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Quantitative Revolution
Die Quantitative Revolution bildet einen der wichtigsten Paradigmenwechsel in der Geschichte der modernen Geographie und bedeutete eine Abkehr von der …
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Kern und Bedeutung
Die Quantitative Revolution war einer der wichtigsten Paradigmenwechsel der modernen Geographie. In den 1950er- und 1960er-Jahren wandte sich das Fach von der traditionellen idiographischen Forschung ab, die vor allem einzelne Länder und Räume beschrieb. Stattdessen entwickelte sich die Geographie von der Länderkunde zu einer räumlichen Wissenschaft, die allgemeine Gesetzmäßigkeiten räumlicher Strukturen und Prozesse untersucht.
Der Wandel sollte die Geographie wissenschaftlich stärken. Sie galt in der Nachkriegszeit als schwach und unwissenschaftlich. Zugleich wuchs in den frühen 1950er-Jahren das Interesse an der Frage, wie physische, wirtschaftliche, soziale und politische Prozesse räumlich organisiert sind. Aus abstrakten und theoretischen Ansätzen entstand eine analytische Untersuchungsmethode. Ihr Ziel waren logisch gültige Verallgemeinerungen über räumliche Zusammenhänge.
Verlauf und theoretische Neuorientierung
Die Quantitative Revolution begann an europäischen Universitäten, besonders an der University of Cambridge, der University of Bristol und der Universität Lund, sowie an US-amerikanischen Hochschulen wie der University of Iowa und der University of Washington. Besonders wichtig war die Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Lund und Washington.
Im deutschen Sprachraum setzte sich die Neuorientierung zunächst nur zögerlich durch. Einen entscheidenden Punkt bildete der Deutsche Geographentag in Kiel 1969. Dort bündelten sich verschiedene Bestrebungen zur Erneuerung des Faches. Vor allem junge Fachvertreter, darunter viele Fachdidaktiker, forderten eine theoretische, methodische und anwendungsbezogene Neuausrichtung der wissenschaftlichen Geographie.
Theoretisch besonders einflussreich war Dietrich Bartels’ Habilitationsschrift „Zur wissenschaftstheoretischen Grundlegung einer Geographie des Menschen“. Neu waren sowohl die Suche nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Raums als auch ihre wissenschaftstheoretische Begründung.
Quantitative Methoden und Modelle
Die neue Forschungsrichtung setzte verstärkt computergestützte statistische Methoden ein, insbesondere multivariate Analysen. Dabei werden mehrere Merkmale oder Variablen gleichzeitig untersucht. Mathematische Techniken sollten die Genauigkeit geographischer Untersuchungen erhöhen.
Die quantitative Geographie umfasste im Wesentlichen zwei Bereiche:
- statistische Methoden, darunter beschreibende Statistik zur geordneten Darstellung von Daten und Inferenzstatistik zum Ableiten allgemeiner Aussagen aus Stichproben;
- mathematische Verfahren zur Modellbildung, also zur vereinfachten Darstellung räumlicher Zusammenhänge.
Zu den eingesetzten Techniken gehörten grundlegende mathematische Gleichungen und Modelle wie das Modell der Schwerkraft oder die Coulomb-Gleichung sowie deterministische Modelle, bei denen die Ergebnisse durch festgelegte Bedingungen eindeutig bestimmt werden.
Die starke Konzentration auf statistische Modellierung wurde schließlich zu einem Problem. In den 1970er-Jahren verlor die quantitative Geographie an Bedeutung.
Gesellschaftliche Anwendung
Die Anwendungsorientierung sollte vor allem gesellschaftspolitische Relevanz schaffen. Anfangs wurde teilweise kritisiert, dass der quantitative Ansatz nur begrenzt praktisch anwendbar sei. Dietrich Bartels und später Martin Boesch versuchten deshalb, auf der Grundlage des raumwissenschaftlichen Ansatzes eine „engagierte“ Geographie zu entwickeln.
Im englischen Sprachraum entstand mit der „welfare geography“ ein ähnlicher Ansatz. Er orientierte sich an Wohlstandsindikatoren wie dem Wohlbefinden und sollte räumliche Unterschiede mit Blick auf gesellschaftliche Fragen untersuchen.
Langfristige Folgen
Die wichtigsten Wirkungen gingen weniger von der Revolution selbst als von der Verbreitung positivistischen Denkens aus. Dieser Ansatz richtet Forschung auf beobachtbare, messbare und überprüfbare Zusammenhänge aus.
Während der Quantitativen Revolution wurde die Entfernung zunehmend als entscheidender Faktor für das Verständnis der räumlichen Anordnung von Phänomenen betrachtet. Dieses Interesse führte zur Formulierung des ersten Hauptsatzes der Geographie durch Waldo Tobler.
Der verstärkte Einsatz von Computern förderte außerdem neue Entwicklungen in der Geomatik, also der computergestützten Erfassung, Verarbeitung und Darstellung räumlicher Daten. Dazu gehörten insbesondere die Schaffung und Anwendung von Geoinformationssystemen (GIS) und der Fernerkundung.