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Die Reformation - Vorgeschichte und Rahmenbedingungen

Ein Hut voll Wissen29:41 1.420 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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Transkriptautomatisch erstellt · 165 Zeilen
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  1. Hallo zusammen und herzlich willkommen zu einer neuen Folge. In der heutigen Folge starten wir eine kleine Serie zum Thema „Reformation“. Wir begeben uns also
  2. zurück in die Übergangszeit zwischen dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit, und werden uns in einigen wenigen Folgen die Geschichte dieses wichtigen kirchengeschichtlichen
  3. Ereignisses - Reformation - anschauen. Und heute starten wir mit den gesellschaftlichen und theologischen Grundlagen der damaligen Zeit, die notwendig sind, um sich überhaupt
  4. bewusst machen zu können, warum die Reformation schlussendlich ausbrechen sollte. Los geht’s. Die Reformation gehört zu den großen kirchengeschichtlichen Ereignissen
  5. am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit, also an der Grenze des 15. zum 16. Jahrhundert. Die Reformation ist bis heute ein einschneidendes Ereignis; ein Ereignis,
  6. das die Geschichte der christlichen Kirchen, aber auch die Geschichte der Gesellschaft insgesamt, nicht nur in Deutschland, verändert hat. Sie stellte die Autorität und gleichzeitig das
  7. Glaubensfundament der westlichen lateinischen Kirche in Frage, die Autorität des Papsttums, und führte auf lange Sicht zu einer weiteren Ausdifferenzierung der Christenheit insgesamt;
  8. bis heute bekannt als das, was wir als evangelisch oder protestantisch verstehen. Doch diese Bezeichnung ist natürlich nicht sehr trennscharf, denn auch das Evangelische ist natürlich eine
  9. ausdifferenzierte Gruppe mit unterschiedlichen Denominationen wie lutherisch, calvinistisch, reformiert etc. Dabei verlief die Reformation in Deutschland, aber auch in Europa insgesamt,
  10. natürlich nicht gleich, sondern Europa und vor allem Deutschland war natürlich damals ein sehr zersplittertes Land gewesen. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das damals existierte, war
  11. im Grunde ein Flickenteppich unterschiedlichster Staaten, in denen die verschiedenen Landesherren relativ eigenständig regierten. Und daher verlief natürlich auch die Reformation, die ausbrechen
  12. sollte, regional durchaus unterschiedlich, brachte auch gerade in verschiedenen Regionen Europas sehr unterschiedliche Protagonisten hervor. Allerdings ist natürlich gerade für den deutschen
  13. Sprachraum die Reformation bis heute natürlich untrennbar mit dem Namen Martin Luther verbunden; ein Augustinermönch, der die Christenheit der damaligen Zeit mit seinen Thesen, seinen
  14. berühmten 95 Thesen, über die wir noch sprechen werden, durchaus in Wallung bringen sollte. So wichtig Martin Luther als Reformator für den deutschen Sprachraum war, so wenig war er alleine
  15. letztlich für das verantwortlich, was wir heute als Reformation bezeichnen. Denn tatsächlich war zum Zeitpunkt als Martin Luther theologisch wirkte, eine Kirchenkritik bereits seit
  16. Jahrhunderten aktiv gewesen. Martin Luther war also nicht plötzlich aus seinem Kloster gekommen und hatte hier eine massive Kirchenkritik losgetreten, sondern im Grunde knüpfte er
  17. an Entwicklungen und an eine Kritik an, die es bereits seit langer Zeit gegeben hatte, und die mindestens zwei Jahrhunderte zurückreichte und mit anderen großen Namen früherer Reformatoren
  18. und Kirchenkritikern verbunden war, darunter beispielsweise auch Jan Hus, der die Hussitenbewegung anführen sollte. Allerdings muss man sich auch bewusst machen, dass am Übergang vom
  19. 15. zum 16. Jahrhundert eine Kirchenkritik, eine gesamtgesellschaftliche Kirchenkritik, keine Selbstverständlichkeit gewesen war. Denn tatsächlich war gerade im Spätmittelalter die
  20. allgemeine Frömmigkeit in der Bevölkerung so stark gewesen wie lange nicht mehr. Und daher verwundert es ein Stück weit aus heutiger Sicht, dass sich gerade in dieser gefestigten Phase, wo
  21. man offenbar auch in der Kirche glaubte, dass man alte Kirchenkrisen mittlerweile überwunden hätte, nun plötzlich ein Augustinermönch, ein einzelner Mönch zunächst einmal, in der Lage sein sollte,
  22. mit einigen theologischen Thesen so viel in Bewegung zu bringen in der Kirche. Und daher werden wir uns jetzt zunächst einmal die theologischen und philosophischen Grundlagen
  23. der damaligen Zeit anschauen; was war also der Stand der Dinge gewesen und welche Kirchenkritik wurde hier eigentlich losgetreten, auch schon vor Martin Luther.
  24. Zu den großen philosophischen Strömungen, die im Spätmittelalter aufkamen, gehörte ohne Zweifel der Humanismus. Zunächst war er eine Bildungsbewegung gewesen. Man kann sich also
  25. vorstellen: Die Vertreter des Humanismus waren letztlich im Spätmittelalter der Ansicht gewesen, dass man viel stärker wieder auf antikes Wissen, auf antike Kultur zurückgreifen müsste. Das wäre
  26. also etwas gewesen - so dachten die Humanisten -, das in ihrer Zeit sträflich vernachlässigt worden sei. Und daher war der Humanismus vor allem im Bildungsbereich damit verbunden,
  27. dass man nun die Schriften alter Philosophen, antiker Philosophen, wiederentdeckte, dass man diese Schriften neu übersetzte und auch neu interpretierte,
  28. und damit versuchte, die eigene Zeit letztlich durch die Brille der Antike zu betrachten, und damit sich selbst einen neuen Blick auf die eigene Zeit, auf die eigene Existenz,
  29. zu erschließen. Was hier zunächst einmal relativ harmlos klingt konnte allerdings durchaus für die Kirche und für die kirchliche Lehre ein Problem werden. Denn tatsächlich waren hier natürlich auch
  30. kirchliche Schriften der Antike, aus der Frühzeit der christlichen Kirchen, nicht ausgeschlossen gewesen. Sondern auch die sollte man natürlich jetzt wieder lesen und neu interpretieren. Und
  31. das hatte natürlich - zumindest theoretisch - das Potential, die kirchliche Lehre des späten Mittelalters in Frage zu stellen, je nachdem, was man dabei so entdecken würde. Das hatte
  32. vor allem mit einer methodischen Neuheit der damaligen Zeit zu tun, die im Humanismus aufkam; und das war die bis heute bekannte philologische Textkritik. Also man begann quasi, mit
  33. wissenschaftlichen Methoden nun alte Texte sich neu zu erschließen und diese zu interpretieren. Und das hatte schlussendlich auch Auswirkungen auf die Bibel und wie man die Bibel las, und wie
  34. man die Bibel schlussendlich interpretierte. Die Übertragung humanistischer Ideen auf die theologische Textkritik ist bis heute vor allem verbunden mit dem Namen Erasmus von Rotterdam.
  35. Erasmus gehörte zu den Gelehrten der damaligen Zeit, der vor allem jetzt versuchte, das Neue Testament kritisch zu analysieren, indem er eine andere Ausgangsbasis für seine Interpretationen
  36. heranzog. Man muss sich dazu bewusst machen: Über Jahrhunderte war es so gewesen, dass die einzige anerkannte Bibelübersetzung die Vulgata gewesen war, sprich die lateinische Übersetzung
  37. des griechischen Neuen Testaments durch den Kirchenvater Hieronymus. Doch nun begann Erasmus von Rotterdam hier eine Wende einzuleiten. Denn er entwarf nun eine Bibelausgabe, in der zum
  38. einen der griechische Text des Neuen Testaments abgedruckt wurde, und auf der anderen Seite eine neue lateinische Übersetzung, die sich getreu am griechischen Originaltext ausrichten sollte. Und
  39. damit wollte Erasmus vor allem aufzeigen, dass es durchaus auch Alternativen gab für Übersetzungen im Vergleich zu der alten Ausgabe des Hieronymus. Und je nachdem um welche Textstellen es sich dabei
  40. handelte, konnte das natürlich gewisse kirchliche Lehren in Frage stellen. Hinzu kam natürlich auch, dass der Humanismus - wie gesagt - die antiken Autoren für sich wiederentdeckt hatte;
  41. aus der römischen Antike, aus der griechischen Antike. Insbesondere Platon erlebte in gewisser Weise ein Revival. Und diese alten philosophischen Lehren der griechischen Philosophen wurden jetzt
  42. natürlich auch wieder mit einbezogen in die theologischen und philosophischen Diskussionen des Spätmittelalters. Das war natürlich zunächst mal keine Neuheit gewesen, sondern philosophische
  43. Strömungen der Antike hatte es auch in früheren Jahrhunderten schon in der kirchlichen Lehre gegeben, vor allem verbunden mit dem Begriff „Scholastik“ und der Person Thomas von Aquin.
  44. Das war also alles schonmal da gewesen. Doch jetzt erlebten die antiken Autoren eine Art Revival. Allerdings waren es nicht nur die antiken Autoren, die ein Revival hatten im Spätmittelalter, sondern
  45. es waren auch Kirchenväter, deren Schriften ein Stück weit in der kirchlichen Lehre in Vergessenheit geraten waren. Und dazu gehörte vor allem der Kirchenvater Augustin, also ein
  46. großer Gelehrter und Theologe der Spätantike. Und Augustin gehörte zu denjenigen Theologen, die vor allem den Augustinermönch Martin Luther extrem prägen sollten. Und daher ist es wichtig,
  47. zumindest mal kurz auf die Lehre Augustins in Umrissen einzugehen. Die Theologie des Kirchenvaters Augustin stand in gewisser Weise in komplettem Kontrast zu dem,
  48. was der Humanismus predigte. Der Humanismus hatte ein positives Menschenbild und glaubte an die Fähigkeit des Menschen, sich weiterzuentwickeln, sich moralisch zu bessern,
  49. und das vor allem aus eigener Kraft heraus. Genau diese Ansicht war in der augustinischen Theologie nicht zu finden. Denn die Theologie Augustins basierte auf der grundlegenden Idee,
  50. dass der Mensch von sich aus im Grunde ein Sünder sei, der sich nicht aus seiner Sünde durch eigenes Handeln und durch eigene Anstrengungen befreien könnte,
  51. sondern der Mensch sei alleine auf die Gnade Gottes angewiesen; nur Gott sei in der Lage, den Menschen, den Sünder, aus seiner Sünde zu befreien. Dadurch wurde der Mensch natürlich
  52. in seinem Wirken eine relativ passive Persönlichkeit, der kaum etwas dazu beitragen konnte, seine Lebenslage - zumindest vor Gott - zu verbessern. Das stand nicht nur im
  53. Widerspruch zu antiken Autoren und im Widerspruch zum Humanismus, sondern diese Lehre stand auch im Widerspruch zur gängigen kirchlichen Praxis im Spätmittelalter. Denn im Spätmittelalter lebte
  54. man nach der Auffassung innerhalb der Kirche, dass der Mensch sehr wohl etwas dazu beitragen könnte, sein Seelenheil zu erreichen. Das bedeutet man konnte durch gute Taten beispielsweise - in der
  55. Vorstellung der damaligen Zeit - mit dazu beitragen, sich vor Gott besser zu stellen, und damit dann später seine Chancen auf einen Aufenthalt im Himmel sozusagen zu verbessern.
  56. Am Vorabend der Reformation galt die Stadt Rom als das Zentrum der westlichen lateinischen Christenheit. Es hatte bereits zu dieser Zeit eine Spaltung in der Christenheit gegeben: Man
  57. hatte also zu dieser Zeit bereits eine Spaltung in eine westliche lateinische Christenheit und eine östliche orthodoxe Christenheit gehabt. Und Rom war das Zentrum dieser westlichen lateinischen
  58. Christenheit gewesen, obwohl Rom als Stadt viel von seiner antiken Glorie in gewisser Weise verloren hatte. War Rom in der Antike noch eine Millionstadt gewesen und das Zentrum des Römischen
  59. Imperiums, so war Rom im Spätmittelalter lediglich eine kleinere Stadt mit ungefähr 40.000 Einwohnern gewesen und verblasste im Grunde vor anderen pulsierenden italienischen Städten der damligen
  60. Zeit wie Florenz, Venedig oder auch Neapel. Dennoch konnte Rom über die Jahrhunderte seinen Ruf als Zentrum der Christenheit bewahren. Und das hing natürlich vor allem mit dem historischen Erbe
  61. dieser Stadt zusammen: Denn Rom war die Stadt, wo die Apostel Petrus und Paulus gewirkt haben, dort waren sie als Märtyrer gestorben. Und daher war das natürlich eine ganz wichtige
  62. Stadt gewesen für die christliche Mission und überhaupt eine der ersten großen Städte, wo sich christliche Gemeinden herausbilden sollten. Vor allem aufgrund des Wirkens von
  63. Petrus sollte natürlich Rom eine besondere Rolle für das Papsttum spielen. Denn der Papst verstand sich als der Nachfolger des Petrus. Und damit war natürlich Rom als eine Wirkungsstätte des
  64. Petrus nun wichtig für das Papsttum als solches. Dabei war nicht nur in Rom, sondern natürlich auch überall in Europa, und darunter natürlich auch in den vielen verschiedenen deutschen Ländern
  65. des Heiligen Römischen Reiches, Religion im Alltag überall zu spüren gewesen. Überall, von Spanien bis nach Skandinavien, zogen sich durch Europa kirchliche Strukturen: Überall
  66. gab es Diözesen, Pfarreien, Kirchenkreise und Kirchenverwaltungseinheiten, Klöster verschiedener Art. Und damit war natürlich die Kirche überall und täglich präsent gewesen. Und dass die Kirche
  67. im täglichen Leben eine solche Autorität haben sollte, hing vor allem damit zusammen, dass die Kirche natürlich als der einzige Verwalter der Sakramente da war. Und die Sakramente waren in
  68. der damaligen Vorstellung wichtig dafür, dass man nicht in die Hölle kam. Und damit war es wichtig gewesen, dass man sich regelmäßig in die Kirche begab, regelmäßig an der Eucharistie teilnahm,
  69. regelmäßig beichtete und die Absolution durch den Priester erbat; und daher war die Kirche (wie gesagt) aus dem täglichen Leben nicht wegzudenken. Und daher werden wir uns jetzt in Folge vor allem
  70. mal die Sakramente anschauen und die Lehre des Fegefeuers. Denn diese zwei Dinge - Sakramente und Fegefeuer - sind die Basis und die theologische Grundlage für die Frömmigkeit der damaligen Zeit.
  71. Die Macht der Kirche im Mittelalter beruhte vor allem auf der Vorstellung, dass man ein gottgenehmes Leben führen müsse. Denn wenn man das nicht täte,
  72. so drohe am Ende der eigenen Lebensspanne ein Aufenthalt in der Hölle. Und das war natürlich etwas, das jeder Mensch um jeden Preis verhindern wollte. Das bedeutet wenn Menschen
  73. sich gegen die Kirche wandten oder mögliche „Fehllehren“ aus Sicht der Kirche verbreiteten, dann drohte im schlimmsten Fall der Ausschluss aus der Kirche, also die Exkommunizierung. Was
  74. aus heutiger Sicht eher harmlos klingen mag - denn wir betrachten heute die MItglieschaft in einer Kirche im Grunde als nicht mehr als eine typische „Clubmitglieschaft“, die man beliebig
  75. kündigen kann - war im Mittelalter eine durchaus ernste Sache gewesen. Denn ein Ausschluss aus der Kirche war im Grunde gleichbedeutend mit einem Aufenthalt in der Hölle am Ende des
  76. Lebens. Und damit war die Möglichkeit in den Himmel zu kommen nicht mehr da. Das bedeutet die Macht der Kirche basierte im Spätmittelalter - neben dem eigenen Glauben - vor allem auf Angst,
  77. auf der Angst davor, in die Hölle zu kommen. Und daher war es natürlich für jeden Menschen wichtig, dass er nun versuchte, im täglichen Leben so viel zu tun, um vor Gott gut dazustehen. Das
  78. bedeutet man ging in die Messe, man nahm an der Eucharistie teil in der Kirche, man ging beichten, man versuchte die Absolution vom Priester zu erbitten,
  79. um sich damit vor Gott besser zu stellen. Und daher war Kirche - genauso wie die Arbeit auf dem Feld beispielsweise - Teil des täglichen Lebens gewesen. In diesem Zusammenhang spielten
  80. die sogenannten Sakramente eine hervorgehobene Rolle. Denn die Sakramente waren das einzige, das den Christen vor dem Höllenfeuer letztlich bewahren konnte. Und daher hatte die Kirche mit
  81. ihrem Monopol auf die Sakramentsverwaltung eine starke Machtstellung in der damaligen Gesellschaft inne gehabt. In der damaligen kirchlichen Lehre des Spätmittelalters gab es sieben Sakramente.
  82. Diese Sakramente waren ursprünglich keiner besonderen Hierarchie unterlegen gewesen. Sie waren im Grunde zunächst einmal gleich wichtig gewesen. Dennoch sollte es so sein, dass sich
  83. über die Jahrhunderte immer stärker bestimmte Sakramente in den Vordergrund schieben sollten, die eine besondere Rolle im Leben haben sollten. Und dazu gehörte natürlich zunächst einmal die
  84. Taufe, dann die Buße und schlussendlich die Eucharistie. Und vor allem Buße und Eucharistie waren natürlich von einer besonderen Bedeutung auch für die kirchliche Macht gewesen. Denn das
  85. waren Sakramente gewesen, die natürlich in einer wiederkehrenden rituellen Form ständig wiederholt wurden, anders als die Taufe, die man nur einmal im Leben entgegennahm. Und alle diese Sakramente
  86. hatten natürlich eine theologische Grundlage, bei der die Taufe eine sehr hervorgehobene Rolle spielte, weshalb sie tatsächlich bis heute auch im Protestantismus zu den Sakramenten gezählt wird.
  87. Denn mit der Taufe wurde schlussendlich ein Mensch in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen. Und eine Aufnahme in die kirchliche Gemeinschaft war in der damaligen Zeit gleichbedeutend mit einer
  88. Aufnahme in die Gemeinschaft Gottes. Und wer nicht in der Gemeinschaft Gottes war, weil er nicht getauft worden war, oder weil er aus der Kirche ausgeschlossen wurde, für den war der Aufenthalt
  89. im Höllenfeuer vorgezeichnet gewesen. Hinzu kam natürlich auch, dass ein Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft in der damaligen Zeit gleichbedeutend mit dem sozialen Tod war.
  90. Denn wenn jemand aus der kirchlichen Gemeinschaft durch eine Exkommunizierung ausgeschlossen wurde, dann konnte der natürlich auch mit den Menschen um sch herum nicht mehr zusammenleben. Denn die sahen
  91. den im Grunde als Aussätzigen und als ein Risiko für ihr eigenes Seelenheil. Und daher wollten die mit diesem Menschen natürlich nichts mehr zu tun haben. Für die Erwachsenen hingegen - wie
  92. gesagt - war der ständige Wechsel von Buße und Eucharistie ein Teil des täglichen Lebens gewesen. Sprich wenn man sich nicht gottgefällig verhalten hatte dann musste man zur Buße gehen. Sprich man
  93. setzte dich dort zum Priester hin, beichtete die Sünden, und musste dabei Buße zeigen, sprich man musste es ernst meinen bei dieser Beichte. Und wenn man es denn ernst meinte
  94. dann stellte der Priester einem in der Regel bestimmte Aufgaben, die man erfüllen musste, damit die Absolution letztlich erteilt werden konnte. Sprich je nach Schwere der Verfehlung
  95. konnte der Priester einem jetzt unterschiedliche Aufgaben stellen: Das konnten einfache Dinge sein wie zehnmal ein bestimmtes Gebet aufsagen, man konnte jemanden aber auch beispielsweise
  96. auf eine Pilgerfahrt schicken, oder man musste möglicherweise auch einen guten Dienst an seinen Mitmenschen leisten, der nachweisbar war und ähnliche Dinge. Und je nachdem konnte der Priester
  97. hier unterschiedliche Anforderungen stellen und der betroffene „Sünder“ sozusagen musste diese Aufgabe dann erfüllen, und damit konnte der Priester ihm dann die Absolution erteilen.
  98. In direkter Verbindung zur Vorstellung der Sakramente gehörte der Glaube an das sogenannte Fegefeuer. Das Fegefeuer, so kann man sich vorstellen, war in gewisser Weise in der
  99. damaligen Vorstellung derjenige Ort, an dem die Seelen nach ihrem Tod auf ihre Läuterung warteten; Man könnte also sagen in gewisser Weise das Vorzimmer des Himmels oder das Vorzimmer
  100. Gottes. Allerdings war dieses Vorzimmer weitaus problematischer als das heutige Vorzimmer beim Arzt, wo man sich mit einer Zeitschrift hinsetzt und dann wartet, bis man
  101. aufgerufen wird. Sondern in der Vorstellung der damaligen Zeit war das Fegefeuer ein Ort gewesen, in dem man letztlich Qualen erleiden sollte. Und diese Vorstellung machte natürlich den
  102. Menschen der damaligen Zeit Angst. Denn dem Fegefeuer konnte man nicht entgehen, und jeder hatte natürlich Angst davor, ewig in diesem Fegefeuer zu sitzen und warten zu müssen
  103. und in dieser Zeit Qualen erleiden zu müssen. Und daher begannen natürlich die Gläubigen der damaligen Zeit sich die Frage zu stellen, und auch die kirchlichen Autoritäten sich die Frage zu
  104. stellen: Kann man nicht auf irgendeinem Weg diese Qualen im Fegefeuer mindern? Und dazu entwickelte die Kirche im Spätmittelalter die sogenannte Lehre vom Kirchenschatz, die auf lange Sicht
  105. vor allem zu einer finanziellen Ressource - wie wir sehen werden - für die Kirche werden sollte. Die Lehre vom Kirchenschatz wurde bereits 1343 vom Papst anerkannt und wurde damit zu einer
  106. theologischen Wahrheit sozusagen innerhalb der Christenheit. Dabei hatte man die Lehre relativ simpel gehalten, damit auch einfachen Leute das Konzept einleichtete. Die grundlegende
  107. Idee war gewesen, dass Jesus von Nazareth durch seinen Tod am Kreuz eine unendliche Anzahl an Verdiensten erworben hätte, aus denen jetzt die Kirche sozusagen Verdienste weitergeben könnte
  108. an die einzelnen Gläubigen. Sprich die Kirche ernannte sich in gewisser Weise zum Bewahrer der Leistungen des Jesus von Nazareth, die man nun an Menschen verteilen konnte, damit die ihre
  109. Qualen im Fegefeuer lindern konnten; also bildlich gesprochen im Grunde eine große Schatztruhe. Und in dieser Schatztruhe waren die Verdienste des Jesus von Nazareth drin. Und der Papst konnte
  110. jetzt quasi als Vertreter und als Nachfolger des Apostels Petrus, und als Stellvertreter Gottes auf Erden, auf diese Verdienste zugreifen, und diese Verdienste an die Gläubigen weiterreichen.
  111. Doch das tat die Kirche natürlich nicht einfach so, sondern dafür musste man eine Gegenleitung erbringen. Da man natürlich als normaler Mensch nicht sehen konnte, wie die Gnade Gottes und die
  112. Leistungen des Jesus von Nazareth auf den Menschen übergingen, musste man natürlich irgendeine Möglichkeit finden, wie kann man das verbriefen, dass eine solche Leistung, ein solcher Verdienst,
  113. von Jesus nun auf einen Menschen übergegangen ist. Und das tat man in der Form eines Schriftstücks, das wir bis heute als Ablass bezeichnen. Das bedeutet man konnte nun sogenannte Ablassbriefe
  114. für eine Gegenleistung erwerben, und damit sich die Gnade Gottes in gewisser Weise erkaufen, und damit das spätere Leiden im Fegefeuer zumindest ansatzweise mildern - so das Versprechen. Da
  115. allerdings die Bedingungen für den Erwerb eines solchen Ablasses, oder eines Ablassbriefes, nicht eindeutig festgelegt worden waren, konnte natürlich die Kirche jetzt sehr kreativ mit
  116. diesem Ablasshandel verfahren. Man konnte jetzt quasi festlegen, welche Möglichkeiten gab es, einen Ablass zu erwerben. Und das waren natürlich sehr unterschiedliche Dinge gewesen,
  117. wobei die Kirche natürlich vor allem ein Interesse daran hatte, wenn die Leute Geld spendeten, um einen Ablassbrief zu erwerben. Denn damit konnte die Kirche vor allem große Bauprojekte
  118. der damaligen Zeit finanzieren, u.a. den Neubau der Peterskirche in Rom, die bis heute zu bewundern ist. Die Konsequenz der ganzen Sache war natürlich, dass die Kirche jetzt früh erkannte,
  119. dass man mit dem Ablasshandel nicht nur die Qualen der Sünder im Fegefeuer mildern konnte, sondern dass das natürlich auch ein wirtschaftlich sehr ergiebiges Geschäft war. Denn hier konnte man
  120. natürlich Massen an Geldern in die Kirchenkasse spülen. Und insofern verwundert es auch nicht, dass man nun im ausgehenden 15. Jahrhundert diese Praxis sogar noch erweitern sollte,
  121. und sollte nun schlussendlich den Ablasshandel nicht nur auf die eigene Person ausdehnen, sondern auch auf die bereits verstorbenen, um nachträglich die Leiden der Verstorbenen
  122. im Fegefeuer zu lindern. Und das war natürlich eine Ausweitung des Ablasshandels, die noch mehr Geld in die Kasse spülte. Und damit war das im Grunde eine wirtschaftliche
  123. Entscheidung gewesen. Und damit wurde eine massive Ablasspraxis und ein ausschweifender Ablasshandel losgetreten, den Martin Luther auch persönlich erleben sollte. Denn auch er
  124. sollte in Rom einen Ablass erwerben für ein verstorbenes Familienmitglied und dabei - so sollte er zumindest später erzählen - eine neue Erkenntnis für sich erlangen.
  125. Man muss sich bewusst machen: Im Spätmittelalter war es so gewesen, dass die Kirche (wie gesagt) bereits seit Jahrhunderten immer wieder verschiedener Kritik ausgesetzt gewesen war.
  126. Und dabei hatte sich die Kritik vor allem auf den Lebenswandel des Klerus bezogen; sprich die Kleriker der damaligen Zeit, die Geistlichen, führten ein recht stark
  127. weltliches Leben, insbesondere der hohe Klerus. Denn der hohe Klerus, also Bischöfe, Erzbischöfe, Kardinäle usw. waren im Grunde Menschen, die mehr oder weniger wie kleine Landesfürsten lebten.
  128. Einzelne Bischöfe waren auch Landesherren und traten damit in einen Konkurrenz- und Machtkampf mit ihren weltlichen Pendants. Im niederen Klerus hingegen war es tatsächlich so gewesen, dass die
  129. einfachen Geistlichen kaum ein Auskommen hatten. Die wurden teilweise sehr schlecht bezahlt, hatten teilweise nur den Bruchteil des Einkommens, das zum Beispiel ein kleiner Handwerker wie ein
  130. Mauerer hatte. Und daher war es letztlich dazu gekommen, dass im niederen Klerus eine Art Ämterkumulation eintrat; die verschiedenen kleinen Geistlichen waren nicht nur der Priester oder der
  131. Ortspfarrer einer einzigen Gemeinde, sondern sie waren teilweise in mehreren Gemeinden zuständig, waren daher häufig auch auf Reisen gewesen, und häufig in ihren verschiedenen Gemeinden
  132. nicht präsent gewesen. Und das führte natürlich zu einem massiven Defizit an kirchlicher Seelsorge. Und das sollte den Leuten schlussendlich sehr sauer aufstoßen. In manchen Regionen schlug die
  133. Enttäuschung mit den kirchlichen Würdenträgern sogar in einen gewissen Hass gegenüber den kirchlichen Amtsträgern um. Manche Historiker sprachen sogar von einem „Antiklerikalismus“,
  134. der sich in dieser Zeit breit gemacht hätte. Doch insgesamt blieb das Ganze übersichtlich und sollte die Macht der Kirche natürlich nicht groß in Frage stellen. Von wesentlich größerer Gefahr als der
  135. Widerstand einzelner Leute auf dem Land gegen die kirchliche Praxis waren natürlich größere Reformbewegungen gewesen wie der Humanismus, auf den ich schon verwiesen habe. Allerdings
  136. war es noch vor dem Humanismus so gewesen, dass es Kirchenkritik gegeben hatte und es kirchliche Reformbewegungen gegeben hatte. Und von besonderer Bedeutung sollte zwei Reformbewegungen werden,
  137. die wir bis heute als Lollarden und Hussiten kennen, die vor allem im 15. Jahrhundert bereits kirchliche Praxis in Frage stellen sollten. Die beiden Bewegungen beriefen sich dabei vor allem
  138. auf die Bibel, und hatten nun den Anspruch, alle kirchlichen Lehren und Praktiken letztlich zu hinterfragen, die nicht mit biblischen Texten zu belegen waren. Man könne also sagen „back to the
  139. roots", „sola scriptura“, wie man es später in der Reformation nennen sollte; also alleine die Bibel, und was die Bibel sagt, sollte letztlich gelten in der kirchlichen Lehre, und nicht das,
  140. was irgendwelche Kirchenväter oder irgendwelche Päpste irgendwann mal ins Leben gerufen hatten. Und das war natürlich eine Gefahr für die Amtskirche gewesen. Denn jetzt konnte man in
  141. gewisser Weise jede kirchliche Lehre, und damit auch die Autorität des Papstes im Extremfall, mit biblischen Argumenten in Frage stellen. Und das war natürlich eine Gefahr, die man unterbinden
  142. musste. Darüber hinaus kritisierten bereits diese Bewegungen der damaligen Zeit die Verweltlichung der Kirche, vor allem den kirchlichen Prunk, den die Bibel nicht hergeben würde.
  143. Die Kirchenvertreter sollten eigentlich viel mehr nach dem Vorbild des Jesus von Nazareth, des verarmten Menschen sozusagen, leben, der mit einfachsten Mitteln sein tägliches Leben
  144. bestreiten sollte, und nicht im Prunk und der Machtfülle baden, in denen weltliche Herrscher lebten. Noch einschneidender allerdings war die damals verbreitete Kritik am Papsttum in diesen
  145. Bewegungen. Denn tatsächlich kam jetzt eine Bewegung auf, die man später als Konziliarismus bezeichnete, also die Idee, dass nicht der Papst die Kirche führen sollte, sondern ein Konzil,
  146. und damit eine Gruppe aus mehreren Leuten. Und dabei hatte man sich natürlich an der christlichen Kirche der Spätantike orientiert, wo man die wichtigen Entscheidungen der damaligen
  147. Zeit noch in Konzilen getroffen hatte. Man kann also sehen, dass Teile der Kritik der Lollarden- und Hussitenbewegungen, also Kritik am Papsttum, die Idee, dass man sich eher auf ein Konzil hin
  148. orientieren sollte, Kritik am Prunk der Kirche, dass diese Punkte letztlich hier schon da waren und nun von den Reformatoren der späteren Zeit wie Martin Luther im Grunde aufgegriffen wurden und
  149. nochmal intensiviert wurden. Und daher hatten die Reformatoren - wie anfangs gesagt - ein solides Fundament an Kirchenkritik von Jahrhunderten, auf dem man aufbauen konnte. Und daher musste
  150. man hier natürlich nicht bei Null anfangen. Aufbauend auf der Kirchenkritik von Jahrhunderten, aufbauend auf den verschiedenen Erkenntnissen früherer Reformbewegungen und aufbauend auf
  151. eigenen Erfahrungen, die er machen sollte, sollte nun Martin Luther im 16. Jahrhundert einen eigenen Versuch unternehmen, die Kirche zu reformieren. Wie weit er dabei schlussendlich kommen sollte und
  152. welchen Lebensweg er dabei bestreiten sollte, und wer dieser Martin Luther, dieser Augustinermönch, eigentlich war, das werden wir uns dann in der nächsten Folge zur Reformation ansehen.
  153. Soviel erstmal bis hierhin. Ich fasse zusammen: Für die Reformation ist es wichtig, sich mit den theologischen und gesellschaftlichen Grundlagen der damaligen Zeit, also der Wende zwischen dem
  154. 15. und 16. Jahrhundert zu beschäftigen. Die mittelalterliche Gesellschaft basierte zu einem Großteil auf dem Glauben an ein kirchliches System, in dem man Tag für Tag lebte. Die Kirche
  155. hatte seit Jahrhunderten nicht nur eine religiöse Stellung in der mittelalterlichen Gesellschaft, und auch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, sondern auch eine politische Stellung.
  156. Und die Kirche hatte durch ihr Monopol vor allem auf die Sakramentenlehre einen täglichen Anteil am Leben der Menschen gehabt. Zu der theologischen Lehre der damaligen Zeit gehörte neben dem Glauben
  157. an die Sakramente auch die Idee vom Fegefeuer; eine Lehre, die sich herausbilden sollte und verbunden war mit der Lehre vom Kirchenschatz. Basierend auf dieser Lehre vom Kirchenschatz
  158. konnte man nun vor allem den Ablasshandel, der sich im ausgehenden Mittelalter immer weiter entfalten sollte, rechtfertigen. Das führte allerdings zu einer neuen Praxis, die
  159. teilweise sogar eingefleischten Kirchenvertretern zu weit ging, und schlussendlich Leute wie Martin Luther mit auf den Plan rufen sollten, die mit dieser Praxis nicht einverstanden waren;
  160. auch wenn das nur ein Punkt war, an dem sie sich schlussendlich stören sollten. Dabei konnten die späteren Reformatoren auf den Grundlagen aufbauen, die frühere Kirchenkritiker
  161. ihnen vorgelebt hatten, daruntert die Bewegungen der Lollarden und Hussiten im 15. Jahrhundert, aber auch philosophische Bewegungen wie der Humanismus, der ebenfalls im Spätmittelalter
  162. aufkam und bis heute auch - gerade in kirchlicher Hinsicht - verbunden ist mit Namen wie Erasmus von Rotterdam. Auf den Erkenntnissen dieser Leute konnte Martin Luther nun aufbauen und damit seine
  163. eigenen theologischen Thesen, die berühmten 95 Thesen, formulieren, mit denen er die Christenheit weitaus stärker in Bewegung bringen sollte als er das vermutlich selbst gedacht hatte - doch
  164. dazu dann in der nächsten Folge. Falls euch diese Folge gefallen hat dann hinterlasst doch bitte einen Daumen hoch, abonniert den Kanal, teilt und empfehlt das Video weiter. Hinterlasst auch gerne
  165. einen Kommentar mit Feedback, Themenvorschlägen, anderen Anregungen und ähnlichem. Und ansonsten sehen wir uns dann das nächste mal, bei welcher Folge und welchem Thema auch immer. Macht´s gut!

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