Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Minamisanriku

Der Tsunami erreichte hier Tsunamispuren zufolge eine Überflutungshöhe von mindestens 14,3 m und einem Zeugenbericht zufolge 15,4 m. Das 160 m …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Lage
  2. 2. Geschichte, Wirtschaft und Infrastruktur
  3. 3. Tsunamigefahr und Vorsorge
  4. 4. Zerstörung 2011
  5. 5. Opfer und Evakuierung
  6. 6. Wiederaufbau nach der Katastrophe

Überblick und Lage

Minamisanriku (japanisch 南三陸町, -chō) ist eine Hafenstadt im Landkreis Motoyoshi in der Präfektur Miyagi im Nordosten Japans. Sie liegt in der Region Tōhoku an der pazifischen Sanriku-Riasküste. Am 11. März 2011 wurde die Stadt durch einen Tsunami infolge des Tōhoku-Erdbebens in weiten Teilen verwüstet. Die Stadt hatte am 1. März 2021 eine Fläche von 163,74 km² und 10.896 Einwohner, also eine Bevölkerungsdichte von 67 Einwohnern je km².

Das Gemeindegebiet ist stark von der Küstenform geprägt: Die Sanriku-Küste ist zerklüftet, und die Buchten und Täler können Tsunamiwellen räumlich einengen und weit ins Landesinnere lenken. Mehr als 70 % des Gemeindegebietes sind bewaldet, weil ein großer Teil zum Kitakami-Bergland gehört. Die Siedlungen liegen deshalb vor allem an Flussmündungen. Die gesamte Küste gehört wegen ihrer natürlichen Schönheit zum Minamisanriku-Kinkazan-Quasinationalpark.

Die Stadt besteht aus vier Ortsteilen: Utatsu im Norden an der Isatomae-Bucht, Shizugawa an der Shizugawa-Bucht, Iriya in einem nordwestlichen Tal und Tokura im südlichen Teil der Shizugawa-Bucht. Shizugawa bildet den Hauptteil der Stadt. Die Shizugawa-Bucht öffnet sich nach Osten zum Pazifik und hat einen 6,6 km breiten Buchteingang bei einer Gesamtfläche von 46,8 km². In ihr münden mehrere Flusstäler, unter anderem Mizushiri-gawa, Hachiman-gawa und Araita-gawa. Die städtisch entwickelten Gebiete reichen dort bis etwa 1,5 km ins Binnenland.

Geschichte, Wirtschaft und Infrastruktur

Die Stadt Minamisanriku entstand am 1. Oktober 2005 durch den Zusammenschluss der Gemeinden Shizugawa und Utatsu. Die kleineren Täler an der Sanriku-Küste waren früher meist von halb selbständigen Fischerweilern geprägt, deren Bewohner sich über eigene Gemeinschaftsverträge organisierten.

Die Fischerei ist für Minamisanriku wirtschaftlich besonders wichtig. Dazu gehört auch Aquakultur, also die kontrollierte Aufzucht von Wasserorganismen. In der Stadt blüht die Aquakultur von Silberlachs, Jakobsmuscheln und Austern. Deshalb sind Tsunamischäden an solchen Anlagen ein ernstes wirtschaftliches Problem.

Minamisanriku ist über die JR East Kesennuma-Linie an das Schienennetz angeschlossen, mit Verbindungen nach Maeyachi in Ishinomaki oder nach Kesennuma. Der Hauptbahnhof ist Shizugawa. Wichtige Fernstraßen sind die Nationalstraße 45 nach Sendai oder Aomori und die Nationalstraße 398 nach Ishinomaki oder Yurihonjō.

Zur Bildungsinfrastruktur gehören fünf Grundschulen, vier Mittelschulen und die präfekturale Shizugawa-Oberschule. Seit dem 17. Mai 2006 unterhält Minamisanriku eine Städtepartnerschaft mit Shōnai. Diese geht auf eine Städtefreundschaft von Oktober 1968 zwischen dem früheren Utatsu und Tachikawa zurück, das 2005 in Shōnai aufging.

Tsunamigefahr und Vorsorge

Die Sanriku-Küste ist seit langem ein Gebiet mit hoher Tsunamigefahr. Innerhalb von rund einhundert Jahren trafen drei große Tsunamis die Tōhoku-Region einschließlich Minamisanriku: der Meiji-Sanriku-Tsunami 1896, der Shōwa-Sanriku-Tsunami 1933 und der Chile-Tsunami 1960. Für die Katastrophen werden in Minamisanriku folgende Gesamtbilanzen genannt: 1896 wurden 475 Häuser völlig zerstört und 1234 Menschen starben; 1933 wurden 187 Häuser völlig zerstört und 85 Menschen starben; 1960 wurden 601 Häuser völlig zerstört und 38 Menschen starben. Bei der Tōhoku-Katastrophe 2011 wurden 3167 Häuser völlig zerstört und 812 Tote und Vermisste gezählt, wobei diese Zahl aus späteren Schadensberichten berechnet wurde.

Wegen dieser Erfahrungen war die Gefahr von Tsunamis in Minamisanriku stark im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Nach dem Chile-Tsunami von 1960 wurden Schutzmauern und Tsunamiwehre mit +4,6 m Höhe über dem mittleren Meeresspiegel gebaut. An drei Flüssen gab es Tsunamitoren, die innerhalb von 15 Minuten geschlossen werden konnten, damit Tsunamiwasser nicht flussaufwärts ins Landesinnere vordrang. Außerdem fanden jährlich Evakuierungsübungen statt.

In Shizugawa wurden Mahnmale und Überflutungsmarken errichtet, um an frühere Tsunamis zu erinnern. Dazu gehörten ein Denkmal mit einer Bronzeskulptur eines Kondors als Geschenk Chiles und eine Moai-Statue. Beide standen im Matsubara-Park. Auch ein privates Wohngebäude wurde als Evakuierungsstätte ausgewiesen.

Vor 2011 erwartete man für die nahe Zukunft ein Miyagi-Erdbeben mit Tsunami. Deshalb gab es im Gebiet Shizugawa bereits fortgeschrittene Vorsorgemaßnahmen: eine Tsunami-Barriere, Zufluchtsstätten, Aufklärung zur Katastrophenvorsorge und seit 2006 freiwillige Katastrophenschutzorganisationen in den Nachbarschaften. Eine Tsunamigefahrenkarte wurde an alle Haushalte verteilt. Sie zeigte unter anderem das Überflutungsgebiet des Chile-Tsunamis von 1960, das erwartete Gebiet eines Miyagi-Tsunamis und 10 Evakuierungsstätten. Vor 2011 galt Minamisanriku international als gut vorbereitet und war ein wichtiges Ziel für Tsunami-Experten.

Zerstörung 2011

Der Tsunami vom 11. März 2011 traf Minamisanriku höher als erwartet. Die erste Tsunamiwarnung für die Präfektur Miyagi hatte eine Höhe von drei Metern vorhergesagt. In Minamisanriku waren frühere Tsunamis im Durchschnitt über 5 m hoch gewesen, doch 2011 erreichte der Tsunami in einigen Gebieten über 10 m. Die Überflutungshöhen und die überflutete Fläche übertrafen deutlich sowohl die Werte des Chile-Tsunamis von 1960 als auch die Erwartungen für das angenommene Miyagi-ken-oki-Erdbeben.

In Shizugawa wurde die Tsunami-Höhe an der Küste auf 16 m geschätzt; beim 300 m landeinwärts gelegenen Shizugawa-Krankenhaus wurden mindestens 11 m erfasst. Am Eingang der Shizugawa-Bucht gab es keinen Wellenbrecher, sodass die Wellen ungehindert in Richtung Stadt laufen konnten. Schutzanlagen wie Seawalls, Küstendeiche und Flussmündungsfluttore wurden schwer beschädigt oder völlig zerstört. Die Überflutungshöhe erreichte 15,9 m und überwand Tsunamiwehre und Gezeitenwellenbrecher.

Der Tsunami drang fast 3 km den Fluss Hachiman stromaufwärts und etwa 2 km in angrenzende Flusstäler vor. Insgesamt wurden 10 km² überflutet, darunter 52 % der Wohngebiete. Große Teile der niedrig gelegenen Stadt wurden vollständig zerstört. Die Zahl völlig zerstörter Wohngebäude wird mit 3143 angegeben. Schätzungsweise 31 der 80 ausgewiesenen Tsunami-Evakuierungsgebäude wurden beschädigt, die meisten weggerissen.

Auch stabile Bauten wurden schwer getroffen. Mehrere zwei- bis dreistöckige Stahlbetongebäude stürzten durch Trümmerwirkung und Unterspülung in Küstennähe ein. Viele vertikale Evakuierungsstrukturen hielten zwar stand, wurden aber mittel bis schwer beschädigt. Innerhalb von 500 m vom Hafenufer stürzten fast alle Holzgebäude ein. Die Utatsu-Ōhashi-Brücke, eine rund 300 m lange Spannbetonbrücke der Nationalstraße 45, verlor die meisten Beton-Aufbaudecks; die Stützen blieben stehen. An der Brücke betrug die Tsunami-Höhe 7,2 m, die Strömungsgeschwindigkeit etwa 6 m/s.

In Utatsu-Namiita und Utatsu-Minato wurden die meisten Häuser im Tiefland niedergerissen oder fortgeschwemmt. In Utatsu-Namiita wurden eine Überflutungshöhe von 18,0 m sowie Auflaufhöhen von 19,4 und 19,5 m gemessen. In Utatsu-Tanoura lagen die Auflaufhöhen bei 13 bis 16 m und damit deutlich höher als bei historischen Tsunamis. Auch frühere Mahnmale wurden zerstört, darunter Denkmäler für die Tsunamis von 1896, 1933 und 1960. Die Moai-Statue wurde umgestürzt, ihr Kopf aber wiedergefunden. Das Erdbeben verursachte bei Shizugawa außerdem eine horizontale Verschiebung von 4,42 m und eine Absenkung von 0,75 m.

Opfer und Evakuierung

In den ersten Tagen nach der Katastrophe berichteten Medien, in Minamisanriku würden 10.000 Menschen, also mehr als 50 % der Einwohner, vermisst. Diese Angabe stellte sich später als Falschinformation heraus, die auf die Verwirrung in der Stadtverwaltung zurückgeführt wird. Ebenfalls wurde berichtet, 95 % der Stadt seien zerstört worden.

Die Brand- und Katastrophenschutzbehörde FDMA meldete am 19. Mai 2011 zunächst 514 Tote und 664 Vermisste. In der späteren Schadenserfassung stieg die Zahl bis 2018 auf 620 Tote, während 211 Menschen weiterhin vermisst wurden. Bezogen auf die Volkszählung von 2010 mit 17.429 Einwohnern betrug die Opferrate 4,8 %, wenn alle im FDMA-Schadensbericht von 2018 registrierten Toten und Vermissten gezählt werden. Eine andere Berechnung auf Grundlage des FDMA-Berichts von 2016 und abzüglich katastrophenbedingter Todesfälle ergab 812 Tote und Vermisste beziehungsweise 4,66 %. Im direkt überfluteten Gebiet lag die Opferquote je nach Berechnung bei 5,64 % oder 6,9 %. 14.389 Menschen, also 83 % der Stadtbevölkerung, hatten in dem am 11. März 2011 überfluteten Gebiet gewohnt. Von 240 kommunalen Angestellten waren 39 tot oder vermisst.

Bei Evakuierungen war in Minamisanriku die Nutzung von Fahrzeugen untersagt. Begründet wurde das mit der Gefahr von Staus, ausfallenden Ampeln bei Stromausfällen, schlechtem Straßenzustand nach Erdbeben und dem Platzverbrauch durch Fahrzeuge in Evakuierungseinrichtungen. Von den 10 Evakuierungsstätten auf der Tsunamigefahrenkarte für Shizugawa lagen 8 auf Hügeln; nur eine davon wurde vom Tsunami erfasst.

Zwei weitere Evakuierungsstätten lagen im Gebiet, das schon 1960 vom Chile-Tsunami überflutet worden war: das Dach des öffentlichen Shizugawa-Krankenhauses und das Dach der Fischereikooperative Shizugawa. Das Shizugawa-Krankenhaus hatte 126 Betten und zwei Gebäude mit vier beziehungsweise fünf Geschossen. Der Tsunami überflutete vier Geschosse, erreichte aber nicht das fünfte Geschoss des fünfstöckigen Gebäudes. Viele Menschen überlebten auf dem Dach; 4 Angestellte und 70 Patienten, nach anderen Angaben zusammen 71 Menschen, starben im Gebäude. Das Gebäude der Fischereikooperative wurde am 11. März 2011 nicht zur Evakuierung genutzt.

Der Matsubara-Gemeindeapartmentblock war 2007 gezielt als Tsunami-Evakuierungsgebäude errichtet worden. Der Tsunami überspülte alle vier Geschosse und auch das Dach um etwa 70 cm; dennoch überlebten dort 44 Menschen. Das Takano-Kaikan-Hochzeitsfeiergebäude bot etwa 330 Gästen und Angestellten Zuflucht. Die schnelle Reaktion der Angestellten rettete vielen das Leben.

Besondere Bedeutung hatte das städtische Katastrophenschutzzentrum in Shizugawa. Von dort wurden Tsunamiwarnungen über ein Netz aus 105 Lautsprechern und drahtlosen Radioempfängern verbreitet. Am 11. März wurden die Warnungen effizient weitergegeben. Das dreigeschossige Gebäude wurde jedoch etwa 48 Minuten nach dem Erdbeben vom Tsunami getroffen und bis zum Dach überflutet. 43 Menschen starben dort, darunter 33 Mitarbeiter des Amtsstabes. Nur 10 oder 11 Menschen überlebten auf dem Dach, indem sie sich an Antennenmasten festklammerten. Die städtische Beamtin Miki Endo, die Notfalldurchsagen fortsetzte, gehörte zu den Todesopfern. Das verbliebene Stahlskelett wurde zu einem Denkmal; die Entscheidung über Erhalt oder Abriss wurde verschoben, und das Gebäude soll bis 2031 als Gebäude der Präfektur Miyagi dienen.

Wiederaufbau nach der Katastrophe

Der Wiederaufbau wurde dadurch erschwert, dass unter den im Katastrophenschutzzentrum gestorbenen kommunalen Angestellten auch Personen waren, die nach einer Katastrophe den Wiederaufbau hätten leiten sollen. Die Verwaltung war dadurch in ihrer Funktionsfähigkeit stark beeinträchtigt.

Wie andere japanische Gemeinden richtete Minamisanriku nach 2011 Wiederaufbauplanungsausschüsse ein. Daran waren Experten, Einwohner und Gemeindevertreter beteiligt. In Minamisanriku spielte ein Einwohnerausschuss eine wichtige Rolle, der „symbolische Projekte“ vorschlug, die in den Wiederaufbauplan aufgenommen wurden. Grundlage der Flächennutzungsplanung waren Tsunami-Simulationen für zwei Gefahrenstufen: Level 1 bezeichnet Tsunamis, die statistisch relativ häufig auftreten, etwa einmal in 100 oder weniger Jahren, und erhebliche Schäden verursachen. Level 2 bezeichnet Tsunamis des höchsten Levels, etwa den Tōhoku-Tsunami 2011, die statistisch seltener auftreten, etwa einmal in 1.000 Jahren, aber verheerende Zerstörungen verursachen können.

Küsten-Seawalls wurden in der Regel für häufigere Tsunamis ausgelegt. Bei einem Tsunami des höchsten Levels wäre trotzdem eine Überflutung möglich, sodass Evakuierung, Frühwarnsysteme und Fluchtwege entscheidend blieben. Die Pläne sahen Maßnahmen wie die Verlagerung von Wohngebieten, die Erhöhung von Land und mehrfachen Schutz durch Wälder oder Straßen vor. In niedrig gelegenen Gebieten sollten in Minamisanriku eher Parks, Handel und Industrie entstehen, nicht neue Wohngebiete.

In den nördlichen Küstengebieten der Präfektur Miyagi, darunter Minamisanriku, war für Umsiedlung nur begrenzt Land verfügbar, weil die Küste von steilem Gebirge gesäumt ist. Viele Fischerdörfer waren schwer getroffen und mussten verlegt werden. Da die Bewohner aber in der Nähe ihres Heimatortes und des Fischereihafens bleiben wollten, wurde eine getrennte Umsiedlung vorgeschlagen: Jedes Dorf sollte an einen kleinen Ort in Hanglage nahe dem ursprünglichen Standort ziehen.

Etwa ein Jahr nach der Katastrophe wurde die provisorische Einkaufsmeile Minamisanriku Sun Sun Shopping Village eröffnet. Chile schenkte der Stadt als Ersatz für die zerstörte alte Moai-Statue eine neue, zusammen mit Sockel fünf Meter hohe und 6 Tonnen schwere Statue, die auf der Osterinsel aus Stein gehauen wurde und später beim Einkaufszentrum aufgestellt wurde.

Nach der Katastrophe verließen viele Menschen betroffene Gemeinden. In Minamisanriku war die Kluft zwischen Abwanderern und Zuwanderern im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung 2011 mit 9,4 % besonders hoch. Bei jungen Menschen unter 15 Jahren lag sie sogar bei 14,6 %. Das verstärkte die Sorge über die Alterung der Bevölkerung. Einige Einwohner gaben den Wiederaufbau wegen fehlender Mittel auf und planten, die Stadt zu verlassen oder in öffentlichen Wohnungsbau zu ziehen.

Weiterlesen