Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Vogelsterben
Vögel gelten als prädestinierte Bioindikatoren, denn sie stellen ähnliche Ansprüche an Lebensraum und Nahrung wie der Mensch und gehören zu den am besten …
Inhalt6 Abschnitte
Bedeutung und Gesamtentwicklung
Vögel gelten als besonders geeignete Bioindikatoren. Das sind Lebewesen, deren Zustand Hinweise auf die Qualität eines Ökosystems gibt. Vögel stellen teilweise ähnliche Ansprüche an Lebensraum und Nahrung wie Menschen und gehören zu den am besten untersuchten Tiergruppen. Wenn ihre Artenvielfalt, also die Biodiversität, oder ihre gesamte Biomasse zurückgeht, kann dies daher auf einen schlechten Zustand des Ökosystems hinweisen.
In Deutschland sank die Zahl der Vogelindividuen von 1960 bis 2019 um etwa 300 Millionen. Seit 1800 beträgt der Rückgang ungefähr 80 %. Zwischen 1992 und 2016 gingen 14 Millionen Brutvögel verloren, darunter etwa 4 Millionen Agrarvögel und etwa 5 Millionen Vögel aus Siedlungsgebieten.
Die Entwicklung betrifft jedoch nicht alle Arten gleich: Etwa ein Drittel der Brutvogelarten nimmt aktuell ab, während ungefähr ebenso viele Arten zunehmen. Unter den zunehmenden Arten befinden sich vor allem Großvögel wie Schwarzstorch und Kranich. Sie profitieren häufig von gezielten Schutzmaßnahmen, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind.
Besonders betroffene Vogelgruppen
Besonders starke Rückgänge zeigen Agrarvögel, also Arten, die hauptsächlich in landwirtschaftlich genutzten Gebieten leben. Das gilt vor allem für am Boden brütende Arten sowie für Vögel, die sich überwiegend von Insekten und Spinnentieren ernähren. Zu den derzeit am stärksten abnehmenden Brutvögeln gehören Arten der Wiesen- und Feuchtlebensräume.
Kiebitz und Rebhuhn verloren zwischen 1992 und 2016 jeweils fast 90 % ihres Bestandes. Nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) ging der Bestand der Agrarvögel in Deutschland von 1980 bis 2016 insgesamt um 34 % zurück; in der Europäischen Union betrug der Rückgang sogar 56 %. Für einzelne Arten wurden in Deutschland in diesem Zeitraum folgende Abnahmen angegeben: Kiebitz −93 %, Rebhuhn −91 %, Turteltaube −89 %, Bekassine −82 %, Braunkehlchen −57 % und Feldlerche −55 %.
Auch bei vielen Wasservögeln sinken die Bestände. Knapp zwei Drittel der Arten, die im Watt nach Nahrung suchen, zeigten sowohl im Zeitraum von 1992 bis 2016 als auch von 2004 bis 2016 Rückgänge. Bei Schwimmenten, Tauchenten und Sägern überwogen dagegen die Bestandszunahmen.
Landwirtschaft und fehlende Nahrung
Die intensive Landwirtschaft gilt als einer der wichtigsten Gründe des Vogelsterbens und möglicherweise als dessen Hauptursache. Dafür spricht insbesondere der starke Rückgang der Agrarvögel.
Schädlingsbekämpfungsmittel, vor allem Insektizide, tragen zum Insektensterben bei und beeinträchtigen außerdem Vögel, Säugetiere und Amphibien. Insektizide entziehen insektenfressenden Vogelarten wie Wiedehopf und Mehlschwalbe einen wesentlichen Teil ihrer Nahrung.
Auch Vogelarten, die sich nicht ausschließlich von Insekten ernähren, sind betroffen: Viele Altvögel füttern ihre Jungen im Frühjahr mit eiweißreichen Insekten. Fehlen diese, kann die ausreichende Versorgung der Jungvögel nicht gesichert werden.
Hauskatzen als Beutegreifer
Hauskatzen werden als nicht zu unterschätzende invasive Art beschrieben. Sie kommen zwar hauptsächlich in Siedlungsgebieten vor, doch leben allein in Deutschland ungefähr zwei Millionen verwilderte Hauskatzen. Diese sind bei der Jagd nicht nur aus Spieltrieb, sondern auch zur Nahrungsbeschaffung aktiv. Nach einer Angabe von Peter Berthold fangen deutsche Hauskatzen jährlich mindestens 30 Millionen Vögel.
Bereits die Anwesenheit einer Katze im Garten kann das Verhalten von Vögeln verändern. Altvögel füttern ihre Jungen dann möglicherweise nicht mehr oder bauen ihr Nest weiter oben. Ein höher gebautes Nest kann wiederum von anderen Prädatoren, also Fressfeinden, leichter entdeckt und zerstört werden.
Als Schutzmaßnahme können Katzen mit Freilauf während der Brutzeit in den frühen Morgenstunden im Haus bleiben. Dadurch werden besonders gerade flügge gewordene Jungvögel geschützt. Als wirksamste Eindämmung wird die Sterilisation aller verwilderten Katzen sowie der Hauskatzen mit Freigang genannt. In Walldorf wurde zum Schutz der Haubenlerche außerdem verfügt, dass Hauskatzen deren Brutgebiet während der Brutzeit nicht betreten dürfen.
Kollisionen mit Bauwerken und Verkehr
Vogelschlag bezeichnet hier tödliche oder verletzende Zusammenstöße von Vögeln mit menschengemachten Hindernissen. Große Glasflächen an Gebäuden sind besonders gefährlich, weil Vögel das Glas entweder nicht erkennen oder darin den Hintergrund gespiegelt sehen. Hochrechnungen ergeben jährlich Opferzahlen im zweistelligen oder sogar dreistelligen Millionenbereich. Daniel Klem nahm 1990 mindestens einen getöteten Vogel je Wohnhaus an, was für Deutschland 18 Millionen Tiere ergeben würde. Neuere Berechnungen berücksichtigen zusätzlich Hochhäuser und Wartehäuschen und kommen auf mehr als 100 Millionen tote Vögel in Deutschland.
Im Verkehr entstehen Verluste vor allem durch hohe Geschwindigkeiten und durch den mit dem Ausbau der Verkehrswege verbundenen Verlust von Lebensräumen. Die Mortalitätsrate, also der Anteil tödlicher Unfälle, fällt im Zugverkehr deutlich höher aus als im Straßenverkehr, obwohl Straßen häufiger befahren werden. Vögel können auch an Freileitungen der Bahn verunglücken, etwa wenn sie wegen eines herannahenden Zuges plötzlich auffliegen.
Die Untersuchung „SCV“ erfasste über fünf Jahre Kollisionsopfer an einer Bahnstrecke. Eine daraus abgeleitete Hochrechnung ergab 20 bis 50 getötete Vögel pro Streckenkilometer. Überdurchschnittlich häufig waren Eulen betroffen. Sie fliegen bei ihrer oft durch das Gehör geleiteten Nahrungssuche knapp über dem Boden und können dabei von Zügen erfasst werden. Im Winter entfernt der Zugwind Schnee; die dadurch schneefreien Flächen werden für Greifvögel zu attraktiven Nahrungsplätzen.
Das gut ausgebaute deutsche Straßennetz bildet insgesamt ebenfalls eine große Gefahr. Besonders riskant für Singvögel sind Straßen, die von Hecken und Büschen gesäumt werden. Eine Studie in Radolfzell am Bodensee ergab, dass etwa zehn Prozent der dort brütenden Paare ein Elternteil verlieren; anschließend wird die Brut beendet.
Für Windkraftanlagen werden in Deutschland ungefähr 100.000 getötete Vögel pro Jahr geschätzt. Die Tiere können während des Vogelzugs oder der Nahrungssuche von Rotoren oder deren Sog erfasst werden. Zusätzlich können Windräder Lebensräume verknappen: Manche Arten halten wegen der Störung mehrere hundert Meter Abstand. Dadurch gehen nutzbare Flächen verloren, was die örtliche Brutvogeldichte stark beeinflussen kann. Die Auswirkungen von Windkraftanlagen werden unter Umwelt- und Artenschützern sehr emotional diskutiert.
Weitere Belastungen
Bleihaltige Jagdmunition kann insbesondere Greifvögel vergiften. Als Ursache wird genannt, dass bei der Jagd meistens keine bleifreie Munition verwendet wird.
Auch die Klimaerwärmung wirkt sich auf Vogelarten aus. Der globale Temperaturanstieg hat je nach Art positive oder negative Folgen. Als besonders negativ betroffenes Beispiel wird das Alpenschneehuhn genannt.