Deutsch · Klasse 5–6 · aktualisiert
Valenzgrammatik: Wie Verben Sätze bestimmen
Das Verb ist der Chef im Satz: Es legt fest, wie viele Mitspieler es braucht und in welcher Form. So trennst du Ergänzungen von freien Angaben.
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Kurz gesagt
Valenz (Wertigkeit) ist die Fähigkeit eines Verbs, Leerstellen für Mitspieler zu eröffnen und ihre Form festzulegen. „schlafen“ braucht nur jemanden, der schläft; „schenken“ braucht jemanden, der schenkt, einen Empfänger im Dativ und eine Sache im Akkusativ. Freie Angaben wie „gestern“ fordert das Verb nicht.
Ein Verb gibt dem Satz ein Grundgerüst: Es eröffnet Leerstellen für bestimmte Mitspieler und legt oft auch deren Form fest. Diese Fähigkeit heißt Valenz oder Wertigkeit. Du lernst, welche Ergänzungen ein Verb fordert, wie du sie von freien Angaben unterscheidest und warum eine Weglassprobe allein nicht genügt.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Stell dir vor, ein Verb schaltet eine kleine Szene ein. Bei schlafen erscheint jemand, der schläft. Bei schenken gehören zur vollständigen Szene normalerweise jemand, der schenkt, eine beschenkte Person und eine geschenkte Sache. Die vom Verb vorgesehenen Positionen heißen Leerstellen. Ausdrücke, die solche Leerstellen besetzen, heißen Ergänzungen. In der Sprachwissenschaft findest du dafür auch die Bezeichnungen „Komplemente“ oder „Aktanten“. Die Valenz eines Verbs betrifft drei Seiten zugleich: Zahl – wie viele Ergänzungen sieht die verwendete Verbbedeutung vor? Form – welchen Kasus oder welche feste Präposition verlangt das Verb? Bedeutung – welche Art von Person, Sache oder Sachverhalt passt in die Leerstelle? Das Verb bestimmt die Form: „Ich helfe dir.“ – helfen verlangt den Dativ. „Ich unterstütze dich.“ – unterstützen verlangt den Akkusativ. „Ich helfe dich“ ist deshalb falsch, obwohl beide Verben Ähnliches bedeuten. Auch eine feste Präposition kann zur Valenz gehören: „Noah verlässt sich auf seine Freundin.“ Das „auf“ ist hier nicht frei gewählt. Das Verb begrenzt die Bedeutung: „Er ermordete einen Stein“ hat die richtige Form, aber ein Stein passt nicht zur Rolle des Opfers.
Definition
Valenz
Valenz ist die bedeutungsabhängige Fähigkeit eines Wortes, bestimmte andere Ausdrücke an sich zu binden. Bei der Verbvalenz bestimmt das Verb das Grundgerüst des Satzes.
Beispiel: Vergleiche die Verben:
- 1schlafen: „Lea schläft.“ – Das Verb eröffnet eine Stelle für die schlafende Person.
- 2belügen: „Lea belügt ihren Bruder.“ – Das Verb verbindet die handelnde Person mit der belogenen Person.
- 3schenken: „Lea schenkt ihrem Bruder ein Buch.“ – Die Szene enthält die schenkende Person, die beschenkte Person und die geschenkte Sache.
- 4Die Satzglieder sehen also nicht zufällig verschieden aus. Die jeweilige Verbbedeutung baut ein anderes Grundgerüst auf.
Merke: Frage bei der Valenz nicht nur: „Wie viele Satzglieder sehe ich?“ Frage zuerst: „Welche Mitspieler gehören zur Bedeutung dieses Verbs?“
Teste dich
Nicht jeder Ausdruck neben einem Verb füllt eine Leerstelle. Zusätzliche Informationen über Zeit, Ort, Art und Weise oder einen Kommentar können freie Angaben sein. In der Valenzgrammatik heißen sie auch Supplemente. Untersuche den Satz: „Jan wartet seit dem Frühstück auf den Postboten.“ „Jan“ bezeichnet die wartende Person und besetzt die Subjektstelle. „auf den Postboten“ entspricht der von warten auf ausgewählten Präpositionalergänzung. „seit dem Frühstück“ nennt den Beginn der Wartezeit. Diese Zeitangabe lässt sich mit sehr vielen Verben verbinden und ist hier eine freie Angabe. Warum Weglassen allein nicht reicht: „Jan wartet.“ ist ein grammatischer Satz. Trotzdem gehört „auf den Postboten“ zum Valenzrahmen von warten auf etwas oder jemanden. Eine Ergänzung kann also weglassbar sein. Umgekehrt beweist das Auftreten einer Präpositionalgruppe nicht, dass sie eine Präpositionalergänzung ist. In „Jan wartet seit dem Frühstück“ beginnt auch „seit dem Frühstück“ mit einer Präposition, bleibt aber eine Zeitangabe. Nutze mehrere Hinweise gemeinsam: Gehört die ausgedrückte Rolle zur Bedeutung des Verbs? Legt das Verb einen Kasus oder eine feste Präposition fest? Lässt sich die Information frei zu vielen verschiedenen Verben hinzufügen? Bleibt nach dem Weglassen eine inhaltlich erwartete Stelle offen? Keine einzelne Probe entscheidet jeden Grenzfall sicher.
Definition
Ergänzung und freie Angabe
Eine Ergänzung gehört zum Valenzrahmen der verwendeten Verbbedeutung. Eine freie Angabe fügt eine nicht vom Verb ausgewählte Information zur Situation hinzu.
Merke: Form und Funktion sind nicht dasselbe: Eine Präpositionalgruppe kann eine vom Verb bestimmte Ergänzung oder eine freie Angabe sein.
Teste dich
Gehe in einer festen Reihenfolge vor. Dadurch vermeidest du, bloß Wörter oder Präpositionen zu zählen. Ähnliche Szenen können dabei verschieden gebaut sein, wie der Vergleich von laden und beladen zeigt.
Beispiel: So gehst du vor
- 1Prädikatsausdruck finden: Bestimme das Verb oder den mehrteiligen Ausdruck, der die Szene aufbaut.
- 2Bedeutung klären: Untersuche, in welcher Bedeutung das Verb im Satz verwendet wird.
- 3Mitspieler bestimmen: Frage, welche Personen, Sachen oder Sachverhalte zu dieser Szene gehören.
- 4Form prüfen: Achte auf Kasus, feste Präpositionen und die syntaktische Form.
- 5Weglassbarkeit prüfen: Unterscheide notwendige von weglassbaren Ergänzungen, ohne allein danach zu entscheiden.
- 6Freie Angaben abgrenzen: Prüfe, welche Gruppen nur Zeit, Ort, Umstände oder Kommentare ergänzen.
Beispiel: Analysiere: „Gestern schenkte Herr Kern dem Jungen eine Birne.“
- 1Verb und Bedeutung: „schenkte“ bezeichnet eine Übergabe als Geschenk.
- 2Mitspieler: Zur Szene gehören der Schenkende, der Empfänger und die geschenkte Sache.
- 3Form: „Herr Kern“ ist das Subjekt. „dem Jungen“ steht im Dativ und bezeichnet den Empfänger. „eine Birne“ steht im Akkusativ und bezeichnet die geschenkte Sache.
- 4Freie Angabe: „Gestern“ legt die Zeit fest. Das Verb schenken verlangt keine bestimmte Zeitangabe.
- 5Ergebnis: Das Verb eröffnet drei Ergänzungsstellen. „Gestern“ erweitert den Satz als freie Angabe.
Beispiel: Vergleiche:
- 1„Jemand lädt Kisten auf einen Lastwagen.“
- 2„Jemand belädt einen Lastwagen mit Kisten.“
- 3Beide Sätze beschreiben eine ähnliche Szene mit einer handelnden Person, Kisten und einem Lastwagen. Die Verben verteilen die Formen jedoch verschieden: Bei laden stehen die Kisten als Akkusativobjekt, bei beladen steht der Lastwagen als Akkusativobjekt.
Teste dich
Nach der Zahl seiner Ergänzungen spricht man von der Wertigkeit eines Verbs. Wetterverben wie in „Es regnet.“ werden häufig als nullwertig beschrieben: Das „es“ bezeichnet keinen handelnden Mitspieler, sondern besetzt nur die im deutschen Aussagesatz benötigte Subjektstelle. Die Wertigkeit ist aber keine feste Zahl, die du neben eine bloße Verbform schreiben kannst. Vergleiche: „Ernst schreibt.“ „Ernst schreibt seiner Mutter.“ „Ernst schreibt seiner Mutter einen Brief.“ „Ernst schreibt seiner Mutter einen Brief über seine Geldnot.“ Die Sätze zeigen unterschiedlich viele abhängige Ausdrücke. Prüfe dabei genau, welche Gruppen wirklich vom Verb abhängen: Eine Gruppe innerhalb eines Satzglieds zählst du nicht als eigene Ergänzung. Manche Ergänzungen sind weglassbar: „Sie isst einen Apfel“ und „Sie isst“ sind beide möglich. Die gegessene Sache gehört zur Bedeutung von essen, muss aber nicht in jedem Satz genannt werden. Andere sind obligatorisch: Ohne „auf Mia“ wirkt „Noah verlässt sich“ unvollständig. Auch Verben können mehrdeutig sein. Deshalb bestimmst du die Wertigkeit immer für die verwendete Bedeutung. Ein Verb in einer anderen Bedeutung kann einen anderen Valenzrahmen besitzen.
| Wertigkeit | Beispiel | Ergänzungen |
|---|---|---|
| nullwertig | „Es regnet.“ | keine; „es“ füllt nur die Subjektstelle |
| einwertig | „Lea schläft.“ | Subjekt |
| zweiwertig | „Lea belügt ihren Bruder.“ | Subjekt, Akkusativobjekt |
| dreiwertig | „Lea schenkt ihrem Bruder ein Buch.“ | Subjekt, Dativobjekt, Akkusativobjekt |
Teste dich
Alles auf einen Blick
Valenzgrammatik
Verb als Zentrum
eröffnet Leerstellen; bildet das Satzgrundgerüst
Ergänzungen
passen zur Verbbedeutung; haben bestimmte Formen; können obligatorisch oder weglassbar sein
Freie Angaben
ergänzen Zeit, Ort oder Umstände; werden nicht vom Verb ausgewählt
Satzanalyse
Bedeutung bestimmen; Mitspieler und Form prüfen; Angaben abgrenzen
Wertigkeit
nullwertig bis dreiwertig; gilt immer für die verwendete Verbbedeutung
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Analysiere mit dem Valenzmodell: „Am Wochenende hilft Jonas seinem Nachbarn im Garten.“
- 1Verb und Bedeutung: „hilft“ – jemand unterstützt jemanden.
- 2Mitspieler: wer hilft und wem geholfen wird.
- 3Form: „Jonas“ ist das Subjekt. „seinem Nachbarn“ steht im Dativ, weil helfen den Dativ verlangt.
- 4Freie Angaben: „Am Wochenende“ (Zeit) und „im Garten“ (Ort) lassen sich zu fast jedem Verb stellen.
- 5Ergebnis: helfen eröffnet hier zwei Ergänzungsstellen; dazu kommen zwei freie Angaben.
Fehler finden
Ole analysiert „Morgen überreicht die Schulleiterin den Siegern die Urkunden.“ In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 4Ole hält die Zeitangabe für eine Ergänzung. „überreichen“ verlangt keinen Zeitpunkt; „Morgen“ ließe sich zu fast jedem Verb stellen. Richtig: „Morgen“ ist eine freie Angabe.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Das Verb „helfen“ verlangt eine Ergänzung im . In „Noah schläft seit einer Stunde“ ist „seit einer Stunde“ eine . Die Weglassprobe allein für diese Entscheidung.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback