Chemie · Klasse 12–13 · aktualisiert
Organische Reaktionsmechanismen erkennen und erklären
Erkenne Addition, Substitution und Eliminierung an Bindungsänderungen und Teilchenschritten.
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Kurz gesagt
Ein organischer Reaktionsmechanismus beschreibt die Teilchenschritte von Edukten zu Produkten: welche Bindungen brechen oder entstehen, wohin Elektronen gehen und welche Zwischenstufen auftreten. Bei der Addition von HBr an Ethen entstehen eine C–H- und eine C–Br-Bindung.
Ein Reaktionsmechanismus zeigt, wie eine organische Reaktion in einzelnen Teilchenschritten abläuft: Welche Bindung bricht, welche Bindung entsteht, welches Teilchen greift an und welche Zwischenstufe tritt auf? Du ordnest eine Reaktion deshalb auf zwei Ebenen ein: nach dem Reaktionstyp und nach der Art des angreifenden Teilchens.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Stell dir die Gesamtgleichung als Start- und Zielfoto vor. Sie zeigt, welche Stoffe reagieren und entstehen. Der Mechanismus ist dagegen der Weg dazwischen. Die Tabelle zeigt drei wichtige Reaktionstypen; sie ist keine vollständige Liste aller organischen Reaktionen. Die Buchstaben in den Schemata sind Platzhalter für Teilchen oder Gruppen. Addition und Eliminierung verändern eine Mehrfachbindung in entgegengesetzter Richtung. Bei den hier gezeigten Substitutionen wird am betroffenen Kohlenstoff eine Einfachbindung zu H oder einer Abgangsgruppe durch eine neue Einfachbindung ersetzt. In Zwischenstufen können die Bindungen anders aussehen.
Definition
Reaktionstyp
Der Reaktionstyp beschreibt, was sich im Bindungsgerüst insgesamt ändert: Anlagerung, Austausch oder Abspaltung.
| Reaktionstyp | Woran erkennst du ihn? | Einfaches Schema |
|---|---|---|
| Addition | Teilchen lagern sich an eine Mehrfachbindung an; etwa aus C=C wird C–C. | X + Y → XY |
| Substitution | Ein Atom oder eine Atomgruppe wird ersetzt. | X–Y + Z → X–Z + Y |
| Eliminierung | Gruppen werden abgespalten; dabei entsteht eine Mehrfachbindung. | XY → X + Y |
Beispiel: Drei Gesamtänderungen
- 1Addition: \ce{CH2=CH2 + HBr -> CH3-CH2Br}. Die C=C-Doppelbindung wird verbraucht; H und Br werden angelagert.
- 2Substitution: \ce{CH4 + Cl2 -> CH3Cl + HCl}. Ein H-Atom des Methans wird durch Cl ersetzt.
- 3Eliminierung: \ce{CH3-CH2-OH -> CH2=CH2 + H2O}. Beim Erhitzen mit einem geeigneten Säurekatalysator wird Wasser abgespalten; eine C=C-Doppelbindung entsteht.
Teste dich
Für den Mechanismus fragst du: Wer liefert oder sucht Elektronen, und was geschieht mit dem Bindungselektronenpaar? Bei der heterolytischen Spaltung erhält ein Bindungspartner das ganze Bindungselektronenpaar. Bei der Spaltung einer Bindung zwischen zwei zunächst ungeladenen Gruppen entstehen so ein Kation und ein Anion. Verlässt dabei ein Teilchen das Substrat, also das betrachtete Ausgangsmolekül, mit dem Elektronenpaar, heißt es Abgangsgruppe.
Wenn du Elektronenbewegungen einzeichnest, steht ein Fischhakenpfeil für ein Elektron. Ein Elektronenpaarpfeil steht für zwei Elektronen und beginnt immer an einem Elektronenpaar oder einer Bindung. Er endet dort, wo daraus eine neue Bindung oder ein freies Elektronenpaar entsteht.
Bei der hier modellierten Chlorierung liefert UV-Licht Energie für die homolytische Spaltung der Cl–Cl-Bindung. Der Punkt • kennzeichnet ein ungepaartes Elektron. Die Chlorierung von Methan ist eine radikalische Substitution: Radikale tragen die Reaktion, und insgesamt wird ein H-Atom durch Cl ersetzt. Sie ist eine Kettenreaktion, weil jeder Fortpflanzungsschritt wieder ein Radikal liefert, das den nächsten Schritt startet.
Nucleophil: Ein Nucleophil stellt ein Elektronenpaar für eine neue Bindung bereit. Es kann negativ geladen oder ungeladen sein. Das Paar kann ein freies Elektronenpaar oder Teil einer π-Bindung, also des zusätzlichen Bindungsanteils einer Mehrfachbindung, sein. Nucleophile reagieren mit elektronenarmen Stellen, in unseren Substitutionsbeispielen mit einem positiv geladenen oder positiv polarisierten Kohlenstoffatom. Positiv polarisiert bedeutet: Das Atom trägt wegen ungleich verteilter Bindungselektronen eine positive Teilladung.
Elektrophil: Ein Elektrophil ist elektronenarm. Es kann positiv geladen oder positiv polarisiert sein und greift elektronenreiche Stellen an, zum Beispiel eine C=C-Doppelbindung.
Definition
Radikal
Ein Radikal besitzt mindestens ein ungepaartes Elektron. Es entsteht häufig durch homolytische Spaltung: Jedes der beiden Atome erhält eines der Bindungselektronen.
Merke: Bei homolytischer Spaltung erhält jeder Partner ein Bindungselektron. Bei heterolytischer Spaltung erhält ein Partner das Paar. Prüfe Ladungen, ungepaarte Elektronen und Bindungen nach jedem Schritt.
Beispiel: Radikalische Substitution: Kettenreaktion bei der Methanchlorierung
- 1Start: \small\ce{Cl2 -> 2 Cl^{\bullet}} Die Cl–Cl-Bindung wird durch Energiezufuhr homolytisch gespalten.
- 2Fortpflanzung: \small\ce{Cl^{\bullet} + CH4 -> HCl + CH3^{\bullet}} Das Chlorradikal entzieht Methan ein H-Atom.
- 3Fortpflanzung: \small\ce{CH3^{\bullet} + Cl2 -> CH3Cl + Cl^{\bullet}} Das neue Chlorradikal kann den ersten Fortpflanzungsschritt erneut beginnen.
- 4Abbruch: Zwei Chlorradikale können sich zu \ce{Cl2} verbinden. Auch zwei Methylradikale können \ce{C2H6} bilden. Danach fehlen diese Radikale für die Fortpflanzung.
- 5Addierst du die beiden Fortpflanzungsschritte, kürzen sich die Radikale heraus. Übrig bleibt die Gesamtreaktion. Bei weiterer Chlorierung können weitere H-Atome ersetzt werden; das Schema beschreibt die erste Substitution.
Teste dich
Eine C=C-Doppelbindung besteht aus einer σ-Bindung entlang der Verbindungslinie der Atomkerne und einer π-Bindung mit Elektronendichte seitlich davon. Bei der hier betrachteten Addition bleibt die C–C-σ-Bindung bestehen. Die π-Elektronen beteiligen sich an der Bindungsbildung mit einem Elektrophil; insgesamt entstehen zwei neue σ-Bindungen zu den angelagerten Atomen.
Bei der Addition von Br₂ an ein Alken in einem nicht mitreagierenden Lösungsmittel läuft der Mechanismus anders: Die Doppelbindung polarisiert die Br–Br-Bindung. Während diese heterolytisch gespalten wird, bindet ein Br-Atom an beide C-Atome der früheren Doppelbindung. So entstehen im selben Schritt ein dreigliedriges Bromonium-Ion und Br−. Bromid greift eines der C-Atome von der der Br-Brücke abgewandten Seite an und öffnet den Ring. Ein 1,2-Dibromalkan entsteht: An den beiden benachbarten C-Atomen sitzt nun jeweils ein Br-Atom.
Die Gesamtgleichung allein zeigt weder das Carbenium-Ion bei der HBr-Addition noch das Bromonium-Ion bei der Bromaddition. Gerade solche Zwischenstufen unterscheiden Mechanismen, obwohl beide Gesamtreaktionen Additionen sind.
Beispiel: Elektrophile Addition von HBr an Propen
- 1Gesamtgleichung: \small\begin{aligned}\ce{CH3-CH=CH2 + HBr}\\\to\ce{CH3-CHBr-CH3}\end{aligned} Im Hauptprodukt sitzt Br am mittleren C-Atom.
- 2Ein Elektronenpaar der π-Bindung bildet eine Bindung zum positiv polarisierten H-Atom von HBr. Gleichzeitig wandert das H–Br-Bindungselektronenpaar zum Brom; \ce{Br-} entsteht. Das Proton bindet bevorzugt am endständigen C-Atom.
- 3Nach diesem Schritt liegt ein Carbenium-Ion vor: \ce{CH3-CH+-CH3}. Das mittlere C-Atom hat nur drei Bindungen und trägt die positive Ladung. Diese Anordnung ist günstiger als die Alternative mit positiver Ladung am endständigen C-Atom, weil die beiden benachbarten Kohlenstoffgruppen die positive Ladung stabilisieren.
- 4Im zweiten Schritt liefert \ce{Br-} ein freies Elektronenpaar an das positiv geladene C-Atom. Die C–Br-Bindung entsteht; das Hauptprodukt ist 2-Brompropan.
- 5Die Markownikow-Regel fasst die Orientierung für diese elektrophile Addition zusammen: Das Proton bindet an das Doppelbindungs-C-Atom, an dem schon die meisten H-Atome sitzen.
Teste dich
Die Kürzel verbinden Reaktionstyp und Ablauf. S steht für Substitution, N für nucleophil und E für Eliminierung. Die Ziffer gibt an, wie viele Teilchen am geschwindigkeitsbestimmenden Elementarschritt beteiligt sind: Bei SN1 und E1 ist es eines, bei SN2 und E2 sind es zwei. Ein Elementarschritt ist ein einzelner Reaktionsschritt; der geschwindigkeitsbestimmende Schritt begrenzt das Tempo der Gesamtreaktion. Konzertiert bedeutet, dass die betreffenden Bindungsänderungen in einem gemeinsamen Schritt stattfinden, ohne Zwischenprodukt.
SN2 und E2 können miteinander konkurrieren: Ein Nucleophil kann am Kohlenstoff angreifen und substituieren, während eine Base ein Proton am benachbarten Kohlenstoff aufnehmen kann. Dabei bleibt das C–H-Elektronenpaar am Kohlenstoffgerüst und bildet die zusätzliche π-Bindung. Die Rollen Nucleophil und Base beschreiben deshalb unterschiedliche Angriffsziele.
Ein Aromat wie Benzol besitzt ein besonders stabiles π-System: Seine π-Elektronen sind über den Ring verteilt, also delokalisiert. Bei der elektrophilen Substitution wird dennoch nicht dauerhaft addiert: Am Ende ist ein H-Atom durch das Elektrophil ersetzt und das aromatische π-System wiederhergestellt.
Ein Elektronenpaar des Rings bildet eine σ-Bindung zum Elektrophil. Der entstehende positiv geladene σ-Komplex ist eine Zwischenstufe, in der die durchgehende Verteilung der π-Elektronen um den Ring vorübergehend unterbrochen ist.
Eine Base nimmt am angegriffenen C-Atom ein Proton auf. Die Elektronen der früheren C–H-Bindung stellen das aromatische π-System wieder her.
Prüfe einen Mechanismus in fünf Schritten. Bestimme zuerst die Gesamtänderung: Werden Gruppen angelagert, ersetzt oder abgespalten? Erkenne dann den Angreifer als Radikal, Nucleophil oder Elektrophil. Prüfe bei jedem Pfeil, ob die Elektronenbewegung an einem Elektron, einem Elektronenpaar oder einer Bindung beginnt. Verfolge Zwischenstufen vom Entstehen bis zu ihrem Verbrauch. Prüfe zuletzt die Bilanz: Anzahl und Art der Atome sowie die Gesamtladung bleiben erhalten. Auch die Bewegung jedes Elektrons muss nachvollziehbar sein; ungepaarte Elektronen dürfen neu entstehen oder sich zu Paaren verbinden.
| Mechanismus | Ablauf | Kennzeichnende Zwischenstufe | Bindungsänderung |
|---|---|---|---|
| SN1 | schrittweise | Carbenium-Ion | Abgangsgruppe geht zuerst, Nucleophil greift danach an |
| SN2 | gleichzeitig | keine Zwischenstufe | Rückseitenangriff und Austritt der Abgangsgruppe im selben Schritt |
| E1 | schrittweise | Carbenium-Ion | Abgangsgruppe geht zuerst, danach entsteht durch Protonenabspaltung die Doppelbindung |
| E2 | gleichzeitig | keine Zwischenstufe | Base entfernt ein Proton; Doppelbindung entsteht; Abgangsgruppe geht zugleich |
Beispiel: Ein vereinfachter SN1-Weg
- 1Hier siehst du ein vereinfachtes SN1-Schema mit einem negativ geladenen Nucleophil. R bezeichnet eine Kohlenwasserstoffgruppe, X etwa ein Halogenatom und Nu⁻ das Nucleophil.
- 2\ce{R3C-X -> R3C+ + X-}: Die C–X-Bindung wird heterolytisch gespalten. Die Abgangsgruppe nimmt das Bindungselektronenpaar mit.
- 3\ce{R3C+ + Nu- -> R3C-Nu}: Das Nucleophil liefert ein Elektronenpaar für die neue Bindung.
- 4Die Ladung bleibt in beiden Schritten erhalten. Das Carbenium-Ion entsteht und wird anschließend verbraucht; es steht nicht in der Gesamtgleichung.
Merke: Eine vorübergehende Anlagerung macht die Gesamtreaktion noch nicht zur Addition. Entscheidend ist der Vergleich von Ausgangsstoff und Endprodukt: Beim Aromaten wird ein H-Atom durch das Elektrophil ersetzt, also liegt eine Substitution vor.
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Alles auf einen Blick
Organische Reaktionsmechanismen
Gesamtänderung
Addition am Alken: aus C=C wird C–C; Substitution: Gruppe wird ersetzt; Eliminierung: Mehrfachbindung entsteht
Angreifende Teilchen
Radikal: ungepaartes Elektron; Nucleophil: elektronenreich; Elektrophil: elektronenarm
Bindungsspaltung
homolytisch: Radikale; heterolytisch: ein Partner erhält das Elektronenpaar
Ablauf
schrittweise: Zwischenstufe bei SN1 und E1; konzertiert: ein Schritt bei SN2 und E2
Prüfung
Atome, Ladungen und Elektronen bilanzieren
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Einen Mechanismus nach seinem Ablauf einordnen
- 1Eine Abgangsgruppe verlässt zuerst das Substrat und nimmt das Bindungselektronenpaar mit. Ein Carbenium-Ion entsteht.
- 2Danach greift ein Nucleophil am positiv geladenen Kohlenstoff an und bildet eine neue Bindung.
- 3Insgesamt wird eine Gruppe ersetzt. Der Ablauf ist schrittweise über ein Carbenium-Ion: ein SN1-Mechanismus.
Fehler finden
Was verrät die Gesamtreaktion? In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 4Die letzte Zeile ist falsch: Die Gesamtgleichung legt keine Zwischenstufe fest. Im beschriebenen Bromierungsmechanismus entsteht ein Bromonium-Ion.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Bei der Addition an ein Alken wird die Doppelbindung . Homolytische Spaltung verteilt die Bindungselektronen auf . Beim SN1-Weg entsteht als Zwischenstufe ein .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback