auf das Alter der Erde hochrechnen können. Panta rhei, alles fließt, wie die Zeit. 22:47 Dem englischen Astronom Edmond Halley gebührt der Ruhm des ersten wissenschaftlichen Versuchs 22:52 zur Bestimmung des Alters der Erde. Ihm bekannte Forscher schicken ihm Wasserproben 23:02 aus unterschiedlichsten Meeren und Flüssen zu. Und Halley berechnet dann, 23:06 wie viel Salz bei der Verdunstung jeweils zurückbleibt. Dabei wird ihm schnell klar, 23:13 dass die Veränderungen kaum messbar sind und ein Menschenleben längst nicht reicht, 23:18 um auch nur ein annäherndes Ergebnis zu erzielen. So, hier ist eine Probe angekommen, aus Afrika. 23:27 Danke, James, stell es doch bitte dort ab. Er ist aber fest davon überzeugt, 23:31 dass unsere Erde sehr viel älter sein muss als die Kirche behauptet. Nur, wie alt ist sie wirklich? 23:45 Auch in den kommenden Jahrzehnten lässt diese Frage viele Wissenschaftler nicht ruhen. 23:51 So lautet damals eine weitere Vermutung, die Erde sei aus einer Kollision von Asteroiden entstanden. 23:59 Danach, so glaubt man, hätte sie mindestens 50.000 Jahre abkühlen müssen. 24:08 Es ist ein heikles Unterfangen, ein kirchliches Dogma öffentlich anzuzweifeln. 24:13 Deshalb hängt der Comte de Buffon, ein französischer Naturforscher, seine Versuche im Jahr 1774 nicht an die große Glocke. 24:22 Wenn wir annehmen, dass dies die tausendfache Verkleinerung unseres Planeten ist, 24:26 und wir den Durchmesser in Relation zu den anderen Kugeln und deren Abkühlung setzen, sollte es uns möglich sein, 24:34 das Alter unserer Erde zu berechnen. Er misst die Zeit, die es dauert, 24:38 bis die unterschiedlich großen Kugeln auf Zimmertemperatur abgekühlt sind und rechnet das Ergebnis im Verhältnis zum Radius der Erde hoch. 24:50 So kommt er auf ein Alter der Erde von genau 96.670 Jahren. Diese Zahl wäre für die Kirche aber so ungeheuerlich, 25:02 dass es der Comte nicht wagt, sie zu Lebzeiten zu veröffentlichen. Selbst, wenn die knapp 100.000 Jahre nicht mal ansatzweise richtig sind. 25:11 Bleibt abzuwarten, wie lange unsere größte Kugel benötigt, um dieselbe Temperatur zu erreichen. 25:19 Auch aus der Beobachtung der Gestirne versuchen Menschen seit jeher, das Alter der Erde abzuleiten. 25:27 Der Physiker Hermann von Helmholtz kommt um das Jahr 1850, nachdem er mehr als ein Jahrzehnt die Sonne beobachtet hat, 25:34 zu der falschen Schlussfolgerung, dass Sonne und Erde um die 22 Millionen Jahre alt sind. 25:45 So haben wir Menschen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Theorien und Methoden entwickelt, 25:51 um am Ende dem Alter des Planeten doch noch auf die Spur zu kommen. Natürlich lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse 26:00 nicht auf Dauer unterdrücken. Und jedes Mal ist eine neue Erkenntnis 26:05 immer nur eines von vielen Kettengliedern, die sich nebeneinander einreihen. 26:11 Dank solcher Observatorien wie diesen erweitert sich unser Wissensschatz immer mehr und mehr. 26:17 Und in der Wissenschaft baut alles aufeinander auf. Und das wusste schon der Philosoph Bernhard von Chartres, 26:24 als er um 1120 sinngemäß sagte: Dass ich weiter blicken kann, liegt nur daran, 26:29 weil ich als winziger Zwerg auf den Schultern von Riesen stehe. Deshalb kann ich weiter sehen als diese Riesen. 26:36 Eine wunderschöne Metapher für das, was Wissenschaft ausmacht: Erkenntnisse. 26:42 So ist das auch bei Arthur Holmes, einem Mann, den außerhalb der Wissenschaft wohl nur noch wenige kennen. 26:49 Er hat sorgfältig alte Theorien und Abhandlungen zum Alter der Erde studiert. 26:58 Und er ersinnt eine geniale Idee. Als erster Wissenschaftler überhaupt 27:03 wendet er die Zerfallsreihe von Uran zu Blei bei der Altersberechnung geologischer Schichten an. 27:10 Mit einem komplizierten chemischen Verfahren kommt er 1927 langsam dem wahren Alter der Erde auf die Spur 27:18 und schätzt es auf zwischen 1,6 und 3 Milliarden Jahre. Damit erhält die Zeit eine völlig neue Dimension. 27:33 Und das da oben ist sogar noch viel älter. Eigentlich ist es unfassbar. 27:39 Im 18. Jahrhundert, weniger als 200 Jahre vor Holmes, dachte man, die Erde sei ein paar tausend Jahre alt. 27:47 Im 19. Jahrhundert vergrößerte man das Alter um den Faktor 1000, also auf immerhin einige Millionen Jahre. 27:54 Aber erst im 20. Jahrhundert stellten wir fest: Es geht um mehrere Milliarden Jahre. 27:59 Die Entdeckung der Zeit hat unser Bild vom Kosmos und vor allem auch unsere Stellung in ihm 28:06 in weniger als drei Jahrhunderten völlig auf den Kopf gestellt. Erst durch die Apollo-Flüge zum Mond erhalten wir in den 1970er-Jahren 28:24 letzte Gewissheit, was das Alter unseres Planeten angeht. Denn damals gelingt es Wissenschaftlern der NASA, 28:36 im Mondgestein Teile der Erdkruste zu finden. Und so das definitive Alter der Erde zu bestimmen: 4,5 Milliarden Jahre. 28:48 Und seit dem Jahr 2010 kennen wir sogar das Alter des Kosmos. 13,8 Milliarden Jahre. 28:58 Hör- und sichtbar im Rauschen des Fernsehers. Ein bis drei Prozent davon, so vermuten Forscher, 29:04 stammt von der kosmischen Hintergrundstrahlung des Urknalls. Zumindest beim guten alten analogen Fernsehen mit terrestrischer Antenne 29:12 war das der Moment, wo Vater einschlief. Weil es dann so schön eintönig und langweilig dahinflimmerte. 29:19 Apropos Langeweile. Die hängt ja auch mit unserer Zeitwahrnehmung zusammen. 29:24 Und unsere Zeitreise, die führt uns diesmal in die 60er-Jahre, 29:28 in die Stadt, die niemals schläft. Die kannten wohl damals schon kein Grundrauschen. 29:35 Experimente in den 1960er-Jahren belegen den Zusammenhang zwischen Langeweile und unserem Empfinden für die Zeit. 29:42 Der Psychologe Robert Ornstein hat Probanden in zwei Gruppen eingeteilt, 29:47 die nur durch eine einfache Wand voneinander getrennt sind. * Fahrstuhlmusik * 29:57 Während die erste Gruppe komplexe Gemälde mit vielen Farben und Strukturen betrachtet, 30:02 werden der zweiten Gruppe lediglich einfachste Schwarz-Weiß-Zeichnungen vorgeführt. 30:12 Die Bilder sind in beiden Gruppen jeweils gleich lang zu sehen. Insgesamt dauert die Vorführung etwa eine Stunde. 30:22 In der anschließenden Auswertung zeigt sich schnell... Nun, es fühlte sich eher langweilig an. 30:28 Die Probanden, die die einfachen Schwarz-Weiß-Bilder anschauen mussten, 30:32 empfanden die vergangene Zeit als sehr lang. Wie schnell verging die Zeit beim Anschauen der Bilder? 30:39 Für die Probanden der Gruppe mit den farbigen und komplexen Bildern hingegen verging die Zeit wie im Flug. 30:45 Ein interessantes Experiment. Der Test dauerte 60 Minuten. Sie waren ein wichtiger Teil davon. 30:55 Je mehr äußere Signale ich verarbeiten muss, desto schneller scheint mir die Zeit zu vergehen. 31:01 Umgekehrt, wenn es nur weniger äußere Reize gibt, wenn ich eine Art ewiges Vogelgezwitscher höre, 31:08 nehmen diese Außensignale ab und ich habe den Eindruck, dass sich die Zeit verlängert. 31:25 Und dann gibt es Situationen, die unsere Zeitempfinden völlig aus der Bahn werfen können. 31:31 * Dramatische Musik * Philosophisch gesehen 31:47 nimmt der Mensch die Zeit nur als Zeit wahr, wenn es langweilig ist. 31:52 Was beim Bungee-Jumping garantiert nicht der Fall ist. Im Durchschnitt dauern die Sprünge nur zweieinhalb Sekunden, 32:08 bis sich das Seil strafft. Doch fast alle überschätzen die Zeitdauer. 32:16 Manche um mehr als das Doppelte. Drei, vier Sekunden und dann geht's ein paarmal hoch und runter. 32:33 Der Sprung, ich weiß nicht, ich würde sagen, drei, sechs Sekunden? 32:44 Das ist sehr kurz in der Luft, vielleicht fünf bis zehn Sekunden. Für mich waren das so fünf bis zehn Sekunden. 33:00 Je mehr Adrenalin ausgeschüttet wird, umso länger erscheint der Sprung. Aber die Echtzeit vergeht wie im Flug. 33:09 Die Erfahrung, dass die gefühlte nicht mit der realen Zeit übereinstimmt, 33:13 machen wir in unserem Leben öfter. Wir kennen ihn doch alle. 33:18 Den Moment, in dem die Zeit stillsteht. Zumindest in Erinnerung. 33:22 Der erste Kuss dauerte unendlich lang. Der erste Urlaub als 15-Jähriger am Badesee mit Freunden. 33:30 Damals verflog die Zeit wie im Fluge. Und wenn wir uns heute erinnern, es dauerte eine Ewigkeit. 33:35 Die Wissenschaft nennt das Zeitparadoxon. Und was nach Matrix und Star Wars klingt, 33:40 hat einfach damit zu tun, dass wir Ereignisse, die mit unseren Gefühlen zusammenhängen, 33:45 besser erinnern als alltägliche Dinge. Apropos Star Trek und Matrix. 33:50 Wo nehmen wir heute fast mehr Emotionen wahr als im richtigen Leben? 33:54 Richtig, im Film. Der Film gestattet uns, Situationen zu erleben, 33:59 ohne sie selbst erfahren zu müssen. Und ein Filmpionier, 34:02 der hat wirklich ein hollywoodreifes Leben geführt. Es ist die Nacht des 17. Oktober 1874. 34:15 Calistoga, ein kleines Kaff nördlich von San Francisco. Ein Mann namens Harry Larkyns vergnügt sich beim Pokerspiel. 34:26 Als plötzlich ein anderer Mann erscheint. Larkyns erkennt ihn nicht. 34:31 Eadweard Muybridge ist sein Name, ein leidlich bekannter Landschaftsfotograf. 34:36 Wo ist das Schwein, das meiner Frau einen Bastard angehängt hat? Wer will das wissen? 34:42 Dafür weiß Muybridge genau, wer sein Gegenüber ist. Der Liebhaber seiner Frau und der Vater ihres Kindes. 34:53 Rein wissenschaftlich gesehen zieht sich der Augenblick sowohl für Muybridge als auch für Larkyns. 34:59 Für Larkyns ist es wohl der längste Augenblick seines Lebens. Leider auch sein letzter. 35:06 Muybridge wird für diesen Mord nie verurteilt. Nur deshalb kann er 35:17 dem Eisenbahnunternehmer Leland Stanford wenige Jahre später beim Gewinnen einer Wette helfen. 35:23 Ich habe eine Wette laufen mit einem Freund. 25.000 Dollar. 35:28 Ich glaube, dass es während des Galopps einen Moment gibt, in dem keiner seiner Hufe den Boden berührt. 35:34 Und Sie, mein Freund, werden das mit Ihren Kameras beweisen. Schaffen Sie das? 35:48 Ja, Sir. Ich denke, das kann ich. Es ist der Beginn eines neuen Zeitalters. 36:00 Muybridge installiert 24 Kameras in einer Reihe hintereinander, deren Auslöser mit dünnen Drähten miteinander verbunden sind. 36:09 Galoppiert ein Pferd vorbei, löst es sie nacheinander aus. Erst im Labor zeigt sich, 36:18 ob Muybridge den Beweis erbringen kann. Und tatsächlich hat eine der Kameras das entscheidende Bild eingefangen. 36:36 Ein Journalist schreibt drei Tage später: Nur die Erfindung des Telefons und des Phonografen 36:42 würden die Leistung Muybridges überragen. So schreibt Muybridge Geschichte - 36:52 als einer derjenigen, die es schaffen, gewissermaßen den Fluss der Zeit zu unterbrechen 36:57 und den Moment zu verewigen. Wenn Muybridge seine Fotos wie im Daumenkino ablaufen lässt, 37:06 dann erhält er eine Art Film. Und so lehrt er im wahrsten Sinne des Wortes den Bildern das Laufen. 37:12 Und er verändert damit die Welt. Er eröffnet ein neues Zeitalter, 37:16 in dem die Bilder die Erinnerungen der Menschen prägen werden. Bilder, die nicht nur die Zeit einfrieren, 37:23 sondern den Augenblick festhalten und uns sogar gestatten, gleichzeitig in vielen Welten zu sein. 37:29 Dabei fühlen wir, dass die Welt sich beschleunigt. Und dass sie aber auch viel mehr Möglichkeiten hat als früher. 37:39 Männern wie Muybridge ist es zu verdanken, dass wir seit dem späten 19. Jahrhundert 37:44 an jedem Tag kleine Zeitreisen unternehmen können. Durch sie werden wir Zeuge von Geschehnissen in der Vergangenheit 37:59 oder an Orten, die wir nie besucht haben oder je besuchen werden. 38:11 Naturgemäß ist alles, was wir auf Bildern sehen, bereits vergangen. 38:15 Und dennoch können sie unsere Zukunft beeinflussen. Wie ein Experiment in Genf eindrucksvoll zeigt. 38:28 Hund, Katze, Pferd. Wal, Stier, Giraffe, Rhinozeros. 38:35 Studenten sollen eine Minute lang Tiernamen aufzählen. Alligator, Krokodil, Schlange, Ameise. 38:42 Pangolin. Während eine zweite Gruppe von Dingen erzählt, 38:48 die sie in der Zukunft unternehmen wollen. Ich weiß nicht, vielleicht werde ich reisen. 38:54 Oder mich um den Klimawandel kümmern. Solche Sachen. 39:01 Keiner der Teilnehmer weiß, dass es bei dem Versuch um die Wirkung von mentalen Zeitreisen geht. 39:07 Nach Laos und nach Thailand. In unserer Forschung zu Frieden und Konflikten 39:11 oder zu Friedensförderung und Konfliktlösung arbeiten wir oft mit Mediatoren zusammen. 39:16 Und die erzählen uns immer wieder, dass eine der Techniken, die dazu führt, dass Parteien sich einigen, 39:24 ist, dass man die Parteien fragt: "Denken Sie doch mal an die Zukunft". 39:28 "Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?" Und diese Technik historisch geht zurück auf das Camp-David-Abkommen. 39:34 Das 1978 Frieden zwischen Ägypten und Israel bringt. Abgeschlossen zwischen dem israelischen Premierminister 39:42 und dem ägyptischen Präsidenten. Die Gespräche sind damals zunächst festgefahren. 39:48 Der Durchbruch gelingt erst, als ein Mediator den beiden Staatschefs 39:53 Bilder ihrer Kinder und Enkel zeigt, über deren Zukunft bei diesem Treffen schließlich entschieden wird. 39:59 Und das bringt die beiden Politiker zurück an den Verhandlungstisch und zum historischen Friedensschluss. 40:09 Für die Studierenden erfolgt jetzt der zweite Teil des Experiments. Er verläuft sowohl für die, die Tiernamen aufgezählt, 40:20 als auch für diejenigen, die von ihren Zukunftsplänen erzählt haben, identisch ab. 40:27 Wir haben uns damals überlegt, wie können wir prosoziales Verhalten von unseren Proband*innen messen, ohne dass die das merken? 40:35 Wir haben also dann ein Computerspiel entwickelt, bei dem Probanden durch ein Labyrinth 40:40 einen Charakter bewegen und einen Schatz jagen. Die beiden Figuren laufen in einem jeweils eigenen Labyrinth. 40:50 In bestimmten Situationen ist ein Schlüssel erforderlich, damit die Figur weiter vorrücken kann. 41:04 Einige Spieler helfen dabei nicht nur ihrem eigenen Smiley, sondern auch dem im anderen Labyrinth, 41:10 sodass beide Smileys an ihr Ziel kommen. Wir haben gesehen, dass tatsächlich die Proband*innen, 41:18 die eine Minute lang an die Zukunft dachten, viel prosozialer waren 41:22 als diejenigen, die Tiere aufgezählt haben. Und die Effektstärke, die misst in der Psychologie immer, 41:28 wie gut man ein Ergebnis auf das reale Leben übertragen kann. Und die Effektstärke ist sehr stark. 41:34 Das heißt, wir können mit relativ großer Sicherheit sagen, dass das ein Ergebnis ist, was relevant ist für unseren Alltag. 41:44 Mental Time Travel, gedankliche Zeitreisen, können die Zukunft zum Besseren verändern. 41:51 Dafür müssen wir uns aber der Gegenwart ganz bewusst sein. (Lesch) Da fällt mir immer die Geschichte ein 42:00 von einer Gruppe von Menschen, die einen Zen-Meister besucht, um ihn zu fragen, warum er so zufrieden sei. 42:06 Und er antwortet: "Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. 42:12 Wenn ich gehe, dann gehe ich. Und wenn ich esse, dann esse ich. Und wenn ich spreche, dann spreche ich." 42:18 Die Gruppe war mit der Antwort unzufrieden, fragt ihn noch mal. Er antwortet genau das Gleiche. 42:23 Und die Gruppe sagt, das machen wir doch auch alles, dann müssten wir doch genauso weise und glücklich sein wie du. 42:29 "Oh, nein", sagte da der Zen-Meister, "Wenn ihr sitzt, dann denkt ihr schon ans Aufstehen. 42:34 Wenn ihr steht, dann denkt ihr schon ans Gehen. Und wenn ihr geht, dann denkt ihr ans Essen. 42:40 Und wenn ihr esst, dann telefoniert ihr nebenbei. Also, ihr seid nie wirklich da, wo ihr eigentlich seid. 42:46 Und das ist der Grund für euer Leid." Da ist viel Wahres dran. 42:54 Vielleicht wollen wir einfach zu viel. Vielleicht wäre es wichtig, sich mal wieder klarzumachen, 43:02 wie kurz wir nur auf dieser Welt sind. * Sanfte Musik * 43:43 Untertitel im Auftrag des ZDF, 2024