Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Szenische Interpretation
Szenische Interpretation von Musik, Theater und Geschichten im Allgemeinen ist ein didaktisches Konzept der Theaterpädagogik.
Inhalt5 Abschnitte
Begriff, Ziel und Einsatzfelder
Die Szenische Interpretation von Musik, Theater und Geschichten ist ein didaktisches Konzept der Theaterpädagogik. Sie wird im Unterricht musisch-künstlerischer und geisteswissenschaftlicher Fächer, etwa Deutsch, Religion und Literatur, außerdem an Opernhäusern, in der Sozialpädagogik und in der Psychotherapie eingesetzt. Im Bereich Musik wurde das Konzept von 1982 bis 1990 an der Universität Oldenburg durch Ingo Scheller, Rainer O. Brinkmann, Ralf Nebhuth, Markus Kosuch und Wolfgang Martin Stroh entwickelt.
Szenisch interpretierbar sind alle Arten von Musik. Besonders häufig wird das Konzept bei Opern, Musicals und anderen musikdramatischen Formen verwendet, sowohl in der Musiktheaterpädagogik als auch im regulären Musikunterricht. Es kann ebenso auf Lieder, Programmmusik und andere Formen absoluter Musik angewandt werden. Weitere Felder sind interkulturelle Musikerziehung, Produktionsdidaktik und sozialpädagogische Arbeit.
Lernen durch Spiel, Erfahrung und Reflexion
Szenische Interpretation entsteht nicht allein dadurch, dass Methoden des szenischen Spiels nacheinander eingesetzt werden. Entscheidend sind Erfahrungslernen, die Aneignung von Wirklichkeit und der Alltagscharakter der Arbeit.
Erfahrungslernen bedeutet: Schülerinnen und Schüler machen aus Erlebnissen erst dann Erfahrungen, wenn sie diese unter pädagogischer Anleitung verarbeiten und kommunizieren. Spielerlebnisse werden deshalb szenisch gestaltet und anschließend reflektiert, sodass sie zu Lernerfahrungen werden.
Bei der Aneignung von Wirklichkeit durch Musik ordnen Lernende der durch Musik widergespiegelten Wirklichkeit selbstständig Bedeutungen zu. Dies wird als „gemäßigter Konstruktivismus“ bezeichnet. Ziel ist nicht, eine fremde Kultur einfach zu „erschließen“, sondern sich reflektiert mit der eigenen Kultur auseinanderzusetzen.
Das Konzept setzt auf kontinuierliche Basisarbeit im Schulalltag statt auf spektakuläre Einzelaktionen. Es ist als „Musikunterricht für alle“ angelegt und nicht als Tutorium zur Erzeugung öffentlichkeitswirksamer Ereignisse wie „Rhythm is it“.
Methoden und typischer Ablauf
Die Szenische Interpretation nutzt Methoden des szenischen Spiels, die Ingo Scheller in den 1980er Jahren entwickelte. Der Methodenkatalog des Instituts für Szenische Interpretation von Musik und Theater erschien 2022 in dritter Auflage und beschreibt 100 Methoden.
Die Methoden folgen meist einem typischen Ablauf:
- Vorbereitung: Die Gruppe wird auf Thema, Musik und Arbeitsform eingestellt.
- Einfühlung: Die Lernenden übernehmen beispielsweise Rollen und versetzen sich in deren Situation.
- Szenisch-musikalische Arbeit: Es wird an Haltungen und Bildern gearbeitet und szenisch gespielt.
- Ausfühlung: Die Übernahme der Rolle wird wieder gelöst.
- Reflexion: Erlebtes und Gestaltetes werden besprochen und als Lernerfahrung verarbeitet.
Die Rollenübernahme ist damit kein Selbstzweck. Sie verbindet musikalische Arbeit mit körperlichem Handeln, Vorstellungsbildern und der gemeinsamen Auswertung.
Theoretische Grundlagen und Entwicklung
Das Konzept stützt sich auf mehrere Theorien. Dazu gehören Ingo Schellers Theorie des Erfahrungslernens, die auf Hartmut von Hentigs Idee der „Schule als Erfahrungsraum“ von 1973 beruht, sowie Wolfgang Martin Strohs psychologisch fundierte Theorie ästhetischer Aneignung und musikalischer Tätigkeit. Weitere Grundlagen sind die Theatertheorien von Stanislawski, Brecht und Boal. Markus Kosuch führte außerdem die Theorie der konstruktivistischen Pädagogik nach Kersten Reich weiter.
1981 entwickelte Scheller das Konzept „Lernen durch Erfahrung“ und damit die theoretische Grundlage seiner Methoden des szenischen Spiels. Stroh publizierte 1982 zum szenischen Spiel nach Scheller im Musikunterricht. 1986 wurde das erste Projekt einer Szenischen Interpretation von Opern, die „Dreigroschenoper“, durch Christiane Gräber evaluiert. 1988 erschien die erste Szenische Interpretation einer Oper, „Carmen“, von Ralf Nebhuth und Rainer O. Brinkmann; 1990 begann mit „Carmen“ die Schriftenreihe Szenische Interpretation von Opern im Lugert-Verlag.
In der Musiktheaterpädagogik wurde das Konzept unter anderem durch „Erlebnisraum Oper“ 1995, die „Junge Oper“ Stuttgart 1997, „op|erleben“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden seit 2001, „Komische Oper ‚Jung für alle‘“ 2004 und die „Junge Staatsoper“ Berlin 2010 umgesetzt.
Institutionalisierung und Forschung
2001 gründeten Rainer O. Brinkmann, Markus Kosuch, Anne-Kathrin Ostrop und Wolfgang Martin Stroh das Institut für Szenische Interpretation von Musik und Theater. Es soll das Konzept sowohl an allgemeinbildenden Schulen als auch in der Musiktheaterpädagogik verankern. Das Institut stellt Materialien kostenlos online bereit, vermittelt Lehrerfortbildungen, führt mit dem Mozarteum Salzburg das Aufbau- und Kontaktstudium „Musiktheatervermittlung“ durch, unterstützt die Institutionalisierung dieses Berufsbildes und vernetzt Beteiligte. Aus dem Konzept für den Schulunterricht entwickelte sich dadurch auch ein Ansatz der Musiktheaterpädagogik und Sozialarbeit; seine Methoden gingen in die Produktionsdidaktik sowie in Konzepte von Kinder- und Jugendmusiktheaterproduktionen ein.
Die Wirksamkeit und Anwendbarkeit der Szenischen Interpretation wurden mit Evaluation, Videografie, Befragungen und weiteren Methoden der Empirischen Musikpädagogik untersucht. Zentrale Fragen betreffen das Verhältnis von Text und Musik beim konstruktivistischen Kunstverstehen, das „Lernen mit dem Körper“, die Rollenschutzthese, die Gendersensibilität und die Nachhaltigkeit szenischen Lernens im Vergleich mit anderen musikpädagogischen Lernformen. Die Rollenschutzthese besagt, dass Kinder und Jugendliche im Schutz einer fremden Rolle sich selbst produzieren. Bei einer Expertentagung an der Universität Oldenburg wurden 2016 42 Publikationen mit Forschungsergebnissen diskutiert und weitere Forschung angestoßen.