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Prinzip der wohlwollenden Interpretation
Das Prinzip der wohlwollenden Interpretation fordert, dass man Ideen, gegen die man argumentiert, im bestmöglichen Licht darstellt.
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Grundprinzip und Zweck
Das Prinzip der wohlwollenden Interpretation ist eine methodische Regel für Diskussionen und die Auslegung von Aussagen. Es fordert, Ideen, gegen die man argumentiert, im bestmöglichen Licht darzustellen. Besonders in Philosophie und Rhetorik sollen Äußerungen von Gesprächspartnern möglichst als rational und bei Meinungsverschiedenheiten in ihrem stärksten sinnvollen Verständnis aufgefasst werden.
Das Ziel besteht darin, anderen Menschen nicht vorschnell Irrationalität, Trugschlüsse oder Unwahrheiten zuzuschreiben, wenn ihre Aussagen auch schlüssig und rational interpretiert werden können. Nach Simon Blackburn zwingt das Prinzip den Hörer dazu, „die Wahrheit und Rationalität in den Äußerungen des Anderen zu maximieren“. Wer eine gegnerische Position absichtlich schwächer oder unsinniger darstellt, als sie ist, verstößt gegen dieses Prinzip; ein solches Vorgehen kann als Strohmann-Argument gelten.
Entstehung und klassische Anwendung
Vorläufer des Prinzips gab es bereits in der Scholastik. Petrus Abaelardus erklärte im Prolog seiner Kompilation „Sic et non“, man solle bei scheinbar fehlerhaften Textstellen nicht leichtfertig Mängel bei den Autoren vermuten. Stattdessen könne man zunächst annehmen, eine Stelle sei unzuverlässig übersetzt, verdorben überliefert oder nicht richtig verstanden worden.
Neil L. Wilson prägte 1958/1959 die Bezeichnung „principle of charity“. Er wandte das Prinzip vor allem auf die Bestimmung der Referenz von Eigennamen an. Die Referenz ist die Person oder der Gegenstand, auf die beziehungsweise den sich ein Name bezieht.
Wilson erläuterte dies an einer Person namens „Charles“, die fünf Aussagen über „Cäsar“ macht: Cäsar habe Gallien erobert, den Rubikon überschritten, sei an den Iden des März ermordet worden, sei nach dem Ablativus absolutus süchtig gewesen und mit Boadicea verheiratet gewesen. Als Referenzobjekt des Namens „Cäsar“ soll der Gegenstand beziehungsweise die Person gewählt werden, durch den oder die möglichst viele dieser Aussagen wahr werden.
Radikale Übersetzung und Interpretation
Willard Van Orman Quine und sein Schüler Donald Davidson formulierten verwandte Regeln im Zusammenhang mit der „radikalen Übersetzung“ beziehungsweise der „radikalen Interpretation“. Dabei geht es darum, Äußerungen ausgehend von Sprache und Verhalten verständlich zu machen.
Quines Maxime der Erstübersetzung besagt sinngemäß: Wenn eine Aussage auf den ersten Blick erstaunlich falsch erscheint, liegt möglicherweise ein verborgener sprachlicher Unterschied vor. Ab einem gewissen Punkt sei eine schlechte Übersetzung oder sprachliche Abweichung wahrscheinlicher als extreme Unvernunft des Gesprächspartners.
Davidson sprach gelegentlich vom „Prinzip der rationalen Anpassung“. Ihm zufolge ergeben die Worte und Gedanken anderer am meisten Sinn, wenn man sie so interpretiert, dass man ihnen möglichst weitgehend zustimmen kann.
Prinzip der Menschlichkeit
Daniel Dennett und Richard Grandy diskutierten eine verwandte Fassung als „Prinzip der Menschlichkeit“ („principle of humanity“). Danach soll man Sprechern diejenigen propositionalen Einstellungen zuschreiben, die man unter denselben Umständen vermutlich selbst entwickeln würde. Propositionale Einstellungen sind geistige Haltungen zu Aussagen, etwa Überzeugungen.
Diese Fassung verlangt nicht, alle Aussagen anderer für wahr zu halten. Man darf und soll ihnen auch falsche Überzeugungen zuschreiben, wenn ihre epistemische Situation – also ihre Wissenslage und die ihnen zugänglichen Hinweise – eine solche Überzeugung plausibel macht. Sieht beispielsweise jemand auf eine Uhr, die vier Uhr anzeigt, wird diese Person wahrscheinlich glauben, es sei vier Uhr. Das gilt auch dann, wenn der Interpret weiß, dass die Uhr eine halbe Stunde vorgeht.