Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Pays Bas (Niamey)
Pays Bas (auch: Saga Kourtey) ist ein Stadtteil von Niamey in Niger. Er entwickelte sich in den 1990er Jahren zu einem landesweit bekannten Armenviertel.
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Lage
Pays Bas, auch Saga Kourtey genannt, ist ein Stadtteil von Niamey, der Hauptstadt Nigers. Er gehört zum Stadtviertel Pays Bas-Tondi Gammé im Arrondissement Niamey IV. Seit den 1990er Jahren ist Pays Bas landesweit als Armenviertel bekannt geworden. Sein Erscheinungsbild entspricht unter den Stadtteilen Niameys am ehesten dem eines typischen Slums.
Der Stadtteil liegt auf einer Flussterrasse des Stroms Niger. Nördlich befindet sich Talladjé, nordöstlich der Flughafen Niamey, südöstlich durch Gärten getrennt Tondi Gammé, südlich Saga Sahara und westlich das Industriegebiet von Gamkalley Golley. Die Lage ist für das Verständnis des Stadtteils wichtig: Pays Bas liegt tiefer als die nördlich verlaufende Nationalstraße 1, weshalb von dort aus nur wenige Häuser zu sehen sind.
Naturraum und Risiken
Pays Bas liegt in einem Gebiet, das durch Erosion gefährdet ist. Durch den Stadtteil verläuft ein Trockental, also ein Tal, das meist trocken ist, bei starken Regenfällen aber Wasser führt. Dadurch können Wohnhäuser beschädigt oder bedroht werden. Regenwasser sammelt sich in Lachen und im Süden des Stadtteils in temporären Tümpeln, also zeitweise bestehenden Wasserflächen.
Der Boden ist teilweise von Laterit bedeckt. Laterit ist ein rötlicher, eisenreicher Boden, der in tropischen Regionen vorkommt. Typische Pflanzen in Pays Bas sind Guiera senegalensis und Kinkéliba. Außerdem wachsen dort Niembäume sowie in den Gärten im Süden Mango- und Zitronenbäume.
Wohnen und Lebensbedingungen
Die Wohnhäuser in Pays Bas sind meist einfache Lehmziegelbauten ohne Komfort. Gekocht wird im Freien. Es gibt kein Fließwasser, daher auch keine Duschen und keine Wasserklosetts. Dass viele Häuser aus Lehmziegeln bestehen, zeigt zugleich, dass die Bewohner wirtschaftlich besser gestellt sind als Menschen in manchen anderen Siedlungen Niameys, in denen runde Strohhütten üblich sind.
Trotzdem gilt Pays Bas als weithin bekanntes Armenviertel. Die schlechte Ausstattung, die einfachen Häuser und die gefährdete Lage durch Regenwasser und Erosion prägen den Alltag. Bei Nacht ist es gefährlich, sich dort zu Fuß zu bewegen.
Entstehung der Siedlung
In der französischen Kolonialzeit befand sich auf dem Gebiet von Pays Bas ein Schießplatz. Spätestens in den 1930er Jahren ließen sich dort drei oder vier Hirtenfamilien nieder. Sie gehörten zu den ethnischen Gruppen der Fulbe und Kurtey aus Saga und betrieben Viehzucht und Ackerbau.
In den 1980er Jahren begannen traditionelle Landeigentümer aus Saga, Grundstücke zu verkaufen. Die staatlichen Autoritäten stimmten der Schaffung des Stadtteils jedoch nicht zu. Pays Bas entwickelte sich daher als informelle Siedlung. Informelle Parzellierung bedeutet, dass Land ohne offizielle staatliche Planung oder Genehmigung in Grundstücke aufgeteilt und verkauft wird. Diese Praxis gab es in manchen Gegenden Niameys von den 1960er Jahren bis zum Beginn der 1990er Jahre. Weitere Beispiele sind Talladjé, Zarmagandey, Nialga und Koubia.
Die neue Siedlung wurde zunächst Saga Kourtey genannt. Saga Kourtey war eigentlich ein Viertel von Saga am Fluss Niger, in dem der traditionelle Ortsvorsteher, der chef traditionnel, seinen Sitz hatte. Zu seinem Gebiet gehörte auch der neue Stadtteil. Die Einwohner zahlten ihm Steuern, und er hatte vor Ort einen Repräsentanten.
Wachstum und Name
Mitte der 1990er Jahre beschleunigten sich der Verkauf von Grundstücken und der Zuzug. Ein Grund war die damalige Wirtschaftskrise in Niger: Land und Baumaterial waren günstig zu erwerben. In dieser Zeit entwickelte sich Pays Bas zu einem besonders bekannten Armenviertel.
In den 1990er Jahren erhielt der Stadtteil den Namen Pays Bas. Der französische Name bedeutet einerseits „niederes Land“, was zur tiefer gelegenen Flussterrasse passt. Andererseits ist Pays Bas auch der französische Name für die Niederlande. Manche leiten den Ortsnamen davon ab, dass die Niederlande die Errichtung von Strommasten finanziell unterstützten.
Nach Pays Bas zogen sowohl Menschen von außerhalb Niameys als auch ehemalige Bewohner des Stadtzentrums. Zu ihnen gehörten Angehörige verschiedener ethnischer Gruppen, darunter Hausa, Zarma, Songhai, Fulbe und Tuareg. 2009 ließ Staatspräsident Mamadou Tandja in Pays Bas einen öffentlichen Brunnen errichten, um ein Zeichen gegen die staatliche Vernachlässigung des Armenviertels zu setzen. Der Brunnen hieß Pompe Tazartché. Tazartché ist ein Hausa-Begriff und bedeutet „es muss weitergehen“; er war das Motto von Tandjas Kampagne für eine dritte Amtszeit, die in der Verfassung nicht vorgesehen war.
Neuere Entwicklung und Konflikte
Um 2012 wurde Pays Bas mit Tondi Gammé zum neuen Stadtviertel Pays Bas-Tondi Gammé zusammengeschlossen. Ein quartier, also ein Stadtviertel, hat den Anspruch auf einen eigenen traditionellen Ortsvorsteher.
Der Stadtteil wurde außerdem zu einer Durchgangsstation für Migranten aus anderen afrikanischen Ländern, die auf dem Weg nach Europa waren. Gleichzeitig wuchs die Siedlung weiterhin außergesetzlich in der Einflugschneise des Flughafens Niamey. Dadurch nahmen Sicherheitsbedenken zu. Das Verkehrsministerium versuchte 2013 erstmals, die Bewohner gefährdeter Zonen dazu zu bewegen, ihre Wohnungen aufzugeben.
2017 veranlasste die Stadtverwaltung von Niamey schließlich die gewaltsame Räumung und Zerstörung großer Teile der neuen Ansiedlungen. Die Bewohner leisteten starken Widerstand, und es kam zu mehreren Verletzten. 2021 brannte eine Schule, in der Strohhütten als Klassenzimmer genutzt wurden. Dabei starben etwa 20 Kinder im Vorschulalter.