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Schüttelreim
Der Schüttelreim ist ein Doppelreim, bei dem die Einzelphoneme oder Konsonantencluster im Anlaut der letzten beiden betonten Silben miteinander vertauscht …
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Definition und Grundprinzip
Ein Schüttelreim ist ein Doppelreim: Die Einzelphoneme oder Konsonantencluster im Anlaut, also am Anfang, der letzten beiden betonten Silben werden miteinander vertauscht. Dadurch entstehen zwei anders lautende, aber sinnvoll zusammenpassende Reimwörter oder Wortgruppen. Die Vertauschungsmethode heißt im Englischen Spoonerismus, im Französischen „contrepèterie“.
Die geschüttelten Buchstaben müssen nicht völlig gleich sein; es genügt, wenn sie gleich oder ähnlich klingen. Auch ein nicht geschriebenes Lautmerkmal wie der Glottisschlag kann geschüttelt werden. Bei Konsonantengruppen am Wortanfang darf zudem nur ein Teil der Gruppe vertauscht werden. Hintereinanderfolgende gleichklingende Konsonanten können zu einem Laut verschmelzen; außerdem kann ein stummes „h“ entfallen und zu einem langen Vokal oder Doppelvokal werden.
Formen und typische Beispiele
Die Kadenzen, also die Versenden, können stumpf oder klingend sein. Eine stumpfe Kadenz zeigt: „Er würgte eine Klapperschlang’, / bis ihre Klapper schlapper klang.“ Die gängigere klingende Fassung lautet: „Es klapperten die Klapperschlangen, bis ihre Klappern schlapper klangen.“
Ein einfaches Beispiel ist: „Ich fuhr mit meinem Leiterwagen, / wo Steine und so weiter lagen.“ Bei „Du sollst ein krankes Nierenbecken / nicht mit zu kalten Bieren necken“ werden die Anlaute der betonten Silben vertauscht. Eugen Roth verwendet Schüttelreime unter anderem in den Versen über „Magenleiden“ und „Lagen“ sowie „Zungen“ und „Lungenzügen“.
Ähnliche statt gleicher Laute zeigt: „Frauengroll: / Grauenvoll!“ Nach Clemens Plassmann ist dies strenggenommen nicht ganz sauber geschüttelt, weil ein „r“ verlorengeht. Der Glottisschlag wird in „Erst isst du mit den Indern Reis, / dann gibst du deinen Rindern Eis!“ einbezogen. Beim Beispiel „Ich brauche jetzt erst recht den Scheck, / sonst krieg ich einen echten Schreck!“ wird nur das „r“ in „Schreck“ verschoben, nicht „schr“.
Schüttelreime gibt es auch in Dialekten. Das bayerische Beispiel „I gangat gern auf d’Kampenwand, / wann i mit meiner Wamp’n kannt’“ bedeutet: „Ich ginge gerne auf die Kampenwand, wenn ich das mit meinem dicken Bauch könnte.“
Doppelter Überzwerch-Schüttelreim
Eine Sonderform ist der doppelte Überzwerch-Schüttelreim. Er besteht aus vierfach abgewandelten Vierzeilern: Nicht nur die Anlaute, sondern auch die Vokale der Schüttelsilben werden vertauscht.
Ein Beispiel beginnt: „Ein Wagen fuhr in Gossensaß / durch a [d. i. eine] tiefe Soßengass, / sodass die ganze Gassensoß / sich über die Insassen goss.“ Die Schüttelpaare können auch über Kreuz stehen. Johannes Rövenstrunck zeigt dies mit: „Es war einmal ein Leibesriese, / der machte eine Liebesreise. / Des Abends sprach er: ‚Reib es, Liese!‘ / Und Liese kam und rieb es leise.“
Ein Schüttelreim kann auch Teil eines Liedtexts sein. Im Lied „Macho Macho“ von Rainhard Fendrich lautet ein Vers: „Willst Du behaarte Männerbrust, Du nicht über den Brenner mußt.“
Entwicklung und Veröffentlichungen
Der Schüttelreim ist im deutschen Sprachraum seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Seit dem 19. Jahrhundert wird er hauptsächlich für vergnügliche Zweizeiler verwendet; der Begriff „Schüttelreim“ ist seit Ende des 19. Jahrhunderts in Gebrauch. Beliebt war die Form in den Zeitschriften Kladderadatsch, Fliegende Blätter, Simplicissimus und Jugend.
Schüttelreime sind weitgehend eine Besonderheit der deutschen Literatur. Verwandt ist der ungarische kecskerím. Neulateinische versiculi quassati sowie englische und französische Beispiele stammen meist von Autoren mit deutscher Muttersprache.
Es erschienen auch ganze Bücher in Schüttelreimform, etwa Versionen des Faust oder ein Opernführer. Sprachkabarettisten erzählten traditionelle Texte wie Volksmärchen in Schüttelreimen. Daneben gibt es Schüttelreimsammlungen, beispielsweise Benno Papentrigks „Schüttelreime“ von 1939, Hans Arthur Thies’ „Zwei Knaben auf dem Schüttelrost“ von 1954, Manfred Hankes „Die schönsten deutschen Schüttelgedichte“ von 1967 und Franz Mittlers „Gesammelte Schüttelreime“ in der 2. Auflage von 1998.