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Neogeographie
Neogeographie („neue Geographie“) bezeichnet häufig die Nutzung von geographischen Techniken und Werkzeugen zu persönlichen oder gemeinschaftlichen Zwecken …
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Grundidee und Bedeutung
Neogeographie, wörtlich „neue Geographie“, bezeichnet häufig die Nutzung geographischer Techniken und Werkzeuge durch Menschen, die keine Fachleute sind. Diese Nutzung dient meist persönlichen oder gemeinschaftlichen Zwecken. Der Anwendungsbereich ist oft weniger formal und weniger analytisch als in der klassischen Fachgeographie oder in professionellen Geoinformationssystemen.
Wichtig ist der Gegensatz zu traditionellen Geoinformationssystemen, kurz GIS. GIS sind Systeme zum Erfassen, Verwalten, Analysieren und Darstellen räumlicher Daten. Sie wurden lange vor allem für Fachanwendungen entwickelt, bei denen Präzision und Genauigkeit besonders wichtig sind. Neogeographie zielt dagegen auf leicht zugängliche Anwendungen, die auch von Amateuren genutzt werden können. Beide Ansätze schließen sich aber nicht aus: Sie behandeln oft dasselbe Grundproblem, nämlich den Umgang mit räumlichen Informationen, nur für unterschiedliche Nutzergruppen wie Experten und Nicht-Experten.
Entwicklung des Begriffs
Die Bezeichnung Neogeographie wird seit 1922 genutzt. In den frühen 1950er Jahren wurde sie in den USA für soziale Aspekte von Produktion und Arbeit verwendet. Der französische Philosoph François Dagognet nutzte den Begriff im Titel seines 1973 erschienenen Buches „Une Epistemologie de l’espace concret: Neo-geographie“. In den 1990er Jahren verwendete Kenneth Dowling, Bibliothekar der Stadt San Francisco, das Wort im Zusammenhang mit dem Studium von Online-Communities.
Vor dem heutigen Gebrauch gab es in der englischsprachigen Fachpresse andere Bezeichnungen, darunter „the geospatial Web“ und „the geoaware Web“ im Jahr 2005, „Where 2.0“ ebenfalls 2005 sowie „a dissident cartographic aesthetic“ und „mapping and counter-mapping“ im Jahr 2006.
Der moderne Begriff hängt eng mit Web 2.0 zusammen, also mit stärker nutzerorientierten und gemeinschaftlichen Formen des Internets. Entscheidend war auch, dass Karten und räumliche Techniken leichter verfügbar wurden. Beispiele sind „slippy maps“, also interaktive verschiebbare Onlinekarten, wie Google Maps und Google Earth. Hinzu kamen sinkende Kosten für mobile Geräte zur schnellen Ortung, etwa GPS-Empfänger. Dadurch wurden räumliche Funktionen zunehmend auch in Anwendungen eingebaut, die vorher keinen Raumbezug hatten.
Eine erste zeitgenössische Definition formulierte Randall Szott 2006. Er verstand Neogeographie breit und bezog auch Künstler, Verhaltensforscher und weitere Gruppen ein. Andrew Turner fasste die stärker technischen Aspekte später in „Introduction to Neogeography“ von O’Reilly, 2006, enger. Das heutige Verständnis ist vielfach mit Lokativen Medien verbunden. Damit sind Medien gemeint, die ortsbezogene Dienste nutzen oder erweitern und dadurch persönlichen Ausdruck sowie gesellschaftlichen Mehrwert ermöglichen.
Streit um die Definition
Über Umfang und Anwendung der Neogeographie gab es laut Artikel mit Stand 2011 größere Debatten im Web Mapping, in der Geographie und im GIS-Feld. Web Mapping bedeutet das Erstellen und Nutzen von Karten im Internet. Manche Diskussionen verstehen Neogeographie vor allem als einfacheren Zugang zu geographischen Werkzeugen. Andere betonen stärker die neuen Anwendungsfelder.
Neogeographie ist nicht auf eine einzelne Technologie beschränkt. Sie sollte auch nicht einfach gleichbedeutend mit Web Mapping verwendet werden, obwohl dies in Teilen der Literatur vorkommt. Der Begriff umfasst also mehr als nur Onlinekarten.
Einige Wissenschaftler aus Kartographie und Geographie, darunter Mike Goodchild, lehnen den Begriff teilweise ab. Ihr Argument lautet, dass Geographie eine solide wissenschaftliche Disziplin sei. Mashups und Tags in Google Earth seien demgegenüber keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eher „volunteered geographic information“, also freiwillig bereitgestellte geographische Information.
Gleichzeitig gibt es viele Designer und Quereinsteiger, die in neuen Formen der Kartenerstellung und ortsbezogenen Kunst arbeiten. Aus dieser Sicht beschreibt Neogeographie ein breiteres Feld, in dem technische Werkzeuge, Gestaltung, Gemeinschaftsarbeit und ortsbezogene Inhalte zusammenkommen.
Technische Grundlagen
Neogeographie wird durch mehrere Einflussfaktoren ermöglicht. Gemeinsam ist ihnen, dass räumliche Daten auch mit einfachen Instrumenten und durch wenig spezialisierte Personen erfasst werden können.
Eine zentrale Grundlage ist das Global Positioning System, kurz GPS. GPS ermöglicht es seit Mitte der 1990er Jahre, die eigene Position preiswert und mit wenigen Handgriffen zu bestimmen. In professioneller Vermessung wird häufig differentielles GPS genutzt. Dabei verbessern Referenzsignale die Genauigkeit. In einfachen neogeographischen Anwendungen wird darauf wegen zusätzlicher Kosten oft verzichtet.
Ebenso wichtig ist Standardisierung. Wenn Geodaten gemeinsam erhoben werden, müssen sie auf einheitlichen Plattformen zusammengeführt werden können. Maßgeblich für die Geo-Branche sind Standards des Open Geospatial Consortium. Dazu gehören Client-Server-Protokolle wie Web Map Service, kurz WMS, und Dateiformate wie GML oder GeoJSON. Solche Standards helfen dabei, den Aufbau der Daten und ihre Attribute, also Metadaten, einheitlich zu verstehen. Gerade für Web-Anwendungen und nutzerspezifische Inhalte wird deshalb oft auch Freie GIS Software genutzt.
Nutzerdaten und flexible GIS
Neogeographie wird außerdem mit der Zunahme nutzergenerierter geographischer Inhalte verbunden. Nutzergenerierte Geodaten sind räumliche Informationen, die von Nutzerinnen und Nutzern selbst erzeugt oder bereitgestellt werden. Der Artikel stellt dabei einen starken Bezug zu „volunteered geographic information“ her, also freiwillig bereitgestellten geographischen Informationen.
Solche Daten können aktiv erhoben werden. Ein Beispiel ist OpenStreetMap, bei dem Nutzerinnen und Nutzer Geodaten sammeln und in eine gemeinsame Karte eintragen. Sie können aber auch passiv entstehen, etwa durch Fotos auf Flickr, die mit Ortsinformationen oder Tags versehen sind.
Auch Geoinformationssysteme wurden flexibler. Traditionell waren GIS für Desktop-Systeme gedacht. Das passte zur klassischen Trennung zwischen der Begehung im Feld und der späteren Eintragung der Messungen am PC. Wenn fachfremdes Personal einbezogen wird, verändert sich dieser Ablauf teilweise. Um Zeit effektiv zu nutzen und Objekte genau zu beschreiben, werden mobile GIS und WebGIS-Portale eingesetzt. Mobile GIS sind GIS-Anwendungen auf mobilen Geräten; WebGIS-Portale stellen GIS-Funktionen über das Internet bereit. Sie haben meist einen eingeschränkteren Funktionsumfang, reichen aber häufig für Neueintragungen und die Pflege vorhandener Daten aus.