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Musiktheaterpädagogik

Musiktheaterpädagogik (synonym Musiktheatervermittlung) ist jene Form von Theaterpädagogik, die sich mit Musiktheater (Oper, Musical, Operette, Melodrama, …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Ziele und Anwendungsfelder
  3. 3. Arbeitsprozess und Methoden
  4. 4. Theoretische Grundlagen, Entwicklung und Ausbildung

Gegenstand und Bedeutung

Musiktheaterpädagogik, auch Musiktheatervermittlung genannt, ist eine Form der Theaterpädagogik. Sie beschäftigt sich mit Musiktheater wie Oper, Musical, Operette, Melodrama, Ballett, Musik-Kabarett, Experimentellem Musikalischem Theater und Instrumentalem Theater. Außerdem nutzt sie musikalische Methoden, um in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern szenisch zu arbeiten.

Im Unterschied zur Konzertpädagogik, die häufig verkürzt als „Musikvermittlung“ bezeichnet wird, konzentriert sich die Musiktheaterpädagogik ausschließlich auf die szenische Interpretation oder Vermittlung szenischer Musik. In der Musikpädagogik ist dafür auch die Bezeichnung Opernpädagogik üblich.

Ihre besondere Bedeutung liegt darin, dass Musiktheater nicht nur über Handlung, Thema und Textbuch erschlossen wird. Auch die Komposition und die Partitur sollen in die pädagogische Arbeit einbezogen werden. Dafür benötigen Musiktheaterpädagogen sowohl theaterpädagogische als auch musikalische Kenntnisse.

Ziele und Anwendungsfelder

Das zentrale Ziel ist, dass Kinder, Jugendliche oder erwachsene Laien Musik beziehungsweise Musiktheater selbstbestimmt und selbstreflexiv szenisch interpretieren. Selbstbestimmt bedeutet, dass die Beteiligten eigene Entscheidungen und Ausdrucksformen entwickeln. Selbstreflexiv heißt, dass sie ihre Erfahrungen, ihr Spiel und ihren Umgang mit Musik bewusst betrachten. Gegebenenfalls entsteht daraus eine eigene szenische Produktion eines Musik- oder Theaterstücks.

Die konkrete Arbeit hängt von der jeweiligen Institution und ihrem pädagogischen Zusammenhang ab. Sie kann beispielsweise in einem Opernhaus, einer Jugendbildungsstätte oder einem Altenheim sowie in Schule, Therapie oder Sozialarbeit stattfinden. Dort verbinden sich die unmittelbar auf Musik gerichteten Ziele häufig mit allgemeinen sozialen, politischen, kulturellen oder pädagogischen Zielen. Musiktheaterpädagogik trägt somit mit musikalisch-szenischen Mitteln zum Erreichen übergeordneter Bildungsziele bei.

Arbeitsprozess und Methoden

Der Gesamtprozess kann als musikbezogene Ausformung des theaterpädagogischen SAFARI-Modells nach Czerny (2006) beschrieben werden:

• S – Stoff: Der Stoff besteht aus einer Geschichte oder einem anderen inhaltlichen Impuls und aus Musik. Beide Elemente geben Anstöße für das szenische Spiel.

• A – Auftakt: Aufwärmübungen vermitteln musikalische Basiserfahrungen. Dabei entwickeln die Spielenden ein musikbezogenes Gespür für den eigenen Körper.

• F – Figur: Bei der Rolleneinfühlung versetzen sich die Beteiligten mithilfe von Rollenkarten und gezielt ausgewählten Musikstücken in andere Figuren.

• A – Aktion: Aus szenischer und musikalischer Improvisation sowie aus Übungen zu musikalischen Haltungen entstehen Spielszenen, in denen musikalische Tätigkeiten vorkommen.

• R – Reflexion: Der Spielleiter greift gezielt in das musikalisch-szenische Spiel ein. Zusätzlich werden die Erlebnisse anschließend besprochen und dadurch zu Lernerfahrungen im Umgang mit Musik verarbeitet.

• I – Inszenierung: Die improvisierten Szenen können zu einer eigenen szenisch-musikalischen Produktion weiterentwickelt werden. Mögliche Formen sind ein Musical, eine Musikgeschichte, ein Musikfilm, eine Straßenaktion nach Boal, ein musikalischer Flashmob oder Experimentelles Musikalisches Theater nach Reinighaus/Schneider (2004).

Aus diesem Ablauf stammen die Einzelmethoden des „Methodenkatalogs für Szenische Interpretation von Musik und Theater“ nach Brinkmann et al. (2010). Entfällt die Inszenierung, wird ein Fünf-Phasen-Modell verwendet. Es ergänzt als Gegenstück zur Rolleneinfühlung eine Ausfühlung, mit der die Spielenden die Rolle wieder verlassen: A Vorbereitung – F Einfühlung – A szenisches Spiel – F* Ausfühlung – R Reflexion.

Theoretische Grundlagen, Entwicklung und Ausbildung

Die Musiktheaterpädagogik verbindet theaterwissenschaftliche, musikwissenschaftliche und erziehungswissenschaftliche Grundlagen. Aus der Theaterwissenschaft greift sie Arbeiten und Theorien von Konstantin Stanislawski, Bertolt Brecht und Augusto Boal auf. Musikwissenschaftlich stützt sie sich auf Wolfgang Martin Strohs Psychologie musikalischer Tätigkeit und auf Rudolf Nykrins Erfahrungslernen, also Lernen durch die bewusste Verarbeitung eigener Erfahrungen. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht folgt sie dem pädagogischen Konstruktivismus, nach dem Lernende Wissen und Bedeutung aktiv entwickeln. Markus Kosuch führte diese drei Begründungsstränge 2005 zusammen.

Traditionell ausgebildeten Theaterpädagogen an Opernhäusern und Mehrspartentheatern fehlte nach ihrer eigenen Einschätzung häufig das musikalische Fachwissen, um Werke auch von Komposition und Partitur her zu vermitteln. Am 7. April 2006 forderten die Teilnehmer des Berliner Symposiums „Musiktheaterpädagogik – Chance und Notwendigkeit“ deshalb eine besondere musikbezogene Ausbildung. Sie stellten fest, dass nur wenige deutsche Spielstätten neben der allgemeinen Theaterpädagogik eine eigene musiktheaterpädagogische Abteilung unterhielten. Mangels eines besonderen Ausbildungsgangs werde die Arbeit selbst an Opernhäusern häufig fachfremd oder überhaupt nicht erledigt; dadurch bleibe das kultur- und sozialpädagogische Potenzial des Musiktheaters weitgehend ungenutzt. Gefordert wurden spezielle Fortbildungen sowie feste Stellen und selbstständige musiktheaterpädagogische Abteilungen an allen Spielstätten.

Obwohl es bereits seit 1995 an der Staatsoper Stuttgart und seit 2001 an der Staatsoper Berlin Stellen für Musiktheaterpädagogen gab, gilt die Presseerklärung des Symposiums als Geburtsstunde des Begriffs „Musiktheaterpädagogik“.

Das 2001 in Berlin gegründete Institut für Szenische Interpretation von Musik und Theater (ISIM) bietet Fortbildungen für Theaterpädagogen und eine Ausbildung in „Musiktheatervermittlung“ am Mozarteum in Salzburg an. Weiterbildungen vom Theater- zum Musiktheaterpädagogen gibt es außerdem an der Staatsoper Berlin unter dem Titel „Musiktheaterpädagogische Fortbildung“ und an der Oper Frankfurt als „Jetzt Oper für Dich! Fortbildung“.

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