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Keynes-Effekt

Der sogenannte Keynes-Effekt behauptet eine die Konjunktur belebende Wirkung der Deflation durch die mit der Anpassung der Kassenhaltung sinkenden Zinsen.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernaussage und Bedeutung
  2. 2. Wirkungsmechanismus
  3. 3. Grenzen des Effekts
  4. 4. Kritik
  5. 5. Verwandte Realkasseneffekte

Kernaussage und Bedeutung

Der Keynes-Effekt bezeichnet die Behauptung, dass Deflation, also ein sinkendes allgemeines Preisniveau, die Konjunktur über sinkende Zinsen beleben könne. Sinkende Preise erhöhen den realen Wert der vorhandenen Geldbestände. Haushalte und Unternehmen halten dadurch mehr reale Kasse, als sie wünschen, und fragen verstärkt Wertpapiere an. Deren Kurse steigen, die Zinsen sinken und private Investitionen nehmen zu. Dadurch steigen Güternachfrage, Einkommen und Beschäftigung.

Der Effekt wirkt nicht direkt vom Preisniveau auf die Güternachfrage, sondern indirekt über Geldmarkt, Wertpapiermarkt und Zins. Deshalb wird er auch als indirekt wirkender Realkasseneffekt bezeichnet. Im IS-LM-Modell verschiebt sich bei sinkenden Preisen die LM-Kurve nach rechts; der Schnittpunkt mit der IS-Kurve liegt dann bei einem höheren Einkommen und einer höheren Beschäftigung.

Die Bezeichnung nach John Maynard Keynes geht auf die Neoklassische Synthese von John R. Hicks zurück. Sie ist irreführend, weil Keynes selbst Deflation grundsätzlich als schädlich für Konjunktur, Investitionen und Beschäftigung ansah.

Wirkungsmechanismus

Ausgangspunkt ist die Geldmarktgleichgewichtsbedingung M/P = L. Dabei bezeichnet M/P das reale Geldangebot, also die nominale Geldmenge M geteilt durch das Preisniveau P; L steht für die gesamtwirtschaftliche Geldnachfrage.

Sinkt das Preisniveau, steigt bei unveränderter nominaler Geldmenge die reale Kassenhaltung. Sie übersteigt dann die gewünschte Transaktions- und Spekulationskasse. Haushalte und Unternehmen versuchen, den überschüssigen Geldbestand durch den Kauf von Anleihen abzubauen. Die erhöhte Nachfrage lässt die Anleihenkurse steigen. Da annahmegemäß Kurswert = Nominalverzinsung / Marktzins gilt, sinkt dabei der Marktzins. Niedrigere Zinsen fördern die privaten Nettoinvestitionen, erhöhen die Güternachfrage und führen zu einem höheren gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtseinkommen. Das Güterangebot passt sich in diesem Modell flexibel an die Güternachfrage an.

Bei einem steigenden Preisniveau läuft der Vorgang umgekehrt ab: M/P sinkt, sodass auf dem Geldmarkt ein Nachfrageüberschuss entsteht. Die Wirtschaftssubjekte verkaufen Wertpapiere, um zusätzliche Liquidität zu erhalten. Der Angebotsüberschuss auf dem Wertpapiermarkt senkt die Kurse und erhöht die Zinsen. Höhere Zinsen verringern Investitionen, Güternachfrage und Gleichgewichtseinkommen.

Im zugrunde liegenden Modell bewirken isolierte Preisniveauänderungen somit äquiproportionale Zinsänderungen. Das Preisniveau ist dabei keine eigenständige Bestimmungsgröße der Güternachfrage; seine Wirkung entsteht erst über den Geldmarkt und den Zins als Transmissionskanal.

Grenzen des Effekts

Der Keynes-Effekt bleibt in zwei wichtigen Sonderfällen wirkungslos:

• Bei einer Investitionsfalle ist die private Investitionsnachfrage vollkommen zinsunelastisch. Sie reagiert also nicht auf sinkende oder steigende Zinsen. Eine Preisänderung beeinflusst dann zwar den Geld- und Wertpapiermarkt, führt aber nicht zu veränderten Investitionen.

• In einer Liquiditätsfalle erhöht eine Preissenkung zwar die reale Geldmenge, doch das zusätzliche Geld fließt vollständig in die Spekulationskasse. Aufgrund pessimistischer Zinserwartungen wollen die Wirtschaftssubjekte nur Geld und keine Wertpapiere halten. Deshalb sinkt der Zins nicht weiter und die Investitionsnachfrage steigt nicht.

Kritik

Die Behauptung einer konjunkturbelebenden Deflation stützt sich auf sinkende Nominalzinsen. Entscheidend für Investitionen und Konjunktur ist jedoch der Realzins. Dieser ergibt sich hier aus dem Nominalzins zuzüglich der Deflationsrate und kann bei fallenden Preisen steigen. Ein niedrigerer Nominalzins muss Investitionen daher nicht tatsächlich verbilligen.

Nach Keynes wirkt Deflation verheerend auf die Beschäftigung: Erwarten Unternehmer weiter sinkende Löhne und Preise, schränken sie die Produktion ein. Die nach ihm benannte Wirkung beruht lediglich auf einer einmaligen, im selben Absatz stark eingeschränkten Aussage, dass niedrigere Löhne und Preise die nominalen Zinsen senken und dadurch Investitionen begünstigen könnten. Seine grundsätzliche Einschätzung war dagegen, dass Deflation Konjunktur, Investitionen und Beschäftigung belastet.

Paul Krugman hält zudem den Realkasseneffekt aus der Wertsteigerung des umlaufenden Geldes für vernachlässigbar. Dem Kaufkraftgewinn der Geldmenge könnten wesentlich größere Vermögensverluste gegenüberstehen. Als Beispiele nennt der Artikel den Immobiliensektor in der Finanzkrise und die Weltwirtschaftskrise 1929–33, in der die Deflation mit einem enormen Verfall der Börsenkurse einherging. Fallende Preise entwerten außerdem Immobilieninvestitionen sowie Farmen und Fabriken, deren Verkaufserlöse sinken.

Verwandte Realkasseneffekte

Den vergleichbaren Konzepten ist gemeinsam, dass sie Deflation eine konjunkturbelebende Wirkung zuschreiben, die in einer Krise wirtschaftliches Gleichgewicht und Vollbeschäftigung wiederherstellen könne. Damit widersprechen sie Keynes’ Auffassung von den krisenverschärfenden Folgen der Deflation.

• Realkasseneffekt: Bei sinkenden Preisen steigt die reale Kasse über die gewünschte Kassenhaltung, bei steigenden Preisen fällt sie darunter. Im IS-LM-Modell verschiebt ein niedrigeres Preisniveau die LM-Kurve und ihren Schnittpunkt mit der IS-Kurve nach rechts. Dieser allgemeine Effekt bildet die Grundlage der nach Pigou, Keynes und Patinkin benannten Varianten.

• Pigou-Effekt: Er betont den Vermögenseffekt bei den Haltern von Staatsanleihen. Durch das rückläufige Preisniveau fühlen sie sich wohlhabender, erhöhen ihre Konsumausgaben und steigern dadurch die gesamtwirtschaftlich nachgefragte Gütermenge.

• Patinkin-Effekt: Der Ansatz von Don Patinkin wird als erweiterter Realkasseneffekt oder Realkassenhaltungs-Effekt bezeichnet. Nach einer Preisänderung wird die reale Kassenhaltung durch eine steigende oder sinkende Konsumnachfrage an die gewünschte Kassenhaltung angepasst. Sinkende Preise erhöhen die Realkasse und damit die Güternachfrage. Patinkin betrachtet die Kassenhaltung unter dem Nutzenkonzept: Angestrebt wird ein Gleichgewicht zwischen dem Grenznutzen der Kassenhaltung und dem Grenznutzen zusätzlichen Konsums.

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