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Senslerdeutsch
Senslerdeutsch (sensl. Seislertütsch [z̥ɛjz̥lərtytʃ]), adjektivisch auch senslerisch, ist eine Schweizer Mundart im Kanton Freiburg.
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Einordnung und Verbreitung
Senslerdeutsch, in der Mundart Seislertütsch [z̥ɛjz̥lərtytʃ] und als Adjektiv auch senslerisch genannt, ist eine Schweizer Mundart im Kanton Freiburg. Es gehört zum Höchstalemannischen und damit über das Alemannische, Oberdeutsche, Hochdeutsche, Westgermanische und Germanische zur indogermanischen Sprachfamilie. Als Sprachcode gilt gsw, der ISO-639-Code für Schweizerdeutsch; Senslerdeutsch besitzt keinen eigenen ISO-Code und ist keine Amtssprache.
Gesprochen wird es fast im ganzen Sensebezirk, in der Gemeinde Gurmels und als Minderheitensprache in der Stadt Freiburg. „Freiburgerdeutsch“ ist deshalb kein genauer gleichbedeutender Ausdruck: Im Seebezirk herrscht größtenteils Berndeutsch vor, während der Dialekt von Jaun eng mit dem Simmentalerischen im Berner Oberland verwandt ist. In den übrigen Gebieten des Kantons werden Französisch und vereinzelt noch Frankoprovenzalisch gesprochen. Gurmels besitzt eine Übergangsmundart zwischen Sensler- und Berndeutsch.
Die örtlichen Varianten des Senslerdeutschen unterscheiden sich nur wenig. Eine Besonderheit ist Bolz, ein deutsch-französischer Mischdialekt, den früher die städtische Unterschicht in der Freiburger Unterstadt sprach. Die Zahl der Senslerdeutsch Sprechenden wird auf mindestens 30'000 geschätzt. Zugezogene, besonders aus dem Kanton Bern, haben dazu beigetragen, dass heute in verschiedenen Gemeinden auch Berndeutsch gesprochen wird. Seit 2014 steht Senslerdeutsch auf der Liste der lebendigen Traditionen im Kanton Freiburg.
Entwicklung und Bedeutung
Bis in die 1960er Jahre bildete der Sensebezirk eine Sprachinsel. Er lag zwischen französisch- oder Patois-sprachigen Gebieten und den reformierten Bernern, zu denen wenig Kontakt bestand. Durch diese lange Abgrenzung bewahrte der Dialekt zahlreiche Begriffe und sprachliche Strukturen aus dem Mittelalter. Gleichzeitig nahm er mehr Einflüsse von seinen romanischsprachigen Nachbarn auf als andere Schweizer Dialekte und entwickelte eigene sprachliche Besonderheiten.
In den vergangenen 50 Jahren veränderten zunehmende Mobilität und Kontakte nach außen den Dialekt. Vor allem in den Dörfern des Unterlands steht Senslerdeutsch unter starkem äußerem Einfluss. Zugleich haben Heimat und die eigene Mundart in einer globalisierten Welt an Bedeutung gewonnen; Dialekte sind in der Deutschschweiz beliebt, und Randmundarten wie das Senslerdeutsche werden besonders hervorgehoben. Obwohl sich der Wortschatz teilweise durch kleine Kompromisse anpasst, wird die Mundart in der Deutschschweiz stärker wahrgenommen als noch vor 20 bis 30 Jahren. Für viele Sensler ist sie ein beliebtes und prägendes Erkennungszeichen.
Aussprache und Schreibung
Die Lautung unterscheidet sich in mehreren Punkten vom Hochdeutschen. Das Zeichen a wird als [ɑ] gesprochen, etwa Maa [mɑː] für „Mann“ oder „Mond“, ä als [æ], etwa Schnägg(e) für „Schnecke“. Bei e kommen [ɛ] und [ə] vor, bei i [ɪ], bei o [ɔ], bei u [u] und bei ù [ʊ]. Ü und ǜ unterscheiden [y] und [ʏ], während y für [i] steht. Der Doppellaut ei wird [ɛj] gesprochen; ie oder ye können [iə] wiedergeben.
Auch Konsonanten weisen typische Aussprachen auf. ch entspricht [χ] bis [ɣ̊], k und q werden [kχ] gesprochen, gg dagegen [k]. Ein einfaches s klingt [z̥], ein doppeltes s [s]; vor t und p wird s als [ʃ] ausgesprochen. sch kann [ʃ] oder [ʒ̥] lauten. Für r sind sowohl [ʀ] als auch [ɾ] möglich.
Die im Wörterbuch und in der senslerdeutschen Literatur verwendete Schreibweise bildet diese Unterschiede möglichst genau ab. Doppelt geschriebene Vokale kennzeichnen eine lange Aussprache, beispielsweise aa, ii oder ǜǜ. Auch Konsonanten können doppelt erscheinen, etwa ff, pp oder tt. Ein Beispiel für den Klang und Satzbau ist hochdeutsch „Ich lasse es sein“ und senslerdeutsch „I laa’s la syy“ [ɪ lɑːz̥ lɑ z̥iː].
Das Senslerdeutsch-Hochdeutsche Wörterbuch von Christian Schmutz und Walter Haas erschien 2000. Es unterscheidet teilweise die Aussprache einzelner Wörter in verschiedenen Gemeinden und nennt bei manchen Einträgen Herkunft und Synonyme. Verwendet wird die lautgetreue Schwyzertütsche Dialäktschrift von Eugen Dieth, die auch für Laien vergleichsweise gut lesbar ist. Im Alltag schreiben viele Menschen Senslerdeutsch jedoch in einer einfacheren Form.
Grammatik und Sprachgebrauch
Wie andere alemannische Dialekte kennt Senslerdeutsch kein Präteritum, also keine einfache Vergangenheitsform. Vergangenes wird mit dem Perfekt ausgedrückt. Auch eine eigene Futurform gibt es nicht.
Prädikative Adjektive – Eigenschaftswörter nach Verben wie „sein“ – werden wie in anderen höchstalemannischen Dialekten gebeugt, besonders häufig bei Personen. „As isch schöns“ bedeutet „Sie/Es ist schön“, wörtlich aber „Es ist schönes“. Unter dem Einfluss des Berndeutschen kann diese Beugung entfallen: „As isch schön“ entspricht unmittelbar dem hochdeutschen „Es ist schön“.
Eine auffällige, vom benachbarten Frankoprovenzalischen beeinflusste Konstruktion ist das Passiv mit choo („kommen“) anstelle des Hilfsverbs „werden“. „Di Spraach chùnnt fasch im ganze Seisebezirk gredt“ heißt „Diese Sprache wird fast im ganzen Sensebezirk gesprochen“, wörtlich jedoch „Diese Sprache kommt fast im ganzen Sensebezirk geredet“.
Ein weiterer Romanismus, also eine durch eine romanische Sprache geprägte Form, ist das Zusammenfallen von Akkusativ und Dativ bei Personalpronomen. So steht dier sowohl in „I deiche a dier“ („Ich denke an dich“) als auch in „I gǜbe dier gär as Guetzi“ („Ich gebe dir gerne ein Bonbon“).
Bei der höflichen Anrede verwendet Senslerdeutsch wie das Berndeutsche nicht die dritte Person Plural „Sie“, sondern die zweite Person Plural „Ihr“.
Wortschatz und typische Ausdrücke
Die Nähe zum Französischen hat den Wortschatz deutlich geprägt. Französische Wörter wurden übernommen und an die Mundart angepasst. Pärisou bezeichnet einen Regenschirm und geht auf französisch parasol („Sonnenschirm“) zurück. tampi beziehungsweise wala bedeuten etwa „Pech gehabt, dann halt“ und stammen von französisch tant pis beziehungsweise voilà.
Weitere Wörter machen die regionale Herkunft besonders gut erkennbar:
- wù(ch)i ù a(ch)i: „hinauf und hinunter“; Formen mit -y gelten nicht als ganz korrekt, weil die Wörter ursprünglich auf -hii [hɪː], hochdeutsch „hin“, enden.
- ghääbe: „gehabt“.
- jùscht: „richtig“.
- gùgge: „schauen“; in fast allen anderen Schweizer Dialekten außer im Berner Oberland heißt es luege beziehungsweise lugen.
- iis z’cheeret ùm: „eines nach dem andern, reihum“.
- Rään: „Regen“; in vielen Schweizer Dialekten heißt es Räge.
- Fageta: „Hosentasche“.
- Fyfauter: „Schmetterling“.
- Trǜtscha: „Zopf“.
- Häppera: „Kartoffel“, wörtlich „Erdbirne“ statt des in vielen anderen Dialekten üblichen „Erdapfels“.
- Häppöri: „Erdbeere“; das Wort darf nicht mit Häppera verwechselt werden.
- plangiga Hunn: „langweiliger Hund“.
- as Puffet: „Schrank“.
- Nuschter: „Rosenkranz“.
- Gingeli: „Spielzeug“.
- Tùùner: „Teufel“; dieses Wort wird kaum noch verwendet.
Auch einzelne lautliche Formen verbinden Aussprache und Wortschatz: fein [fɛjn] bedeutet beim Essen „fein, gut“, Ggaffi heißt „Kaffee“, Anke „Butter“, hiim „nach Hause“, Pinsù „Pinsel“ oder „Tollpatsch“ und pfuuse „schlafen“ beziehungsweise „fauchen“.