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Rhythmisch-musikalische Erziehung

Rhythmisch-musikalische Erziehung, oder in Kurzform Rhythmik oder Rhythmik / Musik und Bewegung genannt, ist eine künstlerisch-pädagogische Disziplin.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Entwicklung der Methode
  3. 3. Medien, Methoden und Prinzipien
  4. 4. Ziele und Anwendungsfelder
  5. 5. Ausbildung und Beruf

Grundidee und Bedeutung

Rhythmisch-musikalische Erziehung, kurz Rhythmik oder Rhythmik / Musik und Bewegung, ist eine künstlerisch-pädagogische Disziplin. Ihr Kern ist die Wechselwirkung zwischen Musik und Bewegung: Musikalische Vorgänge beeinflussen Bewegung, und tänzerische Ereignisse können zu Musik werden.

Die Arbeitsweise orientiert sich am Menschen und betont Eigenständigkeit, Kreativität und Gestaltungskraft. Fachliche Fertigkeiten und Kenntnisse werden vor allem durch die dauernde Beziehung von Eindruck und Ausdruck erworben. Lernende erhalten Raum für eigene Wahrnehmungen, Ideen und Erkenntnisse.

Der Unterricht arbeitet alters- und zielgruppengerecht mit gegensätzlichen Polen, etwa Ruhe und Bewegung, Dynamik (laut – leise), Tempo (schnell – langsam) sowie Artikulation, also Spielweise. Bewertungsfreiheit und Akzeptanz sind entscheidend: Teilnehmende drücken sich in Musik, Sprache und Bewegung entsprechend ihren jeweiligen Möglichkeiten aus.

Entwicklung der Methode

Begründet wurde Rhythmik durch den Genfer Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze (1865–1950). Er erkannte die Bedeutung rhythmisch geschulter Bewegung für Musikunterricht und Musikausübung und entwickelte eine Methode der Musikerziehung durch Bewegung.

Ausgehend vom Taktschlagen mit den Armen stellte er fest, dass Schülerinnen und Schüler den ganzen Körper mitbewegten. Deshalb bezog er auch die Beine ein: Die Füße sollten den Rhythmus realisieren. Das Übertragen von Rhythmus und Takt auf Arm- und Beinbewegungen gehört zu den klassischen Dalcroze-Übungen. Die räumliche Darstellung zeitlicher Abläufe soll das Verständnis musikalischer Abfolgen verbessern.

Dalcroze entwickelte Übungen zu Rhythmus, Melodieführung und Phrasierung. Auch Klang, Dynamik, Mehrstimmigkeit und komplexe musikalische Formen werden als réalisations corporelles, also in räumlich koordinierter Körperbewegung, sichtbar gemacht. Weitere Säulen seiner zunächst gymnastique rythmique genannten Methode waren Klavierimprovisation und Solfège.

Die Methode verlangte hohe Koordination und Präzision, auch bei gleichzeitig verschiedenen Taktarten und Rhythmen. Kritiker sahen darin eine Mechanisierung des Körpers. Lehrende aus Tanz und Gymnastik suchten dagegen eher individuell harmonische Bewegungen.

Von 1911 bis 1914 entwickelte Jaques-Dalcroze seine Ansätze in Hellerau, dem heutigen Festspielhaus, weiter. Nach seiner Rückkehr nach Genf 1914 verbreiteten Mitarbeitende und Schülerinnen bzw. Schüler die Methode in Deutschland. Sie wurde in „Rhythmisch-musikalische Erziehung“ umbenannt und 1925 erstmals an einer deutschen Musikhochschule etabliert. Später rückten Individualität, Befindlichkeit, Lerntempo und persönliche Ausdrucksweisen der Lernenden stärker in den Vordergrund.

Medien, Methoden und Prinzipien

Die Handlungsmedien der Rhythmik sind Musik, Bewegung und Sprache. Raum, Zeit, Kraft und Form bilden den fachdidaktischen Unterbau, also die grundlegenden Kategorien für Planung und Strukturierung der Arbeit.

Wichtige methodische Merkmale sind Handlungsorientierung, Sinnesvielfalt, Ergebnisoffenheit, Perspektivenwechsel, Teilnehmerzentrierung, Interaktion, Exploration, Improvisation und Gestaltung. Neben dem Körper als zentralem Ausdrucksmittel werden Instrumente, Stimme, Materialien und Neue Medien verwendet. Bezüge zur Bildenden Kunst und Literatur zeigen die Intermedialität, also das Zusammenwirken verschiedener Ausdrucksmedien.

In Rhythmik hängen Inhalt, Methode und Ziel eng zusammen. Improvisation kann selbst Unterrichtsgegenstand sein, ein Mittel zur Erkundung eines Themas oder ein Qualitätsmerkmal spontanen Gestaltens innerhalb eines vorgegebenen Kontexts. Typische Prinzipien sind Exploration, Improvisation und Gestaltung, Wahrnehmungsdifferenzierung und Sensomotorik sowie Kommunikation und Interaktion. Kennzeichnend ist die ästhetische Transformation, etwa zwischen Musik und Bewegung bzw. Tanz, Bild und Musik oder Bewegung und Text. Zunehmend werden digitale Medien einbezogen.

Ziele und Anwendungsfelder

Rhythmik soll die Sinne sensibilisieren sowie Ausdrucksvermögen und Gestaltungsfähigkeiten in Musik und Bewegung entwickeln. Sie vermittelt Verständnis für Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Musik und Bewegung, für grundlegende Gestaltungselemente der Musik, Bewegungsparameter und soziale Interaktion.

Der Körper ist das tragende Medium. Rhythmiker gestalten und kommunizieren bewegend, instrumental-musikalisch, verbal, mimisch und tänzerisch. Sie regen Lernende über mehrere Sinneswege zu eigenen Kreationen, Gestaltungen und Erkenntnissen an. Improvisation ist ein wesentlicher und dauerhafter Bestandteil. Die Offenheit gegenüber Menschen, ihren Ausdrucksformen und künstlerischen Werken soll kulturelle Diversität und Aktualität gewährleisten.

Rhythmik richtet sich an alle Altersstufen: vom Kleinkind bis zu alten und sehr alten Menschen. Sie wird auch in inklusiven Gruppen sowie in Sonder- und Heilpädagogik eingesetzt. Kurse gibt es beispielsweise an Musikschulen, Kindertagesstätten, Jugendzentren, Tanz- und Bewegungszentren und Einrichtungen kulturell-ästhetischer Bildung.

Ausbildung und Beruf

Rhythmik kann an Musikhochschulen, Konservatorien und Universitäten studiert werden. Die Ausbildung zum Rhythmiklehrer oder zur Rhythmiklehrerin schließt mit Bachelor of Music (B.M.) oder Bachelor of Arts (B.A.) ab. Voraussetzung ist eine bestandene Eignungsprüfung im Hauptfach Rhythmik, im Instrument sowie in Gehörbildung und Satzlehre/Musiktheorie. Teilweise gibt es Masterstudiengänge mit künstlerischem oder pädagogischem Schwerpunkt im Bereich Musik und Bewegung.

Rhythmikerinnen und Rhythmiker arbeiten unter anderem an Musikschulen mit Kindern ab einem Jahr in Eltern-Kind-Gruppen, in Kindergärten und Schulen, in Erwachsenenbildung und Erzieherschulen. Weitere Arbeitsfelder sind Choreografie, Theater, Tanz, Musiktheater, Performance, Gerontologie sowie die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. Feste Stellen sind selten; meist ermöglicht selbstständige Arbeit ein vielfältig gestaltbares Berufsleben.

Der Arbeitskreis Musik und Bewegung / Rhythmik an Hochschulen (AMBR) vernetzt diplomierte Rhythmikerinnen und Rhythmiker an bundesdeutschen Hochschulen. Er will das Fach in künstlerischen, pädagogischen und therapeutischen Ausbildungen stärken, Forschung fördern und künstlerische Praxis im kulturpädagogischen und sozialen Rahmen reflektieren und unterstützen. Seine zweimal jährlich stattfindenden Treffen dienen dem fachlichen Austausch, hochschulpolitischen Entwicklungen, der outcome-orientierten Aktualisierung von Ausbildungsinhalten sowie der Planung von Symposien und Kongressen.

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