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Helmut Kentler

Helmut Kentler (* 2. Juli 1928 in Köln; † 9. Juli 2008 in Hannover) war ein deutscher Psychologe, Sexualwissenschaftler und Professor für Sozialpädagogik an …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Lebensweg und berufliche Stationen
  3. 3. Pädagogisches und sexualpolitisches Wirken
  4. 4. Positionen zu Sexualität und Gutachten
  5. 5. Kentler-Experiment und Aufarbeitung
  6. 6. Öffentliche Bewertung und Untersuchungen

Einordnung und Bedeutung

Helmut Kentler (* 2. Juli 1928 in Köln; † 9. Juli 2008 in Hannover) war ein deutscher Psychologe, Sexualwissenschaftler und Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover. Er wurde als Vertreter einer „emanzipatorischen“ Jugendarbeit und der Sexualaufklärung der 1960er und 1970er Jahre bekannt. In Fachkreisen trat er auch als Gerichtsgutachter und Experte für Kinder- und Jugendsexualität auf.

Heute wird Kentler vor allem wegen seiner sexualpolitischen Positionen und seiner praktischen Tätigkeit kritisch bewertet. Seit Anfang der 1990er Jahre werden Teile seiner Schriften und sein Handeln als aktive Förderung von Pädosexualität kritisiert. In neueren Aufarbeitungen gilt er als „Schlüsselfigur“ und als einer der Hauptakteure pädosexueller Netzwerke. Ihm wird zugeschrieben, seine Stellung genutzt zu haben, um Einfluss auf Fallführungen im Berliner Jugendamt zu nehmen. Die Folge wird als vielfache „Kindeswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung“ beschrieben.

Lebensweg und berufliche Stationen

Nach dem Abitur wollte Kentler zunächst Theologie studieren, sein Vater verlangte jedoch eine technische Berufsausbildung. Kentler machte deshalb eine Schlosserlehre bei der Lokomotivfabrik Henschel in Kassel und erhielt danach einen Studienplatz in Elektrotechnik an der RWTH Aachen. Nach dem Tod des Vaters brach er dieses Studium ab. Von 1953 bis 1954 absolvierte er eine Dolmetscherausbildung in Englisch und Französisch. Anschließend studierte er in der Schweiz und in Freiburg im Breisgau Psychologie, Medizin, Pädagogik und Philosophie. 1960 bestand er die Diplomhauptprüfung für Psychologie.

Schon während des Studiums beteiligte er sich an einem mehrjährigen Feldversuch mit Arbeiterjugendlichen, den er 1959 in seiner ersten Buchveröffentlichung Jugendarbeit in der Industriewelt dokumentierte. Danach arbeitete er in evangelischen Bildungseinrichtungen: zunächst als Jugendbildungsreferent an der Evangelischen Akademie Arnoldshain, von 1962 bis 1965 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studienzentrum Josefstal. Die von ihm mitentwickelte Theorie einer emanzipatorischen Jugendarbeit machte ihn bundesweit bekannt.

Später wechselte Kentler in die Wissenschaft. Er war Assistent von Klaus Mollenhauer an der PH Berlin, dann Abteilungsleiter und von 1967 bis 1974 Abteilungsdirektor für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung am Pädagogischen Zentrum Berlin. 1975 promovierte er in Hannover mit der Dissertation Eltern lernen Sexualerziehung, die als Buch bis in die 1990er Jahre eine Auflage von 30.000 Exemplaren erreichte. 1976 wurde er Hochschullehrer an der Universität Hannover und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung 1996. Privat war Kentler ledig, homosexuell und hatte drei Adoptivsöhne und einen Pflegesohn.

Pädagogisches und sexualpolitisches Wirken

Kentler verband Theorie und Praxis eng miteinander. Aus seiner Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen entwickelte er Vorstellungen einer emanzipatorischen Jugendarbeit. Darunter verstand er eine pädagogische Arbeit, die Jugendliche in Lern- und Emanzipationsprozessen unterstützen sollte. Er betonte Gruppenpädagogik, Teamarbeit und psychosoziale Zusammenhänge. Für die kirchliche Bildungsarbeit der 1960er Jahre galt dies als Neuerung.

Kentler wirkte neben seinen festen beruflichen Aufgaben auch beratend und lehrend in verschiedenen Praxisfeldern. Von 1970 bis 1974 war er im pädagogischen Beirat einer vom Berliner Senat geförderten Wohngemeinschaft für Trebegänger und entlaufene Fürsorgezöglinge am Maxdorfer Steig tätig. Während der Studentenunruhen in Berlin arbeitete er zeitweise als „psychologischer Berater für Polizeifragen“.

Er gehörte zu den Vertretern der Sexualaufklärung der 1960er und 1970er Jahre. Von 1979 bis 1982 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, später Mitglied im Beirat der Humanistischen Union und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Außerdem war er ab 1980 Mitglied im Kuratorium der bis 1983 bestehenden Deutschen Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie und später im Kuratorium der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität, die heute wegen der Verharmlosung von Pädophilie kritisiert wird.

Positionen zu Sexualität und Gutachten

Kentler vertrat Positionen, die heute stark kritisiert werden. Nach seiner Auffassung sollten Eltern ihren Kindern nicht nur keine Hindernisse bei sexuellen Wünschen in den Weg legen, sondern sie aktiv an Sexualität heranführen. Er schrieb, Eltern riskierten sonst, dass Kinder „sexuell unterentwickelt bleiben“ und zu „sexuellen Krüppeln werden“. Er sah frühe Koituserfahrungen als sinnvoll an und betonte den Abbau sexueller Repression, besonders gegenüber Mädchen.

Kentler unterschied sexuelle Kontakte unter Gleichaltrigen oder mit Erwachsenen von sexuellem Missbrauch in einer Weise, die heute als Verharmlosung bewertet wird. Er schrieb, „sexuell befriedigte Kinder“ mit gutem Vertrauensverhältnis zu den Eltern seien vor sexueller Verführung und Angriffen am besten geschützt. Er warnte Eltern auch davor, bei unfreiwilligen sexuellen Kontakten von Kindern mit Erwachsenen sofort zur Polizei zu gehen. In seinem Vorwort zu Zeig mal! von 1974 bewertete er gleichberechtigte und nicht diskriminierte sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern als möglicherweise positiv für die Persönlichkeitsentwicklung.

Als gerichtlicher Sachverständiger in Missbrauchsfällen erklärte Kentler 1997, er sei stolz darauf, dass alle Fälle, in denen er tätig gewesen sei, mit Einstellungen oder Freisprüchen geendet hätten. Er maß sexueller Aktivität von Erwachsenen mit Kindern keinen eigenen Unrechtsgehalt bei, sondern nur der dabei eventuell angewandten Gewalt. Gewalt hielt er bei „echten Pädophilen“ für untypisch. 1999 sprach er von ungefähr 35 Prozessverfahren gegen aus seiner Sicht Unschuldige, die er als Gutachter begleitet habe, und erklärte, päderastische Verhältnisse könnten sich positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Jungen auswirken, besonders wenn der Erwachsene ein Mentor sei.

Kentler-Experiment und Aufarbeitung

Ende der 1960er Jahre brachte Kentler in einem von ihm so genannten „Modellversuch“ mehrere verwahrloste 13- bis 15-jährige Jungen bei ihm bekannten Pädophilen unter. Diese Männer waren bereits wegen sexuellen Missbrauchs und teilweise anderer Delikte vorbestraft. Kentler gab an, die Jungen sollten dort resozialisiert werden und zu reifen Erwachsenen heranwachsen. Ihm war bewusst, dass die Männer wahrscheinlich sexuelle Handlungen mit den Minderjährigen ausüben würden. Der Artikel nennt mehrere damals einschlägige Straftatbestände, darunter § 174 a. F., § 176 a. F. StGB, § 175 und für Kentler selbst Beihilfe sowie § 180 a. F.

Wie lange das sogenannte Experiment lief, ist nicht genau geklärt. Zunächst wurde vermutet, es habe bis in die 1980er Jahre gedauert; neuere Aussagen von Betroffenen berichten, sie seien bis 2003 systematisch manipuliert, missbraucht und vergewaltigt worden. Bekannt wurde auch, dass nicht nur Jugendliche, sondern wesentlich jüngere Kinder betroffen waren. In mindestens zwei Fällen kamen Kinder bereits mit 5 Jahren in pädophile Obhut. 1981 sagte Kentler bei einer FDP-Fraktionsanhörung, die Männer hätten die Jungen nur ausgehalten, weil sie „in sie verliebt, verknallt und vernarrt“ gewesen seien. 1988 bezeichnete er die Ergebnisse des Versuchs in einem Gutachten als „vollen Erfolg“.

2015 wurde der Fall öffentlich stärker diskutiert. Die Berliner Senats-Jugendverwaltung beauftragte Teresa Nentwig von der Universität Göttingen mit der Aufarbeitung. Unklar blieb, wie viele Täter Kentler mit Kindern versorgte. Zunächst berichteten zwei Betroffene anonym als „Marco“ und „Sven“; später meldeten sich weitere Opfer. 2020 stellte die Universität Hildesheim einen Ergebnisbericht zu Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe vor. Darin wurde vermutet, dass Kentler sich der Strafbarkeit seines Handelns bewusst war, weil er erst nach Verjährungsfristen öffentlich Stellung nahm und Hinweise verwischte.

2024 erschien der Hildesheimer Ergebnisbericht Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe – Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Landesjugendamtes. Er beschreibt ein deutschlandweites Netzwerk aus Wissenschaft, Kinder- und Jugendhilfe, Verwaltung und weiteren Bereichen, das pädophile Positionen und sexualisierte Gewalt unterstützt, legitimiert, geduldet, gerechtfertigt oder selbst ausgeübt habe. Genannt werden unter anderem Kentler, Gerold Becker und Herbert E. Colla. Das Netzwerk reichte nach dem Stand 2025 über Göttingen nach Berlin, Tübingen, Lüneburg, Heppenheim (Odenwaldschule) und Hannover. Die Zahl der Betroffenen kann nicht quantifiziert werden, dürfte laut Artikel aber angesichts der Größe des Netzwerks und des langen Zeitraums nicht gering sein.

Öffentliche Bewertung und Untersuchungen

Die Bewertung Kentlers veränderte sich deutlich. Nach seinem Tod 2008 wurde er in einigen Nachrufen noch positiv gewürdigt, etwa als Vertreter einer erlaubenden Sexualmoral oder als wichtiger Impulsgeber für Sexualerziehung und evangelische Jugendarbeit. Die Humanistische Union schrieb in einem Nachruf, Kentler habe die „humanistische Aufgabe einer aufklärerischen Sexualerziehung“ verkörpert. Zugleich gab es schon früher deutliche Kritik: 1993 berichtete die Zeitschrift Emma über seine Unterbringung Jugendlicher bei Päderasten; bei einer Veranstaltung in Hannover wurde Kentler niedergeschrien und von einem Zuhörer geschlagen.

Kritikerinnen und Kritiker wie Ursula Enders, Stephan Hebel und Alice Schwarzer bezeichneten Kentlers Positionen als pädosexuellenfreundlich oder als Verharmlosung von Pädophilie. 1997 wurde nach einem Emma-Artikel verhindert, dass Kentler den Magnus-Hirschfeld-Preis erhielt. 2013 ordnete Adam Soboczynski Kentler kritisch in eine Pädophilieverharmlosung der 1970er Jahre ein; Georg Diez kritisierte diese Darstellung wiederum als unzureichend belegt. Ebenfalls 2013 schrieb der Politikwissenschaftler Franz Walter Kentler eine Schlüsselrolle in deutschen Netzwerken pädophiler Aktivisten zu.

Ab 2015 wurden staatliche und wissenschaftliche Untersuchungen ausgeweitet. Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres nannte das Experiment ein „Verbrechen in staatlicher Verantwortung“. Die Leibniz Universität Hannover kündigte 2018 weitere Untersuchungen zu Kentlers Promotion, Berufung und Wirken an. 2021 beschloss die Jugend- und Familienministerkonferenz, Kentlers Wirken bundesweit aufzuarbeiten. Der Berliner Senat erklärte am 6. Mai 2021, es habe ein Netzwerk gegeben, das pädophile Positionen gestärkt und legitimiert habe; Übergriffe seien nicht nur geduldet, sondern auch arrangiert und gerechtfertigt worden. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern bedauerte 2021 ihren früheren kritiklosen Umgang mit Kentler, und das Studienzentrum Josefstal distanzierte sich deutlich von ihm.

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